Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Endlich – CAPTCHAs werden zum sinnvollen Spam-Test

Wer kennt das nicht, tanzende Buchstaben vor buntem Hintergrund erhöhen seit Jahren den Knobelspaß im Internet. Ganze Familienabende sollen schon mit dem Lösen der bunten Bildchen verbracht worden sein. Wer braucht da noch memory oder Wetten dass…? Und auch wenn man nicht zur erhofften E-Mail-Adrese, zum Kauf des Tickets oder zum Gewinn des iPhone niX kam, die sinnfreien Zeichencodes aus Bild oder Ton waren doch immer unterhaltsam. Vor allem Blinde und Schwerhörige haben sich ordentlich amüsiert, indem sie entnervt ihren PC kurz und klein schlugen.
Doch nun ist Schluss mit Lustig, wie Blind-Text aus verlässlicher Quelle erfuhr. Auch den Captcha-Anbietern ist nämlich nach Milliarden Dollar teuren Studien und Billionen falscher Eingaben durch Menschen aufgegangen, dass automatische Bots besser in der Lage sind, Captchas zu lösen als Menschen. Die fixen Jungs aus Silicon Valley haben sich deshalb überlegt, den Anti-Spam-Mechanismus einfach umzukehren. Künftig heißt es: Wenn Du das lesen respektive verstehen kannst, bist Du ein Bot. Dann gibts keine kostenlose E-Mail-Adresse, keine Nackedei-Bildchen und kein iPhone niX. Nur, wer den Code falsch eingibt – also richtig – ähm, also ihr wisst schon, bekommt den heißen Preis.
Blind-Text sagt: Bravo Jungs! Es kann nur noch einige Jahrzehnte dauern, bis man im Valley kapiert, was Farbkontraste, benannte Schaltflächen und Labels für Formulare bedeuten. Aber wie wir sehen, zahlt sich Geduld aus.

Was bringen eigentlich Bildbeschreibungen für Blinde?

In meinen Workshops zum barrierefreien Internet habe ich einen Extra-Abschnitt zum Thema Bildbeschreibungen für blinde und sehbehinderte Menschen. Fast immer werde ich gefragt, ob für Blinde die Inhalte von Bildern überhaupt interessant sind. Die Frage ist berechtigt. Wie soll ein Blinder zum Beispiel wissen, wie ein Vulkan, eine Herde Elefanten oder der Sternenhimmel aussehen? Hier kommt die Antwort.

Arten von blindheit

Generell können wir für unsere Zwecke drei Gruppen von Blinden unterscheiden:

  • die Blinden mit Sehrest
  • die Vollblinden, die noch visuelle Erinnerungen haben
  • die Vollblinden, die keine visuellen Erinnerungen haben

Bei den Sehrestlern ist der Sehrest sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ich setze einmal voraus, dass noch einzelne Objekte unterschieden werden können. In diesem Fall haben sie zumindest von lebensnahen Objekten wie etwa Autos, Bäumen oder Elefanten eine klare visuelle Vorstellung. Das sind alles Objekte, die man nicht ohne Weiteres durch Abtasten in ihrer Gesamtheit erfassen kann. Schwierig kann es bei nicht-lebensnahen Objekten oder Verhältnissen kommen, da diese visuell komplexer sind: Vulkanausbrüche, eine elefantenherde oder die Mondlandung zum Beispiel.
Ähnliches gilt für die Vollblinden, die sich ihre visuellen Erinnerungen erhalten haben. Die Zahl der visuellen Eindrücke hängt ein wenig vom Alter ab. Doch im Allgemeinen kann man sagen, dass ein Jugendlicher in Natura, über Bücher, Illustrierte oder über das Fernsehen das Meiste gesehen hat, was es für einen Menschen aus seinem Kulturkreis zu sehen gibt. Auch wenn es Blinde wie John Hull gibt, die ihre visuellen Eindrücke komplett vergessen haben, ist das eher die Ausnahme. Es gibt auch Blinde, die sich ihr visuelles Vorstellungsvermögen vollständig erhalten haben wie etwa Zoltan Torey. Der Neurologe Oliver Sacks hat das in einem Essay sehr schön zusammengefasst.
Kommen wir also zur dritten Gruppe, den Vollblinden, die nie visuelle Eindrücke sammeln konnten.

Die Welt zum Anfassen

Die Sache ist wiederum recht einfach, wenn es um lebensnahe Objekte geht. Zum einen gibt es natürlich von fast allem eine Spielzeug-Version, die im Prinzip wie das Original aussieht: Es gibt Mini-Bäume, Mini-Hubschrauber, Mini-Autos und Mini-Häuser. Das ist also einfach.
Weiterhin gibt es Tastbücher. Sie enthalten fühlbare Modelle von Tieren oder Landschaften. Die gibt es meines Wissens auch für sehende Kinder.
Mittlerweile haben sich auch Tastmodelle etabliert. Sie sind wesentlich günstiger geworden, etwa durch die Möglichkeiten des 3D-Drucks. Im Unterricht für blinde Kinder sind sie fest etabliert. Das erinnert mich an meinen alten Chemielehrer von der Blindenschule in Marburg. Er hat sich unglaublich viel Mühe gegeben, tastbare Modelle von Atomen und deren Bestandteilen herzustellen, zu einer Zeit, wo diese Modelle noch wesentlich schwieriger in der Anfertigung waren.

Die erlesene Welt

Nun gibt es aber Dinge, die sich wesentlich schwieriger tastbar machen lassen. Kommen wir zum Vulkanausbruch zurück. Der lässt sich sicher irgendwie nachstellen. Aber ein entsprechendes Modell wäre dann doch wesentlich aufwendiger in der Herstellung.
Doch wofür gibt es die Literatur? Ich nenne Geschichten gerne das inklusivste Medium. Sie müssen in der Regel ohne Bilder auskommen. deshalb muss alles, was in einer Geschichte vorkommt mit Worten beschrieben werden. „Der Vulkan brach aus“ wird dabei niemandes Phantasie anstacheln. Die glühende Lava, die sich über die Berghänge ergießt hingegen schon.
Da wir alle mehr oder weniger mit Geschichten aufwachsen, gehören solche Ereignisse, auch wenn wir sie nie selbst erlebt haben also zu unserem kollektiven Erfahrungsschatz. Die meisten Vollblinden dürften deshalb eine recht lebendige Vorstellung davon haben, wie ein Vulkanausbruch aussieht. Wir können uns sogar Sachen vorstellen, die es nicht gibt wie Drachen, Trolle und den Weltfrieden.
Gleiches gilt für eher abstrakte Sachverhalte: Niemand wird literarisch die Form eines Ferraris beschreiben, der Autor kann davon ausgehen, dass die meisten Leser wissen, wie so ein Sportwagen aussieht. Doch steht der Ferrari nicht nur für eine teure Automarke. Er ist ein Symbol für Reichtum, Sportlichkeit, Schnelligkeit und was auch immer man noch damit assoziiert. Und diese Assoziationen sind den Blinden natürlich auch aus Geschichten bekannt. Ich könnte eine Harley Davidson nicht vom nächstbesten Elektroroller unterscheiden. Ich weiß aber, welchen Kult manche Leute um die Harley machen. Und woher? Natürlich aus unzähligen Filem, Büchern und Geschichten. Und deshalb macht es natürlich einen Unterschied, ob auf dem Bild einfach nur ein Motorad oder eine Harley zu sehen ist.

Der Charme der Gleichmäßigkeit

Ein häufiges Missverständnis in der Barrierefreiheit besteht darin, dass man Text möglichst groß und Ton möglichst laut anbieten sollte, damit Hör- und Sehbehinderte glücklich sind.
Bei diesen Behinderungen lässt sich wenig verallgemeinern, da die konkreten Auswirkungen von Seh- und Hörbehinderungen sehr unterschiedlich sind. Ein wichtiger Faktor ist aber, dass die Adaptionsfähigkeit häufig eingeschränkt ist. Auge und Ohr können sich normalerweise recht schnell an Wechsel der Helligkeit oder Lautstärke anpassen. Bei Behinderten ist diese Fähigkeit oft eingeschränkt. Sie brauchen wesentlich länger für die Anpassung. Das ist dann ärgerlich, wenn diese Anpassung häufig notwendig ist.
Extrem wird das Ganze, wenn man mit Verstärkung arbeitet. In der klassischen Musik etwa gibt es häufig Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen. Ein Hörbehinderter müsste bei jedem Wechsel den Lautstärkeregler anpassen. Das ist dann schwierig, wenn er die Lautstärke ohnehin schon stärker aufgedreht hat, als ein Hörender das machen würde. Wer mit einer starken Textvergrößerung am Bildschirm arbeitet, müsste bei jeder Änderung der Schriftgröße die Darstellungsgröße anpassen.

Was heißt das konkret?

Für Designer bedeutet das, dass wir mit möglichst geringen Größenänderungen schriftlicher Inhalte arbeiten sollten, insbesondere bei Fließtext. Die Größenänderungen sollten möglichst graduell sein, natürlich noch erkennbar, aber mit geringer Varianz.
Für die Toningenieure heißt das, sie sollten möglichst wenig Dynamik bei der Lautstärke einsetzen. Leise Stimmen können natürlich hochgepegelt und laute runtergepegelt werden, insgesamt sollte aber ein gleichmäßiges Niveau angestrebt werden. Schlimmer als verrauschte Aufnahmen sind Aufnahmen, bei denen sich die Tonqualität ständig ändert, weil etwa unterschiedlich gute Mikrofone verwendet wurden.

An Hilfsmitteln führt leider kein Weg vorbei

Nun ist es bei der Bandbreite an Sinneseinschränkungen schlicht nicht möglich, eine Lösung zu schaffen, die allen gerecht wird. Ich wiederhole das noch mal: Es ist nicht möglich, eine Lösung zu schaffen, mit der alle zurechtkommen. Zwei Aspekte helfen uns aus dieser Klemme.
Das ist zum Einen die Anpassbarkeit zumindest auf digitalen Interfaces. Die Schrift muss nicht riesig sein, aber es muss einfach möglich sein, sie zu vergrößern oder zu verkleinern oder vielleicht auch Kontraste einzustellen. Mit einfach meine ich, das solche Möglichkeiten zu jederzeit aktivierbar sein sollen.
Zum Zweiten sind das die Hilfsmittel. Da es schlicht nicht möglich ist, alle möglichen Größen bzw. Lautstärken anzubieten, führt kein Weg an passenden Hör- bzw. Vergrößerungshilfen vorbei. Dabei ist es wünschenswert, dass diese Geräte besser in der Lage sind, sich automatisch an die Gegebenheiten anzupassen.

Gemeinsam oder einsam – gegen mangelnde Barrierefreiheit vorgehen

Unter anderem in der Liste der Interessengemeinschaft sehgeschädigter Computerbenutzer gab es eine teils heftige Debatte darüber, was bei mangelnder Barrierefreiheit speziell von Webangeboten zu tun ist. Unter anderem wurde viel Kritik an den Vereinen geübt, weil deren Einsatz für Barrierefreiheit zu gering bzw. wirkungslos sei. In diesem Beitrag möchte ich die Frage diskutieren, ob man sich lieber allein für Barrierefreiheit einsetzen sollte oder sich am besten an einen interessensvertretenden Verein wendet.

Der Einzelkämpfer

Ich kenne beide Seiten: Ich beschwere mich gern und häufig, wie meine Mitleser wissen. Andererseits landen bei mir häufig Beschwerden, sowohl über meine Website als auch über Kunden-Websites.
Der Erfolg solcher Beschwerden ist recht unterschiedlich. Bei öffentlichen und öffentlich-rechtlichen Einrichtungen wird häufig vergleichsweise schnell und kompetent reagiert. Das heißt, man kriegt eine Antwort. Ob der Umstand, der die Beschwerde ausgelöst hat abgestellt wird, ist eine andere Frage.
Insgesamt konnte ich bei Smartphone-Apps den größten Erfolg beobachten. Vor allem unter iOS scheinen die Entwickler gern bereit zu sein, die Apps nachzubessern. Das mag daran liegen, dass Apple das Nachbessern besonders leicht macht, das kann ich aber nicht beurteilen.
Außerdem sind Beschwerden besonders erfolgreich, wenn sie von mehreren Personen vorgebracht werden. Wenn eine Person sich beschwert, kann das Problem speziell bei ihr liegen. Wenn ein Dutzend Personen sich beschweren, ist das schon mal sehr viel substantieller.
Zudem helfen exakte Problembeschreibungen. „Es funktioniert nicht“ bringt mir also nichts. „Button XY“ ist nicht beschriftet, das hilft mir schon mal weiter.

Der Verein hat mehr Autorität

Insgesamt gesehen hat ein Verein immer mehr Autorität als eine beliebige Zahl von Einzelpersonen. Natürlich hat ein Dachverband wie der DBSV mehr Einfluß als ein lokaler Verein. Dennoch hat eine Organisation insgesamt eine höhere Überzeugungskraft als eine einzelne Person.
Und doch hat alles Grenzen. Bei einer öffentlichen oder öffentlich-rechtlichen Organisation findet ein Verband sehr schnell Gehör. Eine privatwirtschaftliche oder nicht-profitorientierte Organisation hingegen interessiert sich eher für private Konsumenten bzw. Interessenten oder Spender. Da es hier auch in der Regel keine Verbindungen bzw. regelmäßigen Kontakte gibt, ist es deutlich schwerer, bei solchen Organisationen Gehör zu finden. Es gibt ja auch keine rechtliche Verpflichtung für solche Organisationen, sich um Barrierefreiheit zu kümmern.
All in all ist es aber auch so, dass viele vor allem lokale Vereine gar nicht die Ressourcen haben, sich noch stärker um Barrierefreiheit zu kümmern. Es fehlt häufig das Wissen, um Probleme so verständlich zu machen, dass sie auch von den Verantwortlichen auf der anderen Seite verstanden werden. Zudem dürfte allein schon die Anzahl solcher Anfragen die Vereine überfordern. Schon jetzt wird vielerorts nicht einmal das Notwendige gemacht.

Fazit

Bei öffentlichen oder öffentlich-rechtlichen Organisationen erreicht man insgesamt gesehen mehr, wenn man über den Verein geht. Dabei geht es eher um große Probleme, etwa wenn eine komplette App schwer oder gar nicht bedienbar ist. Bei kleineren Problemen etwa mit einzelnen Webseiten oder Dokumenten wendet euch direkt an die betreffende Einrichtung.
Bei privaten Anbietern wendet euch direkt mit einer präzisen Fehlerbeschreibung an die Organisation. Überredet so viele Leute wie möglich, sich zu beteiligen, also ebenfalls die Organisation anzuschreiben. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht, aber ihr solltet in jedem Fall auf eine Antwort bestehen.

Das Ende der Selbstgespräche – Engagement jenseits ausgetretener Wege

Inklusions-Konferenz ist, wenn immer die gleichen Leute über immer die gleichen Dinge reden und die immer gleichen Appelle an Leute richten, die davon aber nichts mitbekommen, weil sie nicht da sind. Doch es geht auch anders. Hier meine Ideen, wie wir andere Leute erreichen und aufhören, Selbstgespräche zu führen.

Raus aus dem eigenen Dunstkreis

Fach-Veranstaltungen zum Thema digitale Barrierefreiheit gibt es immer weniger. Schade für die Community, für die der Austausch natürlich wichtig ist. Andererseits verschafft uns das Zeit, auch aus dem eigenen Dunstkreis zu treten. Es gibt zahllose Veranstaltungen zum Thema Internet, auf denen wir Präsenz zeigen können.
Nach dem Motto, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, sollten wir auf diese Veranstaltungen gehen und für unsere jeweiligen Themen werben. Wichtig ist dabei, auf Augenhöhe und nicht mit erhobenem Zeigefinger mit den Menschen zu sprechen.
Nicht zu vernachlässigen ist dabei, dass man natürlich kompetent über das jeweilige Thema sprechen können muss. Wenn ich keine Ahnung etwa von eCommerce und deren Fragestellungen habe, kann ich mit den verantwortlichen Personen auch nicht kompetent sprechen. Last not least ist das persönliche Auftreten wichtig. Wir sind keine Bitt-Steller und wenn sich jemand nicht für unser Thema interessiert, müssen wir damit leben. Und auch was das Äußere angeht, sollten wir uns anpassen. Wer in Schlabber-Jeans auf den Anzugträger trifft, wird vom Letzteren leider nicht ernst genommen.
Daneben diskutiere ich recht viel in Facebook-Gruppen zu anderen Themen mit. Gelegentlich kommen dort auch Fragen zum Thema Inklusion oder Barrierefreiheit auf. Ich gebe dann auch meinen Senf dazu. Ich äußere mich aber auch zu anderen Themen, wenn ich etwas zu sagen habe.

Mal andere Leute ranlassen

Wie in den Polit-Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen sieht man auch in den üblichen Diskussionsrunden immer die gleichen Personen. Vielleicht ein Dutzend Nasen dürfen die gesamte Behinderten-Szene vertreten. Und das auch bei fachspezifischen Themen, zu denen sie sich eigentlich nicht im Detail kompetent äußern können. Ich nenne sie gerne die Alphas. Es gibt aber für jeden Bereich kompetente behinderte Menschen, die sich fachspezifisch äußern können und auch sprechfähig sind. Es liegt in der Verantwortung der Alphas, auf diese Personen zu verweisen statt jedes Podium für sich selbst zu beanspruchen.
Nicht zuletzt werden Fach-Kollegen in Fachkreisen ernster genommen als Universalisten. Also Leute, die über alles ein wenig wissen, aber eigentlich keinen vertieften Einblick haben. Ich selbst habe ein wenig im Kulturbereich gearbeitet, kann aber nur theoretisch über die Erwartungen im Kulturbereich an Barrierefreiheit sprechen. Eine entsprechende Einladung würde ich nicht annehmen, sondern auf meine kompetenten kulturschaffenden Kollegen verweisen.

Mit anderen Themen verknüpfen

Die Themen Barrierefreiheit und Inklusion sind vielfältig mit anderen Themenbereichen verknüpft: Sei es Alter, Gebrauchstauglichkeit, Mobilität und vieles andere.
Indem wir diese Verknüpfungen herstellen, können wir die Leute, die sich für diese Themen interessieren auch für das Thema Behinderung anspitzen. Ein Koch interessiert sich etwa wahrscheinlich dafür, wie ein Blinder kocht. Ein Mobilitätsexperte sucht vielleicht gerade nach Leuten, denen er spezifische Fragen stellen kann, ohne ihnen 100 Euro die Stunde zu zahlen.
Auch hierfür verweise ich auf spezielle Veranstaltungen, Diskussionsgruppen im Internet und Ähnliches.
Entscheidend ist, dass man nicht in der eigenen Komfortzone verbleibt, sondern einmal nach links und rechts schaut.

Brauche ich eine Vorlese-Funktion für meine Website

Mittlerweile werde ich recht häufig gefragt, ob eine Vorlesefunktion für die Website sinnvoll ist. Eine bestimmte Firma scheint ihre Akquise-Tätigkeit massiv ausgebaut zu haben.
Man sieht ihn immer öfter, einen Button, mit dem man sich eine Webseite bzw. deren Inhalt vorlesen lassen kann. Doch wem nutzt diese Funktion und lohnt es sich, sie anzuschaffen?

Wer nicht lesen kann, wird gar nicht so weit kommen

Blinde brauchen diese Funktion natürlich nicht, sie haben ihren eigenen digitalen Vorleser. Sehbehinderte und Lesebehinderte könnten profitieren. Doch gerade die Lese-Behinderten oder funktionale Analphabeten (FA) profitieren eher weniger von solch einer Funktion. FAs können nur auf Wort- oder Satzebene lesen. Und auch das Schreiben fällt ihnen schwer. Doch ist die ganze Architektur des Webs auf Text ausgelegt. Wir geben Text in die Suchmaschine ein, wir müssen das Ergebnis aus Text auswählen und wir landen sehr wahrscheinlich auf einer Webseite mit Text. Soweit kommen viele FAs aber gar nicht, sie scheitern eventuell schon am ersten Schritt, der Texteingabe. Nun gibt es zwar die Sprachsuche von Google, doch die Ergebnisse muss man immer noch selbst auswählen.
Nun gehen wir aber mal davon aus, dass diese Funktion wirklich für diese Gruppe nützlich wäre. Dann stoßen die FAs aber auf das Problem, dass die absolute Mehrheit der Websites keine solche Funktion hat. Die FAs wären also auf die wenigen Websites beschränkt, die eine Vorlese-Funktion integriert haben. Und dass will man wirklich niemandem zumuten.

Auch vorgelesene Texte sind nicht automatisch verständlich

Ein spezielles Problem lesebehinderter Menschen ist auch, dass sie nicht mit komplexeren Texten und den in ihnen verwendeten Begriffen vertraut sind. Ob ihr einen Text über mathematische Probleme selber lest oder ob er euch vorgelesen wird, wenn ihr nicht in der Materie seid, macht das keinen Unterschied für die Verständlichkeit.
Hinzu kommt, dass die Vorlesefunktion oftmals Probleme hat, Ausdrücke korrekt zu fassen. Jeder Screenreader weiß, dass er bei dem Punkt einer Abkürzung nicht mit der Stimme runtergeht, als ob es ein neuer Satz wäre. Die Vorlesefunktionen machen genau das, womit die kognitive Belastung steigt. Der Zuhörer ist kognitiv darauf vorbereitet, dass ein neuer Satz kommt, doch es ist immer noch der gleiche Satz und bis er das merkt, ist schon wieder ein halber Satz vorgelesen worden.
Insgesamt ist die Sprachmelodie einfach grauenhaft. Das liegt nicht an der Stimme, sondern an schlecht gemachten Regeln dazu, wann die Stimme hoch- und runtergeht oder was betont werden soll. Da leistet tatsächlich jeder Screenreader, den ich je verwendet habe bessere Arbeit.
Ganz übel wird es, wenn fremdsprachige Begriffe enthalten sind. Natürlich hat die Funktion keine Regeln zur Aussprache englischer, französischer oder gar arabischer Begriffe. Solche Ausdrücke werden entweder ignoriert, wenn sie in nichtlateinischen Buchstaben geschrieben sind oder sie werden mit deutscher Betonung vorgelesen. Der Screenreader hingegen hat viele Regeln auch für Fremdwörter und kann bei entsprechender Auszeichnung der Begriffe sie auch mit korrekter Betonung vorlesen. Alle diese Erfahrungen durfte ich übrigens mit dem Marktführer ReadSpeaker machen.

Die Funktion ist unkomfortabel

Zurücklesen machen wir ungern, aber wir können es, wenn nötig. Doch die Vorlesefunktion kann den Text nur in einem Rutsch vorlesen, stoppen oder von vorne beginnen. Zeilenweise, absatzweise oder anhand der Überschriften zu navigieren ist mit der Vorlesefunktion nicht möglich. Eine MP3-Datei zum Download anzubieten ist keine brauchbare Alternative.

Vorlesen ist inklusive

Doch das stärkste Gegen-Argument gegen eine Vorlese-Funktion ist, dass praktisch jedes etwas verbreitetere System eine bessere Vorlese-Funktion integriert hat: iOS, der Mac, Android, Windows, Linux, überall finden wir einfache und teils sehr einsteigerfreundliche Screenreader. Der Narrator unter Windows zum Beispiel hat ein visuelles Benutzermenü. Zugegeben, Orca mit eSpeak ist für ungeübte Ohren nicht perfekt, aber der Marktanteil von Linux ist ohnehin nicht so hoch. Alle anderen Systeme haben natürlicher klingende Stimmen an Bord.

Fazit: Zahlen sind alles

Das Problem mit den Anbietern ist auch, dass sie keine validen Zahlen darüber vorlegen, wie viele Personen die Funktion tatsächlich nutzen. Als ich einen Verkäufer danach fragte, nannte er mir irgendeine absurd hohe Zahl, die nur mit viel Zahlenakrobatik zustande gekommen sein konnte. Wenn ihr also überlegt, solch eine Funktion zu verwenden, testet sie erst mal. Wenn eine nennenswerte Zahl von Usern die Funktion tatsächlich verwendet, mag sie ihr Geld wert sein.
Nicht zu bestreiten ist, dass der digitale Vorleser auch eine gewisse symbolische Funktion hat. Das gilt aber tatsächlich nur für Leute, die sich mit der Materie beschäftigt haben. Der normale User wird das für eine nette Spielerei halten und gar nicht in Verbindung mit Barrierefreiheit bringen.

Mein Rückblick auf das Camp Nimm

Am 14.9. hat das erste Barcamp zum Thema Inklusive Medienarbeit stattgefunden. Hier kommt mein kleiner Rückblick.
Die Lokation war die Jugendherberge in Düsselldorf. Für eine Jugendherberge wirkte das Gebäude recht modern. Vielleicht sind aber auch meine Vorstellungen von Jugendherbergen veraltet. Bleibt nur noch der Rückblick auf die von mir besuchten Sessions.
Ich selbst habe eine kleine Session zum Thema barrierefreies Internet abgehalten. In meinen eigenen Sessions finde ich es immer interessant zu erfahren, warum die Teilnehmer kommen und welche Fragen sie mitbringen. In der Regel kommen sie tatsächlich dann, wenn sie das Thema Barrierefreiheit aktuell und konkret betrifft. Was ich nicht so kritisch finde. Es gibt vieles, mit dem man sich beschäftigen muss und das auf Vorrat zu tun bringt meistens nichts. Als Fazit meiner Session kann man sagen, dass Barrierefreiheit im Internet sich mit relativ geringen Ressourcen umsetzen lässt. Dazu werdet ihr in nächster Zeit noch von mir hören.
Session Nr. 2 von Cinderella Glücklich drehte sich um die Arbeit von Leidmedien. Als Erkenntnis nehme ich mit, dass es da noch viel zu tun gibt und dass es wichtig ist, als Behinderter mehr mit den Medien in Kontakt zu treten, um sie auf Diskriminierungen aufmerksam zu machen. Das Ganze sollte respektvoll erfolgen und nicht in Shitstorm-Manier.
Die dritte Session vom Projekt barrierefrei kommunizieren drehte sich um die Arbeit mit jungen Geflüchteten. Wenn ich Notizen gemacht hätte, könnte ich jetzt auch ein Fazit ziehen.
Barcamps zum Thema Inklusion sind ja fast ein Klassentreffen. Es ist immer schön, alte Bekannte wieder zu treffen und da ist ein Barcamp einfach die perfekte Gelegenheit.
Gut gefallen hat mir, dass das Thema Inklusion nicht nur in Bezug zu Behinderung gefasst wurde. Auch Flüchtlingsarbeit wurde explizit genannt, doch geht es bei Inklusion generell um den einbezug benachteiligter Gruppen in die Gesellschaft. Und die Methoden unterscheiden sich in der konkreten Arbeit nicht so stark.
Leider wurde nur wenig getwitter. Bei meinem Notebook war der Saft alle und auf dem Smartphone kann ich nicht gut tippen, ansonsten hätte ich auch mehr getwittert. Aber durch die Etherpads ist ja quasi eine alternative Dokumentation entstanden.
Insgesamt hat mir das Barcamp gut gefallen und ich freue mich, wenn es eine zweite Auflage gibt.

Blindengerecht ist nicht barrierefrei

Wann immer ich zu einer Beratung heran gezogen werde, werde ich vor allem nach den Anforderungen Blinder gefragt. Das ist nahe liegend, da ich selbst blind bin. Doch kommt es recht häufig vor, dass die Anforderungen Blinder und Sehbehinderter mit Barrierefreiheit gleich gesetzt werden. Warum das falsch und gefährlich ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Oft höre ich von Blinden, diese oder jene Software sei nicht barrierefrei. In 99 Prozent der Fälle ist eigentlich gemeint: „Ich komme mit dieser Software nicht klar“. Ich selbst sagte das früher recht häufig.
Dabei ist das Problem vielschichtig. Die eine Software funktioniert mit Jaws, die andere mit NVDA und wieder eine Andere funktioniert überhaupt nicht. Mit speziellen Modi wie dem Jaws-Cursor oder dem Touch-Cursor lassen sich manchmal Programme nutzen, die mit dem virtuellen Cursor gar nicht zugänglich sind. Die App mag zugänglich sein, wo die Website es nicht ist oder umgekehrt.
es kann also sehr gut an den individuellen Fähigkeiten scheitern. Ich höre von Blinden, die alles am Tablet oder Smartphone machen und damit wunderbar klar kommen. Ich hingegen ziehe alles, wofür man mehr als drei Zeichen eintippen muss den PC vor. Deswegen ist das eine System nicht zugänglicher als das andere.
Vieles ist auch ein reines Usability-Problem. Mit Windows funktioniert im Prinzip das Meiste, es ist aber nicht wirklich benutzerfreundlich – für Blinde.
Leider kommt Ähnliches von den großen Verbänden wie DBSV oder DVBS. Dies sei nicht barrierefrei, jenes sei nicht inklusiv. Dabei meinen sie aber immer nur den Zugang für Blinde und Sehbehinderte. Natürlich ist es ihre Aufgabe, sich für deren Belange einzusetzen. Aber das auch andere Gruppen Zugang zu Büchern bekommen, ist nicht dadurch sicher gestellt, dass die Schrankenregelungen für Blinde und Sehbehinderte ermöglicht werden.
Erst kürzlich erklärte der DBSV, sein neues Design-Konzept sei inklusiv und attraktiv. Leider trifft beides nicht zu. Inklusiv konnte es schon deshalb nicht sein, weil außer Blinden und Sehbehinderten keine andere Behinderten-Gruppe an der Erstellung beteiligt war. Und attraktiv? Nun ja, urteilt einfach selbst.
Vielleicht sollte man bei jedem Beitrag über Inklusion oder Barrierefreiheit dazu schreiben: „Die Inklusion, die sie meinen“ oder „Die Barrierefreiheit, die sie meinen“.
Dieses Problem findet man auch in anderem Zusammenhang bei anderen Gruppen. Spricht man von barrierefreien Gebäuden oder Umwelten, ist meistens rollstuhlgerecht gemeint. Das ist aber keine Entschuldigung für Blinde, es genauso zu machen.
Es ist übrigens auch kein deutsches Problem. Google bot vor kurzem einen kostenlosen Online-Kurs zur barrierefreien Webgestaltung. In der Kursbeschreibung ging es aber in erster Linie um Kontraste, Semantik und ARIA. Sicher keine unwichtigen Themen, aber das ist eine Teilmenge von Barrierefreiheit. Doch die Absolventen glauben vermutlich, jetzt Experten für barrierefreie Web-Entwicklung zu sein.

Die Motive

Es gibt hier unterschiedliche Motivlagen. Fangen wir mit den Verbänden an.
Viele der Verbände-Projekte sind öffentlich gefördert. Die Pressemitteilungen und andere Verlautbarungen richten sich also eher weniger an die Öffentlichkeit, sondern an die Geldgeber. Die reagieren positiver auf die üblichen Buzz Words Inklusion und Barrierefreiheit. Klingt einfach besser als blindengerecht oder sehbehindertengerecht. Ähnliches mag für die Medien gelten. Da Inklusion, UN-BRK und Barrierefreiheit mittlerweile zum öffentlichen Thema geworden sind, erhofft man sich durch die Verwendung solcher Begriffe vielleicht eine größere Resonanz. Der Erfolg ist eher mäßig.
Beim Individuum sieht es schon anders aus. Hier geht es häufig darum, von der eigenen Verantwortung abzulenken. „Es ist nicht barrierefrei“ geht einem leichter von den Lippen als „Ich komme nicht klar“. Man wälzt die Verantwortung auf die Öffentlichkeit ab. Das tun ja Blinde besonders gern. Viele sind sich dieser Verhaltensweise auch gar nicht bewusst. Wir Pastorentöchter nennen das erlernte Hilflosigkeit.
Aber auch, wenn sie nicht selbst die Ursache ihrer Probleme sind. Eine Software kann wunderbar für Sehbehinderte und Querschnitts-Gelähmte funktionieren. Aber wenn sie für Blinde nicht funktioniert, ist das ein Problem der Barrierefreiheit? Nun, das ist nicht ganz stimmig.
Zugegeben, wenn man so argumentiert, ist sämtliche Software barrierefrei. Von den 7,6 Mio. Schwerbehinderten haben die Wenigsten Probleme bei der Software-Nutzung, die auf Barrierefreiheit zurückzuführen sind. Vielfach ist es mangelnde Erfahrung oder Beherrschung der Hilfstechnik.
Auf der anderen Seite ist der Begriff Barrierefreiheit zu schwammig, um ein konkretes Problem zu beschreiben. Nicht Tastatur-nutzbar, ohne Alternativbeschreibung, zu wenig Kontrast – das sind Problembeschreibungen. Barriere-Unfreiheit hingegen ist Wischi-Waschi und Drückerei davor, die Probleme konkret zu benennen.
Parallelen und Unterschiede
Von einer kontrastreichen und anpassbaren Gestaltung von Benutzeroberflächen profitieren sicherlich fast alle Nutzer. Für Blinde sind die Screenreader-Kompatibilität sowie die Tastaturnutzbarkeit wichtig. Auch davon profitieren andere Nutzer, vor allem jene, welche die Tastatur nutzen.
Blinden ist der Kontrast von Texten und Bildern völlig egal. Auch die grafische Anordnung von Inhaltsblöcken spielt für sie keine Rolle.
Für Sehbehinderte und andere Personen jedoch ist das wichtig. Die Anordnung und Gestaltung von Informations- und Bedienungs-Einheiten sowie ihre Zahl ist entscheidend dafür, wie schnell sich jemand zu Recht findet.
Anderen Leuten sind unsichtbare Beschriftungen und alternative Bildbeschreibungen vollkommen egal. Wir träumen nachts davon, dass auch Andere davon profitieren. Tun sie aber nicht. Mal im Ernst, ich soll für fünf Blinde ein Bild beschreiben, aber 50 Sehbehinderte dürfen über den Bild-Inhalt rätseln? 7,5 Mio. funktionale Analphabeten sollen auf eine Vorlese-Funktion verzichten, weil 100.000 Blinde sich die Website auch so vorlesen lassen können? Vielleicht überschätzt die Gruppe der Blinden einfach ihre Relevanz.

Das Risiko

Der Arbeitskreis Barrierefrei informieren und kommunizieren ist ziemlich eng mit den Blindenverbänden verbandelt. Auch hier ist die Über-Repräsentanz Blinder und Sehbehinderter ein stetes Ärgernis. Leider sieht es in anderen Gremien zur Barrierefreiheit nicht anders aus.
Nur ein kurzes Wort über die Personen, die in solchen Gremien sitzen: Es ist eure Aufgabe, eine Gruppe zu repräsentieren und nicht, eure eigenen Vorlieben und Antipathien kund zu tun. Ich bin eigentlich ein Freund der Teilhabe. Aber oft richtet die Teilhabe auch mehr Schaden als Nutzen an.
Indem wir unsere eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, schaden wir den anderen Gruppen.
Es wird für Autisten, Gehörlose oder Demenz-Erkrankte schwieriger, ihre eigenen Interessen zu artikulieren. Die Organisationen sagen, sorry, die Ressourcen sind für die blinden- und sehbehindertengerechte Gestaltung drauf gegangen. Oder diese Gruppen brauchen so viel Zeit, ihre Interessen auszudrücken, dass für die Anderen keine Zeit mehr ist.

Appell an die Betroffenen

Ich denke, es ist auch die Aufgabe der Experten, die Auftraggeber über diese Aspekte aufzuklären.
Die Betroffenen sollten stets sagen: „Ich habe ein Problem“, anstatt immer mit Barrierefreiheit um die Ecke zu kommen. Man sollte auch den Mut haben, zuzugeben, dass man vielleicht nicht kapiert hat, wie eine Software funktioniert. Wir sollten nicht immer automatisch anderen Leuten die Verantwortung für etwas zuschieben.
Mein anderer Appell, der leider wieder ins Leere laufen wird ist, mehr mit anderen Gruppen mit ähnlichen Interessen zusammenzuarbeiten. Es gibt ganz wenige Gruppen, die behinderungs-übergreifend engagiert sind. Dabei gibt es diese Interessen. Die wenigen gemeinsamen Gremien, die es gibt, sind auf enge Bereiche beschränkt oder haben gar keine Macht. Ich behaupte einmal, man hätte die Schrankenregelungen zum Bücheraustausch schneller durchsetzen können, hätte man mit den Verbänden von Analphabeten zusammengearbeitet. Deren Zahl ist nämlich deutlich größer als die Zahl der Blinden und Sehbehinderten. Doch die Verbände betätigen sich nach wie vor als Einzelkämpfer und tragen so nicht dazu bei, dass sich Barrierefreiheit schneller durchsetzt. Im Gegenteil: Häufig werden Verbesserungen blockiert, weil sie einer bestimmten Gruppe nicht nutzen. Und die häufigsten Blockierer sind meiner Erfahrung nach die Blinden. Sie haben im Vergleich zu ihrer absoluten Zahl eine sehr starke Lobby. Die anderen Behinderten-Gruppen haben das Pech, dass ihre Lobby nicht so stark ist.

Ein kleiner Rückblick auf das Care Camp 2017

Was macht jemand, der relativ wenig mit dem Gesundheitswesen zu tun hat auf einem Barcamp, das sich genau um dieses Thema dreht? Das habe ich mich auch gefragt. Und auf eine konventionelle Konferenz zu diesem Thema wäre ich auch sicher nicht gegangen. Aber bei Barcamps ist alles anders.
Das Coole an Barcamps ist, dass man immer mit Leuten zusammen sitzt, die sich genau in diesem Moment für genau dieses Thema interessieren. Wer schon mal in die gelangweilten Gesichter von Konferenzteilnehmern geblickt hat weiß, was ich meine.
Hier ein kleiner Rückblick auf die Sessions, die ich besucht habe.
Der erste Beitrag drehte sich um das Thema eHealth. Hier wurden alle möglichen Themen diskutiert, wobei wir uns nicht einig darüber waren, was eHealth eigentlich ist bzw. nicht ist. Es wurde über alle möglichen Themen diskutiertl Ein etwas stärkerer Fokus auf ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Aspekt hätte der Diskussion nicht geschadet. Leider weiß ich nicht, wer die Session veranstaltet hat.
Session Nr. 2 drehte sich um das Thema Storytelling in der Medizin. Es ging um die Frage, wie Patientengeschichten dazu beitragen können, dass sich die Situation der Patienten im Gesundheitssystem verbessert. Sessiongeber war das Storyatelier.
Session Nr. 3 wurde von einem gewissen Domingos de Oliveira angeboten. Thema der Diskussion war die Situation Behinderter im Gesundheitssystem. Hier war interessant, die unterschiedlichen Problemlagen zu sehen. Domingos verwies darauf, dass ein behinderter Patient als Ausnahme gesehen wird. Und das, obwohl ein Großteil der Patientenältere Menschen sind, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens eine Einschränkung haben. Einer der Teilnehmer verwies darauf, dass die Krankenhäuser tatsächlich nur darauf eingerichtet sind, eine einzige Erkrankung zu behandeln. Das System sei nicht dafür geeignet, eine Person zu betreuen, die von mehreren Erkrankungen betroffen ist.
Domingos meint, dass man so weit kommen müsse, dass eine Behinderung nicht mehr als Ausnahme, sondern als Normalfall angesehen wird. Leider hat er nicht näher ausgeführt, was er damit meint.
Interessant war auch der Bericht eines Vaters von zwei Kindern mit Down-Syndrom. Seine Tochter hatte eine Zeit lang in einem Altersheim gearbeitet. Es wäre eigentlich wünschenswert, dass mehr behinderte Menschen im Gesundheitswesen arbeiten.
Sein Sohn hat eine stärkere Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit, so dass er bei Erkrankungen immer begleitet werden muss, damit die Eltern für ihn übersetzen. Das ist leider ein Problem, mit dem viele Eltern beschäftigt sind, die sich um ihre erwachsenen Kinder kümmern. Was passiert, wenn die Eltern selbst nicht mehr dazu in der Lage sind?
Auch sind die Krankenhäuser nicht darauf vorbereitet, eine Begleitperson ohne Mehrkosten aufzunehmen. Bei kleinen Kindern ist das zwar keine Seltenheit. Aber eine Person, die auf ständige Unterstützung angewiesen ist, hat große Probleme, ihre Begleitperson mitzunehmen. Aber jeder kennt die Situation in Krankenhäusern, die Schwestern und Pfleger sind selten dazu in der Lage, mehr als das Minimum zu leisten. Die Personaldecke ist zu dünn.
Wie immer gab es Sessions, die ich gern besucht hätte, leider hat der Trick mit der Aufteilung auf mehrere parallele Sessions nicht funktioniert. Es gab eine Session zur automatischen Erkennung von Emotionen sowie eine Session, in der eine Person über ihren Suizid-Versuch und die Folgen berichtete.
Insgesamt war es ein sehr spannendes Barcamp mit einer guten Themenmischung. Mein Dank geht an die Organisatoren für den reibungslosen Ablauf.

Kunden, Kollegen und Vorgesetzte von Barrierefreiheit überzeugen – so kanns gehen

Ihr möchtet Barrierefreiheit einführen? Aber euer Chef, die Schwiegermutter oder der Metzger meinen, dass ist blöd, überflüssig oder teuer? Dann findet hier ein paar Strategien, um sie davon zu überzeugen.

Compliance

Compliance bedeutet so viel wie im Einklang mit gültigen Gesetzen und Richtlinien stehen.
Das ist sehr einfach. Wenn es Gesetze gibt, müssen diese erfüllt werden, basta.
Derzeit gibt es vor allem zwei Organisationstypen, die verpflichtet sind:

  • Öffentliche Organisationen
  • halböffentliche Organisationen wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die gesetzliche Renten-, Unfall- und Krankenversicherungen

Private Unternehmen und NGOs sind im Prinzip nicht verpflichtet. Dies kann sich aber bald ändern. Alle Organisationen, die öffentliche Aufträge oder Mittel bekommen – und das sind viele – dürfen sich darauf einstellen, sich früher oder später mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigen zu müssen. Es ist für solche Organisationen sinnvoll, sich bereits jetzt damit zu beschäftigen, bevor es eventuell zu Abstrafungen von der einen oder anderen Seite kommt.

Das moralische Argument

Ja, ich weiß, die armen Behinderten und so. Dennoch ist es so, dass gerade eine sozial orientierte Organisation auch die Barrierefreiheit umsetzen sollte. Es ist schon erschreckend und auch ziemlich armselig, wenn diese Organisationen ihre interaktiven Anwendungen nicht barrierefrei hinbekommen. Wenn man zu doof ist, um einen barrierefreien Spendenprozess aufzusetzen, braucht man unser Geld offensichtlich nicht. Wenn jemand alle Menschen erreichen möchte, kommt er an Barrierefreiheit nicht vorbei.

CSR und Diversity

Sind Strategien zum Thema Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung oder personelle Diversity vorhanden, kann darauf aufbauend eine Argumentation zur Barrierefreiheit abgeleitet werden. Vorgesetzte mögen es, wenn etwas in ihr Unternehmenskonzept passt.
Wir witzeln immer darüber, dass die Unternehmen gar keine Behinderten einstellen müssen, um die Behindertenquote zu erfüllen. Durch den demographischen Wandel werden die meisten Belegschaften im Schnitt älter als 50 sein. Vor allem Büroarbeiter, die viel sitzen und auf PC-Bildschirme starren, dürften von Erkrankungen der Augen und des Haltungsapparats betroffen sein. In diesem Alter machen sich auch Hörschäden schnell bemerkbar. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sind nicht darauf vorbereitet. Einerseits wollen und müssen sie diese qualifizierten Leute halten. Andererseits haben sie weder das Wissen, das Geld für den Umbau ihrer Infrastruktur und manchmal fehlt auch schlicht der Wille, sich darauf einzustellen. Dann ist halt der Kicker wichtiger als die Rollstuhlrampe.

Das finanzielle Argument

Vor allem bei Privat-Unternehmen zählt in erster Linie das finanzielle Argument. Nun ist die Zahl derjenigen, die tatsächlich in der Nutzung von Produkten/Dienstleistungen eingeschränkt sind nicht gleich der Zahl der Behinderten. Nur ein Bruchteil der 7,6 Mio. Schwerbehinderten hat tatsächlich Probleme bei der Nutzung des Internets.
Aber natürlich gibt es Leute, die Probleme haben und es sind nicht Wenige. Hunderttausende älterer Menschen sind von Web-Anwendungen schlicht überfordert. Millionen von Menschen verstehen nicht, was auf den Webseiten geschrieben wird. Die Kosten durch Fehlbedienung und anderen nötigen Support dürften für viele größere Unternehmen locker im sechsstelligen Bereich liegen.
Lasst mich an dieser Stelle mit einem Märchen im Unternemens-Bereich aufräumen: Unsere Kunden sind nicht die hippen 20-40-jährigen, denn die verdienen kaum Geld und wenn, müssen sie es für Familienbildung und Lebensunterhalt ausgeben. Erst recht sind unsere Kunden nicht die unter 20-jährigen, denn die haben noch viel weniger eigenes Geld. Unsere Kunden sind oftmals die 50-jährigen und älter. Die Kinder sind aus dem Haus oder alt genug, um sich um sich selbst zu kümmern. Haus und Auto sind abbezahlt. Im Allgemeinen verdient man in diesem Alter besser und hat zugleich weniger Fixkosten. Man hat mehr Zeit, um auszugehen, Urlaub zu machen und sich überflüssigen Schnick-Schnack wie einen Thermomix zu kaufen. Zugleich wirken sich die ersten Weh-Wehchchen spürbar aus. Hör-, Körper- und Sehkraft lassen nach. Man kapiert nicht mehr so schnell, wie das Ding funktioniert. Man kann sich nicht mehr risikolos bücken, um das Dingsbums an- oder abzustellen. Die Gruppe der über 50-jährigen ist also die eigentlich spannende Gruppe.
Dennoch versuchen wirklich fast alle Organisationen, sich auf eine jüngere Zielgruppe einzuschießen. Klar ist , dass die Marketingmaßnahmen jünger wirken sollen als die eigentliche Zielgruppe. Kein 50-jähriger möchte ein Seniorenhandy. Aber das Marketing ist das eine, das Produkt etwas Anderes. Im Zweifel werden sie das Produkt nicht mehr kaufen bzw. zurück geben, wenn sie es nicht gebrauchen können. Nichts ist frustrierender als ein Produkt, dass unbedienbar ist, weil es nicht vernünftig gestaltet wurde. Neulich wollte ich ein Olivenglas öffnen und was soll ich sagen? Im besten Mannesalter habe ich es nicht mit reiner Körperkraft geschafft. Das darf doch nicht wahr sein oder?
Gerade der Bereich eCommerce ist für ältere Menschen interessant. Medikamente sind online teils 50 Prozent günstiger zu bekommen. Lebensmittel schleppen könnte dank Online-Supermarkt passé sein.
Und gerade beim eCommerce gibt es die meisten Probleme. Das zieht sich durch die ganze customer journey durch: Angefangen bei der Produktsuche, der Auswahl, dem Anmeldeprozess und der Eingabe der Daten. Als ich mir neulich einen neuen Kühlschrank kaufen musste, wollte ich den lokalen Elektromarkt eine Chance geben. Da ich keine Zeit hatte, in den Laden zu gehen, habe ich mir das Angebot online betrachtet. Und was soll ich sagen? Ich konnte nicht einmal die Preise vernünftig lesen, sie hatten irgend ein Verfahren verwendet, um die Preise hübscher aussehen zu lassen, mit Screenreader waren sie aber nicht vernünftig entzifferbar. Ich bin dann am Ende wieder bei Amazon gelandet. Mir fehlt einfach der Nerv, mich mit solchem Schnick-Schnack länger zu beschäftigen. Es muss sich aber niemand wundern, wenn der Online-Handel sich weiter monopolisiert, wenn man keine vernünftige Website zustande bekommt.

Der Qualitätsfaktor

Es gibt drei Strategien, um auf dem Markt aufzutreten:

  • Der Marktführer versucht, die höchsten Stückzahlen bzw. Dienstleistungen abzusetzen. Er setzt große Mengen ab und versucht deshalb, die Kosten pro Einheit gering zu halten.
  • Der Qualitätsführer versucht, das beste Produkt oder die beste Dienstleistung abzuliefern. Er investiert mehr und setzt insgesamt weniger Leistungen ab, hat aber höhere Gewinn-Margen pro Leistung.
  • Der Nischen-Hüter versucht sich innerhalb einer Nische einzunisten. Er setzt weder hohe Stückzahlen ab noch hat er den Anspruch, das insgesamt beste Produkt abzuliefern. Nur innerhalb seiner Nische strebt er die Führerschaft an.

Sowohl der Markt- als auch der Qualitätsführer müssen Barrierefreiheit anstreben. Barrierefreiheit ist eindeutig ein wichtiges Qualitätskriterium. Und ohne Barrierefreiheit wird die vollkommene Marktdurchdringung schwierig.
So weit die Theorie. Die Praxis sieht leider anders aus. Auf dem Markt für Computer tut sich recht viel: Nachdem Apple Barrierefreiheit zum Mainstream gemacht hat, haben Microsoft, Google und Samsung ebenfalls das Thema für sich entdeckt. Microsoft versucht zum Beispiel, den Narrator zu einem vollwertigen Screenreader auszubauen.
Andere Märkte funktionieren leider nicht so, wie wir uns das wünschen würden. Zwar funktioniert Amazon, der Marktführer im eCommerce, in Teilen recht gut. Bei der Barrierefreiheit können sie aber noch mehr machen.
Dennoch ist das Argument richtig: Wer Markt- oder Qualitätsführer sein möchte, muss dafür sorgen, dass sein Produkt möglichst barrierefrei ist.

Der Behinderte als Normalfall

Das Paradigma des gesunden, alles verstehenden und beherschenden Kunden war nie richtig und ist es heute natürlich gar nicht mehr. Wir haben die Statistik gesehen: 7,6 Mio. Schwerbehinderte, 7,5 Mio. funktionale Analphabeten, Millionen ältere Menschen mit teils unerkannten Gebrechen, Hunderttausende mit geringen Deutsch-Kenntnissen.
Statt diese Realität wie heute üblich einfach zu ignorieren, sollten wir sie akzeptieren und Strategien entwickeln, um damit umzugehen. Schluss also mit Ameisenschrit auf Lebensmittelverpackungen, mit Verpackungen, die sich nur mit Spezialwerkzeug öffnen lassen und Interfaces, zu deren Verständnis ein ein zentimeterdickes Handbuch notwendig ist.
Behinderte und andere Kunden sind angehalten, ihre Bedürfnisse stärker auszudrücken. Fragt, ob ein Ort barrierefrei ist. Fragt, ob das nicht auch in barrierefrei geht. Fragt, ob man ein Nummernzieh-System in einer Augenklinik braucht. Fragt, warum es keine rollstuhlgerechten Toiletten, keine Höranlage gibt. Fragt, warum der Redner offenbar in sein PowerPoint verliebt ist und nicht vernünftig verbalisiert.

Behinderte beteiligen

Am meisten beeindruckt es die Leute tatsächlich einmal live zu sehen, wie ein behinderter mit ihrer Website interagiert. Je futuristischer, desto besser: Sprachsteuerung, Eye-Tracking, Screenreader – wichtig ist vor allem, dass es einerseits möglichst weit von der Lebenswirklichkeit der Personen weg ist. Denn jeder würde sagen: Ein Mensch, der nicht mal seine Arme bewegen kann, kann doch keine Website bedienen. Das Aha-Erlebnis ist bei den Ungläubigen am stärksten. Selbst bei den rationalsten Menschen sind es nicht immer die sachlichen Argumente, die sie überzeugen. Oftmals sind es eher die emotionalen, aber nicht moralischen Aspekte, die sie überzeugen.
Dabei muss ich aber gleich überzogene Erwartungen bremsen. Der Zuschauer mag überzeugt sein, wenn er aus der Demo rausgeht. Doch solche Effekte halten selten vor. Es braucht in der Regel mehr als einen Anlaß, um die Leute zu überzeugen. Es ist also eher ein Zusammenspiel der oben genannten Argumente und Strategien.
Zudem sind die Leute natürlich unterschiedlich: Die Eine möchte harte Zahlen, der Andere möchte eher auf der emotionalen Ebene angesprochen werden. Man muss also definitiv die Strategie auf die Person oder Personengruppe anpassen, die man überzeugen möchte.

Einfach machen

Viele Agenturen und Webentwickler lassen sich Barrierefreiheit teuer bezahlen. Inwieweit das gerechtfertigt ist, lasse ich einmal außen vor. Doch ist der Mehraufwand für Leute, die ihr Handwerk verstehen überschaubar. Eine Installation von Drupal oder WordPress barrierefrei zu machen ist wahrlich kein Hexenwerk. Eine typische textlastige Seite mit wenig interaktiven Elementen barrierefrei zu machen ist dank der vielen Frameworks wahrlich kein Hexenwerk. Dafür Aufschläge von 30-40 Prozent zu nehmen stärkt eher das Mißtrauen gegenüber den Agenturen.
Ein anderes Thema sind komplexe Websites mit einem hohen Grad an Interaktion. Da kommt es tatsächlich darauf an, wie viel Arbeit die Agentur hat und wie intensiv sie testet. Ansonsten ist aber zum Beispiel digitale Barrierefreiheit schlicht gutes Handwerk. Ein Redakteur würde auch nicht 30 Prozent mehr für eine Rechtschreibprüfung oder ein Fact-Checking nehmen. Die Agenturen und Entwickler sollten also das Thema Barrierefreiheit einfach umsetzen, ohne ihren Kunden darüber zu informieren. Spätestens dann, wenn er gezwungen ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wird er dafür dankbar sein.