Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Wie sinnvoll sind Beschriftungen in Braille/Blindenschrift?

Metallplatte mit Braillezeichengefühlt gibt es eine Inflation an Blindenschrift/Braille im alltäglichen Lebensraum. Man findet sie an ICE-sitzen und in Toiletten, als Teil der Raum-Beschriftungen, auf Medikamentenverpackungen. Warum das Schaden kann und wie es besser geht, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Irgendwer, ich glaube das Büro des Behindertenbeauftragten, schickt mir regelmäßig Einladungen zu Veranstaltungen in Berlin. Dabei ist immer eine Karte mit Braille-Ausdruck. Sie landen bei mir ungelesen im Altpapier, ich habe bisher nicht herausgefunden, wie ich in deren Verteiler gelandet bin, aber für eine Abend-Vernissage oder einen Kinofilm ist mir die Fahrt nach Berlin doch zu weit. Der Punkt ist, dass das Bedrucken solcher Karten mit Braille sehr viel Geld kostet, in geringen Stückzahlen sogar noch mehr und es für die Meisten, an die das Teil verschickt wird komplett nutzlos ist.
In Griechenland soll ein Gesetz beschlossen worden sein, wonach alle Restaurants Speisekarten in Blindenschrift bereithalten sollen. Falls die Blindenschrift in GR nicht wesentlich weiterverbreitet ist als in Deutschland, dafür habe ich keinen Anhaltspunkt, frage ich mich schon, wer auf diese absolut sinnfreie Idee gekommen ist. Es ergeben sich durch Braille Probleme, die man nur als Blinder kennt: Da man die Texte mit dem Finger berühren muss und Papier ein hervorragender Träger für Fett ist, lagern sich nach und nach Keime in der Fettschicht auf den Buchstaben ab. Sind sie ein paar Mal gelesen worden, hat man also irgendwann eine wunderbare Keimschleuder insbesondere im gastronomischen Bereich. Von Speiseflecken reden wir gar nicht. Falls sich Papier dieser Art überhaupt desinfizieren ließe, würde wohl keiner auf die Idee kommen, dies zu tun. Mir persönlich ist es relativ egal, aber ich kenne Blinde, die kein Buch anfassen würden, welches ein Anderer gelesen hat. Es lässt sich natürlich einwenden, dass Geldscheine ähnlich verkeimt sind, mit diesen hat man aber selten so intensiven Kontakt.

Wer kann Braille?

Es ist ein offenes Geheimnis unter Blinden, dass die meisten Blinden kein Braille können. diejenigen, die eine Blindenschule besucht haben oder eine Blinden-Reha – eine blindentechnische Grundausbildung – gemacht haben, können in der Regel Braille. Für später Erblindete ist Braille schwierig zu erlernen und zu behalten.

Was regt sich der Alte auf

Nun schadet es auf den ersten Blick erst mal niemandem, wenn etwas mit Blindenschrift ausgestattet ist. Doch schadet es indirekt doch. Es bindet nämlich Ressourcen, die anderswo besser genutzt wären. Die Preise für Braille-Visitenkarten sind der absolute Wahnsinn und wie gesagt, wenn es nicht um Symbolik geht totale Verschwendung. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte haben möchte ist ohnehin gering. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte will und Blindenschrift lesen kann, ist jenseits bestimmter Branchen = 0.

Das Schweigen der Sehenden

Als Blinder mache ich häufig Witze darüber: Man hat mit einer sichtbaren Behinderung häufig Narrenfreiheit. Der Pulli ist dreckig, der Hosenstall offen, der Kerl riecht wie ein Iltis – macht doch nichts, er ist blind. Sag lieber nichts, sonst ist er traurig, beleidigt oder verklagt dich wegen Diskriminierung.
Ein ähnlicher Mechanismus greift, wenn es um Maßnahmen zum Thema Blindheit geht. Wer hier als Sehender mit Geld oder Logistik-Problemen argumentiert, darf sich auf einen Shitstorm vorbereiten. Das hat zur Folge, dass sich jeder Unsinn mit dem Argument Inklusion oder Barrierefreiheit verkaufen lässt. Es ist aber nun mal so, dass die Ressourcen endlich sind und wer Geld für Blödsinn ausgegeben hat, dem fehlt das Geld für sinnvolle Maßnahmen. Falls das mal bei den Beratern der Blindenverbände und wer immer noch in diesem Bereich aktiv ist ankommt, können wir vielleicht mal dazu übergehen, Maßnahmen vorzuschlagen, die nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch nutzen. Mal ehrlich, welche Sehenden-Organisation würde es heute wagen zu sagen, dass ihnen etwa Braille-Beschriftungen zu teuer sind und das Leitsysteme in kleinen geschlossenen Gebäuden so überflüssig wie ein Kropf sind? Wir stoßen hier auf die Schattenseite der Geschäftemacherei mit Inklusion und Barrierefreiheit.
Man kann mir gerne vorwerfen, dass ich etwa XING und andere Anbieter für ihre mangelhafte Barrierefreiheit kritisiert habe. Doch habe ich immer meine Gründe dafür genannt: Es gibt etwa ein Quasi-Monopol, die Ressourcen sind vorhanden oder man hat sich selber seiner Barrierefreiheit gerühmt oder ist verpflichtet.

Was ist die Lösung?

Nun bin ich niemand, der gerne meckert ohne eine Alternative zu präsentieren. Und diese ist so einfach, dass es mich wundert, warum sie niemand nennt: Sie heißt fühlbare Schwarzschrift. Schwarzschrift nennen wir die Schrift, die Sehende lesen. Sie fühlbar zu machen, ist kein großer Aufwand. Wir haben entsprechende Maschinen, wir haben 3D-Drucker, wir haben Stoff, der sich leicht ausschneiden und aufkleben lässt.
Der Vorteil dieser fühlbaren Schrift ist, dass sowohl spät Erblindete sie lesen können als auch blind geborene Kinder. Letztere müssen die Schwarzschrift in der Schule lernen. Und es schadet ihnen nicht, auch später noch die Form der Schwarzschrift-Buchstaben zu kennen.
Die Zeichen können auch von Personen gelesen werden, die wir in der Blindenszene komplett ausklammern: Menschen, welchen die Sensibilität in den Fingern fehlt, um Braille lesen zu können. Jeder sehende Mensch, den ich bisher gefragt habe hatte große Probleme, die Punkte komplexerer Braillezeichen wie etwa dem K, dem O und so weiter taktil zu erkennen.
Die Buchstaben aus Kunststoff oder Metall können sehr einfach hygienisch sauber gehalten und ggf. ersetzt werden. Vor allem können sie von Sehenden gelesen werden, womit diese feststellen, ob die Informationen noch stimmen. Das ist ja etwa das Problem bei Bürobeschriftungen: Es stehen zwar die Nummern der Büros auf den Schildern, nicht aber die Namen der jeweiligen Mitarbeiter, weil das organisatorisch, finanziell und platztechnisch schwierig ist.
Einen Vorteil gibt es für stark Sehbehinderte: Sie können die Buchstaben ebenfalls abtasten. Für sie ist es nämlich nachteilig, wenn sich die Büro-Beschriftungen auf Hüft- und nicht auf Kopfhöhe befinden, weil sie sie sich eventuell vorbeugen müssen, um die hüftigen Beschriftungen zu lesen.
Längere Texte damit zu produzieren ist natürlich nicht sinnvoll. Viele Buchstaben abzutasten ist nicht komfortabel möglich. Doch was spricht dagegen, dem Blinden ein iPhone zu geben, auf dem er die Speisekarte tagesaktuell ablesen kann? Die paar Gesten, die er dafür braucht, kann man ihm zur Not auch zeigen. Und wenn er damit nicht klarkommt, wird die Speisekarte oder was auch immer selbständig lesen zu können sicher nicht sein größtes Problem sein. Eine weitere Möglichkeit wäre ein einfacher DAISY-Player, den der Betreiber des Etablissements im Zweifelsfall selbst besprechen und dadurch tagesaktuell halten könnte.

Fazit

Vieles von dem, was angeblich für Blinde gemacht wird ist leider reine Symbolpolitik. Ich habe nichts gegen Braille und übrigens auch nichts gegen Symbolik, doch endet mein Verständnis da, wo der Symbolik nichts Praktisches für die Mehrheit der Blinden gegenübersteht. Mir ist es trotz Braille noch kein einziges Mal gelungen, meinen Sitz im ICE selbständig zu finden. Die Sanitäranlagen abzutasten dürfte für jemanden ohne sehrest eine etwas widerliche Angelegenheit sein.
Und die Verantwortlichen glauben tatsächlich, den meisten Blinden etwas Gutes getan zu haben. Wir kennen das schon aus der Verhaltensforschung: Es gibt das Phänomen, dass Personen, die etwas Gutes getan haben glauben, sich schlechter benehmen zu dürfen, es ist sozusagen das Karma des Verhaltens, am Ende kommt Plus Minus Null raus. der Schaffner fragt sich etwa, warum er den Blinden zum Platz führen soll, wenn die Bahn doch zehntausende Euro für Platzbeschriftungen ausgegeben hat. Der Restaurant-Besitzer hat 200 Euro in die Karte in Blindenschrift investiert, aber der Blinde will vom Kellner vorgelesen haben, was es gibt. Der Hotel-Angestellte will den Blinden nichts auf sein Zimmer bringen, es ist doch alles mit Braille beschriftet, wofür soll denn das gut gewesen sein? Warum haben wir jetzt dieses Leitsystem installiert, wenn der Blinde trotzdem kreuz und quer läuft? Und diese Fragen sind leider berechtigt, denn wer immer diese Systeme angepriesen oder verkauft hat, hat die Zuständigen nicht richtig aufgeklärt, im Zweifelsfall natürlich, weil er ohne Auftrag kein Geld verdient.

Wie schütze ich mich als Blinder vor Belästigung und Gewalt?

Ein stilisierter Karatekämpfer in schwarz auf weißem Grund.Eine session von Oliver auf dem gestrigen Sozialcamp hat mich dazu motiviert, über das Thema Sicherheit für Blinde und Sehbehinderte nachzudenken.
Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kriminalität statistisch gesehen abnimmt und es spielt auch keine Rolle, welche Nationalität oder Gesinnung ein Täter hat. Wenn ich überfallen werde, interessiert mich nicht, wie statistisch wahrscheinlich es ist, an diesem Ort überfallen zu werden.
Vielleicht bin ich der Einzige, der das spürt, doch gibt es in der Großstadt eine latente Aggressivität, die von so ziemlich jeden Bürger zwischen 13 und 60 ausgeht. Man drängelt sich vor, tritt einem auf die Füße, ohne sich zu entschuldigen, fahrrad-klingelt und hupt wie ein Vollidiot und so weiter. Diese Aggressivität kann jederzeit in latente Gewalt umschlagen. Vielleicht habe ich auch nur falsche Erwartungen an die Großstadt.
Hinzu kommt die tatsächlich zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Helfern wie Polizisten, Sanitätern oder Feuerwehrleuten. Lehrer, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte, Politiker – sie alle werden bedroht und leider bleibt es oft genug nicht bei Worten.
Ich möchte ausdrücklich dazu sagen, dass ich keine Angst davor habe, Opfer einer Gewalttat zu werden. Das liegt zum Einen daran, dass ich nicht wie ein leichtes Opfer aussehe, trotz meines Blindenstockes. Ich habe eine kräftige Statur und wirke wie ein Bulldozer, wenn ich durch die Landschaft pflüge.Wichtiger ist aber, dass ich Situationen aus dem Weg gehe, in denen ich Opfer werden könnte. Das Nachtleben reizt mich nicht, ich meide Menschengruppen und anrüchige Stadtviertel und wohne auch in einer Gegend, in der soweit ich weiß so gut wie nie etwas passiert.
Nichtsdestotrotz möchte ich hier ein paar Tipps sammeln, wie wir uns schützen können. Wenn ihr weitere Hinweise habt, schreibt sie gerne in die Kommentare, wenn ihr mögt auch anonym oder schickt mir eine Nachricht mit euren Hinweisen, ich werde sie dann gern hier veröffentlichen.

Risiken minimieren

Der erste Tipp, der immer gilt ist, dass wir Situationen vermeiden sollten, in denen Gefahren entstehen könnten. Noch mal zum Mitschreiben: Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, riskante Situationen für uns und unsere Lieben zu vermeiden, deshalb widmet sich fast der gesamte Beitrag diesen Vermeidungsstrategien. Am Ende des Beitrags sehen wir den Grund für diese Empfehlung.
Ich setze einmal voraus, dass ihr am Nachtleben und sonstigen Dingen teilnehmen wollt. Man kann auch zuhause überfallen werden und selbst, wenn da das Risiko gering ist: Wenn wir aus Angst zuhause bleiben, haben die Arschlöcher gewonnen.
Jeder kennt in seinem Heimatort die Ecken, in denen es gefährlich werden kann. Dazu gehören auch bestimmte Bahnstationen, Waldwege, Hinterhöfe und was euch noch so einfällt.
Man sollte auch nie zu würdevoll oder feige sein, um eine Begleitung durch einen Freund zu bitten und auch nicht zu geizig für ein Taxi.

Schau nicht wie ein Opfer aus

Schläger und Kriminelle sind in der Regel faule und feige Typen. Sie suchen sich ihre Opfer gezielt danach aus, ob sie leichtes Spiel mit ihnen haben. Bei Vergewaltigungen zum Beispiel geht es dem Vernehmen nach weniger um Sex als um Macht und Macht gibt es nur dort, wo sich jemand unterwirft.
Es sind vor allem Körpersignale wie ein geneigter Kopf sowie ein eiliger und verschüchterter Gang. Es gibt noch mehr Signale, die ich allerdings selber nicht kenne, da ich sie auch nicht bei Anderen wahrnehmen kann.
Auch das Äußerliche wie Aussehen und Kleidung können eine Rolle spielen. Flapsig gesagt: Habe ich mein Lieblingskuschltier an meinem Rucksack hängen, sehe ich nicht besonders wehrhaft aus.
Es gibt Selbstbehauptungstrainings zum Beispiel von den Frauenbüros, wo ihr genau so etwas lernen könnt – ein Stichwort dazu ist Wen-Do. Ob es was Vergleichbares für Männer gibt, weiß ich nicht.

Stetige Aufmerksamkeit bewahren

Das heißt, wir halten ständig unsere Umwelt im Auge. Als Blinde müssen wir das ohnehin tun, da wir ja ständig von Gefahren anderer Art wie Stolperfallen, Passanten oder Fahrzeugen umgeben sind.
Zusätzlich sollten wir unseren geistigen Fokus auf weitere verdächtige Elemente richten: Eilige Schritte, die direkt auf uns zukommen, verdächtiges Rascheln in einem Hauseingang, der Geruch eines Afterschaves, wo eigentlich niemand sein sollte und so weiter. Das klingt komplizierter, als es ist. Es geht darum, den Alltag achtsam wahrzunehmen und nicht die ganze Zeit nur auf das Handy zu hören oder gar Stöpsel im Ohr zu haben.

Körperliche Fitness bewahren

Generell ist es sinnvoll, eine Kampfkunst zu beherrschen. Ich kenne mich hierbei nicht aus, deswegen will ich keine Empfehlung abgeben. Als Selbstverteidigung wird Krav Maga häufig empfohlen. Ich kann aber nicht einschätzen, ob es für Blinde gut geeignet ist. Kampfkunst ist besser als Kampfsport, weil Kampfsportarten den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellen. Es gibt auch Selbstverteidigungstraining mit dem Blindenstock, wobei ich ich mir nicht sicher bin, wie sinnvoll das ist. Ich selbst habe an solchen Kursen bisher nicht teilgenommen.
Generell gilt: Ein Selbstverteidigungstraining ist nichts, was man einmal und nie wieder macht. Sind die Bewegungen nicht durch regelmäßige Übung in Fleisch und Blut übergegangen, bringt es nichts und man kann es gleich ganz lassen. Entscheidend ist übrigens, dass man im Falle eines Falles auch bereit ist, das Gelernte auch gegen einen Menschen einzusetzen. Klingt banal, doch wir alle haben eine natürliche Abneigung dagegen, andere Menschen zu verletzen. Das ist durchaus sinnvoll und eine zivilisatorische Errungenschaft. Doch zögern wir im falschen Moment, wird uns das Gelernte auch nicht weiterbringen.
Außerdem sollte man generell auf die eigene Fitness achten. Bodybuilding ist absolute Show und ansonsten Zeitverschwendung. Aber eine gewisse Kondition und Kraft sollte jeder von uns schon seiner Gsundheit zuliebe haben.
Oliver empiehlt außerdem Trainings zur Stärkung der Gleichgewichts- und Körperkoordination. Es geht darum, seinen Körper zu kennen. Außerdem kann das unsereins bei der Sturzprävention helfen.
Ein Nebeneffekt körperlicher Fitness ist ein erhöhtes Selbstbewusstsein. Das ist natürlich immer nützlich, aber vor allem dann, wenn wir wie oben beschrieben nicht wie ein Opfer aussehen wollen.

Das hinguckende Weggucken

Klingt ein wenig nach Zen, ist aber recht simpel: Man sollte seine Mitmenschen im Auge behalten, ohne Blickkontakt herzustellen. Blickkontakt wird häufig als Aufforderung zu Irgendwas verstanden und kann auch als Ängstlichkeit interpretiert werden. Ebenso kann aber auch das krampfhafte Weggucken als Ängstlichkeit interpretiert werden. Der Mittelweg scheint also am sinnvollsten zu sein.
Das funktioniert natürlich nur für Sehrestler, aber Vollblinde können immerhin steuern, ob sie geradeaus oder auf den Boden schauen.

Allgemeine Tipps

Und hier ohne Priorität ein paar allgemeine Tipps:

  • Wenn wir irgendwo länger stehen, sollten wir immer eine Wand oder etwas Anderes im Rücken haben, so bieten wir weniger Angriffsfläche.
  • Taschen sollte man entweder am Körper tragen oder zwischen die Beine stellen. Ich staune immer wieder darüber, wie viele Blinde sich leichtfertig beklauen lassen. Wertsachen, die nicht ständig gebraucht werden, sollten zuhause bleiben
  • Wertsachen wie Brieftaschen oder teure Handys sollten möglichst nicht offen gezeigt werden. Sie wecken nur Begehrlichkeiten bei Anderen. BTW sollte man seine Kärtchen lieber in einer seperaten Brieftasche aufbewahren und nur das Bargeld in der Gesäß-Brieftasche haben. So ist man nicht gleich alles los, wenn man beklaut wird. Und vor allem kennt der Täter nicht Deine Adresse, weil er Deinen Personalausweis hat.
  • Man sollte immer mindestens einen Schritt Abstand zwischen sich und eine potentiellen Gefahrenquelle wie einer Straße, Bahnschienen oder einer Treppe haben. Ein kräftiger Stoß reicht schon aus, um uns umkippen zu lassen. In dem Zusammenhang sollte man sich auch immer so hinstellen, dass man einen sicheren Stand hat, also etwa das Hauptgewicht auf dem hinteren Bein haben, das zweite Bein nach vorn stellen und die Füße leicht spreizen, so kann man weniger leicht von hinten oder von der Seite umgestoßen werden.
  • In Bus und Bahn sollte man sich nie in eine Situation begeben, in der man bedrängt werden kann. Also nicht auf die Innenseite setzen und wenn sich jemand neben euch setzen möchte, steht auf und lasst ihn rein oder er hat Pech gehabt.
  • Wenn ihr alleine seid, tut so, als ob ihr zu einer Gruppe gehört. Stellt Euch nahe der Gruppe auf oder setzt euch in den Öffis in deren Nähe. Natürlich nur, wenn diese Gruppe harmlos ist, sie zum Beispiel aus Frauen und Männern besteht.
  • Nutzt lieber Haltestellen, an denen viele andere Menschen aus- bzw. zusteigen, auch wenn die Wege dadurch länger werden
  • Hauptstraßen sind immer besser als Nebenstraßen, auch wenn der Weg dann länger dauert.
  • Verwendet immer bekannte Wege, wenn ihr nachts unterwegs seid. Dort seid ihr wahrscheinlich, fühlt euch aber auf jeden Fall sicherer.
  • Reizgas ist in den meisten Situationen Mist, schlecht zu finden und das Meiste kriegt man selbst ab, wenn man überhaupt zum Schuss kommt. Das Gleiche gilt für Messer.
  • Nehmt möglichst immer eine Person eures Vertrauens mit, auch wenn diese Person euch nervt.
  • Lasst niemanden ins Haus, wenn er euch nicht bekannt oder angemeldet ist. Wenn jemand von einer Behörde oder anderen Stelle sein will, ruft dort an. Am besten geht ihr nicht an die Tür, wenn ihr nicht jemanden erwartet

Und wenn es doch passiert

Was im Falle eines Falles zu tun ist, hängt immer von der konkreten Situation ab: Wenn jemand euer Handy oder eure Brieftasche will, dann gebt sie ihm. Wer ein teures Handy oder eine Brieftasche voller Bargeld mit sich schleppt oder den PIN auf die Bankkarte geschrieben hat, ist danach hoffentlich trotzdem unverletzt, am Leben und hat eine gute Lektion gelernt.
Andere Situationen sind komplizierter: Im Zweifelsfall ist es immer schwierig für uns, eine Gefahrensituation richtig einzuschätzen. Folgende Möglichkeiten gibt es:

  • Um Hilfe rufen: So laut wie möglich um Hilfe rufen. Schon die mögliche Aufmerksamkeit der Umgebung kann helfen.
  • Weglaufen, wenn man sich das zutraut: Für unsereins ist es schwierig, doch manchmal möglich. Wie oben erwähnt sind die meisten täter zu faul oder zu feige, um euch zu folgen, um so mehr, wenn ihr beim Weglaufen um Hilfe schreit.
  • Verhandeln: Damit ist nicht gemeint, um Gnade zu flehen, sondern eher etwas wie “Verpiss Dich, Du Arschloch”. Wie gesagt haben es die Täter auf leichte und ängstliche Opfer abgesehen und sie riechen Angst noch drei Meilen gegen den Wind. Wenn jemand sich so verhält, als ob er sich wehren kann und wird, wird man im Zweifel von ihm ablassen.
  • Kämpfen: Ich nenne dies als Letztes, weil wir praktisch keine Situation richtig einschätzen können. Der Täter ist nicht so nett, uns zu sagen, ob er einen Baseballschläger, ein Messer oder eine Pistole auf uns richtet. Er sagt uns nicht, ob er Kickboxer, oder Judomeister ist. Wir sehen nicht, ob er kräftig oder ein Würstchen ist. Mit anderen Worten: Wir können unseren Gegner und die Umgebung null einschätzen
    und wenn wir kämpfen, müssten wir von Anfang an darauf setzen, den Gegner möglichst mit dem ersten Akt auszuschalten, denn ein leichter Angriff wird ihn eher aggressiver machen und was er als Nächstes tun wird, wissen wir nicht. Wie oben geschrieben müssen wir bereit sein, den Anderen ggf. zu verletzen und sind wir das nicht, sollten wir lieber davonlaufen.

Deswegen sollten wir, wie oben geschildert, immer versuchen zu vermeiden, in solche Situationen zu kommen.
Einem Kampf aus dem Weg zu gehen ist Klugheit und nicht Feigheit, denn in den meisten Fällen werden wir keine Chance haben, unversehrt aus so einer Situation zu kommen.
Tipps für Frauen bietet auch der DBSV in einer kostenlosen Broschüre.

Webseiten und Apps mit Android TalkBack auf Barrierefreiheit testen

Bild eines Android-Handys mit den AppsHeute möchte ich euch zeigen, wie ihr Webseiten und Apps mit dem Screenreader TalkBack auf Barrierefreiheit für Blinde überprüfen könnt. Diese Anleitung richtet sich nicht an blinde Nutzer, diese werden hier fündig. Eine analoge Anleitung für VoiceOver auf iOS findet ihr hier.
Nur um ein Missverständnis zu vermeiden: Eine App, die für Blinde funktioniert ist deshalb für andere Gruppen von behinderten nicht barrierefrei.
TalkBack ist seit Android 4.0 im Android-System fest integriert. Ihr müsst es also nicht installieren. Sollte es doch nicht auf eurem Gerät sein, könnt ihr es über den PlayStore wie eine beliebige andere App installieren.
TalkBack wird anders als Apples VoiceOver unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert. Es reicht also prinzipiell auch ein Smartphone mit einer älteren Android-Version. Die Kernfunktionen sind die Gleichen. Allerdings stehen natürlich nicht die Features zur Verfügung, wenn dafür auf die Kernfunktionen neuerer Android-Versionen zuggegriffen werden muss.
Disclaimer: Diese Anleitung soll Entwicklern helfen, die ihre App entwickungsbegleitend prüfen wollen oder die nicht die Möglichkeit haben, die Anwendung durch einen Blinden testen zu lassen. Der Test durch einen blinden Nutzer ist in jedem Fall vorzuziehen, da er mit der Steuerung und dem Output eines Screenreaders vertraut ist. Und auch wenn eure Anwendung für euch fehlerfrei funktioniert heißt das nicht, dass sie auch für einen Blinden funktioniert. Ein Blinder kann nicht einfach auf den Screen schauen, wenn er mit TalkBack nicht weiterkommt. Könnt ihr die App nicht durch behinderte Nutzer testen, solltet ihr zumindest die Nutzer zum Feedback auch zur Barrierefreiheit einladen und dieses Feedback auch dafür nutzen, die App zu verbessern.
Tipp: Es sollte nicht das billigste und älteste Gerät sein. Die Empfindlichkeit des Touchscreens ist für Sehende nicht so wichtig, für Blinde aber schon. Außerdem leidet natürlich die Performanz, wenn TalkBack als zusätzliche Anwendung mitläuft.
Hinweis: TalkBack unterstützt auch Braillezeilen. Allerdings muss dafür die App BrailleBack installiert werden. Also nicht wundern, dass ihr keine Einstellungen für Braille findet.
Und noch ein Hinweis: TalkBack richtet sich speziell an blinde Nutzer. Für lesebehinderte oder sehbehinderte Personen gibt es eigene Bedienungshilfen, die aber anders funktionieren. TalkBack ist also für diese Gruppen eher nicht gedacht, auch wenn es für sie leicht erlernbar wäre. In den Bedienungshilfen findet ihr alle Hilfen, die es für behinderte Nutzer unter Android gibt.

TalkBack einschalten

Screenshot der BedienungshilfenUm TalkBack einzuschalten, geht ihr auf Einstellungen, dort auf Bedienungshilfen, dort auf TalkBack und wählt dort den Button An.

TalkBack und die Bedienung

TalkBack verändert die Bedienung des Smartphones. Beim Berühren des Displays wird angesagt, was Du gerade unterm Finger hast. Mit einem Doppeltipp werden die ausgewählten Elemente aktiviert. Ein Rechteck umrahmt das Element, dass TalkBack gerade fokussiert hat.
Daneben gibt es noch drei grundlegende Gesten bei TalkBack:

  • Das Wischen von links nach rechts bzw. von rechts nach links bewegt den Fokus des Screenreaders. Es ist das Äquivalent zum tab auf der Hardware-Tastatur. Blinde wechseln so von Element. Da sie nicht das gesamte Display sehen könnenn, würde wildes Rumwischen sie nicht zum Ziel führen.
  • Das Wischen von oben nach unten und umgekehrt legt fest, was vorgelesen wird. Wir können zum Beispiel Standard-Elemente, Überschriften oder Formular-Elemente auswählen, diese werden dann direkt mit der gerade erwähnten Links-Rechts-Wischgeste fokussiert.
  • Um zu scrollen werden zwei Finger auf das Display gelegt und in die Richtung bewegt, in welche ihr scrollen wollt. Das geht also sowohl horizontal als auch vertikal

Noch eine Besonderheit ist zu erwähnen: Slider werden nicht mit dem Finger, sondern mit dem Lautstärke-Regler bedient.

Entwickler-Optionen

In den Entwickleroptionen findet ihr ebenfalls nützliche Funktionen.
Screenshot der Entwicleroptionen
Wenn ihr “Sprachausgabe anzeigen” aktiviert, wird euch die Sprachausgabe im unteren Teil des Displays als Text ausgegeben.

Globales Kontextmenü

Für Sehende praktisch ist das globale Kontextmenü. Dort findet ihr viele wichtige Einstellungen.
Das globale Kontextmenü wird aufgerufen, indem du in einer Bewegung von oben links nach unten und dann rechts wischt. Es sieht aus, als würde man ein L auf dem Bildschirm malen.
Foto des globalen Kontextmenü
Hier die wichtigsten Optionen im Globalen Kontextmenü

  • Von oben an lesen: Der gesamte Bildschirm-Inhalt wird vorgelesen.
  • Vom nächsten Element an lesen: TalkBack liest alles, was auf das aktuell fokussierte element folgt.
  • TalkBack-Einstellungen: Hier könnt ihr schnell auf die TalkBack-Einstellungen zurückgreifen oder es auch abschalten.

Text-Eingabe

Für die Eingabe von Text kann die Standard-Tastatur von Android verwendet werden. Tippt also in ein Feld, in welches ihr Text eingeben wollt. Fahrt nun mit dem Finger über den Buchstaben, den ihr tippen wollt.
Wichtig ist, dass Android bei aktiviertem TalkBack den Buchstaben schreibt, wenn ihr den Finger hebt. Der Buchstabe muss also nicht wie bei iOS VoiceOver erst fokussiert und dann getippt werden.

Apps und Webseiten prüfen

Da die Bedienung von nativen Apps und Webseiten generell recht ähnlich ist, unterscheide ich hier nicht weiter zwischen diesen Systemen.

  • Textelemente wie Überschriften, Zitate, Listen und so weiter sollten korrekt benannt und von TalkBack ausgegeben werden.
  • TalkBack sollte automatisch die richtige Sprache sprechen, also bei deutschen Apps Deutsch, bei englischen Englisch und so weiter. Klingt etwas auf einmal Chinesisch oder Koreanisch, stimmt etwas nicht. Das hatte ich durchaus schon.
  • Bilder sollten eine Beschreibung für Blinde ausgeben, wenn sie nicht dekorativ sind.
  • Alle Bedienelemente sollten ihre Aufgabe, ihre Funktion und ggf. den Status ausgeben. Eine Checkbox etwa wird als Checkbox vorgelesen. Natürlich sollte klar sein, was mit der Checkbox aus- oder abgewählt werden kann. Und es sollte ausgegeben werden, ob sie aktiviert, deaktiviert oder teilweise aktiviert ist. Für die gängigsten Bedienelemente wie Buttons, Radio-Buttons, einzeilige und mehrzeilige Eingabefelder sollten ebenfalls diese Informationen ausgegeben werden.
  • Bei Schibereglern gilt eine Besonderheit. Sie werden mit den physischen Lautstärkeregler des Geräts gesteuert. Der Regler muss zunächst fokussiert werden, was man am Rechteck erkennt. Mit lauter erhöht man den Wert, mit leiser verringert man ihn.
    dekorative Elementte wie Hintergrund-Bilder, Farbverläufe und andere funktionslose Elemente sollten nicht vorgelesen werden und nicht mit TalkBack fokussierbar sein. Sie können und sollten also bei der Links-Rechts-Wisch-Geste übersprungen werden.

Weiterführendes

Ist XING barrierefrei?

XING hat auf meine vielfachen Hinweise auf deren mangelnde Barrierefreiheit leider überhaupt nicht reagiert. Deshalb hielt ich es für notwendig, die Probleme öffentlich zu machen. Ich hätte das lieber bilateral geklärt.

Als Quasi-Monopolist bei Karriere-Netzwerken in Deutschland sollte XING hier meiner Ansicht nach mehr tun. Ansonsten bleiben behinderten Menschen Möglichkeiten der Vernetzung verschlossen. LinkedIn spielt in Deutschland noch nicht die zentrale Rolle und hat seine Hausaufgaben im Übrigen auch besser gemacht. Ja, es handelt sich um ein Privat-Unternehmen. Aber das ist heute kein Argument mehr, die Barrierefreiheit vollständig zu ignorieren.
Ich habe mir auch die XING-App fürs iPhone angeschaut. Die ist leider nicht zugänglicher als die Website.
Insgesamt ist das Portal natürlich sehr umfangreich. Ich gehe deshalb nur auf die Bereiche ein, die ich persönlich kenne. Auch beziehen sich alle Aussagen nur auf blinde Nutzer.

Nachrichten

Das Erstellen und beantworten von Nachrichten ist mit XING für Blinde leider nicht möglich. Die Eingabefelder sowie die diversen Optionen sind nicht sinnvoll oder gar nicht benannt.

Die roten Felder korrigieren

Wer zum Beispiel ein Event im Event-Markt anlegt, erhält gelegentlich die Fehlermeldung, er solle die roten Felder korrigieren. Ein toller Service, warum wird in der Fehlermeldung nicht direkt auf die Fehlerquelle verwiesen? Das würde auch die Usability deutlich verbessern.
Insgesamt sind leider alle Formulare teilweise nicht zugänglich. Bei einigen Feldern ist die Zuordnung zwischen Beschriftung und Eintrag nicht eindeutig.

Keine Alternativtexte für Grafiken

Zwar können Grafiken hochgeladen werden. Doch gibt es nicht die Möglichkeit, alternative Beschreibungen für Blinde zu hinterlegen.
Das ist auch deshalb dumm, weil dass sowohl Google als auch die XING-eigene Suchmaschine daran hindert, den Inhalt der Bilder zu indexieren.

Light-Boxen

Der exzessive Einsatz von Lightboxen ist eine der größten Barrieren auf XING. Für Tastaturnutzer und Screenreader-Nutzer poppen sie einfach irgendwo innerhalb der Seite auf, etwa dann, wenn ein Kontakt bestätigt oder eine Anzeige erstellt wird.
Das ist auch deshalb witzlos, da diese Popups keinerlei Mehwert bieten: Wer will, wenn er einen Kontakt hinzufügt eigentlich den in diesem Zusammenhang völlig belanglosen Hintergrund der Webseite sehen?

Gruppen-Administration

Leider sind auch die Funktionen zur Gruppen-Administration für Blinde absolut unzugänglich. Die Funktionen etwa zum Löschen oder Melden von Beiträgen werden blinden Nutzern gar nicht angezeigt.

Was sehen Blinde eigentlich?

Nichts, wird die volksmündliche Antwort lauten. Leider ist die Situation aber ein wenig komplizierter. In diesem Beitrag werden wir uns anschauen, was Blinde visuell wahrnehmen können.

Eine kleine Begriffskunde

Wie immer ist es sinnvoll, die Begriffe zu kennen:

  • Wir sprechen von vollblind, wenn jemand nichts oder so gut wie nichts sehen kann.
  • Gesetzlich blind sind Menschen, die einen bestimmten Sehrest unterschreiten. Das betrifft entweder die Sehschärfe, die im Visus angegeben wird. Oder die Größe des Gesichtsfeldes. Diese Gruppe wird als Sehrestler bezeichnet.

Beide genannten Gruppen sind im gesetzlichen Sinne blind. Davon abgrenzen können wir die hochgradig Sehbehinderten, die Sehbehinderten und natürlich die Sehenden. Letztere haben entweder keine oder zumindest nicht solche Sehprobleme, die sich nicht mit Brillen oder Kontaktlinsen ausgleichen lassen. Die Grenzen zwischen hochgradig sehbehindert und Sehrest-Blinden ist fließend. In der Regel arbeiten
hochgradig Sehbehinderte noch visuell am Computer und benutzen keinen Blindenstock. Die Sehrestler arbeiten in der Regel mit Screenreader und Braille und verwenden einen Blindenstock im Alltag. Doch gibt es hier keine absolute Regel.

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sehen ist die Verarbeitung von Licht. Entweder wird Licht ausgestrahlt, zum Beispiel von einem Bildschirm oder es wird reflektiert. Das war es schon, alles, was wir sehen, ist die Reflektion von Licht. Manchmal lohnt es sich, sich an diese einfache Tatsache zu erinnern.
Das Spektrum des Sehens unter Sehrestlern ist relativ groß. Was der Eine sieht, sieht der Andere nicht und umgekehrt. Wenn ein Sehender einem anderen Sehenden etwas zeigt, z.B. auf der Straße, kann er ziemlich sicher sein, dass der Andere es auch sehen wird. Unter Sehrestlern ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen das Gleiche erkenne, relativ gering. In meiner Schulzeit konnte einer meiner Freunde Personen am Gesicht erkennen, aber keine Schwarzschrift lesen. Schwarzschrift nennen wir Blindgänger die gedruckte Schrift. Ich kann bis heute ein wenig Schwarzschrift lesen, wenn sie so groß wie eine Zeitungsüberschrift ist. Aber ich konnte in meinem ganzen Leben niemanden am Gesicht, der Kleidung oder am Gang erkennen.
Die Mess-Instrumente, die Augenärzte verwenden sind natürlich nicht auf Unsereins ausgelegt, sondern auf Normal-Sichtige. Ich weiß leider nicht, ob es spezielle Messmethoden für sehschwache Personen gibt oder ob solche Mess-Instrumente überhaupt sinnvoll wären.

Sehen mit dem ganzen Körper

Wer lediglich auf das Sehen achtet, verkennt viele andere Faktoren. Im Computerbereich würde man das integrierte Informationsverarbeitung nennen. Da ist natürlich das Gehör. Aber auch der haptische Kontakt zum Boden, der Geruchsinn. Der Geschmacksinn als fünfter Sinn ist an der Stelle nicht so wichtig. Sehende benutzen solche Faktoren oft unbewusst. Der Geruchssinn zum Beispiel funktioniert sehr stark intuitiv. Aber auch das Gehör spielt eine Rolle: Wem ist es noch nicht passiert, dass er das Auto hinter sich zuerst gehört hat und dann zur Seite sprang, ohne sich umzudrehen und zu gucken, ob es einen tatsächlich gleich überfährt?
Als weiterer Faktor kommen Gedächtnis und Erfahrung hinzu. Als kleines Kind bereits mussten wir lernen, visuelle und auditive Reize zu unterscheiden. In unserem Gedächtnis gibt es tausende Geräusche. Jeder erkennt zum Beispiel das charakteristische Geräusch eines entriegelnden Kofferraums, eines bremsenden Fahrrads oder eines tappenden Hundes, auch wenn wir kein Auto, kein Fahrrad und keinen Hund haben.
Als weiteren Faktor haben wir die Situationsabhängigkeit: An einer Straße dürfen wir mit anderen Gegenständen rechnen als im Park oder im Wald.
Und das Gedächtnis verrät uns, dass das Gelbe da vorne, wo wir jeden Tag vorbei gehen ein Briefkasten und keine gelbe Tonne ist. Grob geschätzt nutzen wir 90 Prozent unseres Lebens immer die gleichen Wege. Wenn jemand in unsere Wohnung spazieren und unsere Bücher umstellen würde, würden wir das sofort merken. Und zwar nicht, weil wir ein so ausgefeiltes Ordnungssystem haben, sondern weil uns das Muster der Aufstellung vertraut ist. Wenn aber etwas jeden Tag anders ist, wie die Autos, die an der Straße parken, achten wir in der Regel nicht darauf. Wenn wir wissen, was etwas ist, reichen auch sehr unscharfe Seheindrücke, um es zu erkennen bzw. Veränderungen zu bemerken.

Im Gegensatz zum Menschen, wir schauen mal von der künstlichen Intelligenz und Fuzzy Logic ab, versteht ein Computer nur ja oder nein. Er wird sich zwangsläufig entscheiden, ist es ein Mensch oder ein Laternenpfahl? Ein Mensch hingegen könnte schlussfolgern, das Objekt könnte ein Mensch sein, aber Menschen stehen normalerweise nicht stocksteif in der Gegend rum. Es wird also doch ein Pfahl sein. Befindet es sich hingegen mitten auf einem Bürgersteig, wird es wohl eher ein Mensch sein.

Fazit

Es ist also schlicht gesagt unmöglich, einem anderen Menschen exakt zu beschreiben, was man als Sehrestler wahrnimmt. Wir behelfen uns immer an Beispielen, die aber oft unzureichend sind. Deswegen dürft ihr auf die Frage: „Was siehst du eigentlich?“ nie eine klare Antwort von uns erwarten.
Das scheint die Frage zu sein, die Sehende am meisten verwirrt, wenn sie mit Sehrestlern zu tun haben. Leider ist das eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt oder jemals geben wird.

Lohnt sich ein Besuch auf der SightCity?

Graue Figur mit Blindenstock und SonnenbrilleSoeben bin ich von der SightCity 2018 zurückgekehrt. Ich war jetzt zum dritten Mal in sechs Jahren da. Für mich ist es hauptsächlich eine Möglichkeit der Kontaktpflege. Dennoch möchte ich hier ein kurzes Fazit ziehen.

Wenige Innovationen

Während es in anderen Branchen zyklisch neue Entwicklungen gibt, tut sich in der Hilfsmittelbranche relativ wenig. Weder beim Preis noch bei der Technik gibt es viel Neues zu entdecken. Hier ein paar Sachen, die ich entdeckt habe.
Eine wirklich coole Sache ist der Orbit Reader, dessen erste Charge jetzt in den USA verkauft wurde. Ich habe ihn kurz in der Hand gehabt, er ist leicht, die Braille-Darstellung fühlt sich gut an und die Brailletastatur ist gut nutzbar. Ich hoffe, dass er bald in Deutschland verfügbar sein wird.
Der Hersteller American Printing House entwickelt parallel ein mobiles Display, welches auch Vektorgrafiken darstellen können soll. Leider wird es vermutlich mindestens 5000 US-Dollar kosten, also für Privatpersonen unerschwinglich. Andererseits wird es immer noch deutlich günstiger sein als alles, was wir derzeit Vergleichbares haben. Schließlich kosten konventionelle Braillezeilen mit 80 darstellbaren Zeichen nach wie vor rund 10.000 €.
Ein ähnliches Konzept verfolgt das Gerät tactonom. Das Gerät kann, wenn ich es recht verstanden habe, auch Rastergrafiken darstellen. In jedem Fall kann es auch Grafiken oder Tabellen aus Excel darstellen. Leider ist es nicht mobil wie das Gerät von APH. Derzeit ist das Gerät nur ein Prototyp.
Gerne hätte ich mir auch das Canute angesehen. Dabei handelt es sich ebenfalls um ein großflächiges Braille-Display, das relativ günstig sein soll. Der Anbieter war nicht als Außsteller präsent, sondern ist über die Messe gewandert. Leider habe ich ihn nicht erwischt. Aber zumindest im Bereich Braille scheint sich nach rund 20 Jahren Stillstand etwas zu tun.

Wenig innovative Messe

Aber nicht nur die Aussteller, auch die Messe selbst ist wenig innovativ. Der Ausstellungsplatz ist eindeutig zu klein und für Blinde ungeeignet, die allein unterwegs sind. Man kommt sich ständig in die Quere, weil die Durchgänge zu schmal sind. Es gab auch einige Rollstuhlfahrer, die kaum durch die Massen durchkommen konnten.
Überhaupt wird recht wenig für Blinde getan. Wie treffe ich denn andere Blinde, die ich kenne, wenn ich nicht weiß, dass sie da sind? Erkennen kann ich sie nur per Zufall. Warum schafft die SightCity nicht eine Möglichkeit, sich digital zu vernetzen?
Ich musste zwei Mal hingucken, um zu sehen, dass das Vortragsprogramm tatsächlich aktuell war. Es hätte Copy-Paste aus 2017 sein können. Da hat der übliche Verdächtige mindestens zum 4. Mal gezeigt, die Blinde iPhones nutzen. Das ist bestimmt super-spannend für die Blinden, VoiceOver gibts ja erst seit neun Jahren. Der Rest kam mir auch fatal bekannt vor. Im Grunde will man nichts Neues, scheint mir. Ich habe mehrfach Vorschläge für Vorträge eingereicht, und man fannd sie keiner Antwort würdig. Das nennt man wohl Öffentlichkeitsarbeit.
Überhaupt scheint es keine Öffentlichkeitsarbeit zu geben. Social Media? Fehlanzeige. Ein Twitter-Account oder einen offiziellen Hash-Tag sucht man vergeblich. Die Aussteller denken sich einfach selber einen aus. Dadurch gehen die schönen Möglichkeiten der Vernetzung verloren, die das Internet bieten würde.

Innovationen finden woanders statt

Im Grunde hat sich ein großes Paralleluniversum entwickelt. Google, Microsoft und natürlich Apple sind die größten Anbieter von Computer-Hilfsmitteln, kommen aber auf der SightCity nicht vor. Die Hersteller von Apps wie Blindsquare, SeeingAI und so weiter kommen auf der SightCity nicht vor. Dabei werden Tablets und Smartphones heute von vielen Menschen stärker genutzt als Personalcomputer.
Daneben hat sich die Maker-Szene mit 3D-Druck und ähnlichen Techniken etabliert. Auch hier passiert unheimlich viel, etwa in den Blindenschulen aber auch außerhalb. Auch das kommt auf der SightCity nicht vor.
NVDA, sicherlich der bedeutenste PC-Screenreader neben Jaws in Deutschland, ihr habts erraten, kommt auf der SightCity nicht vor. Könnte es sein, dass die Organisatoren im Tiefschlaf liegen?

SightCity lohnt sich nicht

Als Fazit muss ich sagen, dass sich die SightCity nicht wirklich lohnt. Zumindest nicht jedes Jahr. Die Messe muss wesentlich moderner, blindengerechter und auch mutiger werden, was das Rahmenprogramm angeht.

Fahrradfahrer und Blinde – eine fast unendliche Liebesgeschichte

Ein Fahrradfahrer steht auf dem HinterradAngeblich soll es ja einen epischen Kampf zwischen Blinden und Fahrradfahrern geben, so ähnlich wie zwischen Highlander und dem anderen Highlander. In Wirklichkeit sind Blinde und Fahrradfahrer die besten Buddies. Deswegen möchte ich hier mit einigen Mythen bei den Fahrradfahrern aufräumen, bevor wir anfangen, uns gegenseitig die Köpfe abzuschlagen.

Der Bürgersteig gehört den Fahrradfahrern

Fahrradfahrer wundern sich oft, warum so viele Leute auf ihrem Fahrradweg, volksmündlich als Bürgersteig bezeichnet, herumlaufen. Als tolerante Menschen klingeln sie einfach so lange, bis diese Unbefugten vor Schreck umfallen. Weil Blinde bekanntermaßen nicht sehen, klingelt man einfach besonders laut und oft, damit sie das noch besser hören.
Da der Bürgersteig den Fahrradfahrern gehört, ist es nur natürlich, dass sie ihr Fahrrad dort abstellen. Es sollte so stehen, dass niemand, der breiter ist als 10 Zentimeter daran vorbeikommt, ohne auf die Straße zu gehen. Damit wird das Fahrrad besser belüftet. Wen stört es, wenn Rollstuhlfahrer nicht vorbei können, Blinde am Lenker hängenbleiben, über das Vorderrad stolpern oder Kinderwagen auf die Straße ausweichen müssen. Das trainiert doch die Gelenke.

Eine Haaresbreite Abstand reicht

Blinde lieben es, wenn Fahrradfahrer auf lautlosen Rädern einen Zentimeter an ihrer Schulter vorbei rasen. Aber warum gehen diese doofen Blinden nicht straight gerade aus, sondern weichen ab und zu nach links oder rechts ab? Haben die keine Augen im Hinterkopf oder zumindest Blinker am Allerwertesten, damit man sieht, welche Richtung sie als Nächstes einschlagen wollen?
Genauso super finden es Blinde, wenn man eine Handbreit an der Spitze ihres Blindenstocks vorbeifährt. Auch Blinden-Führhunde wissen das zu schätzen. Der Schreck bringt Herrchen und Hündchen den heiß begehrten Adrenalinstoß. Wer braucht da noch Kaffee?
Niemand kann von Fahrradfahrern erwarten, dass sie langsamer fahren, ausweichen, stehen bleiben oder gar kommunizieren.

  1. Sind Fahrradfahrer stumm und wir wissen ja, wie schwierig es ist, Gebärdendolmetscher zu bekommen, vor allem welche, die auf dem Gepäckträger Platz nehmen wollen.
  2. Haben es Fahrradfahrer immer eilig. Nicht auszudenken, was passiert, wenn man die ersten 60 Sekunden von den Simpsons verpasst.

Fazit: Blinde lieben Fahrradfahrer

Ja, ich bekenne es öffentlich: wir lieben Fahrradfahrer. Sie sorgen für den Adrenalinkick am Morgen, halten unsere Reflexe frisch und sorgen dafür, das unser Gehör nicht verkümmert.
War dieser Beitrag eigentlich ironisch gemeint? Vielleicht.

Was bringen eigentlich Bildbeschreibungen für Blinde?

In meinen Workshops zum barrierefreien Internet habe ich einen Extra-Abschnitt zum Thema Bildbeschreibungen für blinde und sehbehinderte Menschen. Fast immer werde ich gefragt, ob für Blinde die Inhalte von Bildern überhaupt interessant sind. Die Frage ist berechtigt. Wie soll ein Blinder zum Beispiel wissen, wie ein Vulkan, eine Herde Elefanten oder der Sternenhimmel aussehen? Hier kommt die Antwort.

Arten von blindheit

Generell können wir für unsere Zwecke drei Gruppen von Blinden unterscheiden:

  • die Blinden mit Sehrest
  • die Vollblinden, die noch visuelle Erinnerungen haben
  • die Vollblinden, die keine visuellen Erinnerungen haben

Bei den Sehrestlern ist der Sehrest sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ich setze einmal voraus, dass noch einzelne Objekte unterschieden werden können. In diesem Fall haben sie zumindest von lebensnahen Objekten wie etwa Autos, Bäumen oder Elefanten eine klare visuelle Vorstellung. Das sind alles Objekte, die man nicht ohne Weiteres durch Abtasten in ihrer Gesamtheit erfassen kann. Schwierig kann es bei nicht-lebensnahen Objekten oder Verhältnissen kommen, da diese visuell komplexer sind: Vulkanausbrüche, eine elefantenherde oder die Mondlandung zum Beispiel.
Ähnliches gilt für die Vollblinden, die sich ihre visuellen Erinnerungen erhalten haben. Die Zahl der visuellen Eindrücke hängt ein wenig vom Alter ab. Doch im Allgemeinen kann man sagen, dass ein Jugendlicher in Natura, über Bücher, Illustrierte oder über das Fernsehen das Meiste gesehen hat, was es für einen Menschen aus seinem Kulturkreis zu sehen gibt. Auch wenn es Blinde wie John Hull gibt, die ihre visuellen Eindrücke komplett vergessen haben, ist das eher die Ausnahme. Es gibt auch Blinde, die sich ihr visuelles Vorstellungsvermögen vollständig erhalten haben wie etwa Zoltan Torey. Der Neurologe Oliver Sacks hat das in einem Essay sehr schön zusammengefasst.
Kommen wir also zur dritten Gruppe, den Vollblinden, die nie visuelle Eindrücke sammeln konnten.

Die Welt zum Anfassen

Die Sache ist wiederum recht einfach, wenn es um lebensnahe Objekte geht. Zum einen gibt es natürlich von fast allem eine Spielzeug-Version, die im Prinzip wie das Original aussieht: Es gibt Mini-Bäume, Mini-Hubschrauber, Mini-Autos und Mini-Häuser. Das ist also einfach.
Weiterhin gibt es Tastbücher. Sie enthalten fühlbare Modelle von Tieren oder Landschaften. Die gibt es meines Wissens auch für sehende Kinder.
Mittlerweile haben sich auch Tastmodelle etabliert. Sie sind wesentlich günstiger geworden, etwa durch die Möglichkeiten des 3D-Drucks. Im Unterricht für blinde Kinder sind sie fest etabliert. Das erinnert mich an meinen alten Chemielehrer von der Blindenschule in Marburg. Er hat sich unglaublich viel Mühe gegeben, tastbare Modelle von Atomen und deren Bestandteilen herzustellen, zu einer Zeit, wo diese Modelle noch wesentlich schwieriger in der Anfertigung waren.

Die erlesene Welt

Nun gibt es aber Dinge, die sich wesentlich schwieriger tastbar machen lassen. Kommen wir zum Vulkanausbruch zurück. Der lässt sich sicher irgendwie nachstellen. Aber ein entsprechendes Modell wäre dann doch wesentlich aufwendiger in der Herstellung.
Doch wofür gibt es die Literatur? Ich nenne Geschichten gerne das inklusivste Medium. Sie müssen in der Regel ohne Bilder auskommen. deshalb muss alles, was in einer Geschichte vorkommt mit Worten beschrieben werden. “Der Vulkan brach aus” wird dabei niemandes Phantasie anstacheln. Die glühende Lava, die sich über die Berghänge ergießt hingegen schon.
Da wir alle mehr oder weniger mit Geschichten aufwachsen, gehören solche Ereignisse, auch wenn wir sie nie selbst erlebt haben also zu unserem kollektiven Erfahrungsschatz. Die meisten Vollblinden dürften deshalb eine recht lebendige Vorstellung davon haben, wie ein Vulkanausbruch aussieht. Wir können uns sogar Sachen vorstellen, die es nicht gibt wie Drachen, Trolle und den Weltfrieden.
Gleiches gilt für eher abstrakte Sachverhalte: Niemand wird literarisch die Form eines Ferraris beschreiben, der Autor kann davon ausgehen, dass die meisten Leser wissen, wie so ein Sportwagen aussieht. Doch steht der Ferrari nicht nur für eine teure Automarke. Er ist ein Symbol für Reichtum, Sportlichkeit, Schnelligkeit und was auch immer man noch damit assoziiert. Und diese Assoziationen sind den Blinden natürlich auch aus Geschichten bekannt. Ich könnte eine Harley Davidson nicht vom nächstbesten Elektroroller unterscheiden. Ich weiß aber, welchen Kult manche Leute um die Harley machen. Und woher? Natürlich aus unzähligen Filem, Büchern und Geschichten. Und deshalb macht es natürlich einen Unterschied, ob auf dem Bild einfach nur ein Motorad oder eine Harley zu sehen ist.

Bildschirm-Lesegerät im Eigenbau

Ich bin ja ein Freund einfacher und alltagstauglicher Lösungen. Hilfsmittel sind in der Regel teuer und unpraktisch. Heute erzähle ich euch, wie ihr das iPhone oder ein anderes Smartphone in ein einfaches Bildschirm-Lesegerät umwandeln könnt.
Ein Bildschirm-Lesegerät ist ein Gerät, mit dem Sehbehinderte sich Texte elektronisch vergrößert anzeigen lassen können. In der Regel besteht es aus einer Kamera-Einheit, einem Wagen, auf dem die Texte unter der Kamera bewegt werden sowie einem Bildschirm, auf dem die vergrößerten Inhalte ausgegeben werden. Zudem gibt es neben der Vergrößerungsfunktion die Möglichkeit, die Farbkontraste einzustellen.
Wir brauchen – Überraschung ein iPhone. Es geht auch jedes andere Gerät, das über eine gute Kamera und integrierte Beleuchtung verfügt. Web-Cams scheiden aus, da sie keine eigene Beleuchtung mitbringen. Gebraucht wird außerdem ein möglichst schwenkbarer Halter für das Lesegerät, etwa eine Handy- oder Tablethalterung mit Schwanenhals. Wichtig ist, dass die Halterung die Kamera und den Blitz nicht verdeckt.
Das Gerät wird also wie gehabt in die Halterung eingespannt und über dem Lesestück positioniert. Da sich das Gerät mit der Halterung verschieben lässt, brauchen wir keinen beweglichen Wagen für das Lesegut, wie es bei Bildschirm-Lesegeräten üblich ist.
Als Lese-App wird die integrierte Kamera genutzt. Für die Beleuchtung schalten wir die Taschenlampe des iPhones ein. Mit den Filtern der Kamera-App können wir auch beeinflussen, wie das Bild dargestellt wird. Es gibt etwa einen Schwarz-Weiß-Filter, der die Farben reduziert und so Fließtext besser erkennbar macht.
Mit entsprechenden Komponenten lässt sich das Bild natürlich auch auf einen größeren Monitor übertragen. Da die iPhones in der Regel die bessere Kamera haben, lässt sich das Lesegut auch auf ein iPad übertragen, das hat ein größeres Display.
Cool wären Filter oder eigene Apps, mit denen sich der Schrift-Kontrast noch besser anpassen lässt. Die App könnte zum Beispiel auch automatisch Text erkennen und ihn noch schärfer stellen. Wenn man ohnehin schlecht lesbaren Text hat, hilft die Vergrößerung oft nicht weiter, weil sie auch die Unschärfe vergrößert.
Doppelt cool wäre eine Anwendung, die Text auch von nicht-flachen Elementen wie Dosen so erscheinen lassen könnte, als ob es sich um eine normale Papierseite handeln würde, also quasi die Krümmung entfernen. Das ist nämlich eines der Haupt-Ärgernisse, zu kleiner Text auf einer ungeraden Oberfläche mit schlechtem Kontrast.

Android für Blinde – der Einstieg

Android ist eine gute Alternative zu iOS. In diesem Beitrag möchte ich wechselwilligen Blinden eine kleine Hilfe geben.
Zwar ist VoiceOver sauberer implementiert und es gibt mehr barrierefreie Apps für Blinde im Apple-Universum. Doch es bleibt der hohe Anschaffungspreis, die Probleme eines geschlossenen Systems und die ziemlich unverschämten Preise für simpelstes Zubehör.
Nebenbei bemerkt hat VoiceOver auch seine Macken, die es seit Jahren mitschleppt. Dazu gehört, dass der Cursor häufig auf das erste Element zurückspringt, obwohl man bereits ein anderes Element fokussiert hat.

Empfehlenswerte Geräte

Wer mit einem Android-Gerät liebäugelt, sollte nicht das billigste nehmen. Die Performance des Geräts sowie die Qualität des Touchscreens – sprich die Berührungsempfindlichkeit – macht relativ viel aus, für Blinde sowieso. Es macht keinen Sinn, ein 100-Euro-Handy mit einem 600-Euro-Iphone zu vergleichen.
Ein Vorteil von Android ist, dass der Screenreader Talkback unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert werden kann. Das heißt, selbst bei einem veralteten Android kann Talkback noch eine Zeitlang upgedatet werden. Bei iOS sind VoiceOver-Updates an das Betriebssystem gebunden. Mein iPhone 5 c erhält keine Updates für iOS mehr, ebenso ergeht es VoiceOver.
Dennoch empfehle ich dringend ein Gerät, welches mindestens zwei Jahre Updates erhält. Derzeit versprechen das vor allem die Geräte, die von Google selbst angeboten werden. Daneben verspricht Motorola für die Moto-Reihe Updates. HDM hat die Markenrechte an Nokias Smartphone-Sparte und bietet mit den Geräten Nokia 3, 5, 6 7 und 8 teils sehr preiswerte Geräte und verspricht zeitnahe Updates. Die letztgenannten scheinen mir deshalb am empfehlenswertesten. Wie gesagt sind hier die teureren Geräte mit besseren Displays zu empfehlen. Alternativ könnt ihr nach Geräten mit Android One Ausschau halten. Es handelt sich dabei um Android, wie es von Google selbst angeboten wird ohne teils sinnfreie und vor allem nicht-barrierefreie Erweiterungen. Zudem verspricht Android One schnelle Updates für zwei Jahre sowie Sicherheits-Updates für drei Jahre.
Bezüglich der Samsung-Geräte wird unterschiedliches berichtet. Samsungs eigener Screenreader scheint einige Vorzüge zu haben, wird aber alles in allem nicht so dynamisch weiterentwickelt wie TalkBack.
Dringend abraten möchte ich vom Amazon Fire-Tablet. Ich hatte hier den 7-Zöller aus 2016 in Gebrauch mit einem veralteten Android 5.1.1, einem miserablen Screenreader und einer schlechten Performanz. Das Gerät taugt bestenfalls dazu, die Amazon-Dienste zu nutzen. das geht aber auch mit jedem anderen Tablet.

Talkback Einschalten

Leider gibt es bei Android keine einheitliche Möglichkeit, um Talkback beim ersten Gerätestart zu aktivieren. Am häufigsten ist, zwei Finger auf den Screen zu legen und zu warten, bis Talkback gestartet ist.
Es kann passieren, dass Talkback auf Englisch redet, aber die Oberfläche Deutsch ist. Das war bei meinem Motorola G2 der Fall. Wegen solcher Probleme empfehle ich, Talkback mithilfe eines sehenden einzurichten, bis alles eingerichtet ist und das Gerät auf Deutsch quatscht. Ist das Gerät einmal eingerichtet, sollte TalkBack automatisch Deutsch sprechen, ansonsten geht einmal in die Stimm-Einstellungen.
Bei TalkBack gibt es ein Lernprogramm für die Gesten. Dies kann man am Anfang durchlaufen, kann es aber auch später durchführen.
Die Erkundung des Bildschirms erfolgt ebenso wie beim iPhone durch einfaches Streichen über den Bildschirm. Der Aufbau entspricht dem iPhone: Oben die Statuszeile, darunter die Apps, unten das Dock mit den Apps, die auf jeder Site angezeigt werden, darunter die Schaltflächen für zurück, Startseite und der App-Switcher.
Mit einem Wisch von links nach rechts wechselt ihr zwischen einzelnen Apps, Buttons und anderen Elementen.
Mit einem Wisch von oben nach unten oder von unten nach oben wechselt man die Lese-Einheit, ähnlich wie beim iPhone der Rotor.
Die Talkback-Einstellungen erreicht man am schnellsten über das globale Kontextmenü mit der L-Geste, den Finger von oben nach unten und nach rechts ziehen. Dort findet man auch wichtige Befehle wie von oben an lesen oder vom nächsten Element an lesen. Nebenbei gesagt finde ich das einsteigerfreundlicher als bei iOS, wo es solche visuellen Menüs kaum gibt. Geübte Nutzer werden aber eine Geste für solche häufig gebrauchten Aktionen vorziehen. Das lässt sich in TalkBack in den Einstellungen selbst konfigurieren.
Die Mainstream-Apps wie Google Maps, WhatsApp und Facebook sind ähnlich nutzbar wie bei iOS. Generell findet man auch bei Apps, die eigentlich barrierefrei sein sollten bei Android häufiger unbenannte Elemente. Ob das an Android oder an der Unachtsamkeit der Entwickler liegt, kann ich nicht sagen. Auch blindenspezifische Apps wie Blindsquare oder Ariadne sind eher bei iOS zu finden. Dennoch ist die Auswahl an Hilfs-Apps auch bei Android nicht schlecht: Es gibt Via opta NAV, Farberkennungs-Apps oder die DZB-App der Hörbücherei zur Ausleihe von Hörbüchern. Sicherlich wird Microsoft seine App Seeing AI auch für Android bereit stellen. Wer auf solche Apps angewiesen ist, sollte prüfen, ob es bei Android brauchbare Alternativen gibt.
Mit der kostenlosen App Audex lassen sich Buttons beschriften. Diese Beschriftungen können online zur Verfügung gestellt werden, so dass sie auch anderen blinden Android-Nutzern zur Verfügung stehen. Vielleicht ist das auch eine schnelle Möglichkeit für Entwickler, ihre App kurzfristig barrierefrei zu machen. TalkBack selbst bietet die Möglichkeit, unbeschriftetete Elemente zu beschriften.
Mit der App BrailleBack kann eine Bluetooth-Braillezeile gekoppelt werden. Meine Braillezeile wurde auf Anhieb erkannt.

Informationsquellen zu Android für Blinde

Google stellt mittlerweile ausführliche Informationen zu TalkBack auf Deutsch bereit.
Es gibt eine deutschsprachige Android-Mailingliste sowie diverse WhatsApp-Gruppen. Wer Englisch kann, sollte sich die Mailingliste “EyesFree” anschauen, sie dreht sich um TalkBack. Zu beachten ist allerdings, dass diese Mailingliste sehr aktiv ist, manche mögen das ja nicht.