Welche Rolle spielt Braille heute?

Cover des Buches über BlindheitBraille spielt heute jenseits von Nischenbereichen in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Vor ein paar Jahren hatte ich noch vermutet, dass Braille in Deutschland mehr oder weniger verschwinden würde.
Der Hauptgrund ist, dass die Zahl der blind geborenen Kinder und der blinden Jugendlichen stetig zurückgeht. Vor allem die Jugendlichen in den Blindenschulen lernen Blindenschrift. Auch junge Erwachsene lernen sie noch, wenden sie aber meiner Erfahrung nach kaum an. Das wiederum hat einen sehr einfachen Grund, jedes zehn Jahre alte Notebook ist weniger sperrig und laut wie eine Punktschriftmaschine. Sogar die alten mechanischen Schreibmaschinen produzieren weniger Lärm als die Blindenschriftmaschinen.
Ältere Blinde lernen die Punktschrift entweder gar nicht oder nur pro Forma. Das ist aus meiner Sicht nachvollziehbar, man braucht einiges an Übung, um Braille flüssig lesen zu können und man muss auch etwas davon haben.

Ohr statt Finger?

Wofür aber brauchen wir Braille, wenn wir kostenlose Sprachausgaben, Hörbücher und iPhones haben? Meiner Ansicht nach ist Braille nach wie vor eine sinnvolle Sache. Erfahrene Leser werden mir zustimmen wenn ich sage, dass man sich auf eine andere Art in ein Buch versetzt wenn man es selber liest – mit den Augen oder den Fingern – als wenn man es hört. Ich höre sicher mehr als 100 Bücher im Jahr, die meisten so trivial, dass es mir peinlich sein sollte. Das ist sehr bequem, weil ich währenddessen auch den Abwasch machen, die Wohnung aufräumen oder meine Schuhe putzen kann. Ein selbst gelesenes Buch hingegen verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Ich kann mir zum Beispiel bei Hörbüchern nie die Namen der Charaktere oder Ortschaften merken, das mag aber auch an meinem fortgeschrittenen Alter liegen. Außerdem kann man mit Braille sehr viel besser die Orthographie selbst geschriebener Texte prüfen als mit der Sprachausgabe. Mir ist öfter aufgefallen, dass Blinde die Schreibweise neuer oder selten eingesetzter Wörter nicht kennen.
Das Problem mit Braille ist für mich persönlich, dass es kaum interessante Bücher gibt und wenn es sie doch gibt haben sie den Umfang der Enzyklopedia Britannica, die leider nicht in meinem Briefkasten passt. Außerdem lese ich so langsam, dass ich vielleicht zwei Bücher im Jahr schaffen würde. Dennoch bin ich sehr dafür, Braille wieder zu beleben, die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht.

Auf dem Weg zu günstigen Braillezeilen

Aktuell dominieren noch die teuren Braillezeilen, die irgendwo bei 5000 Euro anfangen. Es gibt aber diverse Ansätze, günstigere Braille-Displays auf den Markt zu bringen. Einen davon habe ich in einem Artikel über CrowdFunding vorgestellt. Ein Projekt aus Bristol verfolgt ebenfalls das Ziel, ein Braille-Display für 300 Dollar auf den Markt zu bringen. Die meisten Innovationen in diesem Bereich sind nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für Mittelständler unerschwinglich. Vor einiger Zeit ging Hyperraille über die Newsticker, ein großflächiges Braille-Display, das aer, sollte es jemals auf den Markt kommen so viel kosten wird wie ein hochpreisiger Sportwagen. Aber die meisten Innovationen in diesem Bereich erreichen ohnehin nie die Marktreife.
Es ist außerdem sehr positiv zu bewerten, dass kostenlose Screenreader wie Orca, NVDA und VoiceOver mittlerweile eine ganze Reihe von Braillezeilen unterstützen. Windows 8 hat mit dem Narrator mittlerweile auch einen Screenreader integriert, der aber bisher keine Braille-Unterstützung hat. Zumindest die älteren Braillezeilen sind auch was die Kompatiblität angeht eine reine Katastrophe, weil jeder Hersteller sein eigenes Treiber-Süppchen kocht. Auch deshalb sind Braillezeilen mit offener Software ein Muss.
Günstige Screenreader und Displays sind der Schlüssel zu mehr Braille und eröffnen insbesondere Menschen in armen Ländern neue Perspektiven. Dort ist die Blindheit noch wesentlich stärker verbreitet als in Deutschland.
Fehlt nur noch die Bereitschaft, Braille zu lernen. Das muss natürlich jeder für sich entscheiden. Meinerzeit habe ich es wahrscheinlich nur gelernt, weil in meiner Jugend kaum jemand wusste, was ein Personalcomputer war. Die Vorteile habe ich oben schon aufgezählt, Braille macht einen Text buchstäblich haptisch erfassbar. Man kann auch ohne leben, aber was hat man dann als Blinder eigentlich den Sehenden voraus? Die Gehörlosen haben ihre auf der Gebärdensprache basierende Gehörlosenkultur, aber was haben wir eigentlich? Projekte wie Street Art mit Braille zeigen, das in Braille noch sehr viel Potential steckt.