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Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Digitale BraillezeileAls Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

Nutzung von Screenreadern2015

Der neueste Screenreader-Survey von WebAIM zeigt, dass es viel Bewegung auf dem Markt für Screenreader gibt. Die Befragung ist natürlich nicht repräsentativ, zeigt aber im Großen und Ganzen doch Entwicklungen auf.
Der Platzhirsch Jaws hat dramatisch an Marktanteilen verloren: Zwischen dem letzten Survey von Januar 2014 und Juli 2015 verlor Jaws 20 Prozentpunkte und hat nur noch 30 Prozent Marktanteil. Beim ersten Survey 2009 hatte Jaws noch einen Marktanteil von rund 75 Prozent.
Klarer Aufsteiger ist Window Eyes, dessen Marktanteil stieg von 6 auf 20 Prozent. Überraschenderweise konnten der Mac und NVDA von der Schwäche von Jaws kaum profitieren.
Für Tester interessant ist die Bevorzugung des Internet Explorer unter Blinden. Mehr als 50 Prozent nutzen den IE, während er in der Durchschnittsbevölkerung eine untergeordnete Rolle spielt.
Es scheint auch so zu sein, dass einige Blinde vom Mac auf Windows zurückgewechselt haben. So stieg der Anteil der Windows-User von 82 auf 85 Prozent, während Mac von 8 auf 6 Prozent sank. Ein Grund könnte sein, dass es im letzten Jahr verstärkt Beschwerden von Blinden zur stockenden Weiterentwicklung von VoiceOver gab, unter anderem von Marco Zehe.
Interessanterweise wünschen sich die meisten Blinden, dass komplexe Bilder auf der gleichen Seite beschrieben werden, auf der sie dargestellt werden. Die Lösung einer seperaten Seite – der heute gängige Standard – wird hingegen abgelehnt.

Wo liegt die Ursache für den Abstieg von Jaws?

Freedom Scientific war in den letzten Jahren durchaus nicht untätig. So bietet es die kostenlose Nutzung der Vocalizer-Stimmen, die auch im iPhone Verwendung finden, es gibt außerdem eine Erweiterung zur Texterkennung, die recht ordentliche Ergebnisse abliefern soll.
Auf der anderen Seite steht die – man kann es nicht anders sagen – miserable Update-Politik des Unternehmens. Viele der Umsteiger dürften eine Kombi aus Win XP und Jaws verwendet haben. Nachdem der Support von Windows XP im April 2014 eingestellt wurde bzw. viele der Geräte mit dieser Ausstattung allmählich ihr Lebensende erreichen, waren viele Leute gezwungen, auf ein neues System umzusteigen. FS bietet aber keine großen kostenlosen Updates an.
Auch seit letztem Jahr bietet Window Eyes einen kompletten kostenlosen Screenreader an, wenn man Office 2010 oder höher einsetzt. Da Window Eyes in vielen Punkten mit Jaws gleich gezogen hat, gibt es heute keinen Grund mehr, auf Jaws zu setzen.
Der vielleicht wichtigste Punkt dürfte in einem anderen Teil des Survey zu finden sein. Demnach kaufen rund 39 Prozent der Nutzer ihren Screenreader selbst. Jaws kostet in den USA rund 1000 Dollar, im Ausland ist es noch mal deutlich teurer. Für diesen Preis kann man sich ein Macbook oder einen guten Windows-Rechner mit Office-Paket zulegen. Heute ist für jeden offensichtlich, dass FS nicht vorhat, seine Preis- oder Produktpolitik anzupassen, es ist daher für Privatpersonen kaum empfehlenswert, auf Jaws zu setzen.
Ein Hemmschuh für die Verbreitung von NVDA dürfte vor allem die eSpeak sein. In gewisser Weise ist das ein Luxus-Problem, denn die eSpeak ist durchaus auch bei höheren Geschwindigkeiten gut verständlich, sie ist performant und es gibt abgesehen davon kostenlose und kostenpflichtige Alternativen.
Ein zweites Problem dürfte aber auch der Mangel an kommerziellem Support sein. Jaws und Window Eyes verfügen über umfangreiche Schnittstellen für Skripte, mit deren Hilfe Programme nachträglich barrierefreier gemacht werden können. NVDA hat das derzeit nicht. Der Mac meines Wissens auch nicht. NVDA ist damit als primärer Screenreader in Unternehmen ungeeignet.
Hinzu kommt, dass keine deutsche Hilfsmittelfirma derzeit NVDA oder den Mac anbietet. Es gibt natürlich Blinde, die Support für den Mac anbieten, aber vor allem ältere Blinde dürften sich eher direkt an Hilfsmittelfirmen wenden.

Fazit

Die Herrschaft von IE 6 und Jaws scheint endgültig gebrochen zu sein. Es gibt mindestens vier Screenreader mit nennenswerter Nutzerzahl: Jaws, Window Eyes, NVDA und VoiceOver auf Mac und iOS. Hinzu kommt in Deutschland noch Cobra, das von einigen Blinden verwendet wird. Hinzu kommen die zahlreichen Windows-Versionen, verschiedene Browser, Endgeräte und Handlings. Mit Windows 10 dürften auch günstigere Tablets bei Blinden in Nutzung kommen.
In Puncto Barrierefreiheit bedeutet das eine neue Unübersichtlichkeit. Früher reichte es aus, mit Jaws und IE zu testen. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Webstandards zu halten und die Screenreader- und Browser-Entwickler zu zwingen, das ebenfalls zu tun, vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung.

Umbau im Blog

Heute gibt es mal keine Seitenhiebe, sondern nur eine kurze Info zum Blog. Immer, wenn ich Zeit habe, verschiebe ich ältere Beiträge auf mein zweites Web-Portal. Ich habe damit so um Weihnachten 2014 angefangen und mittlerweile sind die meisten Beiträge zum Thema Barrierefreiheit dorthin geschoben.
Warum mache ich mir den Streß? Nun, ich bekomme 99 Prozent meiner Besucher über Tante Google. Google fröhnt aber dem Aktualitätswahn, weshalb ältere Blogbeiträge im Ranking immer weiter runterrutschen. Da ich diese Beiträge aber durchaus für lesenswert halte und viele hundert Stunden Arbeit darin stecken, möchte ich sie quasi wieder ins Gedächtnis von Google heben. Der beste Weg dazu ist eine klassische Website. Das Ranking gibt mir recht, viele meiner verschobenen Beiträge landen bei Google auf dem ersten Platz, wo sie zu Blogzeiten nicht waren.
Der zweite Grund ist, dass ein Blog sich schlicht nicht dafür eignet, Inhalte kontextuell zu ordnen. Tags, Kategorien und Blätter-Funktionen ersetzen keine sprechende Navigation. Auch die Such-Funktion ist nur ein unzureichender Ersatz. Mal im Ernst, wer blättert sich durch ein Blog, wer hat heute noch die Zeit oder Lust dazu? Auch wenn ich mein Thema für spannend halte, so toll ist der Blog nun auch wieder nicht. Wenn aber jemand mit dem Thema barrierefreies PDF bei mir landet, wird er jetzt alle Beiträge zu diesem Thema leicht auffinden können.
Natürlich habe ich Weiterleitungen für die verschobenen Beiträge eingerichtet, das mag aber im Einzelfall nicht funktionieren. Falls ihr also einen Blog-Beitrag sucht, den ihr hier mal gelesen habt, sucht über Tante Google oder fragt mich einfach direkt.
Der Blog wird bis auf Weiteres weiter geführt, nur werde ich Beiträge, die aus dem RSS-Feed fallen verschieben. Außerdem bleiben alle Beiträge drin, die entweder nicht zum Thema Barrierefreiheit passen oder wirklich klassische Blogbeiträge sind und daher nicht ins neue Portal gehören.

ReCap – Zukunftskongress der Inklusion

ZukunfskongressWer am 2. und 3. Dezember auf Twitter war und sich für Barrierefreiheit interessiert, hat sicher etwas vom Zukunftskongress Inklusion 2025 mitbekommen. Die Diskussionen waren recht vielfältig, so dass ich hier nur ein paar Gedankenfetzen auffangen möchte, mit denen wir als Accessibility-Experten und Interessierte uns schon heute beschäftigen werden müssen. Wenn die Videos im Internet stehen, werde ich hier darauf hinweisen.

Verschärft die Inklusion die Exklusion?

Wie so oft stellt sich auch bei der Barrierefreiheit die Frage, ob die Inklusion der Einen die Exklusion der Anderen verschärft.

So hat sich die Barrierefreiheit für blinde Menschen in den letzten 20 Jahren drastisch verbessert. Vor sechs Jahren hat noch niemand von einem ab Fabrik blindentauglichen Handy geträumt. Als ich 1996 das erste Mal alleine mit der Bahn fuhr, gab es kaum Durchsagen in den Bahnhöfen oder in den Zügen, heute gehören sie zum Standard.

Andererseits hat sich für Gehörlose, Lernbehinderte oder Taubblinde wesentlich weniger getan. In der BITV 2.0 werden sie kaum berücksichtigt, bei der Informationstechnik bleiben ihre Bedürfnisse im Wesentlichen unbeachtet und die Bahn scheint sie einfach zu ignorieren. Im Grunde befinden wir uns also in einer Situation, in der bestimmte Gruppen von Behinderten Anderen gegenüber privilegiert sind. Dafür werde wir Lösungen finden müssen.

Big Data – Geschenk oder Belastung?

Selbstvermessung und das Internet der Dinge versprechen den nächsten Schub bei der digitalen Barrierefreiheit.

So werden die Smartphones in der Lage sein, mit den Dingen in unserer Umgebung zu kommunizieren und so eine wesentlich genauere Standortbestimmung und Navigation zu ermöglichen. Jede Ampel und jeder Zebrastreifen kann seine eigene IP-Adresse bekommen und mich dadurch metergenau lotzen. Die Ampel sagt meinem Smartphone – oder was immer wir dann mit uns herumtragen – ob sie grün ist, Sensoren im Boden teilen mir mit, ob die Straße gerade frei ist. Die S-Bahn teilt mit, wohin sie fährt und das Gebäude, zu dem ich will beschreibt mir den schnellsten Weg, wie ich zu ihm komme. Das alles ist heute schon möglich und nur noch eine Frage des Aufbaus einer entsprechenden Infrastruktur und deren informationstechnischer Integration in ein Gesamtsystem.

Zugleich entsteht dadurch ein gewaltiger Berg an Daten, der dazu auch noch gespeichert werden kann. So wissen die Internet-Dinge, mit denen ich mich verbinde exakt, wo ich mich an einem bestimmten Zeitpunkt befinde, aus meiner Geschwindigkeit kann abgeleitet werden, ob ich es eilig habe oder eventuell krank bin und deshalb langsam gehe. Der Sexshop kann wissen, dass ich 20 Sekunden dort stehen geblieben bin und mir passende Werbung schicken etc. Dabei ist das einzelne Datum weniger wichtig als die sogenannten Meta-Daten und aggregierte statistische Daten, die Rüschlüsse auf die Motive des Einzelnen zulassen. Die Frage des Datenschutzes tut sich mehr denn je auf.

Ich muss sagen, dass ich da relativ unbedarft bin. Man kann natürlich datensparsam leben, nur noch ins Internet-Café gehen und Briefe statt Mails verschicken. Aber wenn Big Brother uns habe will, wird er auch unsere Briefe lesen, uns verwanzen und wir machen uns gerade dadurch verdächtig, dass wir dem digitalen Zeug aus dem Weg gehen. Die Frage ist nicht, ob wir Big Data wollen oder nicht, sondern nur noch, ob wir die Vorteile nutzen wollen, die daraus entstehen und ich werde diese Frage meistens mit „ja“ beantworten.

Mehr Barrierefreiheit bedeutet mehr Selbstbestimmung

Ein Projekt beschäftigt sich damit, wie man CNC-Maschinen für Lernbehinderte zugänglich machen kann.

Der Hintergrund ist recht schnell erklärt. Die Massenproduktion ist heute im kleinen Maßstab nicht mehr rentabel. An deren Stelle tritt die Just-in-Time-Produktion von einzelnen, passgenauen Teilen. Die Stückkosten sind einerseits höher, andererseits kann dadurch auch wesentlich mehr verdient werden. Die Massenproduktion lässt sich weitgehend automatisieren, während bei der Einzelstück-Produktion Menschen verlangt werden, eine interessante Möglichkeit für Behinderten-Werkstätten und andere Produktionsstätten, in denen Lernbehinderte beschäftigt werden. Damit das funktioniert, müssen die Maschinen so gestaltet sein, dass sie von ihnen bedient werden können.

Hier wird spannend sein zu sehen, wie sich die Selbstbestimmung verbessert. Schon heute hat der Chef in konventionellen Betrieben nur koordinierende Aufgaben, während das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter steckt. In den Behindertenwerkstätten scheint das bisher nicht der Fall zu sein – das vermute ich zumindest, mir fehlt der tiefere Einblick in diese Strukturen.

Hier könnte die Machtverschiebung besonders interessant sein. Lernbehinderte bekommen über die Kontrolle der Maschinen die Kontrolle über den Produktionsprozess. Wenn sie noch die Qualitätssicherung übernehmen, haben die Werkleiter nur noch die Aufgabe, die Maschinen in Schuss zu halten oder sich um die Auftragsabwicklung zu kümmern. Abgesehen davon werden auch normale Gehälter für die Angestellten möglich. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die großen Träger heute von den Behindertenwerkstätten profitieren – ganz zu schweigen von anderen Behinderten-Einrichtungen – und genau besehen kein Interesse an der Inklusion und der Auflösung dieser Organisationen haben. Während die Verwaltungsangestellten aber gutes Geld verdienen, leben die Werkstatt-Angestellten auf dem Niveau der Grundsicherung.

Welchen Beitrag sollten Behinderte zur Inklusion leisten?

Im Abschluss-Plenum wurde die Frage gestellt, welchen Beitrag Behinderte zur Inklusion leisten können und müssen. Raul und andere Prominente aus der Behinderten-Szene vertreten die Ansicht, dass die Gesellschaft in der Bringschuld ist, eine Meinung, die ich bekanntermaßen nicht teile. Ich meine, dass jeder Behinderte das leisten muss, was in seinen Möglichkeiten liegt. Dass man diese Möglichkeiten von Seiten der Verantwortungsträger für viele Gruppen verbessern muss, steht außer Frage. Schaut man sich die teils miserable digitale Infrastruktur z.B. beim eGoverment an könnte man meinen, in der Prä-WCAG-Ära zu leben.

Wenn ich aber andererseits sehe, dass viele Behinderte vorhandene Möglichkeiten nicht nutzen, muss ich leider konstatieren, dass Viele das Inklusions-Angebot gar nicht wahrnehmen wollen. Das ist natürlich die Entscheidung jedes Einzelnen, man kann niemanden zur Inklusion zwingen, die Person kann sich dann aber auch nicht über mangelnde Exklusion beschweren.

Inklusion von unten – wir sind die Zukunft

In einem älteren Beitrag habe ich gezeigt, wie jeder zur Barrierefreiheit beitragen kann. Heute wiederhole ich das gleiche Spiel für die Inklusion, das gleichberechtigte Zusammenleben von Behinderten und Nicht-Behinderten – das ist ein Beitrag zur aktuellen Blog-Parade der Aktion Mensch Inklusion 2025. Ein Resümee gibt es hier.

Inklusion Top-Down

Die diversen Regierungen und NGOs tun recht viel für die Inklusion. Nicht nur, dass sie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert haben – ein schönes Wort. Sie machen auch Aktionspläne, erstellen regelmäßige Berichte und Schatten-Berichte – äh ja.

Mit anderen Worten: Man kann als Behinderter ein Leben lang durch die Weltgeschichte spazieren, ohne etwas von diesen Aktivitäten mitzubekommen und man kann sogar Paris sehen und sterben, ohne zu wissen, was ein Aktionsplan oder ein Schattenbericht sein soll.

Hingehen, wo es manchmal riecht

Währenddessen kocht es an vielen Orten, wo behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollen. Hier und nicht in Berlin werden die entscheidenden Kämpfe ausgetragen, wenn es um die Zukunft der Inklusion geht. Die behinderten Schüler von heute werden – das hoffe ich zumindest – ganz selbstverständlich mit Nicht-Behinderten aufwachsen. Deren Eltern – die Entscheidungsträger und Führungskräfte von morgen, werden schon in naher Zukunft darüber entscheiden können, ob sie einen Job an einen Behinderten geben, ihn als Arbeitskollegen oder Mieter haben wollen.

Es ist also weniger der Teilhabe-Bericht als die behinderten Kinder vor Ort, die die meiste Entscheidungsarbeit leisten. Sie überzeugen durch ihre pure Anwesenheit, wenn sie schreiend mit ihren Schulkameraden über den Schulhof toben. Nicht nur die behinderten Kinder, auch ihre nicht-behinderten Mitschüler werden ganz anders mit Behinderten umgehen, als es die heute Erwachsenen tun.

Niemand kann erwarten, dass das Ganze konfliktfrei abläuft. Alle großen Veränderungen gehen mit Zwistigkeiten einher, die für viele der Beteiligten auch anstrengend oder schmerzhaft sind. Am Ende wird aber – darauf kommt es an – etwas heraus kommen, was für alle Beteiligten besser ist als die Gegenwart. Und was ist schon ein Sieg, für ddn man sich nicht anstrengen musste – gar nichts.

Was nicht inklusiv ist, wird inklusiv gemacht

Junge Behinderte sind immer weniger bereit, spezielle Angebote für Behinderte in Anspruch zu nehmen. Stattdessen gehen sie einfach in den nächstbesten Sportclub und fragen, warum es keine Rampe oder inklusive Gruppe gibt. Und oftmals rennen sie angelehnte Türen ein.

Wenn man sich ein wenig umschaut bekommt man schnell den Eindruck, viele Behinderte würden die Geellschaft als Feind betrachten. Hat mich der Typ jetzt über den Haufen gerannt, weil ich blind bin? Nein, vermutlich ist er nur ein ignorantes Arschloch, dass jeden Anderen auch über den Haufen gerannt hätten. Oder er ist zu dumm, um einen Blindenstock zu erkennen, auch das kommt vor. Aber den meisten Menschen ist es egal, ob jemand behindert ist oder nicht und Viele sind offen dafür, Behinderten entgegenzukommen, wenn man ihnen nicht ins Gesicht keift.

Dieser Dogmatismus „Sei lieb zu mir oder du bist ein Behindertenfeind“ ist für junge Behinderte nicht mehr angesagt. Sie gehen mit ihrer Behinderung sehr offen um, sind bereit, anderen bei der Inklusion auf die Sprünge zu helfen und können auch damit leben, wenn jemand Behinderte offensichtlich nicht leiden kann.

Jeder von uns kann also zur Inklusion beitragen und sollte es auch tun, denn die Inklusion wird sich nicht von selbst einstellen. Wir betreten Neuland, wie unsere Kanzlerin sagen würde und es spricht nichts dagegen, auch Spaß dabei zu haben.

SightCity 2014 – in Hessen nichts Neues

Eigentlich wollte ich schon immer mal hin fahren, auf die Modeschau für Blinden-Hilfsmittel – Deutschlands größte Messe für Blinde und Sehbehinderten-Hilfen – die SightCity.

Leider hat die Messe erstaunlich wenig zu bieten. Das Rahmenprogramm, bestehend aus Fachvorträgen hätte ebenso 2010 statt finden können, nur wären Smartphones, Tablets und Apps was Neues und Interessantes gewesen. Heute ist das nur kalter Kaffee, der von gelangweilten Zeitungsredakteuren im Sommerloch aufgewärmt wird.

Auch die Ausstellung selbst hat wenig Innovatives zu bieten. Es gibt keine günstigen Braillezeilen, keine Screenreader für Jedermann und die anderen Technologien sind zwar ausgereift, aber das sind sie schon lange. Ich bin schon auf einigen Messen gewesen und das ist durchaus nicht die Norm.

Spannend waren zwei Dinge, mit denen ich mich bisher nicht befasst habe. Wir haben ein relativ kleines und handliches Gerät gesehen, mit dem sich Reliefs auf Papier drucken lassen. Es funktioniert vermute ich so ähnlich wie ein 3-D-Drucker, nur dass der Kunststoff auf das für diese Zwecke übliche Papier aufgebracht und nicht zu Objekten geformt wird. Leider habe ich versäumt, nach der Bezeichnung des Gerätes zu fragen.

Eine andere Sache sind taktile Pläne von Lokationen, zum Beispiel von Städten. Die Düsseldorfer Kö – wo sich sicherlich zahlreiche reiche Blinde rumtreiben – hat zum Beispiel so einen taktilen Plan. Auf solchen Karten werden tatsächlich haptische Symbole verwendet, die als Legende erklärt werden. Ich muss sagen, dass ich mir die Symbole nicht merken konnte und auf der Karte nicht erkannt hätte, hoffentlich nur eine Frage der Übung. Oder meine haptischen Fähigkeiten sind nicht so ausgeprägt, wie ich dachte.

Mein Fazit ist allerdings, dass ich nächstes Jahr nicht mehr hinfahren werde, falls sie nicht mal ein attraktiveres Programm auf die Beine stellen. So bleibt es eine Verkaufsshow mit angeschlossenem Blinden-Gesprächskreis.

Provokation – Analyse eines sozialen Verhaltens

▪1. Einleitung

▪2. Provokation: Definition und Abgrenzung

▪2.1. Definition

▪2.2. Die Reaktion des Anderen

▪2.3. Die Rolle des Publikums

▪2.4. Provokation als die Waffe der Schwachen

▪3. Soziale Bewegungen als Provokation

▪3.1. Der zivile Ungehorsam

▪3.2. Terrorismus

▪4. Zusammenfassung

▪5. Provokationen als ziviler Ungehorsam

▪6. Literatur
1. Einleitung

Wir werden uns hier mit dem Thema der Provokation befassen. Die Provokation ist eine manipulative Strategie, ähnlich wie bei der Intrige oder der Verschwörung wird versucht, jemanden zu einem Verhalten oder zu einer Handlung zu bringen, welche er ohne die Intervention nicht oder nicht so gezeigt hätte. Es wäre interessant gewesen, solche Strategien im Zusammenhang zu untersuchen, leider reicht der Platz in einer Hausarbeit hierfür nicht aus.

Bei dieser Untersuchung stützen wir uns hauptsächlich auf den einschlägigen Aufsatz von Rainer Paris. Wir werden zunächst die wesentlichen Merkmale der Provokation darstellen. Der Hauptteil der Arbeit besteht in dem Versuch, soziale Bewegungen als Provokation des Staates und der Gesellschaft mit dem Ziel der Veränderung derselben zu beschreiben. Am Ende wird die Frage von Vor- und Nachteilen dieser Strategie stehen.

2. Provokation: Definition und Abgrenzung

Die Provokation dient vorallem  der Selbstbestätigung der subjektiven Realitätskonstruktion:

„Sie [die Provokationen] sind strategische Elemente der kollektiven Aktion und Grundmuster einer symbolischen Praxis, in der sich die Akteure ihrer Fremd- und Selbstbilder vergewissern, ihre Realitätskonstruktionen schützen und die Bewegung in Bewegung halten. Provokationen sind ebenso Methoden der Selbstdarstellung wie der Eskalation von Konflikten… Als Medium der Zuweisung von Identitäten eignen sich Provokationen besonders deshalb, weil sie Auslöser und Verstärker zirkulärer sozialer Konflikte sind. Provokationen fordern Reaktionen heraus, die ihrerseits wieder als Provokationen aufgefasst werden können… Es gibt eine Dynamik der Provokation, die, einmal in Gang gesetzt, die Akteure „automatisch“ in typische Zugzwänge bringt…“ (Paris 1998, 57)

Auf den Punkt der Identitätsstiftung durch Provokation werden wir später noch einmal zurückkommen.

2.1. Definition

Paris definiert Provokation als:

„… einen absichtlich herbeigeführten überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch diskreditiert und entlarvt.“ (Paris 1998, 58)

Der Normbruch ist die Verletzung von Regeln des jeweiligen sozialen Systems. Allerdings muss man hier zwischen vorsätzlichem und fahrlässigem Normbruch unterscheiden. In bestimmten Kulturkreisen kann die Ausführung oder Unterlassung einer bestimmten Geste als Beleidigung oder Provokation (als Herausforderung der Autorität des anderen) verstanden werden. Wer allerdings die Regeln des sozialen Systems nicht kennt, hat vermutlich nicht die Absicht gehabt, den anderen herauszufordern. Der Akteur muss also sein Gegenüber gut genug kennen, um dessen „weiche“ Stelle aufzuspüren und gezielt anzugreifen.

Wie die meisten Handlungen ist die Provokation auf Sparsamkeit  aus (mit möglichst geringem Aufwand eine möglichst große Wirkung erzielen). 

Der Provokateur legt es allerdings darauf an, dass nicht er, sondern der andere als Normbrecher dasteht.

„[Der Provokateur} nimmt ein Stigma auf sich, er stigmatisiert sich selbst. Gleichzeitig aber ist es das Ziel der Provokation, Stigmata abzuwerfen und auf andere umzuwälzen. Nicht der Normbrecher, sondern die Normhüter und –durchsetzer sollen letztlich als die eigentlich Schuldigen dastehen.“ (Paris 1998, 58)

Hierin zeigt sich das Subtile  provokativen Verhaltens. Anstatt den anderen offensiv anzugreifen, provoziert man den Angriff des anderen, man kann sich als Opfer des anderen darstellen.

Paris meint, dass auch die Überraschung entscheidend für den Erfolg ist. Erwartet der Provozierte die Provokation, ist sie also nicht überraschend, ist er darauf vorbereitet und kann die Attacke abwehren oder ignorieren. Die Überraschung bezieht sich meistens auf die jeweilige Situation, denn geschickte Provokationen setzen eine längere Bekanntschaft voraus, eine wahrscheinlich konfliktträchtige Beziehung, so dass ein Angriff nicht vollkommen überraschend sein dürfte.

Der Provokateur kann, wenn seine Handlung erfolgreich war, er aber trotzdem erwischt wird, seine Handlung als legitim erscheinen lassen, angesichts der Handlung des anderen: „Mein Verhalten war vielleicht falsch, aber seht doch mal, wie er reagiert!“. Das ist natürlich keine gültige Argumentation, weil nicht bewiesen werden kann, dass die Reaktion des anderen so erfolgt wäre, wenn der Akteur nicht herausgefordert worden wäre. . In den Massenmedien lässt sich aber eine solche Argumentationsform häufig finden. Einfacher ist es, den anderen von vorneherein als den Bösen darzustellen, als der er enttarnt werden soll, der Zweck legitimiert die Mittel.

2.2. Die Reaktion des Anderen

Eine Provokation kommt nur zustande, wenn der Andere versteht und annimmt, er muss verstehen, dass er angegriffen wurde und die Herausforderung annehmen, indem er reagiert:

„Von einer bestimmten Eskalationsschwelle an entsteht ein Bedarf nach Provokationen der Gegenseite, um selbst endlich losschlagen zu können. Der andere soll den Anlass liefern für den eigenen Angriff. Man erklärt das, was er tut zu einer Provokation oder provoziert selbst eine Provokation, um guten Gewissens angreifen zu können. Mit dem Ausbruch des Konfliktes hat die Provokation ihr erstes Ziel erreicht.“ (Paris 1998, 62)

Eine Provokation ist dann erfolgreich, wenn der andere zu einer Reaktion genötigt worden ist. Reagiert der Andere nicht, steht der Provokateur als Verlierer, als Dummkopf da. Natürlich kann eine Provokation auch pariert werden, in diesem Falle erkennt man allerdings den anderen als Gegner an. Man läuft außerdem Gefahr, durch seine Reaktion den anderen zu weiteren Sticheleien zu ermuntern und so eventuell doch noch zu verlieren.

Hat der Gegner die Handlung des anderen als Provokation erkannt (auch wenn es keine war), kann jede weitere Handlung des anderen (Beschwichtigung, Leugnung etc.) als Provokation aufgefasst werden. Die Teilnehmer an der Kommunikation sind in einer Art von Teufelskreis gefangen, aus dem sie nur schwer ohne Gesichtsverlust heraustreten können.

Scheitert die Provokation, kann sich der Angreifer dazu entschließen, die Intensität der Provokation stufenweise zu erhöhen. Er riskiert damit, dass er selbst, sein Gegner oder ein Dritter seine Motive oder Strategien aufdeckt; er selbst kann unvorsichtig werden, die anderen werden seine Strategie aufdecken wollen, um ihn zu diskreditieren. Eine Provokation kann, eventuell beabsichtigt, in körperliche Gewalt ausarten. Auch kann er sich selbst zu einer emotionalen und daher gefährlichen Reaktion hinreißen lassen.

Die beste Gegenstrategie besteht darin, den Provokateur als Normbrecher oder eben als Provokateur zu entlarven, so kann man sich selbst als Moralisten und Opfer hochstilisieren.  

Provokation als die Erzeugung des anderen

Ziel der Provokation ist es, den anderen als den darzustellen, der er in den Augen des Provokateurs ist, die Provokation ist also nicht nur eine Technik der Selbstdarstellung, sondern auch der Darstellung des Anderen. Dadurch wird auch das Selbstbild gestärkt, der gute Sheriff entlarvt den Bösewicht:

„Der Provokateur glaubt immer schon zu wissen, was die Wahrheit des anderen ist, und er provoziert ihn solange, bis jener schließlich dem, was der andere von ihm glaubt, auch wirklich entspricht. Das negative Fremdbild, das der Provokation zugrunde liegt, wird durch die Technik der Provokation selbst bestätigt. Sie erzeugt den anderen als den, als den er entlarvt werden soll…“ (Paris 1998, 65)

Ich würde hier allerdings einwenden, dass Provokation auch als gezielte Eskalationsstrategie verstanden wird: Ich kann genau wissen, dass der Andere ein ruhiger Mensch ist und dass nur extreme Situationen ihn zu extremen Reaktionen verleiten. Einige Formen des Mobbing laufen hierauf hinaus.

Wenn Dritte bei der Provokation anwesend sind, und dass ist meistens der Fall, erhöhen sich gleichzeitig Chancen und Risiken des Provokateurs. Der Provokateur riskiert, durch Verbündete seines Gegners enttarnt und diskreditiert zu werden. Da es aber sein Ziel ist, den anderen „vorzuführen“, kann er schlecht auf Publikum verzichten. Hat es einen Normbruch gegeben, muss der Angegriffene einen größeren Normbruch verüben, der den ersten Normbruch in den Schatten stellt. In einigen amerikanischen Talkshows werden die Gegner durch den Talkmaster gezielt gegeneinander aufgehetzt, ohne das die beiden oder die Zuschauer die Inszenierung bemerken beziehungsweise die absichtliche Herbeiführung dieser Situation bewusst zur Kenntnis nehmen. 

2.3. Die Rolle des Publikums

Bei solchen Machtspielen ist die Rolle des Publikums eher zwiespältig. Das Gros der Zuschauer spielt keine Rolle (deshalb heißen sie auch Zuschauer).

Aber der Provokateur muss auch die Interpretationsmuster seiner Zuschauer kennen. Er läuft sonst Gefahr, dass seine Handlung als Provokation, als ein niedriger Akt erkannt und geahndet wird.  Andererseits kann es auch sein, dass eine Handlung, die nicht als Provokation gemeint war, vom Publikum als solche aufgefasst wird. Die Reaktion des anderen würde dann als legitim erachtet, weil er provoziert worden ist. Der Andere wiederum muss, wenn ihm die Ansichten des Publikums wichtig sind, seine Reaktion darauf abwägen, wie das Publikum sie interpretieren wird, schlechte Zeiten für Choleriker. Wenn man zum Beispiel unterschiedliche Presseberichte zu einer politischen Entscheidung betrachtet, wird diese Aktion von unterschiedlichen Beobachtern als Schwäche, Resignation oder Stärke ausgelegt. Genauso hätte man Nichthandeln als Demonstration von Stärke oder Schwäche interpretiert. Der Angegriffene muss also seine Reaktion sorgfältig abwägen. Besitzt er genug Erfahrung und Geschick, kann er die Situation einfach umdefinieren, und so seine eigene Realität durchsetzen.

Mit entsprechenden rhetorischen und geistigen Fähigkeiten lassen sich leicht Sympathien gewinnen, in diesem Falle ist die Schlacht bereits entschieden.

2.4. Provokation als die Waffe der Schwachen?

Paris meint, dass die Provokation eher in Beziehungen mit Machtgefällen auftreten und meistens von der schwächeren Seite angewandt werden (Paris 1998, 68). Eher nebenbei macht er eine in unserem Kontext wichtige Anmerkung:

„Für den angefochten Mächtige hingegen sind Provokationen oftmals durchaus opportun, wenn es darum geht, Sanktionsanlässe zu schaffen oder Legitimationsbarrieren wegzuräumen, die der Aktivierung der eigenen Machtressourcen im Wege stehen. Solche Provokationen von oben haben den klaren instrumentellen Sinn, die Anführer zu kriminalisieren und sozial auszugrenzen. Indem sie die Situation bewusst eskalieren, streben sie gleichzeitig, zumindest punktuell den Ausnahmezustand an… Freilich verweist die Tatsache, dass der Mächtige meist nicht selbst als Provokateur in Erscheinung tritt, sondern die schmutzige Arbeit von einem eingeschleusten agent provocateur erledigen lässt, darauf, mit welchem erheblichen Risiken diese Konfliktstrategie auch für den Mächtigen verhaftet ist.“ (Paris 1998, 68)

Wir werden später noch einmal darauf zurückkommen. Provokation ist also die Waffe des Schwachen, Er hat viel zu gewinnen und wenig zu verlieren, der Mächtige hingegen hat viel zu verlieren und wenig zu gewinnen. Seine Legitimität und seine Macht wird tollkühn in Frage gestellt. Reagiert er nicht angemessen darauf, droht ihm ein Gesichts- und damit Machtverlust, reagiert er unangemessen hart, kann auch dies seine Kompetenz, seine Macht und Autorität in Frage stellen („warum reagiert er so übertrieben, wenn er doch so stark ist?“). Auch die Notwendigkeit der Machtdemonstration kann als Zeichen von Schwäche oder Hilflosigkeit gedeutet werden.

Paris fasst abschließend zusammen:

„Provokationen sind Initiativen des Neuaushandelns von Normalität. Sie wollen Legitimität umverteilen und dadurch die Karten im Machtspiel neu mischen… Der vorsätzliche Normbruch kann den anderen in die Defensive drängen und den Provokateur, vor allem in den Augen Dritter moralisch aufwerten.  Ob aber die Gegenstigmatisierung des Mächtigen seine Macht auch auf Dauer unterhöhlt, wird zum einen von der Gesamtkonstellation der Kraftverhältnisse in der Figuration der allgemeinen Verteilung der Ressourcen und Machtmittel und des Zugriffs auf organisatorische Machtquellen abhängen und zum anderen nicht zuletzt dadurch entschieden, inwieweit die Provokation als Element einer übergreifenden Strategie der Gegenmacht gleichzeitig Ansprüche artikulieren, die prinzipiell verallgemeinerfähige Interessen repräsentieren.“ (Paris 1998, 71)

Im Klartext: Als Strategie zur Änderung der Machtverhältnisse dürfte Provokation in der Regel nicht ausreichen. Sie kann aber Teil einer größeren Strategie sein, also durchaus funktional in Verknüpfung mit anderen Machtmitteln. Offenbar benötigt man aber auch Verbündete, die dass angestrebte Ziel unterstützen.

3. Soziale Bewegungen als Provokation

In einem Staat, in dem eine stabile Rechtsordnung herrscht, kann man das Verstoßen gegen Gesetze als Systemprovokation bezeichnen. Die asymmetrische Machtverteilung Bürger gegen Staat sticht ins Auge, in jedem Vergehen steckt auch die Herausforderung an die Ordnungshüter („ihr kriegt mich sowieso nicht“), Ausnahmen sind Mundraub, spontane oder Affekt-Vergehen, die ja auch in Deutschland zumeist geringer geahndet werden. Eindeutig ist die Provokation beim zivilen Ungehorsam und des zivilen bewaffneten Kampfes gegen einen Staat (also Terrorismus oder neutraler Rebellion). Wir wollen im folgenden nicht auf moralische Wertungen oder auf Fragen a la „rechtfertigt der Zweck die Mittel“ eingehen. Was die USA, Israel oder Russland als Terrorismus bezeichnen, wird von anderen als Befreiungskampf gesehen. Es soll keine Gleichsetzung von gewaltloser oder gewalttätiger Methoden erfolgen.

Die beiden genannten Strategien ziviler Ungehorsam und Terrorismus zielen auf eine Veränderung des Systems, ohne das System direkt bekämpfen zu wollen oder zu können.

3.1. Der zivile Ungehorsam

Der zivile Ungehorsam zielt in der Regel nicht auf die Zerstörung des Systems, sondern auf langfristige Veränderung. Ausnahmen waren Indien und Südafrika, wo das System aber auch nicht einmal den Anschein von Legitimität genoss. Das System soll gewaltfrei, nicht unbedingt friedlich, herausgefordert werden. Das System seinerseits steht vor der Herausforderung, auf die Provokation zu reagieren. Die nicht ganz unbeteiligten Dritten sind die Bürger, also eine anonyme nicht handelnde Masse, sowie die veröffentlichte Meinung, die in der Regel aber nicht als neutrale Beobachter auftreten. Ziviler Ungehorsam versucht auf dem schmalen Grat zwischen Legalität und Illegalität zu balancieren. Einerseits kann gegen geltende Gesetze oder polizeiliche Anordnungen gezielt verstoßen werden andererseits wird auf Gewaltausübung explizit verzichtet. Das Ziel besteht nicht darin, eine repressive Handlung des Staates zu provozieren oder ins Gefängnis geworfen zu werden. Ein solches Ergebnis wird aber durchaus in Kauf genommen. 

Dem allmächtigen Staat soll eine Macht entgegengesetzt werden, über die er nicht ohne weiteres hinweggehen kann. Die Provokation besteht darin, gezielt die Macht des Staates in Frage zu stellen. Während die meisten Menschen sich an die Gesetze halten, aus ethischen Gründen oder aus Furcht vor Bestrafung, wird hier offen und gezielt die Staatsmacht herausgefordert. Henry David Thoreau, ein Vordenker des zivilen Ungehorsams, wurde für eine Nacht ins Gefängnis gesteckt, weil er die Steuern nicht bezahlt hatte, er behauptete zumindest, diese aus Prinzip (aus Protest gegen die Sklaverei und den Krieg gegen Mexiko) nicht bezahlt zu haben.

Soziale Bewegungen stellen ein Zeichen für eine Krise des politischen Systems dar, es wird ein Defizit wahrgenommen, ein Loch, dass gestopft werden soll. Dabei muss es sich nicht um soziale Missstände handeln, in den USA gibt es Gruppen, die für das Recht kämpfen, Waffen zu tragen, andere möchten in Kneipen und Restaurants rauchen oder ohne Helm und Gurt am Straßenverkehr teilnehmen. Um Druck auf die Regierung auszuüben, ist die Medienpräsenz am ehesten geeignet, hier wird Öffentlichkeit hergestellt. Die Regierung kann auf die Forderungen eingehen oder radikal dagegen angehen, so oder so ist sie zu einer Reaktion gezwungen. Die besten Chancen, einen Platz in der Tagesschau zu bekommen, hat man durch spektakuläre Aktionen, das ist spätestens seit der RAF klar, Greenpeace, attac und die Studentenproteste des letzten Jahres haben dies deutlich gemacht.

Nach Paris hat die Provokation eine Identität stiftende Funktion:

„Soziale Bewegungen brauchen handliche Gegner, und Provokationen stellen diese Handlichkeit her. indem sie den anderen als Gegner identifizieren, identifizieren sich die Akteure selbst als Bewegung. Dabei wird die Physiognomie des anderen in der Regel eine mittlere Kontur aufweisen: Er muss einerseits klar identifizierbar sein …, andererseits aber müssen seine Züge doch so sehr verschwimmen, dass Reaktionen von ihm, die nicht ins vorgegebene Raster passen, das negative Fremdbild nicht gefährden.“ (Paris 1998, 73)

Dies gilt nicht nur für soziale Gruppen, sondern auch für Massenmedien und Politik. Es ist bekannt, dass Regierungen gelegentlich agent provocateure nutzen, also Personen in Gruppen einschleusen, die dann die Gruppe zu Gewalttaten oder kriminellen Handlungen drängen. Der Staat kann sich dann als Retter präsentieren, ein repressives Vorgehen ist legitimiert. 

Die soziale Bewegung, die sich für zivilen Widerstand entscheidet, verfügt über keine großen Machtmittel. Die National Rifle Association in den USA hat eine starke Lobby, prominente Anhänger und viel Geld, sie braucht daher nicht auf die Straße zu gehen.

Das Problem ist natürlich klar. Eine erfolgreiche Provokation lässt sich nicht wiederholen. Entweder muss sie gesteigert werden oder sie verliert an Wirkung. Greenpeace kann zwar einen Walfänger besetzen und damit Aufmerksamkeit erheischen, würde Greenpeace das jede Woche tun, würde das Interesse schnell nachlassen, ganz abgesehen davon, dass die Gegenseite Maßnahmen ergreift, die einer Wiederholung schwierig oder unmöglich machen. Nach dem die „Montags-Demos“ eine Zeit lang die Nachrichten dominierten, verlieren diese wieder an Aufmerksamkeit.

Man könnte einwenden, dass die Demokratie andere, legale und weniger konfliktträchtige Mittel zur Verfügung stellt, um gegen unterstellte Ungerechtigkeiten vorzugehen. Briefe an den Abgeordneten, Unterschriftenlisten oder gar Klagen vor den Gerichten oder eine eigene Partei gründen. Allerdings sind diese Mittel schnell ausgeschöpft: Briefe können nicht gelesen oder beantwortet werden, Parteien gründen kostet Geld und Zeit, Klagen tun dies erst recht.

Die Bewegung selbst kann durch die Provokation ihre Identität aufbauen. Gemeinsam einsam, durch den gemeinschaftlichen Ungehorsam grenzt sich die Gruppe nach außen ab. 

Die Provokation kann auch als Mutprobe fungieren, um festzustellen, wer dazu gehört und Heuchler zu enttarnen.

Die Provokation war erfolgreich, wenn der Gegner „entlarvt“ worden ist. Während ein solcher Erfolg in einer Zweierkonstellation an der Reaktion des Publikums leicht feststellbar ist, lässt sich dies bei einer Provokation der Staatsgewalt weniger leicht beantworten. Reagieren die Staatsorgane mit Repression, könnte dies beweisen, das der Staat der eigentliche Bösewicht ist, den es zu bestrafen gilt. Gelingt es dem Staat jedoch, die Provokateure als Terroristen, als die eigentlichen Feinde der Gesellschaft darzustellen, erscheinen seine Repressionen ganz klar als angemessen, es wird dann noch immer Leute geben, die ein härteres Durchgreifen fordern. Das Beispiel Südafrika mag genügen: Der ANC begann eine Kampagne des passiven Widerstandes, der vom Staat massiv kriminalisiert und schließlich abgebrochen wurde. Vor nicht all zu langer Zeit reichte es aus, jemanden als Kommunisten zu bezeichnen, um dessen Ruf zu ruinieren. Andererseits können tatsächlich Veränderungen herbei geführt werden; zwar waren die Anti-Kriegs-Demonstrationen gegen den Irak-Krieg der USA nicht erfolgreich in dem Sinne, dass sie diesen Krieg verhindert hätten. Sie haben jedoch gezeigt, dass es vor allem Regierungen und nicht „das Volk“ waren, die diesen Krieg wollten; als indirekte Folge hat Spanien seine Regierung abgewählt, Bush und Blair wackeln zumindest, die USA haben an Ansehen kräftig einbebüßt.

3.2. Terrorismus

Der Terrorismus zielt darauf ab, das System mit Gewalt zu verändern. Dabei zielt er nicht auf eine militärische oder sonstige Konfrontation ab, er nutzt das Überraschungsmoment aus, um an einem Ort eine Aktion durchzuführen und sich danach zurückzuziehen. Das Ziel ist dabei, den Staat durch sich selbst zu Fall zu bringen:o

„Sie [die Terroristen] müssen, wie die einprägsame Metapher lautet, bewirken, dass er [der Staat] durch sein eigenes Gewicht zu Fall kommt. Konkret soll dies so aussehen, dass die Staatsführung durch terroristische Anschläge zu einer repressiven Überreaktion verleitet wird, die dann die angestrebte Volkserhebung auslöst. Waldmann 1998, 32

Die Guerillastrategie zielt hingegen auf eine militärische Konfrontation und die Vertreibung der Regierung ab. Waldmann setzt die Strategie der Terroristen in Bezug zu Paris´ Studie:

„Wer provoziert, sucht den Konflikt. Er visiert den Feind an, jedoch in einer spezifischen Weise: Indem er die andere Seite reizt, bis diese zum Gegenschlag ausholt, so dass es so aussieht, als sei sie der aggressive Part.“ (Waldmann 1998, 34)

Waldmann sieht drei Voraussetzungen für den Erfolg der Provokationsstrategie:

„Die Terroristen müssen, damit das „Provokations-Repressions-Schema“ in ihrem Sinne funktioniert, dafür sorgen:

– dass ihre Gewaltbotschaften eindeutig sind;

– dass sie von den anvisierten Adressatengruppen verstanden, d. h. dechiffriert werden.

– schließlich, dass diese willens und in der Lage sind, darauf so zu reagieren, wie sich dies die Gewaltaktivisten vorstellen.“ (Waldmann 1998 ,35)

Der 11. September 2001 ist leider nur begrenzt als Beispiel geeignet, das Problem besteht darin, dass die Motive der Täter unklar sind, wenn man davon ausgeht, dass diese Motive rational waren (was angesichts der exakten Planung und Finanzierung anzunehmen ist). Mit Sicherheit bestand das Ziel der Täter nicht darin, einen militärischen Angriff auf Afghanistan oder den Irak zu legitimieren. Die westlichen Medien und Diskussionen fixieren sich zu stark auf die Terroranschläge – von New York über Bali bis Madrid, es werden Zusammenhänge hergestellt, die zumindest fragwürdig sind. In den ärmeren Teilen der Welt liegt der Fokus auf der militärischen Strategie und der arroganten Rhetorik der USA. Unabhängig davon, welche Motive die Anschläge auf das WTC gehabt haben mögen, dreht sich hier die Rolle um: die Terroranschläge werden als einziges und daher legitimes Kampfmittel gegen die militärisch und ökonomisch Übermächtigen angesehen. Hinzu kommt eine fast schon imperialistische Rhetorik und der Versuch der wissenschaftlichen Rechtfertigung der amerikanischen Machtstrategie (Rumsfeld, Robert Kagan, Samuel Huntington, Brzezinski etc). [1] Die von den USA angeführten Kriege werden nicht als Folge des 11. September oder gar als Befreiungskriege gesehen, die Terroranschläge haben nur die wahren Absichten und Methoden der Imperialisten deutlich gemacht. Ein Drittel der Staatenwelt wird als potentielle Kriegsziele in Erwägung gezogen.

Eine der vielen Fehleinschätzungen der RAF basierte darauf, dass sie ihre Wirkung auf die als interessiert unterstellten Dritten und auf die Gesamtbevölkerung nicht einschätzen konnten. Daher blieben die beiden entscheidenen  Faktoren, die zu ihrem Erfolg hätten führen können aus:

„Die Vertreter des Staatsapparates müssen zu übertriebenen Abwehrmaßnahmen greifen. Und diese repressive Überreaktion muss dazu führen, dass der bis dahin passiven Bevölkerung klar wird, wie unerträglich ihre Lage ist. Nur dann macht sie mit den Terroristen gemeinsame Sache und sagt dem Regime den Kampf an. (Waldmann 1998 , 37)

Das Problem liegt darin, dass in demokratischen Regierungen repressive Maßnahmen schwerer durchzusetzen sind, wobei es da auch Ausnahmen gibt, wie etwa in Italien. Andererseits sind die Menschen eher träge, eine versammelte Menschenmasse lässt sich leicht aufpeitschen. Die Erregung über die abendlichen Nachrichten lässt meistens beim anschließenden Krimi nach. Last but not least gibt es hier eine Art Schweigespirale. Potentielle Sympathisanten schweigen lieber, um nicht die Schmähungen von Bekannten, Nachbarn, Arbeitskollegen etc. über sich ergehen zu lassen. Die entscheidende Schwäche der Terroristen liegt in ihrer Reaktionsabhängigkeit. Möglicherweise war der Anschlag auf das WTC eine Art Paukenschlag, mit dem der heilige Krieg der Gläubigen gegen den Westen eingeläutet werden sollte, in diesem Falle hätten sich die Anschläge in Ländern mit großer muslimischer Bevölkerung häufen müssen, was nicht der Fall war. Zwar wird der Staat für die Terroristen, Sympathisanten und Verdächtige tatsächlich zu der Repressionsmaschine, für die sie ihn halten, jedoch ist diese Zahl im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung so gering, dass sie nicht ins Gewicht fällt.

4. Zusammenfassung

Nach Dörner entscheidet sich die Größe der Komplexität einer Situation über die Zahl der relevanten Faktoren sowie deren Vernetztheit, d. h. wenn Faktor A beeinflusst wird, kann auch B sich verändern, oder umgekehrt. Provokation kann als komplexes Handlungsmuster beschrieben werden, die folgenden Faktoren müssen durch den Provokateur Berücksichtigung finden: Gehen wir davon aus, dass Provokateur und Provozierter ein soziales System bilden, dann besteht ihre Umwelt in den Zuschauern und der Umgebung. Für den Erfolg des Provokateurs sind folgende Fragen entscheidend:

1. A muss B gut genug kennen, um seine Mittel ökonomisch einsetzen zu können. Wenn er die magische Schwelle überschreitet, verliert er die Sympathie des Publikums.

2. B muss die Reaktion zeigen, die von A erwartet wird. Bleibt die von A intendierte „Selbstentblößung“ von B aus, muss A spontan einen neuen Plan entwerfen und immer noch darauf achten, nicht zu weit zu gehen.

3. Wenn B sich zu einer negativen Reaktion hinreißen lässt, bleibt noch die schwer einzuschätzende Reaktion des Publikums. Bekanntermaßen lassen sich Anwesende leicht durch eine ausgereifte Rhetorik und Gestus beeindrucken. Es kann aber passieren, dass die Sympathisanten von B die Aufmerksamkeit auf den Faupax von A, seinen Moralverstoß lenken. Die Provokation kann also erst erfolgreich sein, wenn die Absicht von A, B vor den Zuschauern zu diskreditieren, erfolgreich war. Ein solcher Erfolg währt selten besonders lang. Die Entrüstung ist groß, flammt aber sehr schnell wieder ab.

Mit diesem Schema können wir auch den relativen Erfolg von Terrorgruppen bzw. sozialen Bewegungen erklären. Die Tierschützer von PETA initiierten vor einiger Zeit eine Kampagne, in der sie versuchten, die landwirtschaftliche und wissenschaftliche Tierhaltung mit dem Holocaust gleichzusetzen. Die italienische Firma Benetton hat mit Kriegsbildern und Bildern AIDS-Kranker geworben. Publizität war ihnen sicher, vermutlich sind Spendenaufkommen, Mitgliederzahlen bzw. Verkaufszahlen auch angestiegen. Die RAF hat zumindest erreicht, dass ihre Führer, vor allem nach ihrer Verhaftung wie eine Mischung aus Robin Hood, Bonnie und Clyde und Nelson Mandela wirkten. Die zweite Generation arbeitete schließlich nur noch an deren Befreiung, mit dem Tod der Gefangenen endete auch die Geschichte der RAF. 

Dadurch wird auch deutlich, wie beschränkt die Provokation als Eskalationsstrategie wirksam ist. Greenpeace hat wohl festgestellt, dass man mit lokaler Arbeit mehr erreicht als mit PR-trächtigen Aktionen und auch Attac konnte sich nicht mehr auf die Wirkung seiner  Anfangszeit ausruhen.

Soziale Bewegungen können also Provokationen verwenden, um vom Staat und der Gesellschaft  die von ihnen gewünschten Veränderungen zu erreichen. Da ihre Machtmittel begrenzt sind und ihre Gegner nicht direkt angreifbar sind (was ist der „Staat“ und wo befindet sich die „Gesellschaft“?), können sie sich gezwungen sehen, über das indirekte Einwirken auf die öffentliche Meinung Einfluß zu nehmen, also im wesentlichen über die Massenmedien. Manches Ereignis findet nur statt, damit die Massenmedien darüber berichten können, viele Provokationen und viele Terroranschläge dienen ausschließlich oder in erster Linie dem Zweck, das jeweilige Ereignis in die Nachrichten zu bringen. Die Gruppe, die auf Dauer auf diese Strategie setzt, wird jedoch früher oder später aus dem Medienfokus verschwinden, weil Provokationen irgendwann ihre Wirkung verlieren.

5. Provokationen als ziviler Ungehorsam

Wie sich gezeigt hat, lassen sich viele Sachverhalte als Provokation bezeichnen, die man auch anders benennen könnte. Die Punks der 70er und 80er Jahre provozierten das Establishment, indem sie gegen bestimmte Normen von Kleidung und Aussehen systematisch verstießen. Jugendliche provozieren ihre Eltern, indem sie gegen deren Vorschriften rebellieren. Homosexuelle provozieren, indem sie in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen usw. In diesen Beispielen wird das positive an der Provokation hervorgehoben: Sie kann dem Zweck dienen, sich von Autoritäten zu befreien, alte und überkommene Konventionen zu brechen, mit ihnen kann auf Probleme und Doppelmoral aufmerksam gemacht werden, sie können zu Diskussionen und so zu einer Modernisierung der Gesellschaft führen. Die Schattenseite der Provokation ist vor allem darin zu sehen, dass der Provokateur das Risiko trägt, sich zu irren, dass seine Annahmen über den Gegner falsch sind oder das sein Verhalten erst den Gegner zu dem macht, für den er ihn gehalten hat (die selffullfilling prophecy). Erst die RAF hat den Anlass geliefert, das BKA auszubauen und Herolds Rasterfahndung salonfähig zu machen. Dennoch muss man sehen, dass in einer Welt, in der Konformismus und Gehorsam als Tugend gelten, in der die Bürger dem Staat immer ohnmächtiger gegenüber stehen und in der die Eliten jede Veränderung des Systems aus eigenen Interessen verhindern, der Ungehorsam und die Provokation die ungefährlichsten und erfolgversprechensten Mittel zur Veränderung der Gesellschaft darstellen. Wenn eine Gesellschaft tatsächlich ohne Krisen auskommt, liegt der Verdacht nahe, dass es um diese Gesellschaft nicht zum besten steht.

6. Literatur

Dörner, Dietrich (1999): Die Logik des misslingens – strategisches Denken im komplexen Situationen. Rowohlt-Verlag. Reinbek bei Hamburg

Paris, Rainer (1998): Stachel und Speer – Machtstudien. Suhrkamp. Frankfurt

>Thoreau, Henry David. Civil Disobidience.

Waldmann, Peter (1998): Terrorismus – Provokation der Macht. Gerling-Akademie-Verlag. München

Fünf Jahre verbloggt – eine Bestandsaufnahme

Schreibende HandOft fängt man etwas an ohne genau zu wissen, warum man es tut. Wenn man es Jahre später immer noch macht kann sich das ursprüngliche Motiv verändert haben. Ich blogge mittlerweile seit rund fünf Jahren und nutze eine Blogparade der Kollegin Alexandra Steiner, um eine kurze Bestandsaufnahme zu machen.

Wie es anfing

Wie wahrscheinlich die meisten Leute habe ich eher unbedarft mit dem Bloggen angefangen. Jedes Thema, was mir gerade durch den Kopf ging konnte verbloggt werden. In der Rückschau würde ich sagen, das meiste davon war Mist und man verpasst nichts, wenn diese Beiträge wieder verschwinden würden.

Erst vor vielleicht drei Jahren habe ich mich auf das Thema Barrierefreiheit für Behinderte eingeschossen. Das Problem der Barrierefreiheit im Besonderen und des Themas Behinderung im Allgemeinen ist der geschlossene Expertenkreis. Man diskutiert teilweise hochspezielle Probleme, die aber außerhalb der Peergroup niemanden interessieren. Da man sich aber immer in dieser Peergroup bewegt mekrt man das einfach nicht.

Das wollte ich angehen, in dem ich die Zugänglichkeit mit anderen Themen verknüpfte. Zum Beispiel wollte ich mit meinen Artikeln zu Ein- und Ausgabemethoden zeigen, dass jeder von Barrierefreiheit profitieren kann, weil er je nach seinen Vorlieben die beste Ein- und Ausgabemöglichkeit wählen kann, sofern diese Möglichkeiten universell zur Verfügung stehen. Wenn sie überall zur Verfügung stehen spielt es andererseits keine Rolle mehr, ob der Nutzer eine Behinderung hat oder nicht.

Das größte Problem beim Bloggen ist für mich nicht, dass ich kein Geld damit verdienen kann. Das wäre zwar nett, aber mit Barrierefreiheit kann man höchstens Werbung für Treppenlifte machen. Mich persönlich stört eher der Mangel an Feedback in Form von Kommentaren oder Mails. Dabei geht es weniger um Zuspruch oder Ablehnung: mir geht es eher darum zu erfahren, wo es den Leuten auf den Nägeln brennt, welche Probleme sie konkret haben und welche Fragen sie beantwortet haben wollen.

Auch von Behinderten kriege ich so gut wie kein Feedback. Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt mitlesen, vermutlich nicht. Das ist bedauerlich, denn woher soll ich über ihre Probleme erfahren wenn es nicht von ihnen kommt? Es ist bedauerlich, dass es kaum interessante Behindertenblogs gibt. Von den Blogs, die ich kenne finde ich die meisten zu subjektiv und auch zu pessimistisch. Man möchte die Schreiber spontan in den Arm nehmen und sie trösten, das war aber nicht das Bild, das wir von Behinderung vermitteln wollten oder? Natürlich können und sollen die Leute über ihre Probleme schreiben. Schwierig wird es dann, wenn sie verlangen, dass Behinderte nicht immer als Opfer dargestelt werden, sie selbst aber nichts anderes tun als sich als Opfer darzustellen. Nicht jeder hat eine Behinderung, aber jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Und wie geht es weiter

Ich stand ein paar mal davor, den Blog zu schließen. Man sieht es den Texten nicht an, aber oft stecken vier bis acht Stunden Arbeit in einem Beitrag. Diese Zeit fehlt für andere Projekte. Andererseits bleibt der Drang, bestimmte Sachen aufzuschreiben oder zu diskutieren. Ich bin fest überzeugt, dass jeder Text, der eine Botschaft von Belang enthält das Leben des Lesers zumindest minimal verändert. Manchmal braucht man vielleicht auch mehrere Anstöße und einer meinner Texte ist vielleicht einer dieser Mosaiksteine.

Ich glaube, jeder Blogger träumt davon, einen Schlüsseltext zu schreiben, der das Leben eines Lesers entscheidend verändert, auch wenn man das wahrscheinlich nie erfahren wird. Vielleicht schreiben wir deshalb unverdrossen weiter, auch wenn wir nie großes Feedback bekommen, unsere Leserzahlen minimal bleiben und unser Thema nischiger als nischig ist.

Hörensagen – was weißt du über den?

Am Mittwoch starb Steve Jobs. Nun habe ich persönlich mit dem Mann natürlich nichts zu tun gehabt. Aber ich werde immer zwei Dinge mit ihm verbinden:
Mit dem iPhone, dem iPad und dem Mac hat er einen großen Schritt Richtung Universal Access gemacht. Wenn Steve Jobs nicht an die Spitze von Apple zurückgekehrt wäre, ist es zweifelhaft, ob es das jemals gegeben hätte. Apple war bis dato ein teures Produkt, gekauft hauptsächlich von Designern und Leuten, die es sich leisten konnten. Mit den modernen Eingabehilfen sind alle Produkte von Apple mit aktuellen Betriebssystemen eine Plattform, die für viele Behinderte zugänglich ist.
Das zweite ist seine bekannte Rede an der Uni Yale. Man mag denken, dass das auch nur Imagepolitik war, aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtig ist, dass er die Leute damit berührt hat und wie viele Redner können das schon?Welcher Wall-Street-Banker würde ernsthaft sagen, dass man seinen Traum leben solle?

Was mich aber eigentlich zu diesem Beitrag bewegt ist die Frage, wie wir zu unserem Urteil über Menschen kommen. Jobs hat zu seinen Lebzeiten polarisiert, und er wird das in zehn Jahren noch tun. Kurioserweise kennen die meisten Kritiker ihn nicht persönlich.
Es ranken sich zahllose Anekdoten um berühmte Persönlichkeiten, die angeblich deren Charakter beschreiben. Oftmals wissen wir gar nicht mehr, wer diese Geschichten in die Welt gesetzt hat. Dann heißt es nur noch „Man erzählt sich“. Häufig genug dürfte es sich um Gegner oder frustrierte ehemalige Mitarbeiter handeln.
Im Grunde wissen wir also nicht, wie Jobs wirklich war und wir werden es nie wissen.
Mohandas Gandhi zum Beispiel war eine durchaus ambivalente Figur, wie er selbst in seiner Autobiographie deutlich macht.
Wir haben uns angewöhnt, durch Anekdoten über Menschen zu urteilen, wie orientieren uns nicht daran, was diese Menschen tatsächlich getan haben.
Es gibt etwas, was ich als die Ästhetik des Dagegenseins definieren würde. Wenn alle Welt behauptet, die Erde sei rund, dann würde es immer noch ein kleines Grüppchen geben, welche das Gegenteil behauptet. Die Freunde der Scheibenwelt würden sich je nach Gusto als kritische Geister, als eingeschworene Gemeinschaft oder als etwas Vergleichbares sehen. Wenn jemand sagt: „Alle sind der Meinung dass…“, juckt es euch da nicht auch in den Fingern zu sagen, ihr seid nicht dieser Meinung. Nicht, weil ihr wirklich dagegen seid, sondern weil das, was die Mehrheit annimmt, eigentlich falsch sein muss, weil wir ja klüger sind als die Masse und so weiter.

Erving Goffman – der Behindertenbeobachter

Ich glaube jeder von uns kennt Bücher, die seinem Leben eine neue Richtung gegeben haben. Manche finden zum Glauben, manche fallen davon ab. Viele werden zu Zynikern, andere finden ihr Herz für eine gute Sache.
Wenn ich auf mein kurzes Leben zurückblicke fallen mir drei Bücher ein, die mich fundamental beeinflusst haben.
Malcolm X Autobiographie zeigte mir, dass das Leben nichts wert ist, wenn man nicht bereit ist, für eine Sache einzutreten, wenn man von ihr überzeugt ist.
Henry David Thoreau zeigte mir in seinem Buch über den zivilen Ungehorsam, dass wir selbst unsere größten Sklaventreiber sind und dass die wahre Befreiung nur aus uns selbst kommen kann.
Erving Goffman zeigte in Stigma, dass Menschen so verletztlich sind, dass viele von ihnen Strategien entwickeln, um Angriffen zu entgehen. Wir verbergen die Verletzlichkeit hinter einem Panzer aus Gleichgültigkeit, Kaltherzigkeit, Ignoranz und Zynismus.
Goffman gehörte nicht zu den großen Soziologen, doch hatte er etwas, was vielen Sozialwissenschaftlern abging. Er hatte Beobachtungsgabe, Spürsinn und die nötige Sensibilität, um diese Fähigkeiten auch einzusetzen. Er beobachtete Menschen, die einen körperlichen Makel hatten und analysierte sehr scharf, welche Strategien sie einsetzen, um diesen Makel entweder zu verbergen oder zumindest Verletzungen durch andere Menschen vorzubeugen. Wir sagen immer, Kinder können grausam sein, aber wirklich grausam sind nur Erwachsene.
Ein Mann mit einer Gesichtsentstellung setzte sich immer so hin, dass ein Besucher seine Behinderung bereits vor dem Eintreten Sehen konnte. Er schützte sich damit vor dem abschätzigen oder angewiderten Blick, den viele Menschen für körperlich unversehrte übrig haben, bevor sie die Kontrolle über das Mienenspiel zurückgewinnen. Alle Menschen haben Angst davor, zurückgewiesen zu werden, aber niemand fürchtet sich so davor wie ein Behinderter.
Wenn du nur ein Buch über Behinderung lesen dürftest, dan empfehle ich goffmans Stigma.