Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Wie mache ich eine Audiodeskription – eine Anleitung

Es scheint derzeit keine Anleitung zur Erstellung von Audiodeskriptionen im Internet zu geben. Zumindest bin ich via Google nicht fündig geworden. Wenn ihr bessere Anleitungen habt, könnt ihr mir das gerne per Kommentar oder Mail mitteilen.

Diese Anleitung stammt aus meinem Buch, wo ich die Leser sieze. Also nicht wundern.

Was ist die Audiodeskription?

Die Audiodeskription ist eine akustische Beschreibung von visuellen Inhalten. Sie wird in Videos eingesetzt, damit Blinde verstehen, worum es in dem Film geht.
Die AD wird vor allem für Videos benötigt, die einen geringen Sprachanteil haben. Das ist auch wichtig, da die Beschreibung in den Teilen des Filmes untergebracht wird, in denen nicht gesprochen wird.
Planen Sie bereits bei der Konzeption des Filmes genügend Zeit für die AD ein. Hat das Video einen hohen Sprach- und Aktionsanteil, wird nicht mehr genügend Zeit für eine AD vorhanden sein.
Die Soundqualität der AD sollte der Soundqualität des Films entsprechen.

Die ersten Schritte

Eine AD lässt sich mit jeder Audio-Schnittsoftware erstellen. Folgendes Vorgehen erscheint sinnvoll:

  1. Prüfen Sie zunächst, ob eine AD notwendig und möglich ist. Bei Videos mit hohem Sprachanteil fehlt einfach die nötige Pause, um eine AD unterzubringen. Sie ist aber auch in solchen Fällen nicht nötig.
  2. Halten Sie die Szenen fest, die beschrieben werden müssen, verwenden Sie am besten eine Stoppuhr, um die Länge der nutzbaren Passagen zu messen. Wichtige Informationen sind auch Namen gezeigter Personen oder Orte, sowie alle visuell relevanten Informationen, die nicht vom Sprecher vermittelt werden.
  3. Schreiben Sie die Texte für die Audiodeskription. Wie alle Texte müssen diese sorgfältig redigiert werden. Die AD soll nicht werten, sondern objektiv beschreiben. Schreiben Sie also nicht
    „Die fröhliche Gruppe schaut in die Kamera.“
    Schreiben Sie lieber:
    „Die Gruppe schaut lachend in die Kamera.“
  4. Ist der Text geschrieben, müssen die einzelnen Passagen eingesprochen werden. Verwenden Sie eine Aufnahmetechnik, die der Aufnahmequalität des Videos entspricht. Ist die AD verrauscht und der Clip nicht, wirkt das ein wenig merkwürdig. Der Sprecher sollte neutral und langsam sprechen. Faktoren wie die Abspielgeschwindigkeit können hinterher noch überarbeitet werden. Der Sprecher kann sich an den Off-Sprechern in den typischen Fernseh-Dokumentationen orientieren. Er ist ein neutraler Erzähler und nicht Teil des Filmgeschehens. Er beschreibt das zu Sehende und wertet nicht.
  5. Im letzten Schritt müssen die eingesprochenen Passagen mit dem Film synchronisiert werden.

Die meisten Videobearbeitungsprogramme erlauben das Arbeiten mit mehreren Tonspuren. Mehr ist auch nicht notwendig, um eine AD mit dem Film zusammenzufügen. Die Lautstärke der Videospur wird an den Stellen reduziert, an der die AudioDeskription eingefügt wird. Es muss sicher gestellt werden, dass der Sprecher gut zu verstehen ist und keine akustisch wichtigen Informationen des Videos übertönt werden.

Was gehört in die AudioDeskription und was nicht

Es ist natürlich nicht möglich, alle visuellen Informationen in der AD unterzubringen. Bei einem typischen Whodunit -Krimi sollen die Zuschauer herausfinden, wer der Täter ist. Dazu müssen Blinde alle Informationen zur Verfügung gestellt bekommen, die auch sehende Zuschauer zum Mitraten erhalten.
Eine Möglichkeit, Schlüsselinformationen für die AD zu erhalten ist auch das Drehbuch. Was für einen Film besonders wichtig ist, wird auch im Drehbuch notiert.
Hören Sie sich einmal den Film ohne Bild an, dann bekommen Sie ein Gefühl dafür, welche Informationen für den Zuhörer wichtig sind.
Zudem sollten Sie sich einen Clip mit Audiodeskription ansehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie so etwas aussieht. Der Tatort zum Beispiel wird regelmäßig mit Audiodeskription ausgestrahlt.

Feedback einholen

Last not least können Sie versuchen, einen blinden Testhörer zu gewinnen, der Ihnen Feedback zur Audiodeskription geben kann. Das sollte passieren, bevor Sie die Audiodeskription einsprechen, damit Sie die Arbeit nicht doppelt machen müssen.
Vergessen Sie aber nicht: Der Blinde kann nur beurteilen, ob der Text der AudioDeskription in Ordnung ist. Da er den Film selbst nicht sehen kann, ist er darauf angewiesen, dass Sie gute Arbeit machen.

Zum Weiterlesen

Braille für Sehende – warum auch du die Blindenschrift lernen kannst

Braille ist ja nicht nur was für Blinde. Warum das so ist, möchte ich in diesem Artikel anlässlich des Braille-Tags 2017 am 4.1. zeigen.
Viele Sehende können sich nicht vorstellen, mit den Fingern zu lesen. Und um die Wahrheit zu sagen: Es ist auch ziemlich schwierig. Das Problem ist, die nötige Sensibilität in den Fingern zu entwickeln. Die Zeichen an sich sind relativ schnell gelernt.
Ein Kuriosum am Rande ist, dass man im Prinzip mit jedem Finger neu lesen lernen muss. Ich persönlich lese mit dem linken Zeigefinger. Gerade fange ich an, auch mit dem rechten Zeigefinger zu lesen und was soll ich sagen? Ich weiß jetzt, wie es einem ABC-Schützen zumute sein muss.
Ein Sehender kann aber mit den Augen lesen. Er muss die Finger nicht trainieren, so dass es für ihn sogar einfacher ist als für die meisten Blinden, Braille zu lernen.

Texte in Braille umwandeln

Es gibt für Sehende viele Möglichkeiten, Braille zu schreiben. Die einfachste Möglichkeit ist der Braille-Konverter. Gebt doch einfach mal euren Namen ein und schaut euch an, wie er in Braille aussieht.
Habt ihr einen kompletten Text, der in Braille übersetzt werden soll? Dann müsst ihr euch nur eine entsprechende Schriftart herunterladen und installieren. Die Schrift kann mit einem Doppelklick installiert oder einfach in den Schriftarten-Ordner eures Betriebssystems kopiert werden.
Ihr schreibt dann euren Text in einer Textverarbeitung in Word. Anschließend markiert ihr den Text und wählt als Schriftart die Braille-Schrift aus, die ihr gerade installiert habt.

Braille als Sehender lernen

Es gibt ein paar Kurse, in denen Sehende Braille lernen können. Aber dazu hat wohl kaum einer die Zeit. Mittlerweile findet man aber auch viele Möglichkeiten, Braille ohne teuren Kurs zu lernen. Es gibt zum Beispiel diverse Bücher im normalen Buchhandel.
Aber es geht noch einfacher. Fakoo.de ist eine wahre Fundgrube für Leute, die sich für Braille interessieren. Dort gibt es auch die Möglichkeit, Braille online zu lernen.

Braille an Blinde schreiben

Schon und gut, wirst du sagen. Aber das ist doch alles Sehendenkram. Was ist, wenn ich einem Blinden einen Liebesbrief in Braille schreiben will?
Wie sollte es anders sein, auch dafür gibt es einen Service, der sogar kostenlos ist. Über die Website Braillepost könnt ihr kostenlos einen Brief schreiben, der dem Blinden dann als Braille zugestellt wird.

Mobbing an Blindenschulen – warum Förderschulen kein Paradies für Behinderte sind

Viele blinde und sehbehinderte Schüler berichten über Mobbing an inklusiven und integrativen Schulen. Doch auch an Förderschulen findet Mobbing statt. In diesem Zusammenhang möchte ich meine Erfahrungen an der Blindenstudienanstalt Marburg schildern, die ich zwischen 1996 bis 1999 besucht habe. Die Situation dürfte sich seitdem aber kaum verändert haben.
An einer gemischten Schule mit blinden und sehbehinderten Schülern gibt es im Wesentlichen vier Gruppen: Die Sehbehinderten, die fitten und die unfitten Blinden. Als vierte Gruppe können Personen mit weiteren Behinderungen hinzukommen. So gab es an der Blista Menschen mit psychischen, motorischen oder kommunikativen Problemen.
Die Sehbehinderten sehen teils so gut, dass ich mich häufig gefragt habe, was sie wohl an einen Ort getrieben hat, der blindenstudienanstalt heißt. Die Sehbehinderten blieben im Wesentlichen unter sich.
Die fitten Blinden sind Blinde, die im Wesentlichen unauffällig sind. Sie haben keine Blindismen, also Bewegungs- oder andere Ticks, welche sie in jeder Gesellschaft auffallen lassen. Die fitten Blinden können sich unauffällig in eine Gruppe Nicht-Blinder integrieren.
Die unfitten Blinden hatten Ticks oder andere teils psychische Auffälligkeiten. Sie hatten Blindismen wie das ständige Wppen mit dem Oberkörper. Die Mädels konnten sich nicht angemessen schminken oder liefen in unpassender Kleidung herum. Manche fanden es sinnvoll, in billigem Parfum zu baden.
Die Mehrfachbehinderten schließlich waren selbst unter den unfitten Blinden kaum willkommen.
Jeder dieser Gruppen hat im Wesentlichen untereinander verkehrt. Sehbehinderte hatten wenig mit Vollblinden verkehr, die fitten Blinden hatten wenige Berührungspunkte zu den Sehbehinderten und den Unfitten. Die Unfitten waren in den beiden anderen Gruppen nicht willkommen.
Komplett ausgegrenzt waren Personen mit psychischen und kommunikativen Einschränkungen. Ihr kennt die Schmuddelkinder, mit denen keiner spielen will und die, wenn es um die Wahl der Mitspieler geht als letztes ausgewählt werden. Das waren bei uns die Mehrfachbehinderten.
Während die Sehbehinderten und die Blinden sich gegenseitig im Wesentlichen in Ruhe ließen, waren die unfitten Blinden und die Mehrfachbehinderten häufig Schikanen ausgesetzt. Die Blista ist nicht nur eine Schule, sondern auch ein Heim. Das Heim basiert auf sogenannten Wohngruppen.
Die unfitten Blinden wurden meines Wissens auch von Seiten der Blista nicht unterstützt. Natürlich kann man fast erwachsenen Menschen nicht mehr alle Manirismen abtrainieren. Doch kann man dazu beitragen, dass sie die auffälligsten Blindismen ablegen. Bestimmte Dinge wie ein altersgemäßer Kleidungsstil, ein vernünftiges Verhalten in der Öffentlichkeit und so weiter können auch erwachsenen Personen noch beigebracht werden. Und auch gegen Schikanierung, Beleidigungen und so weiter lässt sich etwas unternehmen.
Denn die gehörten an der Blista zum Alltag. Die unfitten Blinden wurden beleidigt, ausgegrenzt und nicht an gemeinsamen Aktivitäten beteiligt. Zumindest habe ich in meiner Zeit nie von Gewalt gegen diese Gruppen gehört. Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich damals wohl nicht darum gekümmert hätte.
Nun sind Schulhöfe kein Kindergarten und es ging an der Blista sicher nie so heftig zur Sache wie an Schulen mit mehreren hundert Schülern. Dennoch zeigt es, dass auch an Förderschulen Ausgrenzung und Mobbing zur Tagesordnung gehören. Sie sind nicht das Paradies für behinderte Kinder, als das sie gern verkauft werden. Im Gegenteil: An einer normalen Schule kann man nachmittags nach Hause gehen und hat dort hoffentlich Ruhe. An der Blista kann es im schlimmsten Fall passieren, dass der Mobber dein Mitbewohner ist. Er kann dich dann den ganzen Tag stalken.
Mobbing ist für den Betroffenen immer eine schlimme Sache. Es sollte deshalb nicht so getan werden, als ob Förderschulen das Paradies für Behinderte wären. Gerade Mehrfach- und stark Behinderte sind an Förderschulen betroffen.

Wie schnell können Blinde Braille lesen?

Aus verschiedenen Gründen beschäftige ich mich gerade mit Fragen zum Thema lesen. Dabei geht es besonders um das Lesen von Braille. Leider muss ich ein wenig weiter ausholen und hoffe, dass ihr mir bis zum Ende folgt.

150 Wörter pro Minute

Forscher gehen davon aus, dass man mindestens 150 Wörter pro Minute lesen können muss, um von einer ausreichenden Lesegeschwindigkeit zum Lese-Verstehen sprechen zu können. Das klingt viel, aber tatsächlich dürften die meisten von euch deutlich schneller lesen. 150 Wörter pro Minute sollten Schüler bereits nach der vierten Klasse lesen können.
Diese 150 Wörter scheinen der durchschnittlichen Sprechgeschwindigkeit zu entsprechen. 150 Wörter entspricht also der Geschwindigkeit, in der unser Gehirn gesprochene Sprache gut verarbeiten kann.

Lesen ist nicht gleich Verstehen

Dabei muss man zwei Vorgänge unterscheiden:

  • Das Lesen ist an sich ein rein physischer Vorgang. Ich könnte auch einen italienischen Text problemlos lesen – eine Sprache, die ich nicht einmal im Ansatz beherrsche. Ebenso würde es mir aber auch mit einem Fachbeitrag aus der Mathematik ergehen. Ich kann zwar die Worte entziffern, grammatikalische Strukturen erkennen und vielleicht sogar erraten, worum es geht. Aber verstehen ist das nicht.
  • Der zweite Vorgang ist das eigentliche Verstehen des Gelesenen. Ich spreche deshalb von Lese-Verstehen.

Interessant daran ist, dass sowohl zu schnelles als auch zu langsames Lesen das Verstehen verhindern kann. Nehmen wir das oben genannte Beispiel eines Mathe-Textes. Klar kann ich die Zeichen schnell entziffern. Doch ob etwas hängen bleibt, ist fraglich.
Lese ich andererseits zu langsam – zum Beispiel Zeichen für Zeichen – werde ich den Text auf Wortebene erfassen, aber schon bei etwas komplexeren Sätzen werde ich schon den einzelnen Satz nicht mehr verstehen. Und das gilt im Prinzip für jeden Text, der über dem Niveau der zweiten Klasse liegt.
Um Vergnügen am Lesen zu haben, muss der physiologische Vorgang des Erfassens von Zeichen vollständig in den Hintergrund treten. Das heißt, ich muss mühelos lesen können, um mich komplett mit der Verarbeitung des Gelesenen beschäftigen zu können. Ist das nicht der Fall, werde ich nie etwas freiwillig lesen. Das heißt aber umgekehrt: Je weniger ich lese, desto weniger Routine kann ich entwickeln.

Das Scheitern am Verstehen

Ein Großteil der funktionalen Analphabeten kann tatsächlich auf Wortebene lesen, scheitert aber an komplexeren Strukturen wie Sätzen, Absätzen und Abschnitten. Versteht man diese nicht, versteht man den ganzen Text nicht. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die Betroffenen die gleichen Inhalte verstehen würden, wenn sie ihnen vorgelesen werden. Dazu habe ich leider keine Infos.
Wie ich schon mal erzählt habe, habe ich fast 20 Jahre lang kein Braille mehr gelesen. Vor ein paar Jahren habe ich wieder damit angefangen. Obwohl ich sowohl Braille als auch die Schwarzschrift im Grundsatz beherrsche, bin ich am Anfang meines Braille-Abenteuers zuerst auf Wort- und dann auf Satzebene gescheitert. Ich konnte die einzelnen Wörter lesen, aber ich hatte Probleme, den Satz zu einem Ganzen zusammen zu setzen. Ich kenne also das Problem aus eigener Erfahrung.
Für uns relevant ist, dass Sehbehinderte und Blinde aus ähnlichen Gründen vor dem gleichen Problem stehen. Fangen wir mit den Blinden an.

Lesen auf Zeichenebene

Blinde lesen bekanntlich mit dem Finger. Sehende erfassen Zeichengruppen, Worte und ganze Phrasen mit einer einzigen Augenbewegung. Nur deshalb sind hohe Lesegeschwindigkeiten möglich. Blinde hingegen sind nicht in der Lage, über den aktuellen Fokus ihres Fingers hinauszusehen. Die einzige Möglichkeit, die mir einfallen würde wäre, mit mehreren Lesefingern zu arbeiten. Bei mir zumindest hat das nicht funktioniert.
Vor allem für Braille-Lese-Anfänger ist die Schwelle sehr hoch. Sie müssen zum einen die Zeichen lernen. Parallel müssen sie die nötige Sensibilität in den Fingern ausbilden. Und sie müssen möglichst früh erste Erfolgserlebnisse haben, da sie sonst schnell frustriert sind.
Sind erst einmal alle Zeichen gelernt, müssen sie regelmäßig lesen, um eine halbwegs annehmbare Lesegeschwindigkeit zu erreichen.
Dennoch schaffen Blinde nur rund 60 bis 80 Wörter pro Minute. Geübte Braille-Leser schaffen zwischen 100 und 150 Wörter pro Minute. Sie erreichen also gerade einmal die Mindestschwelle dessen, was in der 4. Klasse als wünschenswert gilt. Die Studie entstand zu einer Zeit, wo Braille an den Schulen noch eine wesentlich größere Rolle gespielt hat als heute. Das heißt, die getesteten Personen dürften wesentlich mehr Leseerfahrung haben als heutige Schüler oder erwachsene Blinde.
Das Fatale an der Sache ist, dass Blinde wiederum mehr Zeit brauchen als Sehende. Ich habe als Schüler noch mit meinem kläglichen Sehrest und Schwarzschrift gearbeitet. Meine Lesegeschwindigkeit war nie besonders gut. Doch musste ich mich zumindest nicht mit meterhohen Papierstapeln abschleppen wie meine blinden Mitschüler. Unser Geschichtslehrer hatte ein großes Vergnügen daran, enorme Textmengen zu verteilen.
Die blinden Mitschüler mussten also viel mehr Zeit für das Lesen dieser Dokumente aufwenden als ihre sehbehinderten oder gar die sehenden Mitschüler. Im Studium oder Arbeitsleben schaut es nicht besser aus.
Sehbehinderte stehen aus anderen Gründen vor ähnlichen Problemen. Bei starker Vergrößerung oder bei einem kleinen Gesichtsfeld können sie oft nur kurze Worte oder Wortbestandteile auf einen Blick erfassen. Mit ein wenig Leseerfahrung können sie Wörter erraten oder andere Tricks anwenden. Aber schnelles oder angenehmes Lesen ist so kaum möglich.

Das Problem ist mit Braille nicht lösbar

Nun wissen wir, dass Lesen heute essentieller Teil fast jeder Jobbeschreibung ist. Jenseits von Höchstleistungen besonders effizienter Leser ist es aber schon physiologisch nicht möglich, als normaler Blinder Geschwindigkeiten wie ein Sehender zu erreichen.
Eine Möglichkeit ist theoretisch, die Brailleschrift weiter zu komprimieren. Wir haben ja schon die Kurzschrift, bei der geläufige Wörter und Texteile in einzelnen Zeichen zusammengefasst werden. Dadurch können bis zu 30 Prozent an Platz eingespart werden. Für geübte Leser erhöht das auch die Lesegeschwindigkeit. Daneben gibt es ein Braille-Steno, das wohl früher von blinden Schreibkräften verwendet wurde.
Das Problem dabei ist, dass natürlich der Lernaufwand noch einmal steigt. Im Prinzip muss eine neue Schrift gelernt und eingeprägt werden. Da es kaum Texte in Braille-Steno gibt, könnten die Leser auch nur auf elektronische Texte zurückgreifen, die von einem Programm automatisch in Braille-Steno übersetzt werden. Ob uns das die Lesegeschwindigkeit eines Sehenden bringt, weiß ich leider nicht.
Es bleibt uns also kaum etwas übrig, als die Sprachausgabe zu bevorzugen. Sie hat ihre eigenen Nachteile, die ich vielleicht ein anderes Mal behandeln werde. Sie ist aber tatsächlich die beste Möglichkeit, eine adäquate und alltagstaugliche Lesegeschwindigkeit zu erreichen. 300 Wörter pro Minute sind mit der Sprachausgabe mühelos erreichbar.

Die psychische Belastung blinder Menschen

Jeder kennt es, kaum jemand spricht darüber: die psychische Belastung, die eine Behinderung mit sich bringt. Heute möchte ich über diese Belastungen schreiben. Dabei geht es mir nicht direkt um die Behinderung. Es geht um die Frage, welche Belastungen indirekt durch die Blindheit oder Sehbehinderung entstehen.
Es ist klar, dass heute fast jeder Mensch solchen Belastungen ausgesetzt ist. Das hat nicht nur mit der individuellen Situation zu tun. Es hängt natürlich auch viel von der Persönlichkeit ab. Der Eine mag sich wunderbar mit einem vollgestopften Alltag arrangieren, während für jemand Anderes das Nichtstun eine Belastung ist. Deswegen gehe ich hier nur auf behindertenspezifische Fragen ein.
Die von mir genannten Faktoren können eine psychische Erkrankung begünstigen, müssen aber nicht. Solche Erkrankungen sind von vielen weiteren Faktoren wie dem Umfeld und der individuellen Situation abhängig.

Der Alltag frisst die Zeit auf

Schon die kleinen Dinge des Alltags kosten viel Zeit. Ob Körperpflege, Einkaufen oder der Gang zum Arzt: für viele Dinge des Alltags müssen wir mehr Zeit einplanen als Sehende. Wir reden hier nicht von Minuten. Ihr könnt die Zeit nehmen, die ihr normalerweise braucht und mit dem Faktor drei oder vier multiplizieren, das sollte ungefähr hinkommen. Es kann aber auch noch wesentlich mehr sein. Der Blick in den Spiegel reicht uns nicht, um zu wissen, dass wir gut gepflegt sind. Dann kippt irgendwas um und muss aufgewischt werden. Oder die frisch angezogenen Klamotten werden mit Kaffee vollgekleckert. Für Blinde ist das Alltag.
Eine der allgemeinen Ungerechtigkeiten: Je mehr Hilfe wir brauchen, desto mehr Papierkram haben wir. Egal ob Grundsicherung, Wertmarke, Assistenz. Alle Leistungen erfordern Papierkram. Überweisungen wollen getätigt, Unterlagen eingescannt und abgeheftet, Anträge gestellt und Anfragen beantwortet werden. Mein Leben steht in Form von 7 gefüllten Leitz-Ordnern auf meinem Regal und jedes Jahr kommt einer dazu. Ich sehe das nicht wie viele andere Behinderte als Schikane der Ämter. Es gibt halt nichts umsonst. Und dennoch kann ich keine Liebe zu Papierkram entwickeln. Auch dafür gilt, nehmt die Zeit, die ihr braucht mal 4, dann wisst ihr, wie viel Zeit das kostet.

Familien-Idylle

Wenn ein blindes Paar eine Familie gründet, steigt der Stresspegel noch weiter. Schon Sehende sind gezwungen, ihr Leben um das Kind herum zu organisieren. Für blinde Menschen sind die Herausforderungen ungleich größer. Wickeln und füttern geht auch, wenn man blind ist. Aber spätestens, wenn das Kind zu krabbeln anfängt, geht es los. Wir müssen aufpassen, wo wir hintreten, schließlich könnte es gerade vor uns sein. Wir müssen alles Gefährliche aus dem Weg räumen, an dem es sich verletzen oder das es runterschlucken könnte. Nur zur Erinnerung: Ein Sehender erfasst einen Raum auf einen Blick. Ein Blinder Fuß praktisch jeden Zentimeter abtasten und wird trotzdem Vieles übersehen.
Wenn das Baby weint, müssen wir herausfinden, ob es sich weh getan hat. Und wenn es krank ist – nun, ihr wisst, worauf ich hinaus möchte.
Wenn es dann schließlich anfängt zu laufen müssen wir natürlich mit ihm raus. Wir müssen dann nicht nur uns selbst orientieren. Wir müssen aufpassen, dass uns das Kind nicht davon oder auf die Straße läuft. Außerdem sind diese Kinder verdammt schlau. Sie finden schnell heraus, wie man Türen öffnet. Und sie haben ein tierisches Vergnügen daran, an den Reglern des Herds zu drehen oder Handys, Schlüssel und Fernbedienungen zu verstecken.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Häufig steht man als Blinder unter verstärkter Beobachtung. Kümmert er sich richtig um das Kind? Das betrifft nicht nur Fremde, sondern auch die eigene Familie. Hat sich das Kind also verletzt, ist das Gesicht verschmutzt, sind die Klamotten vollgekleckert – kein Wunder, der ist ja blind und kann sich nicht richtig um das Kind kümmern.

Nichts als Arbeit

Der berufliche Alltag ist Stress pur. Es ist wirklich frustrierend, wenn man für eine Aufgabe mehrere Minuten braucht, die ein Sehender in 5 Sekunden erledigt hätte. Egal, wie viel Training und Routine wir haben, das Problem ist nicht lösbar.
Dabei geht es mir nicht um die Zeit, die ich mehr brauche. Es ärgert mich, dass ein Sehender das wesentlich schneller machen könnte. Ein Blinder kann sich nicht entscheiden, heute mal das Auto oder Fahrrad zu nehmen. Die Bahn streikt, der Bus hält einfach mal 10 Meter weiter hinten, die Straße ist total vereist? Pech gehabt, dann dauert der Arbeitsweg halt drei Mal so lang wie der eines Sehenden.
Es gibt Tage, an denen die Technik Streiche spielt. Da ist der Internetzugang so langsam, dass man nicht produktiv arbeiten kann. Da ist irgend ein Tool oder eine Web-Anwendung, die partout nicht mit dem Screenreader zusammenarbeiten will. Da ist schon wieder eine Software angeschafft worden, die offensichtlich nicht barrierefrei war.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Ich empfinde es schon als Belastung, die Arbeitskollegen weder in der Firma noch auf der Straße zu erkennen. Die Leute sind oft beleidigt, auch wenn sie es nicht zugeben. Der Transfer von „der sieht nicht gut“ bis „der kann mich nicht erkennen und ist nicht unfreundlich“ scheint nicht stattzufinden. Irgendwann ist es mir zu blöd, es den Leuten zu erklären.
Natürlich ist es eine gute Sache, Arbeitsassistenz zu haben. Doch auch hier gilt, sie nimmt einem nicht die Arbeit ab, sie macht zusätzliche Arbeit. Aufgaben müssen abgestimmt, die Pflichten eines Arbeitgebers erfüllt und – wie kann es anders sein – jede Menge Papierkram muss erledigt werden.
Ich habe oft gedacht, wie viel einfacher das Leben wäre, wenn man sich auf Arbeitslosengeld oder Erwerbsminderungsrente und Blindengeld zurückzieht. Da hat man immerhin 1000 Euro pro Monat zur Verfügung und keine anderen Verpflichtungen. Aber ich glaube, das Leben kann auch zu bequem sein.

Wie mit der Belastung umgehen?

Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, wie man mit dieser Belastung umgehen kann. Wir können uns nicht entscheiden, diese Dinge nicht zu tun. Sie müssen getan werden und es gibt niemanden, der sie uns abnehmen könnte.
Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit diesen Belastungen umzugehen. Dazu gehört vielleicht eine bewusste Entschleunigung. Soziale Kontakte sind ebenfalls wichtig.
Manchen Leuten hilft es, Entspannungstrainings zu machen. Es ist egal, ob Yoga, Meditation oder MBSR, es läuft alles aufs Gleiche hinaus: Phasen suchen, in denen man nichts tut außer sich zu entspannen.
Der einzige Rat, den ich euch geben kann: Hört auf euren Geist und Körper. Warnsignale wie Schlaflosigkeit, Herzrasen oder Abhängigkeit von Suchtmitteln sollte rechtzeitig erkannt werden. Holt euch professionelle Hilfe, bevor es zu spät ist. Ich kenne genügend Leute, die wegen eines Burnouts monatelang ausgefallen sind. Das wollt ihr nicht erleben.

Tipp für Screenreader-Nutzer: Ungestört am Arbeitsplatz

Die Blinden kennen das sicherlich, da versucht man, im Büro oder im Zug zu arbeiten und pausenlos quatscht jemand im Hintergrund herum. Ich kann relativ gut Alltagsgeräusche wie normalen Verkehrslärm oder das undifferenzierte Grundrauschen eines Mittagstisches ausblenden, solange ich nicht direkt daneben sitze. Aber sobald jemand etwas sagt, was ich verstehen kann, bin ich automatisch abgelenkt.
Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert: Schallisolierende Ohrhörer waren nicht ausreichend. Schallisolierende Übers-Ohr-Kopfhörer waren mir zu teuer. Ohropax sind ungeeignet, da sie den Screenreader zu stark dämpfen. Dann gibt es noch die Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung. Die scheinen aber eher für gleichmäßige Geräusche geeignet. Allerdings war mir der Preis zu hoch, um sie einfach mal auszuprobieren. Um nur mit der Braillezeile zu arbeiten, bin ich zu langsam.
Letztlich bin ich bei einem einfachen Gehörschutz gelandet. Er kostet im Baumarkt etwa 20 Euro.
Der Gehörschutz sieht aus wie ein großer Kopfhörer ohne Kabel. Der Bügel bewirkt, dass die Muscheln sehr stark auf das Ohr gedrückt werden. Wenn man ihn richtig aufsetzt, ist das kein Problem. Wenn man es falsch macht, tut es tierisch weh.
Die Hauptfunktion besteht darin, dass er das Ohr isoliert, so dass der Schall das Ohr nicht erreicht. Es ist nicht so, dass man nichts mehr hört, es sei denn, man befindet sich ohnehin in einer sehr leisen Umgebung. Man hört lautere Geräusche gedämpft. Man hört zum Beispiel, dass jemand redet, versteht aber nicht, was er sagt. Professioneller Ohrenschutz dämpft wahrscheinlich stärker, da ich mein Büro aber nicht neben dem Preßlufthammer betreibe, reicht mir der günstige Gehörschutz.
Ganz unproblematisch ist das aber auch nicht. Man kriegt eventuell nicht mit, wenn man angesprochen wird. Man hat zwar Ruhe vor dem üblichen Lärm einer Zugfahrt im Regionalzug am Wochenende, kriegt aber auch die Durchsagen im Zug nicht mit.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass man keine Kopfhörer mit dem Gehörschutz verwenden kann. Liegt der Gehörschutz nicht direkt auf dem Ohr, ist er relativ wirkungslos. Man muss also Ohrhörer verwenden.
Ansonsten ist das aber eine gute Lösung. Man muss den Gehörschutz auch nicht immer tragen, sondern nur dann, wenn es tatsächlich laut ist.

Die Kostenlos-Mentalität unter Blinden

Neulich saß ich mit einer Freundin in einem Marburger Café und wir unterhielten uns über Bahnfahrten. Ich erzählte ihr, dass ich im Zug das Ticket für Hin- und Rückfahrt gekauft hätte – es ging um einen Fernzug. Darauf meinte sie, sie würde das Ticket erst bei der jeweiligen Fahrt kaufen. Drei Mal dürft ihr raten, welchen Grund sie angab: Sie hoffte, durch die Ticketkontrolle durchzuschlüpfen.
Zur Erklärung für meine Sehenden Leser: Inhaber eines Schwerbehindertenausweises dürfen ihre Tickets im Fernzügen – für den Nahverkehr brauchen sie keins – zuschlagsfrei im Zug kaufen. Scheiß drauf, dass der Spaß den Schaffner gut fünf Minuten kosten, die er vielleicht gern anders verbringen wollen würde.
Nun, das konnte ich in gewisser Weise noch nachvollziehen, das Mädel ist arbeitslos und deshalb verzieh ich ihr auch die Peinlichkeit, dass sie weder im Café noch in der Pizzaria Trinkgeld gegeben hat. Das erinnerte mich allerdings an eine andere Freundin, die gut verdient und es ebenso macht – also das mit den Tickets.
Nun mag man sagen, dass ich mich mit den falschen Leuten umgeben habe, doch die Geschichte ist nicht zu Ende. In unserer Facebook-Gruppe fragte ein Blinder, ob man als Blinder kostenlos in Nachtclubs kommen könnte. Der Tenor war, versuch es, mehr als ablehnen können sie nicht.
Nun will ich mich nicht im Detail mit solchen Angelegenheiten beschäftigen, aber es zeigt fatal, welche Mentalität viele Blinde in Deutschland haben. Man findet es also in Ordnung, wenn alle anderen Clubbesucher inklusive sehender Freunde – so man sie denn hat – für einen mitbezahlen. Ich habe dann frech gefragt, ob er auch im Restaurant umsonst essen und im Supermarkt umsonst einkaufen möchte. Ich glaube, aus der Gruppe bin ich jetzt rausgeflogen.
Dahinter steht wohl die Einstellung, dass einem die Gesellschaft etwas schulde, weil man blind ist. Frei nach dem Motto „Ich bin blind, deshalb ist das okay, wenn ich mich durchschnorre“.
Man findet es auch in Ordnung, schwarz zu fahren – nichts anderes ist das Fahren ohne gültigen Fahrschein – und es ist also kein Problem, dass alle anderen Mitfahrer für einen mitbezahlen. Das sind übrigens die gleichen Personen, die sich jedes Jahr das neueste iPhone zulegen, warum sie das nicht umsonst haben wollen, habe ich noch nicht herausgefunden. Obwohl – es gibt auch regelmäßig die Frage, ob die Krankenkasse ein iPhone bezahlt.
Manchmal glaube ich, dass es den Blinden in Deutschland zu gut geht. Gehörlose und andere Behinderte bekommen nichts Vergleichbares zum Blindengeld. Würden die Sehenden wissen, wie viel Geld ein Blinder vom Staat erhält, ich bezweifle, ob die Sehenden noch so nett zu uns wären.
Und wie wird das eigentlich, wenn wir die Inklusion haben: Werden wir dann mit dem Schwerbehindertenausweis winken und für jeden Furz einen Rabatt fordern? Mit der Folge, dass die Anderen inklusive der Leute ohne Geld für uns mitbezahlen? Ist das die Solidarität, die wir einfordern? Das möchte ich zumindest nicht hoffen. Manchmal glaube ich, es würde den Blinden ganz gut tun, wenn sie eine Weile lang auf ihre Privilegien verzichten würden, wir sind zu verwöhnt von den Nachteilsausgleichen.
PS: Mir ist bewusst, dass mich Viele jetzt als Nestbeschmutzer abtun werden, aber die Zeit, wo Behinderte wegen ihrer Behinderung Welpenschutz genießen, ist vorbei. Nur mit Selbstkritik lässt sich eine Verbesserung herbei führen.

Online-Banking für Blinde

Bankingportal der Sparkasse KölnBonnInternet-Banking ist für Blinde optimal, da mittlerweile Vieles, was mit Bankgeschäften zu tun hat, digital abgewickelt werden kann. Leider darf man die Banking-Lösungen nicht vorher ausprobieren, so dass man oft ins kalte Wasser springen muss. Für Diejenigen, die ihre Bank wechseln oder ein neues Konto eröffnen möchten, habe ich hier einige Erfahrungen zusammengefasst.
Ich persönlich werde bis auf Weiteres meine Bankgeschäfte auf dem Rechner und nicht per Smartphone machen. Daher habe ich die Banking-Apps der Anbieter im Einzelnen nicht angeschaut.

Sparkasse KölnBonn

Mein erstes Girokonto habe ich vor gut 20 Jahren bei der Sparkasse Marburg eröffnet. Damals wussten wir noch nichts von online und die ständige Verfügbarkeit von Geld war nicht so wichtig. Später wechselte ich zur Sparkasse KölnBonn.
Der erste Versuch mit Online-Banking bei der Sparkasse KölnBonn war ein Reinfall. Es handelte sich um eine Textversion mit ein paar Formularelementen. Alles, was man tun konnte war Umsatzabfrage und Überweisungen. Noch dazu hatte die Lösung ständig mit Ausfällen zu kämpfen.
Ich wechselte also rüber zur klassischen Ansicht. Sie lässt sich bis heute gut bedienen, auch wenn die Strukturierung zu wünschen lässt. So gibt es keine Überschrift für den eigentlichen Inhaltsbereich. Ansonsten lassen sich aber alle wesentlichen Aufgaben wie Überweisungen, Daueraufträge oder Rückbuchungen blind erledigen.
Die Sparkasse hat vor einiger Zeit auf mTan oder ChipTAN umgestellt, womit die Tan-Listen obsolet wurden. Das mTan-Verfahren sollte für Blinde kein Problem sein. Dabei kriegt man eine Tan sowie die Transaktionsdaten aufs Handy geschickt und kann sie dort überprüfen, bevor man den Vorgang abschließt.
Das chipTAN-Verfahren ist auch für Blinde prinzipiell zugänglich, sofern sie keinen Flicker-Code vom Bildschirm abscannen müssen. Leider scheint es derzeit sage und schreibe ein einziges sprechendes chipTAN-Lesegerät zu geben, das schlappe 50 Euro kostet. Konventionelle Lesegeräte kosten zehn Euro. Der Preisunterschied erscheint mir in Zeiten von iPhone und Co. nicht mehr gerechtfertigt.
Ich habe mich trotzdem entschlossen, mein Konto bei der Sparkasse aufzulösen. Statt mir meine Kontoauszüge auf Dauer digital zur Verfügung zu stellen, besteht die Sparkasse darauf, mir selbige nach einer gewissen Zeit auf Papier zuzusenden – natürlich auf meine Kosten. Die elektronischen Kontoauszüge werden nach einigen Wochen gelöscht. Bei der Sparkasse hat man nicht verstanden, dass man solche Dinge heutzutage digital erledigen und nicht alle paar Wochen zum Auszugsautomaten rennen möchte. Dafür, dass sie mir die Kontoauszüge gegen meinen Willen ausgedruckt zusenden war ich allerdings nicht bereit, gut 50 Euro Gebühren pro Jahr zu zahlen. Bei der Sparkasse hat man offenbar nicht verstanden, was Kundenfreundlichkeit bedeutet.
Leider weiß ich nicht, ob es eine Standardlösung für alle Sparkassen gibt oder ob jede Sparkasse ihre eigene Lösung bastelt, von dem her lassen sich diese Erfahrungen nicht unbedingt auf andere Sparkassen übertragen.

Ing DiBa

Auch die Lösung der Ing DiBa funktioniert gut. Da es sich hier um eine Direktbank handelt, können fast alle Geschäfte übers Internet erledigt werden. Die Anmeldung läuft über Benutzername und Passwort, gefolgt von der Eingabe des DiBa-Keys, der über einen auf dem Bildschirm eingeblendeten Nummernblock eingegeben wird. Da es sich um HTML-Buttons handelt, die korrekt beschriftet sind, ist das blind kein Problem. Auch bei Banking selbst ergaben sich bisher keine Probleme. Die DiBa blendet im Internet-Banking den Rest der Website aus, was die Sparkasse nicht tut. Dadurch reduziert sich der Umfang der Bedienelemente, was nicht nur für Blinde eine große Erleichterung ist.
Leider verwendet die DiBa allerdings noch das Verfahren der indizierten Tans zur Autorisierung von Transaktionen. Das ist nicht wirklich barrierefrei. Zwar kann man sich die Tans natürlich digitalisieren, aber dann muss man sie an einem sicheren Platz aufheben, also nicht auf dem Computer, auf dem man das Banking betreibt. Ich hoffe allerdings, dass die DiBa irgendwann auf mTAN oder ein anderes Verfahren umstellt.
Zudem gibt es bei der DiBa eine Reihe unbeschrifteter Elemente. Deren Funktion kenne ich leider nicht, da ich sie natürlich nicht anklicke.

DKB

Die DKB bietet wie die DiBa ein kostenloses Girokonto. Auch hier lockt im Banking ein relativ schlichtes Interface. Im Banking konnte ich bisher keine Probleme feststellen.
Die DKB setzt für die Autorisierung auf eine eigene App, die im Prinzip nix anderes tut als eine TAN zu generieren. Man braucht also entweder einen chip-TAN-Generator oder ein halbwegs aktuelles Smart Device, um Bankgeschäfte über die DKB abzuwickeln.

commdirect

Die commdirect ist der dritte große Anbieter von Girokonten. Auch hier ist das Banking für Blinde problemlos möglich. Zusätzlich bietet sie Tools zur Vermögensverwaltung, die ich mangels vermögen nicht ausprobiert habe. commdirect setzt wie die DiBa auf das indizierte TAN-Verfahren, das scheint doch nicht so out zu sein, wie ich dachte.

Fazit

Trotz sehr unterschiedlicher Lösungen sind die hier genannten Anwendungen gut nutzbar. Insgesamt scheinen die Direktbanken mehr Energie in ein sauberes Interface zu stecken, das würde der Sparkasse KölnBonn auch gut anstehen. Wer das indizierte TAN-Verfahren für zu unsicher hält, sollte die DKB vorziehen. Ansonsten kann ich aber keine klare Empfehlung für die eine oder andere Bank abgeben.

Technik-Konservatismus unter Blinden

Immer wieder fällt mir auf, wie konservativ viele Blinde gegenüber Neuerungen im Technikbereich sind. Dieser Technik-Konservatismus, wie ich das Problem nennen möchte, behindert die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit.

Beispiel Windows

Ein Gutteil der hartnäckigen User von Windows XP dürften Blinde sein, die nicht updaten wollten oder konnten. Neulich klagte jemand auf unserer englischen NVDA-Liste darüber, dass man keine Rechner mit Windows XP mehr bekommen würde. In der deutschen Liste wurde mit haarsträubender Begründung empfohlen, Windows 7 zu nutzen, als ob es dafür noch halbwegs brauchbare Hardware gäbe. Windows 8 sei nur mit Classic Shell zu gebrauchen. Diese Anmerkung kam wohlgemerkt von jemandem, der im IT-Bereich arbeitet.
Zur Erinnerung, der Mainstream-Support für Win 7 ist Anfang 2015 eingestellt worden. Es ist äußerst zweifelhaft, dass MS jenseits des Unternehmensbereiches noch nennenswert Ressourcen für Win 7 aufwenden wird, zumal in der Zwischenzeit zwei aktuellere Systeme veröffentlicht wurden, die MS mit aller Gewalt in den Markt drücken möchte. Man mag von Win 8 und höher halten, was man möchte, sicher ist aber, dass die Sicherheitsarchitektur neurer Betriebssysteme deutlich besser ist, ein Punkt, der bei der Empfehlung von Win 7 außer Acht gelassen wird.
Noch geringer ist die Bereitschaft, neue Betriebssysteme wie Linux oder den Mac auszuprobieren. Zugegebenermaßen gibt es hierfür auch zu wenig Support in der Blinden-Community, in den Bildungs-Einrichtungen oder durch kommerzielle Hilfsmittelfirmen wird gleich gar keine Unterstützung angeboten.

Beispiel 2: Mailinglisten

Das Trauerspiel geht weiter bei Mailinglisten. Es gibt gefühlt 2000 Mailinglisten von Blinden zu allen möglichen Themen, aber kein einziges deutschsprachiges Forum oder Newsboard mit nennenswertem Zulauf.
Das ist okay, solange sich Blinde untereinander austauschen, das ist blöd, wenn man Sehende einbeziehen möchte. Für Sehende sind Mailinglisten chronisch unattraktiv. Viele Jüngere sind komplett auf WhatsApp, Tumblr oder andere Plattformen umgestiegen, deren Namen ich nicht mehr kenne – bin halt auch schon ein Oldie. Mailinglisten befördern ein wenig diese Einigelungs-Mentalität, die es vor allem unter älteren Blinden gibt.
Wo wir ohne Apple heute ständen, kann ich mir kaum vorstellen. Kein Facebook, kein WhatsApp, nur uralte Software und überteuerte Spezial-Handys mit eingeschränkter Funktionalität.

Screenreader

Ein echtes Hindernis sind veraltete Betriebssysteme, wenn auch noch veraltete Software wie alte Screenreader zum Einsatz kommen. Jaws 9 etwa läuft noch auf Windows XP, unterstützt aber kaum moderne Standards, das Programm ist halt schon zig Jahre alt. Dann muss man sich aber auch nicht darüber wundern, dass viele „modernere“ Anwendungen nicht mehr funktionieren. HTML5, ARIA und so weiter waren in Jaws 9 halt nicht vorgesehen.
Mein Angebot an einige Blinde, ihnen natürlich kostenlos beim Umstieg auf NVDA zu helfen ist undankend abgelehnt worden. Begründung war natürlich die Stimme von NVDA – die eSpeak. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Blinde keine Lust haben, umzulernen. Aus den gleichen Gründen wird auch der Umstieg auf das günstigere Window Eyes abgelehnt, das eine wesentlich humanere Update-Politik hat als Jaws.

Fazit

Ein veralteter Screenreader veraltete Betriebssysteme und Benutzeroberflächen verhindern natürlich auch, dass man an Neuerungen der Barrierefreiheit teilhaben kann. Ich bin mir sicher, dass die Letzten, die sich von Windows XP und 7 verabschieden Blinde sein werden, die nicht in der Lage waren upzudaten oder es nicht wollten. In diesem Fall müssen sie sich aber auch nicht darüber wundern, dass einige Anwendungen und neue Hardware nicht mehr bei ihnen funktionieren. Mein neues Epson Multifunktionsgerät zum Beispiel wurde von Win 10 problemlos erkannt und installiert, während ich auf meinem Win-7-Desktop-Rechner die Treiber manuell nachinstallieren musste. Ich bezweifle aber ehrlich gesagt, dass die iPhone-Generation solche Probleme erkennen geschweige denn beheben könnte.
Wir sind ein wenig an einem toten Punkt angekommen, was die Weiterentwicklung der Desktop-Betriebssysteme angeht. Ich habe ja den direkten Vergleich mit Office 2003 und 2013 und muss sagen, dass sich da bezüglich Barrierefreiheit nicht mehr viel getan hat. Es ist immer noch schwierig, Word oder PowerPoint daran zu hindern, seltsame Schrift-Formatierungen oder Einrückungen in den Text zu machen. Für Blinde ist das unsichtbar, für Sehende sieht das schlicht unprofessionell aus. Schlimmer ist in meinen Augen, dass die Bedienung mit den Ribbons noch ein wenig hakeliger geworden ist und einige Bereiche immer noch nicht vernünftig zugänglich sind. Hat es jemand von euch hinbekommen, vernünftig mit Revisionen eines Dokumentes, also Änderungen nachzuverfolgen, die jemand anderes gemacht hat? Wenn ja, freue ich mich über Tipps. Für mich ist das sowohl mit Jaws als auch mit NVDA ein echter Krampf.
Im Ergebnis heißt das, dass wir nach Alternativen zu den heute gängigen Systemen suchen müssen. Das erfordert aber auch die Bereitschaft, umzulernen.

Windows 10 für Blinde – ein erstes Fazit

Nachdem mein Notebook mich mit einem Update auf Windows 10 zwangsbeglückt hat, möchte ich ein erstes Fazit ziehen.
Vorneweg sei gesagt, dass Win 10 mit der aktuellen Version von NVDA 15.3 gut zu bedienen ist. Ich konnte bislang nur wenige Probleme feststellen. Der Browser Edge ist nur rudimentär zugänglich, aber das Problem ist bekannt. Das Startmenü bedient sich ein wenig holprig, aber das sind die typischen Macken von Windows. Als Blinder sollte man das Update nicht alleine durchführen, da NVDA während der Installation nicht spricht. Da das Update einige Zeit in Anspruch nimmt, kann man nicht wissen, wann das Update fertiggestellt ist. Bei der Einrichtung und Erst-Anmeldung steht NVDA nicht zur Verfügung. Hier sollte man mit Windows + Return den Narrator starten und die nötigen Schritte so durchlaufen.

Barrierefreiheit

Was immer Microsoft mit seinem neuen OS im Sinne hatte, Barrierefreiheit hatte keine hohe Priorität. Viele Blinde hatten darauf gehofft, dass der Narrator weiterentwickelt werden würde, doch Microsoft scheint nach dem Deal mit Window Eyes kein Interesse daran zu haben, das Thema weiter zu verfolgen. Im Center für erleichterte Bedienung ist nichts zu entdecken, dass es in Windows 8 nicht schon gegeben hätte.
So gab es ab Windows 8 den rudimentären Screenreader Narrator sowie eine deutsche Sprachausgabe. Die Spracheingabe war recht brauchbar, die Bildschirm-Lupe war recht gut und lief auch, wenn man nicht das Windows-Standardlayout verwendet hat. Cortana mag für Menschen mit Bewegungseinschränkung Vorteile haben, ist aber laut CT bislang auf Deutsch nicht brauchbar.
An einigen Stellen macht MS Rückschritte. Der Browser Edge ist mit NVDA nur rudimentär zugänglich, in Office 2013 gibt es einige Bereiche, die mit NVDA nicht erreichbar sind, zum Beispiel das Menü zur Hinterlegung von Alternativtexten für Bilder in Word.
Was nervt sind auch die vielen Kleinigkeiten, die nicht mehr wie gewohnt funktionieren. So habe ich in Win 8 immer per Alt-Tab in den Desktop gewechselt, um Informationen aus der Taskleiste wie den Energiestand oder W-Lan auszulesen und zu ändern, geht nicht mehr, der Desktop ist per Alt Tab nicht mehr erreichbar. Die Liste der verfügbaren W-Lans ist nicht mehr per Cursor-Tasten durchgehbar, sondern nur noch per Tab. Verschiedene Schalter oder Links im System lassen sich nur noch per Return und nicht per Leertaste aktivieren. So zwingt MS den Nutzer immer wieder, tradierte Arbeitsabläufe umzustellen, das hält jung und frisch.

Die Oberfläche

Für Blinde hat sich an der Bedienoberfläche nicht so viel getan. Das Startmenü aus Win 7 ist zurückgekehrt und bildet jetzt einen Zwitter mit der Kacheloberfläche von Win 8. Da ich die Live-Kacheln nie genutzt habe und das auch nicht plane, habe ich Beides ignoriert. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, einfach den Namen des Programmes einzutippen, das ist für mich die schnellste Arbeitsweise.

Einstellung – wo bist du?

So lobenswert ich den Versuch finde, ein Betriebssystem für alle Einsatzzwecke zu etablieren, so sehr mißlingt es Microsoft, dies adequat umzusetzen. Es gibt zum Beispiel mindestens zwei Stellen für Einstellungen: die altbekannte Systemsteuerung und die für Mobilgeräte optimierten System-Einstellungen. Das gibt es Win 8 und man muss daran zweifeln, dass Microsoft Usability-Experten beschäftigt, wenn sie das nicht nach so langer Zeit in den Griff bekommen.
Anderes Beispiel: Es ist mir nur einmal gelungen, mein Bluetooth-Headset mit dem Notebook zu koppeln. Als ich es später koppeln wollte, gelang es mir nicht mehr. Das ist bei anderen mobilen Betriebssystemen eine Standard-Einstellung. Ich habe es dann einfach gelöscht und neu erkennen lassen. Ein ähnliches Problem tritt mit Bluetooth-Braillezeilen auf, Geräte, die weder unter iOS noch unter Android Probleme machen.
Ein stetiges Ärgernis bei wirklich allen Microsoft-Betriebssystemen ist der ständige Ressourcenhunger. Wenn Windows 8 auf einen brandneuen Mitteklasse-Laptop zu langsam ist, gibt es dafür keine Entschuldigung. Zwar hat Microsoft Tools wie die Ressourcen-Übersicht entwickelt, die einem sagen sollen, was besonders viel Rechenleistung kostet. Das war es aber auch. Mit ein paar Ausnahmen wie der Defragmentierung im Hintergrund muss man das System immer noch mit externen Tools wie CCleaner aufräummen, wenn man halbwegs ungestört arbeiten möchte. Wie man so ein System auf Geräten mit geringen Ressourcen betreiben möchte, muss Microsoft noch zeigen.

Fazit: Muss man nicht haben

Was die Barrierefreiheit angeht, bietet Win 10 im Augenblick keinerlei Mehrwert gegenüber Win 8. Man scheint dieses Feld kampflos Apple überlassen zu wollen. Die mangelnde Zugänglichkeit von Edge ist – um das mal klar zu sagen – ein Schlag ins Gesicht der Blinden-Community. Das Thema Barrierefreiheit steht ja nicht erst seit gestern auf der Agenda und es ist nicht nachvollziehbar, warum Microsoft das nicht berücksichtigt hat, die einzige Erklärung ist, dass es ihnen nicht wichtig genug war.
Was mich angeht, gebe ich Microsoft auf. Früher habe ich mich in der Diskussion Windows vs. Mac immer auf die Seite von MS geschlagen, das ist jetzt vorbei. Ein Betriebssystem ist wie ein Haus, wenn man keinen Blödsinn anstellt, sollte es seinen Dienst tun und dadurch auffallen, dass es nicht auffällt. Bei MS hat man das nie begriffen. Es nimmt einem Dinge aus der Hand, die man selbst bestimmen möchte: Wenn es etwa mitten in der Arbeit für Updates neu startet. Ein nicht einfach abstellbares Update auf ein neues Betriebssystem würde nicht einmal Apple seinen Nutzern zumuten.
Es überlässt einem Dinge wie das Aufräumen der Festplatte, die man sicher nicht tun möchte. Über das Thema Datenschutz haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sehe das aus vielen Gründen lockerer als viele Andere, die Gründe möchte ich hier nicht ausführen. Klar ist aber, dass man eine zentrale Stelle benötigt, an der man solche Einstellungen treffen kann.
Für mich ist Win 10 das, was für viele Win 8 war, ein großer Wurf, der leider daneben ging. Man kann es nutzen, man kann es aber auch lassen.