Warum Blinde gerne lesen

Cover des Buches über BlindheitDie einen mögen Krimis, die anderen Thriller und wieder andere verschlingen Liebesromane. Aber: Praktisch alle Blinden lesen gerne Bücher.

Auch Sehende lesen natürlich gerne Bücher, aber für Blinde haben Bücher eine ganz besondere Bedeutung. Sie vermitteln uns eine Welt, die uns ansonsten verborgen bleibt.

Fernsehen und Radio haben ihre je eigenen Stärken, aber es gibt kein unmittelbareres Medium als Text. Schriftsteller beherrschen die Kunst, Umgebungen, Menschen oder Gegenstände zu beschreiben und dennoch der Phantasie viel Raum zu lassen, weil sie nur mit Worten arbeiten.

Ich kann einen Freund bitten, mir einen Ort zu beschreiben. Meistens wird er etwas im Sinne von „großer See, grüne Wiesen und graue Berge“ sagen. Das ist zwar nicht falsch, hilft mir aber nicht weiter. Er beschreibt, was er sieht, aber die Stimmung der Landschaft kann er selten einfangen.

Ich kann barfuß durch den Sand gehen, die Geräusche auf mich wirken lassen, die Gerüche aufnehmen und mit den Einheimischen sprechen. Das ist sicher alles wichtig, aber für mich war es auch immer spannend, auch zu verstehen, was die Sehenden wahrnehmen. Das sind nicht nur einzelne Farben oder Formen, die Wirkung entsteht erst aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren und das wird von Schriftstellern am eindrücklichsten eingefangen.

Gelungene Landschaftsbeschreibungen findet man in vielen Büchern überall auf der Welt. Die große Tradition haben die britischen Krimi-Autoren. Artur Conan Doyle beschreibt in seinem „Hund von Baskerville“ die Landschaft von Dartmoore so anschaulich, dass man sich fast an der Seite von Sherlock Holmes fühlt.

Das gilt aber nicht nur für Landschaften. Für einen Blinden ist es zum Beispiel praktisch nicht möglich, die Mimik einer Person zu erkennen. Es gibt tausend Stimmungen eines Menschen, die sich in seiner Körperhaltung, seinem Gesichtsausdruck und seiner Stimme ausdrücken. Dem Blinden bleibt aber oft nur die Stimme als einziger Hinweis darauf, wie ein Mensch ist oder wie er sich gerade fühlt.

Vor den Büchern sind wir alle gleich: Blinde und Sehende müssen die gleiche Vorstellungskraft aufwenden, um einen Text zu durchdringen. Deswegen ist es auch am einfachsten, sich mit Sehenden über Bücher auszutauschen, während den Blinden bei Filmen oder Theaterstücken immer eine wichtige Perspektive fehlt.

Wo kommen die Bücher her?

Aber wo kriegen Blinde eigentlich ihren Lesestoff her? In Deutschland gibt es einige spezielle Bibliotheken für Blinde und Sehbehinderte – die Hörbüchereien. Dort werden Bücher auf CD aufgelesen und an Sehgeschädigte ausgeliehen. Einige Bibliotheken bieten auch Bücher in Blindenschrift an. Weil die Produktion und der Versand der Bücher aber sehr aufwändig ist, werden nur wenige Bücher in Braille angeboten.

Leider gibt es nur einen Bruchteil der verfügbaren Literatur in blindengerechten Fassungen. Die Blinden-Hörbüchereien bieten zwischen 50.000 und 60.000 Titel an. Zum Vergleich: aktuell erscheinen jedes Jahr rund 100.000 Bücher auf dem deutschen Markt.

Auch der Trend zu digitalen Büchern hat sich für Blinde noch nicht so positiv ausgewirkt. Sowohl die Lesegeräte als auch die Software sind kompliziert zu bedienen und oft auch nicht Barrierefrei benutzbar.

Inzwischen haben sich eine Reihe von Selbsthilfe-Plattformen herausgebildet. Der Blinden- und Sehbehindertenverband DVBS hat 2012 die Plattform e-dig gestartet. Sehgeschädigte können über die Webseite nach barrierefreier Literatur suchen oder sich gegenseitig Texte zur Verfügung stellen. Die Entwicklung der Plattform wurde von der Aktion Mensch unterstützt.

Auf der internationalen Plattform Bookshare können Menschen mit Behinderung hauptsächlich englischsprachige Titel herunterladen. Aktuell stehen über 160.000 Bücher in unterschiedlichen Formaten zum download bereit. Leider sind die meisten Bücher – vermutlich aus urheberrechtlichen Gründen – nur für US-Amerikaner zugänglich.

Nicht nur Blinde, sondern auch Menschen, die schlecht lesen oder wegen motorischer Einschränkungen schlecht Bücher lesen können hoffen darauf, dass das Urheberrecht gelockert oder zumindest elektronische Bücher leichter zugänglich werden.

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