Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Newsletter zur digitalen Barrierefreiheit – Oktober 2018

Wordpress auf einem TabletWenn man etwas zwei Mal macht, ist es eine Tradition, wie wir Rheinländer sagen. Von dem her: Willkommen zum traditionellen zweiten Newsletter zur Barrierefreiheit. Den Ersten könnt ihr hier nachlesen. Wer ergänzen mag, gerne in den Kommentaren.
In der internationalen Szene hat der Rücktritt der WordPress-Accessibility-Chefin Rian Rietveld große Wellen geschlagen. WordPress hat mit dem Gutenberg-Editor schön gezeigt, wie man Barrierefreiheit nicht umsetzt, das nennt sie als Grund für ihren Rücktritt.
Klingt wie ein Oktoberscherz: Australische Forscher haben eine Schrift namens Sans Forgetica entwickelt. Sie soll dabei helfen, Informationen besser zu behalten. Für Seh- und Lesebehinderte gilt das wohl nicht, die Schrift sieht für mein unscharfes Auge aus, als ob Teile der Buchstaben fehlen.
Nebenbei hat die EU die Audiovisual Media Services Directive (AVMSD) im Oktober abgesegnet. Sie soll u.a. Verbesserungen bei der Barrierefreiheit im Rundfunk bringen.
Die Deutsche Zentralbücherei hat ihren Leitfaden zu barrierefreien eBooks aktualisiert. Dort gibt es auch ein Tool, mit dem man sein eBook auf Barrierefreiheit prüfen kann.

Events

Das Highlight im November ist sicherlich der Accessibility Club in Berlin. Wer noch hin will, sollte sich beeilen, er findet am 5.11. statt.
Highlight im Oktober war das Online-Event Inclusive Design 24. Die Vorträge lassen sich online nachschauen.

Tools

Die Paciello Group hat ihren Color Contrast Analyzer upgedatet. Er unterstützt jetzt auch die Kriterien der WCAG 2.1.
Google hat mit Creatibility ein Projekt gestartet, das Tools für Kunst Kultur zugänglicher für behinderte Menschen machen soll.

Bücher

Schon im September ist das Buch “Mismatch – How Inclusion Shapes Design” von Katie Holmes erschienen. Die Designerin Holmes beschäftigt sich mit der Frage, warum u.a. behinderte Menschen früh im Konzeptionsprozenss berücksichtigt werden sollten und wieso das gut für die Angebotsentwicklung ist.

Entscheidungshilfe: Wann ist ein barrierefreies PDF sinnvoll?

PDF-LogoPDF hat sich als Standardformat für gestaltete Informationen im Web und für die Verbreitung via E-Mail und anderer Dienste etabliert. Doch schaut man auf den Aufwand, der in PDFs im Allgemeinen und in barrierefreien PDFs im Besonderen steckt, macht das Format heute nicht mehr so viel Sinn. Dieser Entscheidungsbaum soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob und wann ein PDF sinnvoll ist.
Bedenken Sie generell:

  1. Ist ein PDF erst mal in der Welt, kann dessen Verbreitung nicht mehr kontrolliert werden. Niemand weiß, wie viele veraltete Informationen in PDFs im Internet und auf Festplatten lagern und wie viele heruntergeladen und immer weiter verteilt werden. Aber es dürften allein in Deutschland einige Millionen sein.
  2. Während die Erstellung eines PDFs immer mit einem größeren Aufwand verbunden ist, kann Inhalt praktisch ohne Aufwand online gestellt und wieder offline genommen werden. Im Grunde würden PDFs, die im Internet stehen ein permanentes Monitoring erfordern, was aber in der Praxis selten gemacht wird. Ist ein PDF nicht verlinkt, kann es dennoch von Suchmaschinen gefunden werden. Es kann sein und ist häufig wahrscheinlich, dass ältere PDF-Dokumente leichter gefunden werden als aktualisierte PDF-Dokumente oder Webseiten.
  3. Während sauber erstellte HTML-Inhalte problemlos in ein neues Layout oder Corporate Design überführt werden können, muss ein PDF im Prinzip komplett neu gelayoutet werden. Im Grunde erfordert jede größere Änderung, dass vielleicht eine Seite, oft aber das ganze Dokument neu gesetzt werden muss.

Bestimmte Hilfstechniken wie das Anpassen der Schriftart funktionieren in PDF nur eingeschränkt und erfordern häufig spezielle Reader-Programme. Während fast jeder weiß, wie er im Browser Texte zoomt, ist der Umfliessen-Modus im Adobe Reader unter vielen unbekannt, die davon profitieren könnten. PDF ist damit das am wenigsten komfortable Mainstreamformat.
Als Alternative zu PDF gehen wir hier von normalen Webseiten aus. Möglich wären auch ePub oder typische Office-Formate, diese sind aber aus verschiedenen Gründen unüblich und es wirkt zumindest bei Office-Formaten auch schnell unprofessionell. Zudem gelten vor allem die Formate von Microsoft als Sicherheitsrirsiko, werden also potentiell geblockt oder in den Spam geschoben. ePub ist auf mobilen Geräten problemlos darstellbar, aber nicht unbedingt auf Desktop-PCs. Bei PDFs ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass der Nutzer ein Programm zu deren Darstellung auf dem System hat.
Tatsächlich wird PDF in vielen Fällen nicht eingesetzt, weil es das beste Format für den jeweiligen Zweck wäre. Vielmehr wird es verwendet, weil es quasi als Abfallprodukt einer Druckvorlage angefallen ist.

Entscheidungsbaum: PDF ja, , vielleicht oder nein

Unter “ja” finden Sie Argumente, die klar für ein PDF sprechen.

Unter “vielleicht” finden wir Anforderungen, die mit PDF, aber auch mit HTML erfüllbar sind.
Unter “nein” finden wir Anforderungen, die von Webseiten besser erfüllt werden können als von PDFs.

Ja

Die Informationen bleiben lange Zeit aktuell, mindestens 1 Jahr.
Die Ressourcen Zeit, Geld und Personal für die Erstellung eines barrierefreien PDFs sind vorhanden.
Die Informationen sind umfangreich – mindestens 6.000 Zeichen – und werden wahrscheinlich nicht in einem Rutsch gelesen.
Die Informationen müssten, wenn sie online stünden, auf mehrere Webseiten verteilt werden.
Barrierefreie PDFs können im eigenen Hause erstellt werden.

Vielleicht

Die Informationen werden vom Leser später vermutlich noch einmal benötigt.
Die Informationen werden wahrscheinlich ausgedruckt
Die Informationen werden per Mail verteilt.
Die Informationen sollen visuell anspruchsvoll gestaltet sein.
Die Informationen sollen nur an einen beschränkten Nutzerkreis gehen.
Die Informationen sollen dem Nutzer auch zugänglich sein, wenn er keinen Internetzugang hat.
Ein erfahrener Dienstleister ist vorhanden und hat die Ressourcen.

Nein

Die Informationen müssen regelmäßig aktualisiert werden.
Die Informationen werden nur einmal oder nicht regelmäßig gebraucht.
Die Ressourcen Personal, Geld und Zeit für ein barrierefreies PDF sind nicht vorhanden.
Die Informationen haben nur kurze Zeit Gültigkeit.
Die Informationen werden wahrscheinlich auf einem Smartphone/kleinen Display gelesen.
Die Informationen sollen etwa über ein Formular in eine Datenbank eingespeist werden.
Das Dokument enthält eingebundene oder interaktive Elemente wie Multimedia.
Es ist kein erfahrener dienstleister vorhanden oder bekannt.
Die Informationen müssen schnell veröffentlicht/verteilt werden.

Newsletter: Neuigkeiten zur digitalen Barrierefreiheit im September 2018

Kalenderblatt SeptemberIn diesem Beitrag möchte ich Euch berichten, was im September 2018 Interessantes zur digitalen Barrierefreiheit passiert ist. Das werde ich ab jetzt monatlich tun, bis ich keine Lust mehr habe.

Hintergrund dieses Newsletters

Kurz zum Hintergrund: Es passiert aktuell relativ viel im Bereich digitale Barrierefreiheit. Es gibt zwar einige Webseiten, die gelegentlich über Neuerungen berichten, aber eine guten Gesamtüberblick zum Beispiel für einen Monat gibt es nicht.
Dieser Beitrag ist nicht als umfassender Überblick zu verstehen. Trotz Twitter et al mag es Dinge geben, die ich verpasst habe. Deshalb ist jeder eingeladen, seine Links in den Kommentaren zu veröffentlichen.
Ursprünglich hatte ich vor, das Ganze als E-Mail-Newsletter zu veröffentlichen. Doch fehlt mir die Zeit und Lust, mich in die entsprechenden Tools einzuarbeiten. Erst recht habe ich keine Lust, mich mit den Details der Datenschutz-Grundverordnung zu beschäftigen, Wer informiert werden möchte, wenn es was Neues gibt, , muss deshalb den Blog abonnieren, zum Beispiel per RSS. Wer das nicht möchte, sollte am Anfang des Monats in den Blog schauen. Wer das alles nicht möchte, hat Pech gehabt.
Die Zielgruppe sind vor allem Menschen, die sich nicht hauptsächlich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen. Die wären ohnehin gut informiert. Vielmehr möchte ich Leute mit Grundkenntnissen und interessierte Laien erreichen.
Der Fokus liegt auf interessanten Artikeln, neuen Tools, neuen Entwicklungen sowie Veranstaltungen.

Was so passiert ist

Highlight des Jahres ist sicherlich das Inkrafttreten der EU-Richtlinie 2016/2102 für barrierefreie Webseiten und mobile Anwendungen am 23.9.2018. Sie verpflichtet alle öffentlichen Einrichtungen der EU, ihre Webseiten und Apps barrierefrei zu machen. Grundlage ist dabei die WCAG 2.1. Die Richtlinie sorgt also für einen einheitlichen EU-weiten Standard.
Ebenfalls ist im September die WCAG 2.1. in die Europäische Norm 301 549 aufgenommen worden. Diese Nummer könnt ihr sofort wieder vergessen, sie ist die Grundlage für die o.g. EU-Richtlinie.

Veranstaltungen

Hervorragende Veranstaltung im September war der Webkongress Erlangen 2018 mit mehreren Vorträgen zur Barrierefreiheit im Internet. Die Beiträge stehen schon online, Respekt dafür an die Veranstalter.
Das M-Enabling-Forum am 27. September war ebenfalls interessant. Dazu habe ich einen kleinen Rückblick geschrieben.
Highlight im Oktober wird sicherlich das Online-Event Inclusive Design 24 werden. Am 11. Oktober wird es 24 Stunden lang Vorträge rund um inklusive Gestaltung geben. Wer nicht an Schlaflosigkeit oder Kaffee-Sucht leidet, die Beiträge kann man auf YouTube auch später noch nachschauen.
Ich unterhalte eine Liste von weiteren interessanten Events zur digitalen Barrierefreiheit.

Interessante Artikel im September

Der A11y Styleguide ist ein Projekt, das Designer an die barrierefreie Gestaltung heranführt.
Eine kleine Artikelserie auf Knowbility informiert über die Neuerungen in der WCAG 2.1 gegenüber der WCAG 2.0.

Neue Tools

Das Free PDF Validator Plugin scheint neu zu sein, war mir zumindest nicht bekannt.
Leider muss man es beim anbieter CommonLook anfordern, so “free” ist es also nicht. Auch habe ich nicht herausgefunden, wo das Plugin eigentlich eingesteckt werden soll, ich tippe mal auf Acrobat Pro. Aber die Beschreibung klingt zumindest vielversprechend.

Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Menschen schauen sich eine Präsentation auf dem M-Enabling-Forum an.Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Amazon Echo – warum barrierefreie Webseiten sinnvoller werden als je zuvor

Stilisierter LautsprecherAmazon hat mal wieder eine ganze Reihe von neuen Produkten vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum der smarte Lautsprecher Echo mit der Spracheingabe auch barrierefreien Webseiten einen Schub geben könnte.

Alles über Semantik

Ein Schlüsselfaktor für barrierefreie Webseiten ist semantisches und seinen Zwecken entsprechend eingesetztes HTML.
Leider muss man sagen, dass in erster Linie bisher vor allem Blinde davon profitieren. Natürlich bringen Labels Vorteile für motorisch Behinderte und Sehbehinderte können eigene Stylesheets definieren, um sich Inhalte besser zugänglich zu machen. Aber ob das tatsächlich jemand in dem Maße nutzt, bleibt offen.

Vorlesen leicht gemacht

Doch in dem Maße, in dem Geräte ohne eigenes Display auf den Markt drängen, wird es wieder interessant. Wie bringe ich zum Beispiel dem Echo bei, wo der Inhalt einer Webseite beginnt, schließlich will ich nicht die Navigation und anderen Schmus vorgelesen haben, der am Anfang einer Webseite steht. Wie bringe ich ihn dazu, von Absatz zu Absatz, zur nächsten Überschrift, zu einem bestimmten Bereich der Webseite zu kommen? Für einen Sehenden erscheint dieses Problem eigentlich unlösbar. Doch wer arbeitet schon seit Jahr und Tag ohne Display? Exakt, blinde Menschen und das in der Regel ohne große Probleme.
Und hier kommt eine sinnvolle Semantik ins Spiel. Gibt es zum Beispiel nur eine Hauptüberschrift auf der Unterseite, die H1, hat auch eine Maschine keine Probleme, den Anfang des Artikels zu finden. Werden die neuen elemente aus HTML5 wie Navigation, Article, Footer und so weiter korrekt eingesezt, wird die Sache zusätzlich erleichtert. Selbst die Alternativtexte könnten somit einer wesentlich größeren Gruppe nützlich sein.
Auch komplexe Interaktionen mit der Website wie das Aufrufen von Punkten aus der Navigation, das Suchen innerhalb einer Unterseite, das verwenden der Suchfunktion der Website und so weiter sind durchaus möglich. In der Regel wird das länger dauern als mit einem Display, doch muss man es ja auch nicht übertreiben, wenn das visuelle Interface Smartphone nur einen Handgriff entfernt ist.

Formulare per Sprache ausfüllen

Doch war es das noch lange nicht. Heute sind Webseiten interaktiv und interaktiv heißt fast immer Formulare. Sind die Formulare sinnvoll semantisch ausgezeichnet, also so, dass eine Maschine die Aufgabe eines Inputfeldes, den Status und so weiter erkennen kann, dann dürfte es auch kein Problem mehr sein, solche Formulare komplett per Sprache auszufüllen. Natürlich wird man das für komplexere Formulare derzeit nicht machen. Aber auch das könnte nur eine Frage der Gewöhnung sein.

Macht eure Website barrierefrei

Je stärker die Spracheingabe in den Alltag einkehrt, desto mehr werden die Nutzer auch erwarten, damit im Prinzip alles erledigen zu können. Ich prophezeie einmal, dass diese Entwicklung sich stark auf die Gestaltung von visuellen Benutzeroberflächen auswirken wird, ähnlich wie es das Smartphone getan hat. Man wird zum Beispiel gezwungen sein, die Zahl der Links oder die Komplexität von Formularen zu reduzieren und eine an der Spracheingabe optimierte Benutzerführung zu etablieren.
Vor allem ältere Blinde, die mit dem Screenreader nicht so vertraut sind, könnten von dieser Entwicklung profitieren. Aber auch funktionale Analphabeten und ältere Menschen, die teils von der Technik überfordert sind, könnten dank einer Spracheingabe die Möglichkeiten des Internets wesentlich leichter nutzen. Nebenbei könnte es Amazon gelingen, die Haus-Automatisierung massentauglich zu machen, daran sind selbst Apple und google bisher gescheitert.

Sind Google Produkte barrierefrei?

Google SucheGoogle macht wie viele große Software-Konzerne viel Wind um die Barrierefreiheit seiner Produkte. Doch was ist eigentlich dran an den vollmündigen Versprechungen? Leider wenig: Bei Google ist vor allem viel PR und wenig barrierefrei.

Das Bild ist gemischt

während sich bei Android und Chrome sowie Chrome OS einiges getan hat, sieht es bei anderen Produkten durchmischt aus. Tatsächlich hat sich die Barrierefreiheit einiger Produkte in letzter Zeit sogar verschlechtert.
Zu nennen wären hier Google Analytics, die Search Console und Gmail. Pikant daran ist, dass die ersten beiden Produkte häufig am Arbeitsplatz verwendet werden. Google Amerika dürfte damit gegen den Americans-with-Disabilities Act verstoßen.

Google Analytics – für Blinde und Tastaturnutzer praktisch nicht nutzbar

Den größten Murks hat Google mit seinem Dienst Google Analytics angerichtet. Er ist für Blinde und Tastaturnutzer gar icht benutzbar. Man scheitert schon daran, zwischen unterschiedlichen Nutzerkonten und Profilen umzuschalten.
Und leider geht es im gesamten Dienst weiter: Es ist schwierig, einzelne Punkte aus der Unternavigation aufzurufen, in den Inhaltsbereich zu wechseln, sich bestimmte Informationen rauszusuchen… Es ist nicht möglich, den Datumsbereich einzugrenzen, ganz zu schweigen von komplexeren Interaktionen.
Um es klar zu sagen: Das ist eine Diskriminierung blinder Menschen. Google sperrt blinde Internet- und Social-Media-Redakteure von ihrer Arbeit aus.

Search Console und GMail

Das Gleiche gilt auch für die neuen Designs der Search Console und GMail. Offensichtlich werden die gleichen Design-Komponenten für die grafische Oberfläche verwendet. Vermutlich zielt Google auf eine Vereinheitlichung der Benutzeroberfläche ab. Womit aber alle Dienste durch die Bank sich bei der Barrierefreiheit verschlechtern.
Gmail hatte vorher noch den Vorteil, dass man auf eine HTML-Ansicht umschalten konnte. Die war benutzbar, wenn auch ziemlich unkomfortabel. Man war sich offensichtlich selbst bewusst, wie schlecht zugänglich die andere Ansicht für Blinde war. Die HTML-Ansicht ist entweder abgeschafft worden oder für Blinde nicht auffindbar.

Es fehlt an Qualitätssicherung

Das zeigt, dass selbst ein Milliarden-Konzern, der das Know-How zur Barrierefreiheit im eigenen Haus hat, vieles falsch machen kann. Offensichtlich sind die Produkte nicht von Blinden auf Barrierefreiheit getestet worden.Das Feedback der Community wird ignoriert.
Peinlich ist auch, dass Google auf Hinweise, die unter anderem von mir kamen, nicht reagiert hat. Das zeigt, dass Barrierefreiheit für Google kein wichtiges Thema ist.
Meine Konsequenz ist, mich so weit wie möglich von Google Produkten zu verabschieden.

Barrierefreie PDFs – Microsoft Office und LibreOffice im Vergleich

Barrierefreie Dokumente können sowohl mit Microsoft Office als auch mit LibreOffice erstellt werden. Beide Office-Pakete können auch barrierefreie, also getaggte PDFs speichern. In diesem Beitrag möchte ich die einzelnen Funktionen vergleichen.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf eigenen Erfahrungen sowie auf den offiziellen Anleitungen der Anbieter. Es kann durchaus sein, dass es Funktionen gibt, die mir nicht bekannt sind. Ich gehe hier in erster Linie auf Word und Writer ein.
Im ersten Abschnitt geht es um Funktionen, die beide Programme anbieten. Im zweiten Teil geht es um Besonderheiten der Programme.

formatvorlagen

Ganz grundlegend für barrierefreie Dokumente sind die Formatvorlagen. Diese finden wir sowohl in LibreOffice als auch in Microsoft Office. Mit ihnen werden Struktur-Informationen wie Überschriften, Listen oder Absätze hinterlegt.

Bildbeschreibungen

Ebenfalls in beiden Paketen finden wir die Möglichkeit, Bildbeschreibungen für Blinde zu erstellen. MS Office bietet seit 2016 automatische Bildbeschreibungen und Bilder lassen sich als dekorativ für Blinde unsichtbar machen.

Sprache und Metadaten

In beiden Paketen können metadaten wie Autor und Titel hinterlegt werden. Ebenfalls kann die Sprache des Textes sowie von Textpassagen festgelegt werden, damit sie Blinden in der korrekten Sprache vorgelesen werden.

Umfliessen

Generell funktioniert der Umfliessen-Modus in exportierten PDFs bei beiden Office-Paketen. Allerdings hat MS Office spätestens seit der Version 2013 einen Bug: Auf Seiten, in die eine Grafik eingefügt wurde funktioniert der Umfliessen-Modus nicht.

Tagged PDFs

Beide Office-Pakete können die genannten Struktur-Informationen ins PDF übernehmen.

LibreOffice

In diesem Abschnitt geht es um Besonderheiten von LibreOffice.

Lesezeichen

LibreOffice kann Lesezeichen exportieren. Das kann MS Office nach wie vor nicht. Die Lesezeichen werden etwa im Acrobat Reader auf der Linken Seite als immer sichtbares und komfortables Inhaltsverzeichnis angezeigt. Bei langen Dokumenten ist das praktisch.

Vor- und Nachteile von LibreOffice

Der Vorteil von LibreOffice besteht darin, dass sich die Funktionen immer am gleichen Ort finden und nicht so oft umbenannt oder verschoben werden wie in MS Office.
Leider scheint man aber seit der Version 3 von OpenOffice auch nichts mehr großartig an der Funktion geändert zu haben. Damals war das eine großartige Sache. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass man ein paar neue Features hinzufügt. Symptomatisch ist, dass die offizielle Anleitung der Document Foundation seit der Version 5.2. nicht aktualisiert wurde.

MS Office

Im Folgenden geht es um Besonderheiten von MS Office.

Tabellen

In Word kann eine nur für Blinde sichtbare Beschreibung zu Tabellen hinzugefügt werden. Außerdem kann die erste Zeile als Überschriftenzeile gekennzeichnet werden.

Prüffunktion

Ein Vorteil von Microsoft Office ist die seit Office 2010 integrierte Prüffunktion. Sie kann Probleme mit der Barrierefreiheit in den Dokumenten aufzeigen. Das ist natürlich super für Probleme, die sich automatisiert aufspüren lassen.

Vor- und Nachteile von MS Office

Microsoft hat die Funktionen seit Office 2007 stetig weiter entwickelt. Mittlerweile gibt es automatisch generierte Bildbeschreibungen oder die Möglichkeit, Bilder als dekorativ auszuzeichnen. Es gibt außerdem ausführliche Anleitungen zu barriefereien Dokumenten im Internet.
Der Nachteil ist aber ebenso offensichtlich: Für meinen Geschmack sind die Tools zu verstreut und sehr kompliziert zu finden. Immerhin braucht man drei Klicks , um einen Alternativtext hinzuzufügen.
Hinzu kommt, dass sie oftmals von Version zu Version verschoben oder umbenannt werden. Dass die Ribbons immer weiter mit Funktionen aufgeblasen werden, die 99 Prozent der Nutzer nie brauchen werden, macht Office selbst nicht wirklich zugänglich.
Ein weiterer Nachteil des Version-Chaos ist, dass es manche Funktionen in manchen Versionen gar nicht gibt. So funktionierte bei einer Kollegin auf dem Mac der Export als Tagged PDF nicht. Er sollte über die Cloud möglich sein, obwohl es sich um ein Desktop-Office handelt. Meine Assistenz hat eine andere Version von MS Office offenbar speziell für Studierende, wo gleich alle speziellen Barrierefreiheits-Optionen fehlten. Es bleibt das Geheimnis von Microsoft, was man sich bei dieser Produktpolitik denkt.

Fazit: Es gibt keinen Sieger

Wägt man die Vor- und Nachteile der beiden Office-Pakete ab, gibt es keinen eindeutigen Sieger. Microsoft nervt mit den hohen Preisen und der eigenwilligen Produktpolitik. LibreOffice schleppt die Funktion seit der Abspaltung von OpenOffice einfach mit. Natürlich sind die Ressourcen solcher OpenSource-Produkte begrenzt. Doch gerade für die Wissenschaft, aber auch für andere Bereiche wäre eine leistungsfähige Alternative zu MS Office und dem zu komplizierten Adobe Acrobat wünschenswert.
Für Blinde indes ist die Entscheidung leider recht einfach. Während Writer noch teilweise zugänglich ist, lässt sich das von Impress nicht behaupten. Hier kann NVDA zum Beispiel nicht erkennen, ob eine Folie bereits Inhalte enthält. Wenn wir also barrierefreie Dokumente mit Office-Anwendungen erstellen wollen, führt leider kein Weg an Microsoft vorbei. An dieser Stelle muss ich ausnahmsweise auch NV Access, die Macher von NVDA kritisieren. Zwar kommt an den meisten Arbeitsplätzen MS Office zum Einsatz. Doch hättte man sich als OpenSource-Projekt vielleicht doch stärker auf die Zusammenarbeit mit anderen OpenSource-Projekten konzentrieren sollen. Was für Screenreader gilt, gilt natürlich auch für Office-Pakete – nicht jeder hat das Geld, sie sich zu leisten.

Weiterführendes

Barrierefreies Web ist gutes Handwerk

Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day am 17. Mai hatte ich verschiedene Tweets zum Thema barrierefreie Webgestaltung abgesetzt. Unter anderem schrieb ich sinngemäß: “Barrierefreie Webseiten sind keine Extra-Leistung, sondern gutes Handwerk. Hohe Preisaufschläge sind also nicht gerechtfertigt”. Für diese Aussage habe ich ein paar kritische Nachrichten bekommen. Deshalb möchte ich das kurz erklären.

Ein Button ist ein Button ist ein Button

Wenn etwas so aussieht wie ein Button und wenn es sich verhält wie ein Button, dann sollte es auch in HTML ein Button sein.
Kurz zur Erklärung: Man kann design-technisch etwas erstellen, was wie ein Button aussieht und so funktioniert, aber im Code einfach nur JavaScript ist, der hinter eine Grafik gelegt wurde, die wie ein Button aussieht. Warum macht man so was? Weil man entweder faul, doof oder beides ist. Der Aufwand, einen echten Button in HTML zu basteln ist exakt 0 Prozent höher als eine Grafik mit JavaScript zu unterlegen. Doof, weil man offensichtlich keine Ahnung hat, wie man vernünftigen Code schreibt und wahrscheinlich irgendeine Anwendung verwendet, mit der man sich die Elemente zusammenklickt. Ich als absoluter Laie wäre dazu in der Lage, so etwas in HTML anzulegen. Wer sich Webentwickler nennt, sollte das hinbekommen, das ist sozusagen das kleine Ein-Mal-Eins des Webdesigns.
Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bereiche. Wer HTML und CSS ihrem Zweck gemäß einsetzt, hat bereits einen Großteil der Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllt. Aber das ist nun wirklich kein Kunststück. Wer aber seine Website heute noch mit div id=”navigation” verschandelt, hat keine Ahnung von seinem Handwerk.
Nun kann man argumentieren, dass der Spaghetti-Code niemanden interessiert, schließlich soll es gut aussehen und funktionieren. Aber nein, es bringt massive Nachteile mit sich. Ein Programm kann hingehen und den Container “Content” in eine lesefreundliche Variante umwandeln. Google kann den Content sauber von der Navigation oder der Fußzeile unterscheiden. Wer also nicht sauber codet, verschlechtert neben der Barrierefreiheit unter anderem seine Position bei Google.
Und natürlich der Screen Reader: Er kann erkennen, dass etwas ein Button ist und der Blinde kann gezielt alle Buttons einer Website anspringen. “Anklickbar, anklickbar, anklickbar” hingegen ist für Blinde nicht hilfreich.
Umso schlimmer ist es, dass wir uns immer noch über solche Themen unterhalten müssen, dass wir immer noch auf nicht-gelabelte Formularelemente und ähnliche Dinge stoßen.

Barrierefreie Lösungen finden

Was ist aber mit komplexen dynamischen Anwendungen wie Kalender-Widgets oder Lightboxen.
Tatsächlich gibt es für die meisten komplexen Anwendungsfälle frei verfügbare Patterns oder Lösungen, die sich übernehmen oder zumindest nachbauen lassen. Es wäre heute also kein Problem mehr, dem Kunden barrierefreie Webseiten sozusagen unterzuschieben, ob er sie will oder nicht.
Eine barrierefreie Lösung zu recherchieren und einzubauen kostet eben so viel Zeit wie eine nicht-barrierefreie Lösung einzubauen.

Wann Kostenaufschläge gerechtfertigt sind

Natürlich gibt es noch weitere Anforderungen der Barrierefreiheit, die durchaus komplexer sind. Das Anpassen der Patterns an die eigenen Erfordernisse etwa erfordert zusätzlichen Aufwand, wenn sich der Entwickler einarbeiten muss. Doch müssen Patterns immer angepasst werden, etwa aus Design-Gründen.
Eine Ausnahme gilt auch dann, wenn externe Barrierefreiheits-Experten eingeschaltet werden. Die wollen natürlich separat bezahlt werden.
Eine weitere Ausnahme gilt dann, wenn spezifische Tests mit behinderten Menschen zusätzlich durchgeführt werden. Diese Tests sind aufwendig und teuer. Eventuell wird auch ein Honorar oder eine Aufwandsentschädigung an die Testpersonen gezahlt.
Zudem können im Rahmen der Barrierefreiheit zusätzliche Absprachen mit dem Auftraggeber notwendig sein. Es muss etwa ein Konsens darüber erreicht werden, welcher Standard erfüllt werden soll und welche zusätzlichen Anforderungen es gibt.
Über besondere Anforderungen wie Leichte Sprache oder Gebärdensprache spreche ich hier nicht. Hier sind die Kostenaufwände natürlich erheblich. Das hat aber mit der Web-Agentur nichts zu tun.
Doch für den ganz normalen Programmier-Alltag sind hohe Kostenaufschläge für Barrierefreiheit selten gerechtfertigt. Viele Diskussionen und Probleme würden sich erübrigen, wenn Web-Entwickler einfach sauberen und bestimmungsgemäßen Code schreiben würden. Analoges gilt für native Apps. Einfach die Guidelines der OS-Anbieter lesen und sich daran halten, das scheint so manchen Entwickler zu überfordern.

Barrierefreie Webseiten für Senioren

Durch die demografische Entwicklung wird die Barrierefreiheit digitaler Technik immer wichtiger. Warum das so ist und worauf es bei der Barrierefreiheit für ältere Menschen ankommt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Senioren sind die am schnellsten wachsende Gruppe im Internet. Zum Einen natürlich, weil allmählich die erste Gruppe ins Alter kommt, für die ein Computer zum Alltag gehört. Senioren sind generell die am schnellsten wachsende Gruppe in der Gesellschaft.
Zum Anderen, weil Senioren tatsächlich die einzige Gruppe bilden, die noch nicht im Internet vertreten ist. Im Folgenden wollen wir uns ansehen, auf welche Probleme Senioren im Internet stoßen können.

Starke vs. schwache Behinderung

Latente Einschränkungen der Sinnesorgane und der Bewegungsfähigkeit, wie sie im Alter üblich sind können sich ganz anders auswirken als stärkere Behinderungen bei jüngeren Menschen. Geburtsbehinderte sind insofern im vorteil, dass sie sich in Bezug auf ihre Behinderung nie anpassen mussten. Wer blind zur Welt kommt, mag das nicht schön finden. Er musste aber nicht umlernen. Wer im Laufe seines Lebens behindert wird oder bei wem sich drastische Veränderungen ergeben, der muss sich anpassen. Dabei stehen die Chancen umso besser, je jünger die Person ist, dass sie diesen Anpassungsprozess hinbekommt.
Im alter hingegen kommen viele latente Einschränkungen oft zeitgleich zusammen. Die Person kann sich zwar anpassen, doch steht ihr weniger Zeit zur Verfügung, Strategien und den Umgang mit Hilfsmitteln zu erlernen. Hinzu kommen Faktoren wie soziale Isolation, finanzielle Armut, psychische Probleme, eine nicht angepasste Wohnsituation und vieles mehr, was sich zusätzlich negativ auf die Anpassungsfähigkeit auswirken kannn. Der wichtigste Faktor in unserem Zusammenhang ist aber die Kombination unterschiedlicher Einschränkungen. Wenn alle Sinne und die Physis, die Merkfähigkeit und die Belastbarkeit gleichzeitig gefordert sind, nun, das würde auch den Jüngsten unter uns überfordern.
Hinzu kommt, dass viele Einschränkungen gar nicht bemerkt oder falsch interpretiert werden. Es soll vorkommen, dass ein schlechtes Gehör mit einer Demenz verwechselt wird. Oder umgekehrt.
Natürlich gehe ich davon aus, wie die Situation heute zu sein scheint. Vieles spricht dafür, dass die heute 60- oder 50-jährigen einen anderen Habitus haben werden als die heutigen Senioren. Dennoch: die gesundheitlichen Einschränkungen werden auftreten. Gerade die Generation der Bildschirm-Arbeiter und Smartphone-Nutzer werden vielleicht sogar früher mit physischen Problemen zu kämpfen haben als die Generation der Körper-Arbeiter. Das bleibt abzuwarten.

Sehen

Sehen wir von den im Alter typischen Augenerkrankungen wie diabetische Retinopatie und AMD ab, spielt vor allem der Faktor Kurzsichtigkeit eine große Rolle. Durch die intensive Nutzung von Smartphones und Bildschirmen am Arbeitsplatz wird die Zahl der Betroffenen zunehmen.
Auch eine Kontrastschwäche ist im Alter üblich. Dadurch fällt es schwerer am Bildschirm zu arbeiten oder zu lesen. Gerade die kleinen Smartphones und auch kleine Tablets mit bescheidener Display-Qualität könnten ein Problem darstellen. Hier haben wir aber den Vorteil, dass die Pinch-to-Zoom-Geste relativ intuitiv ist und mobile Seiten eine starke vergrößerung ohne größere Probleme ermöglichen. Kontrast und schlechte Typographie sind ein anderes Thema.

Hören

Durch YouTube, Netflix und Co. gewinnt das Thema Hörqualität allmählich wieder an Bedeutung.
Das Differenzieren zwischen wichtigen und unwichtigen Geräuschen wird im Alter schwieriger. Oft haben wir einen Brei aus Stimme und Hintergrund-Sound. Gestern stand ich an einem nicht besonders vollen Leipziger Hauptbahnhof. Es gab ein permanentes lautes Geräusch wahrscheinlich von einem stehenden Zug. Dabei war es mir nicht möglich, die Durchsagen richtig zu verstehen. Ähnlich sieht es aus, wenn die Musik in einem Video zu laut ist, dann ist es schwierig, einen Sprecher zu verstehen.
Ich sehe generell zwei Möglichkeiten: Zum Einen könnte Stimme und Hintergrund seperat aufgenommen werden. Dann bliebe es dem Zuhörer überlassen, den Hintergrundsound leiser zu drehen. Dafür sind natürlich entsprechene Formate und Player erforderlich.
Die zweite Möglichkeit wären intelligente Player. Sie könnten die Stimme erkennen und sie verstärken. Entsprechende Programme gibt es bereits in Hörgeräten. Ob das übertragbar ist, weiß ich allerdings nicht.

Bewegung

Ein Thema, was bislang unterschätzt wird ist die Frage der Bewegungsfähigkeit. Zwar gibt es schon Hilfen im Smartphone. Doch sind schnelle oder filigrane Bewegungen mit zunehmendem Alter schwierig. Schon ein Doppeltipp oder eine Scrollbewegung sind eine Herausforderung.
Hier könnten alternative Eingabemethoden eine Lösung sein. Beispiel dafür ist die intelligente Spracheingabe wie bei Alexa oder Siri, also eine Spracheingabe, bei der keine oder nur wenige Befhele gelernt werden müssen. Ist die Scheu, mit dem Computer zu reden erst mal weg, gibt es wohl keinen einfacheren Zugang zu digitalen Systemen. Wünschenswert wäre, dass sich diese Systeme weiter verbreiten und komplexere Interaktionen wie das Ausfüllen von Formularen ermöglichen. Die Sprachausgabe könnte die Frage vorlesen und die Spracheingabe würde die Antwort verarbeiten und weitergeben. Eventuell lassen sich die Web-Interfaces entsprechend anpassen. Es muss allerdings sehr viel einfacher werden, Schreibfehler zu vermeiden und zu korrigieren.

Gedächnis

Sehen wir einmal von Erkrankungen wie Demenz ab, lässt die Fähigkeit, sich Informationen zu merken im Alter merklich nach, ohne dass eine Erkrankung vorliegen muss. Das Gedächnis ist fürs Internet extrem wichtig: Welchen Link habe ich schon angeklickt, welche Informationen standen im ersten Teil des Textes, was soll ich noch mal bereit legen, wenn ich dieses Formular innerhalb von zwei Minuten ausfüllen muss? Vor allem das Kurzzeit-Gedächnnis ist gefordert.
Einige Sachen gehören schon seit Jahrzehnten zum Alltag: Besuchte Links haben eine andere Farbe als nicht-besuchte Links. Zwischen-Überschriften erleichtern das Überfliegen und Einprägen des Textes. Timeouts sollten ohnehin so gestaltet sein, dass sie niemanden unter Stress setzen. Weitere Hilfen müssen wohl noch entwickelt werden.

Informationsarchitektur

Eines der großen Probleme sehe ich heute und in Zukunft in der sehr komplexen Informationsarchitektur gerade öffentlicher Seiten. Als Normalsterbliche haben wir in der Regel mit den lokalen Behörden zu tun. Sie sind am langsamsten, wenn es um die Umsetzung aktueller Entwicklungen geht. Schaut euch einfach mal die Zahl auf Smartphones benutzbarer Städteportale an. Das ein Großteil des privaten Internetverkehrs heute über Smartphones läuft, scheint bei den Städten noch nicht angekommen zu sein.
Wenn aber ältere Menschen hauptsächlich über Tablets ans Internet herangeführt werden, sind sie damit noch stärker überfordert als wir. Wir alte Hasen schauen uns das Unglück gar nicht an, sondern suchen über Google und hüpfen zumindest zwei Klicks näher an das, was wir benötigen. Doch wer neu im Internet ist, dem sind solche und andere Tricks vielleicht nicht bekannt.
Deshalb muss die Informationsarchitektur von Websites radikal vereinfacht werden.
Optimistisch geschätzt wird auch das eGovernment in den nächsten 30 Jahren in Deutschland eine wachsende Rolle spielen. Der Alptraum vieler Blinder könnte wahrwerden: Ellenlange Webformulare und wenn man es abschicken will, müssen noch drei Captchas gelöst werden, vielleicht möchte ja ein Bot Blindengeld beantragen.
Auch hier ist das Thema radikale Vereinfachung: Formulare werden auf mehrere Seiten segmentiert, nur wirklich relevante Informationen werden abgefragt, ein Wechsel zwischen den unterschiedlichen Segmenten ist ohne Datenverrlust möglich, Inkonsistenzen und Fehleingaben werden sofort gekennzeichnet. Die Logik ist simpel und bestechend und gilt wenn überhaupt hier: Jede Minute, die in die Optimierung gesteckt wird spart ca. 1000 Minuten Arbeitszeit auf beiden Seiten. Wünschenswert wäre eine bundesweite Lösung, dann könnten entsprechend mehr Ressourcen in die Optimierung gesteckt werden. Zudem erleichtert ein einheitliches Informationsdesign das Handling unterschiedlicher Formulare. Schon gut, ich träume weiter.

Integrierte Hilfen gewinnen an Bedeutung

Es ist als positiv zu bewerten, dass alle großen Systeme das Thema Barrierefreiheit in ihren System behandeln. Apple ist hier neben Linux sicherlich Pionier. Microsoft und Google ziehen inzwischen nach. So gibt es in MacOS, Windows, Android, iOS und Linux mittlerweile eine große Bandbreite an Hilfen für Sehbehinderte, Hörbehinderte und Bewegungs-Behinderte. Es fehlen noch Hilfen für Menschen mit Gedächtnisproblemen, aber vielleicht kommt das ja noch.
Am meisten profitieren davon Menshen, die keinen Zugang zu professioneller Hilfstechnik haben oder brauchen. Viele Leute zögern, sich Hilfsmittel anzuschaffen oder wissen schlicht nicht, dass es sie gibt. Es gibt speziell das Problem, dass immer mehr Hilfsmittel entwickelt werden und die Krankenkasse immer weniger bezahlt bzw. eine sowjetisch anmutende Bearbeitungszeit eingeführt hat.
Zumindest bei der Nutzung digitaler Technik profitieren daher die älteren Leute davon, dass die Hilfen schon im System integriert, relativ leicht zu konfigurieren und zu nutzen sind. Der Narrator unter Windows 10 zum Beispiel, der mich ansonsten nicht überzeugt, hat eine für untrainierte Ohren gut verständliche Stimme sowie ein visuelles Menü. Damit ist er für Sehbehinderte leichter nutzbar und die Schwelle ist deutlich geringer als bei NVDA oder Jaws mit seinem verschachtelten Konfigurationsmenü aus der “Wir packen mal alles irgendwo hin, wo Platz ist”-Hölle. Windows hat schon länger einen Assistenten, der die Konfiguration der Bedienungshilfen erleichtert. Hilfstechnik muss insgesamt wesentlich einfacher nutzbar werden.

Auf und ab – warum Qualitätssicherung bei der Barrierefreiheit wichtig ist

Ich werde in meinen Workshops häufig nach Best-Practice-Beispielen für barrierefreie Websites gefragt. Ich muss dann die Zuhörer enttäuschen. Das hat unterschiedliche Gründe. Eine Website kann für eine Gruppe wunderbar funktionieren und für eine andere unbrauchbar sein. Ich habe noch keine Website gesehen, die mich komplett überzeugt hätte.
Der andere Grund ist, dass die Barrierefreiheit von Websites sich tatsächlich täglich ändern kann. Deswegen kann man auch nicht sagen, dass die Barrierefreiheit stetig Fortschritte macht. Zwar hat sich Vieles verbessert. Doch die zunehmende Komplexität von Websites trägt auch dazu bei, dass Barrieren eher zu- als abnehmen. Schauen wir uns dazu ein paar Beispiele an.
Vorneweg: Es liegt mir fern, jemanden an den Pranger zu stellen. Jedoch handelt es sich bei den genannten Firmen um Quasi-Monopolisten auf ihrem Gebiet. Zudem bin ich jeweils Kunde und ich sehe nicht ein, warum ein blinder Kunde offenbar weniger wert ist als ein sehender. Ich habe jeweils Kontakt mit den Firmen aufgenommen und keine oder nur halbgare Antworten erhalten.

Deutsche Bahn

Als Vielfahrer kaufe ich regelmäßig Tickets bei der DB. Der Kaufprozess, ohnehin für Blinde schon komplex, wird aber ständig verändert. Beim letzten Kauf musste man entscheiden, ob man Flexpreis oder Sparpreis auswählen wollte. Nun gab es aber kein Element in diesem Bereich, das für Blinde als anklickbar erkennbar gewesen wäre. Nur durch Ausprobieren konnte man herausfinden, dass man ganz unten im jeweiligen Element die Leertaste drücken musste, um das Element auszuwählen.
Noch schlimmer war, dass man auf der letzten Seite vor dem Abschicken der Bestellung eine Checkbox aktivieren sollte. Leider war die Checkbox für den Screenreader vollkommen unsichtbar.
Das Problem bestand einige Wochen, ist aber mittlerweile behoben. Es stellt sich aber die Frage, warum die Bahn keinen öffentlich sichtbaren Ansprechpartner für Barrierefreiheit hat. Ich hatte noch eine überflüssige Unterhaltung mit @DB_Bahn. Nach dem mich der Social-Media-Mensch minutenlang über das Problem ausgefragt hatte, verwies er mich an irgendeine E-Mail-Adresse, an die ich mich wenden sollte. Das ist Service bei der Deutschen Bahn: Erst ausquetschen, dann auf jemand Anderen verweisen, statt die Meldung direkt weiterzuleiten oder mich von Anfang an auf den korrekten Ansprechpartner hinzuweisen.

DHL/Deutsche Post

Bei der Deutschen Post/DHL finden wir ähnliche Probleme. CAPTCHAs ohne alternnatives Audio, um ein Passwort zurückzusetzen, falsch ausgezeichnete Formularelemente und hyperkomplexe Bestellseiten für Paketmarken.
Ein Negativ-Beispiel ist auch die Packstation, ist zwar keine Website, aber hier werden die Probleme recht deutlich. Früher konnte man den PIN über den haptischen 10er-Block eingeben. Mittlerweile müssen sowohl die Postnummer als auch der PIN über eine Bildschirmtastatur eingegeben werden. Ein Spaß für stark sehbehinderte Menschen. Für Blinde sind die Packstationen gar nicht zugänglich. DHL schafft es also, die Zugänglichkeit wirklich stetig zu verschlechtern. Auch hier weit und breit kein Feedback-Mechanismus oder ein Ansprechpartner für Barrierefreiheit. Bei der Post habe ich deshalb gleich auf eine Kontaktaufnahme verzichtet, auch weil ich nicht den Eindruck habe, dass sie das Thema Barrierefreiheit besonders interessiert.
Barrierefreiheit bei der Deutschen Post/DHL

Deutsche Telekom

Ein leider extrem negatives Beispiel ist die Deutsche Telekom. Die App Connect, die das Einloggen in Hotspots ermöglicht, ist seit dem letzten Update null barrierefrei. Im Ernst, wenn ihr ein Paradebeispiel dafür braucht, wie eine App nicht sein sollte, schaut euch Connect an. Praktisch keine der Informationen ist mit VoiceOver auslesbar. Dieses Kunststück bringt auf iOS sonst kaum jemand fertig. Offenbar hat man sämtliche Guidelines ignoriert, die Apple den Entwicklern zur Hand gibt. Dem Vernehmen nach sind auch andere Apps der Telekom schlecht zugänglich.
Nun habe ich öffentlich und privat an die Telekom geschrieben. Öffentlich gab es keine Reaktion. Auf @Telekom hilft wurde mir mitgeteilt, dass das Problem bekannt sei und mit einem der nächsten Updates behoben wird. Das war am 21. März und bis heute hat sich nichts getan. Das genannte Update erfolgte Anfang des Jahres, wir warten jetzt also fast ein halbes Jahr darauf, dass die App wieder nutzbar ist. Barrierefreiheit ist offenbar ein Beta- oder Gamma-Feature bei der Telekom, vielleicht kümmert man sich morgen drum, vielleicht aber auch nicht. Und natürlich gibts auch bei der Telekom keine Feedbackmöglichkeit oder einen Ansprechpartner für Barrierefreiheit.

Fazit: Das kann es nicht sein

Nun handelt es sich um große Unternehmen, die komplex und träge sind. Doch haben sie dank ihrer Größe auch die ressourcen, um eine vernünftige Qualitätssicherung zu betreiben. Was gehört dazu?

  • Ein Feedback-Mechanismus, bei dem Fragen zur Barrierefreiheit in angemessener Zeit kompetent bearbeitet werden können.
  • die Bereitschaft, Barrierefreiheit als wichtiges Feature zu betrachten, kein großes Unternehmen würde eine fehlerhafte app ein halbes Jahr lang ohne Korrekturen bestehen lassen, aber ohne Barrierefreiheit, das ist halb so schlimm.
  • Ein Prozess der laufenden Qualitätssicherung. Dazu gehört strukturiertes Testing durch automatische Prüfverfahren, qualifizierte Entwickler und behinderte Mitarbeiter sowohl entwicklungsbegleitend als auch im laufenden Betreib.
  • Ein Monitoring von Anpassungen/Veränderung in Hinsicht auf Barrierefreiheit

Natürlich lassen sich Fehler nicht vermeiden. Doch man kann ihre Wahrscheinlichkeit reduzieren und sie bei einer passenden Meldung schnell beheben. Tut man das nicht, nimmt man die Barrierefreiheit nicht wirklich ernst.