Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

mein Vortrag auf dem OpenTransferCamp Inklusion

Heute gibt es die Folien zu meinem Vortrag “Barrierefreiheit im Internet – Tipps und Tools”. Die Präsentation habe ich im Rahmen des OpenTransferCamp Inklusion in Dortmund am 21. März 2015 gehalten.
Die Präsentation steht auf SlideShare und kann hier als PowerPoint-Präsentation heruntergeladen werden.

Ich stelle sie unter eine MDWIW-Lizenz = Macht damit, was ihr wollt, bearbeiten, ergänzen in den Papierkorb verschieben…

ReCap Open Transfer Camp Inklusion

Was ich an den Barcamps besonders schätze ist der Graswurzel-Charakter. In der Regel trifft man auf Barcamps Menschen, die sich nicht großartig mit der Theorie beschäftigt haben, sondern praktisch arbeiten. Nichts gegen Theorien, aber wenn man 1000 Mal die gleichen Floskeln gehört hat, fällt es einem schwer, sich noch einmal etwas in dieser Richtung anzuhören.
Die Qualität der Vorträge ist natürlich immer durchmischt. Auch ich bin noch weit davon entfernt, ein Profi zu sein und muss vor allem das Publikum stärker einbeziehen, was mir wegen meines Sehrestes und Nervosität schwer fällt, aber andere Blinde kriegen das auch hin.
Ein Großteil des Austausches findet nicht in den Panels statt, sondern in den Pausen. Vielleicht sollte man das Verhältnis umkehren und 45 Minuten Pausen und 15 Minuten Vorträge einführen.
Aber nichts gegen die Vortragenden. @Querdenkender berichtete über seine Erfahrungen mit der Diagnose Autismus und wie er versuchte, sich eine Tätigkeit um dieses Thema herum aufzubauen. Da ich etwas Ähnliches vor habe, waren seine Erfahrungen für mich sehr spannend.
Panel Nummer 2 drehte sich um die Plattform helpteers.net. Diese Plattform versucht, Freiwillig Engagierte für gemeinsame Projekte zusammenzuführen.
Im letzten Panel, in dem ich saß war sinn und Unsinn von Vernetzung ein großes Thema. Bekanntermaßen gibt es nicht 7,5 Millionen Behinderte in Deutschland, sondern 7,5 Millionen Einzelkämpfer. Ein Learning für mich persönlich ist, dass Vernetzung 1. viel Arbeit und 2. kein Selbstzweck ist. Natürlich können wir uns gegenseitig austauschen und unterstützen, andererseits findet die Kernarbeit bei der Inklusion vor Ort statt und dort ist man in der Regel ohnehin vernetzt oder wird scheitern.
Insgesamt war es eine sehr spannende Veranstaltung und ich fand es nur schade, nicht mit noch mehr Leuten gesprochen und noch mehr Panels besucht zu haben. Wie ich schon auf Twitter schrieb: So viele Behinderte und Nicht-Behinderte auf einem Haufen kriegt man nur auf einer Veranstaltung der Aktion Mensch zu Gesicht. Ich bedanke mich auch bei den Kollegen der Stiftung Bürgermut, die das übliche Barcamp-Chaos meisterhaft gemanagt haben.

Behinderte und die Inklusion in die Berufswelt

Heute habe ich eine Veranstaltung der Telekom und der BITKOM zur Inklusion von behinderten ITlern besucht. Damit sich das gelohnt hat, erzähle ich euch davon.

Ich bin behindert, gib mir einen Job

Eine der großen Hemmnisse bei der Einstellung Behinderter sind Vorurteile bezüglich der Leistungsfähigkeit und des Betreuungsaufwandes. Nüchtern und betriebswirtschaftlich gedacht lohnt es sich oft nicht, einen Schwerbehinderten einzustellen. Er erfordert in der Regel zusätzlichen Aufwand, braucht eventuell mehr Platz, hat fünf Tage Sonder-Urlaub und gilt als unkündbar. Das mit der Unkündbarkeit ist ein Mythos, aber es wiegt die Nachteile nicht auf.

Ein behinderter Mitarbeiter ist in der Regel langsamer. Als Blinder oder Rollstuhlfahrer kann man eben nicht schnell von A nach B kommen, das zu leugnen, hilft nicht. Und auch die Arbeit am Computer findet in der Regel langsamer statt. Egal wie schnell ein blinder Redakteur die Rechtschreibung prüfen kann, ein Sehender mit der gleichen Erfahrung wird immer schneller sein.

Blockieren statt helfen

Das kann man alles verzeihen, denn schließlich gibt es faule oder langsame Mitarbeiter, die das Unternehmen am Ende noch mehr kosten als ein Behinderter Mitarbeiter. Und immerhin gewährt der Staat großzügige Hilfen, wenn ein Schwerbehinderter eingestellt wird. Wirklich?

Die fatale Signalwirkung, die von solchen Hilfen – und leider auch von der BITKOM-Veranstaltung – ausgehen ist, dass behinderte Mitarbeiter besonders schwierig einzustellen sind. In Deutschland fehlt es sicher nicht an gut gemeinten staatlichen Regulierungen und wer einen Behinderten einstellt, darf sich noch mehr davon aufhalsen. So soll in vielen Fällen ein rehabilitationspädagogisch geschulter Ausbilder am Start sein, ein was?

Das Stellen solcher Anträge ist – wie von der deutschen Bürokratie gewohnt – ein Krampf, den sich vor allem kleine und mittelständische Unternehmen nicht leisten können. Einen Nicht-Behinderten kann man ohne das ganze Brimborium von heute auf morgen einstellen, warum sollte man sich also einen behinderten Mitarbeiter aufhalsen?

Mythos Qualifikation

Oft wird argumentiert, behinderte Menschen seien qualifizierter als Menschen ohne Behinderung, aber stimmt das eigentlich?

So gibt der große Blindenverband DVBS zu, er habe keinen qualifizierten Geschäftsführer mit Augenerkrankung gefunden und hat sich einfach jemanden Fachfremdes geholt. Der DVBS fand es also einfacher, einen Nicht-Behinderten mit dem Behinderten- und Blindenwesen sowie der Behinderten-Selbsthilfe vertraut zu machen statt einen Blinden zum Geschäftsführer zu qualifizieren. Über die Signalwirkung scheinen sich die Verantwortlichen nicht klar zu sein: Blinde können fast alles, aber nicht den eigenen Verein führen. Auch die Cristoffel Blindenmission sollte sich fragen lassen, ob ein blinder Botschafter nicht eine größere Signalwirkung für die eigene Botschaft hätte.

Keine Barrierefreiheit auf Vorrat

Ein Gebäude nachträglich umzubauen, das nicht barrierefrei ist, ist teuer, die kosten können sich aber nach einigen Jahren amortisieren, wenn zum Beispiel sowieso Sanierungsarbeiten notwendig sind.

Anders sieht es beim Thema barrierefreie Technologien aus. Natürlich lohnt es sich für ein 50-Mann-Unternehmen nicht, sich auf Verdacht mit barrierefreier Technologie zu beschäftigen, denn sie wissen nicht, ob sich jemals ein Behinderter bei ihnen bewerben wird. Und wenn doch, welche Behinderung wird er haben? Wird er blind, motorisch behindert oder gehörlos sein? Oder psychisch behindert? Jede Behinderung stellt spezifische Anforderungen und es ist nicht möglich, sich auf alle möglichen, aber unwahrscheinlichen Fälle vorzubereiten. Wenn sie dann doch noch kommen, ist die Software schon wieder veraltet oder der Kollege arbeitet mit Window Eyes statt mit Jaws. Für ein Unternehmen wie die Telekom mag sich das lohnen, für andere hingegen nicht.

Damit ist übrigens nicht gemeint, dass die interne Software nicht nach den Regeln der Barrierefreiheit entwickelt werden sollte. Aber hier muss man schlicht konstatieren, dass es am entsprechenden Know-How bei den Entwicklern fehlt. Deshalb kann es tatsächlich billiger sein, ein paar Jaws-Skripte zu schreiben statt das ganze Teil neu zu programmieren.

Fazit

Man merkt, ich bin relativ skeptisch, was die Beschäftigung Behinderter angeht. Ich fürchte, wir sind auf dem Holzweg. Den Unternehmen – das sage ich als Selbständiger und nicht als Behinderter – wird nach wie vor zu viel zugemutet, wenn sie einen Behinderten beschäftigen wollen. Staatliche Fördermaßnahmen und die damit verbundene Bürokratie sind insofern eher als Beschäftigungs-Verhinderungs-Paket zu sehen, es wird bestenfalls der Zusatzaufwand kompensiert, den die Unternehmen haben, wenn sie trotz alledem einen Behinderten beschäftigen.

Die Lösung ist so simpel, dass sie kaum weiter ausgeführt werden muss. Für Unternehmen darf es keinen Unterschied mehr geben, wenn sie einen Behinderten einstellen wollen. Wenn sie ihn von heute auf morgen einstellen wollen, dann muss morgen die Technologie und nötige Hilfe am Start sein, Mehraufwendungen müssen ohne Mehrkosten für den Unternehmer vom Staat aufgefangen werden, Gesetze sollten nur dort greifen, wo sie für den Behinderten einen Schutz erfüllen. Sind Behinderte irgendwie zerbrechlich, dass sie kaputt gehen, wenn man auf sie normale Vorschriften anwendet?

Das Pauschalpaket an Erleichterungen ist nicht mehr zeitgemäß, denn es macht aus dem Behinderten einen Mitarbeiter mit Sonderrechten, die er häufig nicht braucht. Wenn ich Angestellter wäre würde ich mich schämen, meine fünf Tage Sonderurlaub zu nehmen. Es mag Leute geben, die das brauchen, aber nur weil man einen GdB von 50 hat ist man nicht automatisch ein Frack.

Wenn man den Leistungskatalog durchliest, den der Staat für die Einstellung eines Behinderten bietet geht Einem Nicht-Behinderten vermutlich durch den Kopf: “Behinderte müssen ganz schön schlimm sein, wenn der Staat einen so großzügig unterstützen möchte.” Wir brauchen also weniger Förderung und weniger Bürokratie. Alles andere, wie die Behinderten-Abgabe, das Diskriminierungsverbot und das Diversity-Zeugs, die Hilfen von Fachdiensten und den IHKs laufen ins Leere, wenn die anderen Rahmenbedingungen nicht angepasst werden.

Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Bundestagswahl

Das ist ein Beitrag zur Blogparade Wählen mit Behinderung der Aktion Mensch.

Wahrscheinlich wurde bei allen Wahlen zum Bundestag der letzten 20 Jahre auch über Behinderung diskutiert. Meinem persönlichen Empfinden nach dürfte das aber die erste Wahl sein, wo das Thema auch in den massenmedialen Mainstream gelangt ist. Eine Ursache dürfte die Wahltesttour der Aktion Mensch gewesen sein. Ansonsten läuft das Ganze in den gewohnten Bahnen ab, die Diskussionen sind so expertenlastig, dass sie nicht einmal von unbeteiligten Behinderten verstanden werden. Oder weiß jemand von euch, was es mit dem Bundesteilhabegesetz auf sich hat?
Rollstuhl
Dabei schneiden die Parteien als Hauptakteure der Wahl eher bescheiden ab. Es gibt kaum Inhalte in Leichter Sprache oder Gebärdensprache, Videos mit Untertiteln sind eher Mangelware. Die Wahllokale sind mehr oder weniger barrierefrei, Blinde z.B. müssen sich selbst die Schablonen beschaffen, damit sie wählen können.

Ich habe bei den wenigen Wahlen , bei denen ich mitmachen durfte – ich habe erst seit 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft – immer Briefwahl gemacht und werde das dieses Mal ändern.

Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.

Deshalb werde ich am 22. September 2013 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.

Neues von NVDA

Nonvisual Desktop Access (NVDA) wandelt sich schnell vom Nischenprodukt zur echten Konkurrenz zu Jaws und Co, eine ausführliche Einführung gibt es hier. Der nächste Sprung von Windows XP zu einer höheren Version dürfte den kommerziellen Konkurrenten das Leben schwer machen. Mit Windows 8 wird es zumindest eine einfache Sprachausgabe geben, außerdem werden viele Blinde auf den Mac umsteigen, weil sie keinen neuen kommerziellen Screenreader finanziert bekommen. Und vielen Windows-Usern wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich einen neuen Screenreader anzuschaffen, dessen Finanzierung durch die Krankenkassen immer schwieriger wird.
Zumindest im privaten Bereich dürften Jaws und Co. früher oder später die Puste ausgehen. Einfache Texte schreiben ist mit NVDA kein Problem. Im Internet ist er zudem fast überall besser.
Der einfache Grund dafür ist, dass NVDA sich dynamisch weiter entwickelt und – da er kostenlos ist – den Anwendern auch sämtliche Aktualisierungen nach Veröffentlichung unmittelbar zur Verfügung stehen. Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass kommerzielle Screenreader nach durchschnittlich fünf Jahren neu angeschafft werden – das ist heute eine Ewigkeit.
Tortendiagramm Anteil der Screenreader
Screenreader-Anteile laut dem WebAIM-Screenreader-Survey 2012

Laut dem Screenreader-Survey von WebAIM verwenden mehr als ein Drittel der Blinden kostenlose bzw. günstige oder systemeigene Screenreader wie NVDA, VoiceOver und System Access.
Währenddessen scheint Freedom Scientific die gleiche Krankheit befallen zu haben, die bei Adobe grassiert: die Featuritis. Die Programme werden mit zweifelhaften Features immer weiter aufgeblasen, während Stabilität, Geschwindigkeit und Fehlerfreiheit auf der Strecke bleiben. Auf meinem Notebook braucht Jaws 11 glatte fünf Minuten, um zu starten, Jaws 9 braucht ca. 30 Sekunden, NVDA weniger als zehn Sekunden.
Die andere Bedrohung kommt von Windows 8, dass eine zumindest rudimentäre Sprachausgabe integriert haben wird.

Alternativen zu eSpeak

Einige Blinde mögen eSpeak nicht besonders, vor allem im Vergleich zu den Stimmen von VoiceOver klingt eSpeak recht blechern. Allerdings braucht man auch eine ganze Weile, um sich überhaupt an Sprachausgaben zu gewöhnen und eSpeak ist immer noch besser als
Microsofts Sam. Viele Blinde wissen aber nicht, dass es Varianten von eSpeak gibt, die sich ein wenig besser anhören als die Standardstimme. Dazu gehen wir folgendermaßen vor: Wir starten NVDA, wählen mit Einfg + N das Kontextmenü, unter Einstellungen Stimmeneinstellungen. Unter “Variante” können wir eine Stimme auswählen. Wenn man das Feld ausklappt, hört man den Klang der Stimme erst, wenn die Stimme ausgewählt und die Auswahlliste zugeklappt wurde. Lässt man die Liste geschlossen und geht mit der Cursor-Taste rauf bzw. runter, hört man sofort, wie die Stimme klingt. Die Varianten “Test” oder “Max” zum Beispiel klingen für meine Ohren besser, einige Stimmen klingen wie das vokalisierte Äquivalent von Wing Dings oder würde jemand ernsthaft mit “Ani” arbeiten?
Mittlerweile werden auch kommerzielle Stimmen speziell für NVDA angeboten. Für rund 95 US-Dollar kann man sich die Stimmen kaufen, die für viele Blinde zum Alltag gehören, einige dieser Stimmen werden auch in iOS verwendet. Die Stimmen können auch in die portable Version von NVDA integriert werden.

Mit der kostenpflichtigen Erweiterung VTURBO können einige Funktionen nachgerüstet werden, zum Beispiel Stimmenprofile für unterschiedliche Situationen oder bessere Vorlesefunktionen.

Weitere Vorteile

Seit der Version 12 gibt es in NVDA einen Erweiterungsmanager, der unter anderem für die oben erwähnten Stimmen benötigt wird.
Was noch fehlt ist ein Modus, mit dem eigene Skripte geschrieben werden können, um Programme nachträglich screenreader-gerecht zu machen. Jaws z.B. hat eine eigene Skriptsprache für solche Zwecke. Eventuell bieten die Plugins eine äquivalente Möglichkeit, das habe ich bisher nicht geprüft.
Eine wirklich feine Sache sind die automatischen Updates. Bisher mussten die neuen Versionen immer auch neu installiert werden.
Mit dem Browser Chrome wird ein weiterer Browser unterstützt. Chrome ist ein wenig flotter als Firefox und wesentlich besser als der Internet Explorer.
Eine nützliche Erweiterung ist MouseGuide. Sie ermöglicht es, nicht mit der Tastatur erreichbare Schaltflächen zu markieren, um den Mauscursor dorthin zu steuern und so diese Schaltflächen anzuklicken.
Mittlerweile kann aus der installierten Version von NVDA heraus eine portable version erzeugt werden. Der Vorteil liegt darin, dass die eigenen Einstellungen direkt übernommen und die portable Version nicht neu konfiguriert werden muss.
Inzwischen werden auch die Zugänglichkeitsfeatures vom Acrobat Reader unterstützt. Bei der letzten Version von NVDA, wo ich das getestet hatte lief das noch nicht, das ist aber auch schon lange her. So viele barrierefreie PDFs gibt es leider noch nicht.
NVDA ist sehr genügsam. Auf meinem Uralt-Laptop habe ich selbst eine uralte Jaws-Version nicht zum Laufen bekommen, NVDA war nach wenigen Minuten betriebsbereit. Der Jaws-eigene Grafiktreiber hat schon manche Notebooks zum totalen Crash gebracht.
In der aktuellen Version gibt es eine Unterstützung für die Metro-Oberfläche von Windows 8. Das Rennen zwischen den Screenreadern wird wirklich spannend, wenn es darum geht, wie Win 8 zugänglich gemacht wird. Es ist der Bruch von einem maus- und tastaturbasierten hin zu einer touchoptimierten Oberfläche. Die klassischen Screenreader sind darauf nicht eingestellt. Am ehesten lässt sich die Touch– mit der Mausbedienung vergleichen.
Auch für Sehbehinderte kann NVDA interessant sein. Schon seit längerem liest NVDA Elemente vor, wenn sie mit dem Mauscursor überfahren werden, zum Beispiel Links oder Formularelemente.
Das sind nur einige der vielen Features von NVDA, ich will nur zeigen, wie vielseitig dieser Screenreader ist und das es sich durchaus lohnt, ihn auszuprobieren.

Spendenfaulheit

Wie wir an der kurzen Krise von WebVisum gesehen haben, wird es immer wichtiger, für Projekte wie NVDA oder WebVisum zu spenden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie jemand 500 Euro für ein iPhone ausgeben kann und sich zugleich über Apps aufregt, die einen Euro kosten. Als ob die Entwickler von Luft und Liebe leben könnten, wobei sie statt Liebe Ärger bekommen, weil Button Nummer 12 falsch beschriftet wurde.
Die Bereitschaft, für ein nichtmaterielles Produkt zu bezahlen scheint auch unter Blinden sehr gering zu sein. Das gilt insbesondere dann, wenn man keine direkte Gegenleistung erhält, schließlich hat man das Programm ja schon, also warum noch bezahlen? Sollten NVDA oder WebVisum eines Tages tatsächlich wegen mangelnder finanzieller Unterstützung eingestellt werden, dann wissen die Blinden zumindest in diesem Fall, wer daran schuld ist: Sie selbst.

Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Internet?

TagwolkeImmer wieder nett, sich auf die Basics zu besinnen:

Vor zehn Jahren war es vorteilhaft, ins Internet zu kommen. Mittlerweile ist es ein echter Nachteil, nicht im Internet zu sein. Viele Produkte oder Dienstleistungen
werden im Web kostenlos oder günstiger angeboten. Viele Informationen sind nur noch über das Netz verfügbar. Mit den sozialen Plattformen wird nicht nur der Austausch mit Freunden erleichtert, oft läuft die Suche nach Jobs komplett über Social Media

zum Artikel “Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Internet?”

Barrierefreiheit und die Beschwerdekultur im Internet

Es gibt zwei Arten von Menschen, die bei mir echte Unlust auslösen, mich weiter mit Barrierefreiheit zu beschäftigen. Das eine sind nicht-behinderte Menschen, die einen Validator bedienen können. Das andere sind Behinderte, die sich offenbar nicht im Griff haben.
Hier bekomme ich die Beschwerden
Ich kenne beide Seiten. Ich habe mich öfter bei Organisationen beschwert. Teilweise haben sie darauf reagiert, teilweise nicht. Zeit Online zum Beispiel hat sehr flott auf meine Anmerkung reagiert, dass der LogIn in den Community-Bereich für Blinde schwierig ist. Andere reagieren gar nicht. Das ist ärgerlich, aber so ist das Leben. Ich käme aber nie auf die Idee, einen Menschen oder eine Organisation persönlich anzugreifen.
In meinem Job kriege ich ca. alle zwei Wochen eine Beschwerde auf den Tisch. Da behauptet Max Mustermann, die Seite XY sei nicht barrierefrei, weil sie nicht valide ist. Meistens folgt dann noch ein persönlicher Angriff der Art, die Organisation würde sich ihrer Barrierefreiheit rühmen, sich aber eigentlich nicht darum kümmern.
Privat würde ich Max mitteilen, dass er keine Ahnung hat und sich einen Job suchen sollte, wenn er nichts besseres zu tun hat.
So prüfe ich also die Webseite mit dem HTML-Validator und siehe da, ein roter Balken und 12 Fehler + x Warnungen. Jetzt muss man wissen, dass schon eine fehlende spitze Klammer eine ganze Kaskade an Fehlermeldungen auswirft, die Browser aber solche Fehler in der Regel gut verarbeiten können. Solche Fehler treten eher bei handgemachten Seiten auf, Webseiten von Redaktionssystemen, die heute die Regel sind, vergessen keine Klammern.
Was sagt also der Fehlerbericht? Er sagt, Im verwendeten Zeichensatz müssen bestimmte Zeichen als Entitäten codiert werden. Die Fehler treten auch noch im Head der Datei auf, also der Ort, wo sich die meisten Menschen die meiste Zeit aufhalten. Liebe blinde Kollegen: wenn ihr merkt, dass jemand das kaufmännische und nicht als & schreibt, das ist nicht barrierefrei, beschwert euch sofort. Ihr wisst nicht, was das bedeutet? Nun, der Mensch, der sich beschwert hat, weiß das offenbar auch nicht.
Was meistens auch anschlägt sind ARIA-Attribute. Ist das nicht geil, da bemüht sich jemand, die Seite besonders barrierefrei zu machen und muss sich dann von einem Blödmann anhören, seine Seite sei nicht barrierefrei, weil sie nicht validiert?
Ich merke aber sofort, dass ich einen Experten vor mir habe, wenn er mir mitteilt, ich hätte ein Attribut mit einem Tag verwechselt – oder umgekehrt. Da weiß ich, der Mensch ist wirklich auf die wichtigen Sachen fokussiert.
Woher ich weiß, dass Max wahrscheinlich keine Behinderung hat? Meiner Erfahrung nach haben Behinderte was Besseres zu tun als Seiten durch den Validator zu jagen und anschließend Leute mit den Ergebnissen zu nerven. Vielleicht irre ich mich aber auch.

Auch mit Behinderten hat man es nicht leicht

Dann kommen auch die Beschwerden von Behinderten. Es ist natürlich völlig legitim, sich über eine Sache zu beschweren. Was mich immer wieder erstaunt ist die Aggressivität der Leute. Offenbar glauben sie, nur weil man sich um Barrierefreiheit kümmert, könne man seinen ganzen Frust bei dieser Person abladen. Man pinkelt uns ins Gesicht würde Sven Regener an dieser Stelle sagen. Einer unspezifischen Beschwerde folgt eine Welle an Diffamierungen, Beleidigungen oder haltlosen Vorwürfen.
Wenn ich dann einmal höflich nachfrage, wo denn konkret das Problem liegt und welche Hilfstechnik die Person verwendet kommt – nichts mehr. Da hat wohl jemand nicht damit gerechnet, dass da ein Mensch am anderen Ende sitzt und sogar antworten kann. Die Leute erwarten, dass wir ihre kryptischen Fehlermeldungen entschlüsseln und ihre Probleme wie von Zauberhand lösen, dabei sind sie nicht einmal bereit oder in der Lage, ihr Problem konkret zu beschreiben.
Auch wenn das nicht ganz politisch korrekt ist, darf ich das als Behinderter sagen: das Problem sitzt oft vor dem Bildschirm. Ich kann meine Webseite noch so barrierefrei machen, wenn der Mensch vor dem Bildschirm nicht weiß, wie er mit Jaws ein Formular ausfüllt – und das kommt oft genug vor – was genau soll ich dann machen? Wenn jemand mit Windows 98 und Jaws 4.7 unterwegs ist, kann ich mit Sicherheit sagen, dass die Barrierefreiheit von Webseiten nicht sein größtes Problem ist.
Sagt man der betroffenen Person, dass sie einen Fehler gemacht hat, verschärft man deren Abwehrhaltung nur noch. Fehler, die machen immer nur die anderen.
Was mich wirklich ärgert ist, dass ausgerechnet die Leute diese Beschwerden bekommen, die sich um Barrierefreiheit bemühen. Ich wette, bei Aldi oder Lidl beschwert sich niemand über die unzugänglichen Webseiten.
Man ist schnell dabei, sich über etwas zu beschweren. Niemand bedankt sich für die Mühe, die jemand in die Barrierefreiheit seiner Webseite gesteckt hat. Wenn aber auf Unterseite 23 beim dritten Bild der Alternativtext fehlt gibt es sicher einen Hampel, der sich bei dir ins Mailfach erbricht und sagt, deine Seite wäre nicht barrierefrei und du hättest keine Ahnung. Wer will sich da noch mit Barrierefreiheit oder überhaupt mit Behinderung beschäftigen?

eLearning für Menschen mit Behinderung

In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Angebot an Fernstudiengängen und Fernlehrgängen. Für blinde und sehbehinderte Menschen könnten diese Angebote sehr interessant sein, in der Regel sind sie ihnen aber nicht zugänglich. Die Mehrheit der Anbieter stellt ihr Material in gedruckter Form bereit. Großdruck oder digitale Medien sind hingegen Mangelware. Erschwerend kommt hinzu, dass jede Bildungsorganisation ihre eigene Internetplattform betreibt. Dort werden Materialien hoch- und runtergeladen, häufig gibt es auch Diskussionsforen zu den einzelnen Kursen. Diese Plattformen erfüllen oft nicht die elementarsten Voraussetzungen der Barrierefreiheit im Internet wie zum Beispiel die Tastaturbedienbarkeit. Deshalb können die Kurse auch von Menschen mit motorischen Einschränkungen nur bedingt genutzt werden. Weiterlesen

Was soll daten denn? – wie der deutsche Datenschutz Innovationen ausbremst

Der Datenschutz ist in Deutschland ähnlich heilig wie das Reinheitsgebot für Bier. Während das beim Bier durchaus sinnvoll sein kann, hat man beim Datenschutz jeden Sinn aus den Augen verloren. Das verhindert die Entwicklung sinnvoller Anwendungen, die jedem von uns nutzen können.

Die halbe Welt hat sich über Deutschlands Vorgehen gegen Google Streetview schlapp gelacht. Es kann in einigen Fällen sinnvoll sein, Straßenzüge zu verpixeln, wenn es sich etwa um Frauenhäuser oder ähnlich defizile Einrichtungen handelt. Aber normale Gebäude? Damit lenkt man schließlich zusätzliche Aufmerksamkeit auf die verpixelten Gebäude.

Der Datenschutz killt Startups

Daten sind das Benzin des 21. Jahrhunderts. Fatalerweise begünstigt die Datenschutzbewegung die Big Player, die weltweit agieren und sich zumindest teilweise über Landesgesetze hinweg setzen. Sie testen die Grenzen aus und ein Gerichtsverfahren gehört für sie zum Alltag wie der morgendlche Kaffee.

Kleinere Player, die lokal oder national Ideen entwickeln, wie Daten dazu beitragen können, das Leben zu verbessern haben gar keine Chance. Sie kommen nicht an die Daten der Big Player heran und selber sammeln können oder dürfen sie nicht. Bis sie es einmal geschafft haben, genügend Daten zu sammeln, sind sie bereits in die Pleite geklagt worden. Entweder von Bürgern, die paranoid sind oder sonst nichts zu tun haben. Oder von Konkurrenten, die in der Regel das Wettbewerbsrecht als Hebel benutzen.

Nehmen wir an, ich möchte eine Anwendung entwickeln, um Staus zu reduzieren. Ich möchte dazu die GSM-Daten nutzen. Wenn X Personen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf der A1 befinden und sich kaum von der Stelle bewegen, ist dort wahrscheinlich ein Stau. Ich gebe diese Info in Echtzeit an die restlichen Autofahrer weiter, die dann abfahren oder gar nicht erst drauf fahren. Das selbe im Zug: die Deutsche Bahn ist bekanntlich service-unfähig. Nehmen wir an, in einem ICE ist die vordere Hälfte überfüllt und die hintere fast leer. Das habe ich schon erlebt. Wir können dann ebenfalls über die Zahl der Handys diese Info ermitteln und für eine gleichmäßige Besetzung des Zuges sorgen. Aber so was braucht man in Deutschland anscheinend nicht. Hier sammelt man lieber Cent-Stücke statt Daten.

Für Menschen, die an Alzheimer oder Demenz leiden könnte eine App interessant sein, die regelmäßig Fotos schießt, Töne aufzeichnet oder ähnliche Erinnerungshilfen generiert. Möglich wäre das mit der Datenbrille von Google, Google Glasses.

Der deutsche Datenschützer würde hier sofort Bedenken äußern, wenn das Smartphone anderen Menschen in die Hände fiele.

Blöd bleibt blöd

Was glaubt ihr, welche Organisationen die meisten Daten in Verknüpfung mit eurem Namen sammeln? Google? Nein, denn Google weiß nicht, wo du wohnst oder zumindest kennt es die Adresse nicht. Facebook? Dasselbe. Microsoft? Absolut nicht.
Die größten Datenkranken sind die Auskunfteien, vor allem die Schufa sowie die Online-Versandhändler und praktisch alle systematisch angelegten Rabattsysteme wie Payback. Die kennen tatsächlich deine Adresse, in der Regel auch das Geburtsdatum, eventuell die Mailadresse. Schon einer dieser Faktoren würde ausreichen, eine Person mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auf immer und ewig zu identifizieren.

Der Versandhändler deiner Wahl weiß zum Beispiel, welche Produkte du gekauft und dir angeguckt hast. Daraus lässt sich natürlich viel ableiten, was ja auch schon kräftig genutzt wird. Es werden Profile angelegt, aus denen Empfehlungen abgeleitet werden können. Bei anderen Rabattsystemen, die von großen Supermarktketten angwendet werden wissen die Jungs, wann du wie oft in den Laden kommst und welche Produkte du gekauft hast. Ob sie das tatsächlich speichern weiß ich nicht, aber 0,5 Prozent Rabatt kriegt man schließlich nicht zum Nulltarif. Lustigerweise scheinen viele zu glauben, diese kommerziellen Einrichtungen würden besser mit dem Datenschutz umgehen als der Staat. Für ein paar schlappe Euro oder eine halbgare Rabattaktion schleudern die Leute ihre Daten weg und schreien zugleich auf, wenn sie jemand nach ihrem Geburtsdatum fragt.
Als Google vor einiger Zeit seine Datenbrille vorstellte, kamen die typischen Reaktionen: die Amis sagten, toll, was man alles damit machen könnte. Die Deutschen sagten, oje, was man alles damit machen könnte.

In Deutschland wird praktisch täglich gegen die Datenschutzbedingungen verstoßen. Ähnlich wie beim Urheberrecht ist das ganze Gesetzeswerk unpraktikabel geworden und es wird eher noch verschlimmert.

Die Mehrkosten, die durch Datenschutzrichtlinien entstehen, verteuern die Produkte und Dienstleistungen. Wir alle bezahlen dafür mit unseren Steuern, ohne dass wir positives davon zu ewarten haben.

Die deutsche Passion für den Datenschutz ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Mein Eindruck ist, dass sich da ein paar paranoide Menschen ihre Ersatzreligion geschaffen haben. Ich hatte das schon einmal beschrieben: je intensiver man sich mit einer Sache beschäftigt, desto mehr steigert man sich hinein, bis man jedes reale Maß aus den Augen verliert.

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Johnnes Masing plädiert für so viel Datenschutz wie nötig, soviel Freiheit wie möglich.

Digitale Mitbestimmung für Menschen mit Behinderung

Digitale Werkzeuge können auch für Menschen mit Behinderung die Mitbestimmung erleichtern und verbessern:

Politisches Engagement findet zunehmend über das Netz statt. Viele der neuen Möglichkeiten sind auch für Menschen mit Behinderung interessant. Ihre Wege
zur politischen Mitbestimmung sind oft eingeschränkt, weil sie nicht mobil sind oder ihre Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist. Weiterlesen

Rollt Apple den Bildungsmarkt auf?

“Der Mensch hat sich zum Werkzeug seiner Werkzeuge gemacht.” Henry David Thoreau

Normalerweise schreibe ich nicht über die neuesten Trends, aber der Einstieg von Apple in den Bildungssektor könnte wesentlich spannender werden als irgendein weißes iPhone.
Apple hat sehr gute Chancen auf dem amerikanischen Bildungssektor, weil seine aktuellen Geräte und Betriebssysteme einen sehr guten Stand im Bereich Barrierefreiheit haben. Die USA haben mit der Section 508 und dem Americans with Disabilities Act die wahrscheinlich strengsten Regeln zur Barrierefreiheit und Gleichstellung weltweit. Zum deutschen Pendant sage ich lieber nichts.
Die Geräte verfügen über einen eingebauten Screenreader, Vergrößerungssoftware, eine zumindest rudimentäre Spracheingabe. Sie gelten als beliebt bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen – ob zu Recht oder Unrecht vermag ich nicht zu beurteilen.
Apples Schritt dürfte zumindest zwei Größen der New Economy weh tun: der eine ist Amazon, der andere Microsoft.
Amazon hat ebenfalls Ambitionen auf dem Buchmarkt als Verleger aufzutreten. Mit der Kindle-Plattform versucht Amazon ebenso wie Apple die Käufer in einen goldenen Käfig aus Hardware, Software und Multimedia-Konsum einzusperren. Amazons Ambitionen, mit dem Kindle DX in den Bildungsmarkt einzusteigen sind grandios gescheitert, weil es die Geräte nicht für Blinde oder Sehbehinderte nutzbar gemacht hat. Bis heute nicht. Apples Anwendung zur Erstellung von Enhanced eBooks zielt exakt in das Herz der Kindle-Plattform, einer Plattform, auf der Autoren ihre Werke so simpel wie selten zuvor einstellen können. Allerdings hängt das Kindle-Format dem Standard ePub immer ein wenig hinterher.
Microsoft Windows hingegen muss um seine Stellung als führendes Betriebssystem in Bildungseinrichtungen bangen. MS hat es noch länger als Amazon verschlafen, seine Plattformen für Blinde von Haus aus nutzbar zu machen. Wobei Microsoft natürlich wesentlich größer als Amazon ist und das passende Know-How im Haus sitzen hat. MS und Applle gewähren bereits Rabatte für Bildungseinrichtungen. Aber die wenigsten Schulen werden es sich leisten, ihren Schülern zwei Computer-Arbeitsplätze bzw. Geräte bereit zu stellen.

Open ist besser

Man kann Apple mögen oder nicht – mit der Kontrolle über seine Plattformen übt es auch eine Form von Zensur aus. Werden demnächst Bücher nicht im Store zugelassen, die über Aufklärung, Sklaverei oder andere in den USA brisante Themen handeln, weil bestimmte Bilder oder Begriffe eingesetzt werden? Und ist die US-Regierung tatsächlich bereit, das relativ geschlossene Windows-System gegen das absolut verschlossene Apple-System einzutauschen?
kleines Update: Offenbar möchte Apple nicht wie angekündigt das offene ePub-Format unterstützen, sondern sein eigenes Format in den Markt drücken. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.
Nur zur Erinnerung: Ein günstiges Netbook kostet zwischen 200 und 300 Euro, verfügt über eine vollständige Tastatur und ist eine nur durch die Performance eingeschränkte Universalmaschine. Ein iPad ist ein Gerät zum Surfen und Multimedia abspielen, auf das man ohne iTunes nicht einmal Daten spielen kann. Und Apple wird nicht unbegrenzt Preisnachlässe gewähren. Ein Schulcomputer ohne vernünftige Tastatur ist ohnehin ein Witz. Das Problem, dass man längere Texte nur schlecht auf einem hintergrundbeleuchteten Bildschirm lesen kann will Apple offenbar über Multimedia statt Text lösen. Bei aller Liebe – das ist sicher nicht wünschenswert.
Die Alternative heißt XO und wurde von der Initiative One Laptop per Child entwickelt. OLPC ist dadurch bekannt geworden, dass es jedes Kind in einem Entwicklungsland mit einem 100 Dollar teuren Laptop ausstatten wollte. Auf dem Gerät ist Software zum Lernen vorinstalliert. Die Geräte sollen recht robust sein und dank PixelQi-Technik auch in der Sonne gut ablesbar sein. PixelQi soll die Vorteile von elektronischem Papier und klassischen Displays kombinieren, zum besseren Lesen kann die Hintergrundbeleuchtung abgeschaltet werden. Wenn man die Kurbel zur Stromversorgung weglässt spricht nichts dagegen, das Gerät auch im reichen Westen einzusetzen. An der Accessibility wird gearbeitet. Dann gibt es noch den 20-Dollar-Computer Raspberry Pi oder das 35-Dollar-Tablet Akash aus Indien.
Der zweite Kanidat für ein Konkurrenzangebot heißt Google Books. Je stärker Apple Druck auf die Lehrbuch-Verlage ausübt, desto attraktiver dürfte ein Konkurrenzangebot von Google werden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Google eine Alternative zu Apples Plattform anbieten wird. Mit Text und Tabellen will Google eindeutig gegen Microsofts Office antreten und wird an den chronisch unterfinanzierten Schulen offene Türen einrennen.
Wenn die Schulen tatsächlich Geld sparen wollen, sollten sie auf offene Alternativen wie Ubuntu oder andere Linux-Varianten setzen. Da das Verständnis von Computersystemen und das Programmieren eine größere Rolle in der Schule übernehmen soll, sind Linux-Varianten dank ihrer Offenheit die beste Wahl unter den Betriebssystemen. Und auch sie sind mittlerweile recht gut mit Eingabehilfen für Behinderte ausgestattet.
Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht Zeit ist, Schulbücher unter einer CC-Lizenz zu entwickeln und anzubieten. Das Modell Schulbuch-Verlag mag für das 20. Jahrhundert angemessen gewesen sein. Mittlerweile ist es kaum noch einzusehen, warum der Steuerzahler die Schulbuch-Verlage subventioniert, Lehrer und Schüler mit den Büchern aber dank des Urheberrechts nicht machen können, was sie wollen. Oder ist es sinnvoll, wenn Afrikas Schulbücher in Großbritannien produziert werden??
Es passt an der Stelle nicht ganz, aber das Projekt Udacity zeigt, wie Bildung im 21. Jahrhundert aussehen kann. Die Betreiber haben ganz nebenbei die größte Lerveranstaltung der Welt abgehalten.

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