Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Windows 10 für Blinde – ein erstes Fazit

Nachdem mein Notebook mich mit einem Update auf Windows 10 zwangsbeglückt hat, möchte ich ein erstes Fazit ziehen.
Vorneweg sei gesagt, dass Win 10 mit der aktuellen Version von NVDA 15.3 gut zu bedienen ist. Ich konnte bislang nur wenige Probleme feststellen. Der Browser Edge ist nur rudimentär zugänglich, aber das Problem ist bekannt. Das Startmenü bedient sich ein wenig holprig, aber das sind die typischen Macken von Windows. Als Blinder sollte man das Update nicht alleine durchführen, da NVDA während der Installation nicht spricht. Da das Update einige Zeit in Anspruch nimmt, kann man nicht wissen, wann das Update fertiggestellt ist. Bei der Einrichtung und Erst-Anmeldung steht NVDA nicht zur Verfügung. Hier sollte man mit Windows + Return den Narrator starten und die nötigen Schritte so durchlaufen.

Barrierefreiheit

Was immer Microsoft mit seinem neuen OS im Sinne hatte, Barrierefreiheit hatte keine hohe Priorität. Viele Blinde hatten darauf gehofft, dass der Narrator weiterentwickelt werden würde, doch Microsoft scheint nach dem Deal mit Window Eyes kein Interesse daran zu haben, das Thema weiter zu verfolgen. Im Center für erleichterte Bedienung ist nichts zu entdecken, dass es in Windows 8 nicht schon gegeben hätte.
So gab es ab Windows 8 den rudimentären Screenreader Narrator sowie eine deutsche Sprachausgabe. Die Spracheingabe war recht brauchbar, die Bildschirm-Lupe war recht gut und lief auch, wenn man nicht das Windows-Standardlayout verwendet hat. Cortana mag für Menschen mit Bewegungseinschränkung Vorteile haben, ist aber laut CT bislang auf Deutsch nicht brauchbar.
An einigen Stellen macht MS Rückschritte. Der Browser Edge ist mit NVDA nur rudimentär zugänglich, in Office 2013 gibt es einige Bereiche, die mit NVDA nicht erreichbar sind, zum Beispiel das Menü zur Hinterlegung von Alternativtexten für Bilder in Word.
Was nervt sind auch die vielen Kleinigkeiten, die nicht mehr wie gewohnt funktionieren. So habe ich in Win 8 immer per Alt-Tab in den Desktop gewechselt, um Informationen aus der Taskleiste wie den Energiestand oder W-Lan auszulesen und zu ändern, geht nicht mehr, der Desktop ist per Alt Tab nicht mehr erreichbar. Die Liste der verfügbaren W-Lans ist nicht mehr per Cursor-Tasten durchgehbar, sondern nur noch per Tab. Verschiedene Schalter oder Links im System lassen sich nur noch per Return und nicht per Leertaste aktivieren. So zwingt MS den Nutzer immer wieder, tradierte Arbeitsabläufe umzustellen, das hält jung und frisch.

Die Oberfläche

Für Blinde hat sich an der Bedienoberfläche nicht so viel getan. Das Startmenü aus Win 7 ist zurückgekehrt und bildet jetzt einen Zwitter mit der Kacheloberfläche von Win 8. Da ich die Live-Kacheln nie genutzt habe und das auch nicht plane, habe ich Beides ignoriert. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, einfach den Namen des Programmes einzutippen, das ist für mich die schnellste Arbeitsweise.

Einstellung – wo bist du?

So lobenswert ich den Versuch finde, ein Betriebssystem für alle Einsatzzwecke zu etablieren, so sehr mißlingt es Microsoft, dies adequat umzusetzen. Es gibt zum Beispiel mindestens zwei Stellen für Einstellungen: die altbekannte Systemsteuerung und die für Mobilgeräte optimierten System-Einstellungen. Das gibt es Win 8 und man muss daran zweifeln, dass Microsoft Usability-Experten beschäftigt, wenn sie das nicht nach so langer Zeit in den Griff bekommen.
Anderes Beispiel: Es ist mir nur einmal gelungen, mein Bluetooth-Headset mit dem Notebook zu koppeln. Als ich es später koppeln wollte, gelang es mir nicht mehr. Das ist bei anderen mobilen Betriebssystemen eine Standard-Einstellung. Ich habe es dann einfach gelöscht und neu erkennen lassen. Ein ähnliches Problem tritt mit Bluetooth-Braillezeilen auf, Geräte, die weder unter iOS noch unter Android Probleme machen.
Ein stetiges Ärgernis bei wirklich allen Microsoft-Betriebssystemen ist der ständige Ressourcenhunger. Wenn Windows 8 auf einen brandneuen Mitteklasse-Laptop zu langsam ist, gibt es dafür keine Entschuldigung. Zwar hat Microsoft Tools wie die Ressourcen-Übersicht entwickelt, die einem sagen sollen, was besonders viel Rechenleistung kostet. Das war es aber auch. Mit ein paar Ausnahmen wie der Defragmentierung im Hintergrund muss man das System immer noch mit externen Tools wie CCleaner aufräummen, wenn man halbwegs ungestört arbeiten möchte. Wie man so ein System auf Geräten mit geringen Ressourcen betreiben möchte, muss Microsoft noch zeigen.

Fazit: Muss man nicht haben

Was die Barrierefreiheit angeht, bietet Win 10 im Augenblick keinerlei Mehrwert gegenüber Win 8. Man scheint dieses Feld kampflos Apple überlassen zu wollen. Die mangelnde Zugänglichkeit von Edge ist – um das mal klar zu sagen – ein Schlag ins Gesicht der Blinden-Community. Das Thema Barrierefreiheit steht ja nicht erst seit gestern auf der Agenda und es ist nicht nachvollziehbar, warum Microsoft das nicht berücksichtigt hat, die einzige Erklärung ist, dass es ihnen nicht wichtig genug war.
Was mich angeht, gebe ich Microsoft auf. Früher habe ich mich in der Diskussion Windows vs. Mac immer auf die Seite von MS geschlagen, das ist jetzt vorbei. Ein Betriebssystem ist wie ein Haus, wenn man keinen Blödsinn anstellt, sollte es seinen Dienst tun und dadurch auffallen, dass es nicht auffällt. Bei MS hat man das nie begriffen. Es nimmt einem Dinge aus der Hand, die man selbst bestimmen möchte: Wenn es etwa mitten in der Arbeit für Updates neu startet. Ein nicht einfach abstellbares Update auf ein neues Betriebssystem würde nicht einmal Apple seinen Nutzern zumuten.
Es überlässt einem Dinge wie das Aufräumen der Festplatte, die man sicher nicht tun möchte. Über das Thema Datenschutz haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sehe das aus vielen Gründen lockerer als viele Andere, die Gründe möchte ich hier nicht ausführen. Klar ist aber, dass man eine zentrale Stelle benötigt, an der man solche Einstellungen treffen kann.
Für mich ist Win 10 das, was für viele Win 8 war, ein großer Wurf, der leider daneben ging. Man kann es nutzen, man kann es aber auch lassen.

Die perfekte Shopping- und Einkaufs-App für Blinde

Ich liebe es, mich durch den Supermarkt zu wühlen, um Produkte zu finden, die ich noch nicht kenne. Mit meinem geringen Sehrest ist das leider schwierig und zeitaufwändig. Ich muss jedes Produkt in die Hand nehmen und wenn ich nicht an der Verpackung erkenne, was es ist, muss ich nach der Beschriftung suchen, die oft zu klein oder zu kontrastarm ist, um sie vernünftig zu lesen. Das führt mich zu meinen Überlegungen zur perfekten Shopping-App für Blinde.
Die bisherigen Lösungen basieren darauf, den Barcode zu scannen. Das kann man mit speziellen Geräten oder dem Smartphone machen. Das mag okay sein, wenn man nur wissen möchte, ob das Kamillentee oder Pfefferminztee ist, aber niemand wird ernsthaft eine große Shopping-Tour damit machen. Schließlich muss jedes Produkt in die Hand genommen und der Strichcode gefunden werden, der sich bekanntermaßen nicht erfühlen lässt. Mir geht es dabei weniger um das Finden von Produkten des täglichen Bedarfs, sondern um Zufallsfunde. Also Produkte, die man nicht kennt, die einem aber gefallen würden, wenn man sie denn fände.
Untechnisch kann man eine Einkaufshilfe oder die beste Freundin mitschleppen, aber selbst der geduldigsten Person dürfte bald die Geduld ausgehen, wenn man sich im supermarkt herumtreibt. Die Ausnahme sind vielleicht noch Frauen, die tatsächlich Kleider shoppen gehen. Wenn man weiß, was man sucht, ist das generell kein Problem. Das Problem entsteht, wenn man eben auf Zufallsfunde aus ist.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Echtzeit-Erkennung von Objekten. Das halte ich trotz der Fortschritte in diesem Bereich aktuell nicht für realistisch. Die Latenz, also die Wartezeit zwischen Fokussierung des Objektes und deren Erkennung ist zu hoch. Es gibt außerdem zu viele ähnliche Produkte mit zu vielen unterschiedlichen Informationen.
Die Lösung ist recht simpel. Das Smartphone muss die Produkte bereits erkennen, wenn sie mit der Kamera fokussiert werden. Klingt kompliziert, ist aber keine große Geschichte.
Via MFC oder RFID müssten entweder die Produkte selbst oder zumindest die Beschilderungen an den Regalen mit einem Sender ausgestattet werden. Das Smartphone empfängt die Signale und ruft die passenden Infos ab: Produktname, Preis, Zutaten und das ganze Pipapo. Aufgrund der engen Platzierung der Produkte muss natürlich sichergestellt sein, dass dir richtigen Informationen zum fokussierten Produkt ausgegeben werden.
Am einfachsten wäre es, wenn der Supermarkt die Infos direkt per W-Lan bereit stellt, dann muss keine komplette Datenbank auf dem Smartphone landen und die Latenz durch Internet-Zugriffe wird minimiert. Um halbwegs komfortabel zu sein muss das Ganze in Echtzeit ablaufen, das heißt, es darf keine nennenswerte Zeit zwischen dem Fokussieren des Objektes und der Ausgabe der Informationen geben.
Das klingt zunächst aufwendig, ist aber durchaus realistisch. Die Metro hat heute schon Barcodes und digitale Preisanzeigen an den Regalen. Die Supermärkte könnten so zum Beispiel in Echtzeit feststellen, dass bestimmte Produkte knapp werden und diese auffüllen. RFID-Chips sind bereits so billig, dass es verwunderlich ist, warum noch nicht in jedem Produkt einer steckt.
Das Einzig Blöde an der Sache ist, dass es den Leuten nicht hilft, die keinen Zugang zur Technologie haben. Leider fällt mir für diese Gruppe keine nichttechnische Lösung ein.

Die Zukunft der Bildbeschreibung

In den letzten Jahren hat die Technik der automatischen Bild-Erkennung große Fortschritte gemacht. Apps wie TapTapSee zum Beispiel erkennen Objekte und können sie beschreiben. Es macht unheimlich viel Spaß auszuprobieren, was die App schon erkennen kann. Die Gesichtserkennung auf Fotos ist mittlerweile fast Mainstream.
Es gibt durchaus Blinde oder zumindest Leute, die ganz schlecht sehen und fotografieren. Andere wollen erfahren, was zum Teufel auf dem Foto abgebildet ist, dass sie da in ihrem überquellenden Sonstiges-Ordner gesammelt haben. Dafür wäre eine automatische Objekt-Erkennung äußerst hilfreich.

Cloud, Mustererkennung und künstliche Intelligenz

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Erkennung von Objekten in Echtzeit – also in dem Moment, in dem man das Objekt fixiert, möglich wird. Die größte Latenz dürfte heute dadurch entstehen, dass die Intelligenz nicht im Smartphone, sondern in der Cloud steckt und dadurch abhängig davon ist, wie flott der Internet-Zugang und wie schnell die Server sind. Wenn wir zumindest einen Teil der Intelligenz zurück in die Geräte holen – was von der Performanz her kein Problem sein dürfte, dürften sich die Möglichkeiten für Blinde enorm verbessern. Ich könnte mir vorstellen, dass eine smarte Brille die Bilder aufnimmt und sie von einem zweiten Gerät verarbeitet werden. Die OrCam verspricht schon heute einiges, spielt aber auch in einer preislich höheren Liga.
Die Technik könnte auch bei Abbildungen im Internet genutzt werden. Alternativtexte sind vor allem im Web 2.0 unzureichend formuliert. Auf Facebook , Twitter oder WhatsApp werden viele Fotos geteilt. Die Bereitschaft der Leute, Fotos auch nur rudimentär zu beschreiben ist teils gering, teils vergessen sie es auch einfach. Twitter und WhatsApp haben alternative Bildbeschreibungen für Blinde gar nicht erst vorgesehen. Facebook glaubt ernsthaft, dass “Domingos de Oliveiras Foto” ein passender Alternativtext für ein Foto ist, das Domingos de Oliveira eingestellt hat. Zumindest ist das der Text, der automatisch hinzugefügt wird, wenn der Uploader nichts in das entsprechende Feld schreibt. Das ist es natürlich nicht, ob ich den Uploader oder Fotografen kenne oder nicht, hilft mir bei der Bild-Erkennung nicht weiter.
Als Blinder hat man auch keine Lust, Zeit und Nerven dafür, die Leute ständig darauf hinzuweisen.
Abhilfe könnten automatische Erkennungs-Algorithmen wie in dem erwähnten TapTapSee schaffen. Wolfram Language, Microsoft Bilderkennung oder Google arbeiten ebenfalls an Tools zur automatischen Bild-Erkennung.
Für Tech-Größen wie Facebook und Twitter dürfte es weder technisch noch von der nötigen Rechenpower schwierig sein, solche Algorithmen zu integrieren. Damit könnten sie auch zumindest einen Teil der Kritik an ihrer schlechten Barrierefreiheit ausräumen. Möglich wäre natürlich auch, das Ganze via Browser-Erweiterung auf den Nutzer zu übertragen, dann spielt es keine Rolle, welche Plattform man nutzt.
Ob man dank dieser Beschreibungen die von Absender intendierte Aussage hinter dem Bild tatsächlich verstehen wird, ist leider schwierig zu beantworten. Oft genug verstehe ich den Witz auch nicht, wenn mir jemand den Bild-Inhalt erklärt.

Wo Manpower gefragt ist.

KI und Mustererkennung stoßen an ihre Grenzen, wo komplexe Beschreibungen gefragt sind. Kunstwerke können zwar als Anreihung von Objekten beschrieben werden, aber kein Kunstliebhaber würde sich damit zufrieden geben. Frau mit langen dunklen Haaren lächelt ist eine korrekte, aber doch unzureichende Beschreibung der Mona Lisa. Aber selbst hier könnten Algorithmen helfen, eine anständige Beschreibung zu formulieren. Es ist ja keine große Sache für einen Computer, Lichtverhältnisse oder Farbkombinationen auf einem Bild zu erkennen und zu beschreiben.
Hier kommt auch die Manpower ins Spiel. Es ist schon toll, wenn ein Mensch sich hinseetzt und eine detailierte Beschreibung eines Bildes formuliert. Da aber Kunst immer eine Frage der persönlichen Perspektive ist, ist es hilfreich, möglichst viele Beschreibungen verschiedener Personen zu haben. Nebenbei profitieren auch Sehende davon, denn sie erfahren über die Beschreibung Anderer oft etwas, was sie sonst übersehen hätten. Oder habt ihr nicht den Eindruck, dass wir oft nur oberflächlich auf Landschaften oder Fotos schauen? Die Beschreibung für Blinde von was auch immer zwingt die Sehenden dazu, sich intensiver mit einer Sache zu beschäftigen, als sie es sonst tun würden.

Als Blinder präsentieren

Präsentationen gehören ja in vielen Berufen heute zum Standard. Nur blöd, dass Blinde die Leinwand nicht sehen können. Nun haben alle Blinden – außer mir – ein gutes Gedächtnis und lernen die Präsentation einfach auswendig. Die Assistenz darf dann die undankbare Aufgabe übernehmen, weiterzuklicken und durchzusagen, auf welcher Folie man sich gerade befindet. Wirklich glücklich war ich mit dieser Lösung nicht.
Eher zufällig habe ich dann entdeckt, dass NVDA den Folien-Inhalt vorliest, wenn man sich im Präsentations-Modus befindet. Selbiger wird in MS Office mit F5 aktiviert. Ärgerlicherweise sagt NVDA bei jedem Folienwechsel “Präsentation Folie X”, aber damit kann ich leben. NVDA liest anschließend den Titel vor, dann den kompletten Text-Inhalt der Folie, was man aber den Zuhörern nicht antun sollte, ein beherztes Drücken von STRG beendet den Lese-Fluss. Mir ist es ausreichend, den Folien-Titel zu hören, um zu wissen, was ich erzählen muss. Wer sich in seinem Stoff auskennt, sollte das auch mit 200 Folien schaffen, zumindest ist mir das gelungen. Natürlich sollte dann jede Folie nur eine Information enthalten.
Mit Return blättert man eine Folie weiter, mit Löschen eine Folie zurück. Das geht auch mit den Bild-Auf-und-Ab-Tasten.
Das Ganze funktioniert ab Office 2003 aufwärts, leider bisher nicht mit Libre und OpenOffice, überhaupt ist die Zugänglichkeit von Impress mit NVDA derzeit noch – hm – ausbaufähig.
Das Ganze funktioniert auch mit Jaws. Natürlich braucht man immer noch einen Sehenden, der reinschreit, wenn irgendwas nicht funktioniert wie es sollte. Für mich ist das aber ein großer Schritt Richtung Unabhängigkeit.
Eine textlastige Präsentation zu erstellen ist ebenfalls mit Screenreadern möglich. Dazu müsst ihr in der normalen Folienansicht in die Folie tabben und Return drücken, dann könnt ihr zum Beispiel den Titel oder den Inhalt editieren. Wenn ihr fertig seid, drückt Escape, um zur Ansicht zurückzukehren.
Allerdings ist es für Blinde nicht möglich, Grafiken oder Bilder korrekt einzufügen, dass wird soweit ich das sehe ohnehin nie möglich sein. Überhaupt stoßen Powerpoint und auch Word dort an ihre Grenzen, wenn es um die fehlerfreie Gestaltung von Dokumenten geht. Gewiss, man kann Fehler bei der Schrift, leere Zeilen und Tabulatoren und so weiter korrigieren. Die Schlusskorrektur muss aber immer ein Sehender machen.
Wir hatten neulich auf Facebook diskutiert, ob Blinde Präsentationen erstellen können. Die meisten Blinden, die sich dort meldeten meinten, sie würden den Text vorschreiben und den visuellen Rest von sehenden Assistenten erledigen lassen. Das mag im Studium okay sein, aber spätestens, wenn es ums Berufliche geht, stößt man bei dieser Strategie an Grenzen. Der Wissensabstand zwischen Berufstätigen und ihren Assistenten wächst stetig, so dass die Assistenten zwar in der Lage sind, eine Folie zur erstellen. Die inhaltliche Verantwortung liegt aber eindeutig beim Blinden selbst. Er muss entscheiden können, wie viele Infos auf eine Folie passen, welche Grafiken das visualisieren können und so weiter. Kann er das nicht, erfüllt er genau genommen nicht die Qualifikation für seinen Job. Sorry, wenn ich das so hart sagen muss. Dass auch Sehende schlechte Folien machen, ist keine Entschuldigung.
Mir ist bei der Gelegenheit mal wieder aufgefallen, wie mangelnde Barrierefreiheit ganz praktisch die Karriere-Chancen verbauen kann. Nicht, dass ich für einen Führungsposten taugen würde. Aber faktisch ist es doch so: Assistenz hin, Assistenz her, wenn du bestimmte Sachen nicht machen kannst, wirst du nicht nur beruflich nicht aufsteigen. Es wird sogar schwierig für dich, deinen aktuellen Posten zu behalten. Der Job bleibt der Gleiche, aber die Anforderungen ändern sich stetig. Heute gibt es praktisch keinen Job mehr, der ohne die Bedienung von Software auskommt. Dabei ist vieles keine Standard-Software mehr, sondern Programme, die nebenbei von Entwicklern zusammengestoppelt wurden, ohne Rücksicht auf Barrierefreiheit. Ich hatte schon häufiger den Fall, dass selbstentwickelte Software nicht mit angemessenem Aufwand barrierefrei zu machen war, wobei “angemessen” natürlich dem Maßstab des Auftraggebers folgt. Die Ausdifferenzierung der Software-Landschaft durch die zahlreichen Windows-Versionen, Browser, Screenreader und Mobile haben das Problem eher noch verschärft. Früher reichten ein paar Jaws-Skripte für Windows XP, um ein Programm bedienbar zu machen. Heute brauchen wir plattform-unabhängige Barrierefreiheit.

Das Recht auf barrierefreie Dokumente

Seit mehr als zehn Jahren haben Blinde und Sehbehinderte grundsätzlich das Recht, barrierefreie Dokumente in der Kommunikation mit Behörden zu erhalten. Vielen Betroffenen ist das nicht bekannt.
Verankert ist das Recht im Behinderten-Gleichstellungsgesetz des Bundes und der Länder.

Wie ein unbeschriebenes Blatt

Trotz des technischen Fortschritts ist es für Blinde nach wie vor schwierig, gedruckte Dokumente zu lesen oder Formulare auszufüllen. Zwar bieten heute sogar Smartphones einfache Möglichkeiten, Gedrucktes zu scannen und in lesbare Texte umzuwandeln. Aber es reicht schon eine falsch erkannte Zahl, damit man die Widerspruchsfrist verpasst oder sonstiger Murks passiert.
Gedruckte Formulare auszufüllen ist für Blinde nach wie vor nicht möglich – korrigiert mich gerne, wenn ich mich irre. Eine rein theoretische Möglichkeit sind Schablonen, die auf das jeweilige Dokument zugeschnitten sind. Die meisten Blinden dürften nicht in der Lage sein, leserlich mit der Hand zu schreiben. Sie können nicht kontrollieren, ob das Geschriebene lesbar ist. Wenn das Dokument nicht entsprechend markiert ist, wüßten sie nicht mal, ob sie das Blatt mit der richtigen Seite in die Schablone gelegt haben.
Um es kurz zu sagen, gedruckte Unterlagen schließen Blinde von der Möglichkeit aus, auch ihre privatesten Angelegenheiten selbständig und selbstbestimmt zu erledigen. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Assistenz und oftmals wildfremde Personen alle Informationen korrekt wiedergeben bzw. eintragen Ich unterschreibe jedes Jahr Dutzende von Dokumenten, die ich nicht gelesen habe. Mich würde nicht wundern, wenn ich mein kümmerliches Vermögen an die Zeugen Jehovas gespendet oder meinen Körper für medizinische Experimente freigegeben hätte. Mich wundert nebenbei gesagt, dass das keiner der Blindenverbände auf dem Schirm zu haben scheint
Eine für mich spannende Frage wäre, ob Dokumente rechtskräftig sind, wenn ich sie unterschrieben habe, obwohl ich sie nicht lesen kann.
Soweit mir bekannt, ist die Rechtslage hier nicht eindeutig. Da Blinde generell geschäftstüchtig sind, ist ihre Unterschrift rechtsverbindlich. Ohne Zeugen ist es nicht möglich nachzuweisen, dass der Inhalt des Dokuments falsch wiedergegeben wurde. Eine Anfechtung solcher Vereinbarungen dürfte also nur dann möglich sein, wenn es sehr unwarhscheilnich ist, dass der Betroffene das Dokument unterschrieben hätte, wenn dessen Inhalt ihm korrekt mitgeteilt worden wäre. Es ist zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ich mein komplettes Vermögen an eine Person überschreibe, die mit mir nichts zu tun hat. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Leider dürften solche relativ eindeutigen Situationen eher selten sein. Leider sind mir keine Urteile dazu bekannt.

Die Ausdrucker

Das Kuriose an der Situation ist, dass es heute wohl kaum noch eine Organisation gibt, die solche Unterlagen nicht elektronisch verwaltet. Gedruckte Unterlagen werden in der einen oder anderen Form digitalisiert, wobei wiederum die für solche Situationen typischen Fehler passieren können. Ist die Handschrift schlecht lesbar, muss jemand die Sachen händisch abtippen. Wie viel leichter wäre die Arbeit, wenn die Unterlagen gleich digital ankommen würden? vielleicht sollten wir nicht mehr von Internet-Ausdruckern, sondern von Internet-Abschreibern und Einscannern sprechen.
Ein zweites Kuriosum am Rande: Viele PDF-Formulare sind für den Ausdruck gedacht und am Computer nicht ausfüllbar. Man kann so viel auf den Formular-Elementen klicken, wie man möchte, passieren wird nix. Es gibt zwar Work-Arounds, aber wer möchte diesen Aufwand betreiben? Manchmal könnte man meinen, man sei im Jahr 1995 stecken geblieben.

Ihr seid dran

Grundsätzlich sind Personen, die barrierefreie Dokumente benötigen selbst angehalten, das der Behörde mitzuteilen. Das gilt auch, wenn der Behörde bekannt ist, dass die Person behindert ist. Leider scheinen Leute, die auf Gebärdensprache, Leichte Sprache oder Unterstützte Kommunikation angewiesen sind sowie funktionale Analphabeten in der Behörden-Realität noch nicht vorzukommen. Insofern leben wir doch noch im Jahr 1995.
Für die Sehbehinderten, die ihr Recht wahrnehmen wollen: Konkret ist der behörde mitzuteilen, welche Behinderung vorliegt und welches Medium benötigt wird. Macht euch nicht die Mühe, den entsprechenden Paragraphen rauszusuchen, bei dem heutigen Behörden-Wirrwarr wissen die wahrscheinlich selbsst nicht, ob sie zum Kreis, zum Land oder zum Bund gehören.
Ich kann euch nur anhalten, euer Recht konsequent einzufordern, egal, was der Sachbearbeiter dazu sagt. Nur so werden die Behörden einen Workflow etablieren, um Barrierefreiheit per Default einzuführen.
Ein paar Leute berichten von zickigen Behörden. Dabei ist fast alles eine Frage des Workflows. Die Behörden haben einen bestimmten Arbeitsprozess, der entsprechend der aktuellen Gesetzeslage umgestellt werden müsste.
Die Dokumente müssen mit angemessener Verzögerung erstellt werden. Natürlich kann nicht jede Behörde einen Braille-Drucker anschaffen. Andererseits ist es nicht zumutbar, dass ein Blinder zwei Wochen länger auf sein Dokument warten muss als ein Sehender. Wenn es nicht anders geht, müssen in der Bundesdruckerei oder anders wo zentrale Einrichtungen geschaffen werden, die entsprechende Dokumente zeitnah in einem automatisierten Workflow und zu einem für die Behörden angemessenen Preis erstellen können. Selbst mir sträuben sich die spärlichen Haare, wenn ich sehe, was manche Agentur für ein barrierefreies PDF nimmt, in dem lediglich ein Alternativtext und ein paar Überschriften formatiert wurden. So macht man keine Werbung für Barrierefreiheit.
Andererseits ist es heute nicht nachvollziebar, dass es überhaupt noch PDF-Formulare gibt, die nicht barrierefrei sind. Das Formular für das Arbeitslosengeld iI zum Beispiel scheint mir überall gleich zu sein. Einmal barrierefrei gemacht kann es von jedem Blinden ausgefüllt werden.
Ein weiteres eher rechtliches Problem ist die Rechtssicherheit bei digitalen Dokumenten. Zwar haben einige Behörden etwa bei Bewerbungen schon auf digitale Kommunikation umgestellt. Doch nach dem sich D-Mail und ähnliche Konzepte bisher nicht durchgesetzt haben gelten E-Mails nach wie vor nicht als rechtssicher. Aber auch das Problem lässt sich relativ leicht lösen: Der Blinde bekommt einfach beides auf einen Schlag, die gedruckte und Braille-Version per Post, die gedruckte Version per Post und die digitale per Mail und so weiter. Solange sich rechtssichere Mails noch nicht durchgesetzt haben, gibt es noch keine Alternative.

Touchscreens für Blinde und Sehbehinderte unter Windows

Dass Blinde Touchscreens auf Tablets und Smartphones benutzen, ist fast schon ein alter Hut. Ein Bereich, wo sie sich bisher nicht durchgesetzt haben sind Desktop-Computer und Notebooks. Touchscreens sind die letzte nennenswerte Innovation bei Notebooks. Serienmäßig werden sie allerdings nur für Windows angeboten. Win 8 war damit angetreten, das erste OS zu sein, dass sich gleichermaßen per Touch, Maus und Tastatur bedienen lässt.
So schnell, wie die ersten Touch-Notebooks auftauchten, sind sie auch wieder verschwunden. Bis auf die Convertibles gibt es vor allem im unteren Preissegment kaum noch Touchbooks. Das ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Ein Tablet hat man in der Hand oder vor sich liegen, ein Notebook ist typischerweise eine Armlänge entfernt. Bevor einem der ausgestreckte Arm abfällt, greif man eher zur Maus.
Ein weiterer Nachteil von Touchbooks besteht darin, dass sie beim Bildschirm-Tipp leicht wackeln, Tablets machen das nicht. Dadurch ist die Erkennung der Gesten ungenauer.

Blinde

Für blinde haben Touchbooks allerdings doch einige Vorteile. So ist die Erkundung des Bildschirms per Touch immer einfacher als mit den typischen Screenreader-Funktionen. Der Jaws-Cursor scheint gar nicht mehr unterstützt zu werden und die Objekt-Navigation von NVDA ist nutzbar, aber nicht wirklich intuitiv.
Auf dem Touchscreens hingegen lassen sich Elemente gut erfassen. Damit wird auch die Ribbon-Leiste von MS Office leichter erschließbar, als per Tastatur.
Wenn man sich einmal gemerkt hat, wo sich bestimmte Elemente befinden, kann man auch wesentlich schneller Informationen auslesen. Die typischen Windows-Fenster besitzen zahlreiche nicht-relevante Elemente. Möchte man zum Beispiel eine Statusmeldung im Wartungs-Center abrufen, muss man sich entweder alles vorlesen lassen oder mit der Objekt-Navigation zu diesem Element „herabsteigen“. Bei Touch berührt man einfach die entsprechende Stelle auf dem Bildschirm irgendwo in der rechten Hälfte ca. in der Mitte
Bei Webseiten bietet sich der bekannte Vorteil, dass wir nicht nur die Struktur, sondern auch ihren viesuellen Aufbau erfassen können. Bei dynamischen Anwendungen mit zahlreichen Bedien-Elementen gibt es bislang das Problem, dass diese Elemente für Blinde oft nur hakelig zu erreichen sind – wenn überhaupt, es fehlen unsere geliebten tastaturbedienbaren Menüs und Shortcuts. Per Touch können wir zumindest die Buttons und Ausklappfelder recht gut erreichen. .
Mit Touch ist es auch einfacher, komplexe Dokumente wie Excel-Tabellen zu erkunden. So eine Tabelle ist schon was Feines, nur blöd, wenn der Cursor auf B3 steht und man wissen will, was in D24 steht. Ich bin sicher, dass man das auch mit Jaws oder NVDA erfahren kann, ohne den Hauptfokus von der B3 zu nehmen, allerdings fehlt mir ernsthaft die Lust, mir noch mehr Tastenkombinationen zu merken.

Keine einheitliche Bedien-Schnittstelle

Womit wir auch zur Krux der Sache kommen. Auch die Touchsteuerung ist für Blinde leider nicht einheitlich gelöst. iOS, Android, Windows, jeder hat seine eigenen Touchgesten. Während einige Dinge wie der Duble-Tap oder das Wischen sich intuitiv erlernen lassen, sieht es bei komplexen Gesten anders aus. Dazu kommt noch, dass natürlich jeder Windows-Screenreader seine eigenen Steuergesten mitbringt. Irgendwann werden uns diese Tastenkombinationen und Touchgesten noch zum Wahnsinn treiben.
Ärgerlich ist, dass Sehende diese einheitliche und intuitive Erfahrung haben. Auch für sie sind natürlich viele Touch-Gesten unterschiedlich, aber sie brauchen im Kern auch viel weniger als wir und die wesentlichen Gesten wie Tap und Wischen sind doch gleich. Ein Knackpunkt könnte auch sein, dass die Implementierung von Touch bei Windows bzw. bei den Windows-Screenreadern nicht so sauber ist wie bei Tablets oder Smartphones. Mein vielleicht subjektiver Eindruck ist, dass Windows die Gesten nicht immer sauber verarbeitet. Auch die Screenreader sind für die Steuerung via Tastatur ausgelegt und die Implementation von Touch ist ein eher subalternes Feature. Aber das mag sich noch ändern.
Ein Vorteil für uns ist, dass es uns egal sein kann, ob ein Button zu groß oder zu klein ist. Per Wischgeste erfassen wir ohnehin alle Elemente.

Echter Vorteil für Sehbehinderte

Eine Ausnahme gilt für stark Sehbehinderte, sie haben mit großen Touchscreens einen großen Vorteil: Ein kernproblem für Sehbehinderte besteht darin, zum Beispiel ein anklickbares Element zu finden, um anschließend den Mauscursor zu finden, um anschließend das anklickbare Element wieder zu finden und beide zusammenzuführen. Das Problem besteht darin, dass es extrem schwierig und anstrengend ist, bei starker vergrößerung zwei Elemente zusammenzuführen, von denen eines ständig bewegt werden muss. Bei großen Touchscreens reicht es, dass anklickbare Element anzutippen. Ein anderer Vorteil ist, dass sie gezielter bestimmte Bereiche vergrößern können. Möchte man z.B. im Browser einen Kartenausschnitt mit den Browserfunktionen vergrößern, verschiebt sich der Inhalt in der Regel nach rechts unten. Wenn sie Pech haben, müssen sie das Browser-Fenster solange horizontal und vertikal scrollen, bis sie den Abschnitt wieder im Blick haben. Beim Touchscreen können sie per Touchgeste genau den Bereich vergrößern, in dem sie auf diesem Bereich die Spreizgeste ausführen. Last not least sagt der Schnarchator, die in Windows eingebaute Vorlesefunktion, wenn sie eingeschaltet ist an, wie das Element heißt, welches man gerade berührt. Touchscreens bieten also eine recht einfache Möglichkeit, einfacher mit Sprachausgabe und Vergrößerung zu arbeiten – und zwar onboard. Für Menschen mit solchen Sehbehinderungen kann sich die Anschaffung eines Touchbooks also lohnen.

Vorläufiges Fazit: Muss man nicht haben

Windows 8.1 lässt sich recht gut per tastatur bedienen und auch für die meisten Anwendungen wie Office benötigt man kein Touch. Es ist ein nettes Goodie, was man aber in der Praxis wohl kaum benutzen wird. Für die Erkundung per Touch dürften die meisten Blinden auf das intuitivere iOS zurückgreifen.
Es fehlen noch für Blinden interessante Anwendungsgebiete. Komplexe Diagramme wie Ablaufschemata ließen sich per Touch zum Beispiel segment-weise erschließen, wobei wir per Touch nicht nur die lineare Anordnung, erkunden, sondern auch z.B. sehr leicht über- und untergeordnete Elemente und Knoten unterscheiden könnten. Mit Technologien wie SVG sollte das kein Problem sein. Allerdings werden die meisten Diagramme noch als Rastergrafik angeboten, was für uns nicht hilfreich ist. Es bleibt abzuwarten, ob Touch doch noch zu einem Innovationsschub bei blindengerechten Darstellungen führen wird.
Wer es dennoch und für kleines Geld ausprobieren möchte: Windows-Tablets sind bereits auf dem Preis-Niveau von Android. Das HP Stream mit Win 8.1 und ohne Junk-Ware gibt es aktuell für 80 Euro, ein Tablet von Dell für 90 Euro. Ansonsten warten wir mal ab, ob Windows 10 den erwarteten Durchbruch für die Touchbedienung bringt.

Game Over mit verbundenen Augen

Wie schon berichtet habe ich als Experte für digitale Barrierefreiheit am Montag an einer Veranstaltung zu Audio-Games in Hannover teilgenommen. Mit 40 bis 50 Besuchern war das Interesse doch recht groß.

Die Besucher hatten die Gelegenheit, mehrere Spiele auszuprobieren. Ein wirklich fieses Spiel ist Game Over, es ist so gestaltet, dass man nicht gewinnen kann. Barrieren gehören hier zum Konzept. Vielleicht sollten wir mal was Analoges fürs Internet basteln, obwohl, da gibt es ja schon genug real existierende und ernst gemeinte Anschauungsobjekte.

Naturgemäß zieht man mit so einer Veranstaltung nicht unbedingt die Hardcore-Gamer an, obwohl auch sie die Idee eines guten Audiodesigns schätzen dürften. Andererseits sind die Nicht- und Wenig-Spieler auch offener für andere Spielideen, da sie nicht durch Hochglanz-Optik und Highend-Grafik verdorben sind.

Mich würde nebenbei mal interessieren, wie groß die Zahl blinder Gamer ist, die regelmäßig spielt. Einen gewissen Markt scheint es doch zu geben, die Spiele fürs iPhone sind zwar nicht teuer, aber auch nicht kostenlos. Persönlich kenne ich nur wenige regelmäßige Spieler.

Wohl bei allen Besuchern hat es ein Aha-Erlebnis gegeben. Auch wenn die Spiele selbst nicht immer überzeugen, grenzt es für viele Besucher an ein Wunder, dass es überhaupt möglich ist, ein Spiel nur mit Sound umzusetzen. Ich bin mir sicher, dass einige die Spiele auch zuhause ausprobieren werden. Es geht dabei nicht um die pädagogisch aufgeladene Frage “Was lernen wir daraus?”, sondern einfach ums spielen und ums Spaßhaben. Ich fühle mich auch in der Annahme bestätigt, das Ausprobieren immer nachhaltiger wirkt als wohlgemeinte Vorträge.

Übrigens ist der Pavillion eine schöne und soweit ich das beurteilen kann auch barrierefreie Location, also falls ihr mal eine Veranstaltung in Hannover plant, ist er einen Blick wert.

Out of Space – Tastausstellung für Blinde

RaketeHalbverbrannte Unterwäsche, lebensgroße Außerirdische und Teile einer echten Rakete, das sind nur einige der Highlights der Ausstellung “Out of Space” in der Bundeskunsthalle Bonn. Ich habe gestern die Tastausstellung speziell für Blinde besucht und damit sich der Eintrittspreis auch rechnet, schreibe ich noch diesen Blogbeitrag dazu.

Zum Thema Weltraum kann ich gar nicht so viel sagen: Mein Wissen bezieht sich vor allem aus Star Trek und Babylon 5. Die 90er waren die Hoch-Zeit der Raumschiff-Serien in Deutschland, das Interesse am Weltraum oder zumindest an diesen Serien scheint deutlich nachgelassen zu haben.

Ich bin kein Fan von Ausstellungen, deswegen habe ich keinen Vergleich, doch mir scheint “Out of Space” gut durchdacht zu sein. Es gibt eine schöne Kombination aus echten Überbleibseln von Weltraum-Missionen, Meteoriten, Kunst mit Weltraum-Bezug und diverse Außerirdische wie ET zu bestaunen. ALF habe ich nicht gesehen, aber der war wahrscheinlich zu banal.
Das Bild zeigt ein Display mit dem Text "Wie laut war der Urknall?"
Zur Blinden-Tastführung. Die Bundeskunsthalle macht häufiger spezielle Führungen für Blinde, übrigens auch für andere Behinderte und Menschen mit Demenz. Oft kriegt man nur Audio-Guides, die einem zu jedem Objekt einen vorher aufgesprochenen Text erzählen. Das ist zwar in Ordnung, aber man kann natürlich nicht spontane Fragen stellen oder mit dem Guide diskutieren, was den Reiz solcher Führungen ausmacht.

Die Führerin hat das sehr gut gemacht. Sie hat ausführlich die einzelnen Objekte beschrieben, einige Objekte dürfte man auch anfassen. Außerdem hatte sie einen kleinen Wagen dabei, auf dem sie Objekte mitgenommen hat, die man ebenfalls an den einzelnen Stationen anfassen konnte. Natürlich dürfen Original-Objekte nicht berührt werden, ich denke, das ist nachvollziehbar.

Leider gab es keinen Raumschiff-Simulator, es wäre doch mal interessant gewesen, sich wie so ein Astronaut in einen dieser schweren Raumanzüge zu quetschen oder in einem Spaceshuttle zu sitzen. Aber das hat natürlich nichts mit Blindheit zu tun.

Also insgesamt eine gut durchdachte Ausstellung und eine empfehlenswerte Führung für Blinde. Falls ihr Lust bekommen habt: Die eigentliche Ausstellung läuft noch bis 22. Februar 2015, am 7. Februar ist auch noch eine Tastausstellung für Blinde geplant. Eventuell machen sie auch Sonderführungen für größere Blindengruppen, fragt einfach mal nach.

Gastbeitrag: Wie Blinde Diagramme erstellen können

Ich freue mich, heute den ersten Gastbeitrag veröffentlichen zu können. Er stammt von Michael, der den lesenswerten Blog Blind leben” betreibt. Der Beitrag erschien ursprünglich in seinem Blog, an dieser Stelle noch mal herzlichen Dank, dass ich den Beitrag hier veröffentlichen darf. Und los gehts.

Okay, heute wirds mal so richtig technisch.

Ich bin in den letzten Tagen eine meiner Dauerbaustellen angegangen: die Erstellung von Diagrammen. Für einen Blinden nicht so ganz einfach, aber durchaus lösbar. Anstatt grafisch orientierter Programme wie Microsoft Visio kann man Diagramme nämlich auch mit Beschreibungssprachen definieren und sich das fertige Diagramm dann von einem Stück Software erstellen lassen.

Nach einiger Recherche habe ich mich zunächst einmal für die Sprache DOT entschieden, und für das freie Open Source Softwarepaket Graphviz. Die Möglichkeiten dieser Sprache sind sehr vielfältig, auch wenn es einige Begrenzungen gibt, und der Code ist (im Gegensatz zu den XLM-basierten Formaten wie GraphML oder GXL) leicht und schnell lesbar. Geeignet ist es für so ziemlich alles, was Knoten miteinander verbinden muss, von Molekülen über IT-Netzwerke bis zu Organigrammen. Gedacht ist diese Sprache vor allem für die automatische Generierung von Diagrammen. So lässt sich z.B. ein Prozessdiagramm direkt aus den Daten einer technischen Prozessbeschreibung erstellen.

Was kann man erwarten?

DOT ist eine einfache Beschreibungssprache für Diagramme. Diese Diagramme bestehen hauptsächlich aus Knoten und aus Kanten. Letztere verbinden die Knoten miteinander. Ein Diagramm kann dabei ein gerichteter oder ein ungerichteter Graph sein. DOT beherrscht außerdem Gruppierungen, Unterdiagramme und einige andere Konzepte.

Die Grundidee ist, mittels DOT zu definieren, welche Knoten und welche Kanten es gibt, und den Rest der Software zu überlassen. Letztere entscheidet weitgehend selbst, wie die Knoten angeordnet und wie die Kanten gezogen werden, damit es möglichst übersichtlich aussieht. Es gibt aber auch verschiedene Eingriffsmöglichkeiten in die Gestaltung des Diagramms, von Gruppierung zusammengehöriger Elemente über bevorzugte Anknüpfungspunkte von Kanten bis zur exakten Positionierung einzelner Knoten.

Optisch perfekt wird das Ergebnis dabei meist nicht sein. Aus Sicht eines Blinden ist es aber eine Möglichkeit, mit etwas Übung ansprechend aussehende Diagramme zu gestalten. Und was vielleicht noch viel wichtiger ist: man kann über den Quelltext sicherstellen, dass ein Diagramm inhaltlich korrekt ist.

Es stehen übrigens verschiedene Algorithmen zur Erstellung der eigentlichen Grafik zur Verfügung, die teils deutlich unterschiedliche Ergebnisse liefern. Man kann also auf Knopfdruck und ohne einen (durchaus möglichen) tieferen Eingriff in die Logik alternative Diagramme aus dem gleichen Quellcode erstellen und dann das am besten aussehende verwenden (lassen).

DOT – Einige Beispiele

Ich kann und will hier keinen Einsteigerkurs in DOT schreiben, die gibt es reichlich im Internet zu finden. Damit ihr aber ein Gefühl dafür bekommt, wie sich DOT “anfühlt”, hier ein paar kleine Beispiele. Aber bitte nicht erschrecken: die Sprache ist leichter zu lernen, als sie aussieht, und als Anwender kann man frei entscheiden, wie tief man sich einarbeitet, und wie viel Einfluss man auf die Struktur und Gestaltung nehmen möchte.

Zunächst ein simples Diagramm als gerichteter Graph:

<div class=”mycode”>
digraph {
“Vater” -> “Sohn”;
“Vater” -> “Tochter”;
“Tochter” -> “Kind”;
“Vater” -> “Kind” [label=”Großvater von”]
}</div>

<div class=”separator” style=”clear: both; text-align: center;”><a href=”http://1.bp.blogspot.com/-2ipo0-itRQE/Uo4qDApCkCI/AAAAAAAAABw/O9cz5Qrs7W8/s1600/img1.png” imageanchor=”1″ style=”margin-left: 1em; margin-right: 1em;”><img border=”0″ alt=”Diagramm 1″ src=”http://1.bp.blogspot.com/-2ipo0-itRQE/Uo4qDApCkCI/AAAAAAAAABw/O9cz5Qrs7W8/s400/img1.png” /></a></div>

Erstes Beispieldiagramm

In diesem Beispiel werden die Knoten als einfacher Text definiert. Die Kanten (Verbindungen) werden durch den “Pfeil” (“->”) repräsentiert, wobei ich die Verbindung zwischen Vater und Kind beschriftet habe. Diese Beschriftung taucht neben der Linie auf.

Im nächsten Beispiel verfeinern wir das Diagramm noch ein wenig. Zum einen werden Sohn und Tochter jetzt gruppiert und erzwungen auf einer Ebene angezeigt, zum anderen sind die Knoten jetzt explizit definiert:

<div class="mycode">
digraph {
vater [label="Vater"];
{ rank=same;
sohn [label="Sohn"];
tochter [label="Tochter"];
}
kind [label="Erstes Kind"];

vater -> sohn;
vater -> tochter;
tochter -> kind;
vater -> kind [label="Großvater von"]
}</div>

<div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"><a href="http://4.bp.blogspot.com/-1iWtg5DuktQ/Uo4rGu8wtMI/AAAAAAAAACI/4mgM20-suH4/s1600/img2.png" imageanchor="1" style="margin-left: 1em; margin-right: 1em;"><img alt="Diagramm 2" border="0" src="http://4.bp.blogspot.com/-1iWtg5DuktQ/Uo4rGu8wtMI/AAAAAAAAACI/4mgM20-suH4/s400/img2.png" /></a></div>

Zweites Beispieldiagramm

Zweites Beispieldiagramm

Okay, optisch hat sich hier nicht viel verändert, aber das Diagramm ist “sauberer” und damit weniger fehleranfällig, Knoten können leicht umbenannt werden und die Hierarchie zwischen Sohn und Tochter ist festgelegt.

Im nächsten Schritt geht’s in die Vollen. Ich nehme hier eine Reihe optischer Anpassungen vor, definiere eine Untergrafik und beschrifte einen der Knoten mittels des von DOT unterstützten Pseudo-HTMLs:


<div class="mycode">
digraph {
nodesep=0.7; // Abstand zwischen Knoten
ranksep=1; // Abstand zwischen Hierarchieebenen:
margin=1.5; // Rand des Gesamtdiagramms
fontname="Tahoma"; // Schriftart für das Diagramm selbst
label="Beispieldiagramm" // Der Name des Diagramms

// Und hier definieren wir das Aussehen der Knoten:
node [
width=2; // Breite des Knotens
fontname="Tahoma",
shape=box
];

vater [label=<<table cellpadding="30" border="0" cellborder="0"><tr><td balign="left"><b>Vater</b><br />Die erste Generation</td></tr></table>>];

subgraph cluster_A {
label="Die Mitte";
labeljust=left; // Das Label linksbündig anzeigen
rank=same;
margin=20; // Innerer Rand der Box, die den Subgraph umschließt
pencolor=gray; // Die Box des Subgraphs in grau zeichnen

sohn [label="Sohn"];
tochter [label="Tochter"];
}
kind [label="Erstes Kind", style="rounded"];

vater -> sohn;
vater -> tochter;
tochter -> kind;
vater -> kind [label="Großvater von",style=dotted]
}</div>

<div class="separator" style="clear: both; text-align: center;"><a href="http://4.bp.blogspot.com/-XabUZm1n20M/Uo4rc-GqmdI/AAAAAAAAACQ/aopd54rvkj4/s1600/img3.png" imageanchor="1" style="margin-left: 1em; margin-right: 1em;"><img aöt="Diagramm 3" border="0" src="http://4.bp.blogspot.com/-XabUZm1n20M/Uo4rc-GqmdI/AAAAAAAAACQ/aopd54rvkj4/s400/img3.png" /></a></div>
Drittes Beispieldiagramm

Stärken und Schwächen

DOT hat als Beschreibungssprache einige deutliche Stärken, insbesondere das selbstständige "Entwirren" von Diagrammen. Wunder darf man aber hier natürlich nicht erwarten, denn diese Aufgabe ist mathematisch sehr komplex. Bleibt man bei den Vorgaben, so sehen die erzeugten Diagramme meist recht ansprechend aus, nur selten muss man von vornherein eingreifen.

Eine deutliche Schwäche ist dagegen die Gestaltung der Knoten und Knotenbeschriftungen. Es gibt zwar eine Vielfalt von Formen (Shapes), aber einige oft verwendete Formen wie Wolke oder Mauer fehlen, und müssten ggf. als Grafik eingebunden werden. Und um die eigentlich recht alltägliche Aufgabe im letzten Beispiel (Knoten mit mehrzeiliger, linksbündiger Beschriftung und erster Zeile in Fettschrift) zu erledigen, muss gleich der ganze Knoten als HTML-Tabelle gestaltet werden. Besonders letzteres finde ich ziemlich nervig, aber vielleicht ändert sich das ja noch in der Zukunft, denn DOT wird laufend weiterentwickelt.

Ein anderes Manko ist die Problematik der Verbindung von Untergraphen. Dies ist grundsätzlich möglich, aber recht komplex und variiert zwischen verschiedenen Algorithmen.

Klassische Organigramme und andere streng hierarchische Diagramme gestalten sich ebenfalls etwas schwierig. Zwar bilden die einzelnen DOT-Algorithmen ein solches Diagramm inhaltlich korrekt ab, es kann aber passieren, dass der Azubi optisch neben dem Abteilungsleiter landet, weil unten kein Platz mehr war. Hier gibt es ein paar Tricks, aber toll ist es nicht gerade.

Die Praxis

DOT ist gut geeignet, um schnell und einfach Diagramme zu erstellen, und das Ergebnis ist meist recht ansehnlich. Die Komplexität des Diagramms spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, auch sehr komplexe Aufgaben kann DOT gut abbilden.

Als "Malprogramm" für extrahübsche Diagramme ist es aber nicht wirklich gedacht und auch nur begrenzt geeignet. Hier hängt viel davon ab, wie tief sich der Anwender in die Sprache einarbeitet, und wie leicht er oder sie Feedback zum Aussehen der Grafiken erhalten kann. Wer sich noch mit Bildschirmlupe, Farbumkehrung und sonstigen Hilfen ein Bild vom Ergebnis machen kann, der kann auch viel alleine optimieren.

Ich jedenfalls bin glücklich, meinen Kunden und Kollegen jetzt wieder "kein Problem" antworten zu können, wenn ich nach einem Diagramm gefragt werde. Besonders charmant finde ich es, ein solches Diagramm während einer Besprechung gleich "mitschreiben" und auf Knopfdruck vorführen zu können.

Die Technik

Mit GraphViz kommt auch eine Benutzeroberfläche für die Erstellung der DOT-Dateien und ihre Anzeige als Grafik. Diese ist aber leider, zumindest mit NVDA, komplett unzugänglich. Eine ausführliche Suche nach einer Alternative habe ich noch nicht durchgeführt, stattdessen habe ich mir meinen eigenen Werkzeugsatz erstellt, der allerdings deutlich technischer ausfällt.

Als Editor für die Quelltexte nehme ich wie immer mein Schweizer Taschenmesser namens Notepad++ (sehr empfohlen, aber wenn möglich auf Englisch nutzen, in der aktuellen Version sind die deutschen Tastenkombis völlig verworren). Das grafische Ergebnis lasse ich dann durch die dot.exe aus dem HraphViz Paket erzeugen und vom Betriebssystem anzeigen.

Damit es etwas einfacher wird, habe ich in Notepad++ eine Taste mit dem Run-Befehl für die folgende Batch-Datei belegt:

<div class="mycode">
@ECHO OFF

SET format=png
SET outfile="%~d1%~p1%~n1.%format%"
SET logfile="%~d1%~p1%~n1.log"

DEL %outfile%
"C:\Program Files (x86)\Graphviz2.34\bin\dot.exe" -T%format% -o%outfile% %1 >%logfile% 2>&1

FIND /I "error" %logfile%
IF %ERRORLEVEL% EQU 0 (%logfile%) ELSE (%outfile%)</div>

Diese Batchdatei erzeugt aus der als Parameter übergebenen DOT-Datei eine PNG-Grafik unter dem Namen . im gleichen Verzeichnis wie die DOT-Datei, und ruft diese mit dem Standardprogramm auf. Tritt bei der Erstellung ein Fehler auf, so wird anstatt der Grafik die Logdatei (.log) angezeigt, die übrigens immer erzeugt wird.

Um diese Batch-Datei in Notepad++ einer Taste zuzuweisen, muss man sie als “run”-Befehl speichern. Die Syntax für den Aufruf lautet:

<div class="mycode">
C:\BIN\dot_preview.bat "$(FULL_CURRENT_PATH)"</div>

Integration in Microsoft Visio

Mit GraphVizio gibt es ein freies Addin für Microsoft Visio, um demselben DOT beizubringen. Ich habe dieses noch nicht getestet, möchte es hier aber schon mal erwähnen, da es die Zusammenarbeit mit Kollegen vermutlich deutlich vereinfachen kann.

Ein Tipp zum Abschluss

Wer DOT ernsthaft einsetzen möchte, der sollte sich unbedingt mit den verschiedenen Ausgabeformaten beschäftigen. So kann GraphViz beispielsweise SVG (Scalable Vector Graphics) erzeugen, die nicht nur frei skalierbar sind, sondern auch mit gewissen Einschränkungen mit dem Screereader lesbar sind, und das selbst mit der normalen Windows Bildanzeige.

Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Bundestagswahl

Das ist ein Beitrag zur Blogparade Wählen mit Behinderung der Aktion Mensch.

Wahrscheinlich wurde bei allen Wahlen zum Bundestag der letzten 20 Jahre auch über Behinderung diskutiert. Meinem persönlichen Empfinden nach dürfte das aber die erste Wahl sein, wo das Thema auch in den massenmedialen Mainstream gelangt ist. Eine Ursache dürfte die Wahltesttour der Aktion Mensch gewesen sein. Ansonsten läuft das Ganze in den gewohnten Bahnen ab, die Diskussionen sind so expertenlastig, dass sie nicht einmal von unbeteiligten Behinderten verstanden werden. Oder weiß jemand von euch, was es mit dem Bundesteilhabegesetz auf sich hat?
Rollstuhl
Dabei schneiden die Parteien als Hauptakteure der Wahl eher bescheiden ab. Es gibt kaum Inhalte in Leichter Sprache oder Gebärdensprache, Videos mit Untertiteln sind eher Mangelware. Die Wahllokale sind mehr oder weniger barrierefrei, Blinde z.B. müssen sich selbst die Schablonen beschaffen, damit sie wählen können.

Ich habe bei den wenigen Wahlen , bei denen ich mitmachen durfte – ich habe erst seit 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft – immer Briefwahl gemacht und werde das dieses Mal ändern.

Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.

Deshalb werde ich am 22. September 2013 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.