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So war er für mich – der Hakathon neue Nähe

Hacker, sind das nicht schlecht frisierte Typen, die in kryptischen Begriffen über Dinge reden, die kein Außenstehender versteht? Und überhaupt, was soll ein Typ wie ich, der gerade mal HTML kann auf einem Hackathon? Würde ich überhaupt irgend etwas verstehen oder die ganze Zeit nutzlos in der Ecke hocken? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich gefragt wurde, ob ich am Hackathon neue Nähe von Aktion Mensch und Microsoft teilnehmen möchte. Er fand am wochenende 25.11.-27.11. in der Berliner Zentrale von Microsoft statt.
Nun, ich wurde überrascht und doch wurden meine Erwartungen enttäuscht. Technisch waren vor allem die Lightning Talks. Bei denen bin ich nach ca. zehn Sekunden geistig abgehängt worden. Enttäuscht wurde meine Erwartung, dass Hacker vor allem Hackanesisch sprechen würde. Ein paar Worte habe ich sogaar verstanden.

Zeigt her eure Probleme

Es gab viele interessante Gespräche. Behinderte Menschen haben viele Probleme. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Und Hacker sind die geborenen Problemlöser. Du erzählst ihnen etwas und du siehst ihnen zu, wie sie schon während des Gesprächs nach Möglichkeiten suchen, wie sich das Problem lösen lässt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele interessierte Fragen zum Thema Blindheit beantwortet zu haben. Auch wenn das manchmal anstrengend ist, hat es aber auch Spaß gemacht.
Besonders beeindruckt hat mich Gregor Bisswanger. Sein Bruder Werner hat nach einer Hirnhautentzündung im jungen Alter starke motorische und kommunikative Einschränkungen. Gregor hat eine Möglichkeit entwickelt, dank der Werner selbständig kommunizieren kann. Und diese Lösung steht allen Menschen zur Verfügung, die ähnliche Probleme wie Werner haben.

Ich persönlich habe eine Anwendung zur Indoor-Navigation für Blinde unterstützt. Es ging darum, dass Blinde Menschen zum Beispiel ein bestimmtes Café finden, über dieses Café spezifische Informationen abrufen und sich dort autonom orientieren können.
Eine weitere geniale Idee besteht darin, akustische Informationen für Gehörlose in bestimmte Vibrationsmuster umzusetzen. Wenn es zum Beispiel an der Tür klingelt, soll das Armband, dass der Gehörlose trägt ihn durch ein bestimmtes Vibrieren darauf aufmerksam machen.
Nun will ich nicht alle Ideen vorstellen, die dort bearbeitet wurden. Ich möchte nur sagen: Liebe Hacker, Hut ab vor eurem Engagement. Nächtelang unentgeltlich an Lösungen zu arbeiten – das ist gelebtes Engagement. Es war mir eine Ehre, dabei gewesen zu sein und zumindest ein kleines Mosaiksteinchen auf dem Weg zu guten Lösungen gewesen zu sein.

Mangelware Behinderte

Wie immer bei mir gehts nicht ohne Seitenhieb auf die Behinderten-Szene: Ein wenig schade fand ich, dass sich kaum behinderte Programmierer haben blicken lassen. Berlin dürfte voller solcher Personen sein. Sie hatten aber anscheinend Besseres zu tun als dabei zu helfen, ihre eigenen Probleme zu lösen. Ich habe es kräftig in meinem Netzwerk gestreut und lauter Ausreden bekommen, warum es nicht geht.
Das muss natürlich jeder selbst entscheiden. Aber auch beim Thema digitale Barrierefreiheit habe ich den Eindruck, dass behinderte Menschen vor allem gut darin sind, Forderungen an Andere zu stellen. Wenn es darum geht, die Probleme im Detail zu beschreiben – wir sprechen gar nicht von Lösungsstrategien – dann hört man auf einmal nichts mehr. Das entspricht leider nicht meinem Verständnis von Inklusion. Inklusion heißt auch Geben und nicht nur Nehmen. Offenbar hat man sich zu sehr daran gewöhnt, dass Andere die eigenen Probleme lösen.

Alles Scheiße – wie das ZDF blinde Menschen diskriminiert

Dass Hundekot ein Politikum sein kann, ist wohl nicht neu. Doch im ZDF glaubt man, daraus eine große Story machen zu können. Ganz nebenbei schadet man damit der Inklusion blinder Menschen.

David hat nicht immer recht

Bei so einer Story läuft jedem Journalisten das Wasser im Mund zusammen: Auf der einen Seite die hilflose blinde Frau, auf der anderen Seite die böse Mega-Behörde, welche die blinde Person diskriminiert. Und dann auch noch wegen so einem banalen Thema wie Hundekot.
Nun ist zunächst nahe liegend, dass blinde Menschen keinen Hundekot wegräumen können. Das ist aber durchaus falsch: In der Regel soll der Hund sein Geschäft an Orten verrichten, wo das kein Problem ist, etwa im Wald. Ein Hund, der auf den Bürgersteig macht, ist entweder schlecht erzogen oder krank.
Nun mag es selten vorkommen, dass der Hund einfach irgendwo hin macht und der Blinde das nicht merkt. In diesem Fall ist das aber anders: Die junge Dame ist durchaus angesprochen und darauf hingewiesen worden. Sie weiß also, dass der Hund dahin gemacht hat und weigert sich, das wegzumachen. Das ZDF hat sich also an der Nase herumführen lassen.
Andere Besitzer von Blindenhunden haben durchaus kein Problem damit, Hundekot zu beseitigen. Sie können sich den Kot vom Hund zeigen lassen, ihre Nase, Einweghandschuhe und weitere Hilfsmittel verwenden.
Als Blinder ärgere ich mich regelmäßig darüber, dass ich in Hundekot trete. Er ist nicht nur ein hygienisches, sondern auch ein gesundheitliches Problem. Hundekot kann Schädlinge enthalten, die auch für Menschen krankheitserregend sind.
Es sollten nur die Menschen befreit sein, die wegen körperlicher oder psychischer Erkrankungen nicht in der Lage sind, den Kot aufzuheben. Blinde gehören eindeutig nicht dazu.

Was soll der Scheiß?

Nun kann man die Story als den üblichen Junk in der Boulevard-Berichterstattung abtun. Allerdings hat das ZDF der Blindenbewegung erheblichen Schaden zugefügt. Für den Blinden ist die Rolle des Opfers attraktiv, aber was ist die Kehrseite?

  • Blindenhunde sind offensichtlich schlecht erzogen, wenn sie irgendwo in die Landschaft machen.
  • Blinde sind nicht in der Lage, hinter sich sauber zu machen.
  • Blinde sind nicht in der Lage, sich selbst um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Da muss schon das ZDF vorbei kommen, um sie vor der böswilligen Behörde zu retten.

Nun mag der Zuschauer Mitleid mit dieser Dame haben. Aber auf Mitleid lässt sich keine gleichberechtigte Beziehung aufbauen. Tatsächlich ist das Mitleid und der mangelnde Glaube an die Fähigkeiten Blinder der Grund dafür, dass Blinde kaum Jobs oder Wohnungen auf dem freien Markt finden. Oder würden Sie jemanden auf Ihre Kunden bzw. Kollegen loslassen, der nicht hinter sich sauber machen kann? Möchten Sie so jemandem eine Wohnung vermieten? Möchten Sie ihn als Kollegen haben?
Wenn mehr Blinde beim ZDF beschäftigt wären, wäre so eine Story hoffentlich nicht erschienen. In meinen Augen ist es nicht die Behörde, die hier diskriminiert hat, es sind die Sendungs-Verantwortlichen. Sie haben offensichtlich keine Ahnung und eine sehr geringe Meinung von den Fähigkeiten blinder Menschen. Mit ihrer Sendung haben sie kein gutes Werk getan, im Gegenteil. Sie haben der Grundgesamtheit der Blinden geschadet.

Warum wir Braille brauchen

Vor kurzem las ich folgende Info in einer Blinden-Mailingliste: Eine Blindeneinrichtung beschloss vor einigen Wochen, dass sie ihre Blindenbücherei nicht mehr benötigte. Die Schüler hatten zwei Wochen Zeit, sich noch Bücher zu sichern. Der Rest ist auf den Müll gewandert. Insgesamt ist dem Vernehmen nach das Braille-Wesen auf dem absteigenden Ast. Es werden immer weniger Braillebücher ausgeliehen. Das lässt zwei Interpretationen zu:

  • Blinde sind gut mit Braillezeilen ausgestattet und ziehen das elektronische Lesen vor. Immerhin ist die Zahl der eBooks sprunghaft gestiegen.
  • Blinde lesen gar kein Braille mehr, sondern ziehen Hörbücher und vom Screenreader vorgelesene Bücher vor.

Ich fürchte leider, dass Letzteres zutrifft.

Erinnerungen in sechs Punkten

Ich selbst habe Braille in der Kindheit gelernt – kurioserweise an einer Sehbehindertenschule. Ich habe es dann fast 20 Jahre nicht mehr eingesetzt. Vor ein paar Jahren habe ich dann beschlossen, mich wieder intensiv damit zu beschäftigen. Vieles ist am Computer mit Braille einfacher zu erledigen: Korrektur lesen, Code lesen und die Schreibweise unbekannter Wörter erkennen zum Beispiel. Ich kaufte mir also eine gebrauchte Braillezeile und fing an zu lesen. Es war ziemlich mühsam. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr anfangt, Texte in einer fremden Sprache zu lesen. Ich war so langsam, dass ich nur mechanisch gelesen und kaum kognitiv verarbeitet habe. Die Kurzschrift-Zeichen waren mir großteils entfallen. Außerdem habe ich mir nicht die nötige Zeit genommen. Zwei-drei Stunden am Wochenende waren nicht genug.
Dann entdeckte ich auf der Pinwand jemanden, der alte Braillebücher verschenkt hat. Kurzerhand ließ ich mir die Bücher liefern: 9 Bände in drei großen Kartons.
Mein Vorhaben war, die Bücher unterwegs zu lesen. Ich bin ja viel mit Bus und Bahn unterwegs und habe da reichlich Zeit, was Sinnvolleres als Handygepatsche zu machen. Heute kann ich sagen – nach gut drei Jahren – dass ich relativ flüssig lesen kann. Das heißt, ich kann den Sinn erfassen und nicht nur die Zeichen. Im Vergleich mit einem geübten Leser könnte ich nicht ansatzweise mithalten, aber darum geht es mir nicht. Was ich begriffen habe: Man braucht reichlich Routine, um flüssig lesen zu können.

Braille wird wichtiger

Ich hatte auf Facebook eine kleine Diskussion darüber angezettelt, ob man als Vollblinder ohne Braille überhaupt vernünftig schreiben kann. Ich weiß zum Beispiel bei vielen neumodischen Wörtern nicht, wie sie geschrieben werden. Sie werden ja von der Sprachausgabe vorgelesen. Die Kommasetzung in der neuen Rechtschreibung ist mir ein Rätsel, weil ich seit der Reform kaum noch Schwarzschrift-Texte gelesen habe.
In der besagten Diskussion erhielt ich überwiegend Zustimmung, aber auch ein paar ablehnende Stimmen. Viele meinen, dass sie auch ohne Braille gut schreiben könnten. Ich bleibe aber bei meiner Aussage. Trotz der Digitalisierung – oder gerade deswegen – ist Braille wichtig. Es reicht nicht aus, die Zeichen zu kennen, man muss flüssig lesen können. Und das funktioniert nur, wenn man regelmäßig liest. Außerdem denke ich nach wie vor, dass man zu selbst gelesenen Texten ein anderes Verhältnis hat als zu Hörbüchern oder vom Screenreader gelesenen Büchern. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass jemand, der mit 50 erblindet ist kein guter Braille-Leser werden wird und es gar nicht lernen möchte. Für die jung Erblindeten gilt das aber nicht. Es gibt kaum noch einen Beruf, in dem man nicht gut lesen und schreiben können muss. Es mag sein, dass man 90 Prozent seiner Aufgaben mit der Sprachausgabe erledigen kann. Aber manchmal kommt es genau auf die restlichen 10 Prozent an.

Die zehn Regeln für einfache Sprache

Nach meinem letzten Artikel zur einfachen Sprache wurde ich gebeten, dass Ganze mal auf meine Top-Ten-Regeln einzudampfen. Was ich hiermit gerne tue.
1. Orientieren Sie sich immer an der Sprache Ihrer Leser.
Überlegen Sie, welche Sprache Ihre Leser verstehen. Das ist Ihr Maßstab. Sie müssen nicht die Sprache Ihrer Leser sprechen oder schreiben. Sie müssen so schreiben, dass Ihre Leser Sie verstehen. Das ist ein großer Unterschied.
2. Vermeiden Sie wenig bekannte Wörter oder erklären Sie diese.
Manchmal können Sie es nicht vermeiden, ein unbekanntes Wort zu verwenden. Erklären Sie es in diesem Fall, wenn Sie es das erste Mal verwenden. Auf einer Website oder in einer Broschüre können Sie ein Glossar mit solchen Worten und den passenden Erklärungen anbieten.
3. Strukturieren Sie den Text logisch und nachvollziehbar.
Sie müssen dabei bedenken, dass sich die Logik immer aus der Sicht des Lesers ergibt.
4. Strukturieren Sie den Text visuell.
Verwenden Sie Zwischenüberschriften als kleine Zusammenfassungen. Verwenden Sie Auflistungen oder Tabellen, um den Text visuell aufzulockern und die Infos zugänglicher zu machen.
5. Ziehen Sie Verben vor. Vermeiden Sie Substantivierungen und Adjektive
Wenn ein Satz viele substantivierte Verben und Adjektive enthält, ist das ein schlechtes Zeichen.
6. Verwenden Sie höchstens zwei Satzzeichen pro Satz.
Wenn Sie mehr als zwei Zeichen verwenden müssen, ist der Satz zu kompliziert. Teilen Sie längere Sätze auf mehrere Sätze auf.
7. Machen Sie nur eine Aussage pro Satz und einen Gedankengang pro Absatz.
8. Schreiben Sie aktiv.
Sprechen Sie den Leser konkret an und teilen Sie ihm mit, was von ihm erwartet wird. Wenn Sie den Leser konkret anspechen, vermeiden Sie damit komplexe Umschreibungen.
9. Halten Sie die Sätze einfach.
Vermeiden Sie Zwischensätze, Nebensätze, Konjunktive und Verneinungen.
10. Bleiben Sie konsistent.
Verwenden Sie den gleichen Begriff für die gleiche Sache und vermeiden Sie Synonyme und Metaphern. Versuchen Sie, auch in anderen Texten eine ähnliche Struktur und die gleichen Begriffe zu verwenden. Es fällt dem Leser dadurch leichter, andere Texte von Ihnen zu verstehen.
11. Setzen Sie kein Wissen voraus, dass der Leser nicht hat.
12. Schreiben Sie nicht zehn, wenn Sie zwölf meinen.

Blindengerecht ist nicht gleich barrierefrei

Ein Fehler, den wir leider all zu häufig machen besteht darin, Barrierefreiheit im Internet mit Zugänglichkeit für Blinde gleich zu setzen. Der neueste Schwank aus diesem Bereich stammt von Google/Udacity, die gerade einen kostenlosen Kurs zur Webentwicklung veranstalten.

In this course you’ll get hands-on experience making web applications accessible. You’ll understand when and why users need accessibility. Then you’ll dive into the “how”: making a page work properly with screen readers, and managing input focus (e.g. the highlight you see when tabbing through a form.) You’ll understand what “semantics” and “semantic markup” mean for web pages and add ARIA markup to enable navigating the interface with a range of assistive devices. Finally, you’ll learn styling techniques that help users with partial vision navigate your pages easily and reliably.

Überschrieben ist der Kurs mit Web Accessibility, in der Beschreibung steht aber nur etwas für Blinde und Sehbehinderte. Es geht also nicht um Web-Barrierefreiheit, sondern um Blinden- und Sehbehindertengerechte Gestaltung. Nach dieser Diktion brauchen Gehörlose, motorisch Behinderte und Lernbehinderte keine Barrierefreiheit.
Ich gebe zu, dass ich auch früher oftmals diesen Fehler gemacht habe. Wenn ich ein Programm nicht nutzen konnte, habe ich von mangelnder Barrierefreiheit gesprochen. Aber das ich ein Programm nicht nutzen kann heißt erst einmal nichts anderes als: Ich kann dieses Programm nicht nutzen.
Wenn XY ein Programm nicht bedienen kann und XY blind ist, heißt das nicht unbedingt, dass dieses Programm tatsächlich nicht barrierefrei ist. Es kann auch durchaus sein, dass er schlicht keine Ahnung hat, wie er das Programm bedienen kann. Oder er versteht nicht, was der Screenreader ihm an Informationen ausgibt und kann deshalb das Programm nicht steuern.
Natürlich gibt es das Problem der Usability. Sie sieht für Blinde ganz anders aus, wie ich an anderer Stelle ausführe. Aber auch die Usability hat Grenzen. Je komplexer ein Programm oder seine Aufgaben, desto schwieriger ist es, es für eine allgemeine Zielgruppe usable zu machen. Im Modernen Banking kann man dem User nicht abnehmen, die ellenlange IBAN einzutragen und ein gewisses Maß an Sicherheitsmaßnahmen ist ebenfalls notwendig, was zu Lasten der Usability geht. Daran lässt sich nur in Grenzen etwas machen.
Es ist natürlich auch herrlich einfach, die Anforderungen für Blinde und Sehbehinderte zu erfüllen. Dass viele Webanwendungen das nicht tun, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch ist es eine weitere Benachteiligung anderer Gruppen, wenn sie immer wieder bei der Barrierefreiheit außen vor gelassen werden. Dass ist so, als ob man bei räumlicher Barrierefreiheit nur über Rollstuhlfahrer spricht, während Blinde sich den Gaderobenständer ins Gesicht rammen und Sehbehinderte sich den Kopf an der Schräge stoßen. Ich sehe leider immer wieder, dass über die Barrierefreiheit für Blinde im Straßenverkehr diskutiert wird, dabei sind alte Menschen mit motorischen Problemen eine wesentlich größere Gruppe.
Leider ist die Lobbygruppe der Blinden wesentlich stärker als die der anderen Behinderten. Die BITV 2.0 wurde maßgeblich vom DBSV und DVBS beeinflusst. Auch die WCAG 2.0 basiert zu sehr auf technischen Anforderungen und wird schwammig, wenn es um einfache oder leichte Sprache oder Inhalte in Gebärdensprache geht. Insofern muss ich noch einiges an Aufklärungsarbeit leisten, um einen breiteren Begriff von Barrierefreiheit zu etablieren.

Barrierefreiheit mit WordPress

Screenshot von meinem BlogWordPress ist sicherlich das beliebteste Blogging-System überhaupt. Ganz nebenbei hat es sich auch für viele Website-Anbieter zum bevorzugten Redaktionssystem entwickelt. In diesem Artikel erkläre ich, wie man mit WordPress barrierefreier werden kann.

Die Wahl des Themes

WordPress lässt sich als Framework betrachten, das sich an unterschiedliche Ansprüche anpassen lässt. Das gilt insbesondere für das Layout. Die Wenigsten werden sich mit den Standard-Themes von WordPress begnügen. Sie sind allerdings relativ barrierefrei. Bei Pressengers findet ihr eine Auswahl barrierefreier Themes.
Bei Themes von Dritt-Anbietern müsst ihr selbst prüfen, ob sie barrierefrei sind. Ist euch eine Website bekannt, die das Theme bereits einsetzt, könnt ihr diese automatisch mit einem Tool wie WAVE oder manuell mit einem Prüfverfahren wie dem BITV-Test prüfen. Fragt ruhig auch bei dem Entwickler nach, ob das Theme barrierefrei ist. Vor allem, wenn das Theme kostenpflichtig ist, sollte der Entwickler solche Anforderungen berücksichtigen. Außerdem schafft ihr so ein Bewusstsein dafür, dass eine Nachfrage nach barrierefreien Themes besteht.
Entwickelt ihr selber ein Theme, bietet WordPress selbst Infos zur Barrierefreiheit. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

Texte

Der WordPress-Texteditor TinyMCE bringt leider nicht alle nötigen Funktionen zur barrierefreien Texterstellung mit. Es fehlen zum Beispiel Befehle für Zwischenüberschriften oder Abkürzungen. Die Auszeichnung von Zwischenüberschriften, Listen und weiteren Elementen erleichtert es Blinden zu erkennen, welche Aufgabe das Element hat. Ihr seht einen fett gedruckten und abgesetzten Text und wisst, dass das eine Zwischenüberschrift ist. Blinde nehmen das nicht wahr. Für ihre Hilfssoftware wird die Information, welche Aufgabe ein Stück Text hat, über HTML-Auszeichnungen vermittelt. Außer Zwischenüberschriften können auch Listen, Zitate sowie Abkürzungen ausgezeichnet werden.
Um diese Auszeichnungen mit einem grafischen Editor zu erstellen, benötigt ihr das Plugin TinyMCE Advanced.
Wenn ihr ein wenig HTML beherrscht, benötigt ihr keinen weiteren Editor. Schaltet den Texteditor auf HTML um und gebt die entsprechenden Auszeichnungen händisch ein. Die wenigen Auszeichnungsbefehle sind schnell erlernt.

Bilder

WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.
Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.
Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plugins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.
Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Plugins

Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Plugins hinweisen, die eventuell hilfreich sind. Wer diese Plugins installiert, ist sicher nicht barrierefrei, umgekehrt muss man diese Plugins nicht installieren, um barrierefrei zu werden. Ich zeige lediglich, welche Möglichkeiten es gibt.Von allen genannten Plugins gibt es kostenlose Varianten.
ReadSpeaker integriert eine Vorlesefunktion für eure Webseite. Die Sprachmelodie ist eher gewöhnungsbedürftig, es mag aber für manch Lese- oder Sehbehinderten hilfreich sein. Es gibt eine kostenlose und eine kostenpflichtige Variante. Die kostenlose Variante ist beschränkt, was die Zahl der vorgelesenen Artikel angeht. Außerdem stehen weniger Optionen zur Verfügung. Der IT-Nachrichtendienst Heise Online bietet eine ähnliche Vorlesefunktion, ihr könnt sie dort ausprobieren.
Hurraki ist ein Wörterbuch, das Alltagsbegriffe in einfacher Sprache erläutert. Das Plugin hurrakify ermöglicht es, sich zu einzelnen Begriffen aus einem Text Erläuterungen aus Hurraki anzeigen zu lassen. ,
Der Access Monitor prüft eure WordPress-Inhalte auf Barrierefreiheit. Wie alle automatischen Testtools benötigt man Erfahrung mit digitaler Barrierefreiheit oder viel Zeit, um die einzelnen Fehlermeldungen nachvollziehen zu können. Das Tool kann euch auch nicht sagen, ob Bilder einen sinnvollen Alternativtext haben, das müsst ihr selbst entscheiden. Auch hier handelt es sich um ein Freemium-Modell. Es gibt eine kostenlose sowie eine kostenpflichtige Variante.
WP Accessibility rüstet eine Textvergrößerungsfunktion sowie eine Kontrastansicht für WordPress nach. Solche Funktionen waren früher der letzte Schrei in Barrierefreiheits-Kreisen, gelten aber seit einigen Jahren als unerwünscht. Es wird argumentiert, dass die Betriebssysteme, die Browser und die Hilfstechnik diese Aufgaben besser lösen als die fehleranfälligen Webseiten-Funktionen. Das ist sicherlich korrekt, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die nicht wissen, wie sie Text vergrößern oder eine kontrastreiche Ansicht aktivieren und sie sind dankbar für diese kleinen Hilfen. Und die Anderen nehmen auch keinen Schaden, solange die Regeln der Barrierefreiheit bei der Themegestaltung berücksichtigt wurden.

Zum Weiterlesen

Warum private Anbieter zur Barrierefreiheit verpflichtet werden sollten

Besenbinder, Physiotherapeut, Arbeitsloser oder Frührentner – das sind leider bis heute die wesentlichen Bereiche, auf die sich die Erwerbstätigkeit – oder Nicht-Erwerbstätigkeit – blinder Menschen beschränkt. Dennoch hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Die Vorleser

Blinde Juristen sind in Deutschland schon seit Jahrzehnten keine Seltenheit. Dabei ist es mir immer ein Rätsel geblieben, wie sie es im Prä-Computer-Zeitalter geschafft haben, die gewaltigen Mengen an Literatur zu bewältigen. Studieren in einer Geisteswissenschaft besteht im Wesentlichen aus drei Dingen: Lesen, lesen, lesen.
Natürlich gab es die Vorlesekräfte, die bis heute einen unverzichtbaren Job machen. Aber es ist dennoch eine ganz andere Sache, sich selbst in die Bibliothek zu stürzen. Es ist ein großes Talent an Organisation erforderlich, um alle nötige Literatur auflesen zu lassen. Was oft auch vergessen wird: Ein Sehender kann einen Text wesentlich schneller lesen als ihn vorzulesen. Ein geübter Leser kann mindestens vier Mal schneller lesen als vorlesen. Es geht also jede Menge Zeit verloren.
Durch die Technik ist das alles heute einfacher. Zwar haben Sehende immer noch ein für Blinde unerklärliches Faible für bedrucktes Papier. Dennoch kann heute im Business-Bereich fast alles digital erledigt werden. Im Behördenverkehr ist das leider noch nicht so, aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Keine Hilfstechnik – kein Job
Mehr noch: Keine Gruppe hat von der Digitalisierung derart stark profitiert wie die Blinden. Viele kaufmännische Berufe ließen sich ohne Hilfstechnik nicht bewältigen. Der unterste Sachbearbeiter muss seine Tabellen mit Excel und nicht mit Tinte und Bleistift erledigen. Durch die Digitalisierung sind also berufliche Wege möglich geworden, die für die Meisten von uns früher schwierig oder gar nicht zu bewältigen wären.
Ich selbst könnte meinen Job als Online-Redakteur ohne Digitalisierung und Hilfstechnik gar nicht erledigen. Das Kaufmännische liegt mir nicht, das Handwerkliche sowieso nicht und kein Arzt wäre so verrückt, mich auf seine physiotherapiebedürftigen Patienten loszulassen. Als Frührentner wäre ich mit 40 ein übergewichtiges, nikotingeschwängertes Frack.

Barriereunfreie Software = kein Job

Das merkt man vor allem, wenn man immer wieder auf Business-Lösungen trifft, die nicht barrierefrei programmiert wurden. CRM, ERP, DMS – ein Haufen Abkürzungen für teils sehr komplexe Programme. Faktisch wird es schwierig, wenn man in einer Firma arbeiten möchte, deren Anwendungen nicht barrierefrei programmiert wurden. In meinen Augen ist das eine klare Diskriminierung blinder Menschen am Arbeitsplatz. Im Business-Bereich sollten alle Programme von Anfang barrierefrei gestaltet sein. Da das mit der Freiwilligkeit nicht so richtig funktioniert hat, sollte das gesetzlich verpflichtend sein. Nur so können wir sicher stellen, dass zukünftige Arbeitsplätze für Blinde zugänglich sein werden.
Es ist kaum absehbar, wie sich die Arbeitswelt längerfristig entwickelt. Sicher ist, dass die Software eher wichtiger als unwichtiger wird. Sogar Google und Microsoft, die das Thema großteils verschlafen haben, geben sich jetzt mehr Mühe. Von den deutschen Software-Schmieden und Verbänden wie der IHK und der BITKOM hört man hingegen erschreckend wenig.
Viel wäre schon geholfen, wenn die öffentlichen Einrichtungen ihre Software-Richtlinien bei der Beschaffung entsprechend anpassen würden. Zählt man alle Behörden zusammen, hat man ein gewaltiges Volumen an Software-Nachfrage. Wenn all diese Software barrierefrei programmiert werden würde, würde der Markt gewaltig ins Rutschen geraten. Es gäbe mehr in Barrierefreiheit geschulte Software-Entwickler und nebenbei ein neues Betätigungsfeld für blinde Anwendungsentwickler. Ich stelle immer wieder erstaunt fest, wie schlecht barrierefrei Software sein kann, wenn kein behinderter Mensch an der Entwicklung beteiligt war. Manche Entwickler scheinen ernsthaft zu glauben, sie könnten einen anständigen Screenreader-Test durchführen, obwohl sie keine Ahnung haben, wie Blinde mit Software umgehen.
In diesem Zusammenhang darf eine Kritik an den Hilfsmittel-Anbieter nicht fehlen. Die Update-Politik von Freedom Scientific ist eine reine Unverschämtheit, weshalb mir Jaws nicht ins Haus kommt. Trotz des stolzen Preises bittet die Firma für Major-Updates ordentlich zur Kasse. Mitschuld daran sind die Blinden, die diese absonderliche Politik unterstützen, schließlich muss ja wer Anderes die Rechnung bezahlen. Da die Kostenträger nur rund alle fünf Jahre Neuanschaffungen finanzieren, kann es passieren, dass man einige Jahre mit veralteter Software allein gelassen wird. Im Business-Bereich kommen in fünf Jahren rund zwei neue Software-Versionen heraus. Jaws erweist sich somit als zusätzlicher Hemmschuh für den Fortschritt.

Fazit

In meinen Augen liegt deshalb der Schlüssel zur Verpflichtung privater Anbieter zumindest im Software-Bereich im Bereich Arbeit. Wer eine barrierefreie Arbeitswelt möchte, muss für barrierefreie Software sorgen.

Termine, Termine

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, alle zwei Wochen einen Blogbeitrag zu schreiben. Das ist leider in letzter Zeit schwierig geworden, da ich erfreulicherweise beruflich mehr zu tun habe.
Am 10.6.2016 werde ich meinen ersten eigenen Workshop zur Barrierefreiheit im Internet abhalten. Zielgruppe sind Online-Redakteure und Internet-Verantwortliche. Webdesigner und -Entwickler werden keine Freude daran haben. Es sind übrigens noch reichlich Plätze frei. Falls ihr also teilnehmen wollt oder jemanden kennt, der jemanden kennt…
Am 17.6.2016 halte ich einen Vortrag über digitale Barrierefreiheit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Das Programm gibt es zum Download. Auch hier könnt ihr euch natürlich anmelden.
Am 23. Juni werde ich eine interne Schulung durchführen. Eine Behörde möchte von mir lernen, wie man Anwendungen mit Screenreader – ganz konkret NVDA – testet.
Vom 1. bis 3. Juli 2016 bin ich auf dem Louis Braille Festival in Marburg. Da habe ich keinen aktiven Part, werde aber vielleicht dem einen oder anderen auf die Füße treten – wörtlich gesprochen.
Am 18. Mai fahre ich auf die SightCity in Frankfurt. Ich will mir unbedingt mal einen vernünftigen Blindenstock zu legen, da ich mit den bisherigen Modellen nicht zufrieden war. So ein Stock sollte doch mal ordentlich Lärm machen können und das geben meine bisherigen Stöcke nicht her.
Da die Vorträge und Schulungen vorbereitet sein wollen, wird es bis auf Weiteres keine Blogbeiträge geben. Ich hoffe auf euer Verständnis.

Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Digitale BraillezeileAls Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

Nutzung von Screenreadern2015

Der neueste Screenreader-Survey von WebAIM zeigt, dass es viel Bewegung auf dem Markt für Screenreader gibt. Die Befragung ist natürlich nicht repräsentativ, zeigt aber im Großen und Ganzen doch Entwicklungen auf.
Der Platzhirsch Jaws hat dramatisch an Marktanteilen verloren: Zwischen dem letzten Survey von Januar 2014 und Juli 2015 verlor Jaws 20 Prozentpunkte und hat nur noch 30 Prozent Marktanteil. Beim ersten Survey 2009 hatte Jaws noch einen Marktanteil von rund 75 Prozent.
Klarer Aufsteiger ist Window Eyes, dessen Marktanteil stieg von 6 auf 20 Prozent. Überraschenderweise konnten der Mac und NVDA von der Schwäche von Jaws kaum profitieren.
Für Tester interessant ist die Bevorzugung des Internet Explorer unter Blinden. Mehr als 50 Prozent nutzen den IE, während er in der Durchschnittsbevölkerung eine untergeordnete Rolle spielt.
Es scheint auch so zu sein, dass einige Blinde vom Mac auf Windows zurückgewechselt haben. So stieg der Anteil der Windows-User von 82 auf 85 Prozent, während Mac von 8 auf 6 Prozent sank. Ein Grund könnte sein, dass es im letzten Jahr verstärkt Beschwerden von Blinden zur stockenden Weiterentwicklung von VoiceOver gab, unter anderem von Marco Zehe.
Interessanterweise wünschen sich die meisten Blinden, dass komplexe Bilder auf der gleichen Seite beschrieben werden, auf der sie dargestellt werden. Die Lösung einer seperaten Seite – der heute gängige Standard – wird hingegen abgelehnt.

Wo liegt die Ursache für den Abstieg von Jaws?

Freedom Scientific war in den letzten Jahren durchaus nicht untätig. So bietet es die kostenlose Nutzung der Vocalizer-Stimmen, die auch im iPhone Verwendung finden, es gibt außerdem eine Erweiterung zur Texterkennung, die recht ordentliche Ergebnisse abliefern soll.
Auf der anderen Seite steht die – man kann es nicht anders sagen – miserable Update-Politik des Unternehmens. Viele der Umsteiger dürften eine Kombi aus Win XP und Jaws verwendet haben. Nachdem der Support von Windows XP im April 2014 eingestellt wurde bzw. viele der Geräte mit dieser Ausstattung allmählich ihr Lebensende erreichen, waren viele Leute gezwungen, auf ein neues System umzusteigen. FS bietet aber keine großen kostenlosen Updates an.
Auch seit letztem Jahr bietet Window Eyes einen kompletten kostenlosen Screenreader an, wenn man Office 2010 oder höher einsetzt. Da Window Eyes in vielen Punkten mit Jaws gleich gezogen hat, gibt es heute keinen Grund mehr, auf Jaws zu setzen.
Der vielleicht wichtigste Punkt dürfte in einem anderen Teil des Survey zu finden sein. Demnach kaufen rund 39 Prozent der Nutzer ihren Screenreader selbst. Jaws kostet in den USA rund 1000 Dollar, im Ausland ist es noch mal deutlich teurer. Für diesen Preis kann man sich ein Macbook oder einen guten Windows-Rechner mit Office-Paket zulegen. Heute ist für jeden offensichtlich, dass FS nicht vorhat, seine Preis- oder Produktpolitik anzupassen, es ist daher für Privatpersonen kaum empfehlenswert, auf Jaws zu setzen.
Ein Hemmschuh für die Verbreitung von NVDA dürfte vor allem die eSpeak sein. In gewisser Weise ist das ein Luxus-Problem, denn die eSpeak ist durchaus auch bei höheren Geschwindigkeiten gut verständlich, sie ist performant und es gibt abgesehen davon kostenlose und kostenpflichtige Alternativen.
Ein zweites Problem dürfte aber auch der Mangel an kommerziellem Support sein. Jaws und Window Eyes verfügen über umfangreiche Schnittstellen für Skripte, mit deren Hilfe Programme nachträglich barrierefreier gemacht werden können. NVDA hat das derzeit nicht. Der Mac meines Wissens auch nicht. NVDA ist damit als primärer Screenreader in Unternehmen ungeeignet.
Hinzu kommt, dass keine deutsche Hilfsmittelfirma derzeit NVDA oder den Mac anbietet. Es gibt natürlich Blinde, die Support für den Mac anbieten, aber vor allem ältere Blinde dürften sich eher direkt an Hilfsmittelfirmen wenden.

Fazit

Die Herrschaft von IE 6 und Jaws scheint endgültig gebrochen zu sein. Es gibt mindestens vier Screenreader mit nennenswerter Nutzerzahl: Jaws, Window Eyes, NVDA und VoiceOver auf Mac und iOS. Hinzu kommt in Deutschland noch Cobra, das von einigen Blinden verwendet wird. Hinzu kommen die zahlreichen Windows-Versionen, verschiedene Browser, Endgeräte und Handlings. Mit Windows 10 dürften auch günstigere Tablets bei Blinden in Nutzung kommen.
In Puncto Barrierefreiheit bedeutet das eine neue Unübersichtlichkeit. Früher reichte es aus, mit Jaws und IE zu testen. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Webstandards zu halten und die Screenreader- und Browser-Entwickler zu zwingen, das ebenfalls zu tun, vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung.