Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Google stolpert über die Barrierefreiheit von Android

In einem Kommentar schrieb ich zu einem anderen Thema, dass einem Google fast leid tun könnte. Auf der einen Seite arbeiten sie beständig an der Weiterentwicklung von Android. Auf der anderen Seite profitieren die meisten Android-Nutzer nicht davon, weil die Updates durch die Hersteller nicht an die Nutzer weitergegeben werden. Google hat hier aus jeder Sicht versagt: die Nutzer profitieren nicht von Verbesserungen des Betriebssystems und Android-Handys werden ein Sicherheitsrisiko. Die Hersteller ihrerseits müssen – oder sollten zumindest – eigene Ressourcen aufwenden, um die Geräte auf die neueste Version zu bringen. Falls Microsoft bei Windows Phone eine andere Strategie verfolgt – ich weiß es leider nicht – könnte Android seine Vormachtstellung auf dem Mobilgeräte-Markt tatsächlich wieder einbüßen. Das Problem war eigentlich voraussehbar, weshalb es schlicht unverständlich ist, warum Google diesen Fehler gemacht hat. Andere Frage: Wie viele Leute werden noch ein Android-Gerät kaufen, wenn diese massenhaft von Hackern gekapert werden?

Googles Fehler in der Barrierefreiheit von Android

Ebenso groß ist Googles Versagen, was die Barrierefreiheit des Systems angeht. Dass sie relativ spät auf Barrierefreiheit gesetzt haben, könnte man ihnen noch verzeihen. Erst Apple hat überhaupt gewagt, ein touch-basiertes Gerät für Blinde zugänglich zu machen.

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http://youtu.be/rnw8vh9y36Q

Was man Google nicht verzeihen kann ist die Fragmentierung der Zugänglichkeitshilfen. Zunächst müssen die Eingabehilfen im System eingeschaltet werden, danach darf man die passenden Apps aus dem Netz herunterladen. Es gibt nicht eine, sondern sehr viele Apps, die installiert werden müssen, um das Gerät überhaupt bedienbar zu machen.
Was mich wirklich geärgert hat ist, dass man das Gerät als Blinder oder Sehbehinderter nicht selbst einrichten kann. Man kann das Gerät nicht einfach an den Computer anschließen und dort konfigurieren. Die Apps müssen über den Appstore oder eine andere Quelle heruntergeladen und installiert werden. Sogar den Spaß, einen Google-Account samt CAPCHA übers Handy zu erstellen mutet Google einem zu.

Auf der Suche nach der verlorenen App

Für viele Aufgaben gibt es eine, zwei oder mehr Apps. Als Behinderter darf man sich die passende App aus dem Store aussuchen. Man kann sich auch die x Seiten durchlesen, die Google dankenswerterWeise zum Thema bereit gestellt hat. Schön und gut – aber wer will das schon? Selbst wenn man Zeit hat, gibt es angenehmere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann als Anleitungen zu lesen und Apps zu studieren.
Wirklich dämlich ist die mangelnde Anpassbarkeit der Android-Oberfläche für Sehbehinderte. Es wäre recht einfach gewesen, die Oberflächen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar zu machen, indem man Schriftgrößen, Farben und Kontrast selbst einstellt. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es gibt eine App dafür! Es tut mir echt leid, aber für jeden Furz eine App zu installieren und wenn es auch so schnell geht ist absolut nicht die Lösung. Ich erwarte von jedem aktuellen Betriebssystem – ob Smartphone oder Desktop – ein Mindestmaß an Konfigurierbarkeit der Oberfläche.
Generell bin ich für den Open-Source-Ansatz. Es ist eine schöne Sache, dass es unzählige Hacks für Android gibt. Und dort, wo Hilfssoftware schon halbwegs gut funktioniert – auf dem Desktop – ist das schön. Nichts davon kommt aber Blinden auf einem Smartphone zugute, weil sie schlicht keinen kognitiven Zugang zum Gerät haben. Schade Google – schade Android.

NVDA und Chrome – der Firefox ist nicht mehr der beste Browser für Blinde

Ich bin vor nun mehr zehn Jahren auf den Firefox gestoßen und man muss sagen, im Vergleich zum Internet Explorer in allen Versionen ist der Firefox der bessere Browser. Das ist aber auch keine Kunst.
Lange Zeit war der Firefox neben dem IE der einzig zugängliche Browser für Screenreader-Nutzer. Opera, eine durchaus vorzeigbare Alternative, hat es leider nicht geschafft, die Benutzbarkeit für Screenreader zu verbessern. Das ist durchaus verständlich für mich. Die Blinden-Community ist nicht so groß und der Marktanteil von Opera ebenfalls nicht, so dass sich Investitionen in diesem Bereich kaum auszahlen. Die letzte Version von Safari für Windows, die ich getestet habe war auch nicht der Bringer.
Leider hat Firefox auf der halben Strecke ziemlich schlapp gemacht. Seit der Version 3.x hat er ein großes Speicherproblem. Er verbraucht viel Arbeitsspeicher, was insbesondere bei älteren Geräten problematisch ist. Diese Probleme sollen anscheinend mit der aktuellen Version 10 angegangen werden, was aber irgendwie drei Jahre zu spät kommt. Wer einen Blick in den Taskmanager wirft, kann auch sehen, dass hier ein wenig getrickst wird. Es gibt mehrere Tasks namens plugin-container, die zum Firefox gehören und für einfache Erweiterungen recht ordentlich Arbeitsspeicher abgreifen. Dass der Hauptprozess weniger Arbeitsspeicher braucht fällt also kaum noch ins Gewicht.
Mit der neuen Update-Politik hat Firefox nun endgültig den Pfad der Tugend verlassen. Die Entwickler von WebVisum kommen mit dem Updaten nicht mehr nach, so dass eines der großen Argumente für den Firefox nicht mehr sticht. Ich frage mich ehrlich, warum die Firefox-Entwickler, die doch soviel wert auf Barrierefreiheit legen wollen, nicht die Funktionen von WebVisum in den Browser integriert haben. Eine Funktion zum Lösen von Captchas z.B. dürfte sich leicht über einen serverbasierten OCR-Prozess bereit stellen lassen.
Komplett versagt hat der Firefox dort, wo er eigentlich seine Stärken hat: bei den zahllosen erweiterungen. Die Verwaltung der Addons ist seit Firefox 4 nicht mehr mit dem Screenreader möglich, zumindest nicht über die normale Addon-Ansicht des Firefox. Die Verwaltung sieht jetzt hübscher aus, aber ist mit Screenreadern nicht nutzbar. Zudem stürzt der Browser recht häufig ab, wenn man mit dem Screenreader in den Addons unterwegs ist. Update: Das Problem tritt mit Jaws auf, mag sein, dass das mit NVDA nicht passiert.
Der Firefox könnte sich generell zum Sicherheitsloch entwickeln. Schockiert habe ich festgestellt, dass dritte Programme in der Lage sind, ihre Erweiterungen ohne Nachzufragen in den Firefox zu installieren. Dazu gehören QuickTime, iTunes und Office 2007. Der Firefox weist nicht darauf hin, dass diese Plugins installiert worden und schon aktiv sind. Das ist ein echtes Sicherheitsloch, heißt das doch, dass jedes Programm, das installiert wird, den Firefox manipulieren und dadurch auch aufs Internet zugreifen kann. Für einen OpenSource-Browser ist das eine Bankrotterklärung. inst
Wer also nach Alternativen zum Firefox sucht und blind ist, sollte auf das Gespann Chrome/NVDA in den aktuellen Versionen zurückgreifen. Mit Chrome kann man zum Beispiel auch Flash-Videos mit den Cursor-Tasten spulen, eine Funktion, die ich schon seit 10 Jahren vermisse. Ob tatsächlich alles accessible ist, kann ich noch nicht sagen, aber es sieht schon einmal gut aus. Eine Alternative zu NVDA scheint das kostenlose Plugin ChromeVox zu sein, was ich allerdings bisher nicht testen konnte. Ich vermute, es ist vor allem für Menschen gedacht, die nicht sich Inhalte vorlesen lassen wollen und weniger für Blinde.
Chrome ist, was das Tempo angeht derzeit unschlagbar, in den Schatten gestellt bestenfalls von Opera. Fairerweise muss man sagen, dass Chrome auch davon profitiert, dass er nicht so viele Altlasten wie der Firefox mit sich schleppen muss.
Auch die neuesten Versionen von Jaws sollen kompatible mit Chrome sein, aber wer hat die schon?
Schön ist auch, dass es portable Versionen von Chrome und NVDA gibt, die gut funktionieren. So kann man beide Programme auf einen Stick packen und hat sie immer dabei.

Behinderung und Technik – Windows kann barrierefrei und Vodafone kann nachhaltig

Warum jetzt und nicht vor zehn Jahren könnte man fragen. Windows 8 kriegt einen Screenreader. Nach Linux und Mac ist Windows damit reichlich spät dran. Immerhin rückt das Betriebssystem damit einen Schritt näher an die Barrierefreiheit. Anscheinend plant Microsoft, ähnlich wie Apple die Integration des Betriebsystems auf unterschiedliche Plattformen. Das heißt, Windows 8 könnte auch auf Tablets zum Einsatz kommen. Ob da auch eine Touchunterstützung für den Screenreader zum Einsatz kommt? Auch bei Windows Phone ist die Unterstützung von Screenreadern noch nicht absehbar.

Vodafone hat angekündigt, Nachhaltigkeit tief in die Unternehmensstrategie verwurzeln zu wollen. Barrierefreiheit könnte ebenfalls ein Thema in dieser Strategie sein:

Als Erstes ist das „Access to Communication“, also Zugang und Teilhabe aller Geselschaftsmitglieder an moderner Telekommunikation. Als Zweites „Connected Living“, also die Vernetzung von Privat- und Berufsleben“ sowie als Drittes das Thema „Smart Energy“, das den effizienten Einsatz von Energie sowohl im Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden abdeckt. Als zusätzliches, übergreifendes Querschnittsthema wurde „Simplicity“ ausgewählt, also die Vereinfachung
des Lebens durch nutzerfreundliche Prozesse und Dienste.” Quelle: Interview in The European vom 28.2.2011

Das ist natürlich erst einmal PR. Allerdings hat Vodafone im letzten Jahr den Smart Accessibility Award verliehen, einen Preis für Apps, welche die Barrierefreiheit verbessern sollen. Wir dürfen also gespannt sein. Siehe dazu auch meinen Beitrag zu CSR und Barrierefreiheit.

Eine sehr coole Sache ist der günstige Mini-Rechner Raspberry Pi . Er kostet rund 30 Euro und kann mittlerweile erworben werden. Der Rechner ist so groß wie ein USB-Stick, darauf läuft Ubuntu. Ich gehe mal davon aus, dass damit auch der Screenreader Orca im Lieferumfang ist.
Noch lesenswert:

Behinderung und Technik – Sprachsynthese und Assistenz-Roboter

DRadio Wissen hat einen hörenswerten Audiobeitrag zur Sprachsynthese gemacht. Sprachsynthese spielt nicht nur für automatische Durchsagen oder Navis, sondern vor allem für blinde Menschen eine wichtige Rolle. Auch Menschen, die ihre eigene Stimme nicht mehr einsetzen können, würden von einem besseren System zur Sprachsynthese profitieren. Ich würde allerdings sagen, dass eine korrekte Aussprache und Betonung wichtiger ist als eine möglichst natürlich klingende Stimme. Die heute gängigen Sprachausgaben sind recht gut, was das angeht und man gewöhnt sich auch recht schnell an deren Künstlichkeit.

Bei Technlogoy Review gibt es eine Reportage zu Assistenz-Robotern. Die Forschung in diesem Bereich wird vor allem von den Japanern betrieben, weil sie die volle Wucht des demographischen Wandels erwarten. Die Technik kann aber auch Menschen mit starken motorischen Einschränkungen helfen, wie man sieht.

Forscher von Microsoft arbeiten daran, Gesichter mit natürlicher Mimik am Computer zu realisieren. Die Technik könnte auch interessant sein, um Avatare für die automatische Übersetzung von Texten in Gebärdensprache zu realisieren.

Bei Einfach für alle ging es in den letzten Wochen um den barrierefreien Einsatz von Grafiken.

Off Topic

“Stirbt die Gebärdensprache aus?” fragt der deutsche Ableger von Gizmodo. Leider muss man sich für den Artikel von der New York Times einloggen, den verlinke ich deshalb nicht. Hintergrund ist die Sparwut des Staates und das Cochlea-Implantat, was vielen Gehörlosen helfen soll – und vielen anderen nicht. Die Gebärdensprache ist umstrittener als man denken sollte: einige Gehörlosenlehrer beherrschen die Gebärdensprache selber nicht oder weigern sich, sie im Unterricht einzusetzen. Ich hatte mir auch schon mal Gedanken über die Zukunft der Blindenschrift gemacht. Das ist natürlich nicht zu vergleichen, die Gebärdensprache ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel überhaupt für Gehörlose, während Blinde ganz gut durchs Leben kommen können, ohne die Blindenschrift zu beherrschen.

Um den Studiengang Gebärdensprache bzw. Gebärdendolmetscher ging es letzte Woche bei DRadio Wissen. Gut radiogerecht umgesetzt, wenn man bedenkt, dass die Gebärdensprache ein rein visuelles Kommunikationsmittel ist.

Zum Abschluß: ein hoffentlich nicht ganz ernst gemeinter Knigge für den Umgang mit Behinderten.

Fundsachen Behinderung und Technik – digitale Bücher bald barrierefrei?

Adobe Digital Editions ist ein Programm zum Lesen elektronischer Bücher. Es ist aber vor allem ein Programm für das Digital Rights Management – ein Euphemismus für die Gängelung von Kunden. Bei den meisten Shops für eBooks muss ADE installiert sein, um auf das Angebot zugreifen und die Bücher nutzen zu können oder sie auf einen eBook-Reader zu überspielen. ADE soll jetzt einen Schritt Richtung Barrierefreiheit gemacht haben. Blinde haben viel Spaß mit Adobe-Programmen wie dem Acrobat Reader, so dass Zweifel durchaus angebracht sind.

Im DRadio gibt es eine Reportage dazu, wie Blinde im Web surfen. Irgendwie scheint das gerade im Mode zu sein. Die gehörlose Bloggerkollegin Julia Probst hat auf Zeit-Online ein ein Interview zu Barrieren für Gehörlose im Netz gegeben.

Über Kinect berichte ich ja öfter. Bei Winfuture gibt es einen Artikel zu Kindern mit Behinderung, die mit der Kinect Spielen können. Vor allem bei Kinderlähmung oder Autismus bewirkt die Kinect demnach positives.

Off Topic

Germany is so barrierefrei – Spiegelbericht zum Auslandsstudium mit Behinderung

Betroffenheit ist kein Handicap – der blinde Journalist Kaiman Dahesch kritisiert die Ernennung eines Behindertenbeauftragten in BaWü ohne Einbeziehung Betroffener

Behindertenverbände blockieren Inklusion zu ihrem eigenen Vorteil – kritischer Kommentar in der taz

MyHandicap über eine Initiative zur Aufbereitung alter PCs für Menschen mit Behinderung.

Fundsachen Behinderung und Technik – Barrierefreiheit durch Open Data und blind durch die Stadt mit Audio-Feedback

Die Stadt Wien möchte via OpenData Informationen zur Barrierefreiheit im öffentlichen Raum verbreiten, wie Futurezone berichtet.

Grauen Star per Smartphone diagnostizieren soll möglich werden. Ein Smartphone-Aufsatz namens Catra wurde speziell für diesen Zweck vom MIT entwickelt. Mehr dazu bei Golem.

Orientierung ohne Blindenstock oder Führhund? Amerikaanische Forscher haben den Prototyp einer Weste präsentiert, die via optischer Sensoren und taktilen Feedback den Blinden gefahrlos auch in unbekannten Gegenden führen soll, Artikel dazu Technology Review.

Die Stiftung MyHandicap hat ihre iPhone-App zur Recherche nach behindertenrelevanten Adressen aktualisiert. Mehr dazu bei MyHandicap.

Japanische Forscher arbeiten an einer automatischen Gebärdenübersetzung

Viel Spaß damit

Fundsachen Behinderung und Technik – zu wenige Untertitel und erleichterte Kommunikation

AccessTech News scheint von WordPress zu Blogger.com umgezogen zu sein, sofern das der gleiche Autor ist. Der Blog hat immer mal ein paar interessante technische Entwicklungen für Behinderte zu bieten, ist allerdings Englisch.

Gehörlose zeigen sich unzufrieden mit der Untertitelungsquote im deutschen Fernsehen. Eine Statistik dazu gibt es in Sign-Dialog.

Eine iPhone-App soll mit Bildern die Kommunikation und den Spracherwerb von Autisten erleichtern. In einem Interview mit Autismus-Kultur erklärt die Erfinderin Lisa Domican, wie das funktioniert.

MyHandicap berichtet über einen Nervenschrittmacher, der zum Beispiel bei einem Schlaganfall ausgefallene Körperteile wieder steuerbar machen soll.

Das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit und die Lebenshilfe haben einen Kriterienkatalog “Barrierefreiheit für Menschen mit kognitiven Einschränkungen” herausgebracht. Die Broschüre dreht sich um die Zugänglichkeit von technischen Geräten und Wege-Leitsystemen, ist aber auch sonst lesenswert. Man kann sie beim BKB bestellen oder hier als PDF runterladen. Wer sich nebenbei dafür interessiert, wie man barrierefreie Veranstaltungen für Behinderte organisiert, sollte einen Blick auf das Handbuch Inklusion (PDF) der Caritas werfen.

Offtopic

Abseits von meinem Thema, aber lesenswert, die FAZ hat ein paar Artikel zum Thema Studium und Behinderung veröffentlicht:

Der Yahoo! Style Guide – Handbuch für Online-Redakteure

Es gibt viele Bücher für Online-Redakteure, aber keines von ihnen stellt die Informationen in geraffter Form zusammen. Diese Lücke wird vom Yahoo! Style Guide gefüllt.

Der Aufbau

Der Guide ist stolze 500 Seiten dick. Das Inhaltsverzeichnis verrät im Grunde schon die gesamte Basis des Schreibens für das Web:

  • Schreibe für das Web
  • Finde heraus, wer deine Leser sind
  • Lege deinen Tonfall fest
  • Schreibe inklusiv
  • Drück dich klar und verständlich aus


Der Inhalt

Selbst für einen Blogger mit kleiner Leserschaft ist es sinnvoll, eine eigene Sprache zu entwickeln. Das heißt zum Beispiel, dass man bestimmte Wörter verwendet und andere nicht. Der regelmäßige Leser mag nach der Verbreitung von Twitter und Facebook seltener geworden sein, es gibt ihn aber noch. Und der wird sich schön wundern, wenn der Blogger an einem Tag einen locker-flockigen Ton anschlägt und im nächsten Beitrag plötzlich Juristen-Jargon verwendet.
Der Blogger ist in diesem Sinne eine Marke und kann ähnliche Strategien anwenden wie Unternehmen dies tun würden: ein einheitliches Design, eine einheitliche Sprache und Konsistenz. Das gilt dann umso mehr, wenn man mehr als einen Kanal bedient. Das ist übrigens das ganze Geheimnis um diese Kaugummi-Begriffe Corporate Design, corporate Wording, Corporate Language. Nebenbei gesagt: wer solche Begriffe verwendet möchte sagt etwas über sich selbst aus, er positioniert sich selbst und vermittelt diese Position oder Einstellung dem Leser. An diesem Beispiel sieht man recht gut, wie man mit Worten arbeiten kann und warum es wichtig ist, die eigene Stimme konsistent einzusetzen.
Wichtig ist auch eine klare Ausdrucksweise. Wir Redakteure verwenden viel Zeit mit der Suche nach schönen Formulierungen, anstatt mehr Wert auf Klarheit zu legen. In meinem Job arbeite ich gerne mit Beispielen, wenn ich die Aussage eines Wortes nicht klar genug finde. Diese Beispiele sind immer recht nah an der Lebenswelt meiner vorgestellten Leser.

Inklusivität

Ein Thema, um das sich Blogger und viele Firmen drücken ist die Gender-Frage. Schreibt man nun Schülerinnen und Schüler, SchülerInnnen, nur Schüler, weil weibliche da immer dabei sind oder was? Anatol Stefanowitsch hat sich damit beschäftigt und ich finde seine Aussagen überzeugend. Das Gleiche gilt dann auch für Behinderte oder Ausländer. Wer sich über Political Correctness beschwert oder sich keine Gedanken darüber machen möchte, wie man über Minderheiten oder benachteiligte Gruppen spricht, ohne sie zu beleidigen oder zu stigmatisieren, der sollte mit Verlaub einfach die Klappe halten.

Notwendige Einschränkungen

Das Buch stammt aus den USA. Wenn man aber nicht gerade amerikanisches Englisch schreibt, muss man Teile des Buchs mit Vorsicht genießen. Im letzten Teil stellt es sehr schön veraltete Regeln von Grammatik und Rechtschreibung dar, die man nicht mehr verwenden sollte. Ich würde mir so etwas für das Deutsche wünschen, denn ich bin auch dauernd am Überlegen, ob man bestimmte Wörter mit Bindestrich, getrennt oder groß schreibt. Der Duden ist mir da leider zu unübersichtlich.

Kaufempfehlung

Wenn man nur ein Buch zum Thema Online-Redaktion lesen möchte, empfehele ich den Yahoo! Style Guide. Er fasst alles Wissenswerte in kompakter Form zusammen. Und er kostet weniger als 20 Euro, die sehr gut angelegt sind. Er ist auch recht gut als Nachschlagewerk geeignet. Vor allem für Redakteure ist er auch nützlich, weil wir manchmal auch Dinge vergessen, die selbstverständlich sein sollten.

Weiterführendes

Chris Barr. The Yahoo! Style Guide: The Ultimate Sourcebook for Writing, Editing, and Creating Content for the Digital World. Griffin 2010
korolewski: Schreiben fürs Web
Texte fürs Web – Tutorial – stefanbucher.net
Barrierefreies Print – hier geht es auch um die Strukturierung von Text
Gibt es einen allgemeinen Wortschatz?

Dezente Hinweise

Wer hat das nocht nicht erlebt: da schreibt jemand eine nette und freundliche Mail, um auf ein Problem hinzuweisen und erhält eine aus Textbausteinen zusammengesetzte Nicht-Antwort. Das statistische Bundesamt zum Beispiel hat nicht auf meinen Hinweis reagiert, dass das statistische Jahrbuch in PDF für Blinde NULL zugänglich ist. Die ARD ihrerseits hat Probleme, eine App barrierefrei zu bekommen.
Nun bin ich jemand, der eher positiv an eine solche Sache rangeht. Zum Einen wird die Barrierefreiheit – BITV hin, BITV her – in deutschen Behörden stiefmütterlich behandelt. Für mich sieht es von außen so aus, als ob da ein paar Agenturen ein paar automatische Testtools über die Portale laufen lassen und ein paar Checklisten abhaken und schon ist die Website per definitionem barrierefrei. Zum Anderen werden Aspekte der Barrierefreiheit vergessen, weil auch kein Betroffener in der Nähe ist, der die Nicht-Behinderten daran erinnert, dass in Deutschland neun Millionen Menschen mit Behinderung leben.
Deswegen macht es mir auch nichts aus, die Leute auf solche Probleme hinzuweisen. Ich bin dabei immer ausnehmend freundlich und höflich, für meinen Geschmack sogar ein wenig zu freundlich. Umso mehr ärgere ich mich darüber, mit einer Textbaustein-Nachricht mit Nonsens abgespeist zu werden.

Zaudern macht keine Barrierefreiheit

Deswegen plädiere ich dafür, solche Vorgänge im zweiten Schritt öffentlich zu machen. Wir haben als Behinderte einen Anspruch darauf, dass Angebote von öffentlichen Stellen barrierefrei zugänglich sind und es gibt keinen Grund, warum wir uns deswegen genieren müssen. Wenn die Behörden oder Unternehmen unseren freundlichen Bitten nicht nachkommen, gibt es ebenso wenig Grund, diesen Vorgang nicht öffentlich zu machen.

Warum im zweiten schritt?

Ich denke, es ist ein Zeichen von Fairneß, die Betreffenden im ersten Schritt im persönlichen Kontakt auf die mangelnde Barrierefreiheit ihrer Angebote aufmerksam zu machen. Wie ich schon sagte, ist mangelnde Barrierefreiheit meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen der Unachtsamkeit und Unbedarftheit der Macher geschuldet. Daher ist eine betont freundliche Mitteilung angebracht, in der man dalegt, aufgrund welcher körperlichen Einschränkung man welche Funktionen oder Anwendungen der Website nicht benutzen kann.
Dann hört man natürlich so einen Blödsinn wie “Blinde benutzen unsere Website nicht”. Ich antworte dann: “Das stimmt nicht, ich bin blind und würde Ihre Website nutzen, wenn Sie barrierefrei wäre”.
Bevor man sich hier in einen endlosen fruchtlosen Dialog wirft, sollte man dem Ansprechpartner mitteilen, dass man vorhat, die Barriereunfreiheit der Website öffentlich zu machen. An dieser Stelle ist es oft hilfreich, die PR-Abteilung des Unternehmens oder der Behörde miteinzubeziehen, die mögen meistens keine negative PR, aus gutem Grund.
Im Endeffekt würde ich auch nicht davor zurückschrecken, tatsächlich die Öffentlichkeit zu suchen. Wichtig ist auch hier, dass man nüchtern und wahrheitsgemäß die Kritik an der Website darlegt und keine Beleidigungen oder falsche Aussagen unterbringt. Es dient zum einen nicht dem eigenen Anliegen, weil solche Aussagen zu sehr den Beißreflex der Gegenseite bedienen. Zum anderen wissen wir ja, wie klagefreudig unsere Lieblingsfirmen sind, wenn es um ihren Ruf geht.
Da die meisten Einrichtungen inzwischen Monitoring betreiben, kriegen sie das so oder so auch mit, man kann sie aber auch dezent darauf hinweisen, dass man da was geschrieben hat, was sie interessieren könnte…
Menschen mit Behinderungen in Deutschland sind für meinen Geschmack zu zahm, wenn es um konkrete Verbesserungen geht. Sie verlassen sich sehr stark auf mitgliederstarke Interessensverbände und politische Vertreter. Das mag funktionieren, wenn es um politisches Lobbying und um die Makroebene geht, auf der mittleren und unteren Ebene funktioniert es nicht ansatzweise. In Marburg gibt es überall akkustische Ampeln, weil die Blindenstudienanstalt und der Blindenverband dort sitzen, im Rest des Landes gibt es wahrscheinlich weniger akkustische Ampeln als in dem 80.000-Seelen-Dorf Marburg.