Archiv der Kategorie: Leben

Wie das Leben so spielt

Appell gegen Google Buchsuche veröffentlicht

Eine Reihe deutschsprachiger Wissenschaftler und Publizisten veröffentlichen einen Appell an die Regierungen, gegen die Google-Buchsuche vorzugehen. Unterstützt wird der Appell unter anderem vom Zeitherausgeber Michael Naumann oder von dem Schriftsteller Daniel Kehlmann. Ich bin auf die Kritik hier bereits eingegangen.

Ich bin gestern bei einer Recherche ganz zufällig auf die Google-Buchsuche gestoßen und muß sagen, dass sie verdammt praktisch ist, um wissenschaftliche Literatur zu finden.

Google ist hier in eine Lücke gestoßen, die offensichtlich bestanden hat und welche von europäischen Kulturschaffenden bisher gar nicht gefüllt wurde – oder wird. Auf Europa zu warten ist wie warten auf den Messias.

Man muss nochmals darauf hinweisen, dass Google die Bücher eben nicht kostenlos anbietet, im Gegenteil, neben dem Buch werden Links angeboten, über die man von Dritten die Bücher erwerben kann.

Die Kritik basiert auf dem deutschen Urheberrecht, welches oft mit dem angloamerikanischen Copyright verwechselt wird. Das ist im übrigen kein Wunder, im deutschen Buch steht schließlich auch Copyright und eben nicht Urheberrecht.

Nach deutschem Urheberrecht bleibt das geistige Eigentum am eigenen Werk immer beim Autor. Er kann nur einzelne Rechte wie die Veröffentlichung oder weitere Verwendung an Dritte abgeben.

Im angloamerikanischen Raum hingegen kann man das Recht zur Veröffentlichung und weiteren Verwendung vollständig an Dritte abgeben.

Die Kritik zielt also darauf ab, dass man Google ausdrücklich das Recht einräumen müsste, die entsprechenden Titel einzuscannen und Versionen davon online zur Verfügung zu stellen.

Allerdings fällt die Kritik auf die Kritiker zurück. Warum melden sie sich jetzt und haben nicht vor fünf Jahren bereits auf ihre Rechte gepocht? Warum bieten sie keine brauchbare Alternative zur Google-Buchsuche an? Warum lebt Deutschland in der digitalen Steinzeit, warum muss man die aufwendige Fernleihe in der Bibliothek anzapfen und wochenlang auf wissenschaftliche Titel warten? Warum glaubt man, Bücher müssten als dicke Schwarten in dunklen Bücherregalen verstauben, der Zugang müsse möglichst aufwendig sein und digitale Bücher seien der Tod der deutschen Buch- und Wissensskultur?

Für blinde und sehbehinderte Menschen sind viele Bücher praktisch gar nicht zugänglich. Es gibt rund 50 000 nicht-kommerzielle Hörbücher, die von den Hörbüchereien zur Verfügung gestellt werden. Daneben gibt es eine kurze Zahl kommerzieller Hörbücher, die sich jeder kaufen kann. Dennoch ist das nur ein Bruchteil der tatsächlich verfügbaren Bücher. Hochproblematisch wird es, wenn man wissenschaftliche Literatur haben möchte.

Wenn man die Bücher dann doch irgendwie bekommt, ist es sehr aufwendig, sie zu lesen. Entweder muss sie eingescannt oder aufgelesen werden. Beides ist zeit- und kostenaufwendig.

Edit: Auf netzpolitik.org wird berichtet, der Heidelberger Literaturprofessor Roland Reuß sei wohl der Initiator der Google-Buchsuche-Kritik. Vermutlich hat er Oswald Spenglers “Untergang des Abendlandes” gelesen.

Fördern oder nicht fördern – ist das die Frage?

Zumindest für den WDR ist das nicht die Frage, wie bei vielen anderen Institutionen Deutschlands herrscht hier kulturelle Einheit statt Vielfalt. Der WDR treibt es dann aber doch weite:

Von den 383 Bewerbern – die meisten unter 30 und weiblich – blieben 168 übrig, deren Bewerbungsunterlagen an Redaktionen weitergeleitet wurden. 80 Bewerbungsgespräche hätten daraufhin stattgefunden. Assion weiß von mindestens acht Menschen, die nun von der WDR-Verwaltung mit einer „Beschäftigungsprognose“ versehen sind – was aber keineswegs eine Beschäftigungsgarantie bedeutet. Assions Wunsch, dass „Raus aus den Nischen“ neue Gesichter auch vor die WDR-Kameras befördert, blieb bisher unerfüllt. auf Journalismus.de von Uli Schauen

Das klingt nach einer mißlungenen Marketing-Aktion des WDR, die zusätzlich den Effekt hatte, die ausländischen Bewerber zu blamieren und die deutschen Kollegen fuchsig zu machen. Nach wie vor gilt, wer Ausländer ist, hat mit oder ohne Akzent keine Chance auf eine Karriere im Journalismus.

Man fragt sich immer, warum die Stellenausschreiber angeben, Frauen, Behinderte und)oder Ausländer würden bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt. In der Regel ist das Gesetz, welches aber in der Praxis keine besondere Bedeutung hat.

Außer natürlich die Demütigung derjenigen, die auf diese Aussagen hereinfallen. Nämlich dann, wenn der Job trotz ihrer Qualifikation an einen deutschen gesunden Mann geht.

Kölner Stadtarchiv eingestürzt – Stadt in Trümmern, Menschen in Panik

Ich bin zehn Jahre in Köln zur Schule gegangen, vielleicht 200 Meter von der Severinsbrücke und von dem Polizeipräsidium entfernt. Ich muss allerdings sagen, dass ich mich an das Stadtarchiv nicht erinnere und wahrscheinlich nie dort gewesen bin. Als Inder ist man ja einiges gewohnt, einstürzende Häuser, brechende Brücken, unsinnige Großprojekte. Dass man mit in einer deutschen Großstadt eine U-Bahn baut und offenbar nicht in der Lage ist, elementare Sicherheitsrichtlinien zu beachten.

Diese Situation lenkt den Blick darauf, dass in Deutschland an vielen Stellen Sanierungsbedarf besteht. Die Brücken etwa werden uns hoffentlich nie einbrechen, weil hier gute Frühwahnsysteme existieren. Aber immerhin ist vor einiger Zeit im amerikanischen Minnesota eine Verkehrsbrücke eingestürzt.

Neusprech für Anfänger – Umweltprämie versus Abfrackprämie

Die Umweltprämie hat viel Feinstaub aufgewirbelt. Der Volksmund war erfinderischer und alle Medien sprechen zurecht und zutreffend von Abfrackprämie  Auch die Universitäten waren früher kreativ und sprachen von Studienbeiträgen statt Studiengebühren. Irgendwo muss es da einen kreativen Kopf in den Verwaltungen geben, der laufend Euphemismen ausspuckt.

Wo wir gerade bei Marketing sind: 20 Prozent auf alles – außer auf Tiernahrung. Schon überlege ich, diesen Baumarkt zu verklagen, entweder gibt es 20 Prozent auf alles oder eben nciht. Recht kompliziert mag es eine Supermarktkette. Bei einem Einkauf von 100 € erhält man einen Einkaufsgutschein von 10 €. Wem die Eurozeichen in die Augen springen, der sei gewarnt. Ist diese Botschaft erst einmal angekommen, rattert der Werbesprecher eine ganze Liste von Artikeln runter, die bei diesen 100 € nicht dabei sein dürfen. So macht man Werbung, eine kleine Gedächtnisübung. Es stimmt eben doch, die Kunden wollen geistig gefordert werden.

Keine Panik – Regierung möchte Kommunikation sicherer machen

Unsere Kommunikation soll sicherer werden – mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung. Das kündigt Gerhard Beus an, Staatssekretär des Innenministeriums. Erst einmal kriegt aber die Bundesregierung sichere Handy:

Aus diesen 500 Millionen werden zunächst mal Maßnahmen für eine sichere Kommunikation finanziert, dazu gehören auch diese Handys, die Sie genannt haben. Aber wir werden auch Maßnahmen finanzieren, die dazu dienen, den Personalausweis zu produzieren und dann auch den Personalausweis ausgeben zu können. Dazu bedarf es einer Reihe vorbereitender Maßnahmen. Wir beginnen jetzt ja im Sommer mit Tests in dem Bereich, und auch das wird aus den 500 Millionen finanziert. aus dem Interview

Man möchte nicht hoffen, dass die Bundesregierung bisher unverschlüsselt kommuniziert hat, überraschend wäre es nicht. Zumindest wird dieser elektronische Personalausweis sicher – oder?

Man muss ja zunächst sagen, der Fingerabdruck ist optional. Das heißt, die Bürgerinnen und der Bürger entscheiden selbst, ob sie einen Personalausweis mit Fingerabdruck haben wollen oder nicht. Und ich glaube, deshalb sind schon diese Sorgen, die eben dort zum Ausdruck gebracht wurden, nicht begründet. Aber ich glaube, es ist richtig, dass wir moderne Technik auch in diesem Bereich der Ausweise anwenden und damit die Ausweise sicherer machen. Denn es ist ja so, Biometrie wird auf Dauer Bestandteil nicht nur der deutschen, sondern aller internationalen Ausweise sein. Und deshalb können und sollen wir uns dieser Entwicklung auch nicht entziehen. aus dem Interview

Man halte fest, der Fingerabdruck ist optional. Oder auch nicht

Sie können in viele Länder, mit denen wir Abkommen geschlossen haben, wo Sie normalerweise einen Pass benötigen würden, mit unserem Personalausweis reisen. Und das wird auf Dauer nur dann möglich sein, wenn sich diese internationale Entwicklung fortsetzt und in den internationalen Passpapieren ein biometrisches Datum erforderlich ist. Und wenn Sie dann einen Personalausweis haben, der dieses schon aufweist, werden Sie den auch weiterhin für Reisen in diese Länder verwenden können. aus dem Interview

Mit anderen worten, wer ins Ausland will, wird an einem biometrischen Merkmal wie dem Fingerabdruck nicht vorbei kommen, der Fingerabdruck ist also nicht wirklich optional. Beus selbst gibt auch zu, dass der Ausweis künftig zur Authetifizierung bei E-Commerce verwendet werden kann. Man kennt die Eigendynamik solcher Prozesse, die dazu führen, dass eine Option zum Zwang wird. Schon heute kann man in vielen E-Läden nur per Vorkasse oder Einzugsermächtigung einkaufen.

Eine weitere interessante Stelle im Interview

Das heißt, Sie selbst sind, wenn Sie diese Ausweiskarte haben, Inhaber Ihres Fingerabdrucks und Sie entscheiden auch, wo Sie Ihren Ausweis vorlegen oder nicht. Und der Fingerabdruck kann nur von öffentlichen Stellen ausgelesen werden, nicht im privaten Bereich. Ich glaube, das muss man immer wieder betonen. Und der Fingerabdruck ist in der Tat – das haben Sie ja eben selbst gesagt – etwas, was man überall hinterlässt. Also wenn jemand an den Fingerabdruck kommen will, dann nimmt er das Glas, aus dem Sie getrunken haben, und dann hat der Ihren Fingerabdruck. Es bedarf da nicht der Mühe, sich um den Ausweis zu kümmern, sondern der Fingerabdruck ist etwas, was wir im täglichen Leben ja ständig sozusagen von uns geben. aus dem Interview

Logisch, schließlich rennt jede Kellnerin mit einem Set zur Fingerabdruckabnahme und -identifizierung herum.Herr Beus verschweigt allerdings, dass dieser Ausweis kontaktlos via RFID ausgelesen werden kann. Mit anderen Worten, jeder hat theoretisch auf den Ausweis Zugriff, wenn er die Sicherheitsvorkehrungen durchbrochen hat. Herr Beus schürt eher Mißtrauen der Bürger, wenn er solche Risiken verschweigt.

Peinlich für das Bundesinnenministerium, dass deren Informationsangebot zu diesem Thema eine “Seite-nicht-gefunden”-Meldung ausgibt.

Die drei Fragezeichen und das Urheberrecht

Ein weiterer geheimnisvoller Fall für Justus, Peter und Bob? Leider nein, am fall der Drei Fragezeichen kann man sehen, welch Kuriosa das Copyright hervorbringt.

Die Serie wurde vor gut 40 Jahren von dem Schriftsteller Robert Arthur in den USA entwickelt, war dort allerdings nicht so erfolgreich wie in Deutschland. Hier sind wohl Millionen von Menschen im Alter von 20 – 40 Jahren mit den Hörspielen der Drei Detektive ins Bett gegangen. Deshalb wurde die Serie, als sie in den USA nicht mehr fortgeführt wurde, in Deutschland weiter geführt.Ich erinnere mich noch, wie ich mich gefreut habe, als ich Ende der 90er Jahre in einem Woolworth die Hörspielkassetten durchsah und plötzlich auf das bekannte Cover stieß, das erkennt man auch nach zehn Jahren problemlos wieder. Ich habe mir natürlich gleich alle vorhandenen Cassetten geschnappt und bin dann regelmäßig dorthin gepilgert, um zu gucken, ob es neue Cassetten oder CDs gab.

Dabei hat die Serie ein Redesign erfahren, die Jungs wurden flotter, bekamen einen gewöhnungsbedürftigen Soundtrack – aus Urheberrechtsgründen wurden sogar die alten Hörspielfolgen mit der neuen Musik ausgestattet. Angeblich waren die Tantiemen-Forderungen des Produzenten der ersten Hörspielmusik zu hoch. Kurioserweise wurden auch die ersten Folgen der Serie – der Super-Papagei und so weiter – mit neuer Musik ausgestattet, was sehr anachronistisch wirkt. Die typische 70er Jahre Kinderserie wie die Story mit dem Rubin oder dem Zirkus passt mit dem Kraftwerk-Verschnitt mit Roboter-Attitüden einfach nicht zusammen, wer das wohl verhunzt hat?

Und dann wurden die Drei umbenannt nach ihren amerikanischen Originalen, bis dahin hat wohl kaum jemand geahnt, dass Justus Jonas in den englischen Originalen Jupiter Jones und Peter Shaw eigentlich Peter Cranshaw heißt. Die drei Fragezeichen hießen dann die Dr3i, sieht ein wenig kryptisch aus, oder? Ursache war ein Rechtsstreit zwischen den Verlag und Hörspielproduzenten. Die Drei Fragezeichen wurden zu die Dr3i.
Und auch die Musik wurde wiederum geändert. Das war das einzig Gute an den neuen Folgen. Die Musik ist mittlerweile sehr passend, auch wenn die Fans wohl immer an der alten Musik hängen werden. Aber die wäre heute wohl ebenso anachronistisch wie der Technoverschnitt in den 70ern.

Die neuen Folgen sind alles in allem eigentlich nicht schlecht, aber für Kinder eher ungeeignet. Da sind doch einige sehr psychisch aufgeladene Fälle dabei. An die Umbenennung gewöhnt man sich aber recht schnell. Inzwischen scheint auch der letzte Rechtsstreit geklärt zu sein. Meine Damen und Herren, das hätten Sie auch einfacher, billiger und schneller haben können.

Inzwischen dürfte es mehr in Deutschland produzierte Folgen der drei Fragezeichen geben als amerikanische Folgen. Und das nicht wegen, sonderntrotz überkomplizierter Urheber- und Markenrechte. Vor allem die Hörspiele scheinen sich sehr gut zu verkaufen. Und die Drei Sprecher treten aus den Schatten der drei Detektive und kommen zu einem Ruhm, den sie wohl als Kiddies nie erwartet hätte.

Ähnliche Streitigkeiten haben schon zuvor die Einführung neuer Techniken verhindert. Die DVD hätte schon viele Jahre zuvor erscheinen können, doch die Filmindustrie bestand auf die Einführung eines Kopierschutzes. Das sogenannte CSS wurde aber sehr schnell geknackt, so wie alle Schutzmaßnahmen, die man sich nachgehend für teures Geld ausdachte.

Der Scheintod der Minidisc und der Tod des DAT-Rekorders ist von den Herstellerfirmen und den Contentindustrien selbst zu verantworten. Sony stattet seine MD-Player bis heute mit dem Serial Copy Management System aus, welches es verhindert, daß man von einer analog oder digital aufgenommenen Disc eine digitale Kopie anfertigt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, Sony verhindert, daß man von seinen eigenen Aufnahmen digitale Kopien anfertigt. Heute gibt es Minidisc-Player mit USB, es ist aber nicht möglich, Daten vom Player auf den Computer zu bekommen. MP3 vom PC muss zunächst verlustbehaftet in Sonys eigenes ATTRAC-Format konvertiert werden. Und das alles, weil Sony in der Musikindustrie aktiv ist.

Diese Fälle zeigen, dass sich die Macher selbst die Einnahmequellen abschneiden. Es gibt Zehntausende von Menschen, die für die Serien ihrer Kinderzeit wie Matlock, Remington Steele und so weiter viel Geld ausgeben würden. Aber ihnen wird die Möglichkeit gar nicht gegeben, weil irgendwer an irgendwas die Recht hat oder nicht hat. Am Ende – und das ist wirklich dumm – verdient niemand Geld damit, obwohl die Serien ja schon fix und fertig da liegen und nur noch gemolken werden müssten.

Aus Freude an der Kommunikation

Es steht heute in jeder Stellenausschreibung: Sei kommunikationsstark! Sogar der Abfall-Abtransport-Fachmann muss heute vermutlich Krisenkommunikation treiben, wenn zum Beispiel ein verrotztes Taschentuch am Boden des Containers klebt.

Man wagt es kaum noch, sich über unverlangte Werbung im Briefkasten zu beschwerden. Wenn sie adressiert ist, hat man sie sich ohnehin selbst eingehandelt. Da haben es einige mit der Kommunikationsstärke wohl zu weit getrieben. Die größte Werbeschleuder dieser Art ist mittlerweile die Deutsche Post. Unverlangt erhält man eine Plastiktüte voller Werbung in den Briefkasten. Gut 100 dieser Packen liegen Samstag auf den hochhäuslichen Briefkästen.

Doch das größte Ärgernis ist heute die Massenkommunikation. Einige Leute meinen, sie müssten E-Mails an Hunderte von Personen verschicken, um ihnen etwas von wenig Belang mitzuteilen. Sie besitzen nicht die Gnade, die Adressaten zumindest in die BCC zu setzen. Einige wollen vermutlich ihre Mitbürger mit der großen Zahl der Leute beeindrucken, die sie kennen.Ich erhalte durch diverse Mailinglisten mittlerweile um die dreißig Mails am Tag. 25 davon werden ungelesen gelöscht. Über Filter werden die Mails automatisch einsortiert, die Mails von Mailinglisten landen praktisch alle ungelesen im Müll.

Wir sollten weniger Kommunikation wagen: Twittern statt Mailen, unsere Lebensweisheiten über Blogs, RSS oder StudiVZ verbreiten, wo sie jeder lesen kann, wenn er mag. Wir sollten öfter mal zum Telefon greifen, die zwanzig Meter zum Büro unseres Gesprächspartners nehmen, wir sollten Briefe schreiben und uns Mühe geben, die Kommunikation diszipliniert und entspannt zu gestalten. Und den Computer abschalten.

Wiedergeboren – der Fanatismus der Neubekehrten

Es ist ein allgemeines Phänomen: Wann immer jemand zu einer neuen Haltung bekehrt wird, ist er fanatischer als jene, die länger dabei sind: Sei es Religion, politische Einstellung oder Hobby.

Woran liegt das eigentlich? Es ist vermutlich der Glaube, eine Art Wiedergeburt erlebt zu haben. Man glaubt sich im Besitz unglaublicher Weisheiten, die man an alle weitergeben muss.

So sind wiedergeborene Christen sehr oft fanatischer und missionarischer als ihre Glaubensbrüder, die schon länger dabei sind. Vielleicht spüren sie auch einen – echten oder eingebildeten – Druck, ihre Glaubensfestigkeit den Anderen und sich selbst zu beweisen.
Junge Mäner mit muslimischen Wurzeln entdecken ihren Glauben wieder und fangen an, den liberalen Lebensstil aktiv abzulehnen, den sie selbst zuvor gelebt haben. Junge muslimische Terroristen sind oft solche jüngst Wiederbekehrten.
Ehemalige Fleischesser mutieren zu vegetarischen Missionaren, ehemalige Vegetarier hingegen bekämpfen fanatisch den grassierenden Vegetarismus.
Die schlimmsten Nichtraucher sind die ehemaligen Raucher. Das hat auch damit zu tun, dass sie durch andere Raucher an ihre Sucht erinnert werden. Der Nikotinentzug macht diese Personen zudem recht hibbelig.

Wenn man in einer größeren Stadt durch eine Fußgängerzone geht, trifft man oft christliche Missionare, meistens aus einer christlichen Sekte wie den Mormonen. Das sind oft junge Leute, die frisch bekehrt wurden.

Horst Mahler, der ehemalige RAF-Anwalt und Terrorist drehte eine Piruette von links nach rechts, bekennt sich heute zum Antisemitismus und zur Deutschigkeit.

Natürlich können auch viele Menschen fanatisch sein, die schon länger bei einer Gruppe dabei sind. Der Fanatismus der Neubekehrten ist aber etwas ganz Besonderes.

Abschließend muss man aber festhalten: Das einzige, was nerviger ist als Leute, die Einem ungefragt ihre Weltanschauung auseinandersetzen sind Leute, die von Einem erwarten, man möge seine Weltanschauung haarklein erklären, um dann ihre eigene Weltanschauung erklären und verteidigen zu müssen.

Wenn mir Fleisch angeboten ist, sage ich nur: “Ich bin Vegetarier”, doch recht wertneutral, nur als Erklärung, warum ich das Fleisch nicht annehmen kann. Daß der Fleischesser mir dann unbedingt erklären, wie nahrhaft und wichtig Fleisch für die Ernährung sei, verlangt mir dabei die meiste Geduld ab.

Sieht schön blöd aus – der Columbo-Effekt

Der Columbo-Effekt ist eine relativ simple, aber effektive Strategie. Der altbekannte Detektiv Columbo stellte durch seine Ungepflegtheit, den zerschlissenen Mantel und seine Schrottkarre den Contrapunkt zum aalglatten Superagenten James Bond dar. Durch Zerstreutheit, seltsame Anekdoten und scheinbar belanglose Fragen erweckte er bei den Befragten einerseits den Eindruck von Grenzdebilität, quetschte sie andererseits gnadenlos aus. Er nutzte den Fakt aus, dass Menschen immer dem äußeren Anschein trauen und auf ihren ersten Eindruck vertrauen.

Dabei sagt die Schale nichts über die Qualität des Inhalts aus. Wer am Empfang eines Unternehmens sitzt, trägt oft einen Anzug oder ein Kostüm, ist aber in der Firmenhierachie relativ weit unten. Die anderen Abteilungen mögen in Jeans und T-Shirt herum laufen, sind aber meist besserverdienend und werden wohl höher aufsteigen.

Die Columbo-Strategie besteht also darin, den Gegner in Sicherheit zu wiegen. Durch scheinbar achtlos ausgestreute Bemerkungen bröckelt diese Sicherheit oft, so dass der Täter einen Fehler macht. Columbos Sherlock-Holmes-mäßige Beobachtungsgabe und Intelligenz lässt ihn dann den Täter überführen.

Das Ende der Handschrift?

Man denkt selten darüber nach, aber kaum jemand schreibt heute längere Texte mit der Hand. Sogar Notizen werden oft am Computer oder mit dem Handy geschrieben. Mein letztes längeres handschriftliches Exponat war eine Klausur 1997. Damit geht doch einiges verloren, zum Beispiel die Fähigkeit zum Schön-Schreiben, die viele von uns wahrscheinlich nie hatten.

Die jüngere Generation lernt vielleicht noch das Schreiben mit der Hand, steigt aber vermutlich bei Aufsätzen auch auf den Computer um – sieht ja meistens auch besser aus.

Interessanterweise steigen zeitgleich viele Blinde von der Brailleschrift auf den Computer um. Der Computer ist für Blinde mehr oder weniger vollständig über die Sprachausgabe steuerbar, sie können sich lange Texte vorlesen lassen.

Das Schreiben am Computer hat sicher viele Vorteile. Doch es fördert weder die korrekte Orthographie noch die  kaligraphischen Fähigkeiten. Die Chinesen zum Beispiel müssen viel Aufwand treiben, um nur die wichtigsten ihrer viele Tausend Zeichen zu lernen. Sie schulen aber zugleich ihre kaligraphischen Fähigkeiten und damit ihr künstlerisches Verständnis.

Und auch in westlichen Ländern kann man einen gewissen Stil in die eigene Handschrift zaubern. Man mag den Graphologen – den Schriftlesern, die aus der Handschrift Charaktereigenschaften ableiten wollen – nicht so recht alles glauben.

Da in jeder anständigen Textverarbeitung auch eine Rechtschreibprüfung steckt, lassen sich Tipp- und andere Fehler automatisch aufspüren, so daß die Aufmerksamkeit auf die korrekte Orthographie nachläßt.