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ReCap – Zukunftskongress der Inklusion

ZukunfskongressWer am 2. und 3. Dezember auf Twitter war und sich für Barrierefreiheit interessiert, hat sicher etwas vom Zukunftskongress Inklusion 2025 mitbekommen. Die Diskussionen waren recht vielfältig, so dass ich hier nur ein paar Gedankenfetzen auffangen möchte, mit denen wir als Accessibility-Experten und Interessierte uns schon heute beschäftigen werden müssen. Wenn die Videos im Internet stehen, werde ich hier darauf hinweisen.

Verschärft die Inklusion die Exklusion?

Wie so oft stellt sich auch bei der Barrierefreiheit die Frage, ob die Inklusion der Einen die Exklusion der Anderen verschärft.

So hat sich die Barrierefreiheit für blinde Menschen in den letzten 20 Jahren drastisch verbessert. Vor sechs Jahren hat noch niemand von einem ab Fabrik blindentauglichen Handy geträumt. Als ich 1996 das erste Mal alleine mit der Bahn fuhr, gab es kaum Durchsagen in den Bahnhöfen oder in den Zügen, heute gehören sie zum Standard.

Andererseits hat sich für Gehörlose, Lernbehinderte oder Taubblinde wesentlich weniger getan. In der BITV 2.0 werden sie kaum berücksichtigt, bei der Informationstechnik bleiben ihre Bedürfnisse im Wesentlichen unbeachtet und die Bahn scheint sie einfach zu ignorieren. Im Grunde befinden wir uns also in einer Situation, in der bestimmte Gruppen von Behinderten Anderen gegenüber privilegiert sind. Dafür werde wir Lösungen finden müssen.

Big Data – Geschenk oder Belastung?

Selbstvermessung und das Internet der Dinge versprechen den nächsten Schub bei der digitalen Barrierefreiheit.

So werden die Smartphones in der Lage sein, mit den Dingen in unserer Umgebung zu kommunizieren und so eine wesentlich genauere Standortbestimmung und Navigation zu ermöglichen. Jede Ampel und jeder Zebrastreifen kann seine eigene IP-Adresse bekommen und mich dadurch metergenau lotzen. Die Ampel sagt meinem Smartphone – oder was immer wir dann mit uns herumtragen – ob sie grün ist, Sensoren im Boden teilen mir mit, ob die Straße gerade frei ist. Die S-Bahn teilt mit, wohin sie fährt und das Gebäude, zu dem ich will beschreibt mir den schnellsten Weg, wie ich zu ihm komme. Das alles ist heute schon möglich und nur noch eine Frage des Aufbaus einer entsprechenden Infrastruktur und deren informationstechnischer Integration in ein Gesamtsystem.

Zugleich entsteht dadurch ein gewaltiger Berg an Daten, der dazu auch noch gespeichert werden kann. So wissen die Internet-Dinge, mit denen ich mich verbinde exakt, wo ich mich an einem bestimmten Zeitpunkt befinde, aus meiner Geschwindigkeit kann abgeleitet werden, ob ich es eilig habe oder eventuell krank bin und deshalb langsam gehe. Der Sexshop kann wissen, dass ich 20 Sekunden dort stehen geblieben bin und mir passende Werbung schicken etc. Dabei ist das einzelne Datum weniger wichtig als die sogenannten Meta-Daten und aggregierte statistische Daten, die Rüschlüsse auf die Motive des Einzelnen zulassen. Die Frage des Datenschutzes tut sich mehr denn je auf.

Ich muss sagen, dass ich da relativ unbedarft bin. Man kann natürlich datensparsam leben, nur noch ins Internet-Café gehen und Briefe statt Mails verschicken. Aber wenn Big Brother uns habe will, wird er auch unsere Briefe lesen, uns verwanzen und wir machen uns gerade dadurch verdächtig, dass wir dem digitalen Zeug aus dem Weg gehen. Die Frage ist nicht, ob wir Big Data wollen oder nicht, sondern nur noch, ob wir die Vorteile nutzen wollen, die daraus entstehen und ich werde diese Frage meistens mit “ja” beantworten.

Mehr Barrierefreiheit bedeutet mehr Selbstbestimmung

Ein Projekt beschäftigt sich damit, wie man CNC-Maschinen für Lernbehinderte zugänglich machen kann.

Der Hintergrund ist recht schnell erklärt. Die Massenproduktion ist heute im kleinen Maßstab nicht mehr rentabel. An deren Stelle tritt die Just-in-Time-Produktion von einzelnen, passgenauen Teilen. Die Stückkosten sind einerseits höher, andererseits kann dadurch auch wesentlich mehr verdient werden. Die Massenproduktion lässt sich weitgehend automatisieren, während bei der Einzelstück-Produktion Menschen verlangt werden, eine interessante Möglichkeit für Behinderten-Werkstätten und andere Produktionsstätten, in denen Lernbehinderte beschäftigt werden. Damit das funktioniert, müssen die Maschinen so gestaltet sein, dass sie von ihnen bedient werden können.

Hier wird spannend sein zu sehen, wie sich die Selbstbestimmung verbessert. Schon heute hat der Chef in konventionellen Betrieben nur koordinierende Aufgaben, während das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter steckt. In den Behindertenwerkstätten scheint das bisher nicht der Fall zu sein – das vermute ich zumindest, mir fehlt der tiefere Einblick in diese Strukturen.

Hier könnte die Machtverschiebung besonders interessant sein. Lernbehinderte bekommen über die Kontrolle der Maschinen die Kontrolle über den Produktionsprozess. Wenn sie noch die Qualitätssicherung übernehmen, haben die Werkleiter nur noch die Aufgabe, die Maschinen in Schuss zu halten oder sich um die Auftragsabwicklung zu kümmern. Abgesehen davon werden auch normale Gehälter für die Angestellten möglich. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die großen Träger heute von den Behindertenwerkstätten profitieren – ganz zu schweigen von anderen Behinderten-Einrichtungen – und genau besehen kein Interesse an der Inklusion und der Auflösung dieser Organisationen haben. Während die Verwaltungsangestellten aber gutes Geld verdienen, leben die Werkstatt-Angestellten auf dem Niveau der Grundsicherung.

Welchen Beitrag sollten Behinderte zur Inklusion leisten?

Im Abschluss-Plenum wurde die Frage gestellt, welchen Beitrag Behinderte zur Inklusion leisten können und müssen. Raul und andere Prominente aus der Behinderten-Szene vertreten die Ansicht, dass die Gesellschaft in der Bringschuld ist, eine Meinung, die ich bekanntermaßen nicht teile. Ich meine, dass jeder Behinderte das leisten muss, was in seinen Möglichkeiten liegt. Dass man diese Möglichkeiten von Seiten der Verantwortungsträger für viele Gruppen verbessern muss, steht außer Frage. Schaut man sich die teils miserable digitale Infrastruktur z.B. beim eGoverment an könnte man meinen, in der Prä-WCAG-Ära zu leben.

Wenn ich aber andererseits sehe, dass viele Behinderte vorhandene Möglichkeiten nicht nutzen, muss ich leider konstatieren, dass Viele das Inklusions-Angebot gar nicht wahrnehmen wollen. Das ist natürlich die Entscheidung jedes Einzelnen, man kann niemanden zur Inklusion zwingen, die Person kann sich dann aber auch nicht über mangelnde Exklusion beschweren.

Inklusion von unten – wir sind die Zukunft

In einem älteren Beitrag habe ich gezeigt, wie jeder zur Barrierefreiheit beitragen kann. Heute wiederhole ich das gleiche Spiel für die Inklusion, das gleichberechtigte Zusammenleben von Behinderten und Nicht-Behinderten – das ist ein Beitrag zur aktuellen Blog-Parade der Aktion Mensch Inklusion 2025. Ein Resümee gibt es hier.

Inklusion Top-Down

Die diversen Regierungen und NGOs tun recht viel für die Inklusion. Nicht nur, dass sie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert haben – ein schönes Wort. Sie machen auch Aktionspläne, erstellen regelmäßige Berichte und Schatten-Berichte – äh ja.

Mit anderen Worten: Man kann als Behinderter ein Leben lang durch die Weltgeschichte spazieren, ohne etwas von diesen Aktivitäten mitzubekommen und man kann sogar Paris sehen und sterben, ohne zu wissen, was ein Aktionsplan oder ein Schattenbericht sein soll.

Hingehen, wo es manchmal riecht

Währenddessen kocht es an vielen Orten, wo behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollen. Hier und nicht in Berlin werden die entscheidenden Kämpfe ausgetragen, wenn es um die Zukunft der Inklusion geht. Die behinderten Schüler von heute werden – das hoffe ich zumindest – ganz selbstverständlich mit Nicht-Behinderten aufwachsen. Deren Eltern – die Entscheidungsträger und Führungskräfte von morgen, werden schon in naher Zukunft darüber entscheiden können, ob sie einen Job an einen Behinderten geben, ihn als Arbeitskollegen oder Mieter haben wollen.

Es ist also weniger der Teilhabe-Bericht als die behinderten Kinder vor Ort, die die meiste Entscheidungsarbeit leisten. Sie überzeugen durch ihre pure Anwesenheit, wenn sie schreiend mit ihren Schulkameraden über den Schulhof toben. Nicht nur die behinderten Kinder, auch ihre nicht-behinderten Mitschüler werden ganz anders mit Behinderten umgehen, als es die heute Erwachsenen tun.

Niemand kann erwarten, dass das Ganze konfliktfrei abläuft. Alle großen Veränderungen gehen mit Zwistigkeiten einher, die für viele der Beteiligten auch anstrengend oder schmerzhaft sind. Am Ende wird aber – darauf kommt es an – etwas heraus kommen, was für alle Beteiligten besser ist als die Gegenwart. Und was ist schon ein Sieg, für ddn man sich nicht anstrengen musste – gar nichts.

Was nicht inklusiv ist, wird inklusiv gemacht

Junge Behinderte sind immer weniger bereit, spezielle Angebote für Behinderte in Anspruch zu nehmen. Stattdessen gehen sie einfach in den nächstbesten Sportclub und fragen, warum es keine Rampe oder inklusive Gruppe gibt. Und oftmals rennen sie angelehnte Türen ein.

Wenn man sich ein wenig umschaut bekommt man schnell den Eindruck, viele Behinderte würden die Geellschaft als Feind betrachten. Hat mich der Typ jetzt über den Haufen gerannt, weil ich blind bin? Nein, vermutlich ist er nur ein ignorantes Arschloch, dass jeden Anderen auch über den Haufen gerannt hätten. Oder er ist zu dumm, um einen Blindenstock zu erkennen, auch das kommt vor. Aber den meisten Menschen ist es egal, ob jemand behindert ist oder nicht und Viele sind offen dafür, Behinderten entgegenzukommen, wenn man ihnen nicht ins Gesicht keift.

Dieser Dogmatismus “Sei lieb zu mir oder du bist ein Behindertenfeind” ist für junge Behinderte nicht mehr angesagt. Sie gehen mit ihrer Behinderung sehr offen um, sind bereit, anderen bei der Inklusion auf die Sprünge zu helfen und können auch damit leben, wenn jemand Behinderte offensichtlich nicht leiden kann.

Jeder von uns kann also zur Inklusion beitragen und sollte es auch tun, denn die Inklusion wird sich nicht von selbst einstellen. Wir betreten Neuland, wie unsere Kanzlerin sagen würde und es spricht nichts dagegen, auch Spaß dabei zu haben.

Provokation – Analyse eines sozialen Verhaltens

▪1. Einleitung

▪2. Provokation: Definition und Abgrenzung

▪2.1. Definition

▪2.2. Die Reaktion des Anderen

▪2.3. Die Rolle des Publikums

▪2.4. Provokation als die Waffe der Schwachen

▪3. Soziale Bewegungen als Provokation

▪3.1. Der zivile Ungehorsam

▪3.2. Terrorismus

▪4. Zusammenfassung

▪5. Provokationen als ziviler Ungehorsam

▪6. Literatur
1. Einleitung

Wir werden uns hier mit dem Thema der Provokation befassen. Die Provokation ist eine manipulative Strategie, ähnlich wie bei der Intrige oder der Verschwörung wird versucht, jemanden zu einem Verhalten oder zu einer Handlung zu bringen, welche er ohne die Intervention nicht oder nicht so gezeigt hätte. Es wäre interessant gewesen, solche Strategien im Zusammenhang zu untersuchen, leider reicht der Platz in einer Hausarbeit hierfür nicht aus.

Bei dieser Untersuchung stützen wir uns hauptsächlich auf den einschlägigen Aufsatz von Rainer Paris. Wir werden zunächst die wesentlichen Merkmale der Provokation darstellen. Der Hauptteil der Arbeit besteht in dem Versuch, soziale Bewegungen als Provokation des Staates und der Gesellschaft mit dem Ziel der Veränderung derselben zu beschreiben. Am Ende wird die Frage von Vor- und Nachteilen dieser Strategie stehen.

2. Provokation: Definition und Abgrenzung

Die Provokation dient vorallem  der Selbstbestätigung der subjektiven Realitätskonstruktion:

„Sie [die Provokationen] sind strategische Elemente der kollektiven Aktion und Grundmuster einer symbolischen Praxis, in der sich die Akteure ihrer Fremd- und Selbstbilder vergewissern, ihre Realitätskonstruktionen schützen und die Bewegung in Bewegung halten. Provokationen sind ebenso Methoden der Selbstdarstellung wie der Eskalation von Konflikten… Als Medium der Zuweisung von Identitäten eignen sich Provokationen besonders deshalb, weil sie Auslöser und Verstärker zirkulärer sozialer Konflikte sind. Provokationen fordern Reaktionen heraus, die ihrerseits wieder als Provokationen aufgefasst werden können… Es gibt eine Dynamik der Provokation, die, einmal in Gang gesetzt, die Akteure „automatisch“ in typische Zugzwänge bringt…“ (Paris 1998, 57)

Auf den Punkt der Identitätsstiftung durch Provokation werden wir später noch einmal zurückkommen.

2.1. Definition

Paris definiert Provokation als:

„… einen absichtlich herbeigeführten überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch diskreditiert und entlarvt.“ (Paris 1998, 58)

Der Normbruch ist die Verletzung von Regeln des jeweiligen sozialen Systems. Allerdings muss man hier zwischen vorsätzlichem und fahrlässigem Normbruch unterscheiden. In bestimmten Kulturkreisen kann die Ausführung oder Unterlassung einer bestimmten Geste als Beleidigung oder Provokation (als Herausforderung der Autorität des anderen) verstanden werden. Wer allerdings die Regeln des sozialen Systems nicht kennt, hat vermutlich nicht die Absicht gehabt, den anderen herauszufordern. Der Akteur muss also sein Gegenüber gut genug kennen, um dessen „weiche“ Stelle aufzuspüren und gezielt anzugreifen.

Wie die meisten Handlungen ist die Provokation auf Sparsamkeit  aus (mit möglichst geringem Aufwand eine möglichst große Wirkung erzielen). 

Der Provokateur legt es allerdings darauf an, dass nicht er, sondern der andere als Normbrecher dasteht.

„[Der Provokateur} nimmt ein Stigma auf sich, er stigmatisiert sich selbst. Gleichzeitig aber ist es das Ziel der Provokation, Stigmata abzuwerfen und auf andere umzuwälzen. Nicht der Normbrecher, sondern die Normhüter und –durchsetzer sollen letztlich als die eigentlich Schuldigen dastehen.“ (Paris 1998, 58)

Hierin zeigt sich das Subtile  provokativen Verhaltens. Anstatt den anderen offensiv anzugreifen, provoziert man den Angriff des anderen, man kann sich als Opfer des anderen darstellen.

Paris meint, dass auch die Überraschung entscheidend für den Erfolg ist. Erwartet der Provozierte die Provokation, ist sie also nicht überraschend, ist er darauf vorbereitet und kann die Attacke abwehren oder ignorieren. Die Überraschung bezieht sich meistens auf die jeweilige Situation, denn geschickte Provokationen setzen eine längere Bekanntschaft voraus, eine wahrscheinlich konfliktträchtige Beziehung, so dass ein Angriff nicht vollkommen überraschend sein dürfte.

Der Provokateur kann, wenn seine Handlung erfolgreich war, er aber trotzdem erwischt wird, seine Handlung als legitim erscheinen lassen, angesichts der Handlung des anderen: „Mein Verhalten war vielleicht falsch, aber seht doch mal, wie er reagiert!“. Das ist natürlich keine gültige Argumentation, weil nicht bewiesen werden kann, dass die Reaktion des anderen so erfolgt wäre, wenn der Akteur nicht herausgefordert worden wäre. . In den Massenmedien lässt sich aber eine solche Argumentationsform häufig finden. Einfacher ist es, den anderen von vorneherein als den Bösen darzustellen, als der er enttarnt werden soll, der Zweck legitimiert die Mittel.

2.2. Die Reaktion des Anderen

Eine Provokation kommt nur zustande, wenn der Andere versteht und annimmt, er muss verstehen, dass er angegriffen wurde und die Herausforderung annehmen, indem er reagiert:

„Von einer bestimmten Eskalationsschwelle an entsteht ein Bedarf nach Provokationen der Gegenseite, um selbst endlich losschlagen zu können. Der andere soll den Anlass liefern für den eigenen Angriff. Man erklärt das, was er tut zu einer Provokation oder provoziert selbst eine Provokation, um guten Gewissens angreifen zu können. Mit dem Ausbruch des Konfliktes hat die Provokation ihr erstes Ziel erreicht.“ (Paris 1998, 62)

Eine Provokation ist dann erfolgreich, wenn der andere zu einer Reaktion genötigt worden ist. Reagiert der Andere nicht, steht der Provokateur als Verlierer, als Dummkopf da. Natürlich kann eine Provokation auch pariert werden, in diesem Falle erkennt man allerdings den anderen als Gegner an. Man läuft außerdem Gefahr, durch seine Reaktion den anderen zu weiteren Sticheleien zu ermuntern und so eventuell doch noch zu verlieren.

Hat der Gegner die Handlung des anderen als Provokation erkannt (auch wenn es keine war), kann jede weitere Handlung des anderen (Beschwichtigung, Leugnung etc.) als Provokation aufgefasst werden. Die Teilnehmer an der Kommunikation sind in einer Art von Teufelskreis gefangen, aus dem sie nur schwer ohne Gesichtsverlust heraustreten können.

Scheitert die Provokation, kann sich der Angreifer dazu entschließen, die Intensität der Provokation stufenweise zu erhöhen. Er riskiert damit, dass er selbst, sein Gegner oder ein Dritter seine Motive oder Strategien aufdeckt; er selbst kann unvorsichtig werden, die anderen werden seine Strategie aufdecken wollen, um ihn zu diskreditieren. Eine Provokation kann, eventuell beabsichtigt, in körperliche Gewalt ausarten. Auch kann er sich selbst zu einer emotionalen und daher gefährlichen Reaktion hinreißen lassen.

Die beste Gegenstrategie besteht darin, den Provokateur als Normbrecher oder eben als Provokateur zu entlarven, so kann man sich selbst als Moralisten und Opfer hochstilisieren.  

Provokation als die Erzeugung des anderen

Ziel der Provokation ist es, den anderen als den darzustellen, der er in den Augen des Provokateurs ist, die Provokation ist also nicht nur eine Technik der Selbstdarstellung, sondern auch der Darstellung des Anderen. Dadurch wird auch das Selbstbild gestärkt, der gute Sheriff entlarvt den Bösewicht:

„Der Provokateur glaubt immer schon zu wissen, was die Wahrheit des anderen ist, und er provoziert ihn solange, bis jener schließlich dem, was der andere von ihm glaubt, auch wirklich entspricht. Das negative Fremdbild, das der Provokation zugrunde liegt, wird durch die Technik der Provokation selbst bestätigt. Sie erzeugt den anderen als den, als den er entlarvt werden soll…“ (Paris 1998, 65)

Ich würde hier allerdings einwenden, dass Provokation auch als gezielte Eskalationsstrategie verstanden wird: Ich kann genau wissen, dass der Andere ein ruhiger Mensch ist und dass nur extreme Situationen ihn zu extremen Reaktionen verleiten. Einige Formen des Mobbing laufen hierauf hinaus.

Wenn Dritte bei der Provokation anwesend sind, und dass ist meistens der Fall, erhöhen sich gleichzeitig Chancen und Risiken des Provokateurs. Der Provokateur riskiert, durch Verbündete seines Gegners enttarnt und diskreditiert zu werden. Da es aber sein Ziel ist, den anderen „vorzuführen“, kann er schlecht auf Publikum verzichten. Hat es einen Normbruch gegeben, muss der Angegriffene einen größeren Normbruch verüben, der den ersten Normbruch in den Schatten stellt. In einigen amerikanischen Talkshows werden die Gegner durch den Talkmaster gezielt gegeneinander aufgehetzt, ohne das die beiden oder die Zuschauer die Inszenierung bemerken beziehungsweise die absichtliche Herbeiführung dieser Situation bewusst zur Kenntnis nehmen. 

2.3. Die Rolle des Publikums

Bei solchen Machtspielen ist die Rolle des Publikums eher zwiespältig. Das Gros der Zuschauer spielt keine Rolle (deshalb heißen sie auch Zuschauer).

Aber der Provokateur muss auch die Interpretationsmuster seiner Zuschauer kennen. Er läuft sonst Gefahr, dass seine Handlung als Provokation, als ein niedriger Akt erkannt und geahndet wird.  Andererseits kann es auch sein, dass eine Handlung, die nicht als Provokation gemeint war, vom Publikum als solche aufgefasst wird. Die Reaktion des anderen würde dann als legitim erachtet, weil er provoziert worden ist. Der Andere wiederum muss, wenn ihm die Ansichten des Publikums wichtig sind, seine Reaktion darauf abwägen, wie das Publikum sie interpretieren wird, schlechte Zeiten für Choleriker. Wenn man zum Beispiel unterschiedliche Presseberichte zu einer politischen Entscheidung betrachtet, wird diese Aktion von unterschiedlichen Beobachtern als Schwäche, Resignation oder Stärke ausgelegt. Genauso hätte man Nichthandeln als Demonstration von Stärke oder Schwäche interpretiert. Der Angegriffene muss also seine Reaktion sorgfältig abwägen. Besitzt er genug Erfahrung und Geschick, kann er die Situation einfach umdefinieren, und so seine eigene Realität durchsetzen.

Mit entsprechenden rhetorischen und geistigen Fähigkeiten lassen sich leicht Sympathien gewinnen, in diesem Falle ist die Schlacht bereits entschieden.

2.4. Provokation als die Waffe der Schwachen?

Paris meint, dass die Provokation eher in Beziehungen mit Machtgefällen auftreten und meistens von der schwächeren Seite angewandt werden (Paris 1998, 68). Eher nebenbei macht er eine in unserem Kontext wichtige Anmerkung:

„Für den angefochten Mächtige hingegen sind Provokationen oftmals durchaus opportun, wenn es darum geht, Sanktionsanlässe zu schaffen oder Legitimationsbarrieren wegzuräumen, die der Aktivierung der eigenen Machtressourcen im Wege stehen. Solche Provokationen von oben haben den klaren instrumentellen Sinn, die Anführer zu kriminalisieren und sozial auszugrenzen. Indem sie die Situation bewusst eskalieren, streben sie gleichzeitig, zumindest punktuell den Ausnahmezustand an… Freilich verweist die Tatsache, dass der Mächtige meist nicht selbst als Provokateur in Erscheinung tritt, sondern die schmutzige Arbeit von einem eingeschleusten agent provocateur erledigen lässt, darauf, mit welchem erheblichen Risiken diese Konfliktstrategie auch für den Mächtigen verhaftet ist.“ (Paris 1998, 68)

Wir werden später noch einmal darauf zurückkommen. Provokation ist also die Waffe des Schwachen, Er hat viel zu gewinnen und wenig zu verlieren, der Mächtige hingegen hat viel zu verlieren und wenig zu gewinnen. Seine Legitimität und seine Macht wird tollkühn in Frage gestellt. Reagiert er nicht angemessen darauf, droht ihm ein Gesichts- und damit Machtverlust, reagiert er unangemessen hart, kann auch dies seine Kompetenz, seine Macht und Autorität in Frage stellen („warum reagiert er so übertrieben, wenn er doch so stark ist?“). Auch die Notwendigkeit der Machtdemonstration kann als Zeichen von Schwäche oder Hilflosigkeit gedeutet werden.

Paris fasst abschließend zusammen:

„Provokationen sind Initiativen des Neuaushandelns von Normalität. Sie wollen Legitimität umverteilen und dadurch die Karten im Machtspiel neu mischen… Der vorsätzliche Normbruch kann den anderen in die Defensive drängen und den Provokateur, vor allem in den Augen Dritter moralisch aufwerten.  Ob aber die Gegenstigmatisierung des Mächtigen seine Macht auch auf Dauer unterhöhlt, wird zum einen von der Gesamtkonstellation der Kraftverhältnisse in der Figuration der allgemeinen Verteilung der Ressourcen und Machtmittel und des Zugriffs auf organisatorische Machtquellen abhängen und zum anderen nicht zuletzt dadurch entschieden, inwieweit die Provokation als Element einer übergreifenden Strategie der Gegenmacht gleichzeitig Ansprüche artikulieren, die prinzipiell verallgemeinerfähige Interessen repräsentieren.“ (Paris 1998, 71)

Im Klartext: Als Strategie zur Änderung der Machtverhältnisse dürfte Provokation in der Regel nicht ausreichen. Sie kann aber Teil einer größeren Strategie sein, also durchaus funktional in Verknüpfung mit anderen Machtmitteln. Offenbar benötigt man aber auch Verbündete, die dass angestrebte Ziel unterstützen.

3. Soziale Bewegungen als Provokation

In einem Staat, in dem eine stabile Rechtsordnung herrscht, kann man das Verstoßen gegen Gesetze als Systemprovokation bezeichnen. Die asymmetrische Machtverteilung Bürger gegen Staat sticht ins Auge, in jedem Vergehen steckt auch die Herausforderung an die Ordnungshüter („ihr kriegt mich sowieso nicht“), Ausnahmen sind Mundraub, spontane oder Affekt-Vergehen, die ja auch in Deutschland zumeist geringer geahndet werden. Eindeutig ist die Provokation beim zivilen Ungehorsam und des zivilen bewaffneten Kampfes gegen einen Staat (also Terrorismus oder neutraler Rebellion). Wir wollen im folgenden nicht auf moralische Wertungen oder auf Fragen a la „rechtfertigt der Zweck die Mittel“ eingehen. Was die USA, Israel oder Russland als Terrorismus bezeichnen, wird von anderen als Befreiungskampf gesehen. Es soll keine Gleichsetzung von gewaltloser oder gewalttätiger Methoden erfolgen.

Die beiden genannten Strategien ziviler Ungehorsam und Terrorismus zielen auf eine Veränderung des Systems, ohne das System direkt bekämpfen zu wollen oder zu können.

3.1. Der zivile Ungehorsam

Der zivile Ungehorsam zielt in der Regel nicht auf die Zerstörung des Systems, sondern auf langfristige Veränderung. Ausnahmen waren Indien und Südafrika, wo das System aber auch nicht einmal den Anschein von Legitimität genoss. Das System soll gewaltfrei, nicht unbedingt friedlich, herausgefordert werden. Das System seinerseits steht vor der Herausforderung, auf die Provokation zu reagieren. Die nicht ganz unbeteiligten Dritten sind die Bürger, also eine anonyme nicht handelnde Masse, sowie die veröffentlichte Meinung, die in der Regel aber nicht als neutrale Beobachter auftreten. Ziviler Ungehorsam versucht auf dem schmalen Grat zwischen Legalität und Illegalität zu balancieren. Einerseits kann gegen geltende Gesetze oder polizeiliche Anordnungen gezielt verstoßen werden andererseits wird auf Gewaltausübung explizit verzichtet. Das Ziel besteht nicht darin, eine repressive Handlung des Staates zu provozieren oder ins Gefängnis geworfen zu werden. Ein solches Ergebnis wird aber durchaus in Kauf genommen. 

Dem allmächtigen Staat soll eine Macht entgegengesetzt werden, über die er nicht ohne weiteres hinweggehen kann. Die Provokation besteht darin, gezielt die Macht des Staates in Frage zu stellen. Während die meisten Menschen sich an die Gesetze halten, aus ethischen Gründen oder aus Furcht vor Bestrafung, wird hier offen und gezielt die Staatsmacht herausgefordert. Henry David Thoreau, ein Vordenker des zivilen Ungehorsams, wurde für eine Nacht ins Gefängnis gesteckt, weil er die Steuern nicht bezahlt hatte, er behauptete zumindest, diese aus Prinzip (aus Protest gegen die Sklaverei und den Krieg gegen Mexiko) nicht bezahlt zu haben.

Soziale Bewegungen stellen ein Zeichen für eine Krise des politischen Systems dar, es wird ein Defizit wahrgenommen, ein Loch, dass gestopft werden soll. Dabei muss es sich nicht um soziale Missstände handeln, in den USA gibt es Gruppen, die für das Recht kämpfen, Waffen zu tragen, andere möchten in Kneipen und Restaurants rauchen oder ohne Helm und Gurt am Straßenverkehr teilnehmen. Um Druck auf die Regierung auszuüben, ist die Medienpräsenz am ehesten geeignet, hier wird Öffentlichkeit hergestellt. Die Regierung kann auf die Forderungen eingehen oder radikal dagegen angehen, so oder so ist sie zu einer Reaktion gezwungen. Die besten Chancen, einen Platz in der Tagesschau zu bekommen, hat man durch spektakuläre Aktionen, das ist spätestens seit der RAF klar, Greenpeace, attac und die Studentenproteste des letzten Jahres haben dies deutlich gemacht.

Nach Paris hat die Provokation eine Identität stiftende Funktion:

„Soziale Bewegungen brauchen handliche Gegner, und Provokationen stellen diese Handlichkeit her. indem sie den anderen als Gegner identifizieren, identifizieren sich die Akteure selbst als Bewegung. Dabei wird die Physiognomie des anderen in der Regel eine mittlere Kontur aufweisen: Er muss einerseits klar identifizierbar sein …, andererseits aber müssen seine Züge doch so sehr verschwimmen, dass Reaktionen von ihm, die nicht ins vorgegebene Raster passen, das negative Fremdbild nicht gefährden.“ (Paris 1998, 73)

Dies gilt nicht nur für soziale Gruppen, sondern auch für Massenmedien und Politik. Es ist bekannt, dass Regierungen gelegentlich agent provocateure nutzen, also Personen in Gruppen einschleusen, die dann die Gruppe zu Gewalttaten oder kriminellen Handlungen drängen. Der Staat kann sich dann als Retter präsentieren, ein repressives Vorgehen ist legitimiert. 

Die soziale Bewegung, die sich für zivilen Widerstand entscheidet, verfügt über keine großen Machtmittel. Die National Rifle Association in den USA hat eine starke Lobby, prominente Anhänger und viel Geld, sie braucht daher nicht auf die Straße zu gehen.

Das Problem ist natürlich klar. Eine erfolgreiche Provokation lässt sich nicht wiederholen. Entweder muss sie gesteigert werden oder sie verliert an Wirkung. Greenpeace kann zwar einen Walfänger besetzen und damit Aufmerksamkeit erheischen, würde Greenpeace das jede Woche tun, würde das Interesse schnell nachlassen, ganz abgesehen davon, dass die Gegenseite Maßnahmen ergreift, die einer Wiederholung schwierig oder unmöglich machen. Nach dem die „Montags-Demos“ eine Zeit lang die Nachrichten dominierten, verlieren diese wieder an Aufmerksamkeit.

Man könnte einwenden, dass die Demokratie andere, legale und weniger konfliktträchtige Mittel zur Verfügung stellt, um gegen unterstellte Ungerechtigkeiten vorzugehen. Briefe an den Abgeordneten, Unterschriftenlisten oder gar Klagen vor den Gerichten oder eine eigene Partei gründen. Allerdings sind diese Mittel schnell ausgeschöpft: Briefe können nicht gelesen oder beantwortet werden, Parteien gründen kostet Geld und Zeit, Klagen tun dies erst recht.

Die Bewegung selbst kann durch die Provokation ihre Identität aufbauen. Gemeinsam einsam, durch den gemeinschaftlichen Ungehorsam grenzt sich die Gruppe nach außen ab. 

Die Provokation kann auch als Mutprobe fungieren, um festzustellen, wer dazu gehört und Heuchler zu enttarnen.

Die Provokation war erfolgreich, wenn der Gegner „entlarvt“ worden ist. Während ein solcher Erfolg in einer Zweierkonstellation an der Reaktion des Publikums leicht feststellbar ist, lässt sich dies bei einer Provokation der Staatsgewalt weniger leicht beantworten. Reagieren die Staatsorgane mit Repression, könnte dies beweisen, das der Staat der eigentliche Bösewicht ist, den es zu bestrafen gilt. Gelingt es dem Staat jedoch, die Provokateure als Terroristen, als die eigentlichen Feinde der Gesellschaft darzustellen, erscheinen seine Repressionen ganz klar als angemessen, es wird dann noch immer Leute geben, die ein härteres Durchgreifen fordern. Das Beispiel Südafrika mag genügen: Der ANC begann eine Kampagne des passiven Widerstandes, der vom Staat massiv kriminalisiert und schließlich abgebrochen wurde. Vor nicht all zu langer Zeit reichte es aus, jemanden als Kommunisten zu bezeichnen, um dessen Ruf zu ruinieren. Andererseits können tatsächlich Veränderungen herbei geführt werden; zwar waren die Anti-Kriegs-Demonstrationen gegen den Irak-Krieg der USA nicht erfolgreich in dem Sinne, dass sie diesen Krieg verhindert hätten. Sie haben jedoch gezeigt, dass es vor allem Regierungen und nicht „das Volk“ waren, die diesen Krieg wollten; als indirekte Folge hat Spanien seine Regierung abgewählt, Bush und Blair wackeln zumindest, die USA haben an Ansehen kräftig einbebüßt.

3.2. Terrorismus

Der Terrorismus zielt darauf ab, das System mit Gewalt zu verändern. Dabei zielt er nicht auf eine militärische oder sonstige Konfrontation ab, er nutzt das Überraschungsmoment aus, um an einem Ort eine Aktion durchzuführen und sich danach zurückzuziehen. Das Ziel ist dabei, den Staat durch sich selbst zu Fall zu bringen:o

„Sie [die Terroristen] müssen, wie die einprägsame Metapher lautet, bewirken, dass er [der Staat] durch sein eigenes Gewicht zu Fall kommt. Konkret soll dies so aussehen, dass die Staatsführung durch terroristische Anschläge zu einer repressiven Überreaktion verleitet wird, die dann die angestrebte Volkserhebung auslöst. Waldmann 1998, 32

Die Guerillastrategie zielt hingegen auf eine militärische Konfrontation und die Vertreibung der Regierung ab. Waldmann setzt die Strategie der Terroristen in Bezug zu Paris´ Studie:

„Wer provoziert, sucht den Konflikt. Er visiert den Feind an, jedoch in einer spezifischen Weise: Indem er die andere Seite reizt, bis diese zum Gegenschlag ausholt, so dass es so aussieht, als sei sie der aggressive Part.“ (Waldmann 1998, 34)

Waldmann sieht drei Voraussetzungen für den Erfolg der Provokationsstrategie:

„Die Terroristen müssen, damit das „Provokations-Repressions-Schema“ in ihrem Sinne funktioniert, dafür sorgen:

– dass ihre Gewaltbotschaften eindeutig sind;

– dass sie von den anvisierten Adressatengruppen verstanden, d. h. dechiffriert werden.

– schließlich, dass diese willens und in der Lage sind, darauf so zu reagieren, wie sich dies die Gewaltaktivisten vorstellen.“ (Waldmann 1998 ,35)

Der 11. September 2001 ist leider nur begrenzt als Beispiel geeignet, das Problem besteht darin, dass die Motive der Täter unklar sind, wenn man davon ausgeht, dass diese Motive rational waren (was angesichts der exakten Planung und Finanzierung anzunehmen ist). Mit Sicherheit bestand das Ziel der Täter nicht darin, einen militärischen Angriff auf Afghanistan oder den Irak zu legitimieren. Die westlichen Medien und Diskussionen fixieren sich zu stark auf die Terroranschläge – von New York über Bali bis Madrid, es werden Zusammenhänge hergestellt, die zumindest fragwürdig sind. In den ärmeren Teilen der Welt liegt der Fokus auf der militärischen Strategie und der arroganten Rhetorik der USA. Unabhängig davon, welche Motive die Anschläge auf das WTC gehabt haben mögen, dreht sich hier die Rolle um: die Terroranschläge werden als einziges und daher legitimes Kampfmittel gegen die militärisch und ökonomisch Übermächtigen angesehen. Hinzu kommt eine fast schon imperialistische Rhetorik und der Versuch der wissenschaftlichen Rechtfertigung der amerikanischen Machtstrategie (Rumsfeld, Robert Kagan, Samuel Huntington, Brzezinski etc). [1] Die von den USA angeführten Kriege werden nicht als Folge des 11. September oder gar als Befreiungskriege gesehen, die Terroranschläge haben nur die wahren Absichten und Methoden der Imperialisten deutlich gemacht. Ein Drittel der Staatenwelt wird als potentielle Kriegsziele in Erwägung gezogen.

Eine der vielen Fehleinschätzungen der RAF basierte darauf, dass sie ihre Wirkung auf die als interessiert unterstellten Dritten und auf die Gesamtbevölkerung nicht einschätzen konnten. Daher blieben die beiden entscheidenen  Faktoren, die zu ihrem Erfolg hätten führen können aus:

„Die Vertreter des Staatsapparates müssen zu übertriebenen Abwehrmaßnahmen greifen. Und diese repressive Überreaktion muss dazu führen, dass der bis dahin passiven Bevölkerung klar wird, wie unerträglich ihre Lage ist. Nur dann macht sie mit den Terroristen gemeinsame Sache und sagt dem Regime den Kampf an. (Waldmann 1998 , 37)

Das Problem liegt darin, dass in demokratischen Regierungen repressive Maßnahmen schwerer durchzusetzen sind, wobei es da auch Ausnahmen gibt, wie etwa in Italien. Andererseits sind die Menschen eher träge, eine versammelte Menschenmasse lässt sich leicht aufpeitschen. Die Erregung über die abendlichen Nachrichten lässt meistens beim anschließenden Krimi nach. Last but not least gibt es hier eine Art Schweigespirale. Potentielle Sympathisanten schweigen lieber, um nicht die Schmähungen von Bekannten, Nachbarn, Arbeitskollegen etc. über sich ergehen zu lassen. Die entscheidende Schwäche der Terroristen liegt in ihrer Reaktionsabhängigkeit. Möglicherweise war der Anschlag auf das WTC eine Art Paukenschlag, mit dem der heilige Krieg der Gläubigen gegen den Westen eingeläutet werden sollte, in diesem Falle hätten sich die Anschläge in Ländern mit großer muslimischer Bevölkerung häufen müssen, was nicht der Fall war. Zwar wird der Staat für die Terroristen, Sympathisanten und Verdächtige tatsächlich zu der Repressionsmaschine, für die sie ihn halten, jedoch ist diese Zahl im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung so gering, dass sie nicht ins Gewicht fällt.

4. Zusammenfassung

Nach Dörner entscheidet sich die Größe der Komplexität einer Situation über die Zahl der relevanten Faktoren sowie deren Vernetztheit, d. h. wenn Faktor A beeinflusst wird, kann auch B sich verändern, oder umgekehrt. Provokation kann als komplexes Handlungsmuster beschrieben werden, die folgenden Faktoren müssen durch den Provokateur Berücksichtigung finden: Gehen wir davon aus, dass Provokateur und Provozierter ein soziales System bilden, dann besteht ihre Umwelt in den Zuschauern und der Umgebung. Für den Erfolg des Provokateurs sind folgende Fragen entscheidend:

1. A muss B gut genug kennen, um seine Mittel ökonomisch einsetzen zu können. Wenn er die magische Schwelle überschreitet, verliert er die Sympathie des Publikums.

2. B muss die Reaktion zeigen, die von A erwartet wird. Bleibt die von A intendierte „Selbstentblößung“ von B aus, muss A spontan einen neuen Plan entwerfen und immer noch darauf achten, nicht zu weit zu gehen.

3. Wenn B sich zu einer negativen Reaktion hinreißen lässt, bleibt noch die schwer einzuschätzende Reaktion des Publikums. Bekanntermaßen lassen sich Anwesende leicht durch eine ausgereifte Rhetorik und Gestus beeindrucken. Es kann aber passieren, dass die Sympathisanten von B die Aufmerksamkeit auf den Faupax von A, seinen Moralverstoß lenken. Die Provokation kann also erst erfolgreich sein, wenn die Absicht von A, B vor den Zuschauern zu diskreditieren, erfolgreich war. Ein solcher Erfolg währt selten besonders lang. Die Entrüstung ist groß, flammt aber sehr schnell wieder ab.

Mit diesem Schema können wir auch den relativen Erfolg von Terrorgruppen bzw. sozialen Bewegungen erklären. Die Tierschützer von PETA initiierten vor einiger Zeit eine Kampagne, in der sie versuchten, die landwirtschaftliche und wissenschaftliche Tierhaltung mit dem Holocaust gleichzusetzen. Die italienische Firma Benetton hat mit Kriegsbildern und Bildern AIDS-Kranker geworben. Publizität war ihnen sicher, vermutlich sind Spendenaufkommen, Mitgliederzahlen bzw. Verkaufszahlen auch angestiegen. Die RAF hat zumindest erreicht, dass ihre Führer, vor allem nach ihrer Verhaftung wie eine Mischung aus Robin Hood, Bonnie und Clyde und Nelson Mandela wirkten. Die zweite Generation arbeitete schließlich nur noch an deren Befreiung, mit dem Tod der Gefangenen endete auch die Geschichte der RAF. 

Dadurch wird auch deutlich, wie beschränkt die Provokation als Eskalationsstrategie wirksam ist. Greenpeace hat wohl festgestellt, dass man mit lokaler Arbeit mehr erreicht als mit PR-trächtigen Aktionen und auch Attac konnte sich nicht mehr auf die Wirkung seiner  Anfangszeit ausruhen.

Soziale Bewegungen können also Provokationen verwenden, um vom Staat und der Gesellschaft  die von ihnen gewünschten Veränderungen zu erreichen. Da ihre Machtmittel begrenzt sind und ihre Gegner nicht direkt angreifbar sind (was ist der „Staat“ und wo befindet sich die „Gesellschaft“?), können sie sich gezwungen sehen, über das indirekte Einwirken auf die öffentliche Meinung Einfluß zu nehmen, also im wesentlichen über die Massenmedien. Manches Ereignis findet nur statt, damit die Massenmedien darüber berichten können, viele Provokationen und viele Terroranschläge dienen ausschließlich oder in erster Linie dem Zweck, das jeweilige Ereignis in die Nachrichten zu bringen. Die Gruppe, die auf Dauer auf diese Strategie setzt, wird jedoch früher oder später aus dem Medienfokus verschwinden, weil Provokationen irgendwann ihre Wirkung verlieren.

5. Provokationen als ziviler Ungehorsam

Wie sich gezeigt hat, lassen sich viele Sachverhalte als Provokation bezeichnen, die man auch anders benennen könnte. Die Punks der 70er und 80er Jahre provozierten das Establishment, indem sie gegen bestimmte Normen von Kleidung und Aussehen systematisch verstießen. Jugendliche provozieren ihre Eltern, indem sie gegen deren Vorschriften rebellieren. Homosexuelle provozieren, indem sie in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen usw. In diesen Beispielen wird das positive an der Provokation hervorgehoben: Sie kann dem Zweck dienen, sich von Autoritäten zu befreien, alte und überkommene Konventionen zu brechen, mit ihnen kann auf Probleme und Doppelmoral aufmerksam gemacht werden, sie können zu Diskussionen und so zu einer Modernisierung der Gesellschaft führen. Die Schattenseite der Provokation ist vor allem darin zu sehen, dass der Provokateur das Risiko trägt, sich zu irren, dass seine Annahmen über den Gegner falsch sind oder das sein Verhalten erst den Gegner zu dem macht, für den er ihn gehalten hat (die selffullfilling prophecy). Erst die RAF hat den Anlass geliefert, das BKA auszubauen und Herolds Rasterfahndung salonfähig zu machen. Dennoch muss man sehen, dass in einer Welt, in der Konformismus und Gehorsam als Tugend gelten, in der die Bürger dem Staat immer ohnmächtiger gegenüber stehen und in der die Eliten jede Veränderung des Systems aus eigenen Interessen verhindern, der Ungehorsam und die Provokation die ungefährlichsten und erfolgversprechensten Mittel zur Veränderung der Gesellschaft darstellen. Wenn eine Gesellschaft tatsächlich ohne Krisen auskommt, liegt der Verdacht nahe, dass es um diese Gesellschaft nicht zum besten steht.

6. Literatur

Dörner, Dietrich (1999): Die Logik des misslingens – strategisches Denken im komplexen Situationen. Rowohlt-Verlag. Reinbek bei Hamburg

Paris, Rainer (1998): Stachel und Speer – Machtstudien. Suhrkamp. Frankfurt

>Thoreau, Henry David. Civil Disobidience.

Waldmann, Peter (1998): Terrorismus – Provokation der Macht. Gerling-Akademie-Verlag. München

Hörensagen – was weißt du über den?

Am Mittwoch starb Steve Jobs. Nun habe ich persönlich mit dem Mann natürlich nichts zu tun gehabt. Aber ich werde immer zwei Dinge mit ihm verbinden:
Mit dem iPhone, dem iPad und dem Mac hat er einen großen Schritt Richtung Universal Access gemacht. Wenn Steve Jobs nicht an die Spitze von Apple zurückgekehrt wäre, ist es zweifelhaft, ob es das jemals gegeben hätte. Apple war bis dato ein teures Produkt, gekauft hauptsächlich von Designern und Leuten, die es sich leisten konnten. Mit den modernen Eingabehilfen sind alle Produkte von Apple mit aktuellen Betriebssystemen eine Plattform, die für viele Behinderte zugänglich ist.
Das zweite ist seine bekannte Rede an der Uni Yale. Man mag denken, dass das auch nur Imagepolitik war, aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtig ist, dass er die Leute damit berührt hat und wie viele Redner können das schon?Welcher Wall-Street-Banker würde ernsthaft sagen, dass man seinen Traum leben solle?

Was mich aber eigentlich zu diesem Beitrag bewegt ist die Frage, wie wir zu unserem Urteil über Menschen kommen. Jobs hat zu seinen Lebzeiten polarisiert, und er wird das in zehn Jahren noch tun. Kurioserweise kennen die meisten Kritiker ihn nicht persönlich.
Es ranken sich zahllose Anekdoten um berühmte Persönlichkeiten, die angeblich deren Charakter beschreiben. Oftmals wissen wir gar nicht mehr, wer diese Geschichten in die Welt gesetzt hat. Dann heißt es nur noch “Man erzählt sich”. Häufig genug dürfte es sich um Gegner oder frustrierte ehemalige Mitarbeiter handeln.
Im Grunde wissen wir also nicht, wie Jobs wirklich war und wir werden es nie wissen.
Mohandas Gandhi zum Beispiel war eine durchaus ambivalente Figur, wie er selbst in seiner Autobiographie deutlich macht.
Wir haben uns angewöhnt, durch Anekdoten über Menschen zu urteilen, wie orientieren uns nicht daran, was diese Menschen tatsächlich getan haben.
Es gibt etwas, was ich als die Ästhetik des Dagegenseins definieren würde. Wenn alle Welt behauptet, die Erde sei rund, dann würde es immer noch ein kleines Grüppchen geben, welche das Gegenteil behauptet. Die Freunde der Scheibenwelt würden sich je nach Gusto als kritische Geister, als eingeschworene Gemeinschaft oder als etwas Vergleichbares sehen. Wenn jemand sagt: “Alle sind der Meinung dass…”, juckt es euch da nicht auch in den Fingern zu sagen, ihr seid nicht dieser Meinung. Nicht, weil ihr wirklich dagegen seid, sondern weil das, was die Mehrheit annimmt, eigentlich falsch sein muss, weil wir ja klüger sind als die Masse und so weiter.

Erving Goffman – der Behindertenbeobachter

Ich glaube jeder von uns kennt Bücher, die seinem Leben eine neue Richtung gegeben haben. Manche finden zum Glauben, manche fallen davon ab. Viele werden zu Zynikern, andere finden ihr Herz für eine gute Sache.
Wenn ich auf mein kurzes Leben zurückblicke fallen mir drei Bücher ein, die mich fundamental beeinflusst haben.
Malcolm X Autobiographie zeigte mir, dass das Leben nichts wert ist, wenn man nicht bereit ist, für eine Sache einzutreten, wenn man von ihr überzeugt ist.
Henry David Thoreau zeigte mir in seinem Buch über den zivilen Ungehorsam, dass wir selbst unsere größten Sklaventreiber sind und dass die wahre Befreiung nur aus uns selbst kommen kann.
Erving Goffman zeigte in Stigma, dass Menschen so verletztlich sind, dass viele von ihnen Strategien entwickeln, um Angriffen zu entgehen. Wir verbergen die Verletzlichkeit hinter einem Panzer aus Gleichgültigkeit, Kaltherzigkeit, Ignoranz und Zynismus.
Goffman gehörte nicht zu den großen Soziologen, doch hatte er etwas, was vielen Sozialwissenschaftlern abging. Er hatte Beobachtungsgabe, Spürsinn und die nötige Sensibilität, um diese Fähigkeiten auch einzusetzen. Er beobachtete Menschen, die einen körperlichen Makel hatten und analysierte sehr scharf, welche Strategien sie einsetzen, um diesen Makel entweder zu verbergen oder zumindest Verletzungen durch andere Menschen vorzubeugen. Wir sagen immer, Kinder können grausam sein, aber wirklich grausam sind nur Erwachsene.
Ein Mann mit einer Gesichtsentstellung setzte sich immer so hin, dass ein Besucher seine Behinderung bereits vor dem Eintreten Sehen konnte. Er schützte sich damit vor dem abschätzigen oder angewiderten Blick, den viele Menschen für körperlich unversehrte übrig haben, bevor sie die Kontrolle über das Mienenspiel zurückgewinnen. Alle Menschen haben Angst davor, zurückgewiesen zu werden, aber niemand fürchtet sich so davor wie ein Behinderter.
Wenn du nur ein Buch über Behinderung lesen dürftest, dan empfehle ich goffmans Stigma.

Nur-Text unterstützen wir nicht

Heute möchte ich ausnahmsweise mal einen Newsletter zitieren. Ich habe ja privat seit gefühlten zehn Jahren keinen Newsletter abonniert. Entweder bietet jemand einen RSS-Feed an oder er hat Pech gehabt. Wobei ich mit dieser Einstellung total Old-School bin, wie ich mir habe sagen lassen: Der moderne Mensch läßt sich Artikel über Twitter empfehlen.
Nun aber zum genialen Newsletter-Text, den ich euch nicht vorenthalten wollte:

Ihr E-Mail-Client kann leider keinen HTML-Code darstellen, weshalb
dieser Newsletter auf Ihrem Monitor nicht angezeigt wird. Wir bitten um Nachsicht, dass wir nicht jeden E-Mail-Client hinsichtlich der Darstellung unserer HTML-Newsletter testen können. Bei Fragen kontaktieren Sie uns bitte über unsere Impressumsseite [Linkspam entfernt]

Okay, ich benutze den Thunderbird, wahrscheinlich bin ich der Einzige. Außerdem habe ich den HTML-Quatsch abgeschaltet, HTML ist was für Leute, die gut sehen können und auch Wert auf hübsche E-Mails legen. Ich bin ein Plain-Text-Verfechter und brauche in einer Mail weder Header noch eigenwillige Layout-Tabellen. Jeder Newsletter-Versender sollte damit rechnen, dass die Empfänger HTML wes Grundes auch immer abgestellt haben und eine Text-Fallback-Lösung anbieten.
Aber lustig, dass dieser Telefon-Tarife-Anbieter nicht alle Clients durchtesten möchte und offenbar lieber gar keinen Inhalt anbietet als einen Text-Newsletter.
Alberner war nur eine Regierungsbehörde, die ihren Newsletter als PDF-Anhang bereit gestellt hat. Bei den Anbietern scheint der Glaube vorzuherrschen, sie könnten den Leuten vorschreiben, wie sie ihre Newsletter zu lesen hätten und die Leute würden sich das auch noch gefallen lassen, anstatt das Zeug ungelesen in den Papierkorb zu schieben.

Magnum p. i. – warum die Serie bis heute funktioniert

Viele Serien der 80er wirken heute antiquiert und wären wohl nicht mehr erfolgreich. Kinight Rider oder Street Hawk zum Beispiel
Magnum ist eine Krimiserie, die in gewisser Weise das Band zwischen den 70ern und 90ern bildet. Viele Menschen zwischen 30 und 50 sind mit den Serien der 80er aufgewachsen: A-Team, Hart aber herzlich, Knight Rider, Ein Colt für alle Fälle, Simon und Simon oder Ein Trio mit vier Fäusten. Obwohl sie alle sehr unterschiedlich sind, strahlen sie alle einen heute etwas muffig wirkenden Charme aus. Allen gemein sind die etwas flachen Geschichten. Außerdem sind die Serien als klassische Serienplots angelegt, die Folgen stehen zusammenhanlos nebeneinander.
Magnum dürfte eine der ersten populären Serien sein, wo dieses Schema durchbrochen wurde. Ähnlich wie später bei Deep Space Nine gibt es Personen, die in größeren Abständen wieder auftauchen.
Die Serie gewinnt ihren Charme weniger aus den oft nicht so spannenden Geschichten, sondern aus dem Zusammenspiel der Charaktäre und den Running Gags, von denen die Serie durchzogen ist. Magnum ist ständig pleite, eher schlampig und geht körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg. Er verhandelt vor allem in den ersten Staffeln mit Higgins ständig über die Nutzung der Ressurcen des Anwesens und nimmt Leistungen von T.C. und Rick ständig in Anspruch, ohne eine echte Gegenleistung anzubieten. Die Charaktäre prallen ähnlich wie beim A-Team aufeinander und die Komik erwächst aus diesem Zusammentreffen, wobei das A-Team die Selbstironie stärker herausstellt
Wie bei einer Zwiebel schälen sich nach und nach die Eigenschaften und die Vergangenheit der Hauptfiguren heraus. Erst allmählich erfährt man mehr über die Vergangenheit der vier Hauptfiguren. Der etwas blasse Rick gewinnt im Rahmen der Serie erst nach und nach an Charakter, Higgins wird einem erst später allmählich sympathisch und auch TC wirkt am Anfang noch ein wenig flach. In den ersten Staffeln wirken die drei oft nur als Stichwortgeber und Nebenfiguren der Serie, während sie später nach und nach wichtigere Rollen einnehmen.
Ähnlich wie bei den Simpsons funktioniert jede Episode als eigenständige Folge, aber anders als bei den Simpsons ist eine Weiterentwicklung auf der Metaebene zu erkennen.
Das Vietnam-Thema zieht sich durch die komplette Serie, Magnum, Rick und T.C. sind Kriegskameraden, der Krieg nur wenige Jahre her. Vor allem in der ersten Staffel, die Ende der 70er Jahre spielt, erlebt Magnum Flashbacks, die sich um seine Erfahrungen in Vietnam drehen. Wie im realen Leben lassen diese Flashbacks allmählich nach, ohne das die Vietnamproblematik vollständig verschwindet. Obwohl T.C. und Magnum das Vietnam-Trauma verfolgt, sind sie kaum in der Lage, sich das gegenüber einzugestehen.
Die Spannungen zwischen Magnum und Higgins sind zu Beginn wesentlich schärfer und weichen nach und nach einer freundschaftlichen Rivalität, einem respektvollen Wetzen der Klingen. Higgins freundet sich nach und nach auch mit T.C. und Rick an, was aufgrund der unterschiedlichen Charaktäre und Lebensstile sehr überaschend ist. In der Rückschau lässt sich die gesamte Serie als die Suche nach einem Sinn für sein Leben durch Magnum verstehen. “On the road of experience, trying to find my way, sometimes I wish, I could fly away” ein Countrysong von John Denver ist das Hauptthema der letzten Magnum-Folge.
Magnum ist zugleich das perfekte Gegenstück zu den hard boiled-Detektiven a la Philip Marlowe. Er geht körperlichen Auseinandersetzungen und Problemen oft aus dem Weg, ohne dass er ihnen entkommen kann. Er ist zwar chronisch pleite, lebt aber auf die Kosten von Robin Masters und seiner Freunde ein teils aufwendiges Leben. Die beiden Welten der hard boiled Stories und der 80er Deteektiv-Serien prallen zusammen in den Folgen, in denen Luther Gilles auftritt.
Anders als die harten Macho-Typen wird Magnum oft unterschätzt wegen seines legeren Auftretens. Er ist fast immer in Hawaii-Hemd und kurzen Hosen unterwegs und deswegen nicht ganz ernst genommen.
Dennoch scheint er sich während der Serie weiter zu entwickeln. Er legt sich nach und nach ein seriöseres Image zu und versucht zuletzt sogar, einen langweilen Job als Hoteldetektiv zu bekommen.
Viele Folgen und die Serie als Ganze sind an die klassische Heldenreise angelegt. Oft wider Willen wird Magnum in Schwierigkeiten hineingezogen. Er kämpft einerseits gegen die Schurken der Gegenwart, aber auch gegen die Dämonen der Vergangenheit, die ihn und seine Freunde heimsuchen.
Last not least ist Magnum eine Geschichte über Männerfreundschaft. Obwohl die vier Hauptfiguren grundverschieden sind, werden sie durch die gemeinsamen Erlebnisse zusammengeschweißt und sie halten trotz Konflikten immer zusammen.
Interessant ist auch, das wichtige nebencharaktäre der Serie sterben. Das kennt man so aus keiner Serie dieser Zeit.
Einige der Folgen weichen vom typischen Schema der Serie ab. So finden sich die vier Hauptcharaktäre auf einmal in Kamboscha mitten in einem Kriegsgebiet wieder. Ein andermal wird die Serie eine Omage an Sherlock Holmes. Und dann findet sich Magnum plötzlich in den 30er Jahren.
Gelegentlich gleitet die Serie auch ins Soapige ab, wenn Magnums Ex-Frau Michelle die Bühne betritt. Nicht alle Folgen sind gleichermaßen gelungen, aber das ist bei 160 Folgen auch zu erwarten. Die Serie folgt ein wenig zu oft dem Klischee der hübschen Mandantin, die durch den bärigen Detektiv gerettet wird.
Interessant ist das Serienschema von Magnum dennoch. Während andere Serien dieser Zeit wie Raumschiff Enterprise – das nächste Jahrhundert, aber auch viele andere Serien folgen einem sehr starren Serienschema, das praktisch in keiner Folge durchbrochen wird. Bei Magnum werden einzelne Figuren in einzelnen Episoden näher betrachtet. Auch Nebenfiguren wie Mack, Tanaka oder Luther Gilles werden teilweise in den Vordergrund gerückt. Beim A-Team waren die meisten Nebenfiguren praktisch nur Animateure für die Hauptfiguren.

Ist Higgins Robin Masters

Robin Masters ist der offizielle Eigentümer des Grundstücks, das von Higgins verwaltet wird. Magnum ist für die Sicherheit zuständig. Masters ist so gut wie nie auf seinem Grundstück und taucht nur in wenigen Folgen überhaupt auf. Erst in der siebten Staffel stellt Magnum die Frage, ob Higgins der eigentliche Robin Masters ist. Als Magnum Higgins direkt fragt, sagt dieser zunächst Ja, um dieses Geständnis später zu widerrufen.

Könnte Higgins Robin Masters sein? Aus der Serienlogik heraus lässt sich das eindeutig verneinen. Robin Masters existiert offensichtlich als Person, und es gibt zahlreiche Personen, die ihn schon lange kennen.

Möglich ist aber, dass Higgins der eigentliche Eigentümer des Grundstücks und Autor der Schmöker ist, die angeblich aus Robins Feder stammen. Higgins ist ein englischer Lord, der sich möglicherweise geniert, als Autor von Schundliteratur betrachtet zu werden. Es gibt zahlreiche Analogien zur Shakespeare-Debate. Demnach hat ein englischer Adliger die Stücke geschrieben, die von dem untalentierten Shakespeare inszeniert wurden.

Higgins kann in seiner Rolle als Gutsverwalter die Vorzüge des Reichtums genießen, ohne von Journalisten und anderen Leuten belästigt zu werden. Sein Vermögen sollte ausreichen, um die eigene extravaganten Hobbies zu pflegen und Robin Masters durch die Weltgeschichte tingeln zu lassen.

Es gibt ein paar episoden, die dagegen sprechen: Einmal verspielt Robin das Grundstück bei einem Baseballspiel, allerdings war das Spiel gezinkt. Ein anderes Mal behauptet Higgins, das Grundstück gehöre ihm vor einigen seiner Militärkollegen. Anschließend gesteht er ein, dass ihm Ehrlichkeit wichtiger ist als Prallerrei und das er nur Gutsverwalter ist.

In beiden Fällen hätte Higgins eingestehen können, dass er der ware Herr ist und Robin somit kein Recht habe, das Grundstück zu verspielen. Vielleicht hätte er das auch gemacht, wenn die Gefahr, das Grundstück zu verlieren real geworden wäre. Andererseits gilt das Gentleman Agreement, demnach ist ein Spiel ein Spiel und die Regeln müssen auch eingehalten werden, wenn es unangenehm wird.

Man mag argumentieren, dass das Versteckspiel auch unehrlich ist und damit gegen Higgins Auffassung von Ehre verstoßen würde. Das widerum denke ich nicht. Higgins hätte es als Spiel betrachten können, welches er so lange weiter spielt, bis er eindeutig geschlagen würde.

Für die Higgins-Theorie spricht, dass Higgins ein typischer Erzähler ist und auch viel schreibt. Sein Hang, langweilige Kriegsanekdoten zu erzählen deutet auf eine Affinität zum Erzählen hin. Als ein Kamerad ermordet wird und ein zweiter Kamerad auftaucht und mit Higgins die Hintergründe aufklärt schreibt Higgins anschließend diese Geschichte auf, das ist die erwähnte Omage an Sherlock Holmes. Er hat also Talent zum Schreiben.

Vieles spricht also dafür, dass Higgins der Autor der Masters-Werke und Eigentümer des Grundstücks ist.

Access News vom 26. August 2010 – Navi ohne GPS

Für Open Source droht neues Ungemach: Oracle verklagt Google wegen der Verwendung von Java in Android. Es war wohl absehbar, dass Oracle das von ihm gekaufte Sun früher oder später wie eine Zitrone auspressen würde: jetzt fragt sich jeder, was nach der Einstellung von Open Solaris als nächstes kommt. Google wird die Klage wenig schaden. Allerdings spielt Java im Open-Source-Bereich eine große Rolle und ziemlich sicher werden auch Zugänglichkeits-Anwendungen betroffen sein. Die Klage verunsichert vor allem die Programmierer, die zuvor auf Java als plattformübergreifende Programmiersprache gesetzt haben. Auch wenn bisherige Programme nicht betroffen sein mögen – als Laie ist das schwer zu sagen – weiß niemand, in welche Richtung Oracle künftig die Lizenzpolitik für Java steuern wird.

Brotkrummen statt GPS

Microsoft hat ein von Sensoren strotzendes Handy vorgestellt, mit dem sich ein Weg exakt zurückverfolgen läßt – ohne GPS. Das Gerät ermittelt die Daten über Luftdruck, Geschwindigkeit und weitere Parameter. Zweifelhaft ist die Tendenz, die Daten über das Internet auf zentralen Servern zu speichern. Es ist eigentlich wahrscheinlich, dass man sich an einem Ort befindet, wo kein GPS, aber Internet vorhanden ist?
Wie dem auch sei: kann man so viel Power in einem Gerät vereinen, dürfte das Gerät auch für die Orientierung Blinder und stark Sehbehinderter interessant werden. Dafür wären vor allem Sensoren interessant, welche die Entfernung bewegter und unbewegter Objekte – Menschen, Autos, Gebäude – ermitteln könnten.

iPad für Autisten

Autisten sind in der Lage, sich über Tablets auszudrücken. Der direkte taktile Kontakt mit der Oberfläche mit dem Gerät und die leichte und intuitive Bedienung erlaubt es auch Menschen mit Lernschwierigkeiten, sich schnell mit dem Computer zurecht zu finden. Das könnte ein sehr interessantes Forschungsfeld für neue Therapieformen werden.

Studieren zuhause – Vorlesungen auf dem Sofa hören

Obwohl wir schon von lebenslangem Lernen sprechen, hat sich eigentlich recht wenig in diese Richtung entwickelt. Die autodidaktischen Fähigkeiten werden kaum gefördert. Um so schöner, dass es doch noch einige interessante Angebote gibt, die das Lernen zuhause ermöglichen.

Vorlesung Digitale Medien von Prof harald Sack
Die Vorlesung ist sehr gut zum Einstieg in das Thema digitale Medien, aber eher für Techniker geeignet. Der Screencast wird im topaktuellen RealMedia-Format angeboten.

Prof. Eduard Heindls Vorlesungen zum Online-Marketing
Eine eher allgemein gehaltene Einführung in Suchmaschinenoptimierung, Web Analytics und vieles mehr als mp3 zum Download. Die Sound-Qualität lässt zu wünscen übrig.

Weitere Vorlesungen von Prof. Heindl
Heindl hat weitere Vorlesungen online gestellt. Themen unter anderem Mathematik, die Rolle von Innovationen und Objektorientiertes Programmieren in Java. Die Vorlesungen liegen in mp3 vor, sind aber nicht alle vollständig.

Vorlesung Algorithmen von Prof. Dr. Oliver Vornberger
Die Vorlesung gibt es als FLV, MP4 und MP3. Algoritmen werden anhand von Java eingeführt, die Vorlesung ist wirklich lang.

Selbiger hält eine Vorlesung zu Datenbanken
Ebenfalls in FLV, MP4 und mp3.

Der vermessene Mensch – welche Leute nehmen an Studien teil?

Egal, was man studiert, früher oder später wird man gefragt, ob man nicht Lust hat, an einer Untersuchung teilzunehmen. Psychologie-Studenten mussten zu meiner Zeit in Marburg 25 Versuchsstunden bis zum Vordiplom zusammen bekommen. Sie mussten an Versuchen teilnehmen, die von älteren Studierenden durchgeführt werden, die ihre Zwischen- oder Abschlussarbeiten mit empirischen Untersuchungen untermauern müssen. Auch in der Soziologie und der Pädagogik gehören Studien zum Standard.

Die Unmessbaren messen

Was aber macht man mit Leuten, die sich schlicht weigern, an solchen Studien teilzunehmen? Darüber schweigen sich die Studien aus. Gibt es den Typus des Studiengroupies, der sich darum reißt, befragt, vermessen, gewogen und durchleuchtet zu werden? Vielleicht, ganz sicher gibt es den Menschen, der sich kategorisch verweigert. Seine Motive kennt niemand, er läßt sich ja nicht befragen.

Beliebt sind die Befragungen per Telefon oder direkt an der haustür. Sie finden zu einer Zeit statt, wo Berufstätige normalerweise nicht zu Hause sind. Viele jüngere Leute haben gar kein Festnetz mehr und stehen mit ihren Handy-Nummern nicht im Telefonbuch.

Auch die Zahl der Totalverweigerer lässt sich kaum herausfinden. Bei postalischen Umfragen, wo Fragebögen ausgefüllt zurückgesendet werden müssen, läßt sich die Zahl der Rückläufe ermitteln.Man weiß aber nie, ob man hier einen Verweigerer vor sich hat oder jemanden, der schlicht keine Zeit hat oder vergisst, den Bogen auszufüllen. Und wer bei obskuren Anrufern einfach auflegt, ist vielleicht einmal zuviel von Werbeanrufern belästigt worden. Selbiges gilt für unbekannte Leute, die eines Tages vor der Tür stehen oder jemanden in der Fußgängerzone anhalten. Religiöse Freaks, Verkaufs-Genies, Bettler, Politiker auf Stimmenfang und wirre Zeitgenossen, nach solchen Erfahrungen wird jeder Mensch bei Spontan-Begegnungen nervös.

Spontan würde ich die Zahl der Studienverweigerer auf 20 – 30 Prozent schätzen. Doch selbst wenn es nur zehn Prozent wären, würde sich das signifikant auf die Studienergebnisse auswirken.

Die exakten Angaben der Studienergebnisse verführen zu dem Glauben, sie wären irgendwie näher an der Realität als andere Forschungsmethoden. Das können sie im Grunde genommen aber nicht sein, wenn rund ein Drittel der Menschen sich schlicht weigert, daran teilzunehmen oder einfach nicht erreicht wird.

Falls einer meiner Leser zufällig etwas mehr darüber weiß, würde ich mich über Hinweise freuen.