Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Tipp für Screenreader-Nutzer: Ungestört am Arbeitsplatz

Die Blinden kennen das sicherlich, da versucht man, im Büro oder im Zug zu arbeiten und pausenlos quatscht jemand im Hintergrund herum. Ich kann relativ gut Alltagsgeräusche wie normalen Verkehrslärm oder das undifferenzierte Grundrauschen eines Mittagstisches ausblenden, solange ich nicht direkt daneben sitze. Aber sobald jemand etwas sagt, was ich verstehen kann, bin ich automatisch abgelenkt.
Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert: Schallisolierende Ohrhörer waren nicht ausreichend. Schallisolierende Übers-Ohr-Kopfhörer waren mir zu teuer. Ohropax sind ungeeignet, da sie den Screenreader zu stark dämpfen. Dann gibt es noch die Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung. Die scheinen aber eher für gleichmäßige Geräusche geeignet. Allerdings war mir der Preis zu hoch, um sie einfach mal auszuprobieren. Um nur mit der Braillezeile zu arbeiten, bin ich zu langsam.
Letztlich bin ich bei einem einfachen Gehörschutz gelandet. Er kostet im Baumarkt etwa 20 Euro.
Der Gehörschutz sieht aus wie ein großer Kopfhörer ohne Kabel. Der Bügel bewirkt, dass die Muscheln sehr stark auf das Ohr gedrückt werden. Wenn man ihn richtig aufsetzt, ist das kein Problem. Wenn man es falsch macht, tut es tierisch weh.
Die Hauptfunktion besteht darin, dass er das Ohr isoliert, so dass der Schall das Ohr nicht erreicht. Es ist nicht so, dass man nichts mehr hört, es sei denn, man befindet sich ohnehin in einer sehr leisen Umgebung. Man hört lautere Geräusche gedämpft. Man hört zum Beispiel, dass jemand redet, versteht aber nicht, was er sagt. Professioneller Ohrenschutz dämpft wahrscheinlich stärker, da ich mein Büro aber nicht neben dem Preßlufthammer betreibe, reicht mir der günstige Gehörschutz.
Ganz unproblematisch ist das aber auch nicht. Man kriegt eventuell nicht mit, wenn man angesprochen wird. Man hat zwar Ruhe vor dem üblichen Lärm einer Zugfahrt im Regionalzug am Wochenende, kriegt aber auch die Durchsagen im Zug nicht mit.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass man keine Kopfhörer mit dem Gehörschutz verwenden kann. Liegt der Gehörschutz nicht direkt auf dem Ohr, ist er relativ wirkungslos. Man muss also Ohrhörer verwenden.
Ansonsten ist das aber eine gute Lösung. Man muss den Gehörschutz auch nicht immer tragen, sondern nur dann, wenn es tatsächlich laut ist.

Die Kostenlos-Mentalität unter Blinden

Neulich saß ich mit einer Freundin in einem Marburger Café und wir unterhielten uns über Bahnfahrten. Ich erzählte ihr, dass ich im Zug das Ticket für Hin- und Rückfahrt gekauft hätte – es ging um einen Fernzug. Darauf meinte sie, sie würde das Ticket erst bei der jeweiligen Fahrt kaufen. Drei Mal dürft ihr raten, welchen Grund sie angab: Sie hoffte, durch die Ticketkontrolle durchzuschlüpfen.
Zur Erklärung für meine Sehenden Leser: Inhaber eines Schwerbehindertenausweises dürfen ihre Tickets im Fernzügen – für den Nahverkehr brauchen sie keins – zuschlagsfrei im Zug kaufen. Scheiß drauf, dass der Spaß den Schaffner gut fünf Minuten kosten, die er vielleicht gern anders verbringen wollen würde.
Nun, das konnte ich in gewisser Weise noch nachvollziehen, das Mädel ist arbeitslos und deshalb verzieh ich ihr auch die Peinlichkeit, dass sie weder im Café noch in der Pizzaria Trinkgeld gegeben hat. Das erinnerte mich allerdings an eine andere Freundin, die gut verdient und es ebenso macht – also das mit den Tickets.
Nun mag man sagen, dass ich mich mit den falschen Leuten umgeben habe, doch die Geschichte ist nicht zu Ende. In unserer Facebook-Gruppe fragte ein Blinder, ob man als Blinder kostenlos in Nachtclubs kommen könnte. Der Tenor war, versuch es, mehr als ablehnen können sie nicht.
Nun will ich mich nicht im Detail mit solchen Angelegenheiten beschäftigen, aber es zeigt fatal, welche Mentalität viele Blinde in Deutschland haben. Man findet es also in Ordnung, wenn alle anderen Clubbesucher inklusive sehender Freunde – so man sie denn hat – für einen mitbezahlen. Ich habe dann frech gefragt, ob er auch im Restaurant umsonst essen und im Supermarkt umsonst einkaufen möchte. Ich glaube, aus der Gruppe bin ich jetzt rausgeflogen.
Dahinter steht wohl die Einstellung, dass einem die Gesellschaft etwas schulde, weil man blind ist. Frei nach dem Motto „Ich bin blind, deshalb ist das okay, wenn ich mich durchschnorre“.
Man findet es auch in Ordnung, schwarz zu fahren – nichts anderes ist das Fahren ohne gültigen Fahrschein – und es ist also kein Problem, dass alle anderen Mitfahrer für einen mitbezahlen. Das sind übrigens die gleichen Personen, die sich jedes Jahr das neueste iPhone zulegen, warum sie das nicht umsonst haben wollen, habe ich noch nicht herausgefunden. Obwohl – es gibt auch regelmäßig die Frage, ob die Krankenkasse ein iPhone bezahlt.
Manchmal glaube ich, dass es den Blinden in Deutschland zu gut geht. Gehörlose und andere Behinderte bekommen nichts Vergleichbares zum Blindengeld. Würden die Sehenden wissen, wie viel Geld ein Blinder vom Staat erhält, ich bezweifle, ob die Sehenden noch so nett zu uns wären.
Und wie wird das eigentlich, wenn wir die Inklusion haben: Werden wir dann mit dem Schwerbehindertenausweis winken und für jeden Furz einen Rabatt fordern? Mit der Folge, dass die Anderen inklusive der Leute ohne Geld für uns mitbezahlen? Ist das die Solidarität, die wir einfordern? Das möchte ich zumindest nicht hoffen. Manchmal glaube ich, es würde den Blinden ganz gut tun, wenn sie eine Weile lang auf ihre Privilegien verzichten würden, wir sind zu verwöhnt von den Nachteilsausgleichen.
PS: Mir ist bewusst, dass mich Viele jetzt als Nestbeschmutzer abtun werden, aber die Zeit, wo Behinderte wegen ihrer Behinderung Welpenschutz genießen, ist vorbei. Nur mit Selbstkritik lässt sich eine Verbesserung herbei führen.

Online-Banking für Blinde

Bankingportal der Sparkasse KölnBonnInternet-Banking ist für Blinde optimal, da mittlerweile Vieles, was mit Bankgeschäften zu tun hat, digital abgewickelt werden kann. Leider darf man die Banking-Lösungen nicht vorher ausprobieren, so dass man oft ins kalte Wasser springen muss. Für Diejenigen, die ihre Bank wechseln oder ein neues Konto eröffnen möchten, habe ich hier einige Erfahrungen zusammengefasst.
Ich persönlich werde bis auf Weiteres meine Bankgeschäfte auf dem Rechner und nicht per Smartphone machen. Daher habe ich die Banking-Apps der Anbieter im Einzelnen nicht angeschaut.

Sparkasse KölnBonn

Mein erstes Girokonto habe ich vor gut 20 Jahren bei der Sparkasse Marburg eröffnet. Damals wussten wir noch nichts von online und die ständige Verfügbarkeit von Geld war nicht so wichtig. Später wechselte ich zur Sparkasse KölnBonn.
Der erste Versuch mit Online-Banking bei der Sparkasse KölnBonn war ein Reinfall. Es handelte sich um eine Textversion mit ein paar Formularelementen. Alles, was man tun konnte war Umsatzabfrage und Überweisungen. Noch dazu hatte die Lösung ständig mit Ausfällen zu kämpfen.
Ich wechselte also rüber zur klassischen Ansicht. Sie lässt sich bis heute gut bedienen, auch wenn die Strukturierung zu wünschen lässt. So gibt es keine Überschrift für den eigentlichen Inhaltsbereich. Ansonsten lassen sich aber alle wesentlichen Aufgaben wie Überweisungen, Daueraufträge oder Rückbuchungen blind erledigen.
Die Sparkasse hat vor einiger Zeit auf mTan oder ChipTAN umgestellt, womit die Tan-Listen obsolet wurden. Das mTan-Verfahren sollte für Blinde kein Problem sein. Dabei kriegt man eine Tan sowie die Transaktionsdaten aufs Handy geschickt und kann sie dort überprüfen, bevor man den Vorgang abschließt.
Das chipTAN-Verfahren ist auch für Blinde prinzipiell zugänglich, sofern sie keinen Flicker-Code vom Bildschirm abscannen müssen. Leider scheint es derzeit sage und schreibe ein einziges sprechendes chipTAN-Lesegerät zu geben, das schlappe 50 Euro kostet. Konventionelle Lesegeräte kosten zehn Euro. Der Preisunterschied erscheint mir in Zeiten von iPhone und Co. nicht mehr gerechtfertigt.
Ich habe mich trotzdem entschlossen, mein Konto bei der Sparkasse aufzulösen. Statt mir meine Kontoauszüge auf Dauer digital zur Verfügung zu stellen, besteht die Sparkasse darauf, mir selbige nach einer gewissen Zeit auf Papier zuzusenden – natürlich auf meine Kosten. Die elektronischen Kontoauszüge werden nach einigen Wochen gelöscht. Bei der Sparkasse hat man nicht verstanden, dass man solche Dinge heutzutage digital erledigen und nicht alle paar Wochen zum Auszugsautomaten rennen möchte. Dafür, dass sie mir die Kontoauszüge gegen meinen Willen ausgedruckt zusenden war ich allerdings nicht bereit, gut 50 Euro Gebühren pro Jahr zu zahlen. Bei der Sparkasse hat man offenbar nicht verstanden, was Kundenfreundlichkeit bedeutet.
Leider weiß ich nicht, ob es eine Standardlösung für alle Sparkassen gibt oder ob jede Sparkasse ihre eigene Lösung bastelt, von dem her lassen sich diese Erfahrungen nicht unbedingt auf andere Sparkassen übertragen.

Ing DiBa

Auch die Lösung der Ing DiBa funktioniert gut. Da es sich hier um eine Direktbank handelt, können fast alle Geschäfte übers Internet erledigt werden. Die Anmeldung läuft über Benutzername und Passwort, gefolgt von der Eingabe des DiBa-Keys, der über einen auf dem Bildschirm eingeblendeten Nummernblock eingegeben wird. Da es sich um HTML-Buttons handelt, die korrekt beschriftet sind, ist das blind kein Problem. Auch bei Banking selbst ergaben sich bisher keine Probleme. Die DiBa blendet im Internet-Banking den Rest der Website aus, was die Sparkasse nicht tut. Dadurch reduziert sich der Umfang der Bedienelemente, was nicht nur für Blinde eine große Erleichterung ist.
Leider verwendet die DiBa allerdings noch das Verfahren der indizierten Tans zur Autorisierung von Transaktionen. Das ist nicht wirklich barrierefrei. Zwar kann man sich die Tans natürlich digitalisieren, aber dann muss man sie an einem sicheren Platz aufheben, also nicht auf dem Computer, auf dem man das Banking betreibt. Ich hoffe allerdings, dass die DiBa irgendwann auf mTAN oder ein anderes Verfahren umstellt.
Zudem gibt es bei der DiBa eine Reihe unbeschrifteter Elemente. Deren Funktion kenne ich leider nicht, da ich sie natürlich nicht anklicke.

DKB

Die DKB bietet wie die DiBa ein kostenloses Girokonto. Auch hier lockt im Banking ein relativ schlichtes Interface. Im Banking konnte ich bisher keine Probleme feststellen.
Die DKB setzt für die Autorisierung auf eine eigene App, die im Prinzip nix anderes tut als eine TAN zu generieren. Man braucht also entweder einen chip-TAN-Generator oder ein halbwegs aktuelles Smart Device, um Bankgeschäfte über die DKB abzuwickeln.

commdirect

Die commdirect ist der dritte große Anbieter von Girokonten. Auch hier ist das Banking für Blinde problemlos möglich. Zusätzlich bietet sie Tools zur Vermögensverwaltung, die ich mangels vermögen nicht ausprobiert habe. commdirect setzt wie die DiBa auf das indizierte TAN-Verfahren, das scheint doch nicht so out zu sein, wie ich dachte.

Fazit

Trotz sehr unterschiedlicher Lösungen sind die hier genannten Anwendungen gut nutzbar. Insgesamt scheinen die Direktbanken mehr Energie in ein sauberes Interface zu stecken, das würde der Sparkasse KölnBonn auch gut anstehen. Wer das indizierte TAN-Verfahren für zu unsicher hält, sollte die DKB vorziehen. Ansonsten kann ich aber keine klare Empfehlung für die eine oder andere Bank abgeben.

Technik-Konservatismus unter Blinden

Immer wieder fällt mir auf, wie konservativ viele Blinde gegenüber Neuerungen im Technikbereich sind. Dieser Technik-Konservatismus, wie ich das Problem nennen möchte, behindert die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit.

Beispiel Windows

Ein Gutteil der hartnäckigen User von Windows XP dürften Blinde sein, die nicht updaten wollten oder konnten. Neulich klagte jemand auf unserer englischen NVDA-Liste darüber, dass man keine Rechner mit Windows XP mehr bekommen würde. In der deutschen Liste wurde mit haarsträubender Begründung empfohlen, Windows 7 zu nutzen, als ob es dafür noch halbwegs brauchbare Hardware gäbe. Windows 8 sei nur mit Classic Shell zu gebrauchen. Diese Anmerkung kam wohlgemerkt von jemandem, der im IT-Bereich arbeitet.
Zur Erinnerung, der Mainstream-Support für Win 7 ist Anfang 2015 eingestellt worden. Es ist äußerst zweifelhaft, dass MS jenseits des Unternehmensbereiches noch nennenswert Ressourcen für Win 7 aufwenden wird, zumal in der Zwischenzeit zwei aktuellere Systeme veröffentlicht wurden, die MS mit aller Gewalt in den Markt drücken möchte. Man mag von Win 8 und höher halten, was man möchte, sicher ist aber, dass die Sicherheitsarchitektur neurer Betriebssysteme deutlich besser ist, ein Punkt, der bei der Empfehlung von Win 7 außer Acht gelassen wird.
Noch geringer ist die Bereitschaft, neue Betriebssysteme wie Linux oder den Mac auszuprobieren. Zugegebenermaßen gibt es hierfür auch zu wenig Support in der Blinden-Community, in den Bildungs-Einrichtungen oder durch kommerzielle Hilfsmittelfirmen wird gleich gar keine Unterstützung angeboten.

Beispiel 2: Mailinglisten

Das Trauerspiel geht weiter bei Mailinglisten. Es gibt gefühlt 2000 Mailinglisten von Blinden zu allen möglichen Themen, aber kein einziges deutschsprachiges Forum oder Newsboard mit nennenswertem Zulauf.
Das ist okay, solange sich Blinde untereinander austauschen, das ist blöd, wenn man Sehende einbeziehen möchte. Für Sehende sind Mailinglisten chronisch unattraktiv. Viele Jüngere sind komplett auf WhatsApp, Tumblr oder andere Plattformen umgestiegen, deren Namen ich nicht mehr kenne – bin halt auch schon ein Oldie. Mailinglisten befördern ein wenig diese Einigelungs-Mentalität, die es vor allem unter älteren Blinden gibt.
Wo wir ohne Apple heute ständen, kann ich mir kaum vorstellen. Kein Facebook, kein WhatsApp, nur uralte Software und überteuerte Spezial-Handys mit eingeschränkter Funktionalität.

Screenreader

Ein echtes Hindernis sind veraltete Betriebssysteme, wenn auch noch veraltete Software wie alte Screenreader zum Einsatz kommen. Jaws 9 etwa läuft noch auf Windows XP, unterstützt aber kaum moderne Standards, das Programm ist halt schon zig Jahre alt. Dann muss man sich aber auch nicht darüber wundern, dass viele „modernere“ Anwendungen nicht mehr funktionieren. HTML5, ARIA und so weiter waren in Jaws 9 halt nicht vorgesehen.
Mein Angebot an einige Blinde, ihnen natürlich kostenlos beim Umstieg auf NVDA zu helfen ist undankend abgelehnt worden. Begründung war natürlich die Stimme von NVDA – die eSpeak. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Blinde keine Lust haben, umzulernen. Aus den gleichen Gründen wird auch der Umstieg auf das günstigere Window Eyes abgelehnt, das eine wesentlich humanere Update-Politik hat als Jaws.

Fazit

Ein veralteter Screenreader veraltete Betriebssysteme und Benutzeroberflächen verhindern natürlich auch, dass man an Neuerungen der Barrierefreiheit teilhaben kann. Ich bin mir sicher, dass die Letzten, die sich von Windows XP und 7 verabschieden Blinde sein werden, die nicht in der Lage waren upzudaten oder es nicht wollten. In diesem Fall müssen sie sich aber auch nicht darüber wundern, dass einige Anwendungen und neue Hardware nicht mehr bei ihnen funktionieren. Mein neues Epson Multifunktionsgerät zum Beispiel wurde von Win 10 problemlos erkannt und installiert, während ich auf meinem Win-7-Desktop-Rechner die Treiber manuell nachinstallieren musste. Ich bezweifle aber ehrlich gesagt, dass die iPhone-Generation solche Probleme erkennen geschweige denn beheben könnte.
Wir sind ein wenig an einem toten Punkt angekommen, was die Weiterentwicklung der Desktop-Betriebssysteme angeht. Ich habe ja den direkten Vergleich mit Office 2003 und 2013 und muss sagen, dass sich da bezüglich Barrierefreiheit nicht mehr viel getan hat. Es ist immer noch schwierig, Word oder PowerPoint daran zu hindern, seltsame Schrift-Formatierungen oder Einrückungen in den Text zu machen. Für Blinde ist das unsichtbar, für Sehende sieht das schlicht unprofessionell aus. Schlimmer ist in meinen Augen, dass die Bedienung mit den Ribbons noch ein wenig hakeliger geworden ist und einige Bereiche immer noch nicht vernünftig zugänglich sind. Hat es jemand von euch hinbekommen, vernünftig mit Revisionen eines Dokumentes, also Änderungen nachzuverfolgen, die jemand anderes gemacht hat? Wenn ja, freue ich mich über Tipps. Für mich ist das sowohl mit Jaws als auch mit NVDA ein echter Krampf.
Im Ergebnis heißt das, dass wir nach Alternativen zu den heute gängigen Systemen suchen müssen. Das erfordert aber auch die Bereitschaft, umzulernen.

Windows 10 für Blinde – ein erstes Fazit

Nachdem mein Notebook mich mit einem Update auf Windows 10 zwangsbeglückt hat, möchte ich ein erstes Fazit ziehen.
Vorneweg sei gesagt, dass Win 10 mit der aktuellen Version von NVDA 15.3 gut zu bedienen ist. Ich konnte bislang nur wenige Probleme feststellen. Der Browser Edge ist nur rudimentär zugänglich, aber das Problem ist bekannt. Das Startmenü bedient sich ein wenig holprig, aber das sind die typischen Macken von Windows. Als Blinder sollte man das Update nicht alleine durchführen, da NVDA während der Installation nicht spricht. Da das Update einige Zeit in Anspruch nimmt, kann man nicht wissen, wann das Update fertiggestellt ist. Bei der Einrichtung und Erst-Anmeldung steht NVDA nicht zur Verfügung. Hier sollte man mit Windows + Return den Narrator starten und die nötigen Schritte so durchlaufen.

Barrierefreiheit

Was immer Microsoft mit seinem neuen OS im Sinne hatte, Barrierefreiheit hatte keine hohe Priorität. Viele Blinde hatten darauf gehofft, dass der Narrator weiterentwickelt werden würde, doch Microsoft scheint nach dem Deal mit Window Eyes kein Interesse daran zu haben, das Thema weiter zu verfolgen. Im Center für erleichterte Bedienung ist nichts zu entdecken, dass es in Windows 8 nicht schon gegeben hätte.
So gab es ab Windows 8 den rudimentären Screenreader Narrator sowie eine deutsche Sprachausgabe. Die Spracheingabe war recht brauchbar, die Bildschirm-Lupe war recht gut und lief auch, wenn man nicht das Windows-Standardlayout verwendet hat. Cortana mag für Menschen mit Bewegungseinschränkung Vorteile haben, ist aber laut CT bislang auf Deutsch nicht brauchbar.
An einigen Stellen macht MS Rückschritte. Der Browser Edge ist mit NVDA nur rudimentär zugänglich, in Office 2013 gibt es einige Bereiche, die mit NVDA nicht erreichbar sind, zum Beispiel das Menü zur Hinterlegung von Alternativtexten für Bilder in Word.
Was nervt sind auch die vielen Kleinigkeiten, die nicht mehr wie gewohnt funktionieren. So habe ich in Win 8 immer per Alt-Tab in den Desktop gewechselt, um Informationen aus der Taskleiste wie den Energiestand oder W-Lan auszulesen und zu ändern, geht nicht mehr, der Desktop ist per Alt Tab nicht mehr erreichbar. Die Liste der verfügbaren W-Lans ist nicht mehr per Cursor-Tasten durchgehbar, sondern nur noch per Tab. Verschiedene Schalter oder Links im System lassen sich nur noch per Return und nicht per Leertaste aktivieren. So zwingt MS den Nutzer immer wieder, tradierte Arbeitsabläufe umzustellen, das hält jung und frisch.

Die Oberfläche

Für Blinde hat sich an der Bedienoberfläche nicht so viel getan. Das Startmenü aus Win 7 ist zurückgekehrt und bildet jetzt einen Zwitter mit der Kacheloberfläche von Win 8. Da ich die Live-Kacheln nie genutzt habe und das auch nicht plane, habe ich Beides ignoriert. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, einfach den Namen des Programmes einzutippen, das ist für mich die schnellste Arbeitsweise.

Einstellung – wo bist du?

So lobenswert ich den Versuch finde, ein Betriebssystem für alle Einsatzzwecke zu etablieren, so sehr mißlingt es Microsoft, dies adequat umzusetzen. Es gibt zum Beispiel mindestens zwei Stellen für Einstellungen: die altbekannte Systemsteuerung und die für Mobilgeräte optimierten System-Einstellungen. Das gibt es Win 8 und man muss daran zweifeln, dass Microsoft Usability-Experten beschäftigt, wenn sie das nicht nach so langer Zeit in den Griff bekommen.
Anderes Beispiel: Es ist mir nur einmal gelungen, mein Bluetooth-Headset mit dem Notebook zu koppeln. Als ich es später koppeln wollte, gelang es mir nicht mehr. Das ist bei anderen mobilen Betriebssystemen eine Standard-Einstellung. Ich habe es dann einfach gelöscht und neu erkennen lassen. Ein ähnliches Problem tritt mit Bluetooth-Braillezeilen auf, Geräte, die weder unter iOS noch unter Android Probleme machen.
Ein stetiges Ärgernis bei wirklich allen Microsoft-Betriebssystemen ist der ständige Ressourcenhunger. Wenn Windows 8 auf einen brandneuen Mitteklasse-Laptop zu langsam ist, gibt es dafür keine Entschuldigung. Zwar hat Microsoft Tools wie die Ressourcen-Übersicht entwickelt, die einem sagen sollen, was besonders viel Rechenleistung kostet. Das war es aber auch. Mit ein paar Ausnahmen wie der Defragmentierung im Hintergrund muss man das System immer noch mit externen Tools wie CCleaner aufräummen, wenn man halbwegs ungestört arbeiten möchte. Wie man so ein System auf Geräten mit geringen Ressourcen betreiben möchte, muss Microsoft noch zeigen.

Fazit: Muss man nicht haben

Was die Barrierefreiheit angeht, bietet Win 10 im Augenblick keinerlei Mehrwert gegenüber Win 8. Man scheint dieses Feld kampflos Apple überlassen zu wollen. Die mangelnde Zugänglichkeit von Edge ist – um das mal klar zu sagen – ein Schlag ins Gesicht der Blinden-Community. Das Thema Barrierefreiheit steht ja nicht erst seit gestern auf der Agenda und es ist nicht nachvollziehbar, warum Microsoft das nicht berücksichtigt hat, die einzige Erklärung ist, dass es ihnen nicht wichtig genug war.
Was mich angeht, gebe ich Microsoft auf. Früher habe ich mich in der Diskussion Windows vs. Mac immer auf die Seite von MS geschlagen, das ist jetzt vorbei. Ein Betriebssystem ist wie ein Haus, wenn man keinen Blödsinn anstellt, sollte es seinen Dienst tun und dadurch auffallen, dass es nicht auffällt. Bei MS hat man das nie begriffen. Es nimmt einem Dinge aus der Hand, die man selbst bestimmen möchte: Wenn es etwa mitten in der Arbeit für Updates neu startet. Ein nicht einfach abstellbares Update auf ein neues Betriebssystem würde nicht einmal Apple seinen Nutzern zumuten.
Es überlässt einem Dinge wie das Aufräumen der Festplatte, die man sicher nicht tun möchte. Über das Thema Datenschutz haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sehe das aus vielen Gründen lockerer als viele Andere, die Gründe möchte ich hier nicht ausführen. Klar ist aber, dass man eine zentrale Stelle benötigt, an der man solche Einstellungen treffen kann.
Für mich ist Win 10 das, was für viele Win 8 war, ein großer Wurf, der leider daneben ging. Man kann es nutzen, man kann es aber auch lassen.

Die perfekte Shopping-App für Blinde

Ich liebe es, mich durch den Supermarkt zu wühlen, um Produkte zu finden, die ich noch nicht kenne. Mit meinem geringen Sehrest ist das leider schwierig und zeitaufwändig. Ich muss jedes Produkt in die Hand nehmen und wenn ich nicht an der Verpackung erkenne, was es ist, muss ich nach der Beschriftung suchen, die oft zu klein oder zu kontrastarm ist, um sie vernünftig zu lesen. Das führt mich zu meinen Überlegungen zur perfekten Shopping-App für Blinde.
Die bisherigen Lösungen basieren darauf, den Barcode zu scannen. Das kann man mit speziellen Geräten oder dem Smartphone machen. Das mag okay sein, wenn man nur wissen möchte, ob das Kamillentee oder Pfefferminztee ist, aber niemand wird ernsthaft eine große Shopping-Tour damit machen. Schließlich muss jedes Produkt in die Hand genommen und der Strichcode gefunden werden, der sich bekanntermaßen nicht erfühlen lässt.
Untechnisch kann man eine Einkaufshilfe oder die beste Freundin mitschleppen, aber selbst der geduldigsten Person dürfte bald die Geduld ausgehen, wenn man sich im supermarkt herumtreibt. Die Ausnahme sind vielleicht noch Frauen, die tatsächlich Kleider shoppen gehen.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Echtzeit-Erkennung von Objekten. Das halte ich trotz der Fortschritte in diesem Bereich aktuell nicht für realistisch. Die Latenz, also die Wartezeit zwischen Fokussierung des Objektes und deren Erkennung ist zu hoch. Es gibt außerdem zu viele ähnliche Produkte mit zu vielen unterschiedlichen Informationen.
Die Lösung ist recht simpel. Das Smartphone muss die Produkte bereits erkennen, wenn sie mit der Kamera fokussiert werden. Klingt kompliziert, ist aber keine große Geschichte.
Via MFC oder RFID müssten entweder die Produkte selbst oder zumindest die Beschilderungen an den Regalen mit einem Sender ausgestattet werden. Das Smartphone empfängt die Signale und ruft die passenden Infos ab: Produktname, Preis, Zutaten und das ganze Pipapo. Aufgrund der engen Platzierung der Produkte muss natürlich sichergestellt sein, dass dir richtigen Informationen zum fokussierten Produkt ausgegeben werden.
Am einfachsten wäre es, wenn der Supermarkt die Infos direkt per W-Lan bereit stellt, dann muss keine komplette Datenbank auf dem Smartphone landen und die Latenz durch Internet-Zugriffe wird minimiert. Um halbwegs komfortabel zu sein muss das Ganze in Echtzeit ablaufen, das heißt, es darf keine nennenswerte Zeit zwischen dem Fokussieren des Objektes und der Ausgabe der Informationen geben.
Das klingt zunächst aufwendig, ist aber durchaus realistisch. Die Metro hat heute schon Barcodes und digitale Preisanzeigen an den Regalen. Die Supermärkte könnten so zum Beispiel in Echtzeit feststellen, dass bestimmte Produkte knapp werden und diese auffüllen. RFID-Chips sind bereits so billig, dass es verwunderlich ist, warum noch nicht in jedem Produkt einer steckt.
Das Einzig Blöde an der Sache ist, dass es den Leuten nicht hilft, die keinen Zugang zur Technologie haben. Leider fällt mir für diese Gruppe keine nichttechnische Lösung ein.

Die Zukunft der Bildbeschreibung

In den letzten Jahren hat die Technik der automatischen Bild-Erkennung große Fortschritte gemacht. Apps wie TapTapSee zum Beispiel erkennen Objekte und können sie beschreiben. Es macht unheimlich viel Spaß auszuprobieren, was die App schon erkennen kann. Die Gesichtserkennung auf Fotos ist mittlerweile fast Mainstream.
Es gibt durchaus Blinde oder zumindest Leute, die ganz schlecht sehen und fotografieren. Andere wollen erfahren, was zum Teufel auf dem Foto abgebildet ist, dass sie da in ihrem überquellenden Sonstiges-Ordner gesammelt haben. Dafür wäre eine automatische Objekt-Erkennung äußerst hilfreich.

Cloud, Mustererkennung und künstliche Intelligenz

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Erkennung von Objekten in Echtzeit – also in dem Moment, in dem man das Objekt fixiert, möglich wird. Die größte Latenz dürfte heute dadurch entstehen, dass die Intelligenz nicht im Smartphone, sondern in der Cloud steckt und dadurch abhängig davon ist, wie flott der Internet-Zugang und wie schnell die Server sind. Wenn wir zumindest einen Teil der Intelligenz zurück in die Geräte holen – was von der Performanz her kein Problem sein dürfte, dürften sich die Möglichkeiten für Blinde enorm verbessern. Ich könnte mir vorstellen, dass eine smarte Brille die Bilder aufnimmt und sie von einem zweiten Gerät verarbeitet werden. Die OrCam verspricht schon heute einiges, spielt aber auch in einer preislich höheren Liga.
Die Technik könnte auch bei Abbildungen im Internet genutzt werden. Alternativtexte sind vor allem im Web 2.0 unzureichend formuliert. Auf Facebook , Twitter oder WhatsApp werden viele Fotos geteilt. Die Bereitschaft der Leute, Fotos auch nur rudimentär zu beschreiben ist teils gering, teils vergessen sie es auch einfach. Twitter und WhatsApp haben alternative Bildbeschreibungen für Blinde gar nicht erst vorgesehen. Facebook glaubt ernsthaft, dass „Domingos de Oliveiras Foto“ ein passender Alternativtext für ein Foto ist, das Domingos de Oliveira eingestellt hat. Zumindest ist das der Text, der automatisch hinzugefügt wird, wenn der Uploader nichts in das entsprechende Feld schreibt. Das ist es natürlich nicht, ob ich den Uploader oder Fotografen kenne oder nicht, hilft mir bei der Bild-Erkennung nicht weiter.
Als Blinder hat man auch keine Lust, Zeit und Nerven dafür, die Leute ständig darauf hinzuweisen.
Abhilfe könnten automatische Erkennungs-Algorithmen wie in dem erwähnten TapTapSee schaffen. Wolfram Language, Microsoft Bilderkennung oder Google arbeiten ebenfalls an Tools zur automatischen Bild-Erkennung.
Für Tech-Größen wie Facebook und Twitter dürfte es weder technisch noch von der nötigen Rechenpower schwierig sein, solche Algorithmen zu integrieren. Damit könnten sie auch zumindest einen Teil der Kritik an ihrer schlechten Barrierefreiheit ausräumen. Möglich wäre natürlich auch, das Ganze via Browser-Erweiterung auf den Nutzer zu übertragen, dann spielt es keine Rolle, welche Plattform man nutzt.
Ob man dank dieser Beschreibungen die von Absender intendierte Aussage hinter dem Bild tatsächlich verstehen wird, ist leider schwierig zu beantworten. Oft genug verstehe ich den Witz auch nicht, wenn mir jemand den Bild-Inhalt erklärt.

Wo Manpower gefragt ist.

KI und Mustererkennung stoßen an ihre Grenzen, wo komplexe Beschreibungen gefragt sind. Kunstwerke können zwar als Anreihung von Objekten beschrieben werden, aber kein Kunstliebhaber würde sich damit zufrieden geben. Frau mit langen dunklen Haaren lächelt ist eine korrekte, aber doch unzureichende Beschreibung der Mona Lisa. Aber selbst hier könnten Algorithmen helfen, eine anständige Beschreibung zu formulieren. Es ist ja keine große Sache für einen Computer, Lichtverhältnisse oder Farbkombinationen auf einem Bild zu erkennen und zu beschreiben.
Hier kommt auch die Manpower ins Spiel. Es ist schon toll, wenn ein Mensch sich hinseetzt und eine detailierte Beschreibung eines Bildes formuliert. Da aber Kunst immer eine Frage der persönlichen Perspektive ist, ist es hilfreich, möglichst viele Beschreibungen verschiedener Personen zu haben. Nebenbei profitieren auch Sehende davon, denn sie erfahren über die Beschreibung Anderer oft etwas, was sie sonst übersehen hätten. Oder habt ihr nicht den Eindruck, dass wir oft nur oberflächlich auf Landschaften oder Fotos schauen? Die Beschreibung für Blinde von was auch immer zwingt die Sehenden dazu, sich intensiver mit einer Sache zu beschäftigen, als sie es sonst tun würden.

Als Blinder präsentieren

Präsentationen gehören ja in vielen Berufen heute zum Standard. Nur blöd, dass Blinde die Leinwand nicht sehen können. Nun haben alle Blinden – außer mir – ein gutes Gedächtnis und lernen die Präsentation einfach auswendig. Die Assistenz darf dann die undankbare Aufgabe übernehmen, weiterzuklicken und durchzusagen, auf welcher Folie man sich gerade befindet. Wirklich glücklich war ich mit dieser Lösung nicht.
Eher zufällig habe ich dann entdeckt, dass NVDA den Folien-Inhalt vorliest, wenn man sich im Präsentations-Modus befindet. Selbiger wird in MS Office mit F5 aktiviert. Ärgerlicherweise sagt NVDA bei jedem Folienwechsel „Präsentation Folie X“, aber damit kann ich leben. NVDA liest anschließend den Titel vor, dann den kompletten Text-Inhalt der Folie, was man aber den Zuhörern nicht antun sollte, ein beherztes Drücken von STRG beendet den Lese-Fluss. Mir ist es ausreichend, den Folien-Titel zu hören, um zu wissen, was ich erzählen muss. Wer sich in seinem Stoff auskennt, sollte das auch mit 200 Folien schaffen, zumindest ist mir das gelungen. Natürlich sollte dann jede Folie nur eine Information enthalten.
Mit Return blättert man eine Folie weiter, mit Löschen eine Folie zurück. Das geht auch mit den Bild-Auf-und-Ab-Tasten.
Das Ganze funktioniert ab Office 2003 aufwärts, leider bisher nicht mit Libre und OpenOffice, überhaupt ist die Zugänglichkeit von Impress mit NVDA derzeit noch – hm – ausbaufähig.
Das Ganze funktioniert auch mit Jaws. Natürlich braucht man immer noch einen Sehenden, der reinschreit, wenn irgendwas nicht funktioniert wie es sollte. Für mich ist das aber ein großer Schritt Richtung Unabhängigkeit.
Eine textlastige Präsentation zu erstellen ist ebenfalls mit Screenreadern möglich. Dazu müsst ihr in der normalen Folienansicht in die Folie tabben und Return drücken, dann könnt ihr zum Beispiel den Titel oder den Inhalt editieren. Wenn ihr fertig seid, drückt Escape, um zur Ansicht zurückzukehren.
Allerdings ist es für Blinde nicht möglich, Grafiken oder Bilder korrekt einzufügen, dass wird soweit ich das sehe ohnehin nie möglich sein. Überhaupt stoßen Powerpoint und auch Word dort an ihre Grenzen, wenn es um die fehlerfreie Gestaltung von Dokumenten geht. Gewiss, man kann Fehler bei der Schrift, leere Zeilen und Tabulatoren und so weiter korrigieren. Die Schlusskorrektur muss aber immer ein Sehender machen.
Wir hatten neulich auf Facebook diskutiert, ob Blinde Präsentationen erstellen können. Die meisten Blinden, die sich dort meldeten meinten, sie würden den Text vorschreiben und den visuellen Rest von sehenden Assistenten erledigen lassen. Das mag im Studium okay sein, aber spätestens, wenn es ums Berufliche geht, stößt man bei dieser Strategie an Grenzen. Der Wissensabstand zwischen Berufstätigen und ihren Assistenten wächst stetig, so dass die Assistenten zwar in der Lage sind, eine Folie zur erstellen. Die inhaltliche Verantwortung liegt aber eindeutig beim Blinden selbst. Er muss entscheiden können, wie viele Infos auf eine Folie passen, welche Grafiken das visualisieren können und so weiter. Kann er das nicht, erfüllt er genau genommen nicht die Qualifikation für seinen Job. Sorry, wenn ich das so hart sagen muss. Dass auch Sehende schlechte Folien machen, ist keine Entschuldigung.
Mir ist bei der Gelegenheit mal wieder aufgefallen, wie mangelnde Barrierefreiheit ganz praktisch die Karriere-Chancen verbauen kann. Nicht, dass ich für einen Führungsposten taugen würde. Aber faktisch ist es doch so: Assistenz hin, Assistenz her, wenn du bestimmte Sachen nicht machen kannst, wirst du nicht nur beruflich nicht aufsteigen. Es wird sogar schwierig für dich, deinen aktuellen Posten zu behalten. Der Job bleibt der Gleiche, aber die Anforderungen ändern sich stetig. Heute gibt es praktisch keinen Job mehr, der ohne die Bedienung von Software auskommt. Dabei ist vieles keine Standard-Software mehr, sondern Programme, die nebenbei von Entwicklern zusammengestoppelt wurden, ohne Rücksicht auf Barrierefreiheit. Ich hatte schon häufiger den Fall, dass selbstentwickelte Software nicht mit angemessenem Aufwand barrierefrei zu machen war, wobei „angemessen“ natürlich dem Maßstab des Auftraggebers folgt. Die Ausdifferenzierung der Software-Landschaft durch die zahlreichen Windows-Versionen, Browser, Screenreader und Mobile haben das Problem eher noch verschärft. Früher reichten ein paar Jaws-Skripte für Windows XP, um ein Programm bedienbar zu machen. Heute brauchen wir plattform-unabhängige Barrierefreiheit.

Das Recht auf barrierefreie Dokumente

Seit mehr als zehn Jahren haben Blinde und Sehbehinderte grundsätzlich das Recht, barrierefreie Dokumente in der Kommunikation mit Behörden zu erhalten. Vielen Betroffenen ist das nicht bekannt.
Verankert ist das Recht im Behinderten-Gleichstellungsgesetz des Bundes und der Länder.

Wie ein unbeschriebenes Blatt

Trotz des technischen Fortschritts ist es für Blinde nach wie vor schwierig, gedruckte Dokumente zu lesen oder Formulare auszufüllen. Zwar bieten heute sogar Smartphones einfache Möglichkeiten, Gedrucktes zu scannen und in lesbare Texte umzuwandeln. Aber es reicht schon eine falsch erkannte Zahl, damit man die Widerspruchsfrist verpasst oder sonstiger Murks passiert.
Gedruckte Formulare auszufüllen ist für Blinde nach wie vor nicht möglich – korrigiert mich gerne, wenn ich mich irre. Eine rein theoretische Möglichkeit sind Schablonen, die auf das jeweilige Dokument zugeschnitten sind. Die meisten Blinden dürften nicht in der Lage sein, leserlich mit der Hand zu schreiben. Sie können nicht kontrollieren, ob das Geschriebene lesbar ist. Wenn das Dokument nicht entsprechend markiert ist, wüßten sie nicht mal, ob sie das Blatt mit der richtigen Seite in die Schablone gelegt haben.
Um es kurz zu sagen, gedruckte Unterlagen schließen Blinde von der Möglichkeit aus, auch ihre privatesten Angelegenheiten selbständig und selbstbestimmt zu erledigen. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Assistenz und oftmals wildfremde Personen alle Informationen korrekt wiedergeben bzw. eintragen Ich unterschreibe jedes Jahr Dutzende von Dokumenten, die ich nicht gelesen habe. Mich würde nicht wundern, wenn ich mein kümmerliches Vermögen an die Zeugen Jehovas gespendet oder meinen Körper für medizinische Experimente freigegeben hätte. Mich wundert nebenbei gesagt, dass das keiner der Blindenverbände auf dem Schirm zu haben scheint
Eine für mich spannende Frage wäre, ob Dokumente rechtskräftig sind, wenn ich sie unterschrieben habe, obwohl ich sie nicht lesen kann.
Soweit mir bekannt, ist die Rechtslage hier nicht eindeutig. Da Blinde generell geschäftstüchtig sind, ist ihre Unterschrift rechtsverbindlich. Ohne Zeugen ist es nicht möglich nachzuweisen, dass der Inhalt des Dokuments falsch wiedergegeben wurde. Eine Anfechtung solcher Vereinbarungen dürfte also nur dann möglich sein, wenn es sehr unwarhscheilnich ist, dass der Betroffene das Dokument unterschrieben hätte, wenn dessen Inhalt ihm korrekt mitgeteilt worden wäre. Es ist zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ich mein komplettes Vermögen an eine Person überschreibe, die mit mir nichts zu tun hat. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Leider dürften solche relativ eindeutigen Situationen eher selten sein. Leider sind mir keine Urteile dazu bekannt.

Die Ausdrucker

Das Kuriose an der Situation ist, dass es heute wohl kaum noch eine Organisation gibt, die solche Unterlagen nicht elektronisch verwaltet. Gedruckte Unterlagen werden in der einen oder anderen Form digitalisiert, wobei wiederum die für solche Situationen typischen Fehler passieren können. Ist die Handschrift schlecht lesbar, muss jemand die Sachen händisch abtippen. Wie viel leichter wäre die Arbeit, wenn die Unterlagen gleich digital ankommen würden? vielleicht sollten wir nicht mehr von Internet-Ausdruckern, sondern von Internet-Abschreibern und Einscannern sprechen.
Ein zweites Kuriosum am Rande: Viele PDF-Formulare sind für den Ausdruck gedacht und am Computer nicht ausfüllbar. Man kann so viel auf den Formular-Elementen klicken, wie man möchte, passieren wird nix. Es gibt zwar Work-Arounds, aber wer möchte diesen Aufwand betreiben? Manchmal könnte man meinen, man sei im Jahr 1995 stecken geblieben.

Ihr seid dran

Grundsätzlich sind Personen, die barrierefreie Dokumente benötigen selbst angehalten, das der Behörde mitzuteilen. Das gilt auch, wenn der Behörde bekannt ist, dass die Person behindert ist. Leider scheinen Leute, die auf Gebärdensprache, Leichte Sprache oder Unterstützte Kommunikation angewiesen sind sowie funktionale Analphabeten in der Behörden-Realität noch nicht vorzukommen. Insofern leben wir doch noch im Jahr 1995.
Für die Sehbehinderten, die ihr Recht wahrnehmen wollen: Konkret ist der behörde mitzuteilen, welche Behinderung vorliegt und welches Medium benötigt wird. Macht euch nicht die Mühe, den entsprechenden Paragraphen rauszusuchen, bei dem heutigen Behörden-Wirrwarr wissen die wahrscheinlich selbsst nicht, ob sie zum Kreis, zum Land oder zum Bund gehören.
Ich kann euch nur anhalten, euer Recht konsequent einzufordern, egal, was der Sachbearbeiter dazu sagt. Nur so werden die Behörden einen Workflow etablieren, um Barrierefreiheit per Default einzuführen.
Ein paar Leute berichten von zickigen Behörden. Dabei ist fast alles eine Frage des Workflows. Die Behörden haben einen bestimmten Arbeitsprozess, der entsprechend der aktuellen Gesetzeslage umgestellt werden müsste.
Die Dokumente müssen mit angemessener Verzögerung erstellt werden. Natürlich kann nicht jede Behörde einen Braille-Drucker anschaffen. Andererseits ist es nicht zumutbar, dass ein Blinder zwei Wochen länger auf sein Dokument warten muss als ein Sehender. Wenn es nicht anders geht, müssen in der Bundesdruckerei oder anders wo zentrale Einrichtungen geschaffen werden, die entsprechende Dokumente zeitnah in einem automatisierten Workflow und zu einem für die Behörden angemessenen Preis erstellen können. Selbst mir sträuben sich die spärlichen Haare, wenn ich sehe, was manche Agentur für ein barrierefreies PDF nimmt, in dem lediglich ein Alternativtext und ein paar Überschriften formatiert wurden. So macht man keine Werbung für Barrierefreiheit.
Andererseits ist es heute nicht nachvollziebar, dass es überhaupt noch PDF-Formulare gibt, die nicht barrierefrei sind. Das Formular für das Arbeitslosengeld iI zum Beispiel scheint mir überall gleich zu sein. Einmal barrierefrei gemacht kann es von jedem Blinden ausgefüllt werden.
Ein weiteres eher rechtliches Problem ist die Rechtssicherheit bei digitalen Dokumenten. Zwar haben einige Behörden etwa bei Bewerbungen schon auf digitale Kommunikation umgestellt. Doch nach dem sich D-Mail und ähnliche Konzepte bisher nicht durchgesetzt haben gelten E-Mails nach wie vor nicht als rechtssicher. Aber auch das Problem lässt sich relativ leicht lösen: Der Blinde bekommt einfach beides auf einen Schlag, die gedruckte und Braille-Version per Post, die gedruckte Version per Post und die digitale per Mail und so weiter. Solange sich rechtssichere Mails noch nicht durchgesetzt haben, gibt es noch keine Alternative.

Touchscreens für Blinde und Sehbehinderte unter Windows

Dass Blinde Touchscreens auf Tablets und Smartphones benutzen, ist fast schon ein alter Hut. Ein Bereich, wo sie sich bisher nicht durchgesetzt haben sind Desktop-Computer und Notebooks. Touchscreens sind die letzte nennenswerte Innovation bei Notebooks. Serienmäßig werden sie allerdings nur für Windows angeboten. Win 8 war damit angetreten, das erste OS zu sein, dass sich gleichermaßen per Touch, Maus und Tastatur bedienen lässt.
So schnell, wie die ersten Touch-Notebooks auftauchten, sind sie auch wieder verschwunden. Bis auf die Convertibles gibt es vor allem im unteren Preissegment kaum noch Touchbooks. Das ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Ein Tablet hat man in der Hand oder vor sich liegen, ein Notebook ist typischerweise eine Armlänge entfernt. Bevor einem der ausgestreckte Arm abfällt, greif man eher zur Maus.
Ein weiterer Nachteil von Touchbooks besteht darin, dass sie beim Bildschirm-Tipp leicht wackeln, Tablets machen das nicht. Dadurch ist die Erkennung der Gesten ungenauer.

Blinde

Für blinde haben Touchbooks allerdings doch einige Vorteile. So ist die Erkundung des Bildschirms per Touch immer einfacher als mit den typischen Screenreader-Funktionen. Der Jaws-Cursor scheint gar nicht mehr unterstützt zu werden und die Objekt-Navigation von NVDA ist nutzbar, aber nicht wirklich intuitiv.
Auf dem Touchscreens hingegen lassen sich Elemente gut erfassen. Damit wird auch die Ribbon-Leiste von MS Office leichter erschließbar, als per Tastatur.
Wenn man sich einmal gemerkt hat, wo sich bestimmte Elemente befinden, kann man auch wesentlich schneller Informationen auslesen. Die typischen Windows-Fenster besitzen zahlreiche nicht-relevante Elemente. Möchte man zum Beispiel eine Statusmeldung im Wartungs-Center abrufen, muss man sich entweder alles vorlesen lassen oder mit der Objekt-Navigation zu diesem Element „herabsteigen“. Bei Touch berührt man einfach die entsprechende Stelle auf dem Bildschirm irgendwo in der rechten Hälfte ca. in der Mitte
Bei Webseiten bietet sich der bekannte Vorteil, dass wir nicht nur die Struktur, sondern auch ihren viesuellen Aufbau erfassen können. Bei dynamischen Anwendungen mit zahlreichen Bedien-Elementen gibt es bislang das Problem, dass diese Elemente für Blinde oft nur hakelig zu erreichen sind – wenn überhaupt, es fehlen unsere geliebten tastaturbedienbaren Menüs und Shortcuts. Per Touch können wir zumindest die Buttons und Ausklappfelder recht gut erreichen. .
Mit Touch ist es auch einfacher, komplexe Dokumente wie Excel-Tabellen zu erkunden. So eine Tabelle ist schon was Feines, nur blöd, wenn der Cursor auf B3 steht und man wissen will, was in D24 steht. Ich bin sicher, dass man das auch mit Jaws oder NVDA erfahren kann, ohne den Hauptfokus von der B3 zu nehmen, allerdings fehlt mir ernsthaft die Lust, mir noch mehr Tastenkombinationen zu merken.

Keine einheitliche Bedien-Schnittstelle

Womit wir auch zur Krux der Sache kommen. Auch die Touchsteuerung ist für Blinde leider nicht einheitlich gelöst. iOS, Android, Windows, jeder hat seine eigenen Touchgesten. Während einige Dinge wie der Duble-Tap oder das Wischen sich intuitiv erlernen lassen, sieht es bei komplexen Gesten anders aus. Dazu kommt noch, dass natürlich jeder Windows-Screenreader seine eigenen Steuergesten mitbringt. Irgendwann werden uns diese Tastenkombinationen und Touchgesten noch zum Wahnsinn treiben.
Ärgerlich ist, dass Sehende diese einheitliche und intuitive Erfahrung haben. Auch für sie sind natürlich viele Touch-Gesten unterschiedlich, aber sie brauchen im Kern auch viel weniger als wir und die wesentlichen Gesten wie Tap und Wischen sind doch gleich. Ein Knackpunkt könnte auch sein, dass die Implementierung von Touch bei Windows bzw. bei den Windows-Screenreadern nicht so sauber ist wie bei Tablets oder Smartphones. Mein vielleicht subjektiver Eindruck ist, dass Windows die Gesten nicht immer sauber verarbeitet. Auch die Screenreader sind für die Steuerung via Tastatur ausgelegt und die Implementation von Touch ist ein eher subalternes Feature. Aber das mag sich noch ändern.
Ein Vorteil für uns ist, dass es uns egal sein kann, ob ein Button zu groß oder zu klein ist. Per Wischgeste erfassen wir ohnehin alle Elemente.

Echter Vorteil für Sehbehinderte

Eine Ausnahme gilt für stark Sehbehinderte, sie haben mit großen Touchscreens einen großen Vorteil: Ein kernproblem für Sehbehinderte besteht darin, zum Beispiel ein anklickbares Element zu finden, um anschließend den Mauscursor zu finden, um anschließend das anklickbare Element wieder zu finden und beide zusammenzuführen. Das Problem besteht darin, dass es extrem schwierig und anstrengend ist, bei starker vergrößerung zwei Elemente zusammenzuführen, von denen eines ständig bewegt werden muss. Bei großen Touchscreens reicht es, dass anklickbare Element anzutippen. Ein anderer Vorteil ist, dass sie gezielter bestimmte Bereiche vergrößern können. Möchte man z.B. im Browser einen Kartenausschnitt mit den Browserfunktionen vergrößern, verschiebt sich der Inhalt in der Regel nach rechts unten. Wenn sie Pech haben, müssen sie das Browser-Fenster solange horizontal und vertikal scrollen, bis sie den Abschnitt wieder im Blick haben. Beim Touchscreen können sie per Touchgeste genau den Bereich vergrößern, in dem sie auf diesem Bereich die Spreizgeste ausführen. Last not least sagt der Schnarchator, die in Windows eingebaute Vorlesefunktion, wenn sie eingeschaltet ist an, wie das Element heißt, welches man gerade berührt. Touchscreens bieten also eine recht einfache Möglichkeit, einfacher mit Sprachausgabe und Vergrößerung zu arbeiten – und zwar onboard. Für Menschen mit solchen Sehbehinderungen kann sich die Anschaffung eines Touchbooks also lohnen.

Vorläufiges Fazit: Muss man nicht haben

Windows 8.1 lässt sich recht gut per tastatur bedienen und auch für die meisten Anwendungen wie Office benötigt man kein Touch. Es ist ein nettes Goodie, was man aber in der Praxis wohl kaum benutzen wird. Für die Erkundung per Touch dürften die meisten Blinden auf das intuitivere iOS zurückgreifen.
Es fehlen noch für Blinden interessante Anwendungsgebiete. Komplexe Diagramme wie Ablaufschemata ließen sich per Touch zum Beispiel segment-weise erschließen, wobei wir per Touch nicht nur die lineare Anordnung, erkunden, sondern auch z.B. sehr leicht über- und untergeordnete Elemente und Knoten unterscheiden könnten. Mit Technologien wie SVG sollte das kein Problem sein. Allerdings werden die meisten Diagramme noch als Rastergrafik angeboten, was für uns nicht hilfreich ist. Es bleibt abzuwarten, ob Touch doch noch zu einem Innovationsschub bei blindengerechten Darstellungen führen wird.
Wer es dennoch und für kleines Geld ausprobieren möchte: Windows-Tablets sind bereits auf dem Preis-Niveau von Android. Das HP Stream mit Win 8.1 und ohne Junk-Ware gibt es aktuell für 80 Euro, ein Tablet von Dell für 90 Euro. Ansonsten warten wir mal ab, ob Windows 10 den erwarteten Durchbruch für die Touchbedienung bringt.