Archiv der Kategorie ‘Geistes- und Gesellschaftswissenschaften‘

Serendipity – finden, was man nicht gesucht hat

Sonntag, den 28. Februar 2010

Serendipity ist der Name eines bekannten freien Blogsystems. Pity – das wissen wir noch aus der Mittelstufe – heißt Pech. Der etwas sperrige Begriff ist noch schlimmer, wenn man versucht, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Das “Serendipitätsprinzip” bezeichnet den Umstand, dass man etwas Interessantes findet, ohne gezielt danach gesucht zu haben.
Menschen, die wie ich selten kreativ arbeiten müssen, suchen manchmal stundenlang nach der besten Formulierung, einer genialen Idee oder der besten Lösung. Dabei konzentriert man sich so auf seine Aufgabe, dass Einem nun wirklich nichts Brauchbares einfällt.
Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit freiem Schweifen der Gedanken oft mehr erreicht. Die besten Ideen kommen oft, wenn man sich von der ursprünglichen Sache ein wenig wegbewegt und sich aktiv mit anderen Dingen beschäftigt.
Gelegentlich bin ich morgens aufgewacht und habe gedacht: “Das ist es!”. Auf der Fahrt in der Bahn kommt ein Gedanke wie ein Blitz und man sucht verzweifelt nach etwas zum Schreiben. Ich habe immer einen Block in meinem Rucksack, wo ich schnell mal etwas notieren kann. Kleiner Tipp nebenbei, das Gedächtnis scheint kurz nach dem Aufwachen nicht so recht zu funktionieren. Man weiß zum Beispiel ganz sicher, dass man etwas geträumt hat und sogar, dass man wusste, was man geträumt hat. Doch schon Minuten später hat man den eigentlichen Traum und auch Vieles, was kurz nach dem Aufwachen passiert ist vergessen. Deshalb sollte man etwas zum Schreiben neben dem Bett liegen haben, wo man sich kurze Notizen machen kann. Natürlich nur, wenn man das unbedingt wissen möchte.
Die Psychologie spricht von “frei schwebender Aufmerksamkeit”, beschrieben in einem Interview mit Peter Kruse ist oft wesentlich zielführender als das angestrengte Suchen. Vielleicht löst die Konzentration auf Dauer Stress aus, der die Aufmerksamkeit verschlechtert. Es ist recht schwierig, sich lange Zeit auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren.

Der Niedergang Roms – wieso, weshalb, warum?

Samstag, den 27. Februar 2010

Guido Westerwelle hat wohl die Oppositionsrolle noch nicht so ganz abgelegt. Wie auch immer, im Augenblick schlägt er sich mit römischer Geschichte herum. Die spätrömische Dekadenz habe den Niedergang Roms herbeigeführt, und Deutschland sei mit seinen Sozialausgaben diesem Stadium Roms vergleichbar.
Als Jurist kennt Westerwelle vermutlich das römische Recht, welches prägend ist für die Gesetzgebung vieler westlicher Staaten und Vorbild für viele andere Rechtssysteme. Die Hochzeit juristischer Fernsehserien scheint seit den Richtershows vorbei zu sein: Barbara Salesch hat Matlock gekillt. Wer jenseits von John Grisham sich für die Wurzeln modernen Rechts interessiert, kann sich auch die Cicero-Biographien “Titan” und “Imperium” von Robert Harris zu Gemüte führen.
Der Niedergang von Weltreichen ist einer der spannsten Gebiete der Geschichtsforschung. Mit den Büchern zum Niedergang Roms kann man eine ganze Bibliothek füllen. Die Niedergangsliteratur an sich füllt ganze Bibliotheken und hat Historiker aller Epochen beschäftigt: Edward Gibbon, Jakob Burkhardt, Oswald Spengler, Arnold J. Toynbee und viele mehr. Man kann von einem eigenen Genre der Niedergangsliteratur sprechen.
Ich selbst habe meine Diplomarbeit über das Thema “Niedergang der USA” geschrieben, den sperrigen Titel erspare ich den Lesern. Wenn ich die Arbeit mal wieder finde, stelle ich sie online.
Das Fazit ist, dass eine ganze Reihe von Faktoren zum Niedergang eines Imperiums führen. Dabei spielen wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und militärische Faktoren eine Rolle. Die meisten Autoren neigen dazu, bestimmte Faktoren in den Vordergrund zu stellen. Dabei ist nicht überraschend, dass sie immer den Faktor betonen, der zufällig ihr Fachgebiet ist und wo sie sich besonders gut auskennen. Moderne Hobby-Historiker wie Westerwelle hingegen betonen vor allem den Faktor, der ihnen selbst wichtig ist, da reichen auch oberflächliche Geschichtskenntnisse.
Dabei ist es praktisch undmöglich, Ursache und Wirkung getrennt zu analysieren. So kann Dekadenz ebenso eine Wirkung von zu großer Macht wie eine Ursache für militärische Abenteuer sein. Experten und Laien pflegen immer noch das klassiche Schema, wonach eine Ursache genau eine Wirkung hat. Die Ermordung des Thronfolgers hat zum Ersten Weltkrieg geführt, mehr muss man nicht wissen, mehr kann man sich ohnehin nicht merken.
Jedenfalls ist es nie ein einzelner Faktor, der einen Niedergang herbeiführt. Vor allem Wirtschaftsliberale sollten vorsichtig mit ihren Aussagen sein, denn das Wirtschaftssystem, das seit 20 Jahren konkurrenzlos dasteht, ist gerade zerplatzt wie eine Seifenblase. Sicher gibt es genügend Theorien über das liberale Wirtschaftssystem, dass zum Niedergang Roms geführt hat.
Wer sich dafür interessiert, sollte das Standardwerk des deutschen Historikers Alexander Demandt lesen: “Der Fall Roms” fasst auf fast 700 Seiten die Theorien zum Niedergang des Imperiums zusammen. Wem das zuviel ist, der lese das Inhaltsverzeichnis, das gibt schon einigen Aufschluss über die Uneinigkeit der Historiker über den Fall Rom und die Vielschichtigkeit des Themas. Peter Bender vergleicht das amerikanische Weltreich mit dem römischen Imperium in seinem Buch “Weltmacht Amerika – das neue Rom?”.

Wer ist klüger – der Einzelne oder die Vielen?

Montag, den 15. Februar 2010

Die Masse hat noch nie einen guten Ruf gehabt: leicht zu verführen, bar jedes Verstandes, bereit, alles zu tun, was ein Demagoge ihnen befiehlt. Der Ruf hat sich im Web nicht gebessert: die User gelten als geizige, raubkopierende und wenig kreative Zeitgenossen. Der Computer-Enthusiast Jaron Lanier hält der Internet-Gemeinde ihre eigenen Mythen vor. Ihm zufolge habe die Masse keine Intelligenz oder Kreativität. Die Versprechen, dass auch unbekanntere Kreative im Netz ihre Kunst finanzieren könnten, hat sich nicht erfüllt.
Da passt es gerade, dass sich Deutschlands literarisches Wunderkind Helene Hegemann mit ihrem Buch “Axolotl-Roadkill” offenbar gehörig bei einem Anderen bedient hat, ohne dessen Beitrag zu nennen und das offenbar legitim findet.
Ist es aber nicht: urheberrechtlich geschützte Werke dürfen natürlich nicht ohne Weiteres kopiert werden und im Zweifel untersteht jedes Werk dem Urheberrecht. Doch auch die Spielarten der CC-Lizenzen erlauben in der Regel nicht das Kopieren ohne Namensnennung des Urhebers. Doch selbst wenn das Kopieren ohne Namensnennung erlaubt ist, es entspricht der Ehrlichkeit, die Werke oder Teile der Werke Anderer nicht als die Eigenen auszugeben. Hegemann und die Verlag wären sicher nicht einverstanden, wenn ich hingehen und “ihr” Werk mit leichten Veränderungen als mein Werk darstellen würde. Hegemann selbst hat ihr Buch vermutlich nicht unter CC-Lizenz gestellt, ergo scheint es so, als ob sie Wert auf ihr Urheberrecht legt.
Das Kind der Web-Generation klaut bei Anderen, gibt es als ihr eigenes Werk aus und beruft sich nebenbei auf eine halbverstandene Web-Ideologie, wenn das keine Schlagzeile für den Boulevard und für den Kulturteil ist.
Allerdings glaubt niemand, dass das Kollektiv an die Stelle des Individuums treten soll. Gruppen interessierter Leute sind in der Lage, gemeinsam Software zu schreiben, die von jedem benutzt wird. Sie schreiben an Texten, die von jedem gelesen werden. Sie drehen Filme, die von jedem gesehen werden. Sie finden sich am ehesten noch übers Web, tauschen sich über das Netz aus, korrigieren sich gegenseitig. Ideen werden von Einzelnen eingebracht, sind aber oft nicht ausgereift. Die Gruppe kann dafür sorgen, dass gute Ideen verbessert und schlechte verworfen werden.
Der Einzelne hat hier immer noch mehr Möglichkeiten, seine Kreativität auszuleben und interessierte Menschen zu erreichen als wenn er Bilder in seinem Wohnzimmer, Skulpturen in seinem Vorgarten oder Graffiti an einer Wand ausstellt. Niemand muss sich wünschen, dass ein Kollektiv von Menschen an die Stelle des einzelnen Schreibers, Regisseurs oder Programmierers tritt. Schließlich setzt sich ein Kollektiv aus den kreativen Ideen und Lösungen Einzelner zusammen. Die Gruppe ist nichts ohne den Einzelnen, der Einzelne ist nichts ohne die Gruppe. Es ist also kein Widerspruch, wenn James Surowiecki von der “Weisheit der Vielen” spricht, während Lanier glaubt, die Vielen brächten keine kreative Leistung. Lanier scheint ein typischer Fall von Über-Enthusiasmus geworden zu sein, der sich in Frustration verwandelt, weil sich die eiegenen überzogenen Erwartungen nicht erfüllt haben.
Kreativität kann sich nicht darin erschöpfen, anderer Leute Werke zu mixen und zu behaupten, das sei nun ein eigenes Werk. Andererseits kann man sich nicht zwingen, innovativ zu sein, denn man kann nie wissen, ob die eigenen Ideen nicht schon von jemand Anderem erdacht worden sind. Ein Werk zu erschaffen erfordert ein gewisses Maß an Zeit und Geist und wer beides nicht investiert hat, hat auch kein eigenes Werk erschaffen.
edit: sehe gerade, dass ich den halben Text in einen Link verwandelt habe, sorry, wurde korrigiert

Was will Facebook?

Sonntag, den 31. Januar 2010

So mancher wundert sich: Facebook ist eine soziale Plattform mit 300 Millionen Mitgliedern weltweit. Wenn jeder von denen 4 Bilder hochgeladen hat, liegen schlappe 1,2 Mrd. Fotos auf Facebooks Servern, ungezählte Videos, Spiele, nicht zu vergessen Textbotschaften. Damit dürfte Facebook ganz nebenbei die größte Fotocommunity der Welt sein.
Niemand weiß genau, wie viel Serverleistung nötig ist, damit Facebook flüssig läuft und stets weitere Mitglieder aufnehmen kann. Und wie Facebook diesen ständigen Ausbau an Serverleistung und technischer Weiterentwicklung finanziert.
Facebook ist stets aufs Neue in Datenschutz-Probleme verwickelt. Das vorletzte Ereignis betraf die Änderung der Profile, auf einmal waren alle Profile öffentlich zugänglich und jeder Facebookianer, der das nicht wollte, musste dies selbst ändern. Ein Prinzip, welches unsinnig ist, denn die wenigsten mögen sich so intensiv mit ihren Profileinstellungen herumschlagen.
Der letzte Skandal war ein anonymes Interview mit einer angeblichen Mitarbeiterin von Facebook. Die Dame sagte, alle Daten von gelöschten Profilen würden auch nach der Löschung gespeichert, alle Bewegungen auf Facebook würden gespeichert.
Fake oder nicht, die Aussagen sind glaubwürdig. Jeder, der sich ein wenig näher mit dem Internet beschäftigt weiß, wie einfach es ist, Daten dauerhaft zu speichern. Warum sind die Aussagen so glaubwürdig?
1. Facebook hat ein gewaltiges Netz, die Informationen benötigen in einer guten Datenbank nicht besonders viel Platz
2. Webanalytics-Software, etwa eine Verbindung aus JavaScript und Cookies machen das Mitschneiden von Klickpfaden, Kenndaten des Computers und viele weitere Informationen zugänglich. Jeder Verwender von Google Analytics weiß das. GA zeichnet nebenbei auch Daten wie Betriebssystem, Daten über Browsererweiterungen, den Standort des Users und vieles mehr mit.
3. Facebook verdient nach wie vor kein Geld. Man benötigt dringend eine Einkommensquelle, wobei kundenspezifische Werbung vermutlich die Killerapplikation der Werbewirtschaft für das Web sein wird. Die klassische Anzeige hat im Netz ausgedient. Derzeit sind noch Google-Anzeigen, die – das kennt jeder – manchmal passen und manchmal nicht, der Renner. Mit kundenspezifischer Werbung ließe sich das meiste Geld machen, dazu muss man möglichst viel über den Nutzer wissen.
Facebooks Strategie ist es, einfach nur zu wachsen und weiter zu wachsen. Denn je mehr Menschen bei Facebook sind und ihre Kontakte, Nachrichten, Fotos und weiteres über Facebook verwalten, desto mehr Leute werden andererseits angezogen. Andererseits fällt es den eifrigen Nutzern um so schwerer, Facebook zu verlassen oder eine andere Plattform zu nutzen. Dadurch würden sie viele Kontakte einbüßen und würden ihre “Freunde” “verlieren”, weil es sich oft um Leute handelt, die sie nur über Facebook und nur in Facebook kennen und denen sie vermutlich nie persönlich begegnen werden.
Facebook will also schlicht alles über uns wissen, alle unsere Kontakte managen und will, dass Facebook die erste Seite ist, die wir morgens in unseren Browser holen. Bekanntermaßen gibt es im Web kein Telefonbuch oder zentrales E-Mail-Verzeichnis. Facebook wird also die zentrale Anlaufstelle, wenn man gezielt nach Personen suchen möchte. Facebook wird der Ersatz für die private Homepage, auf der selten mehr und oft weniger steht als in einem Facebook-Profil. Manche meinen, dass Facebook die private E-Mail ersetzen kann. Auf die E-Mail-Adresse kann heute kaum jemand verzichten, vielleicht wird das mit Facebook auch irgendwann der Fall sein.
Sicher ist, dass Facebook irgend wie Geld verdienen muss und das dies irgend wie mit den Benutzerprofilen passieren wird.
Kleines Update: Ich habs ja nicht so mit den Zahlen, aber der PR Blogger berichtet über Reichweite und Verweildauer von und auf Facebook. Ein Aspekt, über den der Artikel berichtet ist Facebook Connect, die Möglichkeit, sich über den Facebook-Account bei anderen Seiten zu beteiligen, ohne einen eigenen Account anzulegen. Sebastian Küppers ist genauer auf die Möglichkeiten personenbezogener Werbung via social targeting eingegangen.

Ein verständliches Urheberrecht für Alle?

Freitag, den 29. Januar 2010

Durch Netzpolitik bin ich auf ein Interview auf den Seiten des Goethe-Instituts aufmerksam geworden. Darin plädiert der Jurist Till Kreutzer für ein allgemein verständliches Urheberrecht. Kreutzer ist auch aktiv an dem Projekt IRights.info beteiligt, das jeder kennen sollte, der sich in Deutschland mit dem Urheberrecht im Netz beschäftigt. Kreutzer argumentiert, dass heute wesentlich mehr Personen mit Fragen des Urheberrechts konfrontiert sind, das Recht aber aus einer Zeit stammt, wo es ein Thema für Spezialisten war. Zudem sei es für die heutige Gesellschaft ungeeignet:

Um das Urheberrecht neu aufzugleisen, könnte man sich überlegen, ob man es teilt: in ein Schutzrecht der Urheber und in ein Werkschutzrecht, das Urhebern und Industrie – oder nur einer dieser beiden Gruppen – zusteht. Letzteres wäre ein pragmatisches, funktionales Wirtschaftsrecht, das eine möglichst effektive Vermarktung sichert, aber darüber auch nicht hinausgeht. Mit diesem Neuansatz könnte man versuchen, wieder Systemehrlichkeit herzustellen.

Ich würde allerdings noch weiter gehen und jedes Gesetzeswerk allgemein verständlich formulieren, mit dem Normalsterbliche konfrontiert sind. Spötter meinen, zwei Drittel der Steuergesetzgebung der ganzen Welt seien in Deutschland verankert.
Ein anderer aktueller Text bei dem schon genannten iRights.info zeigt, wie das Urheberrecht den Archiven und Museen schadet, die eigentlich den undankbaren Auftrag erledigen sollen, unsere Dokumente in Text, Ton und Bild aufzubewahren. Der Autor Paul Klimpel weist darauf hin, dass ein Großteil der ersten deutschen Stummfilmaufnahmen sowie der ersten 20 Radiojahre bereits verloren ist. Erstaunlich für ein Land, dass so stolz auf seine Kulturleistung ist. Eines der Kernprobleme ist allerdings, dass die Archivare keine Werke verwenden dürfen, bei denen die Autorenschaft nicht bekannt, die Werke also verwaist sind.
Auch die Bibliotheken sind mit den Problemen des veralteten Urheberrechts konfrontiert: Die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt musste ihre digitalen Leseplätze einstellen, nachdem die Verwendungsrecht so weit eingeschränkt wurden, dass es keinen Unterschied zwischen einem digitalen und einem analogen Leseplatz mehr gab. Wer die Situation in den Bibliotheken und insbesondere den UBs kennt weiß, wie schwierig es ist, aktuelle Bücher zur Verfügung zu haben. Moderne Zeiten scheinen im Urheberrecht noch nicht angebrochen zu sein.