Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Als Blinder präsentieren

Präsentationen gehören ja in vielen Berufen heute zum Standard. Nur blöd, dass Blinde die Leinwand nicht sehen können. Nun haben alle Blinden – außer mir – ein gutes Gedächtnis und lernen die Präsentation einfach auswendig. Die Assistenz darf dann die undankbare Aufgabe übernehmen, weiterzuklicken und durchzusagen, auf welcher Folie man sich gerade befindet. Wirklich glücklich war ich mit dieser Lösung nicht.
Eher zufällig habe ich dann entdeckt, dass NVDA den Folien-Inhalt vorliest, wenn man sich im Präsentations-Modus befindet. Selbiger wird in MS Office mit F5 aktiviert. Ärgerlicherweise sagt NVDA bei jedem Folienwechsel “Präsentation Folie X”, aber damit kann ich leben. NVDA liest anschließend den Titel vor, dann den kompletten Text-Inhalt der Folie, was man aber den Zuhörern nicht antun sollte, ein beherztes Drücken von STRG beendet den Lese-Fluss. Mir ist es ausreichend, den Folien-Titel zu hören, um zu wissen, was ich erzählen muss. Wer sich in seinem Stoff auskennt, sollte das auch mit 200 Folien schaffen, zumindest ist mir das gelungen. Natürlich sollte dann jede Folie nur eine Information enthalten.
Mit Return blättert man eine Folie weiter, mit Löschen eine Folie zurück. Das geht auch mit den Bild-Auf-und-Ab-Tasten.
Das Ganze funktioniert ab Office 2003 aufwärts, leider bisher nicht mit Libre und OpenOffice, überhaupt ist die Zugänglichkeit von Impress mit NVDA derzeit noch – hm – ausbaufähig.
Das Ganze funktioniert auch mit Jaws. Natürlich braucht man immer noch einen Sehenden, der reinschreit, wenn irgendwas nicht funktioniert wie es sollte. Für mich ist das aber ein großer Schritt Richtung Unabhängigkeit.
Eine textlastige Präsentation zu erstellen ist ebenfalls mit Screenreadern möglich. Dazu müsst ihr in der normalen Folienansicht in die Folie tabben und Return drücken, dann könnt ihr zum Beispiel den Titel oder den Inhalt editieren. Wenn ihr fertig seid, drückt Escape, um zur Ansicht zurückzukehren.
Allerdings ist es für Blinde nicht möglich, Grafiken oder Bilder korrekt einzufügen, dass wird soweit ich das sehe ohnehin nie möglich sein. Überhaupt stoßen Powerpoint und auch Word dort an ihre Grenzen, wenn es um die fehlerfreie Gestaltung von Dokumenten geht. Gewiss, man kann Fehler bei der Schrift, leere Zeilen und Tabulatoren und so weiter korrigieren. Die Schlusskorrektur muss aber immer ein Sehender machen.
Wir hatten neulich auf Facebook diskutiert, ob Blinde Präsentationen erstellen können. Die meisten Blinden, die sich dort meldeten meinten, sie würden den Text vorschreiben und den visuellen Rest von sehenden Assistenten erledigen lassen. Das mag im Studium okay sein, aber spätestens, wenn es ums Berufliche geht, stößt man bei dieser Strategie an Grenzen. Der Wissensabstand zwischen Berufstätigen und ihren Assistenten wächst stetig, so dass die Assistenten zwar in der Lage sind, eine Folie zur erstellen. Die inhaltliche Verantwortung liegt aber eindeutig beim Blinden selbst. Er muss entscheiden können, wie viele Infos auf eine Folie passen, welche Grafiken das visualisieren können und so weiter. Kann er das nicht, erfüllt er genau genommen nicht die Qualifikation für seinen Job. Sorry, wenn ich das so hart sagen muss. Dass auch Sehende schlechte Folien machen, ist keine Entschuldigung.
Mir ist bei der Gelegenheit mal wieder aufgefallen, wie mangelnde Barrierefreiheit ganz praktisch die Karriere-Chancen verbauen kann. Nicht, dass ich für einen Führungsposten taugen würde. Aber faktisch ist es doch so: Assistenz hin, Assistenz her, wenn du bestimmte Sachen nicht machen kannst, wirst du nicht nur beruflich nicht aufsteigen. Es wird sogar schwierig für dich, deinen aktuellen Posten zu behalten. Der Job bleibt der Gleiche, aber die Anforderungen ändern sich stetig. Heute gibt es praktisch keinen Job mehr, der ohne die Bedienung von Software auskommt. Dabei ist vieles keine Standard-Software mehr, sondern Programme, die nebenbei von Entwicklern zusammengestoppelt wurden, ohne Rücksicht auf Barrierefreiheit. Ich hatte schon häufiger den Fall, dass selbstentwickelte Software nicht mit angemessenem Aufwand barrierefrei zu machen war, wobei “angemessen” natürlich dem Maßstab des Auftraggebers folgt. Die Ausdifferenzierung der Software-Landschaft durch die zahlreichen Windows-Versionen, Browser, Screenreader und Mobile haben das Problem eher noch verschärft. Früher reichten ein paar Jaws-Skripte für Windows XP, um ein Programm bedienbar zu machen. Heute brauchen wir plattform-unabhängige Barrierefreiheit.

Das Recht auf barrierefreie Dokumente

Seit mehr als zehn Jahren haben Blinde und Sehbehinderte grundsätzlich das Recht, barrierefreie Dokumente in der Kommunikation mit Behörden zu erhalten. Vielen Betroffenen ist das nicht bekannt.
Verankert ist das Recht im Behinderten-Gleichstellungsgesetz des Bundes und der Länder.

Wie ein unbeschriebenes Blatt

Trotz des technischen Fortschritts ist es für Blinde nach wie vor schwierig, gedruckte Dokumente zu lesen oder Formulare auszufüllen. Zwar bieten heute sogar Smartphones einfache Möglichkeiten, Gedrucktes zu scannen und in lesbare Texte umzuwandeln. Aber es reicht schon eine falsch erkannte Zahl, damit man die Widerspruchsfrist verpasst oder sonstiger Murks passiert.
Gedruckte Formulare auszufüllen ist für Blinde nach wie vor nicht möglich – korrigiert mich gerne, wenn ich mich irre. Eine rein theoretische Möglichkeit sind Schablonen, die auf das jeweilige Dokument zugeschnitten sind. Die meisten Blinden dürften nicht in der Lage sein, leserlich mit der Hand zu schreiben. Sie können nicht kontrollieren, ob das Geschriebene lesbar ist. Wenn das Dokument nicht entsprechend markiert ist, wüßten sie nicht mal, ob sie das Blatt mit der richtigen Seite in die Schablone gelegt haben.
Um es kurz zu sagen, gedruckte Unterlagen schließen Blinde von der Möglichkeit aus, auch ihre privatesten Angelegenheiten selbständig und selbstbestimmt zu erledigen. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Assistenz und oftmals wildfremde Personen alle Informationen korrekt wiedergeben bzw. eintragen Ich unterschreibe jedes Jahr Dutzende von Dokumenten, die ich nicht gelesen habe. Mich würde nicht wundern, wenn ich mein kümmerliches Vermögen an die Zeugen Jehovas gespendet oder meinen Körper für medizinische Experimente freigegeben hätte. Mich wundert nebenbei gesagt, dass das keiner der Blindenverbände auf dem Schirm zu haben scheint
Eine für mich spannende Frage wäre, ob Dokumente rechtskräftig sind, wenn ich sie unterschrieben habe, obwohl ich sie nicht lesen kann.
Soweit mir bekannt, ist die Rechtslage hier nicht eindeutig. Da Blinde generell geschäftstüchtig sind, ist ihre Unterschrift rechtsverbindlich. Ohne Zeugen ist es nicht möglich nachzuweisen, dass der Inhalt des Dokuments falsch wiedergegeben wurde. Eine Anfechtung solcher Vereinbarungen dürfte also nur dann möglich sein, wenn es sehr unwarhscheilnich ist, dass der Betroffene das Dokument unterschrieben hätte, wenn dessen Inhalt ihm korrekt mitgeteilt worden wäre. Es ist zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ich mein komplettes Vermögen an eine Person überschreibe, die mit mir nichts zu tun hat. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Leider dürften solche relativ eindeutigen Situationen eher selten sein. Leider sind mir keine Urteile dazu bekannt.

Die Ausdrucker

Das Kuriose an der Situation ist, dass es heute wohl kaum noch eine Organisation gibt, die solche Unterlagen nicht elektronisch verwaltet. Gedruckte Unterlagen werden in der einen oder anderen Form digitalisiert, wobei wiederum die für solche Situationen typischen Fehler passieren können. Ist die Handschrift schlecht lesbar, muss jemand die Sachen händisch abtippen. Wie viel leichter wäre die Arbeit, wenn die Unterlagen gleich digital ankommen würden? vielleicht sollten wir nicht mehr von Internet-Ausdruckern, sondern von Internet-Abschreibern und Einscannern sprechen.
Ein zweites Kuriosum am Rande: Viele PDF-Formulare sind für den Ausdruck gedacht und am Computer nicht ausfüllbar. Man kann so viel auf den Formular-Elementen klicken, wie man möchte, passieren wird nix. Es gibt zwar Work-Arounds, aber wer möchte diesen Aufwand betreiben? Manchmal könnte man meinen, man sei im Jahr 1995 stecken geblieben.

Ihr seid dran

Grundsätzlich sind Personen, die barrierefreie Dokumente benötigen selbst angehalten, das der Behörde mitzuteilen. Das gilt auch, wenn der Behörde bekannt ist, dass die Person behindert ist. Leider scheinen Leute, die auf Gebärdensprache, Leichte Sprache oder Unterstützte Kommunikation angewiesen sind sowie funktionale Analphabeten in der Behörden-Realität noch nicht vorzukommen. Insofern leben wir doch noch im Jahr 1995.
Für die Sehbehinderten, die ihr Recht wahrnehmen wollen: Konkret ist der behörde mitzuteilen, welche Behinderung vorliegt und welches Medium benötigt wird. Macht euch nicht die Mühe, den entsprechenden Paragraphen rauszusuchen, bei dem heutigen Behörden-Wirrwarr wissen die wahrscheinlich selbsst nicht, ob sie zum Kreis, zum Land oder zum Bund gehören.
Ich kann euch nur anhalten, euer Recht konsequent einzufordern, egal, was der Sachbearbeiter dazu sagt. Nur so werden die Behörden einen Workflow etablieren, um Barrierefreiheit per Default einzuführen.
Ein paar Leute berichten von zickigen Behörden. Dabei ist fast alles eine Frage des Workflows. Die Behörden haben einen bestimmten Arbeitsprozess, der entsprechend der aktuellen Gesetzeslage umgestellt werden müsste.
Die Dokumente müssen mit angemessener Verzögerung erstellt werden. Natürlich kann nicht jede Behörde einen Braille-Drucker anschaffen. Andererseits ist es nicht zumutbar, dass ein Blinder zwei Wochen länger auf sein Dokument warten muss als ein Sehender. Wenn es nicht anders geht, müssen in der Bundesdruckerei oder anders wo zentrale Einrichtungen geschaffen werden, die entsprechende Dokumente zeitnah in einem automatisierten Workflow und zu einem für die Behörden angemessenen Preis erstellen können. Selbst mir sträuben sich die spärlichen Haare, wenn ich sehe, was manche Agentur für ein barrierefreies PDF nimmt, in dem lediglich ein Alternativtext und ein paar Überschriften formatiert wurden. So macht man keine Werbung für Barrierefreiheit.
Andererseits ist es heute nicht nachvollziebar, dass es überhaupt noch PDF-Formulare gibt, die nicht barrierefrei sind. Das Formular für das Arbeitslosengeld iI zum Beispiel scheint mir überall gleich zu sein. Einmal barrierefrei gemacht kann es von jedem Blinden ausgefüllt werden.
Ein weiteres eher rechtliches Problem ist die Rechtssicherheit bei digitalen Dokumenten. Zwar haben einige Behörden etwa bei Bewerbungen schon auf digitale Kommunikation umgestellt. Doch nach dem sich D-Mail und ähnliche Konzepte bisher nicht durchgesetzt haben gelten E-Mails nach wie vor nicht als rechtssicher. Aber auch das Problem lässt sich relativ leicht lösen: Der Blinde bekommt einfach beides auf einen Schlag, die gedruckte und Braille-Version per Post, die gedruckte Version per Post und die digitale per Mail und so weiter. Solange sich rechtssichere Mails noch nicht durchgesetzt haben, gibt es noch keine Alternative.

Touchscreens für Blinde und Sehbehinderte unter Windows

Dass Blinde Touchscreens auf Tablets und Smartphones benutzen, ist fast schon ein alter Hut. Ein Bereich, wo sie sich bisher nicht durchgesetzt haben sind Desktop-Computer und Notebooks. Touchscreens sind die letzte nennenswerte Innovation bei Notebooks. Serienmäßig werden sie allerdings nur für Windows angeboten. Win 8 war damit angetreten, das erste OS zu sein, dass sich gleichermaßen per Touch, Maus und Tastatur bedienen lässt.
So schnell, wie die ersten Touch-Notebooks auftauchten, sind sie auch wieder verschwunden. Bis auf die Convertibles gibt es vor allem im unteren Preissegment kaum noch Touchbooks. Das ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Ein Tablet hat man in der Hand oder vor sich liegen, ein Notebook ist typischerweise eine Armlänge entfernt. Bevor einem der ausgestreckte Arm abfällt, greif man eher zur Maus.
Ein weiterer Nachteil von Touchbooks besteht darin, dass sie beim Bildschirm-Tipp leicht wackeln, Tablets machen das nicht. Dadurch ist die Erkennung der Gesten ungenauer.

Blinde

Für blinde haben Touchbooks allerdings doch einige Vorteile. So ist die Erkundung des Bildschirms per Touch immer einfacher als mit den typischen Screenreader-Funktionen. Der Jaws-Cursor scheint gar nicht mehr unterstützt zu werden und die Objekt-Navigation von NVDA ist nutzbar, aber nicht wirklich intuitiv.
Auf dem Touchscreens hingegen lassen sich Elemente gut erfassen. Damit wird auch die Ribbon-Leiste von MS Office leichter erschließbar, als per Tastatur.
Wenn man sich einmal gemerkt hat, wo sich bestimmte Elemente befinden, kann man auch wesentlich schneller Informationen auslesen. Die typischen Windows-Fenster besitzen zahlreiche nicht-relevante Elemente. Möchte man zum Beispiel eine Statusmeldung im Wartungs-Center abrufen, muss man sich entweder alles vorlesen lassen oder mit der Objekt-Navigation zu diesem Element „herabsteigen“. Bei Touch berührt man einfach die entsprechende Stelle auf dem Bildschirm irgendwo in der rechten Hälfte ca. in der Mitte
Bei Webseiten bietet sich der bekannte Vorteil, dass wir nicht nur die Struktur, sondern auch ihren viesuellen Aufbau erfassen können. Bei dynamischen Anwendungen mit zahlreichen Bedien-Elementen gibt es bislang das Problem, dass diese Elemente für Blinde oft nur hakelig zu erreichen sind – wenn überhaupt, es fehlen unsere geliebten tastaturbedienbaren Menüs und Shortcuts. Per Touch können wir zumindest die Buttons und Ausklappfelder recht gut erreichen. .
Mit Touch ist es auch einfacher, komplexe Dokumente wie Excel-Tabellen zu erkunden. So eine Tabelle ist schon was Feines, nur blöd, wenn der Cursor auf B3 steht und man wissen will, was in D24 steht. Ich bin sicher, dass man das auch mit Jaws oder NVDA erfahren kann, ohne den Hauptfokus von der B3 zu nehmen, allerdings fehlt mir ernsthaft die Lust, mir noch mehr Tastenkombinationen zu merken.

Keine einheitliche Bedien-Schnittstelle

Womit wir auch zur Krux der Sache kommen. Auch die Touchsteuerung ist für Blinde leider nicht einheitlich gelöst. iOS, Android, Windows, jeder hat seine eigenen Touchgesten. Während einige Dinge wie der Duble-Tap oder das Wischen sich intuitiv erlernen lassen, sieht es bei komplexen Gesten anders aus. Dazu kommt noch, dass natürlich jeder Windows-Screenreader seine eigenen Steuergesten mitbringt. Irgendwann werden uns diese Tastenkombinationen und Touchgesten noch zum Wahnsinn treiben.
Ärgerlich ist, dass Sehende diese einheitliche und intuitive Erfahrung haben. Auch für sie sind natürlich viele Touch-Gesten unterschiedlich, aber sie brauchen im Kern auch viel weniger als wir und die wesentlichen Gesten wie Tap und Wischen sind doch gleich. Ein Knackpunkt könnte auch sein, dass die Implementierung von Touch bei Windows bzw. bei den Windows-Screenreadern nicht so sauber ist wie bei Tablets oder Smartphones. Mein vielleicht subjektiver Eindruck ist, dass Windows die Gesten nicht immer sauber verarbeitet. Auch die Screenreader sind für die Steuerung via Tastatur ausgelegt und die Implementation von Touch ist ein eher subalternes Feature. Aber das mag sich noch ändern.
Ein Vorteil für uns ist, dass es uns egal sein kann, ob ein Button zu groß oder zu klein ist. Per Wischgeste erfassen wir ohnehin alle Elemente.

Echter Vorteil für Sehbehinderte

Eine Ausnahme gilt für stark Sehbehinderte, sie haben mit großen Touchscreens einen großen Vorteil: Ein kernproblem für Sehbehinderte besteht darin, zum Beispiel ein anklickbares Element zu finden, um anschließend den Mauscursor zu finden, um anschließend das anklickbare Element wieder zu finden und beide zusammenzuführen. Das Problem besteht darin, dass es extrem schwierig und anstrengend ist, bei starker vergrößerung zwei Elemente zusammenzuführen, von denen eines ständig bewegt werden muss. Bei großen Touchscreens reicht es, dass anklickbare Element anzutippen. Ein anderer Vorteil ist, dass sie gezielter bestimmte Bereiche vergrößern können. Möchte man z.B. im Browser einen Kartenausschnitt mit den Browserfunktionen vergrößern, verschiebt sich der Inhalt in der Regel nach rechts unten. Wenn sie Pech haben, müssen sie das Browser-Fenster solange horizontal und vertikal scrollen, bis sie den Abschnitt wieder im Blick haben. Beim Touchscreen können sie per Touchgeste genau den Bereich vergrößern, in dem sie auf diesem Bereich die Spreizgeste ausführen. Last not least sagt der Schnarchator, die in Windows eingebaute Vorlesefunktion, wenn sie eingeschaltet ist an, wie das Element heißt, welches man gerade berührt. Touchscreens bieten also eine recht einfache Möglichkeit, einfacher mit Sprachausgabe und Vergrößerung zu arbeiten – und zwar onboard. Für Menschen mit solchen Sehbehinderungen kann sich die Anschaffung eines Touchbooks also lohnen.

Vorläufiges Fazit: Muss man nicht haben

Windows 8.1 lässt sich recht gut per tastatur bedienen und auch für die meisten Anwendungen wie Office benötigt man kein Touch. Es ist ein nettes Goodie, was man aber in der Praxis wohl kaum benutzen wird. Für die Erkundung per Touch dürften die meisten Blinden auf das intuitivere iOS zurückgreifen.
Es fehlen noch für Blinden interessante Anwendungsgebiete. Komplexe Diagramme wie Ablaufschemata ließen sich per Touch zum Beispiel segment-weise erschließen, wobei wir per Touch nicht nur die lineare Anordnung, erkunden, sondern auch z.B. sehr leicht über- und untergeordnete Elemente und Knoten unterscheiden könnten. Mit Technologien wie SVG sollte das kein Problem sein. Allerdings werden die meisten Diagramme noch als Rastergrafik angeboten, was für uns nicht hilfreich ist. Es bleibt abzuwarten, ob Touch doch noch zu einem Innovationsschub bei blindengerechten Darstellungen führen wird.
Wer es dennoch und für kleines Geld ausprobieren möchte: Windows-Tablets sind bereits auf dem Preis-Niveau von Android. Das HP Stream mit Win 8.1 und ohne Junk-Ware gibt es aktuell für 80 Euro, ein Tablet von Dell für 90 Euro. Ansonsten warten wir mal ab, ob Windows 10 den erwarteten Durchbruch für die Touchbedienung bringt.

Android für Blinde – die ersten Wochen mit dem Moto G 2

Apple ist mit seinem Platzhirschen iPhone und iPad der Renner unter den Blinden, während Android und Windows Phone weit abgeschlagen sind. Leider zurecht, wie ich in den ersten Wochen mit meinem Motorola Moto G 2 feststellen musste.
Man merkt an allen Ecken und Enden, dass die Bedienungshilfen von Android eine Baustelle sind, an der ständig gearbeitet wird. Während Apples System wie aus einem Guss wirkt, schleichen sich bei Android immer wieder einmal Fehler ein oder man merkt, dass die Entwickler nicht mitgedacht haben. Mein Motorola war bei Lieferung auf Englisch eingestellt und Talkback startete auf Englisch. Ich habe dann die erste Einrichtung vorgenommen und Android auf Deutsch umgestellt, auch Taalkback sprach brav Deutsch mit mir. Ich führte anschließend das Update auf Android 5 durch. Beim Neustart war die Oberfläche weiterhin Deutsch, aber die Oberfläche wurde mit englischer Betonung vorgelesen. Ohne sehende Hilfe konnte ich es nicht mehr umstellen. Die entsprechende Einstellung findet man übrigens in den Bedienungshilfen unter Google Text in Sprache.
Ein ähnlich dämlicher Fehler schlich sich bei der Eingabe des PINs ein. Statt die Zahlen vorzulesen, sagte Talkback nur “Punkt”, womit es für Blinde natürlich nicht möglich ist, den PIN alleine einzugeben. Auch die Erkennung der Gesten funktioniert nicht so sauber, wie man es seit dem iPhone 3 Gs gewohnt ist. Die Infos aus der Statusleiste wie Ladezustand, neue Nachrichten etc. lassen sich nicht sauber auslesen. Man kann sich nicht einzelne Informationen vorlesen lassen, sondern muss sich die ganze Statusleiste vorlesen lassen, wenn man etwa wissen will, wie voll der Akku ist. Die Kamera-App von Motorola funktioniert nicht mit Talkback.
Ein weiterer Knackpunkt ist, dass das Einschalten von Talkback nicht einheitlich gelöst wurde. Bei neueren Androids reicht es, beim Start des Gerätes zwei Finger auf das Display zu legen und zu warten, bis Talkback startet. Zuvor musste man ein Rechteck auf das Display zeichnen, etwas, was nicht nur Touch-Unerfahrenen selten auf Anhieb gelingt. Wirklich ärgerlich ist es aber, dass es anscheinend nicht möglich ist, Talkback bei einem laufenden Android-System einzuschalten, dafür benötigt man die Hilfe Sehender, die in die Untiefen des Menüs eintauchen. Sogar Microsoft hat das bei Windows besser gelöst.
Ich muss allerdings einschränkend sagen, dass ich gerade neu eingestiegen bin und mehr durch Ausprobieren als systematische Einarbeitung unterwegs bin.
Einige Sachen hat Google allerdings besser gelöst als Apple. Ich kann mit der Standard-Tastatur deutlich schneller tippen als beim iPhone. Das iPhone verlangt, dass man zunächst das korrekte Zeichen findet und dann doppelklickt. Bei Android wird das Zeichen automatisch getippt, nachdem man den Finger vom Display hebt. Aber auch hier ist die Bedienphilosophie von Android nicht einheitlich. Bei Buchstaben reicht Berühren und Finger aufheben für einen Tipp, Symbole müssen aber immer noch doppelt getippt werden, um sie zu aktivieren. Schön ist, dass es Feedback in Form von Sound und Vibration gibt. Wenn man über ein anklickbares Element streicht, gibt es einen Sound und eine Vibration, man kann eines von beidem oder beides abstellen. Mir persönlich gefällt die Vibration besser.
Auch der Standard-Browser Chrome ist nicht ganz barrierefrei. So werden Elemente wie Überschriften nicht angesagt, der Firefox-Browser kann das.
Meiner Erfahrung nach werden Objekte leichter gefunden, wenn man den Finger auf dem Display belässt und damit herum wischt. Ich habe beim iPhone typischerweise mit der Wischgeste gearbeitet, um mich von Element zu Element zu bewegen, was dort auch gut funktioniert hat. Beim Motorola scheint es besser zu funktionieren, wenn man den Finger nicht vom Display nimmt, sondern quasi darauf herummalt, bis das Feedback in Form von Sound oder Vibration erfolgt und man also ein anklickbares Element gefunden hat.
Als erstes Zwischenfazit: Ich kann beim jetzigen Status keine Empfehlung für Android aussprechen. Für Blinde, insbesondere für solche, die neu in die Welt der Touch-Bedienung einsteigen sind die Gesten zu kompliziert und. Das System funktioniert an vielen Ecken und Enden nicht, wie es sollte. Da leistet jedes iPhone 3 Gs bessere Dienste.
Auch für das Motorola kann ich leider keine Empfehlung abgeben. Besonders ärgerlich ist das Fehlen von Hardware-Tasten. Das Patschen auf den Zurück-Button und die anderen Symbole, die ständig im unteren Teil des Bildschirms eingeblendet werden funktioniert leider nicht immer sauber. Für Blinde sind die Hardware-Tasten eindeutig besser. Wenn schon das relativ nackte Android des Moto G 2 sich so verhält, kann ich für die Geräte anderer Firmen noch weniger eine Empfehlung aussprechen. Leider sind die Nexus-Geräte noch so teuer, dass sich die Investition kaum lohnt.
An dieser Stelle muss ich auch einen ausdrücklichen Tadel an die Firma Google aussprechen. Sie haben das Geld, sie haben das Know-How und sie haben genügend Einfluss, um Android barrierefrei zu machen. Mir scheint aber, dass sie seit Android 2.2 nicht viel dazu gelernt haben und dass sie das Thema nicht wirklich ernsthaft angegangen sind. Vieles ist besser geworden, aber von gut kann man absolut nicht sprechen. Im Gegenteil, einerseits weiß Google, wie wichtig das Thema ist, sonst wären sie es nicht angegangen. Andererseits wirkt Vieles wie Flickschusterei.

Game Over mit verbundenen Augen

Wie schon berichtet habe ich als Experte für digitale Barrierefreiheit am Montag an einer Veranstaltung zu Audio-Games in Hannover teilgenommen. Mit 40 bis 50 Besuchern war das Interesse doch recht groß.

Die Besucher hatten die Gelegenheit, mehrere Spiele auszuprobieren. Ein wirklich fieses Spiel ist Game Over, es ist so gestaltet, dass man nicht gewinnen kann. Barrieren gehören hier zum Konzept. Vielleicht sollten wir mal was Analoges fürs Internet basteln, obwohl, da gibt es ja schon genug real existierende und ernst gemeinte Anschauungsobjekte.

Naturgemäß zieht man mit so einer Veranstaltung nicht unbedingt die Hardcore-Gamer an, obwohl auch sie die Idee eines guten Audiodesigns schätzen dürften. Andererseits sind die Nicht- und Wenig-Spieler auch offener für andere Spielideen, da sie nicht durch Hochglanz-Optik und Highend-Grafik verdorben sind.

Mich würde nebenbei mal interessieren, wie groß die Zahl blinder Gamer ist, die regelmäßig spielt. Einen gewissen Markt scheint es doch zu geben, die Spiele fürs iPhone sind zwar nicht teuer, aber auch nicht kostenlos. Persönlich kenne ich nur wenige regelmäßige Spieler.

Wohl bei allen Besuchern hat es ein Aha-Erlebnis gegeben. Auch wenn die Spiele selbst nicht immer überzeugen, grenzt es für viele Besucher an ein Wunder, dass es überhaupt möglich ist, ein Spiel nur mit Sound umzusetzen. Ich bin mir sicher, dass einige die Spiele auch zuhause ausprobieren werden. Es geht dabei nicht um die pädagogisch aufgeladene Frage “Was lernen wir daraus?”, sondern einfach ums spielen und ums Spaßhaben. Ich fühle mich auch in der Annahme bestätigt, das Ausprobieren immer nachhaltiger wirkt als wohlgemeinte Vorträge.

Übrigens ist der Pavillion eine schöne und soweit ich das beurteilen kann auch barrierefreie Location, also falls ihr mal eine Veranstaltung in Hannover plant, ist er einen Blick wert.

Out of Space – Tastausstellung für Blinde

RaketeHalbverbrannte Unterwäsche, lebensgroße Außerirdische und Teile einer echten Rakete, das sind nur einige der Highlights der Ausstellung “Out of Space” in der Bundeskunsthalle Bonn. Ich habe gestern die Tastausstellung speziell für Blinde besucht und damit sich der Eintrittspreis auch rechnet, schreibe ich noch diesen Blogbeitrag dazu.

Zum Thema Weltraum kann ich gar nicht so viel sagen: Mein Wissen bezieht sich vor allem aus Star Trek und Babylon 5. Die 90er waren die Hoch-Zeit der Raumschiff-Serien in Deutschland, das Interesse am Weltraum oder zumindest an diesen Serien scheint deutlich nachgelassen zu haben.

Ich bin kein Fan von Ausstellungen, deswegen habe ich keinen Vergleich, doch mir scheint “Out of Space” gut durchdacht zu sein. Es gibt eine schöne Kombination aus echten Überbleibseln von Weltraum-Missionen, Meteoriten, Kunst mit Weltraum-Bezug und diverse Außerirdische wie ET zu bestaunen. ALF habe ich nicht gesehen, aber der war wahrscheinlich zu banal.
Das Bild zeigt ein Display mit dem Text "Wie laut war der Urknall?"
Zur Blinden-Tastführung. Die Bundeskunsthalle macht häufiger spezielle Führungen für Blinde, übrigens auch für andere Behinderte und Menschen mit Demenz. Oft kriegt man nur Audio-Guides, die einem zu jedem Objekt einen vorher aufgesprochenen Text erzählen. Das ist zwar in Ordnung, aber man kann natürlich nicht spontane Fragen stellen oder mit dem Guide diskutieren, was den Reiz solcher Führungen ausmacht.

Die Führerin hat das sehr gut gemacht. Sie hat ausführlich die einzelnen Objekte beschrieben, einige Objekte dürfte man auch anfassen. Außerdem hatte sie einen kleinen Wagen dabei, auf dem sie Objekte mitgenommen hat, die man ebenfalls an den einzelnen Stationen anfassen konnte. Natürlich dürfen Original-Objekte nicht berührt werden, ich denke, das ist nachvollziehbar.

Leider gab es keinen Raumschiff-Simulator, es wäre doch mal interessant gewesen, sich wie so ein Astronaut in einen dieser schweren Raumanzüge zu quetschen oder in einem Spaceshuttle zu sitzen. Aber das hat natürlich nichts mit Blindheit zu tun.

Also insgesamt eine gut durchdachte Ausstellung und eine empfehlenswerte Führung für Blinde. Falls ihr Lust bekommen habt: Die eigentliche Ausstellung läuft noch bis 22. Februar 2015, am 7. Februar ist auch noch eine Tastausstellung für Blinde geplant. Eventuell machen sie auch Sonderführungen für größere Blindengruppen, fragt einfach mal nach.

Gastbeitrag: Wie Blinde Diagramme erstellen können

Ich freue mich, heute den ersten Gastbeitrag veröffentlichen zu können. Er stammt von Michael, der den lesenswerten Blog Blind leben” betreibt. Der Beitrag erschien ursprünglich in seinem Blog, an dieser Stelle noch mal herzlichen Dank, dass ich den Beitrag hier veröffentlichen darf. Und los gehts.

Okay, heute wirds mal so richtig technisch.

Ich bin in den letzten Tagen eine meiner Dauerbaustellen angegangen: die Erstellung von Diagrammen. Für einen Blinden nicht so ganz einfach, aber durchaus lösbar. Anstatt grafisch orientierter Programme wie Microsoft Visio kann man Diagramme nämlich auch mit Beschreibungssprachen definieren und sich das fertige Diagramm dann von einem Stück Software erstellen lassen.

Nach einiger Recherche habe ich mich zunächst einmal für die Sprache DOT entschieden, und für das freie Open Source Softwarepaket Graphviz. Die Möglichkeiten dieser Sprache sind sehr vielfältig, auch wenn es einige Begrenzungen gibt, und der Code ist (im Gegensatz zu den XLM-basierten Formaten wie GraphML oder GXL) leicht und schnell lesbar. Geeignet ist es für so ziemlich alles, was Knoten miteinander verbinden muss, von Molekülen über IT-Netzwerke bis zu Organigrammen. Gedacht ist diese Sprache vor allem für die automatische Generierung von Diagrammen. So lässt sich z.B. ein Prozessdiagramm direkt aus den Daten einer technischen Prozessbeschreibung erstellen.

Was kann man erwarten?

DOT ist eine einfache Beschreibungssprache für Diagramme. Diese Diagramme bestehen hauptsächlich aus Knoten und aus Kanten. Letztere verbinden die Knoten miteinander. Ein Diagramm kann dabei ein gerichteter oder ein ungerichteter Graph sein. DOT beherrscht außerdem Gruppierungen, Unterdiagramme und einige andere Konzepte.

Die Grundidee ist, mittels DOT zu definieren, welche Knoten und welche Kanten es gibt, und den Rest der Software zu überlassen. Letztere entscheidet weitgehend selbst, wie die Knoten angeordnet und wie die Kanten gezogen werden, damit es möglichst übersichtlich aussieht. Es gibt aber auch verschiedene Eingriffsmöglichkeiten in die Gestaltung des Diagramms, von Gruppierung zusammengehöriger Elemente über bevorzugte Anknüpfungspunkte von Kanten bis zur exakten Positionierung einzelner Knoten.

Optisch perfekt wird das Ergebnis dabei meist nicht sein. Aus Sicht eines Blinden ist es aber eine Möglichkeit, mit etwas Übung ansprechend aussehende Diagramme zu gestalten. Und was vielleicht noch viel wichtiger ist: man kann über den Quelltext sicherstellen, dass ein Diagramm inhaltlich korrekt ist.

Es stehen übrigens verschiedene Algorithmen zur Erstellung der eigentlichen Grafik zur Verfügung, die teils deutlich unterschiedliche Ergebnisse liefern. Man kann also auf Knopfdruck und ohne einen (durchaus möglichen) tieferen Eingriff in die Logik alternative Diagramme aus dem gleichen Quellcode erstellen und dann das am besten aussehende verwenden (lassen).

DOT – Einige Beispiele

Ich kann und will hier keinen Einsteigerkurs in DOT schreiben, die gibt es reichlich im Internet zu finden. Damit ihr aber ein Gefühl dafür bekommt, wie sich DOT “anfühlt”, hier ein paar kleine Beispiele. Aber bitte nicht erschrecken: die Sprache ist leichter zu lernen, als sie aussieht, und als Anwender kann man frei entscheiden, wie tief man sich einarbeitet, und wie viel Einfluss man auf die Struktur und Gestaltung nehmen möchte.

Zunächst ein simples Diagramm als gerichteter Graph:

<div class=”mycode”>
digraph {
“Vater” -> “Sohn”;
“Vater” -> “Tochter”;
“Tochter” -> “Kind”;
“Vater” -> “Kind” [label=”Großvater von”]
}</div>

<div class=”separator” style=”clear: both; text-align: center;”><a href=”http://1.bp.blogspot.com/-2ipo0-itRQE/Uo4qDApCkCI/AAAAAAAAABw/O9cz5Qrs7W8/s1600/img1.png” imageanchor=”1″ style=”margin-left: 1em; margin-right: 1em;”><img border=”0″ alt=”Diagramm 1″ src=”http://1.bp.blogspot.com/-2ipo0-itRQE/Uo4qDApCkCI/AAAAAAAAABw/O9cz5Qrs7W8/s400/img1.png” /></a></div>

Erstes Beispieldiagramm

In diesem Beispiel werden die Knoten als einfacher Text definiert. Die Kanten (Verbindungen) werden durch den “Pfeil” (“->”) repräsentiert, wobei ich die Verbindung zwischen Vater und Kind beschriftet habe. Diese Beschriftung taucht neben der Linie auf.

Im nächsten Beispiel verfeinern wir das Diagramm noch ein wenig. Zum einen werden Sohn und Tochter jetzt gruppiert und erzwungen auf einer Ebene angezeigt, zum anderen sind die Knoten jetzt explizit definiert:

<div class="mycode">
digraph {
vater [label="Vater"];
{ rank=same;
sohn [label="Sohn"];
tochter [label="Tochter"];
}
kind [label="Erstes Kind"];

vater -> sohn;
vater -> tochter;
tochter -> kind;
vater -> kind [label="Großvater von"]
}</div>

<div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"><a href="http://4.bp.blogspot.com/-1iWtg5DuktQ/Uo4rGu8wtMI/AAAAAAAAACI/4mgM20-suH4/s1600/img2.png" imageanchor="1" style="margin-left: 1em; margin-right: 1em;"><img alt="Diagramm 2" border="0" src="http://4.bp.blogspot.com/-1iWtg5DuktQ/Uo4rGu8wtMI/AAAAAAAAACI/4mgM20-suH4/s400/img2.png" /></a></div>

Zweites Beispieldiagramm

Zweites Beispieldiagramm

Okay, optisch hat sich hier nicht viel verändert, aber das Diagramm ist “sauberer” und damit weniger fehleranfällig, Knoten können leicht umbenannt werden und die Hierarchie zwischen Sohn und Tochter ist festgelegt.

Im nächsten Schritt geht’s in die Vollen. Ich nehme hier eine Reihe optischer Anpassungen vor, definiere eine Untergrafik und beschrifte einen der Knoten mittels des von DOT unterstützten Pseudo-HTMLs:


<div class="mycode">
digraph {
nodesep=0.7; // Abstand zwischen Knoten
ranksep=1; // Abstand zwischen Hierarchieebenen:
margin=1.5; // Rand des Gesamtdiagramms
fontname="Tahoma"; // Schriftart für das Diagramm selbst
label="Beispieldiagramm" // Der Name des Diagramms

// Und hier definieren wir das Aussehen der Knoten:
node [
width=2; // Breite des Knotens
fontname="Tahoma",
shape=box
];

vater [label=<<table cellpadding="30" border="0" cellborder="0"><tr><td balign="left"><b>Vater</b><br />Die erste Generation</td></tr></table>>];

subgraph cluster_A {
label="Die Mitte";
labeljust=left; // Das Label linksbündig anzeigen
rank=same;
margin=20; // Innerer Rand der Box, die den Subgraph umschließt
pencolor=gray; // Die Box des Subgraphs in grau zeichnen

sohn [label="Sohn"];
tochter [label="Tochter"];
}
kind [label="Erstes Kind", style="rounded"];

vater -> sohn;
vater -> tochter;
tochter -> kind;
vater -> kind [label="Großvater von",style=dotted]
}</div>

<div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"><a href="http://4.bp.blogspot.com/-XabUZm1n20M/Uo4rc-GqmdI/AAAAAAAAACQ/aopd54rvkj4/s1600/img3.png" imageanchor="1" style="margin-left: 1em; margin-right: 1em;"><img aöt="Diagramm 3" border="0" src="http://4.bp.blogspot.com/-XabUZm1n20M/Uo4rc-GqmdI/AAAAAAAAACQ/aopd54rvkj4/s400/img3.png" /></a></div>
Drittes Beispieldiagramm

Stärken und Schwächen

DOT hat als Beschreibungssprache einige deutliche Stärken, insbesondere das selbstständige "Entwirren" von Diagrammen. Wunder darf man aber hier natürlich nicht erwarten, denn diese Aufgabe ist mathematisch sehr komplex. Bleibt man bei den Vorgaben, so sehen die erzeugten Diagramme meist recht ansprechend aus, nur selten muss man von vornherein eingreifen.

Eine deutliche Schwäche ist dagegen die Gestaltung der Knoten und Knotenbeschriftungen. Es gibt zwar eine Vielfalt von Formen (Shapes), aber einige oft verwendete Formen wie Wolke oder Mauer fehlen, und müssten ggf. als Grafik eingebunden werden. Und um die eigentlich recht alltägliche Aufgabe im letzten Beispiel (Knoten mit mehrzeiliger, linksbündiger Beschriftung und erster Zeile in Fettschrift) zu erledigen, muss gleich der ganze Knoten als HTML-Tabelle gestaltet werden. Besonders letzteres finde ich ziemlich nervig, aber vielleicht ändert sich das ja noch in der Zukunft, denn DOT wird laufend weiterentwickelt.

Ein anderes Manko ist die Problematik der Verbindung von Untergraphen. Dies ist grundsätzlich möglich, aber recht komplex und variiert zwischen verschiedenen Algorithmen.

Klassische Organigramme und andere streng hierarchische Diagramme gestalten sich ebenfalls etwas schwierig. Zwar bilden die einzelnen DOT-Algorithmen ein solches Diagramm inhaltlich korrekt ab, es kann aber passieren, dass der Azubi optisch neben dem Abteilungsleiter landet, weil unten kein Platz mehr war. Hier gibt es ein paar Tricks, aber toll ist es nicht gerade.

Die Praxis

DOT ist gut geeignet, um schnell und einfach Diagramme zu erstellen, und das Ergebnis ist meist recht ansehnlich. Die Komplexität des Diagramms spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, auch sehr komplexe Aufgaben kann DOT gut abbilden.

Als "Malprogramm" für extrahübsche Diagramme ist es aber nicht wirklich gedacht und auch nur begrenzt geeignet. Hier hängt viel davon ab, wie tief sich der Anwender in die Sprache einarbeitet, und wie leicht er oder sie Feedback zum Aussehen der Grafiken erhalten kann. Wer sich noch mit Bildschirmlupe, Farbumkehrung und sonstigen Hilfen ein Bild vom Ergebnis machen kann, der kann auch viel alleine optimieren.

Ich jedenfalls bin glücklich, meinen Kunden und Kollegen jetzt wieder "kein Problem" antworten zu können, wenn ich nach einem Diagramm gefragt werde. Besonders charmant finde ich es, ein solches Diagramm während einer Besprechung gleich "mitschreiben" und auf Knopfdruck vorführen zu können.

Die Technik

Mit GraphViz kommt auch eine Benutzeroberfläche für die Erstellung der DOT-Dateien und ihre Anzeige als Grafik. Diese ist aber leider, zumindest mit NVDA, komplett unzugänglich. Eine ausführliche Suche nach einer Alternative habe ich noch nicht durchgeführt, stattdessen habe ich mir meinen eigenen Werkzeugsatz erstellt, der allerdings deutlich technischer ausfällt.

Als Editor für die Quelltexte nehme ich wie immer mein Schweizer Taschenmesser namens Notepad++ (sehr empfohlen, aber wenn möglich auf Englisch nutzen, in der aktuellen Version sind die deutschen Tastenkombis völlig verworren). Das grafische Ergebnis lasse ich dann durch die dot.exe aus dem HraphViz Paket erzeugen und vom Betriebssystem anzeigen.

Damit es etwas einfacher wird, habe ich in Notepad++ eine Taste mit dem Run-Befehl für die folgende Batch-Datei belegt:

<div class="mycode">
@ECHO OFF

SET format=png
SET outfile="%~d1%~p1%~n1.%format%"
SET logfile="%~d1%~p1%~n1.log"

DEL %outfile%
"C:\Program Files (x86)\Graphviz2.34\bin\dot.exe" -T%format% -o%outfile% %1 >%logfile% 2>&1

FIND /I "error" %logfile%
IF %ERRORLEVEL% EQU 0 (%logfile%) ELSE (%outfile%)</div>

Diese Batchdatei erzeugt aus der als Parameter übergebenen DOT-Datei eine PNG-Grafik unter dem Namen . im gleichen Verzeichnis wie die DOT-Datei, und ruft diese mit dem Standardprogramm auf. Tritt bei der Erstellung ein Fehler auf, so wird anstatt der Grafik die Logdatei (.log) angezeigt, die übrigens immer erzeugt wird.

Um diese Batch-Datei in Notepad++ einer Taste zuzuweisen, muss man sie als “run”-Befehl speichern. Die Syntax für den Aufruf lautet:

<div class="mycode">
C:\BIN\dot_preview.bat "$(FULL_CURRENT_PATH)"</div>

Integration in Microsoft Visio

Mit GraphVizio gibt es ein freies Addin für Microsoft Visio, um demselben DOT beizubringen. Ich habe dieses noch nicht getestet, möchte es hier aber schon mal erwähnen, da es die Zusammenarbeit mit Kollegen vermutlich deutlich vereinfachen kann.

Ein Tipp zum Abschluss

Wer DOT ernsthaft einsetzen möchte, der sollte sich unbedingt mit den verschiedenen Ausgabeformaten beschäftigen. So kann GraphViz beispielsweise SVG (Scalable Vector Graphics) erzeugen, die nicht nur frei skalierbar sind, sondern auch mit gewissen Einschränkungen mit dem Screereader lesbar sind, und das selbst mit der normalen Windows Bildanzeige.

Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Bundestagswahl

Das ist ein Beitrag zur Blogparade Wählen mit Behinderung der Aktion Mensch.

Wahrscheinlich wurde bei allen Wahlen zum Bundestag der letzten 20 Jahre auch über Behinderung diskutiert. Meinem persönlichen Empfinden nach dürfte das aber die erste Wahl sein, wo das Thema auch in den massenmedialen Mainstream gelangt ist. Eine Ursache dürfte die Wahltesttour der Aktion Mensch gewesen sein. Ansonsten läuft das Ganze in den gewohnten Bahnen ab, die Diskussionen sind so expertenlastig, dass sie nicht einmal von unbeteiligten Behinderten verstanden werden. Oder weiß jemand von euch, was es mit dem Bundesteilhabegesetz auf sich hat?
Rollstuhl
Dabei schneiden die Parteien als Hauptakteure der Wahl eher bescheiden ab. Es gibt kaum Inhalte in Leichter Sprache oder Gebärdensprache, Videos mit Untertiteln sind eher Mangelware. Die Wahllokale sind mehr oder weniger barrierefrei, Blinde z.B. müssen sich selbst die Schablonen beschaffen, damit sie wählen können.

Ich habe bei den wenigen Wahlen , bei denen ich mitmachen durfte – ich habe erst seit 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft – immer Briefwahl gemacht und werde das dieses Mal ändern.

Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.

Deshalb werde ich am 22. September 2013 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.

Selbst ist der Publisher – meine Erfahrungen mit dem Tredition Verlag

Anmerkung: Da der Artikel recht alt ist, möchte ich darauf hinweisen, dass er nicht aktualisiert wird. Die hier beschriebenen Konditionen und Prozesse sind nicht aktuell und ich habe weder Zeit noch Lust, sie auf den neuesten Stand zu bringen. Ihr müsst euch also selber informieren.

Jetzt ist es soweit: mein erstes und hoffentlich nicht letztes eBook ist erschienen. Ich rechne so mit eine bis zwei Millionen Lesern und ca. 30 Käufern. Aber Scherz beiseite.
Pocketbook Pro 602 mit einem Ausschnitt aus Im Zeichen der Vier von Artur Conan DoyleIch habe mich für den Tredition Verlag entschieden, weil er mir das beste Preis-Leistungs-Verhältnis in Deutschland zu haben scheint. Scheint, weil ich noch nicht sicher bin, ob meine Erwartungen voll erfüllt werden – aber dazu später mehr.

Der Tredition-Verlag bietet die Herausgabe von Büchern, eBooks und Hörbüchern an. Er nimmt nach eigener Aussage fast jedes Buch an, wenn es bestimmte Mindeststandards erfüllt. Das ist natürlich eine gute Nachricht für Nischenautoren, die nicht mit großen Auflagen oder einem etablierten Verlag rechnen können. Es gehört zum Spiel bei solchen Verlagen, dass man alles selbst machen muss. Dazu gehört natürlich das Schreiben, aber auch das Redigieren, Illustrieren, das Marketing und so weiter. Tredition ist der Verlag, der sich um Druck bzw. um Distribution des Buches kümmert, den Rest muss der Autor selber übernehmen. Das ist trotz Verlag Selfpublishing. Für Selbständige ist das ja normal, alle anderen müssen umlernen,zumindest wenn sie tatsächlich eine nennenswerte Zahl von Büchern verkaufen wollen. Manchem reicht es ja schon, ein Buch mit dem eigenen Namen darauf ins Regal zu stellen. In diesem Fall ist er aber bei Books on Demand besser aufgehoben.

Tredition sorgt dafür, dass die Print-Bücher gedruckt und eBooks in den großen Shops angeboten werden. eBooks werden in vier gängige Formate konvertiert und u.a. bei Amazon und im Apple Store angeboten. Letzteres ist wichtig, weil man ansonsten als deutschsprachiger Autor nur mit Umwegen in iBooks reinkommt. Ein eBook zu veröffentlichen kostet aktuell pauschal 99 Euro. Ich denke, das ist angemessen. Eine ISBN gehört zum Lieferumfang. Wird das Buch im Tredition-Shop verkauft, fällt die Provision höher aus. Außerdem kümmert sich der Verlag um Zahlungsabwicklung, Auslieferung und so weiter. Verkauft man ein Buch in einem externen Store, erhält man pauschal 25 Prozent des Netto-Verkaufspreises. Wichtig ist hier im Hinterkopf zu behalten, dass die Preise für eBooks inklusive 19 Prozent Merhwertsteuer sind.

Warum nicht bei Amazon

Bei Amazon kann man seine Bücher auf der Kindle-Plattform kostenlos einstellen und den Preis selber festlegen. Die Provision ist in Ordnung, wenn man die starke Reichweite von Amazon bedenkt. Außerdem kann jederzeit ein Update des eBooks durchgeführt werden, das heißt, man lädt eine neue Version des Buches hoch und die Käufer des alten Buches erhalten die neue Version, meines Wissens nach ohne extra zahlen zu müssen. Meiner Ansicht nach ist das zeitgemäß, vor allem bei teureren Sachbüchern sollte man eine Zeit lang kostenlose Updates bekommen und ähnlich wie bei Software nur bei wirklichen Neuerungen bezahlen.

Jetzt kenne ich die aktuellen AGBs des Kindle-Shops nicht, aber ich vermute, Amazon möchte zumindest für eine bestimmte Zeit die ausschließlichen Verkaufsrechte. Für diese Zeit darf ich nirgendwo das Buch zusätzlich einstellen.

Kleines Update: Tatsächlich möchte amazon 90 Tage die Exklusiv-Rechte, wenn das Buch bei KDP Select angeboten wird. Der Autor kann über dieses Programm das Buch eine Zeitlang kostenlos anbieten bzw. von Prime-Kunden kostenlos ausleihen lassen. Der Grund für diese Regelung ist vermutlich die Buchpreisbindung.

Wenn ich mir andererseits die Verbreitung von iOS und Android angucke, sehe ich bei Apple und Google eine stärkere rolle bei elektronischem Lesestoff. Bei meiner Zielgruppe – Blinde und Sehbehinderte – spielt Apple eine zusätzlich höhere Rolle, da die Kindle-App für iOS und das Kindle-Gerät für Blinde nicht nutzbar sind. Außerdem habe ich die Kindle-Anwendung für Windows nicht dazu bekommen, mit NVDA zusammenzuarbeiten, obwohl sie screenreadertauglich sein soll.

Aus meiner Sicht ist es so oder so nicht sinnvoll, sich auf eine Plattform zu beschränken. Die Stärke von Tredition liegt sicher darin, dass sie sich darum kümmern, dass die eBooks auf allen möglichen Plattformen eingestellt werden, eine Aufgabe, die für einen einzelnen Autoren sehr aufwendig ist. Wenn auch noch jede Plattform ihre eigenen Abrechnungsmodi hat, wird es endgültig zur Sisiphus-Aufgabe, die man gerne abgeben wird.
Einen lesenswerten Bericht zur Veröffentlichung auf der Kindle-Plattform hat Wolfgang Tischler vom Literaturcafé geschrieben.

Die Vorteile von Tredition

Der Tredition-Verlag ist relativ jung. Aber obwohl er schon einige Titel im Angebot hat, habe ich relativ wenige Erfahrungsberichte gesehen. Der Ansatz ist gut, das Konzept noch verbesserungsfähig. Fangen wir mit den aus meiner Sicht positiven Seiten des Verlages an.

Mir gefällt der Ansatz, einmal einen gewissen Betrag zu bezahlen und dann nie wieder behelligt zu werden. Das ist der generelle Ansatz von Tredition: es gibt die Pauschale, die gezahlt wird, sobald das Buch eingereicht wurde. Solange man nichts ändern oder das Buch in einem anderen Format veröffentlichen möchte, entstehen keine Folgekosten.

Der Autor kann die Formatierung seines Buches relativ schnell selbst erledigen. Am Ende lädt man ein PDF hoch – warum auch immer sie dieses Format gewählt haben – wählt aus den Vorlagen ein Cover, lädt ein Bild für die Vorderseite hoch – das ars. Man kann auch selbstgestaltete Cover hochladen. Der Publikationsprozess ist soweit sehr einfach gestaltet – es sei denn, man ist blind, dann sollte man sich sehende Hilfe holen. Die Tastatursteuerung funktioniert aber ganz gut.

Sehr schön ist der Provisionsrechner, mit dem man ausrechnen kann, wie teuer ein Buch wird und wie hoch der Preis und daraus resultierend die Provision ausfällt. Das ist mal Transparenz.

Ein Vorteil kann auch sein, dass der Verlag mit der Plattform PAPERC zusammenarbeitet. Dort kann man – wenn man nicht blind ist – viele Fachbücher kostenlos online lesen oder zumindest reingucken.

Die Nachteile

Ein Nachteil ist sicher, dass es keine kostenlose Neuauflage gibt. Aus der Sicht von Tredition kann ich das verstehen. Jede Änderung erfordert, dass das Buch neu konvertiert wird, was natürlich zusätzliche Kosten verursacht. Trotzdem erscheinen mir 99 Euro für eine Neuauflage eines eBooks zu teuer. Ich würde den Satz für Neuauflagen reduzieren. So lohnt es sich im Augenblick für die Autoren von Sachbüchern kaum, innerhalb der drei Jahre Vertragslaufzeit neue Informationen oder Korrekturen des Buches rauszubringen. Mag aber sein, dass der Schwerpunkt des Verlags auf Belletristik liegt.

Ein zweites Problem ist die etwas chaotische Webseite, offensichtlich fehlt da ein guter Online-Redakteur. Es gibt widersprüchliche Informationen zur Gestaltung der Bücher. An einer Stelle werden bestimmte Formatierungen empfohlen, an anderer Stelle sieht es so aus, als ob die Formatvorlagen sowie die Formatierungsregeln vorgeschrieben sind. Ungewöhnlich fand ich zum Beispiel den vorgeschriebenen Blocksatz, der bei einspaltigem Text und Belletristik eher selten ist. Bis heute weiß ich nicht, ob die Formatvorlage nun Pflicht ist oder nicht, ich habe sie dann einfach verwendet.

Der Vertrag ist vermutlich ein Standardautoren-Vertrag. Ungewöhnlich erscheint mir die lange Mindest-Vertraslaufzeit von drei Jahren. In dieser Zeit darf ich jenseits des Verlages keine andere Fassung meines Buches rausbringen. Vermutlich will der Verlag damit seinen Anteil an den Bucheinnahmen sichern. Immerhin: der Standardvertrag sowie die AGB stehen offen auf der Webseite, jeder Autor kann sich also schon vorher überlegen, ob er da mitmachen will oder nicht. Ähnlich wie bei einem Mobilfunkvertrag würde ich hier unmittelbar nach Vertragsschluß kündigen, damit der Vertrag nach der Mindestlaufzeit ausläuft. Mehrjährige Verträge sind nicht mehr zeitgemäß.

Enttäuschend fand ich den Tredition-eigenen Shop. Er scheint ziemlich voller Bugs zu sein, zumindest bin ich immer auf der Startseite gelandet, wenn ich meinen Buchtitel angeklickt habe. Irgendwie hatte ich auch Probleme, mein Buch über das Suchfeld zu finden, da es nur einen Oliveira als Autoren gibt, hätte ich mich eigentlich finden müssen.
Es war mir auch nicht möglich herauszufinden, ob sie bei Tredition DRM für die eBooks verwenden oder nicht. In den AGBs stand zwar nichts davon, aber das muss ja nichts heißen.

Eher peinlich ist der Umstand, dass sie ihre Hörbücher ausschließlich im eigenen Shop anbieten. Der Shop ist für Blinde kaum benutzbar, so dass eine der größten Zielgruppen für Hörbücher sie nicht kaufen kann. Deswegen habe ich auch keine Zeit darauf verschwendet, aus meinem Buch ein Hörbuch zu machen. Zudem hat wohl noch niemand von Tredition-Hörbüchern gehört.

Außerdem scheint sich ein übereifriger Suchmaschinen-Optimist ausgetobt zu haben. Viele Seitentitel klingen so, als ob sie extra für Googler geschrieben wurden, Keyword-Stuffing und seltsame Satzkonstruktionen, das sieht ziemlich unseriös aus.
Ich bin noch unentschieden, ob ich mein nächstes Buch dort veröffentlichen werde, weil das eBook auch nach knapp drei Wochen noch nicht in anderen eBook-Stores zu finden ist. Sollte das tatsächlich mal passieren, könnte ich mich wieder für Tredition entscheiden. Definitiv kann ich das natürlich nicht entscheiden, da es bis dahin wieder neue Publishing-Plattformen geben kann. Einen nicht mehr ganz taufrischen Überblick bietet das Upload-Magazin.

Kleines Update vom 18.11.2012: Nach langem Überlegen habe ich mich entschlossen, mein nächstes Buch nicht bei Tredition anzubieten. Zwar ist das Buch zwischendurch in den Stores aufgetaucht, aber es hat dann doch etwas länger gedauert und der Hauptgrund dürfte mein kritischer Artikel hier gewesen sein. Andere Anbieter wie Bookrix, Neobooks oder ePubli zeigen, wie vernünftiger Service und eine aktive Community aussehen können. Eine dreijährige Vertragslaufzeit erscheint mir aus heutiger Sicht nicht sinnvoll. Das muss aber jeder von euch selbst entscheiden.

Erfahrungen mit ePubly- Update vom 16.12.2012

Wie schon oben beschrieben habe ich mich entschieden, unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr bei Tredition zu veröffentlichen. Wer einen Blick in die rechte Seitenleiste wirft sieht schon, dass mein neues Buch zum Einstieg in die Online-Redaktion gerade erschienen ist. Ich freue mich über zahlreiche Käufe.

Der Prozess des Einstellens bei ePubly war sehr einfach. Anders als Tredition bietet ePubly keine Buchvorlage, so dass man die Formatierung komplett selbst übernehmen muss.

Nachdem ich das Buch geschrieben und das Cover erstellt hatte, habe ich mich bei ePubly angemeldet. Das lief soweit problemlos. Zum Veröffentlichen außerhalb von ePubly benötigt man eine ISBN, die man sich selber besorgen kann – Kostenpunkt ca. 80 Euro. Ich habe hingegen eine ISBN von ePubly gegen 20 Euro pro Jahr gemietet, wenn ich meinen Autorenvertrag kündigen sollte, fällt die Nummer zurück an ePubly.

Ähnlich wie bei Tredition wird das fertige Buch hochgeladen und es werden diverse Texte wie die Kurzbeschreibung erstellt. An dieser Stelle darf ich eine kleine Warnung einschieben: Word ist mal überhaupt nicht zum Schreiben von Büchern geeignet und leider doppelt ungeeignet zur Erstellung valider ePub-Dateien. ePubly akzeptiert aber nur valide ePub-Dateien. Das Einfachste wäre wahrscheinlich, das Buch in einem HTML-Editor zu schreiben oder ein Programm zu verwenden, das echtes ePub exportieren kann. Ich habe dann mangels Geduld den Konvertierungsservice von ePubly in Anspruch genommen – Kostenpunkt einmalig 60 Euro.

Die Konditionen bei ePubly sind aus meiner Sicht gut: kurze Kündigungsfrist, die üblichen Tantiemen beim Verkauf eines Buches und das Einstellen in diverse Buchshops. Das Buch tauchte sehr schnell bei Amazon und Google auf und wird im Laufe der Zeit noch in weiteren Shops zu finden sein. Außerdem hat ePubly nur die Verbreitungsrechte am eBook, die Rechte für ein Printbuch, ein Hörbuch und natürlich die Filmrechte habe ich behalten.

Es gibt noch eine recht aktive Community, die ich aber mangels Zeit und Interesse nicht näher betrachtet habe. Es lief soweit alles rund. Die Konditionen sind in Ordnung, warten wir mal ab, wie viele tausend Bücher ich verkaufen werde.

Hinweise zum selbst Publizieren

Da ich öfter Nachfragen dazu bekomme, möchte ich hier noch ein paar allgemeine Hinweise zum Selfpublishing geben. Eine ausführliche Anleitung gibt es hier.

Zunächst sollte man sich immer über die eigenen Ziele im Klaren sein. Für mich ist ein eBook in erster Linie ein Marketinginstrument, es ist zwar schön, wenn ich damit Geld verdienen würde, aber nicht unbedingt notwendig. Aus diesem Grund habe ich auch kein Geld für ein professionelles Layout, Lektorat oder eine Illustration ausgegeben, diese Kosten hätte ich nie und nimmer wieder einspielen können.

Wer hingegen viele Titel verkaufen möchte und Wert auf Ästhetik legt, sollte nicht an der falschen Stelle sparen. Das fängt damit an, dass man möglichst viele Freunde und Bekannte gewinnt, die kritisch die Story des Buches prüfen und einen auf Fehler, Inkonsistenzen, schlechte Formulierungen und so weiter aufmerksam machen.

An einem guten Lektorat führt kaum ein Weg vorbei. Wir sollten uns bewusst sein, dass sogar Bestseller-Autoren ihre Bücher lektorieren lassen, wir also nicht darauf verzichten können.

Kaufentscheidend sind der Titel und das Cover des Buches. Man sollte also viel Hirnschmalz in einen guten Titel und einige Hundert Euro für einen guten Grafiker ausgeben, der ein entsprechendes Cover entwirft. Die meisten Leute gucken zuerst auf das Cover, dann auf den Titel und dann vielleicht auf die Kurzbeschreibung. Wer in diesen wichtigen zwei Sekunden die Aufmerksamkeit des potentiellen Käufers nicht halten kann, wird bald auf den hinteren Rängen der eBook-Shops untergehen.

Wirklich, der leichteste Schritt im ganzen Prozedere ist das Hochladen auf eine beliebige Plattform. Falls man nicht gerade Techies als Kunden hat, lohnt es sich nach wie vor, ein Buch als gedrucktes Exemplar etwa über Print on Demand anzubieten. Das Gros des deutschen Buchhandels ist Druck, insbesondere im Belletristik-Bereich. Wer Lesungen veranstalten möchte, sollte auch gedruckte Exemplare seines Buches dabei haben, um sie direkt an die geneigten Leser zu bringen. Ich empfehle daher, eine professionelle Druckvorlage erzeugen zu lassen, daraus eine eBook-Vorlage zu produzieren ist hingegen nicht so aufwendig.

Und dann heißt es Trommeln, Trommeln, Trommeln. Deutsche Bescheidenheit und englisches Understatement mögen Tugenden sein oder nicht, Bücher im Selfpublishing verkauft man damit nicht. Der Autor selbst muss sich zur Marke machen. Er muss auf Facebook mit seinen Käufern sprechen, er muss sein Buch in den genre-eigenen Foren vermarkten und er muss immer die Balance zwischen Eigenwerbung und Selbstbeweihräucherung halten. Ich kann gut verstehen, wenn man darauf gerne verzichten möchte, aber in diesem Fall hat man wesentlich schlechtere Karten. Man kann aber auch das Marketing für das Buch aus der Hand geben, was aber natürlich auch Geld kostet.

Was man nicht machen sollte: Positive Rezensionen zum eigenen Buch schreiben, andere Autoren und die Konkurrenz schlecht machen, negative Kommentare löschen (wenn sie legitim sind).

Und natürlich sollte man das Kleingedruckte beachten. Da geht es um Autorenverträge, ausschließliche Verbreitungsrechte, Nebenrechte und vieles mehr. Vor allem bei Plattformen, die neu gestartet sind rate ich davon ab, längerfristige Verträge abzuschließen. Die Plattformen schießen gerade aus dem Boden, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass viele von ihnen den harten Preiskampf nicht überleben werden. Also, keine Verträge mit Ausschließlichkeitsforderungen abschließen, wenn man nicht als Konkurrenzmasse verschleudert werden möchte. Versuche möglichst viele Rechte zu behalten, sprich mit dem Verlag, wenn dieser dir die Rechte wegnehmen möchte und schieß ihn in den Wind, wenn er auf deine Forderungen nicht eingeht.

Das andere ist die Anmeldung beim Finanzamt. Wer sich nicht frühzeitig um diese Angelegenheiten kümmert, für den kann es ein böses Erwachen geben, wenn das Finanzamt einen plötzlich als Gewerbe einstuft und man alle möglichen Abgaben rückwirkend nachzahlen muss. Das Problem ist kurz gefasst folgendes: Ein freier Schriftsteller ist ein Freiberufler. Ein Autor, der seine Bücher selbst verlegt kann aber als Verlag eingestuft werden, also als Gewerbe. Das Hochladen auf eine eBook-Plattform kann bereits als Verlagstätigkeit eingestuft werden. Es gibt da diverse Fallstricke, so dass hier die Rücksprache mit einem Steuerberater und ggf. mit dem Finanzamt nötig ist. In den entsprechenden Foren wird das Thema heiß diskutiert, im Ergebnis gibt es aber bisher noch zu wenig Erfahrung, um eindeutige Empfehlungen zu machen. So oder so, die Einnahmen aus dem Verkauf von eBooks müssen versteuert werden, zumindest daran gibt es keinen Zweifel. Wer angestellt ist und nebenbei ein paar Euro durchs Schreiben dazu verdient, der kann eventuell die Kleinunternehmerregelung in Anspruch nehmen, einfach einen Steuerberater fragen.

Für jemanden, der vom Schreiben lebt und der als Freiberufler oder Gewerbe angemeldet ist, sollte es auch möglich sein, eingekaufte Leistungen wie Lektorat oder Illustration von der Steuer abzusetzen. Wie es bei anderen Freiberuflern oder Angestellten aussieht, kann ich aber nicht einschätzen.

Ich rate davon ab, ein vollständiges Werk kostenlos anzubieten. Wegen der Buchpreis-Bindung ist das ohnehin nur eingeschränkt möglich, aber es bringt auch relativ wenig. Die meisten User greifen alles ab, was kostenlos ist, sind aber fast nie bereit, eine Gegenleistung zu erbringen. Ich vermute, die meisten dieser Bücher werden gar nicht gelesen, geschweige denn rezensiert. Wir denken immer, die Leute wären dankbar, wenn sie etwas kostenlos bekommen und würden sich auf die eine oder andere Weise revanchieren. Einige tun das auch, die meisten aber nicht. Leute, die etwas kostenlos haben wollen oder etwas kostenloses abgreifen sind nicht die Zielgruppe, die ein Autor für sein Marketing im Blick haben sollte.

Andererseits sollte man mit dem Preis auch nicht zu hoch gehen. Mehr als fünf Euro für ein selbstverlegtes eBook sollte es nicht sein. Das erhöht die Chance, von Gelegenheitskäufern gefunden zu werden. Man kann einzelne Kapitel kostenlos anbieten oder den ersten Band einer mehrbändigen Reihe, aber nur, wenn der zweite Band bereits käuflich erhältlich ist.

Noch ein Wort zu Enhanced eBooks: Es gibt einen kleinen Hype um multimedial erweiterte eBooks. Ich glaube nicht daran, dass solche Bücher erfolgreich sein werden, sofern es sich überhaupt um Bücher handelt und nicht um Multimedia-Shows. Der Leser will lesen, wenn er Videos, Sounds oder Animationen haben möchte, findet er sie massenhaft im Internet. Man sollte bedenken, dass die eReader auf eInk-Basis solche Bücher gar nicht vernünftig darstellen können.

Abgesehen davon sind die Produktionskosten für solche Inhalte unermesslich hoch. Schon Lektorat und Illustration sind nicht ganz billig, aber schon ein professionelles dreiminütiges Video kostet mehrere tausend Euro. Die Käuferzahlen müssten um ein Vielfaches höher sein, damit sich solche Produktionen lohnen. Ich sehe weder den Markt noch den Bedarf.

Selfpublishing – das nächste große Ding?

Vor ein paar Jahren hatten wir uns noch über einen Lehrer lustig gemacht, der einfach seinen eigenen Verlag gründete, nachdem sein Buch überall abgelehnt worden war. Selfpublishing könnte das nächste große Ding nach Web 1.0 und 2.0 werden. Es hat den Charme des Unperfekten, aber Authentischen. Die klassischen Verlage haben sicher ihre Existenzberechtigung, aber es gibt sicher einen Bedarf nach Veröffentlichungsmöglichkeiten, der von ihnen nicht gedeckt wird.

Selfpublisher können den Informationsbedarf sehr viel schneller stillen als es Verlage können. Da wären z.B. die Programmiersprachen Go oder Dart von Google. Zu denen gibt es sicher reichlich Infos im Internet, aber viele Leute ziehen es vor, die Infos zusammengefasst und strukturiert in gedruckter Form oder auf dem eBook-Reader zu lesen. Ansonsten könnten sich 90 Prozent der IT-Magazine nicht mehr am Kiosk halten.

Das Selfpublishing ist – um auf das eigentliche Thema dieses Blogs zu kommen – auch ein idealer Kanal für Behinderte. Es gibt einige Behinderte, die unheimlich gute Texte schreiben – in ihren Blogs oder auf Portalen – die aber ein Großteil der Menschen nie zu Gesicht bekommen. Die Internet-Spezies vergessen oft, dass es viele Offliner gibt, die überhaupt nicht mitbekommen, was sich auf Twitter oder Facebook tut. Das ist sogar die Mehrheit. Diese Menschen kann man am ehesten offline einfangen. Da es kaum Self-Fernsehen oder Self-Radio gibt, ist Selfpublishing eine ideale Plattform, um auch andere Menschen zu erreichen. Lektorat und Illustration können, wenn nötig, rausgegeben werden.

Der deutsche ePublishing-Markt entwickelt sich gerade erst, so dass man nicht eindeutig sagen kann, welches Modell sich durchsetzen wird. Vermutlich wird es alles geben von der “Ich mache alles selber und lade das fertige Produkt hoch”-Plattform bis zum Rundum-Sorglos-Paket, für das der Autor allerdings im Gegensatz zum klassischen Verlag bezahlen muss. Das kann sich für diejenigen lohnen, die sich aufs Schreiben konzentrieren möchten und damit rechnen können, dass sie die Kosten über den Verkauf wieder reinbekommen oder denen die Kosten egal sein können.

Tatsächlich ist das Rennen noch vollständig offen. Niemand kann sagen, welches Modell sich am Ende durchsetzen wird. Deutschland ist ein recht konservativer Buchmarkt, der Anteil digital verkaufter Bücher spielt im Buchumsatz aktuell kaum eine Rolle. Gerade hier liegt die Chance von Selfpublishern. Sie können mit relativ günstigen eBooks gegen die etablierten Verlage antreten, deren ordentlich lektorierte und professionell illustrierte Bücher und eBooks das drei- bis zehnfache kosten. Die Analogie von Apps zu großen Programmen bietet sich dabei an.

Was ich bisher nicht sehe sind tatsächlich Menschen, die nur vom ePublishing leben könnten. Falls sich da keine neuen Geschäftsfelder wie Sponsoring durch Unternehmen oder Werbung in den Büchern auftut, wird die große Mehrheit der Autoren – wie die Mehrheit der klassischen Autoren auch – das Schreiben nur als Nebenerwerb ausüben.

Interessant finde ich eBooks als alternative Finanzierungsquelle von Blogs oder anderen textlastigen Webprojekten. Mit Flattr konnte ich mich bisher nicht anfreunden – mehr Aufwand als Ergebnis, Spenden sind für Notleidende gedacht, Werbeanzeigen und Google Adwords nerven einfach nur. Die Leute zahlen lieber für eine spürbare Gegenleistung als für etwas, wovon sie ausgehen, dass es ihnen kostenlos zusteht. Statt mir also ein paar Euro zu spenden, könnt ihr jetzt mein Buch kaufen und gefälligst eine gute Rezension schreiben. Dann bin ich unermesslich reicher, kann stolz auf meine zahllosen Buchverkäufe sein und ihr habt auch was davon.

Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln

Wie ich im Artikel über NVDA schon angedeutet habe, kann die Community heute mehr Einfluss denn je auf die Entwicklung von hilfsmitteln nehmen. Früher musste man das nehmen, was eben da war, ob es den eigenen Bedürfnissen entsprach oder nicht. Engagierte Leute können heute leichter denn je eigene Projekte starten, um Menschen aus der Community zu helfen.
Geldscheine
enn man aber nicht gerade Programmierer ist oder eine Organisation hinter sich hat, benötigt man neben Engagement auch Geld.
Es gibt die klassische Finanzierung über Kredite, Risikokapital oder Preisgelder, aber wenn nicht gerade Facebook draufsteht oder der Sinn des Projekts in drei Wörtern zusammengefasst werden kann, wird es schwierig, an solche Gelder ranzukommen.
Spenden und Crowdfunding können Alternativen zur klassischen Finanzierung sein bzw. sind es teilweise bereits. Hier geht es weiter Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln.
Beim PDF Accessibility Checker wurde die Unterstützung für den UA-Standard über Crowdfunding finanziert. Das ist leider schwierig in so einem Artikel zu vermitteln, deshalb schreibe ich es einfach hier. Außerdem ist PAC ja auch kein Hilfsmittel für Behinderte.

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