Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Barrierefrei bloggen

barrierefrei bloggen Blogs sind nicht mehr der letzte Schrei, haben sich aber als Medium etabliert. In diesem Beitrag bekommt ihr einige Tipps, wenn ihr barrierefrei bloggen möchtet.
Barrierefrei bloggen lässt sich in einem doppelten Sinne verstehen: Es gibt zum einen behinderte, die bloggen möchten, zum anderen kann man Content für Behinderte optimieren. Um dem plakativen Titel gerecht zu werden, gehe ich auf beide Themen ein.
Als Behinderter bloggen
Wer sich nicht mit der Technik herumschlagen möchte, findet generell zwei große frei gehostete Lösungen im Internet: Blogger.com im Eigentum von Google sowie wordpress.com betrieben von den Entwicklern von WordPress. Generell scheinen beide Lösungen für Behinderte zu funktionieren, wobei WordPress vor allem für Blinde besser geeignet zu sein scheint.
Wordpress kann außerdem selbst gehostet werden, bei der Funktionalität unterscheiden sich beide Versionen nicht großartig.
Wordpress ist in den Grundzügen für Blinde und Tastaturnutzer gut bedienbar: Das heißt schreiben, editieren und verwalten von Beiträgen. Dabei ist es von Vorteil, wenn man HTML oder eine andere Auszeichnungssprache beherrscht, damit man die Beiträge korrekt formatieren kann. Der Texteditor TinyMCE ist zwar prinzipiell bedienbar und per Shortcuts verwendbar, aber doch ein wenig hakelig. Außerdem bietet er nicht von Haus aus alle Editier-Funktionen, die man braucht, es fehlt zum Beispiel ein Befehl für Zwischenüberschriften.
Größere Schwierigkeiten kann es beim Thema Design sowie der Mediathek geben. Die Organisation der Menüstruktur sowie das Ziehen der Widgets ist im Wesentlichen für Mausnutzer optimiert. Bei der Mediathek kann es ähnliche Probleme geben. Hier ist zu überlegen, ob man sich als Blinder die Hilfe von Sehenden holt.

Content für Behinderte optimieren

WordPress bietet von Haus aus einige nützliche Funktionen, um Inhalte für Behinderte zu optimieren.
Zunächst solltet ihr die Erweiterung TinyMCE Advanced installieren, sie bietet wesentlich mehr Editierfunktionen als der Standardeditor. Verzichtet bitte auf das Fetten oder Kursivstellen von hervorgehobenen Text. Mit TinyMCE Advanced könnt ihr Zwischenüberschriften erstellen, Abkürzungen und Akronyme auszeichnen sowie Listen korrekt formatieren. Zu vermeiden sind unterschiedliche Schriftgrößen und Schriftfarben im Fließtext, das ist nicht nur nicht barrierefrei, sondern sieht auch unprofessionell aus.
Wenn ihr Bilder in die Mediathek hochladet, könnt ihr bereits an dieser Stelle einen Alternativtext einfügen und speichern. Der Alt-Text ist dann hinterlegt und wird bei der nächsten Verwendung des Bildes automatisch eingefügt.

Nützliche Plugins

Mit der Erweiterung WP Accessibility könnt ihr ein paar kleine Funktionen für WordPress nachrüsten. So gibt es eine Funktion zur Schriftvergrößerung sowie eine einschaltbare Kontrastansicht. Eigentlich gelten solche Erweiterungen als unerwünscht, weil weil sie nicht immer einwandfrei funktionieren. Aber großen Schaden richten sie auch nicht an.
Der WordPress Access Monitor hilft dabei, den WordPress-Blog auf Barrierefreiheit zu überprüfen.
Mit Hurraki View werden Begriffe aus den eigenen Texten mit dem Wörterbuch von Hurraki verlinkt. Hurraki ist ein Wörterbuch, das schwierige Begriffe in einfacher Sprache erläutert.
Weitere Tipps werde ich bei Bedarf ergänzen.

Die Zukunft der Bildbeschreibung Teil II – komplexe Bilder beschreiben

Ein mit bunten Buchstaben dekorierter ZaunIm ersten Teil habe ich dargestellt, dass der Alternativtext heute nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Für dekorative Bilder ist er in der Regel ausreichend. Allerdings ließe sich der Prozess der Bildbeschreibung für solche Bilder weitgehend automatisieren.
Anders sieht es bei komplexen Grafiken aus. Für ein Diagramm kann mit einem Alternativtext bestenfalls seine grobe Tendenz beschrieben werden. Im Folgenden möchte ich ein paar Ansätze vorstellen, wie sich das Problem lösen lässt.

Navigierbare Beschreibungen

Für komplexe Grafiken erscheint es am sinnvollsten, wenn man sie mit einem Teil des HTML-Standards beschreiben könnte. Das heißt, wir haben Überschriften, Paragraphen, Tabellen und die weitere Elemente. Für Sehende wären diese Beschreibungen natürlich nicht oder nu auf Anforderung sichtbar.
Der Vorteil besteht darin, dass wesentlich mehr strukturierte Informationen untergebracht werden können als in einem simplen Alternativtext oder einer Long Description. Ich fände es auch nicht schlecht, wenn diese Beschreibung optional auch von hochgradig Sehbehinderten oder visuellen Analphabeten gelesen werden könnte. Zumindest für Blinde könnte man das heute schon umsetzen, in dem man Techniken einsetzt, die Inhalte aus dem für Sehende wahrnehmbaren Bereich der Seite verschieben. In der Regel ist es aber besser, sich an die Standards von HTML zu halten.
Eine Möglichkeit für quantitative Diagramme, die aus einer Tabelle erzeugt wurden besteht darin, die Tabelle in der Grafik zu hinterlegen. In PDFs werden oft aus Platzgründen Tabellen weggelassen, doch sie bieten sowohl für Sehbehinderte als auch für Blinde die beste Alternative zu einer solchen Grafik. Auch hier sollte es möglich sein zu tricksen, in dem man zum Beispiel der Tabelle eine Ausdehnung von 0 Pixel gibt, aber korrektes HTML zur Auszeichnung einsetzt oder indem man sie einfach aus dem sichtbaren Bereich schiebt.

Beschreibung von Einzel-Elementen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die relevanten Segmente von Vektorgrafiken einzeln zu beschriften und für Screenreader zugänglich zu machen. Ich stelle mir vor, dass man dann mit den Cursortasten des Computers zum Beispiel ein Organigramm systematisch durchgehen kann. Oben steht die Geschäftsführung, mit einem Druck auf Pfeil runter landet man in der zweiten Führungsebene, mit links und rechts kann man sich in dieser Ebene bewegen, mit Pfeil runter geht man in die zweite Führungsebene und so fort. So ließen sich auch Logistikketten und andere komplexe Grafiken erschließen. Für das Verständnis nicht relevante Elemente wie Verbindungslinien sollten für den Screenreader ausgeblendet werden. Formate wie SVG sind ohnehin textbasiert, so dass sich solche Informationen problemlos unterbringen ließen.

Alternativen sind unabdingbar

Wie auch immer die Lösung aussehen wird, klar ist, dass wir Alternativen zum Alternativtext brauchen. Komplexe Grafiken spielen für fast alle Arbeitnehmer sowie Studierende eine große rolle. Die Anforderungen können vom Alternativtext nicht abgedeckt werden.

DRM und Barrierefreiheit

Die beste Nachricht seit langem, finde nicht nur ich. Der große Publikumsverlag Random House sagt Adieu zu hartem DRM bei eBooks. Der Druck auf die restlichen Verlage, sich vom hartem DRM zu verabschieden dürfte damit steigen.
Kurz zur Erklärung: Als hartes DRM werden Schutzmechanismen bezeichnet, die einen Inhalt verschlüsseln. Um den Inhalt zu entschlüsseln, ist ein spezielles Gerät bzw. eine spezielle Komponente oder Software erforderlich. Beim weichen DRM ist die Datei generell unverschlüsselt, aber etwa durch ein eingebettetes digitales Wasserzeichen gekennzeichnet. Über das Wasserzeichen soll es möglich sein, den Käufer zu identifizieren, so dass er kein Interesse daran hat, die Datei unbefugt an Dritte weiterzugeben.

Der erste Versuch: Adobe Digital Editions

Adobes DRM ist aktuell das am weitesten verbreitete DRM im Bereich digitaler Bücher. Zum Lesen solchermaßen geschützter Dokumente benötigt man das Programm Adobe Digital Editions und muss den eigenen Rechner dort registrieren.
Da ich mal die On-Leihe meiner Bibliothek ausprobieren wollte, habe ich also mal versucht, meinen Computer mittels ADE zu registrieren.
Was soll ich sagen, es hat nicht geklappt. Der Fortschritttsbalken rollte von links nach rechts, aber ansonsten passierte nichts. Wo lag das Problem? Keine Ahnung. Gab es Hilfsstellung zur Lösung des Problems durch Adobe? Nein. Das wars also mit ADE.

Der zweite Versuch – Audible

Audible hat sich nebenbei zum größten Online-Anbieter im Bereich digitaler Hörbücher gemausert. Dabei setzt Audible sein eigenes Format ein, das von wenigen MP3-Playern unterstützt wird und von vielen Smartphones.
Auch hierfür muss ein spezielles Programm von Audible geladen werden, auch hier muss der Rechner autorisiert werden, den man fürs Herunterladen der Hörbücher verwenden möchte. Warum? Keine Ahnung.
Auch hier scheiterte ich gnadenlos. Keine Autorisierung meines PCs, keine Autorisierung meines Android-Smartphones möglich.
Der Ehrlichkeit halber sollte ich dazu sagen, dass diesmal Amazon schuld war, der Login bei Audible erfolgt über das Amazon-Konto. Ist mir aber egal, verschwendete Lebenszeit ist verschwendete Lebenszeit.

Fazit

Ich gehöre nicht zu den Hardlinern, die jede Form von Kopierschutz ablehnen. Ich möchte mich aber auch nicht in den goldenen Käfig von Amazon, Apple oder Google sperren und denen die totale Herrschaft über gekaufte Inhalte einräumen. Ich finde es durchaus legitim, die Interessen der Verkäufer zu schützen, aber DRM in der jetzigen Form ist ein Holzweg.
Die beiden Beispiele zeigen , wie hartes DRM zur Barriere werden kann. Ein technisch unaffiner Mensch wird schon von der Komplexität der Programme und dem Aufwand zur Registrierung überfordert sein. Hinzu kommt, dass die Software zur Nutzung der Titel oft nicht barrierefrei ist. Adobe hat sich erst relativ spät um die Barrierefreiheit von ADE gekümmert, bei Amazon muss man tatsächlich eine bestimmte App für den PC herunterladen, die angeblich zugänglich ist, aber doch einige Bugs für Screenreader enthält. Hörbücher in MP3 könnte ich für meinen Opa auf den Stick ziehen, bei Audible müsste ich ihm erst beibringen, wie er ein Smartphone bedient, denn sprechende Audible-Player sind Mangelware.
Ärgerlich wird es, wenn bestimmte Titel nur noch bei bestimmten Anbietern erhätlich sind. Apple und Co. versuchen über Exklusiv-Verträge und Eigenproduktionen, ein Alleinstellungsmerkmal zu bekommen. Audible-Titel gibt es außerhalb oft nur in gekürzter Fassung oder auch gar nicht.
Deswegen hoffe ich und viele andere Blinde mit mir, dass die Publisher sich endlich von hartem DRM verabschieden.

Warum ich Werbeblocker hasse und sie trotzdem einsetze

Werbung im Internet ist nervig. Man kann sie nicht mal nutzen, um aufs Klo zu gehen oder sich was zu essen zu holen, wie wir es noch zu Zeiten des Privatfernsehens machten.
Aber sie ist auch traurige Notwendigkeit. So ein Webauftritt finanziert sich leider nicht selbst. SpOn und Co. erhalten auch kein Geld aus dem übervollen Gebührentopf der Öffis. Irgendwer hat einige Stunden investiert, damit wir die Artikel lesen können und es ist nur fair, dass wir dafür in Form von Werbung bezahlen. Hand aufs Herz, wer von euch wäre bereit, zehn Euro für jedes Medium pro Monat zu bezahlen, dass ihr regelmäßig konsumiert? Ich selbst werde regelmäßig von irgendwelchen Leuten kontaktiert, die mich offenbar mit Mutter Theresa verwechseln und sich selbst für die Armen der Welt halten. Tut mir leid, ich bin das nicht, ich möchte Geld dafür sehen. Und das wollen die Medien-Macher auch. Nichts ist nerviger als Leute, die alles umsonst und auch noch mundgerecht aufbereitet haben wollen.
Aber trotzdem sehe ich mich gezwungen, einen Werbeblocker einzusetzen. Genauer gesagt verwende ich die Browser-Erweiterung NoScript und zwar aus reiner Notwehr. Blinkende Animationen stören mich nicht, dafür kryptische Zeichenketten, die mitten im Text auftauchen und meinen Screenreader zum Stolpern bringen. Wenn der Screenreader zum Beispiel eine URL erkennt fängt er an, sie zu buchstabieren. Ich bin durchaus schon auf Zeichenketten gestoßen, die mehrere hundert Zeichen umfassten, womit der Screenreader durchaus einige Minuten beschäftigt ist.
In letzter Zeit stoße ich wieder vermehrt auf Browserfallen: Der Screenreader bleibt an einer Stelle hängen und weigert sich, weiter zu gehen. Auch das tritt typischerweise bei Werbe-Bannern oder Social-Media-Skripten auf.
Werbung bremst, wie im Prinzip jedes Element den Screenreader aus. Bei manchen Seiten kann es durchaus 20 bis 30 Sekunden dauern, bis die Website vom Screenreader geladen ist. Ich vermute, dass es vor allem schlecht programmierte Werbung ist, denn das Problem tritt bei bestimmten Webseiten wesentlich stärker auf als bei anderen. Aktuell gibt es etwa Probleme beim IT-Nachrichtendienst WinFuture, die t3n war eine Zeitlang gar nicht aufrufbar. Da ich Flash deinstalliert habe kann dies nicht die Ursache sein.
Unter diesen Umständen ist ein Skript-Blocker reine Selbstverteidigung. Werbung nervt nicht, sie behindert mich. Dass die Werbung an sich nicht barrierefrei im Sinne von für Blinde verständlich und wahrnehmbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch Sicherheitsaspekte lasse ich einmal außen vor.
Nun ist die Gruppe blinder Nutzer relativ klein und die Branche wird unsere Werbe-Blockade recht gut verschmerzen. Doch auch andere Menschen werden durch Werbung behindert und sind gezwungen, Blocker zu verwenden: Sehbehinderte, die nicht wissen, wie sie die Layer wegklicken können, Epileptiker, die durch Blinken und Flackern Anfälle bekommen können oder ADHSler, die durch das Klicki-Bunti abgelenkt werden.
Natürlich muss Werbung in gewisser Weise stören, das ist eines ihrer Grundprinzipien. Aber sie darf den Nutzer nicht behindern.

Die Enttabuisierung von Hilfsmitteln

Die Wenigsten von euch wissen, dass ich eine massive Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr habe, eine Behinderung kommt selten allein. Deshalb war ich jetzt gezwungen, mich mit dem Thema Hörgeräte zu beschäftigen.
Diese unscheinbaren Geräte kosten eine Stange Geld. Die Hörgeräte-Akkustiker verdienen aber nicht nur ordentlich Geld mit den Standard-Geräten. Sie verdienen vor allem Geld mit den eitelkeiten und Ängsten der Leute.
Schaut einmal in einen beliebigen Hörgeräte-Katalog. Dort wird weniger mit der Langlebigkeit oder den Hör-Eigenschaften der Geräte geworben als damit, dass die Geräte fast unsichtbar sind. Natürlich kostet so ein fast unsichtbares Gerät gleich mal das Dreifache, die Preisaufschläge beginnen so bei 600 Euro und sind nach oben hin offen. Es muss wohl nicht betont werden, dass die Krankenkassen diese Aufschläge nicht übernehmen.
Nun ist meine Behinderung ohnehin nicht zu übersehen und es schert mich nicht, noch ein paar Prothesen mehr zu tragen. Mich interessiert eher, was das über die Gesellschaft sagt. Wir sind noch lange nicht so weit, Behinderung zu akzeptieren, wenn sich die Leute davor scheuen, eine Prothese oder ein Hörgerät zu benutzen.
Die Eitelkeiten und Ängste der Leute schaden den Betroffenen selbst am meisten. Eine unbehandelte Körperschädigung kann dazu führen, dass sich der Schaden verschlimmert, dass ist sogar eher die Regel als die Ausnahme. Wer schlechter sieht, strengt seine Augen mehr an und erhöht dadurch die Schädigung. Wer schlechter hört, vermeidet soziale Anlässe, durch die mangelnde Stimulation des Ohrs verlernt es allmählich das korrekte hören. Bei körperlichen Behinderungen dürfte es ähnlich aussehen.

Es geht auch anders

Das muss aber nicht sein. Nehmen wir das Beispiel Brille. Die Brille hat sich von einer Streber-Symbol zu einem Mainstream-Objekt gewandelt. Früher waren eher unauffällige Brillen angesagt, heute sind sie eine modisches Assesvoire. Da kann sicher noch mehr passieren, es sollte zum Beispiel mehr Models mit Brille geben. Aber das ist ein anderes Thema, Werbung und Film leben nach wie vor vom Perfektionswahn und entfernen sich eher von der Alltags-Wirklichkeit, als dass sie sich ihr annähern.
Auch Rollatoren und Rollstühle sind heute stärker in der Öffentlichkeit zu sehen als es früher der Fall war. Auch hier kann sicher noch mehr passieren, aber wir sind auf einem guten Weg.

Zeigt her eure Prothesen

Nun ist es Zeit, den Umgang mit Prothesen zu verändern. Die modische Gestaltung von Hilfsmitteln wäre ein wichtiger Aspekt. Aus dem Brillen-Beispiel lernen wir, dass ein ansprechendes Design von Prothesen vielen Betroffenen die Akzeptanz erleichtert.
Die Sensibilität in der Gesellschaft muss erhöht werden. Ich persönlich glaube, dass das weniger eine Aufgabe der Gesellschaft ist, sondern dass die Behinderten stärker in der Pflicht sind. Wer freundlich darauf hinweist, dass er schwerhörig/blind/gehbehindert ist und dem Gegenüber klar, aber freundlich mitteilt, was er von ihm erwartet, wird er meistens auch diese Hilfe bekommen. Ich bin ja recht viel unterwegs und meine, dass sich Vieles schon gewandelt hat. Auch, wenn noch viel zu tun ist. Wir werden diese Probleme aber nicht lösen, indem wir uns zurückziehen oder menschliche Interaktion durch Technik ersetzen.
Ich sehe vor allem die Geburts-Behinderten in der Pflicht, dabei mit positivem Beispiel voranzugehen. Es ist verständlich, dass frisch Behinderte größere Schwierigkeiten damit haben und wir können ihnen das erleichtern, in dem wir mit gutem Beispiel vorangehen.
Zu wünschen wäre auch ein Outing. Wahrscheinlich tragen viele unserer geliebten Stars und Lieblingssportler ein Hörgerät und es wäre zu wünschen, dass sie sich dazu bekennen. Der Homosexuellen-Bewegung hat es sicher geholfen, dass viele Politiker öffentlich erklärt haben, homosexuell zu sein. Bei Behinderung hat das bisher nicht stattgefunden. Manche würden wahrscheinlich sogar eine Behinderung verschweigen, die für jeden sichtbar ist.
Ich möchte niemanden zwingen, sich zu seiner Behinderung zu bekennen, wenn er das nicht möchte. Ich möchte nur zeigen, dass wir uns zumeist selbst am meisten schaden, wenn wir die Behinderung verstecken.

Ist PDF barrierefrei?

Am 10.6. war ich in Köln auf einem Seminar der PDF Association zu barrierefreiem PDF. Es war sehr spannend zu sehen, was es mittlerweile an Möglichkeiten zum Testen und Reparieren von getaggten Dokumenten gibt. Dennoch können wir mit der jetzigen Situation nicht zufrieden sein.

Barrierefreies PDF ist nicht barrierefrei

Barrierefreiheit sollte nicht nur für den Behinderten gut sein, sie sollte auch für den Macher barrierefrei sein. Es gibt keinen Grund, sie besonders kompliziert oder kostspielig zu gestalten oder eine Art Geheimkunst daraus zu machen.
Jeder Webentwickler kann sich mit ein wenig Mühe in die Web Accessibility einarbeiten. Barrierefreie PDFs zu erstellen ist jedoch mit den Profi-Tools eine Wissenschaft für sich, die selbst gestandene Desktop-Publisher vor Herausforderungen stellt.
Persönlich ärgert mich Adobes Politik. Im Augenblick braucht man offenbar einen ganzen Pool an Tools, um UA-konforme Dokumente zu erstellen. Im Grunde sollte es doch reichen, entweder den Acrobat oder InDesign zu haben, was ja schon ordentlich ins Geld geht. Stattdessen benötigt man weitere Tools, die noch einmal eine Stange Geld kosten, um die Sachen zu fixen, die Adobe verbockt hat oder sich nur kompliziert in den Adobe-Tools fixen lassen. Das sieht mir nicht nach einer Firma aus, die die Barrierefreiheit wirklich ernst nimmt. Viele Tools fürs barrierefreie Internet hingegen sind Standard-Werkzeuge, die man in der Regel kostenlos oder zu annehmbaren Preisen erwerben kann und die schlicht ausgereift sind.

Der Adobe Reader ist Mist

Niemand nutzt den Adobe Reader, wenn er nicht muss. Ich benutze das Programm sicherlich schon seit der Version 6 und kann nicht behaupten, dass ich sehnsüchtig auf das nächste Update oder Pseudo-Features wie das Speichern in der Cloud warten würde. Wenn ich nicht ab und zu PDFs testen müsste, würde ich einfach alle Texte in Plaintext umwandeln und mit dem Texteditor lesen.
Und zwar auch die Getaggten. Der Grund ist die teils hohe Latenz, die der Reader erzeugt. Egal ob getaggt oder nicht, der Reader legt bei jedem umfangreicheren Dokument eine Denkpause ein, die je nach Hardware-Performanz gerne mal ein paar Minuten dauern kann. Ich habe in meinem Leben sicher schon Hunderte von Programmen ausprobiert, aber keines davon stürzt so oft ab wie der Adobe Reader.
Es ist weder in Sicht, dass Adobe sein Programm aufräumen wird noch das es performante Alternativen für getaggte Dokumente geben wird.

Die Überbetonung technischer Faktoren

Als Redakteur störe ich mich auch an der Überbetonung technischer Faktoren bei barrierefreiem PDF. Die Standards werden vor allem von Entwicklern und Grafikern entwickelt. Witzigerweise ist für diese Menschen PDF nicht ein Container für Inhalte, ihr Thema ist das PDF und der Inhalt spielt nur am Rande eine Rolle.
Beim Seminar fiel mir zum Beispiel auf, dass kein Wort darüber gesagt wurde, wie man einen ordentlichen Alternativtext formuliert. Typografische Aspekte wie die Textgestaltung für eine bessere Lesbarkeit spielten keine Rolle.
Es gibt meines Wissens keine eingebaute Mehrsprachigkeit im PDF. Ich kann zum Beispiel nicht ein Dokument basteln, dass auf Knopfdruck zwischen Alltagssprache und Leichter Sprache wechselt. HTML kann das schon lange.
Es gibt meines Wissens auch nicht die Möglichkeit, den Text in unterschiedlichen Schriften anzuzeigen. So gibt es Schriften speziell für Dyslektiker oder Sehbehinderte. Schon seit dem ollen Internet Explorer 6 kann man die Website dazu zwingen, eine bestimmte Schriftart zu verwenden. Wenn der Konsument aber die Helvetica im PDF nicht lesen kann, hat er eben Pech gehabt.

PDF hinkt hinterher

PDF ist von Natur aus weder responsiv noch crossmedia-fähig. Ich kann relativ unfallfrei ein getaggtes PDF aus HTML oder ePub erzeugen aber versucht mal, aus einem getaggten PDF ein barrierefreies ePub zu erzeugen.
Wenn man sich anschaut, was HTML5 und CSS3 zu bieten haben muss man sagen, dass PDF den technischen Entwicklungen hinterher hinkt. Das gilt im Übrigen auch für die Barrierefreiheit. Zwar bietet PDF die Basics wie Alternativtexte, barrierefreie Formulare und so weiter, aber auch nicht wesentlich mehr. Da sind wir im Web doch ein ganzes Stück weiter.

Adobe ist an der Reihe

Es ist zwar begrüßenswert, dass es mit UA einen Standard für Barrierefreies PDF gibt. Allerdings muss Adobe die Erstellung barrierefreier Dokumente deutlich erleichtern. Ein erfahrener Web-Entwickler kann entwickeln und zugleich Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigen. Aktuell ist die Erstellung einer PDF-Broschüre und ihre Barriere-Befreiung ein vollkommen voneinander unabhängiger Prozess.
Und vielleicht sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir einen Standard voll erfüllen müssen. Die Experten mögen viel Kritik an den fehlerhaften getaggten Dokumenten äußern, die von MS Office oder Open Office exportiert werden. Aber diese Tools sind idiotensicher und solange Adobe es teuer und aufwendig macht, seine Tools zu verwenden, kann ich mich mit den Fehlern arrangieren.

Das Recht auf barrierefreie Dokumente

Seit mehr als zehn Jahren haben Blinde und Sehbehinderte grundsätzlich das Recht, barrierefreie Dokumente in der Kommunikation mit Behörden zu erhalten. Vielen Betroffenen ist das nicht bekannt.
Verankert ist das Recht im Behinderten-Gleichstellungsgesetz des Bundes und der Länder.

Wie ein unbeschriebenes Blatt

Trotz des technischen Fortschritts ist es für Blinde nach wie vor schwierig, gedruckte Dokumente zu lesen oder Formulare auszufüllen. Zwar bieten heute sogar Smartphones einfache Möglichkeiten, Gedrucktes zu scannen und in lesbare Texte umzuwandeln. Aber es reicht schon eine falsch erkannte Zahl, damit man die Widerspruchsfrist verpasst oder sonstiger Murks passiert.
Gedruckte Formulare auszufüllen ist für Blinde nach wie vor nicht möglich – korrigiert mich gerne, wenn ich mich irre. Eine rein theoretische Möglichkeit sind Schablonen, die auf das jeweilige Dokument zugeschnitten sind. Die meisten Blinden dürften nicht in der Lage sein, leserlich mit der Hand zu schreiben. Sie können nicht kontrollieren, ob das Geschriebene lesbar ist. Wenn das Dokument nicht entsprechend markiert ist, wüßten sie nicht mal, ob sie das Blatt mit der richtigen Seite in die Schablone gelegt haben.
Um es kurz zu sagen, gedruckte Unterlagen schließen Blinde von der Möglichkeit aus, auch ihre privatesten Angelegenheiten selbständig und selbstbestimmt zu erledigen. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Assistenz und oftmals wildfremde Personen alle Informationen korrekt wiedergeben bzw. eintragen Ich unterschreibe jedes Jahr Dutzende von Dokumenten, die ich nicht gelesen habe. Mich würde nicht wundern, wenn ich mein kümmerliches Vermögen an die Zeugen Jehovas gespendet oder meinen Körper für medizinische Experimente freigegeben hätte. Mich wundert nebenbei gesagt, dass das keiner der Blindenverbände auf dem Schirm zu haben scheint
Eine für mich spannende Frage wäre, ob Dokumente rechtskräftig sind, wenn ich sie unterschrieben habe, obwohl ich sie nicht lesen kann.
Soweit mir bekannt, ist die Rechtslage hier nicht eindeutig. Da Blinde generell geschäftstüchtig sind, ist ihre Unterschrift rechtsverbindlich. Ohne Zeugen ist es nicht möglich nachzuweisen, dass der Inhalt des Dokuments falsch wiedergegeben wurde. Eine Anfechtung solcher Vereinbarungen dürfte also nur dann möglich sein, wenn es sehr unwarhscheilnich ist, dass der Betroffene das Dokument unterschrieben hätte, wenn dessen Inhalt ihm korrekt mitgeteilt worden wäre. Es ist zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ich mein komplettes Vermögen an eine Person überschreibe, die mit mir nichts zu tun hat. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Leider dürften solche relativ eindeutigen Situationen eher selten sein. Leider sind mir keine Urteile dazu bekannt.

Die Ausdrucker

Das Kuriose an der Situation ist, dass es heute wohl kaum noch eine Organisation gibt, die solche Unterlagen nicht elektronisch verwaltet. Gedruckte Unterlagen werden in der einen oder anderen Form digitalisiert, wobei wiederum die für solche Situationen typischen Fehler passieren können. Ist die Handschrift schlecht lesbar, muss jemand die Sachen händisch abtippen. Wie viel leichter wäre die Arbeit, wenn die Unterlagen gleich digital ankommen würden? vielleicht sollten wir nicht mehr von Internet-Ausdruckern, sondern von Internet-Abschreibern und Einscannern sprechen.
Ein zweites Kuriosum am Rande: Viele PDF-Formulare sind für den Ausdruck gedacht und am Computer nicht ausfüllbar. Man kann so viel auf den Formular-Elementen klicken, wie man möchte, passieren wird nix. Es gibt zwar Work-Arounds, aber wer möchte diesen Aufwand betreiben? Manchmal könnte man meinen, man sei im Jahr 1995 stecken geblieben.

Ihr seid dran

Grundsätzlich sind Personen, die barrierefreie Dokumente benötigen selbst angehalten, das der Behörde mitzuteilen. Das gilt auch, wenn der Behörde bekannt ist, dass die Person behindert ist. Leider scheinen Leute, die auf Gebärdensprache, Leichte Sprache oder Unterstützte Kommunikation angewiesen sind sowie funktionale Analphabeten in der Behörden-Realität noch nicht vorzukommen. Insofern leben wir doch noch im Jahr 1995.
Für die Sehbehinderten, die ihr Recht wahrnehmen wollen: Konkret ist der behörde mitzuteilen, welche Behinderung vorliegt und welches Medium benötigt wird. Macht euch nicht die Mühe, den entsprechenden Paragraphen rauszusuchen, bei dem heutigen Behörden-Wirrwarr wissen die wahrscheinlich selbsst nicht, ob sie zum Kreis, zum Land oder zum Bund gehören.
Ich kann euch nur anhalten, euer Recht konsequent einzufordern, egal, was der Sachbearbeiter dazu sagt. Nur so werden die Behörden einen Workflow etablieren, um Barrierefreiheit per Default einzuführen.
Ein paar Leute berichten von zickigen Behörden. Dabei ist fast alles eine Frage des Workflows. Die Behörden haben einen bestimmten Arbeitsprozess, der entsprechend der aktuellen Gesetzeslage umgestellt werden müsste.
Die Dokumente müssen mit angemessener Verzögerung erstellt werden. Natürlich kann nicht jede Behörde einen Braille-Drucker anschaffen. Andererseits ist es nicht zumutbar, dass ein Blinder zwei Wochen länger auf sein Dokument warten muss als ein Sehender. Wenn es nicht anders geht, müssen in der Bundesdruckerei oder anders wo zentrale Einrichtungen geschaffen werden, die entsprechende Dokumente zeitnah in einem automatisierten Workflow und zu einem für die Behörden angemessenen Preis erstellen können. Selbst mir sträuben sich die spärlichen Haare, wenn ich sehe, was manche Agentur für ein barrierefreies PDF nimmt, in dem lediglich ein Alternativtext und ein paar Überschriften formatiert wurden. So macht man keine Werbung für Barrierefreiheit.
Andererseits ist es heute nicht nachvollziebar, dass es überhaupt noch PDF-Formulare gibt, die nicht barrierefrei sind. Das Formular für das Arbeitslosengeld iI zum Beispiel scheint mir überall gleich zu sein. Einmal barrierefrei gemacht kann es von jedem Blinden ausgefüllt werden.
Ein weiteres eher rechtliches Problem ist die Rechtssicherheit bei digitalen Dokumenten. Zwar haben einige Behörden etwa bei Bewerbungen schon auf digitale Kommunikation umgestellt. Doch nach dem sich D-Mail und ähnliche Konzepte bisher nicht durchgesetzt haben gelten E-Mails nach wie vor nicht als rechtssicher. Aber auch das Problem lässt sich relativ leicht lösen: Der Blinde bekommt einfach beides auf einen Schlag, die gedruckte und Braille-Version per Post, die gedruckte Version per Post und die digitale per Mail und so weiter. Solange sich rechtssichere Mails noch nicht durchgesetzt haben, gibt es noch keine Alternative.

Barrierefreies PDF auf Smartphones und Tablets

Barrierefreies PDF hätte gute Chancen, sich im Zuge des Mobile-First-Booms durchzusetzen. Zur Erinnerung: PDF hat vor allem das Ziel, auf allen Plattformen gleich auszusehen. Das ist toll, wenn alle Bildschirme die gleiche Größe haben, aber blöd, wenn es wie jetzt eine Vielzahl von Displays gibt. Das fängt an beim 4 Zoll großen Smartphone und reicht bis zum 40-Zoll-Fernseher, den viele als externen Monitor verwenden.
Man kann es drehen, wie man möchte, ein PDF-Dokument, das auf die typische Broschüren-Größe zugeschnitten ist, ist schlecht lesbar, wenn es nicht erfolgt. Und Tagged PDF tun genau das, weil Sehbehinderte dieses Problem schon immer hatten. Tags garantieren eine saubere Vergrößerung, einen korrekten Lesefluss und einen störungsfreien Textumbruch.

Wo bleibt barrierefreies mobiles PDF

Was ist das Problem? Nun, es gibt schlicht keine mobile Plattform, die barrierefreies PDF unterstützt. iOS tut es nicht, der Mac übrigens auch nicht, Android tut es sowieso nicht, von exotischeren Systemen wie Blackberry und Firefox OS wollen wir erst mal absehen. So ist zumindest der Stand meiner aktuellen Recherche. Leider steht mir kein aktuelles iOS zur Verfügung, so dass ich es nicht selbst überprüfen kann.
Die Adobe-App für Android ist zwar blind bedienbar, liest aber keinen Pieps aus dem Dokument vor. Die Eingabehilfen, wie sie in der Windows-Version des Adobe Reader vorhanden sind, gibt es in Android nicht.
Leider scheint auch Linux kein barrierefreies PDF zu unterstützen, soweit ich das herausfinden konnte. Ob das die Schuld der Betriebssystem-Hersteller ist oder ob Adobe die Verantwortung für diese Situation trägt, kann ich nicht beurteilen.
Wir sind in der kuriosen Situation, dass es im Prinzip nie so viele für Blinde und Sehbehinderte nutzbare Geräte gab. diese Geräte werden zunehmend auch beruflich eingesetzt, wer liest zum Beispiel noch ein Dokument auf dem PC, wenn er ein hochauflösendes iPad oder iPhone hat? Aber die Zahl der Plattformen, die barrierefreies PDF unterstützen, geht durch diese Entwicklung stetig zurück. Gerade unter Blinden dürften iPhone, iPad und Mac den PC verdrängt haben.

Windows first

Kurioserweise sind damit die Windows-Tablets – jene mit echtem Windows 8 – die einzigen Plattformen, die barrierefreies PDF unterstützen. Famos ist das deshalb, weil von den großen Anbietern Microsoft bisher die geringsten Erfolge dabei hat, sein mobiles Betriebssystem Windows Phone für Sehgeschädigte zugänglich zu machen. Ich bin diesbezüglich gespannt auf Windows 10, dass ja die Basis für alle künftigen Windows-Geräte werden soll. Falls Microsoft es nicht total verbockt, hätte Windows 10 eine echte Chance, zur Alternative für Blinde zu werden. Das ist es auf Tablets bereits, in der Preisklasse eines aktuellen iPads erhält man ein leistungsfähiges Tablet mit Windows 8.1, das sich mit einer externen Tastatur wie ein normales Notebook nutzen lässt.

Zum Weiterlesen

Barrieren schaffen Begegnung

Als Behinderte träumen wir oft von einer Welt ohne Barrieren. Wir könnten einfach ins Fitness-Studio gehen und lostrainieren, in der Uni hätten wir keine Probleme in Vorlesungen, wir könnten uns unseren Arbeitsplatz aussuchen, ohne langwierige Anträge auf Hilfsmittel zu stellen. So schön eine solche Welt wäre, es würde doch etwas verloren gehen: Begegnungen. Das ist ein Beitrag zur aktuellen Blogparade der Aktion Mensch.
Für Blinde ist es extrem schwierig, spontane Bekanntschaften zu machen. Der Schlüssel zu solchen Bekanntschaften ist nämlich der Blickkontakt. Der Blickkontakt kann vieles bedeuten: Er kann ein zwangloses Gespräch anbahnen, einen Flirt einleiten oder auch Ablehnung ausdrücken. aber der Blinde ist nicht in der Lage, Blickkontakt aufzubauen oder zu erwidern.
Da gilt es, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn da wir bei vielen dingen Hilfe brauchen, bietet uns das die ideale Gelegenheit, andere Leute anzusprechen. Ihr wollt zum Beispiel sicher nicht sehen, wie ich mich an einem Buffet bedienen würde.Also frage ich einfach die nächst beste Person, ob sie mir hilft und habe im Idealfall einen Gesprächspartner fürs Mittagessen gefunden.
Neulich wollte ich ins Kölner Schokoladenmuseum und der Taxifahrer ließ mich prompt an einer falschen Stelle raus. Das Smartphone konnte mich nicht vor die Tür des Museums führen, also fragte ich einen Passanten nach dem Weg. Er brachte mich kurzerhand hin und wir unterhielten uns ein bis zwei Minuten über Köln und Schokolade. Hätte mich mein Smartphone zu meinem Ziel geführt, hätte diese kurze Unterhaltung nicht stattgefunden.
Schon heute sind Begegnungen zwischen Blinden und Sehenden selten, doch eine absolut barrierefreie Welt würde solche Bekanntschaften noch sehr viel unwahrscheinlicher machen. Aber da es eine solche Welt ohnehin nie geben wird, wird es noch reichlich Gelegenheiten zur Begegnung geben.

ReCap: Barrierefreie IT 2015

Heute war ich auf der Veranstaltung “Barrierefreie IT 2015” des Unternehmens T-Systems. Wie immer kann ich euch meinen ganz persönlichen Rückblick nicht ersparen.
Da ja mittlerweile fast alle Veranstaltungen zum barrierefreien Internet eingeschlafen sind, muss man die Wenigen, die noch stattfinden um so stärker loben. Es ist auch zu begrüßen, dass der Veranstalter nicht einer der üblichen Verdächtigen – irgendwelche obskuren Ministerien – ist, sondern ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit vor allem privatwirtschaftlicher Kundschaft. Die nächste Welle der Barrierefreiheit – wie auch immer sie konkret aussehen mag – wird durch oder über die Wirtschaft rollen.
Die Mischung der Themen war für mich ein wenig überraschend. Die Vorträge drehten sich um Smartphones, künftige und gegenwärtige Innovationen oder eLearning, mir wurde der rote Faden nicht so deutlich.
Immerhin: die Veranstaltung war gut besucht, was bei so einem eher trockenen Thema und dem guten Wetter nicht unbedingt zu erwarten war. Bei den Vortragenden gab es wenig Überraschungen, aber die Teilnehmerschaft war soweit ich mitbekommen habe eher aus der Wirtschaft als aus den Ministerien. Die sind ja bekanntermaßen seit der BITV 2.0 fertig, was die Barrierefreiheit angeht. Daher ist es nur vernünftig, sich um andere drängende Themen zu kümmern.
Die Veranstaltung hat sich eher an Einsteiger gerichtet. So war doch überraschend für mich, das ich mir einen ganzen Vortrag über Apples Bedienungshilfen anhören musste. Das ist aber natürlich meine Innensicht, für die Menschen, die dort gesessen haben, war das sicherlich wirklich neu und überraschend.
Gleiches gilt für den Vortrag von Prof. Frank Schönefeld. Innovationen wie 3D-Druck, Echtzeit-Übersetzung oder KI sind uns Computernarren schon lange bekannt und locken uns nur ein müdes Lächeln hervor. Interessanter wäre gewesen zu zeigen, wie diese Innovationen auch Behinderten helfen könnten. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass die Herstellung komplexer Prothesen dank 3D-Druck wesentlich billiger werden könnte. Aber wie gesagt, das ist die Innensicht von Domingos. Vielleicht bin ich zu streng, was solche Dinge angeht.
Interessant ist, dass die T-Systems ein ganzes Heer von Usability- und Accessibility-Spezialisten beschäftigt, die mehrere hundert Anwendungen pro Jahr testen.
Herr Meixner, der Leiter dieser Abteilung, bemerkte nebenbei, dass Unternehmen verppflichtet seien, ihren Mitarbeitern barrierefreie Software zur Verfügung zu stellen. Mir ist eine solche Vorschrift nicht bekannt, eventuell hat er das aus der Bildschirmplatz-Arbeitsverordnung oder aus Vorschriften zur Software-Ergonomie abgeleitet.
Eine Bemerkung von Herrn Meixner ist allerdings meines Wissens nach falsch. Er verwies darauf, dass der Screenreader die Informationen im Wesentlichen über den Grafik-Treiber abgreift. Soweit ich weiß, haben das die Screenreader vor langer Zeit getan, alle aktuellen Screenreader ziehen die Informationen über die jeweilige Accessibility-API.
Ein wenig gewundert habe ich mich über die Location, das Schokoladenmuseum ist nicht der Ort, wo ich eine solche Veranstaltung erwarten würde, aber immerhin schön zentral und süß.
Da es – wie ich anfangs sagte – so wenige Veranstaltungen zu barrierefreier IT gibt, weise ich zum Abschluß auf zwei Veranstaltungen hin, die aber eher Fach-Charakter haben.

Die Konferenz “Software Development and Technologies for Enhancing Accessibility and Fighting Info-exclusion” des Fraunhofer Instituts wird in in unserer Nachbar-Stadt Sankt Augustin stattfinden. Sie findet statt am 10. Juni.
Die zweite Veranstaltung heißt “Workshop ‘Teilhabe an der allgegenwärtigen Kommunikation'”. Veranstalter ist der Arbeitskreis „Inklusion in Social Media“ der Gesellschaft für Inklusion. Die Veranstaltung wird in Cottbus stattfinden und ist für Ende September/Anfang Oktober geplant.
Wo ich gerade dabei bin: Am Rande mit Barrierefreiheit zu tun haben die PDF Days 2015 der PDF Association. Sie finden Mitte Juni in Köln statt.