Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Warum ich Werbeblocker hasse und sie trotzdem einsetze

Werbung im Internet ist nervig. Man kann sie nicht mal nutzen, um aufs Klo zu gehen oder sich was zu essen zu holen, wie wir es noch zu Zeiten des Privatfernsehens machten.
Aber sie ist auch traurige Notwendigkeit. So ein Webauftritt finanziert sich leider nicht selbst. SpOn und Co. erhalten auch kein Geld aus dem übervollen Gebührentopf der Öffis. Irgendwer hat einige Stunden investiert, damit wir die Artikel lesen können und es ist nur fair, dass wir dafür in Form von Werbung bezahlen. Hand aufs Herz, wer von euch wäre bereit, zehn Euro für jedes Medium pro Monat zu bezahlen, dass ihr regelmäßig konsumiert? Ich selbst werde regelmäßig von irgendwelchen Leuten kontaktiert, die mich offenbar mit Mutter Theresa verwechseln und sich selbst für die Armen der Welt halten. Tut mir leid, ich bin das nicht, ich möchte Geld dafür sehen. Und das wollen die Medien-Macher auch. Nichts ist nerviger als Leute, die alles umsonst und auch noch mundgerecht aufbereitet haben wollen.
Aber trotzdem sehe ich mich gezwungen, einen Werbeblocker einzusetzen. Genauer gesagt verwende ich die Browser-Erweiterung NoScript und zwar aus reiner Notwehr. Blinkende Animationen stören mich nicht, dafür kryptische Zeichenketten, die mitten im Text auftauchen und meinen Screenreader zum Stolpern bringen. Wenn der Screenreader zum Beispiel eine URL erkennt fängt er an, sie zu buchstabieren. Ich bin durchaus schon auf Zeichenketten gestoßen, die mehrere hundert Zeichen umfassten, womit der Screenreader durchaus einige Minuten beschäftigt ist.
In letzter Zeit stoße ich wieder vermehrt auf Browserfallen: Der Screenreader bleibt an einer Stelle hängen und weigert sich, weiter zu gehen. Auch das tritt typischerweise bei Werbe-Bannern oder Social-Media-Skripten auf.
Werbung bremst, wie im Prinzip jedes Element den Screenreader aus. Bei manchen Seiten kann es durchaus 20 bis 30 Sekunden dauern, bis die Website vom Screenreader geladen ist. Ich vermute, dass es vor allem schlecht programmierte Werbung ist, denn das Problem tritt bei bestimmten Webseiten wesentlich stärker auf als bei anderen. Aktuell gibt es etwa Probleme beim IT-Nachrichtendienst WinFuture, die t3n war eine Zeitlang gar nicht aufrufbar. Da ich Flash deinstalliert habe kann dies nicht die Ursache sein.
Unter diesen Umständen ist ein Skript-Blocker reine Selbstverteidigung. Werbung nervt nicht, sie behindert mich. Dass die Werbung an sich nicht barrierefrei im Sinne von für Blinde verständlich und wahrnehmbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch Sicherheitsaspekte lasse ich einmal außen vor.
Nun ist die Gruppe blinder Nutzer relativ klein und die Branche wird unsere Werbe-Blockade recht gut verschmerzen. Doch auch andere Menschen werden durch Werbung behindert und sind gezwungen, Blocker zu verwenden: Sehbehinderte, die nicht wissen, wie sie die Layer wegklicken können, Epileptiker, die durch Blinken und Flackern Anfälle bekommen können oder ADHSler, die durch das Klicki-Bunti abgelenkt werden.
Natürlich muss Werbung in gewisser Weise stören, das ist eines ihrer Grundprinzipien. Aber sie darf den Nutzer nicht behindern.

Die Enttabuisierung von Hilfsmitteln

Die Wenigsten von euch wissen, dass ich eine massive Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr habe, eine Behinderung kommt selten allein. Deshalb war ich jetzt gezwungen, mich mit dem Thema Hörgeräte zu beschäftigen.
Diese unscheinbaren Geräte kosten eine Stange Geld. Die Hörgeräte-Akkustiker verdienen aber nicht nur ordentlich Geld mit den Standard-Geräten. Sie verdienen vor allem Geld mit den eitelkeiten und Ängsten der Leute.
Schaut einmal in einen beliebigen Hörgeräte-Katalog. Dort wird weniger mit der Langlebigkeit oder den Hör-Eigenschaften der Geräte geworben als damit, dass die Geräte fast unsichtbar sind. Natürlich kostet so ein fast unsichtbares Gerät gleich mal das Dreifache, die Preisaufschläge beginnen so bei 600 Euro und sind nach oben hin offen. Es muss wohl nicht betont werden, dass die Krankenkassen diese Aufschläge nicht übernehmen.
Nun ist meine Behinderung ohnehin nicht zu übersehen und es schert mich nicht, noch ein paar Prothesen mehr zu tragen. Mich interessiert eher, was das über die Gesellschaft sagt. Wir sind noch lange nicht so weit, Behinderung zu akzeptieren, wenn sich die Leute davor scheuen, eine Prothese oder ein Hörgerät zu benutzen.
Die Eitelkeiten und Ängste der Leute schaden den Betroffenen selbst am meisten. Eine unbehandelte Körperschädigung kann dazu führen, dass sich der Schaden verschlimmert, dass ist sogar eher die Regel als die Ausnahme. Wer schlechter sieht, strengt seine Augen mehr an und erhöht dadurch die Schädigung. Wer schlechter hört, vermeidet soziale Anlässe, durch die mangelnde Stimulation des Ohrs verlernt es allmählich das korrekte hören. Bei körperlichen Behinderungen dürfte es ähnlich aussehen.

Es geht auch anders

Das muss aber nicht sein. Nehmen wir das Beispiel Brille. Die Brille hat sich von einer Streber-Symbol zu einem Mainstream-Objekt gewandelt. Früher waren eher unauffällige Brillen angesagt, heute sind sie eine modisches Assesvoire. Da kann sicher noch mehr passieren, es sollte zum Beispiel mehr Models mit Brille geben. Aber das ist ein anderes Thema, Werbung und Film leben nach wie vor vom Perfektionswahn und entfernen sich eher von der Alltags-Wirklichkeit, als dass sie sich ihr annähern.
Auch Rollatoren und Rollstühle sind heute stärker in der Öffentlichkeit zu sehen als es früher der Fall war. Auch hier kann sicher noch mehr passieren, aber wir sind auf einem guten Weg.

Zeigt her eure Prothesen

Nun ist es Zeit, den Umgang mit Prothesen zu verändern. Die modische Gestaltung von Hilfsmitteln wäre ein wichtiger Aspekt. Aus dem Brillen-Beispiel lernen wir, dass ein ansprechendes Design von Prothesen vielen Betroffenen die Akzeptanz erleichtert.
Die Sensibilität in der Gesellschaft muss erhöht werden. Ich persönlich glaube, dass das weniger eine Aufgabe der Gesellschaft ist, sondern dass die Behinderten stärker in der Pflicht sind. Wer freundlich darauf hinweist, dass er schwerhörig/blind/gehbehindert ist und dem Gegenüber klar, aber freundlich mitteilt, was er von ihm erwartet, wird er meistens auch diese Hilfe bekommen. Ich bin ja recht viel unterwegs und meine, dass sich Vieles schon gewandelt hat. Auch, wenn noch viel zu tun ist. Wir werden diese Probleme aber nicht lösen, indem wir uns zurückziehen oder menschliche Interaktion durch Technik ersetzen.
Ich sehe vor allem die Geburts-Behinderten in der Pflicht, dabei mit positivem Beispiel voranzugehen. Es ist verständlich, dass frisch Behinderte größere Schwierigkeiten damit haben und wir können ihnen das erleichtern, in dem wir mit gutem Beispiel vorangehen.
Zu wünschen wäre auch ein Outing. Wahrscheinlich tragen viele unserer geliebten Stars und Lieblingssportler ein Hörgerät und es wäre zu wünschen, dass sie sich dazu bekennen. Der Homosexuellen-Bewegung hat es sicher geholfen, dass viele Politiker öffentlich erklärt haben, homosexuell zu sein. Bei Behinderung hat das bisher nicht stattgefunden. Manche würden wahrscheinlich sogar eine Behinderung verschweigen, die für jeden sichtbar ist.
Ich möchte niemanden zwingen, sich zu seiner Behinderung zu bekennen, wenn er das nicht möchte. Ich möchte nur zeigen, dass wir uns zumeist selbst am meisten schaden, wenn wir die Behinderung verstecken.

Ist PDF barrierefrei?

Am 10.6. war ich in Köln auf einem Seminar der PDF Association zu barrierefreiem PDF. Es war sehr spannend zu sehen, was es mittlerweile an Möglichkeiten zum Testen und Reparieren von getaggten Dokumenten gibt. Dennoch können wir mit der jetzigen Situation nicht zufrieden sein.

Barrierefreies PDF ist nicht barrierefrei

Barrierefreiheit sollte nicht nur für den Behinderten gut sein, sie sollte auch für den Macher barrierefrei sein. Es gibt keinen Grund, sie besonders kompliziert oder kostspielig zu gestalten oder eine Art Geheimkunst daraus zu machen.
Jeder Webentwickler kann sich mit ein wenig Mühe in die Web Accessibility einarbeiten. Barrierefreie PDFs zu erstellen ist jedoch mit den Profi-Tools eine Wissenschaft für sich, die selbst gestandene Desktop-Publisher vor Herausforderungen stellt.
Persönlich ärgert mich Adobes Politik. Im Augenblick braucht man offenbar einen ganzen Pool an Tools, um UA-konforme Dokumente zu erstellen. Im Grunde sollte es doch reichen, entweder den Acrobat oder InDesign zu haben, was ja schon ordentlich ins Geld geht. Stattdessen benötigt man weitere Tools, die noch einmal eine Stange Geld kosten, um die Sachen zu fixen, die Adobe verbockt hat oder sich nur kompliziert in den Adobe-Tools fixen lassen. Das sieht mir nicht nach einer Firma aus, die die Barrierefreiheit wirklich ernst nimmt. Viele Tools fürs barrierefreie Internet hingegen sind Standard-Werkzeuge, die man in der Regel kostenlos oder zu annehmbaren Preisen erwerben kann und die schlicht ausgereift sind.

Der Adobe Reader ist Mist

Niemand nutzt den Adobe Reader, wenn er nicht muss. Ich benutze das Programm sicherlich schon seit der Version 6 und kann nicht behaupten, dass ich sehnsüchtig auf das nächste Update oder Pseudo-Features wie das Speichern in der Cloud warten würde. Wenn ich nicht ab und zu PDFs testen müsste, würde ich einfach alle Texte in Plaintext umwandeln und mit dem Texteditor lesen.
Und zwar auch die Getaggten. Der Grund ist die teils hohe Latenz, die der Reader erzeugt. Egal ob getaggt oder nicht, der Reader legt bei jedem umfangreicheren Dokument eine Denkpause ein, die je nach Hardware-Performanz gerne mal ein paar Minuten dauern kann. Ich habe in meinem Leben sicher schon Hunderte von Programmen ausprobiert, aber keines davon stürzt so oft ab wie der Adobe Reader.
Es ist weder in Sicht, dass Adobe sein Programm aufräumen wird noch das es performante Alternativen für getaggte Dokumente geben wird.

Die Überbetonung technischer Faktoren

Als Redakteur störe ich mich auch an der Überbetonung technischer Faktoren bei barrierefreiem PDF. Die Standards werden vor allem von Entwicklern und Grafikern entwickelt. Witzigerweise ist für diese Menschen PDF nicht ein Container für Inhalte, ihr Thema ist das PDF und der Inhalt spielt nur am Rande eine Rolle.
Beim Seminar fiel mir zum Beispiel auf, dass kein Wort darüber gesagt wurde, wie man einen ordentlichen Alternativtext formuliert. Typografische Aspekte wie die Textgestaltung für eine bessere Lesbarkeit spielten keine Rolle.
Es gibt meines Wissens keine eingebaute Mehrsprachigkeit im PDF. Ich kann zum Beispiel nicht ein Dokument basteln, dass auf Knopfdruck zwischen Alltagssprache und Leichter Sprache wechselt. HTML kann das schon lange.
Es gibt meines Wissens auch nicht die Möglichkeit, den Text in unterschiedlichen Schriften anzuzeigen. So gibt es Schriften speziell für Dyslektiker oder Sehbehinderte. Schon seit dem ollen Internet Explorer 6 kann man die Website dazu zwingen, eine bestimmte Schriftart zu verwenden. Wenn der Konsument aber die Helvetica im PDF nicht lesen kann, hat er eben Pech gehabt.

PDF hinkt hinterher

PDF ist von Natur aus weder responsiv noch crossmedia-fähig. Ich kann relativ unfallfrei ein getaggtes PDF aus HTML oder ePub erzeugen aber versucht mal, aus einem getaggten PDF ein barrierefreies ePub zu erzeugen.
Wenn man sich anschaut, was HTML5 und CSS3 zu bieten haben muss man sagen, dass PDF den technischen Entwicklungen hinterher hinkt. Das gilt im Übrigen auch für die Barrierefreiheit. Zwar bietet PDF die Basics wie Alternativtexte, barrierefreie Formulare und so weiter, aber auch nicht wesentlich mehr. Da sind wir im Web doch ein ganzes Stück weiter.

Adobe ist an der Reihe

Es ist zwar begrüßenswert, dass es mit UA einen Standard für Barrierefreies PDF gibt. Allerdings muss Adobe die Erstellung barrierefreier Dokumente deutlich erleichtern. Ein erfahrener Web-Entwickler kann entwickeln und zugleich Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigen. Aktuell ist die Erstellung einer PDF-Broschüre und ihre Barriere-Befreiung ein vollkommen voneinander unabhängiger Prozess.
Und vielleicht sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir einen Standard voll erfüllen müssen. Die Experten mögen viel Kritik an den fehlerhaften getaggten Dokumenten äußern, die von MS Office oder Open Office exportiert werden. Aber diese Tools sind idiotensicher und solange Adobe es teuer und aufwendig macht, seine Tools zu verwenden, kann ich mich mit den Fehlern arrangieren.

Das Recht auf barrierefreie Dokumente

Seit mehr als zehn Jahren haben Blinde und Sehbehinderte grundsätzlich das Recht, barrierefreie Dokumente in der Kommunikation mit Behörden zu erhalten. Vielen Betroffenen ist das nicht bekannt.
Verankert ist das Recht im Behinderten-Gleichstellungsgesetz des Bundes und der Länder.

Wie ein unbeschriebenes Blatt

Trotz des technischen Fortschritts ist es für Blinde nach wie vor schwierig, gedruckte Dokumente zu lesen oder Formulare auszufüllen. Zwar bieten heute sogar Smartphones einfache Möglichkeiten, Gedrucktes zu scannen und in lesbare Texte umzuwandeln. Aber es reicht schon eine falsch erkannte Zahl, damit man die Widerspruchsfrist verpasst oder sonstiger Murks passiert.
Gedruckte Formulare auszufüllen ist für Blinde nach wie vor nicht möglich – korrigiert mich gerne, wenn ich mich irre. Eine rein theoretische Möglichkeit sind Schablonen, die auf das jeweilige Dokument zugeschnitten sind. Die meisten Blinden dürften nicht in der Lage sein, leserlich mit der Hand zu schreiben. Sie können nicht kontrollieren, ob das Geschriebene lesbar ist. Wenn das Dokument nicht entsprechend markiert ist, wüßten sie nicht mal, ob sie das Blatt mit der richtigen Seite in die Schablone gelegt haben.
Um es kurz zu sagen, gedruckte Unterlagen schließen Blinde von der Möglichkeit aus, auch ihre privatesten Angelegenheiten selbständig und selbstbestimmt zu erledigen. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Assistenz und oftmals wildfremde Personen alle Informationen korrekt wiedergeben bzw. eintragen Ich unterschreibe jedes Jahr Dutzende von Dokumenten, die ich nicht gelesen habe. Mich würde nicht wundern, wenn ich mein kümmerliches Vermögen an die Zeugen Jehovas gespendet oder meinen Körper für medizinische Experimente freigegeben hätte. Mich wundert nebenbei gesagt, dass das keiner der Blindenverbände auf dem Schirm zu haben scheint
Eine für mich spannende Frage wäre, ob Dokumente rechtskräftig sind, wenn ich sie unterschrieben habe, obwohl ich sie nicht lesen kann.
Soweit mir bekannt, ist die Rechtslage hier nicht eindeutig. Da Blinde generell geschäftstüchtig sind, ist ihre Unterschrift rechtsverbindlich. Ohne Zeugen ist es nicht möglich nachzuweisen, dass der Inhalt des Dokuments falsch wiedergegeben wurde. Eine Anfechtung solcher Vereinbarungen dürfte also nur dann möglich sein, wenn es sehr unwarhscheilnich ist, dass der Betroffene das Dokument unterschrieben hätte, wenn dessen Inhalt ihm korrekt mitgeteilt worden wäre. Es ist zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ich mein komplettes Vermögen an eine Person überschreibe, die mit mir nichts zu tun hat. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Leider dürften solche relativ eindeutigen Situationen eher selten sein. Leider sind mir keine Urteile dazu bekannt.

Die Ausdrucker

Das Kuriose an der Situation ist, dass es heute wohl kaum noch eine Organisation gibt, die solche Unterlagen nicht elektronisch verwaltet. Gedruckte Unterlagen werden in der einen oder anderen Form digitalisiert, wobei wiederum die für solche Situationen typischen Fehler passieren können. Ist die Handschrift schlecht lesbar, muss jemand die Sachen händisch abtippen. Wie viel leichter wäre die Arbeit, wenn die Unterlagen gleich digital ankommen würden? vielleicht sollten wir nicht mehr von Internet-Ausdruckern, sondern von Internet-Abschreibern und Einscannern sprechen.
Ein zweites Kuriosum am Rande: Viele PDF-Formulare sind für den Ausdruck gedacht und am Computer nicht ausfüllbar. Man kann so viel auf den Formular-Elementen klicken, wie man möchte, passieren wird nix. Es gibt zwar Work-Arounds, aber wer möchte diesen Aufwand betreiben? Manchmal könnte man meinen, man sei im Jahr 1995 stecken geblieben.

Ihr seid dran

Grundsätzlich sind Personen, die barrierefreie Dokumente benötigen selbst angehalten, das der Behörde mitzuteilen. Das gilt auch, wenn der Behörde bekannt ist, dass die Person behindert ist. Leider scheinen Leute, die auf Gebärdensprache, Leichte Sprache oder Unterstützte Kommunikation angewiesen sind sowie funktionale Analphabeten in der Behörden-Realität noch nicht vorzukommen. Insofern leben wir doch noch im Jahr 1995.
Für die Sehbehinderten, die ihr Recht wahrnehmen wollen: Konkret ist der behörde mitzuteilen, welche Behinderung vorliegt und welches Medium benötigt wird. Macht euch nicht die Mühe, den entsprechenden Paragraphen rauszusuchen, bei dem heutigen Behörden-Wirrwarr wissen die wahrscheinlich selbsst nicht, ob sie zum Kreis, zum Land oder zum Bund gehören.
Ich kann euch nur anhalten, euer Recht konsequent einzufordern, egal, was der Sachbearbeiter dazu sagt. Nur so werden die Behörden einen Workflow etablieren, um Barrierefreiheit per Default einzuführen.
Ein paar Leute berichten von zickigen Behörden. Dabei ist fast alles eine Frage des Workflows. Die Behörden haben einen bestimmten Arbeitsprozess, der entsprechend der aktuellen Gesetzeslage umgestellt werden müsste.
Die Dokumente müssen mit angemessener Verzögerung erstellt werden. Natürlich kann nicht jede Behörde einen Braille-Drucker anschaffen. Andererseits ist es nicht zumutbar, dass ein Blinder zwei Wochen länger auf sein Dokument warten muss als ein Sehender. Wenn es nicht anders geht, müssen in der Bundesdruckerei oder anders wo zentrale Einrichtungen geschaffen werden, die entsprechende Dokumente zeitnah in einem automatisierten Workflow und zu einem für die Behörden angemessenen Preis erstellen können. Selbst mir sträuben sich die spärlichen Haare, wenn ich sehe, was manche Agentur für ein barrierefreies PDF nimmt, in dem lediglich ein Alternativtext und ein paar Überschriften formatiert wurden. So macht man keine Werbung für Barrierefreiheit.
Andererseits ist es heute nicht nachvollziebar, dass es überhaupt noch PDF-Formulare gibt, die nicht barrierefrei sind. Das Formular für das Arbeitslosengeld iI zum Beispiel scheint mir überall gleich zu sein. Einmal barrierefrei gemacht kann es von jedem Blinden ausgefüllt werden.
Ein weiteres eher rechtliches Problem ist die Rechtssicherheit bei digitalen Dokumenten. Zwar haben einige Behörden etwa bei Bewerbungen schon auf digitale Kommunikation umgestellt. Doch nach dem sich D-Mail und ähnliche Konzepte bisher nicht durchgesetzt haben gelten E-Mails nach wie vor nicht als rechtssicher. Aber auch das Problem lässt sich relativ leicht lösen: Der Blinde bekommt einfach beides auf einen Schlag, die gedruckte und Braille-Version per Post, die gedruckte Version per Post und die digitale per Mail und so weiter. Solange sich rechtssichere Mails noch nicht durchgesetzt haben, gibt es noch keine Alternative.

Barrierefreies PDF auf Smartphones und Tablets

Barrierefreies PDF hätte gute Chancen, sich im Zuge des Mobile-First-Booms durchzusetzen. Zur Erinnerung: PDF hat vor allem das Ziel, auf allen Plattformen gleich auszusehen. Das ist toll, wenn alle Bildschirme die gleiche Größe haben, aber blöd, wenn es wie jetzt eine Vielzahl von Displays gibt. Das fängt an beim 4 Zoll großen Smartphone und reicht bis zum 40-Zoll-Fernseher, den viele als externen Monitor verwenden.
Man kann es drehen, wie man möchte, ein PDF-Dokument, das auf die typische Broschüren-Größe zugeschnitten ist, ist schlecht lesbar, wenn es nicht erfolgt. Und Tagged PDF tun genau das, weil Sehbehinderte dieses Problem schon immer hatten. Tags garantieren eine saubere Vergrößerung, einen korrekten Lesefluss und einen störungsfreien Textumbruch.

Wo bleibt barrierefreies mobiles PDF

Was ist das Problem? Nun, es gibt schlicht keine mobile Plattform, die barrierefreies PDF unterstützt. iOS tut es nicht, der Mac übrigens auch nicht, Android tut es sowieso nicht, von exotischeren Systemen wie Blackberry und Firefox OS wollen wir erst mal absehen. So ist zumindest der Stand meiner aktuellen Recherche. Leider steht mir kein aktuelles iOS zur Verfügung, so dass ich es nicht selbst überprüfen kann.
Die Adobe-App für Android ist zwar blind bedienbar, liest aber keinen Pieps aus dem Dokument vor. Die Eingabehilfen, wie sie in der Windows-Version des Adobe Reader vorhanden sind, gibt es in Android nicht.
Leider scheint auch Linux kein barrierefreies PDF zu unterstützen, soweit ich das herausfinden konnte. Ob das die Schuld der Betriebssystem-Hersteller ist oder ob Adobe die Verantwortung für diese Situation trägt, kann ich nicht beurteilen.
Wir sind in der kuriosen Situation, dass es im Prinzip nie so viele für Blinde und Sehbehinderte nutzbare Geräte gab. diese Geräte werden zunehmend auch beruflich eingesetzt, wer liest zum Beispiel noch ein Dokument auf dem PC, wenn er ein hochauflösendes iPad oder iPhone hat? Aber die Zahl der Plattformen, die barrierefreies PDF unterstützen, geht durch diese Entwicklung stetig zurück. Gerade unter Blinden dürften iPhone, iPad und Mac den PC verdrängt haben.

Windows first

Kurioserweise sind damit die Windows-Tablets – jene mit echtem Windows 8 – die einzigen Plattformen, die barrierefreies PDF unterstützen. Famos ist das deshalb, weil von den großen Anbietern Microsoft bisher die geringsten Erfolge dabei hat, sein mobiles Betriebssystem Windows Phone für Sehgeschädigte zugänglich zu machen. Ich bin diesbezüglich gespannt auf Windows 10, dass ja die Basis für alle künftigen Windows-Geräte werden soll. Falls Microsoft es nicht total verbockt, hätte Windows 10 eine echte Chance, zur Alternative für Blinde zu werden. Das ist es auf Tablets bereits, in der Preisklasse eines aktuellen iPads erhält man ein leistungsfähiges Tablet mit Windows 8.1, das sich mit einer externen Tastatur wie ein normales Notebook nutzen lässt.

Zum Weiterlesen

Barrieren schaffen Begegnung

Als Behinderte träumen wir oft von einer Welt ohne Barrieren. Wir könnten einfach ins Fitness-Studio gehen und lostrainieren, in der Uni hätten wir keine Probleme in Vorlesungen, wir könnten uns unseren Arbeitsplatz aussuchen, ohne langwierige Anträge auf Hilfsmittel zu stellen. So schön eine solche Welt wäre, es würde doch etwas verloren gehen: Begegnungen. Das ist ein Beitrag zur aktuellen Blogparade der Aktion Mensch.
Für Blinde ist es extrem schwierig, spontane Bekanntschaften zu machen. Der Schlüssel zu solchen Bekanntschaften ist nämlich der Blickkontakt. Der Blickkontakt kann vieles bedeuten: Er kann ein zwangloses Gespräch anbahnen, einen Flirt einleiten oder auch Ablehnung ausdrücken. aber der Blinde ist nicht in der Lage, Blickkontakt aufzubauen oder zu erwidern.
Da gilt es, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn da wir bei vielen dingen Hilfe brauchen, bietet uns das die ideale Gelegenheit, andere Leute anzusprechen. Ihr wollt zum Beispiel sicher nicht sehen, wie ich mich an einem Buffet bedienen würde.Also frage ich einfach die nächst beste Person, ob sie mir hilft und habe im Idealfall einen Gesprächspartner fürs Mittagessen gefunden.
Neulich wollte ich ins Kölner Schokoladenmuseum und der Taxifahrer ließ mich prompt an einer falschen Stelle raus. Das Smartphone konnte mich nicht vor die Tür des Museums führen, also fragte ich einen Passanten nach dem Weg. Er brachte mich kurzerhand hin und wir unterhielten uns ein bis zwei Minuten über Köln und Schokolade. Hätte mich mein Smartphone zu meinem Ziel geführt, hätte diese kurze Unterhaltung nicht stattgefunden.
Schon heute sind Begegnungen zwischen Blinden und Sehenden selten, doch eine absolut barrierefreie Welt würde solche Bekanntschaften noch sehr viel unwahrscheinlicher machen. Aber da es eine solche Welt ohnehin nie geben wird, wird es noch reichlich Gelegenheiten zur Begegnung geben.

ReCap: Barrierefreie IT 2015

Heute war ich auf der Veranstaltung „Barrierefreie IT 2015“ des Unternehmens T-Systems. Wie immer kann ich euch meinen ganz persönlichen Rückblick nicht ersparen.
Da ja mittlerweile fast alle Veranstaltungen zum barrierefreien Internet eingeschlafen sind, muss man die Wenigen, die noch stattfinden um so stärker loben. Es ist auch zu begrüßen, dass der Veranstalter nicht einer der üblichen Verdächtigen – irgendwelche obskuren Ministerien – ist, sondern ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit vor allem privatwirtschaftlicher Kundschaft. Die nächste Welle der Barrierefreiheit – wie auch immer sie konkret aussehen mag – wird durch oder über die Wirtschaft rollen.
Die Mischung der Themen war für mich ein wenig überraschend. Die Vorträge drehten sich um Smartphones, künftige und gegenwärtige Innovationen oder eLearning, mir wurde der rote Faden nicht so deutlich.
Immerhin: die Veranstaltung war gut besucht, was bei so einem eher trockenen Thema und dem guten Wetter nicht unbedingt zu erwarten war. Bei den Vortragenden gab es wenig Überraschungen, aber die Teilnehmerschaft war soweit ich mitbekommen habe eher aus der Wirtschaft als aus den Ministerien. Die sind ja bekanntermaßen seit der BITV 2.0 fertig, was die Barrierefreiheit angeht. Daher ist es nur vernünftig, sich um andere drängende Themen zu kümmern.
Die Veranstaltung hat sich eher an Einsteiger gerichtet. So war doch überraschend für mich, das ich mir einen ganzen Vortrag über Apples Bedienungshilfen anhören musste. Das ist aber natürlich meine Innensicht, für die Menschen, die dort gesessen haben, war das sicherlich wirklich neu und überraschend.
Gleiches gilt für den Vortrag von Prof. Frank Schönefeld. Innovationen wie 3D-Druck, Echtzeit-Übersetzung oder KI sind uns Computernarren schon lange bekannt und locken uns nur ein müdes Lächeln hervor. Interessanter wäre gewesen zu zeigen, wie diese Innovationen auch Behinderten helfen könnten. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass die Herstellung komplexer Prothesen dank 3D-Druck wesentlich billiger werden könnte. Aber wie gesagt, das ist die Innensicht von Domingos. Vielleicht bin ich zu streng, was solche Dinge angeht.
Interessant ist, dass die T-Systems ein ganzes Heer von Usability- und Accessibility-Spezialisten beschäftigt, die mehrere hundert Anwendungen pro Jahr testen.
Herr Meixner, der Leiter dieser Abteilung, bemerkte nebenbei, dass Unternehmen verppflichtet seien, ihren Mitarbeitern barrierefreie Software zur Verfügung zu stellen. Mir ist eine solche Vorschrift nicht bekannt, eventuell hat er das aus der Bildschirmplatz-Arbeitsverordnung oder aus Vorschriften zur Software-Ergonomie abgeleitet.
Eine Bemerkung von Herrn Meixner ist allerdings meines Wissens nach falsch. Er verwies darauf, dass der Screenreader die Informationen im Wesentlichen über den Grafik-Treiber abgreift. Soweit ich weiß, haben das die Screenreader vor langer Zeit getan, alle aktuellen Screenreader ziehen die Informationen über die jeweilige Accessibility-API.
Ein wenig gewundert habe ich mich über die Location, das Schokoladenmuseum ist nicht der Ort, wo ich eine solche Veranstaltung erwarten würde, aber immerhin schön zentral und süß.
Da es – wie ich anfangs sagte – so wenige Veranstaltungen zu barrierefreier IT gibt, weise ich zum Abschluß auf zwei Veranstaltungen hin, die aber eher Fach-Charakter haben.

Die Konferenz „Software Development and Technologies for Enhancing Accessibility and Fighting Info-exclusion“ des Fraunhofer Instituts wird in in unserer Nachbar-Stadt Sankt Augustin stattfinden. Sie findet statt am 10. Juni.
Die zweite Veranstaltung heißt „Workshop ‚Teilhabe an der allgegenwärtigen Kommunikation'“. Veranstalter ist der Arbeitskreis „Inklusion in Social Media“ der Gesellschaft für Inklusion. Die Veranstaltung wird in Cottbus stattfinden und ist für Ende September/Anfang Oktober geplant.
Wo ich gerade dabei bin: Am Rande mit Barrierefreiheit zu tun haben die PDF Days 2015 der PDF Association. Sie finden Mitte Juni in Köln statt.

mein Vortrag auf dem OpenTransferCamp Inklusion

Heute gibt es die Folien zu meinem Vortrag „Barrierefreiheit im Internet – Tipps und Tools“. Die Präsentation habe ich im Rahmen des OpenTransferCamp Inklusion in Dortmund am 21. März 2015 gehalten.
Die Präsentation steht auf SlideShare und kann hier als PowerPoint-Präsentation heruntergeladen werden.

Ich stelle sie unter eine MDWIW-Lizenz = Macht damit, was ihr wollt, bearbeiten, ergänzen in den Papierkorb verschieben…

ReCap Open Transfer Camp Inklusion

Was ich an den Barcamps besonders schätze ist der Graswurzel-Charakter. In der Regel trifft man auf Barcamps Menschen, die sich nicht großartig mit der Theorie beschäftigt haben, sondern praktisch arbeiten. Nichts gegen Theorien, aber wenn man 1000 Mal die gleichen Floskeln gehört hat, fällt es einem schwer, sich noch einmal etwas in dieser Richtung anzuhören.
Die Qualität der Vorträge ist natürlich immer durchmischt. Auch ich bin noch weit davon entfernt, ein Profi zu sein und muss vor allem das Publikum stärker einbeziehen, was mir wegen meines Sehrestes und Nervosität schwer fällt, aber andere Blinde kriegen das auch hin.
Ein Großteil des Austausches findet nicht in den Panels statt, sondern in den Pausen. Vielleicht sollte man das Verhältnis umkehren und 45 Minuten Pausen und 15 Minuten Vorträge einführen.
Aber nichts gegen die Vortragenden. @Querdenkender berichtete über seine Erfahrungen mit der Diagnose Autismus und wie er versuchte, sich eine Tätigkeit um dieses Thema herum aufzubauen. Da ich etwas Ähnliches vor habe, waren seine Erfahrungen für mich sehr spannend.
Panel Nummer 2 drehte sich um die Plattform helpteers.net. Diese Plattform versucht, Freiwillig Engagierte für gemeinsame Projekte zusammenzuführen.
Im letzten Panel, in dem ich saß war sinn und Unsinn von Vernetzung ein großes Thema. Bekanntermaßen gibt es nicht 7,5 Millionen Behinderte in Deutschland, sondern 7,5 Millionen Einzelkämpfer. Ein Learning für mich persönlich ist, dass Vernetzung 1. viel Arbeit und 2. kein Selbstzweck ist. Natürlich können wir uns gegenseitig austauschen und unterstützen, andererseits findet die Kernarbeit bei der Inklusion vor Ort statt und dort ist man in der Regel ohnehin vernetzt oder wird scheitern.
Insgesamt war es eine sehr spannende Veranstaltung und ich fand es nur schade, nicht mit noch mehr Leuten gesprochen und noch mehr Panels besucht zu haben. Wie ich schon auf Twitter schrieb: So viele Behinderte und Nicht-Behinderte auf einem Haufen kriegt man nur auf einer Veranstaltung der Aktion Mensch zu Gesicht. Ich bedanke mich auch bei den Kollegen der Stiftung Bürgermut, die das übliche Barcamp-Chaos meisterhaft gemanagt haben.

Behinderte und die Inklusion in die Berufswelt

Heute habe ich eine Veranstaltung der Telekom und der BITKOM zur Inklusion von behinderten ITlern besucht. Damit sich das gelohnt hat, erzähle ich euch davon.

Ich bin behindert, gib mir einen Job

Eine der großen Hemmnisse bei der Einstellung Behinderter sind Vorurteile bezüglich der Leistungsfähigkeit und des Betreuungsaufwandes. Nüchtern und betriebswirtschaftlich gedacht lohnt es sich oft nicht, einen Schwerbehinderten einzustellen. Er erfordert in der Regel zusätzlichen Aufwand, braucht eventuell mehr Platz, hat fünf Tage Sonder-Urlaub und gilt als unkündbar. Das mit der Unkündbarkeit ist ein Mythos, aber es wiegt die Nachteile nicht auf.

Ein behinderter Mitarbeiter ist in der Regel langsamer. Als Blinder oder Rollstuhlfahrer kann man eben nicht schnell von A nach B kommen, das zu leugnen, hilft nicht. Und auch die Arbeit am Computer findet in der Regel langsamer statt. Egal wie schnell ein blinder Redakteur die Rechtschreibung prüfen kann, ein Sehender mit der gleichen Erfahrung wird immer schneller sein.

Blockieren statt helfen

Das kann man alles verzeihen, denn schließlich gibt es faule oder langsame Mitarbeiter, die das Unternehmen am Ende noch mehr kosten als ein Behinderter Mitarbeiter. Und immerhin gewährt der Staat großzügige Hilfen, wenn ein Schwerbehinderter eingestellt wird. Wirklich?

Die fatale Signalwirkung, die von solchen Hilfen – und leider auch von der BITKOM-Veranstaltung – ausgehen ist, dass behinderte Mitarbeiter besonders schwierig einzustellen sind. In Deutschland fehlt es sicher nicht an gut gemeinten staatlichen Regulierungen und wer einen Behinderten einstellt, darf sich noch mehr davon aufhalsen. So soll in vielen Fällen ein rehabilitationspädagogisch geschulter Ausbilder am Start sein, ein was?

Das Stellen solcher Anträge ist – wie von der deutschen Bürokratie gewohnt – ein Krampf, den sich vor allem kleine und mittelständische Unternehmen nicht leisten können. Einen Nicht-Behinderten kann man ohne das ganze Brimborium von heute auf morgen einstellen, warum sollte man sich also einen behinderten Mitarbeiter aufhalsen?

Mythos Qualifikation

Oft wird argumentiert, behinderte Menschen seien qualifizierter als Menschen ohne Behinderung, aber stimmt das eigentlich?

So gibt der große Blindenverband DVBS zu, er habe keinen qualifizierten Geschäftsführer mit Augenerkrankung gefunden und hat sich einfach jemanden Fachfremdes geholt. Der DVBS fand es also einfacher, einen Nicht-Behinderten mit dem Behinderten- und Blindenwesen sowie der Behinderten-Selbsthilfe vertraut zu machen statt einen Blinden zum Geschäftsführer zu qualifizieren. Über die Signalwirkung scheinen sich die Verantwortlichen nicht klar zu sein: Blinde können fast alles, aber nicht den eigenen Verein führen. Auch die Cristoffel Blindenmission sollte sich fragen lassen, ob ein blinder Botschafter nicht eine größere Signalwirkung für die eigene Botschaft hätte.

Keine Barrierefreiheit auf Vorrat

Ein Gebäude nachträglich umzubauen, das nicht barrierefrei ist, ist teuer, die kosten können sich aber nach einigen Jahren amortisieren, wenn zum Beispiel sowieso Sanierungsarbeiten notwendig sind.

Anders sieht es beim Thema barrierefreie Technologien aus. Natürlich lohnt es sich für ein 50-Mann-Unternehmen nicht, sich auf Verdacht mit barrierefreier Technologie zu beschäftigen, denn sie wissen nicht, ob sich jemals ein Behinderter bei ihnen bewerben wird. Und wenn doch, welche Behinderung wird er haben? Wird er blind, motorisch behindert oder gehörlos sein? Oder psychisch behindert? Jede Behinderung stellt spezifische Anforderungen und es ist nicht möglich, sich auf alle möglichen, aber unwahrscheinlichen Fälle vorzubereiten. Wenn sie dann doch noch kommen, ist die Software schon wieder veraltet oder der Kollege arbeitet mit Window Eyes statt mit Jaws. Für ein Unternehmen wie die Telekom mag sich das lohnen, für andere hingegen nicht.

Damit ist übrigens nicht gemeint, dass die interne Software nicht nach den Regeln der Barrierefreiheit entwickelt werden sollte. Aber hier muss man schlicht konstatieren, dass es am entsprechenden Know-How bei den Entwicklern fehlt. Deshalb kann es tatsächlich billiger sein, ein paar Jaws-Skripte zu schreiben statt das ganze Teil neu zu programmieren.

Fazit

Man merkt, ich bin relativ skeptisch, was die Beschäftigung Behinderter angeht. Ich fürchte, wir sind auf dem Holzweg. Den Unternehmen – das sage ich als Selbständiger und nicht als Behinderter – wird nach wie vor zu viel zugemutet, wenn sie einen Behinderten beschäftigen wollen. Staatliche Fördermaßnahmen und die damit verbundene Bürokratie sind insofern eher als Beschäftigungs-Verhinderungs-Paket zu sehen, es wird bestenfalls der Zusatzaufwand kompensiert, den die Unternehmen haben, wenn sie trotz alledem einen Behinderten beschäftigen.

Die Lösung ist so simpel, dass sie kaum weiter ausgeführt werden muss. Für Unternehmen darf es keinen Unterschied mehr geben, wenn sie einen Behinderten einstellen wollen. Wenn sie ihn von heute auf morgen einstellen wollen, dann muss morgen die Technologie und nötige Hilfe am Start sein, Mehraufwendungen müssen ohne Mehrkosten für den Unternehmer vom Staat aufgefangen werden, Gesetze sollten nur dort greifen, wo sie für den Behinderten einen Schutz erfüllen. Sind Behinderte irgendwie zerbrechlich, dass sie kaputt gehen, wenn man auf sie normale Vorschriften anwendet?

Das Pauschalpaket an Erleichterungen ist nicht mehr zeitgemäß, denn es macht aus dem Behinderten einen Mitarbeiter mit Sonderrechten, die er häufig nicht braucht. Wenn ich Angestellter wäre würde ich mich schämen, meine fünf Tage Sonderurlaub zu nehmen. Es mag Leute geben, die das brauchen, aber nur weil man einen GdB von 50 hat ist man nicht automatisch ein Frack.

Wenn man den Leistungskatalog durchliest, den der Staat für die Einstellung eines Behinderten bietet geht Einem Nicht-Behinderten vermutlich durch den Kopf: „Behinderte müssen ganz schön schlimm sein, wenn der Staat einen so großzügig unterstützen möchte.“ Wir brauchen also weniger Förderung und weniger Bürokratie. Alles andere, wie die Behinderten-Abgabe, das Diskriminierungsverbot und das Diversity-Zeugs, die Hilfen von Fachdiensten und den IHKs laufen ins Leere, wenn die anderen Rahmenbedingungen nicht angepasst werden.

Behinderte für das freiwillige Engagement gewinnen

Ich beschäftige mich seit gut zweieinhalb Jahren mit dem freiwilligen Engagement, nicht als Freiwilligenmanager, eher als neutraler Beobachter, der ein wenig auf der Metaebene festhängt, wie es Politikwissenschaftler gerne haben.

Mein besonderes Interesse gilt dem Engagement Behinderter. Dabei scheint es zwei Konstanten zu geben:

  1. Behinderte engagieren sich für andere Behinderte – Selbsthilfe
  2. Nicht-Behinderte engagieren sich für Behinderte – caritativ

Der Gedanke, dass sich Behinderte für Nicht-Behinderte engagieren erscheint Vielen noch nicht als selbstverständlich. Woran das liegt werde ich in diesem Beitrag zur Blogparade Engagement untersuchen.

Digitale Barrieren

Viele Websites vor allem kleinerer Organisationen sind nicht gerade barrierefrei. Aber auch die großen Anbieter bekleckern sich nicht unbedingt mit Ruhm. Das die meisten Websites nach Omis Strickkurs aussehen steht auf einem anderen Blatt.

Auch wenn Barrierefreiheit an dieser Stelle nicht unwichtig ist, spielt sie für die Gewinnung Freiwilliger eine eher untergeordnete Rolle. Vor allem kleinere lokale Vereine gewinnen ihre Freiwilligen eher durch direkte Ansprache oder persönliche Kontakte sowie lokale Events.

Die soziale Barrieren

Es gibt einen fließenden Übergang von der digitalen zur sozialen Barriere. Auch wenn die Türen eigentlich offen stehen ist die Bereitschaft, sich auf Behinderte einzulassen oft nicht vorhanden.

So ist klar, dass die Kommunikation mit einem blinden Mitarbeiter anders gestaltet werden muss. Irgendwo einen hastig gekritzelten Zettel hinzulegen geht nicht mehr. Sich mit einem Gehörlosen zu verständigen, wenn man keine Gebärdensprache beherrscht ist nicht ganz einfach.

Das zweite und gravierendere Problem ist, dass Behinderte immer noch eher als Gegenstand der Hilfe anstatt als Helfer angesehen werden. In der Freiwilligenarbeit fällt das noch stärker ins Gewicht, die meisten Ehrenamtlichen haben qua Definition ein Helfersyndrom, ansonsten würden sie ihre Freizeit anders verbringen.

Im Ergebnis kann das heißen, dass man als behinderter Freiwilliger nicht für voll genommen wird. Entweder bekommt man keine oder nur einfache Aufgaben zugeordnet und wird nicht in die organisatorischen Abläufe eingebunden. Natürlich gibt es noch subtilere Formen der Benachteiligung, aber die Behinderten sind nicht doof und lassen sich das nicht auf Dauer bieten.

Behinderte in der Selbsthilfe

Zwar gibt es in fast jeder Stadt spezielle Behinderten-Selbsthilfegruppen, die fast ausschließlich ehrenamtlich arbeiten. Aber diese Gruppen sind vor allem jenseits der Metropolen total überaltert. Entsprechend unattraktiv sind sie für junge Behinderte.

Nichts gegen die Selbsthilfe, sie hat in der Vergangenheit großartige und wichtige Arbeit geleistet und tut das bis heute. Aber sie ist zugleich oft auch das Gegenteil von inklusiv. Ob absichtlich oder unabsichtlich befördert sie die Trennung von Behinderten und Nicht-Behinderten.

Was tun

„Frauen und Behinderte werden bei der Stellenbesetzung besonders bevorzugt“. Wenn es dann doch ein Nicht-Behinderter Mann wird haben wir eben keine qualifizierte Frau oder Behinderten gefunden. Das ist natürlich die beste Möglichkeit, die Leute zu verscheuchen. Gesunde Männer fühlen sich unwillkommen, Frauen und Behinderte sind Quotenfutter.

Ich denke, es geht eher darum, eine Kultur der Openness zu schaffen, wie ich das nennen möchte. Es geht um eine Kultur der Bereitschaft, alle aufzunehmen und nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten einzusetzen, nicht auf Mitleid, sondern weil sie etwas beitragen können und wollen. Die Frage ist, wie man eine Umgebung schaffen kann, in der sich Behinderte und Nicht-Behinderte gleichermaßen wohlfühlen. Die Idee ist nicht neu, es gibt schon lange Überlegungen, wie man z.B. Städte so gestalten kann, dass sie Frauen attraktiv sind.

Dazu gehört natürlich eine barrierefreie Website, das ist heute keine Kunst mehr. Dazu gehören Infos zur Barrierefreiheit der Räumlichkeiten. Dazu gehören Bilder, auf denen Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich nebeneinander zu sehen sind, ohne dass das besonders hervorgehoben werden müsste. Beim Segeln funktioniert das zum Beispiel, der Segelsport war schon inklusiv, als es das Wort noch gar nicht gab.

Die Freiwilligenagenturen als große Engagement-Kuppler müssen natürlich ebenfalls so auftreten und barrierefrei sein. Sie müssen Menschen mit Behinderung vermitteln können und benötigen daher Know How in diesen Bereichen. Am besten ist es natürlich, wenn sie selbst behinderte Vermittler haben.

Ich denke, dass hier auch die Kommunen ein Stück weit eine Bringschuld haben. Wenn sie es mit der Inklusion ernst meinen könnten sie die Freiwilligenmanager schulen, wie sie mit Behinderten umgehen. Die Ängste, irgendwas falsch zu machen scheinen doch recht groß zu sein, insofern können solche Schulungen die Bereitschaft erhöhen, Behinderte Freiwillige zu akzeptieren oder gleich aktiv anzuwerben. Das firmiert unter dem Begriff Sensibilisierung.

Ebenso wichtig ist, dass die Vereine der Behindertenhilfe sich für Menschen ohne Behinderung öffnen und sich die Vereine gegenseitig unterstützen. Bei den reinen Selbsthilfegruppen ist das etwas anderes, dabei steht der Austausch in der Community im Vordergrund und Unbeteiligte würden da nur stören. Wenn aber unbehinderte und behinderte Organisationen aufeinander zu gehen dürfte das dem gegenseitigen Austausch dienlich sein. Damit hat sich auch ein großer Teil der oben genannten Probleme von selbst erledigt. Sensibilisierung, Transfer von Know How und die Gewinnung behinderter Freiwilliger wird ganz unbürokratisch auf dem kurzen Weg ermöglicht.

Fazit

Das Problem wird sich zumindest ein Stück weit von selbst lösen: Die Generation der unter 40 jährigen Behinderten ist weniger geneigt, sich in den Behindertencommunities abzukapseln. Die Nicht-Behinderten ihrerseits sind eher bereit, auf Behinderte zuzugehen. Allerdings kann man das nicht pauschalisieren, es ist noch ein langer Weg und es kann nicht schaden, einen Zahn zuzulegen.

Und natürlich müssen die Behinderten auch bereit sein, auf die Anbieter von Engagement-Möglichkeiten zuzugehen. Bei Vielen scheint noch nicht durchgedrungen zu sein, dass der Prozess der Inklusion auch von ihnen Aktivität verlangt. Aber auch was das angeht bin ich bei der jüngeren Generation optimistisch.

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