Wie soll ich mit Blinden umgehen?

Cover des Buches über BlindheitSie haben einen Blinden getroffen und sind jetzt wahlweise verwirrt, geschockt, verärgert oder fühlen sich total unwissend? Da zählt nur eines, keine Panik und diese Liste häufig gestellter Fragen durchgehen. Dieser Abschnitt ist zugleich eine Leseprobe aus meinem Buch über Blindheit.
Benötigen Sie professionellen Rat etwa am Arbeitsplatz, für Veranstaltungen, einen Sparingspartner für Fragen, die Sie nicht stellen mögen? Dann sprechen Sie mich gerne an. Ich führe Sensibilisierungsmaßnahmen vor Ort durch. Und glauben Sie mir, es gibt keine Frage, die ich noch nicht gehört hätte oder die mich überraschen würde.

Wie viele Blinde gibt es in Deutschland?

Das weiß leider niemand. Anscheinend werden die Zahlen nicht systematisch erfasst. Die Versorgungsämter dürften es am ehesten wissen. Sie geben die Schwerbehindertenausweise aus, Blinde erhalten dabei ein spezielles Merkzeichen «Bl». Allerdings geben sie die Zahlen nicht heraus. Schätzungen des Blindenverbandes DBSV gehen davon aus, dass es inzwischen 100.000 Blinde in Deutschland gibt. Die absolute Mehrheit von ihnen ist im Alter erblindet.

Wie kann ich Blinden helfen?

Eine typische Anfängerfrage. Die meisten Blinden, denen man so begegnet, benötigen vermutlich keine Hilfe. Wenn sie sich trauen, alleine vor die Türe zu gehen, werden sie den Rest wohl auch hinbekommen. Meistens kann man relativ gut erkennen, ob jemand Unterstützung braucht oder nicht. Hilfe sollte nur angeboten werden, wenn sie offensichtlich benötigt wird. Die meisten Helfer meinen es zwar gut; allerdings offenbaren unangebrachte Hilfsangebote die Ansicht des Helfers, ein Blinder könne nicht alleine zurechtkommen.

Wie helfe ich Blinden auf der Straße?

Diese Frage ist wesentlich einfacher zu beantworten. Blinde haben normalerweise gelernt, um Hilfe zu bitten, wenn sie sie brauchen. Ansonsten versucht einfach durch Beobachtung herauszufinden, ob die Person Hilfe benötigen könnte.
In keinem Fall sollte der Blinde ungefragt angefasst werden, es sei denn, es besteht eine konkrete Gefahr, wenn er zum Beispiel auf die Straße oder in eine Baustelle läuft.
Ein Blinder sollte von vorne oder von der Seite angesprochen werden. Die meisten Blinden konzentrieren sich auf den Weg und fühlen sich nicht angesprochen, wenn die Stimme irgendwoher kommt und etwas Unverständliches ruft. Frag ihn, ob du ihm helfen kannst und wenn ja, was du am besten tun kannst. Die meisten Leute werden einen bestimmten Ort suchen. Falls du zufällig in die gleiche Richtung gehst, kannst du ihn mitnehmen, ansonsten ist eine möglichst präzise Wegbeschreibung hilfreich. Wenn der Weg länger oder komplizierter ist, wird er ohnehin noch einmal nachfragen müssen, deshalb ist es nicht schlimm, wenn deine Beschreibung nicht umfassend ausfällt; Hauptsache, er kommt seinem Ziel näher.

Wie gehe ich als Fahrrad- oder Autofahrer mit Blinden um?

In der Regel kommen Blinde auf der Straße gut zurecht, ansonsten würden sie gar nicht vor die Türe gehen. Dennoch kann es immer zu komplizierten Situationen kommen, wenn es zum Beispiel keinen geregelten Fußgänger-Überweg gibt. Blinde können eure Gesten nicht sehen, auf solche Signale könnt ihr also verzichten. Manche Blinde verwenden aber selbst Gesten wie das «Weiterwinken», in diesem Fall solltet ihr einfach weiterfahren.
Normalerweise sind sich Blinde der Gefahren des Straßenverkehrs bewusst. Wenn sie am Straßenrand stehen, warten sie vermutlich auf eine ruhige Phase und werden nicht einfach so losrennen. Ihr braucht in diesem Fall nicht stehen zu bleiben, denn der Blinde kann nicht wissen, ob ihr ihn vorbei lassen wollt oder ob ihr nur mit eurem Handy herumspielt. Zudem kriegt er durch das Motorengeräusch nicht mit, was auf der Gegenfahrbahn los ist und weiß deshalb nicht, ob er sicher queren kann. Fahrt also einfach weiter. Wenn er sich in einer konkreten Gefahrensituation befindet, zum Beispiel ohne Grund auf die Straße läuft, solltet ihr ihn anhupen oder anklingeln. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte er angesprochen werden, da er vermutlich nicht einschätzen kann, wo das Problem liegt.

Soll ich Blinden in Bus und Bahn helfen?

Die Frage ist im Grunde schon beantwortet: Wenn sie offensichtlich zurechtkommen, also den Eingang zum Bus oder zur Bahn finden oder sich an eine ungefährliche Stelle hinstellen, benötigen sie offensichtlich keine Hilfe. Bei Stolperfallen wie abgestellten Taschen solltet ihr sie warnen.
Wenn der Blinde offensichtlich nach einem freien Platz sucht, ist es ein Gebot der Höflichkeit, ihn dabei zu unterstützen und auf solche Plätze hinzuweisen. Wenn er aber nicht gerade offensichtlich gehbehindert ist, braucht man ihm nicht den eigenen Platz anzubieten.

Ist Blindheit heilbar?

Die Antwort ist ein klares Jein. Die Zahl der Augenkrankheiten ist so vielfältig, dass sich keine eindeutige Aussage treffen lässt.
Einige Augenkrankheiten lassen sich therapieren oder eindämmen. Viele Krankheiten wie RP oder das Usher-Syndrom gelten aktuell als nicht heilbar. Das Problem besteht auch darin, welcher Teil des Sehapparates tatsächlich erkrankt ist. Das Auge selbst kann betroffen sein, der Sehnerv oder das Sehzentrum im Gehirn können beschädigt sein. Generell sind Krankheiten umso besser therapierbar, je früher sie erkannt werden.
Wer also einen Artikel mit Titeln wie «XY macht Blinde wieder sehend», wobei XY wahlweise für Seh-Chip, Stammzellen oder Wunderheiler stehen kann, darf diesen Artikel getrost ignorieren. Wissenschaftler, Journalisten und PR-Abteilungen sind sehr flexibel bei der Darstellung von Fakten. Mag sein, dass ein Therapie-Ansatz bei Ratten erfolgreich war. Mag sein, dass ein Chip bei einer bestimmten Schädigung hilfreich sein kann. Mag sein, dass es in zehn Jahren oder auch nie einen praxistauglichen Ansatz für den Menschen geben wird. Aber eurem Bekannten wird es wahrscheinlich nicht helfen, weil er eine vollkommen andere Erkrankung hat. Es geht nicht darum, die Forschung zu verteufeln, es geht darum, keine falsche Hoffnung bei Betroffenen zu wecken.
Nach heutigem Kenntnisstand ist es nicht möglich, einen blind geborenen Menschen im Erwachsenenalter wieder sehend zu machen. Kinder lernen nach und nach, einzelne Objekte, Bewegungen oder Farben zu erkennen und zu unterscheiden. Auch wenn es gelingen würde, das Sehzentrum Vollblinder zu stimulieren, ihr Gehirn wird bestenfalls verschwommene Eindrücke erhalten und nicht in der Lage sein, Details zu unterscheiden geschweige denn, wie ein schon immer Sehender zu sehen.
Nebenbei bemerkt haben die meisten Augenärzte so gut wie keine Erfahrung mit den typischen Augenkrankheiten blinder Menschen. Das liegt einfach daran, dass es relativ wenige Blinde gibt. Der Alltag eines Augenarztes wird von Augenverletzungen, Grauem Star oder alterstypischen Augenerkrankungen bestimmt. Leider haben viele Ärzte auch nicht genug Vernunft, den Patienten weiterzuleiten. Wenn ihr also den Eindruck habt, euer Augenarzt sei überfordert, begebt euch in eine spezialisierte Augenklinik.

Wie kann man gerade Erblindeten helfen?

Nehmen wir an, einer eurer Angehörigen ist erblindet und hat sich in seinem Heim verkrochen. Zunächst sollte man ihm die Gelegenheit geben, mit dem Schock fertig zu werden. Denn egal, was ich alles über die Leistungen Blinder geschrieben habe, die Erblindung ist für die Betroffenen eine schmerzhafte Erfahrung, die erst einmal verarbeitet werden muss. Wenn diese Phase vorbei ist, sollte man der Person nahe legen, sobald wie möglich, ein Orientierungs- und Mobilitätstraining zu beginnen. Das ist der erste Schritt, um einen Teil der Selbstständigkeit wieder zu gewinnen.
Außerdem ist es immer hilfreich, sich mit anderen Menschen in ähnlichen Situationen auszutauschen. Vielerorts gibt es Stammtische oder Sportvereine von Selbsthilfegruppen, in denen man sich austauschen oder wieder aktiv werden kann. Die Rolle von sozialen Kontakten für die Psyche wird leider noch vielfach unterschätzt.
Auch die lebenspraktischen Fertigkeiten sollten nicht vernachlässigt werden. Es kann durchaus sein, dass sich Betroffene nicht vor die Türe trauen, weil sie sich nicht sicher sind, ob sie sich richtig rasiert haben oder korrekt geschminkt sind. Solche Eitelkeiten kann man den Menschen leider nicht rausoperieren. Je mehr und je schneller Betroffene wieder Kontrolle über ihr Leben gewinnen, umso besser wird es ihnen gehen.

Sollte man Blinde einfach so ansprechen?

Warum nicht? Wenn euch etwas interessiert, dann fragt einfach den Blinden, den ihr regelmäßig beim Einkaufen oder in der Bahn seht.
Blinde sind so individuell wie Sehende und unter ihnen gibt es Viele, die gerne Auskunft geben. Andere haben keine Lust, über dieses oder ein anderes Thema mit euch zu reden. Und natürlich kann es sein, dass derjenige gerade keine Zeit hat, weil er zur Arbeit muss. Dann sollte man nicht beleidigt sein und es einfach ein anderes Mal oder mit einer anderen Person ausprobieren.
Blinde können keinen Augenkontakt herstellen und sehen auch nicht, wenn Andere versuchen, nonverbal mit ihnen in Kontakt zu treten. Für Blinde sind Veranstaltungen sehr schwierig, um neue Menschen kennenzulernen. Die einfachste Möglichkeit besteht tatsächlich darin, jemanden einfach anzusprechen. Blindheit und Schüchternheit passen nicht gut zusammen. Blinde müssen ihrerseits bereit sein, Fremde einfach anzusprechen und mit einer eventuellen Zurückweisung zurechtzukommen.

Sollte man Blinde grüßen?

Nein, Höflichkeit kostet Zeit und die sollte man nicht an Leute verschwenden, die Einen sowieso nicht erkennen. Okay, das war ironisch gemeint.

Darf ich «siehst du das» und Ähnliches zu Blinden sagen?

Prinzipiell darf man alles zu Blinden sagen. Das Wort «sehen» ist im Übrigen oft metaphorisch gemeint im Sinne von «verstehen». Es gibt keinen Grund, den Gebrauch solcher Begriffe Blinden gegenüber zu vermeiden. Bevor man einen Zungenkrampf bekommt, sollte man lieber riskieren, jemandem auf den Schlips zu treten. Nervig sind bestenfalls Aussagen wie «Ich kenne mich mit Blindheit aus, mein Cousin dritten Grades sieht nur 70 Prozent auf einem Auge». Aber auch hier wird der Blinde nur seine inneren Augen verdrehen und dir nicht gleich in den Arm beißen.

Leben Blinde in ständiger Dunkelheit?

Jein. Dunkelheit kann es nur geben, wo es Helligkeit gibt. Tatsächlich wird Blindheit teils sehr unterschiedlich wahrgenommen. Meines Wissens gibt es keine systematischen Untersuchungen dazu, wie Vollblinde ihre Blindheit erleben. Ein wenig scheint es auch von dem Teil des Sehapparats abzuhängen, der geschädigt ist.
Der Psychologe Zoltán Törey berichtet, dass er sich die Dinge tatsächlich visuell vorstellt. Er könne schriftliche Divisionen im Kopf vornehmen, wobei er sich die einzelnen Schritte wie auf einer imaginären Tafel aufmalt. Jacques Lusseyran erzählt, er habe kurz nach seiner Erblindung ein Licht wahrgenommen, dass ihn fortan immer begleitet hätte. Der Theologie-Professor John Hull spricht von einer «tiefen Blindheit», er habe die Erinnerung an das Sehen komplett eingebüßt.

Können Blinde in ihren Träumen sehen?

Auch bei den Träumen finden wir den Unterschied zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten. Geburts-Blinde haben keine visuellen Erinnerungen und können auch in ihren Träumen nicht sehen. Spät-Erblindete sehen manchmal in ihren Träumen und manchmal auch nicht.
Dabei spielt die Sehbehinderung in den Träumen oft keine Rolle. Man läuft nicht gegen den Laternenpfahl oder bleibt mit dem Fuß an einem Gegenstand hängen. Das liegt natürlich daran, dass die Welt in den Träumen vollständig vom Gehirn erzeugt wird. Man kann also Dinge erkennen, von denen man weiß, dass sie auch in Wirklichkeit existieren, die man selbst aber außerhalb der Traumwelt nicht mehr sehen könnte. Ansonsten unterscheiden sich die Träume Blinder kaum von denen Sehender. Mein Lieblingstraum ist, wie ich mit einem Auto durch die Gegend fahre, etwas, was ich nie in meinem Leben gemacht habe. Ich baue übrigens meistens einen Unfall.

Ist der Blinde da echt, der trägt weder Armbinde noch Sonnenbrille?

Der stilechte Blinde muss natürlich mit Sonnenbrille und gelber Armbinde mit drei schwarzen Punkten ausstaffiert sein. Außerdem sollte er permanent mit dem Kopf nicken oder einen anderen Tick haben….
Die Sonnenbrille ist für einige Blinde ein modisches Accessoire. Man sollte nicht denken, dass Blinde kein Interesse an ihrem Äußeren haben, nur weil sie sich selbst nicht sehen können.
Oft hat die Sonnenbrille aber auch einen praktischen Nutzen. Sie kann zum Beispiel Verletzungen durch herabhängende Äste oder Ähnliches verhindern. Falls die Augen durch eine Erkrankung oder Operation geschädigt sind, verbirgt die Brille auch diese Schädigungen, die andere Menschen abschrecken könnten. Eine Sonnenbrille verbirgt aber auch, wo man gerade hinguckt, so fällt es nicht auf, dass der Blinde keinen direkten Augenkontakt herstellt.
Die gelben Armbinden oder Buttons mit den drei schwarzen Punkten sind heute vor allem unter jungen Blinden nicht mehr angesagt. Klappt man den Stock zusammen und steckt ihn weg, wird man für diese Zeit zum Nicht-Behinderten. Eine Binde bietet nur wenige Vorteile und wird heute eher als stigmatisierend empfunden. Tatsächlich werden die Armbinden und Buttons heute kaum noch als Symbol für Blindheit erkannt.
Einige Blinde verzichten sogar auf den Blindenstock. Das geht tatsächlich, wenn ihre Sehstärke noch gut genug ist, um sich zu orientieren und alltägliche Dinge zu erledigen. Viele von ihnen empfinden den Stock als stigmatisierend. Ob es klug ist, auf ein solches Hilfsmittel und die Kennzeichnung im Straßenverkehr zu verzichten, steht auf einem anderen Blatt.

Warum haben Blinde Ticks? Und warum schauen sie so grimmig?

Den Tick mit den unwillkürlichen Bewegungen gibt es tatsächlich bei einigen Blinden. Es gibt verschiedene Theorien dazu, wie dieser Tick zustande kommt. Er kann zum Beispiel auf Bewegungsmangel beruhen. Wenn das Kind in einem überbehüteten Haushalt aufgewachsen ist und sich kaum bewegen konnte, könnte ein solcher Tick entstehen. Normalerweise sollten die Eltern eingreifen, tun es aber häufig aus unangebrachter Rücksichtnahme nicht.
Eine zweite mögliche Ursache ist der Mangel an visueller Selbstkontrolle. Der Mensch passt sich mehr oder weniger unwillkürlich an das Verhalten anderer Menschen an. Wenn mir jemand zulächelt, lächele ich zurück. Wenn ich mich irgendwie seltsam verhalte, spiegelt sich das im Verhalten meines Gegenübers wieder. Außerdem kontrolliere ich natürlich auch selbst mein Verhalten im Spiegel. So entsteht eine permanente Selbstkontrolle, die bei Blinden nicht so stark ausgeprägt ist. Aus dem gleichen Grund sprechen schwerhörige Menschen oft viel zu laut, sie nehmen weder ihre eigene Stimme richtig war noch, dass die Anderen viel leiser sprechen als sie selber.
Deshalb stellen auch viele, vor allem blind geborene Menschen keinen Blickkontakt mit anderen Menschen her. Für sie selbst bringt der Blickkontakt keinen Vorteil, aber sie merken auch nicht, dass sie ihr Gegenüber damit verunsichern. Spät Erblindete schauen intuitiv ihren Gesprächspartner an, da der Blickkontakt mit der Mutter das Erste ist, was ein sehendes Kind lernt.
Aus dem gleichen Grund wirken viele Blinde oft grimmig oder unbeteiligt. Die Feinheiten der Mimik sowie ein neutraler Gesichtsausdruck fallen ihnen schwer. Hinzu kommt, dass sie tatsächlich oft unter Stress stehen oder sich konzentrieren müssen. Sie müssen sich zum Beispiel im Gewusel eines Marktes zurechtfinden oder eine bestimmte Durchsage am Bahnhof hören.

Wie kann ich Blinde kennenlernen?

Wer Blinde treffen will, kann zu einem der Stammtische gehen, die in jeder größeren Stadt von den Blindenvereinen veranstaltet werden. Die Leute dort freuen sich über neue Gesichter und haben meistens auch kein Problem mit seltsamen Fragen.
In einigen Städten gibt es auch sogenannte Dunkel-Cafés, in denen auch Blinde als Kellner arbeiten.
Für den, dem all das nicht zur Verfügung steht, gibt es Online-Foren, Facebook-Gruppen und Mailinglisten, in denen man wesentlich einfacher seine Fragen loswerden kann.

Wie kann ich Blinde unterstützen?

Auch dabei ist es von Vorteil, einen blinden Berater zur Seite zu haben. Der kann dir verraten, was man alles falsch machen kann, wenn Blinde anwesend sind.
Unsere Anforderungen sind gar nicht so kompliziert. Die meisten Blinden mögen keine PowerPoint-Akrobatik, die als Vortrag getarnt wurde. Dieses «Hier sehen Sie …» und «da sehen Sie…» ist nicht nur schlechter Vortragsstil: Entweder man sieht es oder man sieht es nicht, in beiden Fällen weiß man es und braucht es nicht gesagt zu bekommen. Dies zeugt auch von der Faulheit oder dem mangelnden Vortragsgeschick des Referenten. Blinden ist ein mündlicher Vortrag am liebsten, bei dem ist es auch nicht so wichtig, ob er von Folien oder Präsentationen begleitet wird oder nicht.

Kann ich ähnliche Fähigkeiten wie Blinde entwickeln?

Viele Dinge, die wir tagtäglich machen, können wir auch problemlos als Blinde erledigen. Als ich auf einer elektromechanischen Schreibmaschine tippen gelernt habe, hat uns die Lehrerin bis zum Erbrechen beigebracht, dass wir nicht auf die Tastatur schauen sollten. Das ist natürlich sinnvoll, aber es spielte für mich keine Rolle, da ich aus dieser Entfernung die Buchstaben ohnehin nicht hätte lesen können. Richtig ist aber, dass man nur ohne Hinsehen flüssig und nebenbei auch blind tippen lernt.
Das gilt aber auch für viele andere Bereiche. Musiker können ihr Instrument auch im Dunkeln spielen, wenn sie die Noten auswendig können. Ein Koch kann sein Gemüse auch mühelos mit geschlossenen Augen zurechtschneiden, ein Automechaniker erkennt oft schon am Geräusch des fahrenden Autos, wo das Problem liegen könnte.
Tatsächlich merken wir erst, wenn wir unsere Sinne zeitweise ausschalten, wie stark wir sie im Alltag verwenden. So erzählte ein Mann, wie er Schwerhörigkeit mit Ohrstöpseln simuliert hat. Erst bei diesem Versuch verstand er, welch wichtige Rolle das Gehör etwa im Autoverkehr spielt. Wenn man den Leuten zeitweise die Nase zuhält merken sie, dass der Geruchssinn die entscheidende Rolle für den Geschmack spielt, während die Zunge nur sehr grob die Geschmäcker und Aromen unterscheiden kann.

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