Archiv der Kategorie: Leben

Wie das Leben so spielt

Access-News vom 24. Juni 2010 – Fraunhofer testet und Google bringt was Neues

Das Fraunhofer-Institut für Informationstechnik hat herausgefunden, dass die meisten Dax-Websites nicht validieren und nicht barrierefrei sind. Wer hätte das gedacht, nachdem Opera mit seiner MAMA-Studie das schon lange festgestellt hat? Wer es ausprobieren mag, es gibt ein Testtool auf der Website von Fraunhofer. Ich befürchte fast, das diese automatischen Tests mehr Schaden als Nutzen anrichten. Der Website-Bastler braucht sich mit dem Thema Barrierefreiheit gar nicht mehr zu beschäftigen, sondern arbeitet säuberlich eine Reihe von Fehlern ab und wird durch eine Fehlerfrei-Meldung des Systems geadelt. Zudem werden Leute belohnt, die statische Websites oder Alternativ-Versionen für Behinderte anbieten, denn hier wird das Prüfprogramm nicht durch so überflüssige Dinge wie JavaScript oder Flash in seiner Arbeit gestört.

Google mit OCR und Spracherkennung

GoogleDocs hat jetzt Texterkennung. Mit OCR lassen sich Texte aus Graphiken und PDFs extrahieren. Laut Golem soll die Qualität der Erkennung bisher noch nicht berauschend sein. Das ist etwa nützlich für PDF-Dateien, die aus gescannten Dokumenten generiert wurden. Nebenbei ist die HTML-Anzeige von PDF-Dateien eine der nützlichsten Werkzeuge Googles.
Mit seinem Know How im Rahmen der Bücherscan-Aktion dürfte Google bei der Scan-Qualität deutliche Verbesserungen ermöglichen.

GoogleVoice ist eine Technik, mit der sich Sprachmitteilungen in Text umwandeln lassen, zum Beispiel zum Versenden von SMS. Voice ist jetzt öffentlich verfügbar, allerdings bisher nur auf Englisch.

Vermischtes

Marco berichtet, dass das neue IOS 4 Teile von WAI ARIA unterstützt.
Die Entwickler von Chrome arbeiten jetzt an der Unterstützung von Chrome durch Screenreader. Sie haben recht flott auf die Petition reagiert, die von Steve Faulkner letzte Woche beworben wurde.
WebAIM setzt seine HTML5-Reihe mit einem Beitrag über Canvas fort.

Persönliches Wissensmanagement mit Weblogs und Co.

Jeden Tag stößt man auf neue Ideen oder Gedanken. Dabei benötigt man sehr viel Disziplin, um diese Gedanken sinnvoll zu notieren, so dass man sie
1. wiederfindet
2. und auch noch Jahre später versteht
Unser Gedächtnis ist ein recht komischer Apparat, man kann sich daran erinnern, dass da mal eine bestimmte Idee war, aber auf die Idee selber kommt man nicht mehr.

Wenn man unter Wissensmanagement genau das versteht, Ideen und Gedanken sinnvoll zu formulieren, zu kategorisieren und zu sammeln, dann sind Weblogs und andere Web-2.0-Anwendungen genau das Richtige.
Die Voraussetzung ist, dass das Weblog tatsächlich öffentlich ist, weil man ansonsten nicht die nötige Disziplin hat, einen Gedanken allgemein verständlich und nachollziehbar zu formulieren. Das ist aber die wichtigste Voraussetzung für ein vernünftiges Wissensmanagement. Wenn Andere deinen Gedanken verstehen, dann wirst du es in zehn Jahren vermutlich auch noch können.
Im Prinzip wären auch Anwendungen wie Googles Such-Historie eine sinnvolle Sache. Wer bei Google eingeloggt ist, dessen Suchaktivitäten über die Google-Suchmaschine werden automatisch aufgezeichnet. Wer viel im Internet surft, kennt das Problem, dass man eine schöne Seite gefunden hat, sich aber nicht mehr an den Namen der Seite oder die entsprechenden Suchbegriffe erinnern kann.
Wer also seine Beiträge sauber mit Kategorien und Schlüsselwörtern versieht, schöne Überschriften und Links gesetzt hat, der hat sehr gute Chancen, seine ideen auch wiederzufinden. Alle Weblog-Systeme haben eine recht gute Suchmaschine integriert, so dass die Suche nach alten Gedanken kein Problem darstellen sollte.
Wer es lieber kurz mag, kann natürlich auch Twitter benutzen, mit Link-Shortener und Hash-Tags kann man auch mit 140 Zeichen effizient arbeiten.
Es kommt auch nicht selten vor, dass man über Kommentare weitere gute Ideen erhält. Wenn ich eine gute Idee habe und du hast eine gute Idee, dann sollten wir uns austauschen, hinterher haben wir beide eine gute Idee mehr.

Mehr Umweltschutz bedeutet mehr Lebensqualität

So kann man das Fazit der Autoren von „Faktor Fünf“ zusammenfassen. Zufällig habe ich vor einigen Tagen die ältere Ausgabe „Faktor Vier“ durchgeblättert. Das Buch ist weniger zum Schmökern als zum Nachschlagen geeignet. Es ist eine Sammlung von Ideen, wie sich die Effizienz von Ressourcen erhöhen und zugleich mehr Wohlstand schaffen lässt. Die Dämmung von Gedäuden zum Beispiel verringert nicht nur die Heizkosten, sondern kann auch das Raunklima deutlich verbessern. Ein vernünftiges Verkehrssystem schon die Nerven von Pendlern und verringert die Energieverschwendung. Eine vernünftige Beleuchtung verringert die Lichtverschmutzung, indem Licht dort eingesetzt wird, wo es benötigt wird und ist zudem angenehmer als die heutigen Energiesparleuchten.

Die Modelle dafür sind altbekannt:
– Energy Contracting verteilt die Investitionskosten für die energetische Gebäudesanierung über einen langen Zeitraum und refinanziert sich direkt über die Einsparungen.
– Geräte zu leasen statt zu kaufen erhöht die Recycling-Fähigkeit und Langlebigkeit der Geräte und verringert die Soll-Bruch-Stellen heutiger industrieller Produkte.
Es gibt sehr viele kleine und große Ansatzpunkte zur Ressourceneinsparung. Leider fehlen die richtigen Anreize und Rahmenbedingungen. Im Verhältnis sind die Energiepreise noch zu niedrig, für Mieter und Vermieter sind Gebäudesanierungen oft uninteressant, der Individualverkehr ist trotz seiner hohen Kosten für viele Menschen wesentlich attraktiver als der öffentliche Nahverkehr.
Die Verschwendung von Ressourcen ist aber weder sozial noch wirtschaftlich sinnvoll. Ein großer Teil der Weltbevölkerung strebt den gleichen Lebensstil an, den die westlichen Länder schon lange pflegen. Daher müssen die Techniken für einen effizienten Umgang mit den knappen Ressourcen wie Energie, Wasser und Rohstoffen heute umgesetzt werden.
Umweltschutz kann sicher nicht bedeuten, dass wir alle zu Puristen werden. Umweltschutz und Ressourceneinsparung sind sowhol aus gesellschaftlicher als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht ein Muss.

Gut essen und die Welt retten

Viele Vegetarier und Veganer wollen aus ökologischen oder politischen Gründen aus Fleisch verzichten. Es gibt – anders als oft behauptet wird – keine artgerechte Haltung für Tiere, die zum Verzehr gedacht sind. Es wird wertvolles Getreide erzeugt, um das Vieh zu füttern. Vor allem Kühe erkranken an einem Übermaß an Sojagenuß. Der Energieaufwand, der reingesteckt wird steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis, um es streng rational zu fassen. Das wäre ein geringeres Problem, wenn das Fleisch dann auch entsprechend viel kosten würde und nicht wie in Deutschland hochsubeventioniert.
Für die Aufzucht von Tieren werden Unmengen an Getreide verwendet. Die Erzeugung dieses Getreides verhindert oder verteuert die Nahrungserzeugung für Menschen. Dazu kommt, dass die hochmaschinisierte Landwirtschaft dazu beiträgt, die Böden durch Monokulturen, Überdüngung und schwere Maschinen allmählich zu zerstören, so dass der Anteil an nutzbarer landwirtschaftlicher Fläche nach und nach zerstört wird.
Veganer und Vegetarier können durch ihre Ernähung dazu beitragen, dass diese Zerstörung nicht weiter fortgetrieben wird, indem sie ökologisch sinnvolle Lebensmittel zu sich nehmen.
Das sollte man übrigens nur tun, wenn man die Lebensmittel essen mag. Es bringt nichts, sich mit Essen vollzustopfen, wenn man es nicht schmackhaft findet. Das hält keiner lange durch.
Lupinen sind so ein Lebensmittel. Lupine avancieren langsam zur Alternative zu Soja. Lupine sind eigentlich Blumen, die weit verbreitet sind. Die meisten Sorten enthalten Alkaloide, die sie ungenießbar machen. Erst in letzter Zeit wurden Sorten gezüchtet, die sich zum Verzehr eigenen: die Süßlupinen.
Aktuell werden sie vor allem als Mehl oder als ein Ersatz für Nüße zum Knabbern angeboten angeboten. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie auch hierzulande und vor allem auch auf schlechten Böden angebaut werden können. Sie reichern den Boden mit Stickstoff an, wodurch sie zur Verbesserung der Böden beitragen.
Sie sind ähnlich wie Linsen sehr eiweißreich, auch deshalb sind sie für Veganer interessant. Lupine könnten mittelfristig das europäische Gegenstück zu Soja werden, weil sie ähnlich verwendbar sind.

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Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson Hargroves und Michael
Smith. Faktor Fünf. Droemer

Die Erde als System

James Lovelock, Miterfinder der Gaia-Hypothese, hat der Technology Review ein längeres Interview gegeben. Die Gaia-Hypothese geht davon aus, dass die Erde als Ganzes, besonders ihre Oberfläche ein lebendiges System darstellt. Leben ist hier im Sinne der Selbstorganisation und des Selbsterhalts zu verstehen. Diese Theorie lässt sich besser verstehen, wenn man statt von einem lebendigen Organismus von einem lebendigen System ausgeht. Das System sorgt für die nötige Stabilität und Organisation, damit es weiter bestehen kann. Die Bestandteile des Systems stehen in einer komplexen Wechselwirkung, jede Veränderung eines einzelnen Faktors hat zur Folge, dass sich weitere Faktoren verändern. Eine Absenkung der Temperatur hat zur Folge, dass sich andere Tiere und Pflanzen heimisch fühlen. Das Aussterben bestimmter Pflanzen oder Tiere hat zur Folge, dass andere Tier- und Pflanzenarten ihren Platz einnehmen.

Damit ist auch der Nutzen einer solchen Hypothese  erklärt: Es geht darum, komplexe Wechselwirkungen zu verstehen und nachzuvollziehen. Der Mangel an solchem Denken führt dazu, das unbedachte Maßnahmen großen Schaden anrichten, weil Maßnahmen nicht zu Ende gedacht wurden.

Lovelock ist ein eher eigenwilliger Typ. In besagtem Interview schlägt er die Umwandlung von landwirtschaftlichen Abfällen in Holzkohle vor, die dann vergraben werden soll. Das scheint mir eine zu starke Konzentration auf CO² zu sein. Zudem scheint er in atomaren Abfällen kein Problem zu sehen. Der Knackpunkt ist aber, dass er meint, es sei wichtiger, sich auf den globalen Klimawandel vorzubereiten, statt halbherzige Maßnahmen einzuleiten.

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Paid Content – das Ende des Links

Sollte sich das Modell des Paid Content tatsächlich durchsetzen, dürften die Leserzahlen der entsprechenden Anbieter stark sinken. Dafür dürften die Leserzahlen von Kommentarmedien wie Perlentaucher und vielen Blogs steigen.
Ein großer Teil der Leser – niemand weiß, wie viele – werden über Social Bookmarking, über persönliche Leseempfehlungen über Twitter oder Mail oder über Links in Weblogs und ähnlichen Medien vermittelt.
Das System bricht aber in sich zusammen, denn Links werden unattraktiv, wenn der Schreiber nicht erwarten kann, dass sein Leser bereit ist, für den verlinkten Inhalt zu bezahlen bzw. in irgend einer Form Zugang dazu hat.
Das zweite Problem ist banaler, lohnt aber der Erwähnung: Da Paid Content die Leserzahl naturgemäß drastisch senkt, gibt es auch entsprechend weniger Leute, die Inhalte überhaupt empfehlen können. Sie müssen die Inhalte ja erst zur Kenntnis nehmen können, um über sie berichten zu können.
Davon können paradoxerweise jene profitieren, die ihre Inhalte – oder wesentliche Teile davon – kostenlos anbieten. Sie werden zahlungsunwillige Kunden oder Leute, denen die Zahlungsmodalitäten zu kompliziert sind, in Scharen anlocken und entsprechend stärker von Empfehlungen Dritter profitieren. Frei nach dem Matthäus-Prinzip: Wer Leser hat, dem werden noch mehr Leser gegeben.
Um ehrlich zu sein muss man aber zugeben, dass niemand genau sagen kann, ob die Gewinne durch höhere Werbeeinahmen die Verluste durch kostenlosen Content kompensieren. Aufmerksamkeit mag eine wertvolle Währung im Web sein, aber mit Aufmerksamkeit kann man keine Redakteure, Fotoagenturen oder Serverparks finanzieren.

Alles wird grün – Visionen für eine umweltgerechte Zukunft

Oder auch nicht. Wer sich kritisch mit dem Umweltschutz auseinandersetzt merkt schnell, dass es hier an umfassenden Grundkonzepten mangelt. Man versucht eher, die Fehler eines Systems zu reparieren, welches zu einer Zeit entstand, als Umweltschutz noch kein Thema war.

Auch eine echte Vision wie 100 Prozent Erneuerbare Energien bis 2050 ist schön und nett, wenn sie auch verrät, wie sie umgesetzt werden kann. Es wäre immerhin schon ein Gewinn, wenn es 50 Prozent Erneuerbare bis 2050 wären.

Mir schwebt da eine Art Öko-Mainstreaming vor, wobei der Staat in der Pflicht stünde, ökologisches Verhalten zu steuern und unökologisches Verhalten nicht zu belohnen. Dabei müsste der Staat mit gutem Beispiel voran gehen und sämtliche seiner Verhaltensweisen auf Umweltverträglichkeit hin prüfen. Das geht von der Energiedämmung seiner Gebäude über grüne Rechenzentren für seine Computer hin zu Nachhaltigkeit bei Verbrauchsmaterialien.

Damit würde der Staat auch die Nachfrage schaffen, die für einen Innovationsschub in der Wirtschaft nötig ist, um die umweltgerechte Herstellung von Produkten, Verpackungen, Recycling und Kreislaufwirtschaft zu fördern. Solche Umstellungen – das sollte jedem klar sein – werden nicht in Legislaturperioden, sondern in Jahrzehnten greifen, aber jede Regierung hat die Möglichkeit, hier den Grundstein für diese Entwicklung zu legen.

Einen interessanten Ansatz verfolgt etwa der Verfahrenstechniker Michael Braungart von der Erasmus-Universität in Rotterdam. Er sagt in einem Interview mit dem DeutschlandRadio:

„Also das heißt, wenn man nicht ständig sagt, du bist aber Schädling, so wie wir es tun mit unserer Ökobewegung, wo wir immer sagen, es wäre besser, es gäbe dich gar nicht, weil wir versuchen, den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Das ist dann gegenteilig. Wir haben einen großen Fußabdruck, der wird aber ein Feuchtgebiet. Das heißt, wir werden großzügig und verschwenderisch, weil wir selber akzeptiert sind. Im Moment haben wir das Gefühl, es wäre besser, es gäbe uns nicht – Passivhäuser, null Emission, also überall immer Schuldmanagement, und dann werden wir raffgierig. Aber wenn Menschen akzeptiert sind, sind sie immer großzügig und freundlich.“

Braungart plädiert dafür, Dinge nicht mehr zu kaufen, sondern zu mieten. Der Teppichboden, der Fernseher oder die Waschmaschine werden nicht mehr gekauft, sondern sozusagen geleast. Bei Nicht-Mehr-Gefallen nehmen die Hersteller die Waren zurück und verwerten sie neu. Das dürfte dazu führen, dass die Waren aus Materialien hergestellt werden, die sich wieder leicht trennen lassen und neu verwendet werden können.

Die Streuung von Schuldkomplexen bei den Bürgern ist eher kontraproduktiv Sie erweckt den Eindruck, man würde durch einen ökologischen Lebensstil an Lebensqualität verlieren. Und das kommt nun einmal nicht gut an.

Besser Online 2009 – eine Rückschau

Das Thema Online-Journalismus lässt sich nur schlecht an einem einzigen tag abhandeln. Der DJV hat es trotzdem versucht und der nicht online- und technikaffinen Journalistenschaft einen guten Überblick geboten.

Der ZDF Tower
Der ZDF Tower

Der Umbruch in der Medienlandschaft ist fundamental, aber nicht nur auf das Internet oder Google zurückzuführen. Schon lange haben große Anstalten und Verlage angefangen, freie Redakteure und Journalisten zu beschäftigen – und sie schlecht bis miserabel zu bezahlen. Der „Vogel“-Freie kommt zwischen Aquise und Arbeitsaufträgen kaum zum Luftholen. Die Konkurrenz macht es schwierig, eine akzeptable Bezahlung durchzudrücken. Viele Freie haben gezwungenermaßen ein zweites Standbein, sie halten etwa Workshops oder Vorträge ab oder erteilen Unterricht.

Im Auftaktplenum wurde deutlich, wie wenig auch viele Journalisten kritisch mit dem Netz und insbesondere mit der Google-Recherche umgehen. Es gibt gute Alternativen und es ist nicht sinnvoll, sämtliche Daten bei Google zu organisieren oder zu speichern, auch wenn es einfach und praktisch ist.

Ein zweites Thema, dass bei vielen Journalisten zu kurz kommt, ist die Absicherung ihrer Kommunikation. Sie können häufig nicht mit Verschlüsselung, Steganographie und elementaren Sicherheitsmaßnahmen umgehen, was ihre Computer und ihre Kommunikation angreifbar macht. Wenn es um verdeckte Recherche geht, spielen solche Dinge insbesondere für Informanten eine Rolle, die geschützt werden wollen. Der Datenskandal der Deutschen Bahn und ähnliche Vorkommnisse zeigen, wie delikat die ganze Geschichte ist. Wenn aber die Whistle Blower den Journalisten nicht vertrauen können, dann werden sie auch keine Informationen preis geben können.

Mittlerweile dreht sich fast jeder Medienkongress um eine Frage: Wie kriege ich die Leute dazu, für meine Inhalte zu bezahlen? Die Frage habe ich in einem Extra-Beitrag behandelt.

Last not least muss man feststellen, dass vielen Journalisten – und vielen Verlagen – die Online-Kompetenz fehlt. Das meinen die Betreuer des Journalisten-Studiums von der Uni Dortmund. Die Volontariate im Printbereich seien im Wesentlichen oder ausschließlich auf Print konzentriert, Online-Kompetenzen werden gar nicht vermittelt. Die älteren Kollegen – 40 aufwärts – besäßen häufig kein Verständnis für das Web. Es gibt so gut wie keine reinen Online-Volontariate – was ja nicht weiter erstaunlich ist, es müssen erst einmal Onliner dabei sein, die überhaupt Onliner ausbilden können.

Das Fazit ist eher negativ: Während die Verlage für das Leistungsschutzrecht Lobby-Arbeit betreiben, werden ihre Freien praktisch enteignet. Immer mehr Massenproduktion steht immer weniger Sorgfalt gegenüber. Journalismus und PR vermischen sich stärker. Eine Lösung – das war wohl zu erwarten – hat auch diese Tagung nicht gebracht.

No way out? – Das Kostenlos-Dilemma im Netz

Heute war ich auf der vom DJV veranstalteten Tagung „Besser online“ in Mainz. Darunter war eine Diskussionsrunde zum Thjema Paid Content. Wer bezahlt wann für welche Inhalte? Die Frage bleibt mehr oder weniger unbeantwortet. Bezahlt wird dann, wenn sich der Leser sich einen Mehrwert verspricht, wenn die Informationen so spezifisch sind, dass er sie umsonst nicht erhalten kann oder wenn sie in einer spezifischen Form – als Audio oder im mobilfreundlichen Format – präsentiert werden. Oder er zahlt für Premium-Inhalte, für Hochglanzfotos, die Zusammenstellung bestimmter Artikel in einem Dossier und ähnliches.

Das Dilemma besteht immer darin, dass im Prinzip alle Inhalteanbieter ihre Angebote zeitgleich kostenpflichtig machen müssten. Ansonsten weicht der Focus-Leser eben auf Spiegel Online aus, der Leser der Süddeutschen auf die FAZ und so weiter.

Nun haben aber einige große Mitspieler am Publikationsmarkt – Rupert Murdoch und Springer – erklärt, dass sie zumindest einen Teil ihrer Angebote kostenpflichtig machen werden.

Die Geschichte wird aber interessant, sobald tatsächlich eine nennenswerte Zahl von Leuten es selbstverständlich finden, für Online-Inhalte zu bezahlen. Dann setzen Netzerk-Effekte ein, die immer mehr Leute davon überzeugen, sie müssten unbedingt Geld für interessante Angebote bezahlen. Dann wird es ebenso selbstverständlich sein, für Online-Inhalte zu bezahlen wie es heute selbstverständlich ist, für ein Magazin am Kiosk zu bezahlen.

Eine kritische Masse muss dabei erreicht werden. Das dürfte dann passieren, wenn alle großen Online-Marken wie Spiegel, Focus und Stern zumindest einen Teil ihrer Angebote kostenpflichtig machen. Bleibt die Diskussion über unterschiedliche Modelle des Bezahlens, die noch nicht so richtig in Schwung gekommen ist.

Aber ein Problem bliebe nach wie vor ungelöst: Jeder Mensch sollte wissen, dass die meisten Publikationen sich zu 30 – 40 Prozent aus Verkäufen, aber zu 60 bis 70 Prozent aus Anzeigen finanzieren. Diese Anzeigen brechen im Print-Bereich weg, während für Online-Werbung wesentlich weniger verlangt werden kann. Wie wollen aber die Verlage ein ähnlich qualitatives Angebot online kostenpflichtig anbieten, wenn sie wesentlich weniger Einnahmen aus Werbung generieren?

Denn Druckkosten, Auslieferung und Verkauf am Kiosk haben einen vergleichsweise geringen Anteil an den Produktionskosten der Publikationen. Die meisten Kosten entstehen für die Personalkosten, denn Menschen machen Artikel, schießen Fotos und drehen Videos, nicht Computer, Druckmaschinen oder Videokameras, die vergleichsweise billig sind.

Die Kosten, die im Druck und in der Auslieferung von Printprodukten eingespart werden, entstehen natürlich für die Infrastruktur im Netz: Tausenden von Nutzern muss gute Performance geboten werden, ein komplexes Redaktions- und Content-Management-System muss gepflegt, weiter entwickelt und abgesichert werden.

Die Inhalteanbieter müssen also selbst dann neue Einnahmemöglichkeiten finden, wenn die Leser bereit sind, vergleichbare Beträge für das Online-Angebot zu bezahlen, wie sie für das Print-Produkt bezahlt haben.

Am Rande kam eine Debatte um den Begriff „Qualitätsjournalismus“ auf, der von einigen Journalisten als Kampfbegriff angesehen wird. Hierin scheint aber ein weiterer großer Irrtum der Payment-Befürworter zu liegen. Zumindest dann, wenn man Qualität mit Intellktualität und nicht mit Handwerk übersetzt. Wer primär an Unterhaltung und Zerstreuung interessiert ist, wird für einen noch so gut gemachten Hintergrundbericht nicht zu gewinnen sein. Wenn Qualität in Abgrenzung zu Boulevard verstanden wird und man glaubt, für Qualität werde bezahlt, für Boulevard  aber nicht, befindet man sich auf dem Holzweg. Beim Boulevard spielt die Glaubwürdigkeit weniger eine Rolle als der Unterhaltungswert, Unterhaltung erfordert aber ebenso viel handwerkliches Können wie eine gute Reportage. Das heißt nicht, dass man Boulevard gut finden muss, sondern dass man den Begriff Qualität im Journalismus vorsichtig verwenden muss.

Die Ökonomie der Entscheidung

Vor einigen Tagen hatte ich über die Frage geschrieben, wie höhere Investitionen von Ressourcen dazu führen können, dass langfristig höhere Erträge abfallen. Das eine Thema dabei ist die Bildung bzw. hohe Bildungsausgaben für benachteiligte Schichten, das andere Thema ist der Umwelt- und besonders der Klimaschutz. Die Frage ist, wenn wir unmittelbar einsehen, dass solche Ausgaben sinnvoll sind, warum machen wir sie dann nicht? Die Frage wird von der Theorie der rationalen Entscheidung (rational choice) beantwortet, allerdings im typischen Soziologen-Deutsch, welches manchmal sogar verständlich, aber immer anstrengend ist.
Wenn wir wissen oder zumindest ahnen, was das Richtige ist, warum tun wir es dann nicht? Wir stecken in einem gewissen Dilemma. Ein Mensch kann für sich selbst langfristig Strategien ausdenken, er kann zum Beispiel heute Geld bei Seite legen – Verzicht üben – damit er morgen ein wenig mehr für seine Rente hat. Als Kollektiv fällt es uns aber schwer, langfristige Strategien zu entwerfen. Das wird um so schwerer, je größer das Kollektiv ist. Die folgenden gründe lassen sich dafür ausmachen:

1. Viele Folgen treffen uns persönlich gar nicht. Wenn der Klimawandel eintritt, dann wird er vermutlich andere härter treffen als uns. Menschen in anderen Ländern, Menschen, die noch gar nicht geboren sind und Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben. Warum sollten wir für diese Leute großartig etwas tun?
2. Oft können wir die Früchte unseres Tuns gar nicht ernten. Investitionen, die heute gemacht werden, können eventuell erst in zwei bis drei Generationen Früchte tragen. Beim Klimawandel sieht es noch schlimmer aus. Was wir heute tun, wird in frühestens dreißig – eher mehr – Jahren Folgen haben.
3. Der Erfolg ist kaum messbar: Wenn ein bestimmtes Ereignis nicht eintritt, wie das Umkippen des Klimas, dann wissen wir nicht, ob es uns zu verdanken ist oder ob sämtliche unserer Annahmen einfach falsch waren. Umgekehrt, selbst wenn die prophezeiten Probleme eintreten, wissen wir immer noch nicht genau, ob das unserem Verhalten geschuldet ist oder nicht.
4. Es gibt auch einen rein quantitativen Effekt: Je mehr Menschen an einer Sache beteiligt sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne verantwortlich. Wenn ein Mensch auf einer Dorfstraße umfällt, werden ihm wahrscheinlich gleich mehrere Leute zu Hilfe kommen. Wenn er mitten in der Fußgängerzone einer Großstadt umfällt, kann es wesentlich länger dauern. Auffälliger ist das auf der Autobahn, wo es sehr lange dauern kann, bis einem jemand bei einem Unfall zu Hilfe kommt. Je mehr potentielle Helfer vorhanden sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne dafür verantwortlich, tatsächlich zu helfen.
5. Ferne Gefahren wirken eher abstrakt. Je ferner und unbeschreibbarer sie sind, desto weniger fühlt man sich gezwungen, darauf zu reagieren.
Das sind keine banalen Erkenntnisse, die für Ungebildete gelten. Tatsächlich gilt das Ganze auch für gestandene Professoren und Politiker. Ein Politiker denkt eher in Legislaturperioden als in langfristigen Kategorien. Ihre Entscheidungsräume sind zudem stark durch die Institutionen und Strukturen sowie durch das Budget begrenzt. Last not least sind sie nicht so viel anders als normale Menschen. Sie sind wie wir alle gefangen in der Gegenwart und treffen oft Entscheidungen ad hoc, ohne die langfristigen Folgen abschätzen zu können.

Was darfs denn kosten?

Kosten-Nutzen-Rechnungen sind eine Sache, die man normalerweise nicht auf menschliche Belange anwenden möchte. Tatsächlich stellt aber fast jeder Mensch unbewusst eine Kosten-Nutzen-Rechnung an, er stellt sich die einfache Frage, ob der Aufwand die Sache lohnt. Bei einem Menschen erfolgt diese Rechnung nie völlig rational, denn seine Entscheidungen können objektiv irrational sein, für ihn aber einen Sinn ergeben. Anders sieht es bei großen Investitionen aus: Hier sollte kühl kalkuliert werden, was kostets, was bringts?

Viele soziale Organisationen scheuen diese Argumentation, weil sie dadurch ihre moralische Autorität untergraben sehen. Wer möchte ein Preisschild an Behindertenfürsorge, Altenpflege oder Umweltschutz stellen.

Der Ökonom James Heckmann hat den Wert der Bildung errechnet. Das simple Ergebnis, je mehr man in die Bildung und Förderung Benachteiligter investiert, desto geringer sind die Folgekosten in Form von Fürsorge, Kosten durch Kriminalität, Kosten für Gerichtsverfahren, Gefängnisaufenthalte usw. Das klingt einerseits zynisch ist und ist andererseits schnell einleuchtend. Zudem ist aber klar, dass je besser gestellt die Personen sind, die diese Bildung erhalten, desto weniger bringt das Geld, welches zusätzlich investiert wird. Mit anderen Worten und das sollte eigentlich jedem klar sein: Je ärmer man ist, desto mehr sollte man gefördert werden und je ärmer man ist, desto mehr bringt die Förderung.

Ein anderer Fall, in dem man ungern ökonomisch argumentiert ist der Umweltschutz. Eine nicht ganz neue Erkenntnis haben Forscher im Auftrag der Allianz und des WWF hervorgebracht: Maßnahmen zum Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels sind billiger als die Folgen des Klimawandels. Überraschend ist tatsächlich, dass der WWF mit einem privaten Unternehmen kooperiert. Der britische Ökonom Nicolas Stern hatte bereits vor einigen Jahren einen entsprechenden Report vorgestellt.

Manchmal ist man gezwungen, die ökonomische Keule auszupacken, wenn alle anderen Argumente nicht greifen. Das bedeutet sicher nicht, dass man seine Argumente darauf reduzieren lassen soll. Dcoh Leidenschaft, innerste Überzeugung und gute Argumente reichen leider oft nicht aus.

Update: Zum Thema Umweltschutz wurde beim DRadio gerade ein Buch vorgestellt: „Produktivkraft Natur“, erschienen bei Hoffmann und Campe, rechnet den ökonomischen Nutzen von Tieren und Pflanzenwelt aus. Umweltschützer werden sich vor den Kopf schlagen, Ökonomen sich nachdenklich am Kopf kratzen. Der rein ökonomische Widerspruch ergibt sich aus dem Verhältnis von Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft. Dem einzelnen Unternehmen kann es durchaus nutzen, seinen Dreck in den Fluß zu kippen, weil es so teure Entsorgungskosten schafft. Der Volkswirtschaft schadet es indirekt, weil der Fluß teuer entgiftet werden muss, der Fischfang und die Landwirtschaft leiden, Gesundheitsschäden am Menschen dazukommen und eine ganze Reihe weiterer, unabsehbarer Folgen.