Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Was soll daten denn? – wie der deutsche Datenschutz Innovationen ausbremst

Der Datenschutz ist in Deutschland ähnlich heilig wie das Reinheitsgebot für Bier. Während das beim Bier durchaus sinnvoll sein kann, hat man beim Datenschutz jeden Sinn aus den Augen verloren. Das verhindert die Entwicklung sinnvoller Anwendungen, die jedem von uns nutzen können.

Die halbe Welt hat sich über Deutschlands Vorgehen gegen Google Streetview schlapp gelacht. Es kann in einigen Fällen sinnvoll sein, Straßenzüge zu verpixeln, wenn es sich etwa um Frauenhäuser oder ähnlich defizile Einrichtungen handelt. Aber normale Gebäude? Damit lenkt man schließlich zusätzliche Aufmerksamkeit auf die verpixelten Gebäude.

Der Datenschutz killt Startups

Daten sind das Benzin des 21. Jahrhunderts. Fatalerweise begünstigt die Datenschutzbewegung die Big Player, die weltweit agieren und sich zumindest teilweise über Landesgesetze hinweg setzen. Sie testen die Grenzen aus und ein Gerichtsverfahren gehört für sie zum Alltag wie der morgendlche Kaffee.

Kleinere Player, die lokal oder national Ideen entwickeln, wie Daten dazu beitragen können, das Leben zu verbessern haben gar keine Chance. Sie kommen nicht an die Daten der Big Player heran und selber sammeln können oder dürfen sie nicht. Bis sie es einmal geschafft haben, genügend Daten zu sammeln, sind sie bereits in die Pleite geklagt worden. Entweder von Bürgern, die paranoid sind oder sonst nichts zu tun haben. Oder von Konkurrenten, die in der Regel das Wettbewerbsrecht als Hebel benutzen.

Nehmen wir an, ich möchte eine Anwendung entwickeln, um Staus zu reduzieren. Ich möchte dazu die GSM-Daten nutzen. Wenn X Personen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der A1 befinden und sich kaum von der Stelle bewegen, ist dort wahrscheinlich ein Stau. Ich gebe diese Info in Echtzeit an die restlichen Autofahrer weiter, die dann abfahren oder gar nicht erst drauf fahren. Das selbe im Zug: die Deutsche Bahn ist bekanntlich service-unfähig. Nehmen wir an, in einem ICE ist die vordere Hälfte überfüllt und die hintere fast leer. Das habe ich schon erlebt. Wir können dann ebenfalls über die Zahl der Handys diese Info ermitteln und für eine gleichmäßige Besetzung des Zuges sorgen. Aber so was braucht man in Deutschland anscheinend nicht. Hier sammelt man lieber Cent-Stücke statt Daten.

Für Menschen, die an Alzheimer oder Demenz leiden könnte eine App interessant sein, die regelmäßig Fotos schießt, Töne aufzeichnet oder ähnliche Erinnerungshilfen generiert. Möglich wäre das mit der Datenbrille von Google, Google Glasses.

Der deutsche Datenschützer würde hier sofort Bedenken äußern, wenn das Smartphone anderen Menschen in die Hände fiele.

Blöd bleibt blöd

Was glaubt ihr, welche Organisationen die meisten Daten in Verknüpfung mit eurem Namen sammeln? Google? Nein, denn Google weiß nicht, wo du wohnst oder zumindest kennt es die Adresse nicht. Facebook? Dasselbe. Microsoft? Absolut nicht.
Die größten Datenkranken sind die Auskunfteien, vor allem die Schufa sowie die Online-Versandhändler und praktisch alle systematisch angelegten Rabattsysteme wie Payback. Die kennen tatsächlich deine Adresse, in der Regel auch das Geburtsdatum, eventuell die Mailadresse. Schon einer dieser Faktoren würde ausreichen, eine Person mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf immer und ewig zu identifizieren.

Der Versandhändler deiner Wahl weiß zum Beispiel, welche Produkte du gekauft und dir angeguckt hast. Daraus lässt sich natürlich viel ableiten, was ja auch schon kräftig genutzt wird. Es werden Profile angelegt, aus denen Empfehlungen abgeleitet werden können. Bei anderen Rabattsystemen, die von großen Supermarktketten angwendet werden wissen die Jungs, wann du wie oft in den Laden kommst und welche Produkte du gekauft hast. Ob sie das tatsächlich speichern weiß ich nicht, aber 0,5 Prozent Rabatt kriegt man schließlich nicht zum Nulltarif. Lustigerweise scheinen viele zu glauben, diese kommerziellen Einrichtungen würden besser mit dem Datenschutz umgehen als der Staat. Für ein paar schlappe Euro oder eine halbgare Rabattaktion schleudern die Leute ihre Daten weg und schreien zugleich auf, wenn sie jemand nach ihrem Geburtsdatum fragt.
Als Google vor einiger Zeit seine Datenbrille vorstellte, kamen die typischen Reaktionen: die Amis sagten, toll, was man alles damit machen könnte. Die Deutschen sagten, oje, was man alles damit machen könnte.

In Deutschland wird praktisch täglich gegen die Datenschutzbedingungen verstoßen. Ähnlich wie beim Urheberrecht ist das ganze Gesetzeswerk unpraktikabel geworden und es wird eher noch verschlimmert.

Die Mehrkosten, die durch Datenschutzrichtlinien entstehen, verteuern die Produkte und Dienstleistungen. Wir alle bezahlen dafür mit unseren Steuern, ohne dass wir positives davon zu ewarten haben.

Die deutsche Passion für den Datenschutz ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Mein Eindruck ist, dass sich da ein paar paranoide Menschen ihre Ersatzreligion geschaffen haben. Ich hatte das schon einmal beschrieben: je intensiver man sich mit einer Sache beschäftigt, desto mehr steigert man sich hinein, bis man jedes reale Maß aus den Augen verliert.

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Johnnes Masing plädiert für so viel Datenschutz wie nötig, soviel Freiheit wie möglich.

Digitale Mitbestimmung für Menschen mit Behinderung

Digitale Werkzeuge können auch für Menschen mit Behinderung die Mitbestimmung erleichtern und verbessern:

Politisches Engagement findet zunehmend über das Netz statt. Viele der neuen Möglichkeiten sind auch für Menschen mit Behinderung interessant. Ihre Wege
zur politischen Mitbestimmung sind oft eingeschränkt, weil sie nicht mobil sind oder ihre Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist. Weiterlesen

Rollt Apple den Bildungsmarkt auf?

„Der Mensch hat sich zum Werkzeug seiner Werkzeuge gemacht.“ Henry David Thoreau

Normalerweise schreibe ich nicht über die neuesten Trends, aber der Einstieg von Apple in den Bildungssektor könnte wesentlich spannender werden als irgendein weißes iPhone.
Apple hat sehr gute Chancen auf dem amerikanischen Bildungssektor, weil seine aktuellen Geräte und Betriebssysteme einen sehr guten Stand im Bereich Barrierefreiheit haben. Die USA haben mit der Section 508 und dem Americans with Disabilities Act die wahrscheinlich strengsten Regeln zur Barrierefreiheit und Gleichstellung weltweit. Zum deutschen Pendant sage ich lieber nichts.
Die Geräte verfügen über einen eingebauten Screenreader, Vergrößerungssoftware, eine zumindest rudimentäre Spracheingabe. Sie gelten als beliebt bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen – ob zu Recht oder Unrecht vermag ich nicht zu beurteilen.
Apples Schritt dürfte zumindest zwei Größen der New Economy weh tun: der eine ist Amazon, der andere Microsoft.
Amazon hat ebenfalls Ambitionen auf dem Buchmarkt als Verleger aufzutreten. Mit der Kindle-Plattform versucht Amazon ebenso wie Apple die Käufer in einen goldenen Käfig aus Hardware, Software und Multimedia-Konsum einzusperren. Amazons Ambitionen, mit dem Kindle DX in den Bildungsmarkt einzusteigen sind grandios gescheitert, weil es die Geräte nicht für Blinde oder Sehbehinderte nutzbar gemacht hat. Bis heute nicht. Apples Anwendung zur Erstellung von Enhanced eBooks zielt exakt in das Herz der Kindle-Plattform, einer Plattform, auf der Autoren ihre Werke so simpel wie selten zuvor einstellen können. Allerdings hängt das Kindle-Format dem Standard ePub immer ein wenig hinterher.
Microsoft Windows hingegen muss um seine Stellung als führendes Betriebssystem in Bildungseinrichtungen bangen. MS hat es noch länger als Amazon verschlafen, seine Plattformen für Blinde von Haus aus nutzbar zu machen. Wobei Microsoft natürlich wesentlich größer als Amazon ist und das passende Know-How im Haus sitzen hat. MS und Applle gewähren bereits Rabatte für Bildungseinrichtungen. Aber die wenigsten Schulen werden es sich leisten, ihren Schülern zwei Computer-Arbeitsplätze bzw. Geräte bereit zu stellen.

Open ist besser

Man kann Apple mögen oder nicht – mit der Kontrolle über seine Plattformen übt es auch eine Form von Zensur aus. Werden demnächst Bücher nicht im Store zugelassen, die über Aufklärung, Sklaverei oder andere in den USA brisante Themen handeln, weil bestimmte Bilder oder Begriffe eingesetzt werden? Und ist die US-Regierung tatsächlich bereit, das relativ geschlossene Windows-System gegen das absolut verschlossene Apple-System einzutauschen?
kleines Update: Offenbar möchte Apple nicht wie angekündigt das offene ePub-Format unterstützen, sondern sein eigenes Format in den Markt drücken. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.
Nur zur Erinnerung: Ein günstiges Netbook kostet zwischen 200 und 300 Euro, verfügt über eine vollständige Tastatur und ist eine nur durch die Performance eingeschränkte Universalmaschine. Ein iPad ist ein Gerät zum Surfen und Multimedia abspielen, auf das man ohne iTunes nicht einmal Daten spielen kann. Und Apple wird nicht unbegrenzt Preisnachlässe gewähren. Ein Schulcomputer ohne vernünftige Tastatur ist ohnehin ein Witz. Das Problem, dass man längere Texte nur schlecht auf einem hintergrundbeleuchteten Bildschirm lesen kann will Apple offenbar über Multimedia statt Text lösen. Bei aller Liebe – das ist sicher nicht wünschenswert.
Die Alternative heißt XO und wurde von der Initiative One Laptop per Child entwickelt. OLPC ist dadurch bekannt geworden, dass es jedes Kind in einem Entwicklungsland mit einem 100 Dollar teuren Laptop ausstatten wollte. Auf dem Gerät ist Software zum Lernen vorinstalliert. Die Geräte sollen recht robust sein und dank PixelQi-Technik auch in der Sonne gut ablesbar sein. PixelQi soll die Vorteile von elektronischem Papier und klassischen Displays kombinieren, zum besseren Lesen kann die Hintergrundbeleuchtung abgeschaltet werden. Wenn man die Kurbel zur Stromversorgung weglässt spricht nichts dagegen, das Gerät auch im reichen Westen einzusetzen. An der Accessibility wird gearbeitet. Dann gibt es noch den 20-Dollar-Computer Raspberry Pi oder das 35-Dollar-Tablet Akash aus Indien.
Der zweite Kanidat für ein Konkurrenzangebot heißt Google Books. Je stärker Apple Druck auf die Lehrbuch-Verlage ausübt, desto attraktiver dürfte ein Konkurrenzangebot von Google werden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Google eine Alternative zu Apples Plattform anbieten wird. Mit Text und Tabellen will Google eindeutig gegen Microsofts Office antreten und wird an den chronisch unterfinanzierten Schulen offene Türen einrennen.
Wenn die Schulen tatsächlich Geld sparen wollen, sollten sie auf offene Alternativen wie Ubuntu oder andere Linux-Varianten setzen. Da das Verständnis von Computersystemen und das Programmieren eine größere Rolle in der Schule übernehmen soll, sind Linux-Varianten dank ihrer Offenheit die beste Wahl unter den Betriebssystemen. Und auch sie sind mittlerweile recht gut mit Eingabehilfen für Behinderte ausgestattet.
Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht Zeit ist, Schulbücher unter einer CC-Lizenz zu entwickeln und anzubieten. Das Modell Schulbuch-Verlag mag für das 20. Jahrhundert angemessen gewesen sein. Mittlerweile ist es kaum noch einzusehen, warum der Steuerzahler die Schulbuch-Verlage subventioniert, Lehrer und Schüler mit den Büchern aber dank des Urheberrechts nicht machen können, was sie wollen. Oder ist es sinnvoll, wenn Afrikas Schulbücher in Großbritannien produziert werden??
Es passt an der Stelle nicht ganz, aber das Projekt Udacity zeigt, wie Bildung im 21. Jahrhundert aussehen kann. Die Betreiber haben ganz nebenbei die größte Lerveranstaltung der Welt abgehalten.

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Google stolpert über die Barrierefreiheit von Android

In einem Kommentar schrieb ich zu einem anderen Thema, dass einem Google fast leid tun könnte. Auf der einen Seite arbeiten sie beständig an der Weiterentwicklung von Android. Auf der anderen Seite profitieren die meisten Android-Nutzer nicht davon, weil die Updates durch die Hersteller nicht an die Nutzer weitergegeben werden. Google hat hier aus jeder Sicht versagt: die Nutzer profitieren nicht von Verbesserungen des Betriebssystems und Android-Handys werden ein Sicherheitsrisiko. Die Hersteller ihrerseits müssen – oder sollten zumindest – eigene Ressourcen aufwenden, um die Geräte auf die neueste Version zu bringen. Falls Microsoft bei Windows Phone eine andere Strategie verfolgt – ich weiß es leider nicht – könnte Android seine Vormachtstellung auf dem Mobilgeräte-Markt tatsächlich wieder einbüßen. Das Problem war eigentlich voraussehbar, weshalb es schlicht unverständlich ist, warum Google diesen Fehler gemacht hat. Andere Frage: Wie viele Leute werden noch ein Android-Gerät kaufen, wenn diese massenhaft von Hackern gekapert werden?

Googles Fehler in der Barrierefreiheit von Android

Ebenso groß ist Googles Versagen, was die Barrierefreiheit des Systems angeht. Dass sie relativ spät auf Barrierefreiheit gesetzt haben, könnte man ihnen noch verzeihen. Erst Apple hat überhaupt gewagt, ein touch-basiertes Gerät für Blinde zugänglich zu machen.

Was man Google nicht verzeihen kann ist die Fragmentierung der Zugänglichkeitshilfen. Zunächst müssen die Eingabehilfen im System eingeschaltet werden, danach darf man die passenden Apps aus dem Netz herunterladen. Es gibt nicht eine, sondern sehr viele Apps, die installiert werden müssen, um das Gerät überhaupt bedienbar zu machen.
Was mich wirklich geärgert hat ist, dass man das Gerät als Blinder oder Sehbehinderter nicht selbst einrichten kann. Man kann das Gerät nicht einfach an den Computer anschließen und dort konfigurieren. Die Apps müssen über den Appstore oder eine andere Quelle heruntergeladen und installiert werden. Sogar den Spaß, einen Google-Account samt CAPCHA übers Handy zu erstellen mutet Google einem zu.

Auf der Suche nach der verlorenen App

Für viele Aufgaben gibt es eine, zwei oder mehr Apps. Als Behinderter darf man sich die passende App aus dem Store aussuchen. Man kann sich auch die x Seiten durchlesen, die Google dankenswerterWeise zum Thema bereit gestellt hat. Schön und gut – aber wer will das schon? Selbst wenn man Zeit hat, gibt es angenehmere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann als Anleitungen zu lesen und Apps zu studieren.
Wirklich dämlich ist die mangelnde Anpassbarkeit der Android-Oberfläche für Sehbehinderte. Es wäre recht einfach gewesen, die Oberflächen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar zu machen, indem man Schriftgrößen, Farben und Kontrast selbst einstellt. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es gibt eine App dafür! Es tut mir echt leid, aber für jeden Furz eine App zu installieren und wenn es auch so schnell geht ist absolut nicht die Lösung. Ich erwarte von jedem aktuellen Betriebssystem – ob Smartphone oder Desktop – ein Mindestmaß an Konfigurierbarkeit der Oberfläche.
Generell bin ich für den Open-Source-Ansatz. Es ist eine schöne Sache, dass es unzählige Hacks für Android gibt. Und dort, wo Hilfssoftware schon halbwegs gut funktioniert – auf dem Desktop – ist das schön. Nichts davon kommt aber Blinden auf einem Smartphone zugute, weil sie schlicht keinen kognitiven Zugang zum Gerät haben. Schade Google – schade Android.

NVDA und Chrome – der Firefox ist nicht mehr der beste Browser für Blinde

Ich bin vor nun mehr zehn Jahren auf den Firefox gestoßen und man muss sagen, im Vergleich zum Internet Explorer in allen Versionen ist der Firefox der bessere Browser. Das ist aber auch keine Kunst.
Lange Zeit war der Firefox neben dem IE der einzig zugängliche Browser für Screenreader-Nutzer. Opera, eine durchaus vorzeigbare Alternative, hat es leider nicht geschafft, die Benutzbarkeit für Screenreader zu verbessern. Das ist durchaus verständlich für mich. Die Blinden-Community ist nicht so groß und der Marktanteil von Opera ebenfalls nicht, so dass sich Investitionen in diesem Bereich kaum auszahlen. Die letzte Version von Safari für Windows, die ich getestet habe war auch nicht der Bringer.
Leider hat Firefox auf der halben Strecke ziemlich schlapp gemacht. Seit der Version 3.x hat er ein großes Speicherproblem. Er verbraucht viel Arbeitsspeicher, was insbesondere bei älteren Geräten problematisch ist. Diese Probleme sollen anscheinend mit der aktuellen Version 10 angegangen werden, was aber irgendwie drei Jahre zu spät kommt. Wer einen Blick in den Taskmanager wirft, kann auch sehen, dass hier ein wenig getrickst wird. Es gibt mehrere Tasks namens plugin-container, die zum Firefox gehören und für einfache Erweiterungen recht ordentlich Arbeitsspeicher abgreifen. Dass der Hauptprozess weniger Arbeitsspeicher braucht fällt also kaum noch ins Gewicht.
Mit der neuen Update-Politik hat Firefox nun endgültig den Pfad der Tugend verlassen. Die Entwickler von WebVisum kommen mit dem Updaten nicht mehr nach, so dass eines der großen Argumente für den Firefox nicht mehr sticht. Ich frage mich ehrlich, warum die Firefox-Entwickler, die doch soviel wert auf Barrierefreiheit legen wollen, nicht die Funktionen von WebVisum in den Browser integriert haben. Eine Funktion zum Lösen von Captchas z.B. dürfte sich leicht über einen serverbasierten OCR-Prozess bereit stellen lassen.
Komplett versagt hat der Firefox dort, wo er eigentlich seine Stärken hat: bei den zahllosen erweiterungen. Die Verwaltung der Addons ist seit Firefox 4 nicht mehr mit dem Screenreader möglich, zumindest nicht über die normale Addon-Ansicht des Firefox. Die Verwaltung sieht jetzt hübscher aus, aber ist mit Screenreadern nicht nutzbar. Zudem stürzt der Browser recht häufig ab, wenn man mit dem Screenreader in den Addons unterwegs ist. Update: Das Problem tritt mit Jaws auf, mag sein, dass das mit NVDA nicht passiert.
Der Firefox könnte sich generell zum Sicherheitsloch entwickeln. Schockiert habe ich festgestellt, dass dritte Programme in der Lage sind, ihre Erweiterungen ohne Nachzufragen in den Firefox zu installieren. Dazu gehören QuickTime, iTunes und Office 2007. Der Firefox weist nicht darauf hin, dass diese Plugins installiert worden und schon aktiv sind. Das ist ein echtes Sicherheitsloch, heißt das doch, dass jedes Programm, das installiert wird, den Firefox manipulieren und dadurch auch aufs Internet zugreifen kann. Für einen OpenSource-Browser ist das eine Bankrotterklärung. inst
Wer also nach Alternativen zum Firefox sucht und blind ist, sollte auf das Gespann Chrome/NVDA in den aktuellen Versionen zurückgreifen. Mit Chrome kann man zum Beispiel auch Flash-Videos mit den Cursor-Tasten spulen, eine Funktion, die ich schon seit 10 Jahren vermisse. Ob tatsächlich alles accessible ist, kann ich noch nicht sagen, aber es sieht schon einmal gut aus. Eine Alternative zu NVDA scheint das kostenlose Plugin ChromeVox zu sein, was ich allerdings bisher nicht testen konnte. Ich vermute, es ist vor allem für Menschen gedacht, die nicht sich Inhalte vorlesen lassen wollen und weniger für Blinde.
Chrome ist, was das Tempo angeht derzeit unschlagbar, in den Schatten gestellt bestenfalls von Opera. Fairerweise muss man sagen, dass Chrome auch davon profitiert, dass er nicht so viele Altlasten wie der Firefox mit sich schleppen muss.
Auch die neuesten Versionen von Jaws sollen kompatible mit Chrome sein, aber wer hat die schon?
Schön ist auch, dass es portable Versionen von Chrome und NVDA gibt, die gut funktionieren. So kann man beide Programme auf einen Stick packen und hat sie immer dabei.

Behinderung und Technik – Windows kann barrierefrei und Vodafone kann nachhaltig

Warum jetzt und nicht vor zehn Jahren könnte man fragen. Windows 8 kriegt einen Screenreader. Nach Linux und Mac ist Windows damit reichlich spät dran. Immerhin rückt das Betriebssystem damit einen Schritt näher an die Barrierefreiheit. Anscheinend plant Microsoft, ähnlich wie Apple die Integration des Betriebsystems auf unterschiedliche Plattformen. Das heißt, Windows 8 könnte auch auf Tablets zum Einsatz kommen. Ob da auch eine Touchunterstützung für den Screenreader zum Einsatz kommt? Auch bei Windows Phone ist die Unterstützung von Screenreadern noch nicht absehbar.

Vodafone hat angekündigt, Nachhaltigkeit tief in die Unternehmensstrategie verwurzeln zu wollen. Barrierefreiheit könnte ebenfalls ein Thema in dieser Strategie sein:

Als Erstes ist das „Access to Communication“, also Zugang und Teilhabe aller Geselschaftsmitglieder an moderner Telekommunikation. Als Zweites „Connected Living“, also die Vernetzung von Privat- und Berufsleben“ sowie als Drittes das Thema „Smart Energy“, das den effizienten Einsatz von Energie sowohl im Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden abdeckt. Als zusätzliches, übergreifendes Querschnittsthema wurde „Simplicity“ ausgewählt, also die Vereinfachung
des Lebens durch nutzerfreundliche Prozesse und Dienste.“ Quelle: Interview in The European vom 28.2.2011

Das ist natürlich erst einmal PR. Allerdings hat Vodafone im letzten Jahr den Smart Accessibility Award verliehen, einen Preis für Apps, welche die Barrierefreiheit verbessern sollen. Wir dürfen also gespannt sein. Siehe dazu auch meinen Beitrag zu CSR und Barrierefreiheit.

Eine sehr coole Sache ist der günstige Mini-Rechner Raspberry Pi . Er kostet rund 30 Euro und kann mittlerweile erworben werden. Der Rechner ist so groß wie ein USB-Stick, darauf läuft Ubuntu. Ich gehe mal davon aus, dass damit auch der Screenreader Orca im Lieferumfang ist.
Noch lesenswert:

Behinderung und Technik – Sprachsynthese und Assistenz-Roboter

DRadio Wissen hat einen hörenswerten Audiobeitrag zur Sprachsynthese gemacht. Sprachsynthese spielt nicht nur für automatische Durchsagen oder Navis, sondern vor allem für blinde Menschen eine wichtige Rolle. Auch Menschen, die ihre eigene Stimme nicht mehr einsetzen können, würden von einem besseren System zur Sprachsynthese profitieren. Ich würde allerdings sagen, dass eine korrekte Aussprache und Betonung wichtiger ist als eine möglichst natürlich klingende Stimme. Die heute gängigen Sprachausgaben sind recht gut, was das angeht und man gewöhnt sich auch recht schnell an deren Künstlichkeit.

Bei Technlogoy Review gibt es eine Reportage zu Assistenz-Robotern. Die Forschung in diesem Bereich wird vor allem von den Japanern betrieben, weil sie die volle Wucht des demographischen Wandels erwarten. Die Technik kann aber auch Menschen mit starken motorischen Einschränkungen helfen, wie man sieht.

Forscher von Microsoft arbeiten daran, Gesichter mit natürlicher Mimik am Computer zu realisieren. Die Technik könnte auch interessant sein, um Avatare für die automatische Übersetzung von Texten in Gebärdensprache zu realisieren.

Bei Einfach für alle ging es in den letzten Wochen um den barrierefreien Einsatz von Grafiken.

Off Topic

„Stirbt die Gebärdensprache aus?“ fragt der deutsche Ableger von Gizmodo. Leider muss man sich für den Artikel von der New York Times einloggen, den verlinke ich deshalb nicht. Hintergrund ist die Sparwut des Staates und das Cochlea-Implantat, was vielen Gehörlosen helfen soll – und vielen anderen nicht. Die Gebärdensprache ist umstrittener als man denken sollte: einige Gehörlosenlehrer beherrschen die Gebärdensprache selber nicht oder weigern sich, sie im Unterricht einzusetzen. Ich hatte mir auch schon mal Gedanken über die Zukunft der Blindenschrift gemacht. Das ist natürlich nicht zu vergleichen, die Gebärdensprache ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel überhaupt für Gehörlose, während Blinde ganz gut durchs Leben kommen können, ohne die Blindenschrift zu beherrschen.

Um den Studiengang Gebärdensprache bzw. Gebärdendolmetscher ging es letzte Woche bei DRadio Wissen. Gut radiogerecht umgesetzt, wenn man bedenkt, dass die Gebärdensprache ein rein visuelles Kommunikationsmittel ist.

Zum Abschluß: ein hoffentlich nicht ganz ernst gemeinter Knigge für den Umgang mit Behinderten.

Fundsachen Behinderung und Technik – digitale Bücher bald barrierefrei?

Adobe Digital Editions ist ein Programm zum Lesen elektronischer Bücher. Es ist aber vor allem ein Programm für das Digital Rights Management – ein Euphemismus für die Gängelung von Kunden. Bei den meisten Shops für eBooks muss ADE installiert sein, um auf das Angebot zugreifen und die Bücher nutzen zu können oder sie auf einen eBook-Reader zu überspielen. ADE soll jetzt einen Schritt Richtung Barrierefreiheit gemacht haben. Blinde haben viel Spaß mit Adobe-Programmen wie dem Acrobat Reader, so dass Zweifel durchaus angebracht sind.

Im DRadio gibt es eine Reportage dazu, wie Blinde im Web surfen. Irgendwie scheint das gerade im Mode zu sein. Die gehörlose Bloggerkollegin Julia Probst hat auf Zeit-Online ein ein Interview zu Barrieren für Gehörlose im Netz gegeben.

Über Kinect berichte ich ja öfter. Bei Winfuture gibt es einen Artikel zu Kindern mit Behinderung, die mit der Kinect Spielen können. Vor allem bei Kinderlähmung oder Autismus bewirkt die Kinect demnach positives.

Off Topic

Germany is so barrierefrei – Spiegelbericht zum Auslandsstudium mit Behinderung

Betroffenheit ist kein Handicap – der blinde Journalist Kaiman Dahesch kritisiert die Ernennung eines Behindertenbeauftragten in BaWü ohne Einbeziehung Betroffener

Behindertenverbände blockieren Inklusion zu ihrem eigenen Vorteil – kritischer Kommentar in der taz

MyHandicap über eine Initiative zur Aufbereitung alter PCs für Menschen mit Behinderung.

Fundsachen Behinderung und Technik – Barrierefreiheit durch Open Data und blind durch die Stadt mit Audio-Feedback

Die Stadt Wien möchte via OpenData Informationen zur Barrierefreiheit im öffentlichen Raum verbreiten, wie Futurezone berichtet.

Grauen Star per Smartphone diagnostizieren soll möglich werden. Ein Smartphone-Aufsatz namens Catra wurde speziell für diesen Zweck vom MIT entwickelt. Mehr dazu bei Golem.

Orientierung ohne Blindenstock oder Führhund? Amerikaanische Forscher haben den Prototyp einer Weste präsentiert, die via optischer Sensoren und taktilen Feedback den Blinden gefahrlos auch in unbekannten Gegenden führen soll, Artikel dazu Technology Review.

Die Stiftung MyHandicap hat ihre iPhone-App zur Recherche nach behindertenrelevanten Adressen aktualisiert. Mehr dazu bei MyHandicap.

Japanische Forscher arbeiten an einer automatischen Gebärdenübersetzung

Viel Spaß damit