Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Internet?

TagwolkeImmer wieder nett, sich auf die Basics zu besinnen:

Vor zehn Jahren war es vorteilhaft, ins Internet zu kommen. Mittlerweile ist es ein echter Nachteil, nicht im Internet zu sein. Viele Produkte oder Dienstleistungen
werden im Web kostenlos oder günstiger angeboten. Viele Informationen sind nur noch über das Netz verfügbar. Mit den sozialen Plattformen wird nicht nur der Austausch mit Freunden erleichtert, oft läuft die Suche nach Jobs komplett über Social Media

zum Artikel „Was bedeutet eigentlich Barrierefreiheit im Internet?“

Barrierefreiheit und die Beschwerdekultur im Internet

Es gibt zwei Arten von Menschen, die bei mir echte Unlust auslösen, mich weiter mit Barrierefreiheit zu beschäftigen. Das eine sind nicht-behinderte Menschen, die einen Validator bedienen können. Das andere sind Behinderte, die sich offenbar nicht im Griff haben.
Hier bekomme ich die Beschwerden
Ich kenne beide Seiten. Ich habe mich öfter bei Organisationen beschwert. Teilweise haben sie darauf reagiert, teilweise nicht. Zeit Online zum Beispiel hat sehr flott auf meine Anmerkung reagiert, dass der LogIn in den Community-Bereich für Blinde schwierig ist. Andere reagieren gar nicht. Das ist ärgerlich, aber so ist das Leben. Ich käme aber nie auf die Idee, einen Menschen oder eine Organisation persönlich anzugreifen.
In meinem Job kriege ich ca. alle zwei Wochen eine Beschwerde auf den Tisch. Da behauptet Max Mustermann, die Seite XY sei nicht barrierefrei, weil sie nicht valide ist. Meistens folgt dann noch ein persönlicher Angriff der Art, die Organisation würde sich ihrer Barrierefreiheit rühmen, sich aber eigentlich nicht darum kümmern.
Privat würde ich Max mitteilen, dass er keine Ahnung hat und sich einen Job suchen sollte, wenn er nichts besseres zu tun hat.
So prüfe ich also die Webseite mit dem HTML-Validator und siehe da, ein roter Balken und 12 Fehler + x Warnungen. Jetzt muss man wissen, dass schon eine fehlende spitze Klammer eine ganze Kaskade an Fehlermeldungen auswirft, die Browser aber solche Fehler in der Regel gut verarbeiten können. Solche Fehler treten eher bei handgemachten Seiten auf, Webseiten von Redaktionssystemen, die heute die Regel sind, vergessen keine Klammern.
Was sagt also der Fehlerbericht? Er sagt, Im verwendeten Zeichensatz müssen bestimmte Zeichen als Entitäten codiert werden. Die Fehler treten auch noch im Head der Datei auf, also der Ort, wo sich die meisten Menschen die meiste Zeit aufhalten. Liebe blinde Kollegen: wenn ihr merkt, dass jemand das kaufmännische und nicht als & schreibt, das ist nicht barrierefrei, beschwert euch sofort. Ihr wisst nicht, was das bedeutet? Nun, der Mensch, der sich beschwert hat, weiß das offenbar auch nicht.
Was meistens auch anschlägt sind ARIA-Attribute. Ist das nicht geil, da bemüht sich jemand, die Seite besonders barrierefrei zu machen und muss sich dann von einem Blödmann anhören, seine Seite sei nicht barrierefrei, weil sie nicht validiert?
Ich merke aber sofort, dass ich einen Experten vor mir habe, wenn er mir mitteilt, ich hätte ein Attribut mit einem Tag verwechselt – oder umgekehrt. Da weiß ich, der Mensch ist wirklich auf die wichtigen Sachen fokussiert.
Woher ich weiß, dass Max wahrscheinlich keine Behinderung hat? Meiner Erfahrung nach haben Behinderte was Besseres zu tun als Seiten durch den Validator zu jagen und anschließend Leute mit den Ergebnissen zu nerven. Vielleicht irre ich mich aber auch.

Auch mit Behinderten hat man es nicht leicht

Dann kommen auch die Beschwerden von Behinderten. Es ist natürlich völlig legitim, sich über eine Sache zu beschweren. Was mich immer wieder erstaunt ist die Aggressivität der Leute. Offenbar glauben sie, nur weil man sich um Barrierefreiheit kümmert, könne man seinen ganzen Frust bei dieser Person abladen. Man pinkelt uns ins Gesicht würde Sven Regener an dieser Stelle sagen. Einer unspezifischen Beschwerde folgt eine Welle an Diffamierungen, Beleidigungen oder haltlosen Vorwürfen.
Wenn ich dann einmal höflich nachfrage, wo denn konkret das Problem liegt und welche Hilfstechnik die Person verwendet kommt – nichts mehr. Da hat wohl jemand nicht damit gerechnet, dass da ein Mensch am anderen Ende sitzt und sogar antworten kann. Die Leute erwarten, dass wir ihre kryptischen Fehlermeldungen entschlüsseln und ihre Probleme wie von Zauberhand lösen, dabei sind sie nicht einmal bereit oder in der Lage, ihr Problem konkret zu beschreiben.
Auch wenn das nicht ganz politisch korrekt ist, darf ich das als Behinderter sagen: das Problem sitzt oft vor dem Bildschirm. Ich kann meine Webseite noch so barrierefrei machen, wenn der Mensch vor dem Bildschirm nicht weiß, wie er mit Jaws ein Formular ausfüllt – und das kommt oft genug vor – was genau soll ich dann machen? Wenn jemand mit Windows 98 und Jaws 4.7 unterwegs ist, kann ich mit Sicherheit sagen, dass die Barrierefreiheit von Webseiten nicht sein größtes Problem ist.
Sagt man der betroffenen Person, dass sie einen Fehler gemacht hat, verschärft man deren Abwehrhaltung nur noch. Fehler, die machen immer nur die anderen.
Was mich wirklich ärgert ist, dass ausgerechnet die Leute diese Beschwerden bekommen, die sich um Barrierefreiheit bemühen. Ich wette, bei Aldi oder Lidl beschwert sich niemand über die unzugänglichen Webseiten.
Man ist schnell dabei, sich über etwas zu beschweren. Niemand bedankt sich für die Mühe, die jemand in die Barrierefreiheit seiner Webseite gesteckt hat. Wenn aber auf Unterseite 23 beim dritten Bild der Alternativtext fehlt gibt es sicher einen Hampel, der sich bei dir ins Mailfach erbricht und sagt, deine Seite wäre nicht barrierefrei und du hättest keine Ahnung. Wer will sich da noch mit Barrierefreiheit oder überhaupt mit Behinderung beschäftigen?

eLearning für Menschen mit Behinderung

In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Angebot an Fernstudiengängen und Fernlehrgängen. Für blinde und sehbehinderte Menschen könnten diese Angebote sehr interessant sein, in der Regel sind sie ihnen aber nicht zugänglich. Die Mehrheit der Anbieter stellt ihr Material in gedruckter Form bereit. Großdruck oder digitale Medien sind hingegen Mangelware. Erschwerend kommt hinzu, dass jede Bildungsorganisation ihre eigene Internetplattform betreibt. Dort werden Materialien hoch- und runtergeladen, häufig gibt es auch Diskussionsforen zu den einzelnen Kursen. Diese Plattformen erfüllen oft nicht die elementarsten Voraussetzungen der Barrierefreiheit im Internet wie zum Beispiel die Tastaturbedienbarkeit. Deshalb können die Kurse auch von Menschen mit motorischen Einschränkungen nur bedingt genutzt werden. Weiterlesen

Digitale Mitbestimmung für Menschen mit Behinderung

Digitale Werkzeuge können auch für Menschen mit Behinderung die Mitbestimmung erleichtern und verbessern:

Politisches Engagement findet zunehmend über das Netz statt. Viele der neuen Möglichkeiten sind auch für Menschen mit Behinderung interessant. Ihre Wege
zur politischen Mitbestimmung sind oft eingeschränkt, weil sie nicht mobil sind oder ihre Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist. Weiterlesen

Rollt Apple den Bildungsmarkt auf?

„Der Mensch hat sich zum Werkzeug seiner Werkzeuge gemacht.“ Henry David Thoreau

Normalerweise schreibe ich nicht über die neuesten Trends, aber der Einstieg von Apple in den Bildungssektor könnte wesentlich spannender werden als irgendein weißes iPhone.
Apple hat sehr gute Chancen auf dem amerikanischen Bildungssektor, weil seine aktuellen Geräte und Betriebssysteme einen sehr guten Stand im Bereich Barrierefreiheit haben. Die USA haben mit der Section 508 und dem Americans with Disabilities Act die wahrscheinlich strengsten Regeln zur Barrierefreiheit und Gleichstellung weltweit. Zum deutschen Pendant sage ich lieber nichts.
Die Geräte verfügen über einen eingebauten Screenreader, Vergrößerungssoftware, eine zumindest rudimentäre Spracheingabe. Sie gelten als beliebt bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen – ob zu Recht oder Unrecht vermag ich nicht zu beurteilen.
Apples Schritt dürfte zumindest zwei Größen der New Economy weh tun: der eine ist Amazon, der andere Microsoft.
Amazon hat ebenfalls Ambitionen auf dem Buchmarkt als Verleger aufzutreten. Mit der Kindle-Plattform versucht Amazon ebenso wie Apple die Käufer in einen goldenen Käfig aus Hardware, Software und Multimedia-Konsum einzusperren. Amazons Ambitionen, mit dem Kindle DX in den Bildungsmarkt einzusteigen sind grandios gescheitert, weil es die Geräte nicht für Blinde oder Sehbehinderte nutzbar gemacht hat. Bis heute nicht. Apples Anwendung zur Erstellung von Enhanced eBooks zielt exakt in das Herz der Kindle-Plattform, einer Plattform, auf der Autoren ihre Werke so simpel wie selten zuvor einstellen können. Allerdings hängt das Kindle-Format dem Standard ePub immer ein wenig hinterher.
Microsoft Windows hingegen muss um seine Stellung als führendes Betriebssystem in Bildungseinrichtungen bangen. MS hat es noch länger als Amazon verschlafen, seine Plattformen für Blinde von Haus aus nutzbar zu machen. Wobei Microsoft natürlich wesentlich größer als Amazon ist und das passende Know-How im Haus sitzen hat. MS und Applle gewähren bereits Rabatte für Bildungseinrichtungen. Aber die wenigsten Schulen werden es sich leisten, ihren Schülern zwei Computer-Arbeitsplätze bzw. Geräte bereit zu stellen.

Open ist besser

Man kann Apple mögen oder nicht – mit der Kontrolle über seine Plattformen übt es auch eine Form von Zensur aus. Werden demnächst Bücher nicht im Store zugelassen, die über Aufklärung, Sklaverei oder andere in den USA brisante Themen handeln, weil bestimmte Bilder oder Begriffe eingesetzt werden? Und ist die US-Regierung tatsächlich bereit, das relativ geschlossene Windows-System gegen das absolut verschlossene Apple-System einzutauschen?
kleines Update: Offenbar möchte Apple nicht wie angekündigt das offene ePub-Format unterstützen, sondern sein eigenes Format in den Markt drücken. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.
Nur zur Erinnerung: Ein günstiges Netbook kostet zwischen 200 und 300 Euro, verfügt über eine vollständige Tastatur und ist eine nur durch die Performance eingeschränkte Universalmaschine. Ein iPad ist ein Gerät zum Surfen und Multimedia abspielen, auf das man ohne iTunes nicht einmal Daten spielen kann. Und Apple wird nicht unbegrenzt Preisnachlässe gewähren. Ein Schulcomputer ohne vernünftige Tastatur ist ohnehin ein Witz. Das Problem, dass man längere Texte nur schlecht auf einem hintergrundbeleuchteten Bildschirm lesen kann will Apple offenbar über Multimedia statt Text lösen. Bei aller Liebe – das ist sicher nicht wünschenswert.
Die Alternative heißt XO und wurde von der Initiative One Laptop per Child entwickelt. OLPC ist dadurch bekannt geworden, dass es jedes Kind in einem Entwicklungsland mit einem 100 Dollar teuren Laptop ausstatten wollte. Auf dem Gerät ist Software zum Lernen vorinstalliert. Die Geräte sollen recht robust sein und dank PixelQi-Technik auch in der Sonne gut ablesbar sein. PixelQi soll die Vorteile von elektronischem Papier und klassischen Displays kombinieren, zum besseren Lesen kann die Hintergrundbeleuchtung abgeschaltet werden. Wenn man die Kurbel zur Stromversorgung weglässt spricht nichts dagegen, das Gerät auch im reichen Westen einzusetzen. An der Accessibility wird gearbeitet. Dann gibt es noch den 20-Dollar-Computer Raspberry Pi oder das 35-Dollar-Tablet Akash aus Indien.
Der zweite Kanidat für ein Konkurrenzangebot heißt Google Books. Je stärker Apple Druck auf die Lehrbuch-Verlage ausübt, desto attraktiver dürfte ein Konkurrenzangebot von Google werden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Google eine Alternative zu Apples Plattform anbieten wird. Mit Text und Tabellen will Google eindeutig gegen Microsofts Office antreten und wird an den chronisch unterfinanzierten Schulen offene Türen einrennen.
Wenn die Schulen tatsächlich Geld sparen wollen, sollten sie auf offene Alternativen wie Ubuntu oder andere Linux-Varianten setzen. Da das Verständnis von Computersystemen und das Programmieren eine größere Rolle in der Schule übernehmen soll, sind Linux-Varianten dank ihrer Offenheit die beste Wahl unter den Betriebssystemen. Und auch sie sind mittlerweile recht gut mit Eingabehilfen für Behinderte ausgestattet.
Es stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht Zeit ist, Schulbücher unter einer CC-Lizenz zu entwickeln und anzubieten. Das Modell Schulbuch-Verlag mag für das 20. Jahrhundert angemessen gewesen sein. Mittlerweile ist es kaum noch einzusehen, warum der Steuerzahler die Schulbuch-Verlage subventioniert, Lehrer und Schüler mit den Büchern aber dank des Urheberrechts nicht machen können, was sie wollen. Oder ist es sinnvoll, wenn Afrikas Schulbücher in Großbritannien produziert werden??
Es passt an der Stelle nicht ganz, aber das Projekt Udacity zeigt, wie Bildung im 21. Jahrhundert aussehen kann. Die Betreiber haben ganz nebenbei die größte Lerveranstaltung der Welt abgehalten.

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Google stolpert über die Barrierefreiheit von Android

In einem Kommentar schrieb ich zu einem anderen Thema, dass einem Google fast leid tun könnte. Auf der einen Seite arbeiten sie beständig an der Weiterentwicklung von Android. Auf der anderen Seite profitieren die meisten Android-Nutzer nicht davon, weil die Updates durch die Hersteller nicht an die Nutzer weitergegeben werden. Google hat hier aus jeder Sicht versagt: die Nutzer profitieren nicht von Verbesserungen des Betriebssystems und Android-Handys werden ein Sicherheitsrisiko. Die Hersteller ihrerseits müssen – oder sollten zumindest – eigene Ressourcen aufwenden, um die Geräte auf die neueste Version zu bringen. Falls Microsoft bei Windows Phone eine andere Strategie verfolgt – ich weiß es leider nicht – könnte Android seine Vormachtstellung auf dem Mobilgeräte-Markt tatsächlich wieder einbüßen. Das Problem war eigentlich voraussehbar, weshalb es schlicht unverständlich ist, warum Google diesen Fehler gemacht hat. Andere Frage: Wie viele Leute werden noch ein Android-Gerät kaufen, wenn diese massenhaft von Hackern gekapert werden?

Googles Fehler in der Barrierefreiheit von Android

Ebenso groß ist Googles Versagen, was die Barrierefreiheit des Systems angeht. Dass sie relativ spät auf Barrierefreiheit gesetzt haben, könnte man ihnen noch verzeihen. Erst Apple hat überhaupt gewagt, ein touch-basiertes Gerät für Blinde zugänglich zu machen.

Was man Google nicht verzeihen kann ist die Fragmentierung der Zugänglichkeitshilfen. Zunächst müssen die Eingabehilfen im System eingeschaltet werden, danach darf man die passenden Apps aus dem Netz herunterladen. Es gibt nicht eine, sondern sehr viele Apps, die installiert werden müssen, um das Gerät überhaupt bedienbar zu machen.
Was mich wirklich geärgert hat ist, dass man das Gerät als Blinder oder Sehbehinderter nicht selbst einrichten kann. Man kann das Gerät nicht einfach an den Computer anschließen und dort konfigurieren. Die Apps müssen über den Appstore oder eine andere Quelle heruntergeladen und installiert werden. Sogar den Spaß, einen Google-Account samt CAPCHA übers Handy zu erstellen mutet Google einem zu.

Auf der Suche nach der verlorenen App

Für viele Aufgaben gibt es eine, zwei oder mehr Apps. Als Behinderter darf man sich die passende App aus dem Store aussuchen. Man kann sich auch die x Seiten durchlesen, die Google dankenswerterWeise zum Thema bereit gestellt hat. Schön und gut – aber wer will das schon? Selbst wenn man Zeit hat, gibt es angenehmere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann als Anleitungen zu lesen und Apps zu studieren.
Wirklich dämlich ist die mangelnde Anpassbarkeit der Android-Oberfläche für Sehbehinderte. Es wäre recht einfach gewesen, die Oberflächen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar zu machen, indem man Schriftgrößen, Farben und Kontrast selbst einstellt. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es gibt eine App dafür! Es tut mir echt leid, aber für jeden Furz eine App zu installieren und wenn es auch so schnell geht ist absolut nicht die Lösung. Ich erwarte von jedem aktuellen Betriebssystem – ob Smartphone oder Desktop – ein Mindestmaß an Konfigurierbarkeit der Oberfläche.
Generell bin ich für den Open-Source-Ansatz. Es ist eine schöne Sache, dass es unzählige Hacks für Android gibt. Und dort, wo Hilfssoftware schon halbwegs gut funktioniert – auf dem Desktop – ist das schön. Nichts davon kommt aber Blinden auf einem Smartphone zugute, weil sie schlicht keinen kognitiven Zugang zum Gerät haben. Schade Google – schade Android.

NVDA und Chrome – der Firefox ist nicht mehr der beste Browser für Blinde

Ich bin vor nun mehr zehn Jahren auf den Firefox gestoßen und man muss sagen, im Vergleich zum Internet Explorer in allen Versionen ist der Firefox der bessere Browser. Das ist aber auch keine Kunst.
Lange Zeit war der Firefox neben dem IE der einzig zugängliche Browser für Screenreader-Nutzer. Opera, eine durchaus vorzeigbare Alternative, hat es leider nicht geschafft, die Benutzbarkeit für Screenreader zu verbessern. Das ist durchaus verständlich für mich. Die Blinden-Community ist nicht so groß und der Marktanteil von Opera ebenfalls nicht, so dass sich Investitionen in diesem Bereich kaum auszahlen. Die letzte Version von Safari für Windows, die ich getestet habe war auch nicht der Bringer.
Leider hat Firefox auf der halben Strecke ziemlich schlapp gemacht. Seit der Version 3.x hat er ein großes Speicherproblem. Er verbraucht viel Arbeitsspeicher, was insbesondere bei älteren Geräten problematisch ist. Diese Probleme sollen anscheinend mit der aktuellen Version 10 angegangen werden, was aber irgendwie drei Jahre zu spät kommt. Wer einen Blick in den Taskmanager wirft, kann auch sehen, dass hier ein wenig getrickst wird. Es gibt mehrere Tasks namens plugin-container, die zum Firefox gehören und für einfache Erweiterungen recht ordentlich Arbeitsspeicher abgreifen. Dass der Hauptprozess weniger Arbeitsspeicher braucht fällt also kaum noch ins Gewicht.
Mit der neuen Update-Politik hat Firefox nun endgültig den Pfad der Tugend verlassen. Die Entwickler von WebVisum kommen mit dem Updaten nicht mehr nach, so dass eines der großen Argumente für den Firefox nicht mehr sticht. Ich frage mich ehrlich, warum die Firefox-Entwickler, die doch soviel wert auf Barrierefreiheit legen wollen, nicht die Funktionen von WebVisum in den Browser integriert haben. Eine Funktion zum Lösen von Captchas z.B. dürfte sich leicht über einen serverbasierten OCR-Prozess bereit stellen lassen.
Komplett versagt hat der Firefox dort, wo er eigentlich seine Stärken hat: bei den zahllosen erweiterungen. Die Verwaltung der Addons ist seit Firefox 4 nicht mehr mit dem Screenreader möglich, zumindest nicht über die normale Addon-Ansicht des Firefox. Die Verwaltung sieht jetzt hübscher aus, aber ist mit Screenreadern nicht nutzbar. Zudem stürzt der Browser recht häufig ab, wenn man mit dem Screenreader in den Addons unterwegs ist. Update: Das Problem tritt mit Jaws auf, mag sein, dass das mit NVDA nicht passiert.
Der Firefox könnte sich generell zum Sicherheitsloch entwickeln. Schockiert habe ich festgestellt, dass dritte Programme in der Lage sind, ihre Erweiterungen ohne Nachzufragen in den Firefox zu installieren. Dazu gehören QuickTime, iTunes und Office 2007. Der Firefox weist nicht darauf hin, dass diese Plugins installiert worden und schon aktiv sind. Das ist ein echtes Sicherheitsloch, heißt das doch, dass jedes Programm, das installiert wird, den Firefox manipulieren und dadurch auch aufs Internet zugreifen kann. Für einen OpenSource-Browser ist das eine Bankrotterklärung. inst
Wer also nach Alternativen zum Firefox sucht und blind ist, sollte auf das Gespann Chrome/NVDA in den aktuellen Versionen zurückgreifen. Mit Chrome kann man zum Beispiel auch Flash-Videos mit den Cursor-Tasten spulen, eine Funktion, die ich schon seit 10 Jahren vermisse. Ob tatsächlich alles accessible ist, kann ich noch nicht sagen, aber es sieht schon einmal gut aus. Eine Alternative zu NVDA scheint das kostenlose Plugin ChromeVox zu sein, was ich allerdings bisher nicht testen konnte. Ich vermute, es ist vor allem für Menschen gedacht, die nicht sich Inhalte vorlesen lassen wollen und weniger für Blinde.
Chrome ist, was das Tempo angeht derzeit unschlagbar, in den Schatten gestellt bestenfalls von Opera. Fairerweise muss man sagen, dass Chrome auch davon profitiert, dass er nicht so viele Altlasten wie der Firefox mit sich schleppen muss.
Auch die neuesten Versionen von Jaws sollen kompatible mit Chrome sein, aber wer hat die schon?
Schön ist auch, dass es portable Versionen von Chrome und NVDA gibt, die gut funktionieren. So kann man beide Programme auf einen Stick packen und hat sie immer dabei.

Behinderung und Technik – Windows kann barrierefrei und Vodafone kann nachhaltig

Warum jetzt und nicht vor zehn Jahren könnte man fragen. Windows 8 kriegt einen Screenreader. Nach Linux und Mac ist Windows damit reichlich spät dran. Immerhin rückt das Betriebssystem damit einen Schritt näher an die Barrierefreiheit. Anscheinend plant Microsoft, ähnlich wie Apple die Integration des Betriebsystems auf unterschiedliche Plattformen. Das heißt, Windows 8 könnte auch auf Tablets zum Einsatz kommen. Ob da auch eine Touchunterstützung für den Screenreader zum Einsatz kommt? Auch bei Windows Phone ist die Unterstützung von Screenreadern noch nicht absehbar.

Vodafone hat angekündigt, Nachhaltigkeit tief in die Unternehmensstrategie verwurzeln zu wollen. Barrierefreiheit könnte ebenfalls ein Thema in dieser Strategie sein:

Als Erstes ist das „Access to Communication“, also Zugang und Teilhabe aller Geselschaftsmitglieder an moderner Telekommunikation. Als Zweites „Connected Living“, also die Vernetzung von Privat- und Berufsleben“ sowie als Drittes das Thema „Smart Energy“, das den effizienten Einsatz von Energie sowohl im Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden abdeckt. Als zusätzliches, übergreifendes Querschnittsthema wurde „Simplicity“ ausgewählt, also die Vereinfachung
des Lebens durch nutzerfreundliche Prozesse und Dienste.“ Quelle: Interview in The European vom 28.2.2011

Das ist natürlich erst einmal PR. Allerdings hat Vodafone im letzten Jahr den Smart Accessibility Award verliehen, einen Preis für Apps, welche die Barrierefreiheit verbessern sollen. Wir dürfen also gespannt sein. Siehe dazu auch meinen Beitrag zu CSR und Barrierefreiheit.

Eine sehr coole Sache ist der günstige Mini-Rechner Raspberry Pi . Er kostet rund 30 Euro und kann mittlerweile erworben werden. Der Rechner ist so groß wie ein USB-Stick, darauf läuft Ubuntu. Ich gehe mal davon aus, dass damit auch der Screenreader Orca im Lieferumfang ist.
Noch lesenswert:

Auf dem Weg zur barrierefreien Mobilität

Am 27.9.2011 war ich auf dem Forum Barrierefrei des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen NRW. Thema war der Aufbau eines Navigations- und Orientierungsmoduls für Behinderte.
Spannend war zu sehen, wie viel Arbeit schon erledigt wird. In Bonn selbst arbeitet die Behindertengemeinschaft Bonnan einer barrierefreien App.
Ausschnitt aus Wheelmap
Die Idee dahinter ist, eine Grundregel des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes umzusetzen: Um von Barrierefreiheit sprechen zu können, müssen Behinderte eine Aufgabe in der allgemein üblichen Weise, ohne fremde Hilfe und ohne besondere Erschwernis erledigen können.
Wer als Behinderter in eine fremde Stadt fährt, weiß, wie unmöglich das ist. Am schwierigsten ist es für Rollstuhlfahrer, sie müssen sich darauf verlassen können, dass Fahrstühle, barrierefreie Toiletten und ausreichend breite Zugänge vorhanden sind.
Eine zweite Schwierigkeit besteht darin, die Qualität der Daten zu beurteilen. Grundsätzlich müssen recht umfangreiche Checklisten abgehackt werden, um unterschiedlichen Behinderungen gerecht zu werden. Die Leute, die die Daten erheben, müssen entsprechend geschult werden, wer schon mal ein nettes Testverfahren wie den BITV-Test durchgeführt hat wird verstehen, warum. Für diese Aufgabe müssen Freiwillige gefunden werden, da sie ansonsten nicht bezahlbar wäre.
Eigentlich sehe ich hier die Regierung in der Pflicht. Wir haben offenbar genügend Ressourcen, um einen Zensus durchzuführen, wobei mehrere Millionen Leute befragt werden. Es kann also niemand behaupten, wir hätten nicht genügend Ressourcen dafür, Gebäude auf Barrierefreiheit zu prüfen.
Auf der anderen Seite stellt sich mir die Frage, ob die Daten tatsächlich qualitativ so gut sein müssen. Natürlich müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, damit ein Elektrorollstuhl sich angemessen bewegen kann. Abgesehen davon würde ich eher dahin tendieren, so wenige Daten wie möglich zu erheben. Schließlich kann es jederzeit zu einer baulichen Veränderung kommen. Das Rundumsorglos-Paket für Behinderte wird es nie geben. Und da ist eine vernünftige Balance zwischen Qualität und Quantität zu finden. Wenn die Daten zu schlecht sind, kann letzten Endes niemand etwas damit anfangen, weil unzuverlässige Anwendungen nicht eingesetzt werden. Sind die Daten anderseits valide, liegen aber für zu wenige Örtlichkeiten vor, werden sie ebenfalls von niemandem eingesetzt, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit die Orte, die einen interessieren gerade nicht dabei sind.
Ich glaube im übrigen, dass die Behinderten es sich selbst zu schwer machen. Es ist zwar schön, dass Rollstuhlfahrer Wheelmap haben und Blinde DaTABuS, aber im Grunde tun wir uns keinen Gefallen damit. Nur wenige Organisationen, Privatunternehmen oder sonst wer wird hingehen und sich in vier verschiedene Datenbanken eintragen, vier Datensätze aktuell halten und vier Checklisten durchgehen, die alle das Gleiche, aber auf unterschiedliche Weise abfragen. Was macht übrigens der sehbehinderte Rollifahrer oder der Taubblinde? Sollen die vielleicht zwei Datenbanken durchgehen und versuchen, aus dem Querschnitt zu errechnen, ob sie da eine Chance haben? Das ist durchaus ernst gemeint: die Organisationen sollen ihre Daten einfach offen ins Netz stellen und interessierten Personen die Möglichkeit geben, daraus spannende und vielleicht nützliche Anwendungen zu bauen.
Zum Weiterlesen Barrierefreiheit von Shared Spaces

Fundsachen Behinderung und Technik – digitale Bücher bald barrierefrei?

Adobe Digital Editions ist ein Programm zum Lesen elektronischer Bücher. Es ist aber vor allem ein Programm für das Digital Rights Management – ein Euphemismus für die Gängelung von Kunden. Bei den meisten Shops für eBooks muss ADE installiert sein, um auf das Angebot zugreifen und die Bücher nutzen zu können oder sie auf einen eBook-Reader zu überspielen. ADE soll jetzt einen Schritt Richtung Barrierefreiheit gemacht haben. Blinde haben viel Spaß mit Adobe-Programmen wie dem Acrobat Reader, so dass Zweifel durchaus angebracht sind.

Im DRadio gibt es eine Reportage dazu, wie Blinde im Web surfen. Irgendwie scheint das gerade im Mode zu sein. Die gehörlose Bloggerkollegin Julia Probst hat auf Zeit-Online ein ein Interview zu Barrieren für Gehörlose im Netz gegeben.

Über Kinect berichte ich ja öfter. Bei Winfuture gibt es einen Artikel zu Kindern mit Behinderung, die mit der Kinect Spielen können. Vor allem bei Kinderlähmung oder Autismus bewirkt die Kinect demnach positives.

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