Archiv der Kategorie: The Thinking Turn

Leichte Sprache ganz schwer – Behinderung und die Political Correctness

Ich verfolge mit echtem Befremden, wie sich Behinderte und Nicht-Behinderte über angebliche Verstöße gegen die Political Correctness (PI) beschweren. Manche Dinge mögen berechtigt sein. So sind Rollstuhlfahrer natürlich nicht „an den Rollstuhl gefesselt“, Gehörlose sind nicht unbedingt taubstumm und Autismus geht nicht unbedingt mit einer Inselbegabung einher. Wobei nicht alle mit
diesen Sprachregelungen einverstanden sind. Nun möchte ich Rollifahrern, Autisten oder Gehörlosen nicht sagen, was sie gut finden müssen und worüber sie sich beschweren möchten.
Ich habe aber selbst erlebt, was es bedeutet, wenn man nicht weiß, was aktuell politisch korrekt ist. Eine blödsinnige Erfindung – ich würde wetten, sie kam von einem Nicht-Behinderten – ist die Schöpfung „Menschen mit …“. Wir wissen, was Blinde, Gehörlose und Taub-Stumme sind. Weiß aber irgendjemand, was Menschen mit kognitiver, geistiger, mentaler oder Lernbehinderung sein sollen? Haben sie nun etwas oder fehlt ihnen etwas? Mein persönlicher Liebling ist „Menschen mit Benachteiligung“, endlich haben sie Benachteiligung.
Ein ganzer Blumenstrauß aus Begriffen hat sich um diese körperliche oder geistige Einschränkung gebildet. Wir sollen also Menschen mit Lernschwierigkeiten sagen. Heißt das also, dass diese Personen ansonsten keine Probleme haben?
Ich darf also nicht mehr „Behindertensport“ oder „Behindertentestament“ sagen, weil irgend jemand sich eventuell diskriminiert fühlen könnte? Manchmal frage ich mich, ob die Leute keine handfesten Probleme mehr haben.

Verständlichkeit ade

Was auch immer die Protagonisten dieser Begriffe Gutes tun wollen, meistens verschlechtern sie die Verständlichkeit. Wenn die Sonderschule jetzt Förderschule heißt, wissen die betroffenen Eltern, wonach sie suchen müssen? Wenn wir jetzt Behindertentestament durch Sozialtestament ersetzen, weiß niemand, was damit gemeint ist.
Die Sätze werden durch neue Substantive aufgebläht, was die Verständlichkeit wiederum verschlechtert. Wir sagen jetzt statt Familie mit einem behinderten Kind: Familie mit einem Kind mit Behinderung.
Ich habe kein Problem damit, mich als Behinderten zu bezeichnen. Meine Behinderung ist nicht mein Eigentum, sondern eine Eigenschaft, ein Substantiv dient lediglich dazu, Sachverhalte zu verschleiern, statt sie deutlich zu machen. Wenn irgendwer glaubt, behindert zu sein seine meine Kerneigenschaft, dann ist mir das schnuppe. Diese Art von Sprachdiskurs baut meiner Meinung nach mehr Barrieren auf als sie abbaut. Anstelle eines Nicht-Behinderten würde ich den Kontakt mit einem Behinderten vermeiden, weil ich stets Angst hätte, er könnte sich durch eine Bemerkung beleidigt fühlen.
Und um damit wieder an den Ausgangspunkt des Artikels zurück zu kehren: durch die teilweise sehr aggressiven Reaktionen auf sprachliche Fehltritte bringt man die Leute zum Nachdenken. Sie denken darüber nach, ob sie überhaupt noch Artikel über Behinderte schreiben sollen, wenn sie solche Reaktionen vermeiden wollen. In meinem Fall wollte ich einen Artikel über eine Webseite schreiben, die sich mit Asperger beschäftigt. Ich wollte aber nicht das Risiko eingehen, das irgendjemand sich über eine Formulierung beschwert. So habe ich nach reichlich hin und her auf den Artikel ganz verzichtet. Als Journalist hat man es schwer genug und geht daher Ärger dort aus dem Weg, wo man ihn vermeiden kann.
Diese Diskussion über PI hat uns kein Stück weiter gebracht. Sie verschleiert das wirkliche Problem: dass Behinderte immer nur als Opfer dargestellt werden. Aber niemand mag Opfer, man hat Mitleid mit ihnen. Ein ägyptisch-stämmiger Deutscher schrieb über den Islam, er pflege das Beleidigtsein. Das gilt leider für viele Minderheiten, auch für die Behinderten. Aber dieses andauerende Beleidigtsein und Beharren auf den Opferstatus hält uns in der aktuellen Situation gefangen. Ein Opfer handelt nicht und ich zumindest habe keine Lust, ein Opfer zu sein.

Die Erde als System

James Lovelock, Miterfinder der Gaia-Hypothese, hat der Technology Review ein längeres Interview gegeben. Die Gaia-Hypothese geht davon aus, dass die Erde als Ganzes, besonders ihre Oberfläche ein lebendiges System darstellt. Leben ist hier im Sinne der Selbstorganisation und des Selbsterhalts zu verstehen. Diese Theorie lässt sich besser verstehen, wenn man statt von einem lebendigen Organismus von einem lebendigen System ausgeht. Das System sorgt für die nötige Stabilität und Organisation, damit es weiter bestehen kann. Die Bestandteile des Systems stehen in einer komplexen Wechselwirkung, jede Veränderung eines einzelnen Faktors hat zur Folge, dass sich weitere Faktoren verändern. Eine Absenkung der Temperatur hat zur Folge, dass sich andere Tiere und Pflanzen heimisch fühlen. Das Aussterben bestimmter Pflanzen oder Tiere hat zur Folge, dass andere Tier- und Pflanzenarten ihren Platz einnehmen.

Damit ist auch der Nutzen einer solchen Hypothese  erklärt: Es geht darum, komplexe Wechselwirkungen zu verstehen und nachzuvollziehen. Der Mangel an solchem Denken führt dazu, das unbedachte Maßnahmen großen Schaden anrichten, weil Maßnahmen nicht zu Ende gedacht wurden.

Lovelock ist ein eher eigenwilliger Typ. In besagtem Interview schlägt er die Umwandlung von landwirtschaftlichen Abfällen in Holzkohle vor, die dann vergraben werden soll. Das scheint mir eine zu starke Konzentration auf CO² zu sein. Zudem scheint er in atomaren Abfällen kein Problem zu sehen. Der Knackpunkt ist aber, dass er meint, es sei wichtiger, sich auf den globalen Klimawandel vorzubereiten, statt halbherzige Maßnahmen einzuleiten.

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Scheinprobleme – das Leib-Seele- oder Körper-Geist-Problem

Das Scheinproblem ist eines der Reizthemen der Philosophie. Alles dreht sich um die Frage, ob ein formuliertes Problem tatsächlich ein Problem ist oder ob es nur zu einem Problem gemacht wird. Man verlässt schnell den Boden der Fakten und steigt auf in die Metaebene, in der nicht mehr über Probleme, sondern über das Sprechen über Probleme gesprochen wird. Wer noch viel freie Zeit übrig hat, steigt noch ein paar Ebenen höher und spricht über das Problem, welches entsteht, wenn man über das Problem diskutiert, Probleme sprachlich zu formulieren. Es ist jene Art von Debatte, die in der Frage gipfelt: „Wie definieren Sie…?“, „Was verstehen Sie unter…“. Am Ende diskutiert man über die Definition von Begriffen, anstatt über den eigentlichen Gegenstand. Philosophen sind das gewöhnt, alle anderen langweilen sich.
gehirn
Was uns im Grunde fehlt, ist eine einfache und elegante Lösung oder Formel, mit der wir solchen Luftballon-Debatten die Luft ablassen können. Peter Janich, bei dem ich eine Weile studiert habe, hat eine recht komplexe Lösung entwickelt, Er nennt das den methodischen Kulturalismus.

Zumindest das Rätsel des Leib-Seele- oder Körper-Geist-Problems lässt sich knacken. Der Hirnforscher Ernst Pöppel führt eine ganze Reihe philosophischer Probleme auf die Schriftsprache zurück:

Indem ich mich vom gehörten Wort löse, das die unmittelbare Kommunikation kennzeichnet, wenn ich also den Text aufschreibe, gewinnt dieser ein Eigenleben. Er wandert in ein Archiv und löst sich von der unmittelbaren Kommunikation. In solchen dokumentierten Texten, insbesondere bei den Alphabetschriften, gehen aber wesentliche Merkmale der unmittelbaren Kommunikation verloren. … Eine wesentliche Konsequenz der Erfindung des Lesens ist somit nach meiner Einschätzung, dass wir in unserem Kulturkreis die Vorstellung entwickelt haben, als gebe es nur das explizite Wissen, das sich in Worten festhalten lässt, das in Büchern und Enzyklopädien und jetzt auch im Internet dokumentiert ist. Ernst Pöppel in Aus Politik und Zeitgeschichte

Das Leib-Seele bzw. Körper-Geist-Problem ist ein solches Scheinproblem. Nach Pöppel würde kein normaler Mensch annehmen, sein Körper und sein Geist seien voneinander unabhängige Entitäten. In der abendländischen Philosophie – soweit mir bekannt nur dort – hatte Descartes das Problem als erstes beschrieben. Es scheint also vorher niemand so richtig für ein Problem gehalten zu haben.

Auch der Neuro-Philosoph Thomas Metzinger scheint einem Scheinproblem auf der Spur. In der Rezension zu einem seiner Bücher heißt es:

Es gibt keine Seele und kein Ich, es gibt nicht einmal ein Selbst. Es gibt aber großflächige Neuronenaktivitäten im Hirn, die uns den soliden Eindruck verschaffen: Hier bin ich, dort ist die Welt; Ereignis XY passiert mir; exakt ich bin es, der träumt, denkt, fühlt. Wir stecken also, ohne es zu merken, im "Ego-Tunnel", in dem eine Light-Version der Wirklichkeit repräsentiert wird.

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die glauben, die Seele habe eine materielle Entsprechung, sei ein Organ im Körper. Die Erkenntnis, dass vieles im Gehirn nicht in bestimmten Hirnteilen, sondern über neuronale Muster geschieht, mag sich noch nicht herum gesprochen haben, macht aber faktisch keinen Unterschied. Ob ich mir einbilde, ein Ich zu haben oder ob ich tatsächlich ein Ich habe, faktisch ändert das nichts. Ob die Seele nun ein Organ ist oder "nur" ein neuronales Muster, spielt in der Realität gar keine Rolle. Es verletzt zwar die Eitelkeit von Neuro-Forschern, wenn sie das hören, aber das Ergebnis ist schließlich das Gleiche.

Die Experimente, auf die sich die Hirnforscher berufen, beziehen sich meistens auf recht einfache Sachverhalte. Greife ich nach dem Stift oder nehme ich die Banane? Nehme ich den roten oder den blauen Füller? Wenn wir alle tagtäglichen Entscheidungen bewustt treffen bzw. bewusst entscheiden müssten, würden wir gar nicht mehr dazu kommen, zu handeln. Schon die Entscheidung gestreife vs. gepunktete Socke könnte uns stundenlang beschäftigen, so dass es gar nicht sinnvoll wäre, wenn uns die Motive dafür bekannt wären, warum wir das eine instinktiv vorziehen, ohne darüber nachzudenken. Oder wenn wir vor einer Weggabelung stehen, könnten wir uns niemals entscheiden, welchen Weg wir nehmen sollten, weil beidermaßen gut oder schlecht sind. Es ist fast immer besser, eine schnelle – vielleicht falsche – Entscheidung zu treffen als gar keine. Das klassische Beispiel dafür ist die Kampf- oder Flucht-Reaktion. In Bruchteilen von Sekunden müssen wir entscheiden, ob wir fliehen oder kämpfen wollen, denn wenn wir keine Entscheidung treffen, sind wir tot. Diese Entscheidung wird von einer älteren Hrininstanz getroffen, dem Reptilienhirn. Unser Körper schüttet Adrenalin aus und stellt uns die Energie bereit, die wir benötigen, egal, welche Entscheidung wir treffen. Müssten wir diesen Prozess bewusst steuern, hätten wir vermutlich den Evolutionsprozess nicht überlebt.

Die Essenz des Ganzen würde ich so zusammenfassen: Die Sprache ist einerseits ungeeignet, um Probleme hinlänglich genau formulieren zu können, so dass eine anständige Debatte über sie möglich ist. Andererseits verleitet sie auch dazu, Probleme zu konstruieren, die in Wirklichkeit nicht relevant sind.

Bleibt die Frage, warum recht intelligente Leute wie Wolf Singer und Gerhard Roth so vehement an ihrer Darstellung festhalten. Roth ist nebenbei gesagt auch studierter Philosoph und sollte sich mit den Problemen der Epistimologie auskennen. Vermutlich stecken gar keine rationalen Gründe dahinter, fürihre Forschung spielt das Körper-Geist-Problem keine Rolle.

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Der Konsument als Feind

Der Outdoor-Hersteller Jack Wolfskin zeigte einmal mehr, wie das Markenrecht die Kreativität einschränkt – und wie man die Konsumenten zu Kriminellen macht.

Eine Reihe von Leuten hatten selbstgemachte Produkte zum Verkauf angeboten, die – angeblich – dem Wolfskin-Logo ähnlich sehen. Wolfskin hatte bereits einen Prozess gegen die tageszeitung gewonnen, die taz darf seitdem bestimmte Merchendising-Produkte mit Tatzenlogo nicht mehr anbieten.

Wolfskin hat es diesmal offenbar zu weit getrieben: Gerade die grün-alternative, besser verdienende Schicht der Konsumenten kauft bei dem Outdoor-Ausstatter. Und gerade diese Klientel reagierte empfindlich auf die horrenden Abmahnungen des Konzerns.

Der massive Protest und vermutlich auch ein Absacken der Bestellungen bescherte dem Konzern einen ungekannten PR-Schaden. Vermutlich deshalb nahm Wolfskin die Abmahnungen zurück.

Die Wirkung ist aber ähnlich. Hobbydesigner werden sich zweimal überlegen, ob sie ihre Produkte noch verkaufen können. Vierstellige Abmahngebühren können für sie den finanziellen Ruin bedeuten.

Ähnlich rabiat verfuhr vor einiger Zeit der Sporthersteller Jako, der einen Blogger aufgrund eines kritischen Beitrages abmahnte. Das PR-Desaster war ähnlich.

So verständlich das Vorgehen der Unternehmen bei gewerbsmäßiger Produkt- und Markenpiraterie ist, so merkwürdig ist das Verhalten gegenüber Privatpersonen, die ja oft auch deren Kunden sein können. Es erinnert an das Vorgehen der Musikindustrie, die versucht hatte, aus dem Musiktausch ein Schwerverbrechen zu machen.

Die Strategie ist auf Einschüchterung aus. Hohe Abmahngebühren, gepaart der Drohung juristischer Verfolung mit noch höheren Kosten dienen dazu, die Kritiker mundtot zu machen und die Kreativität einzuschränken. Jako und Wolfskin sind vermutlich nur die Spitze eines Eisbergs, Fälle, die ausnahmsweise bekannt geworden sind. Niemand kennt die Zahl der Fälle, wo die Gebühren stillschweigend bezahlt wurden, um noch höhere Kosten zum vermeiden. Damit vergeuden die Konzerne allerdings ihr wichtigstes Kapital: ihr Image.

Die Fehler der Anderen

Das aktuelle SZ-Magazin bündelt Texte zur Sprache.  Die Autoren des Magazins interviewen dabei auch ihre eigenen Schlussredakteure, welche den Texten vor der Veröffentlichung ihren letzten Feinschliff verpassen.

Wenn es um ihre Texte geht, sind viele Autoren wie Riesenbabys, die von keinem ihrer Worte ablassen wollen. Interessant ist ja das Phänomen, dass man anderer Leute sofort erkennt, während man die eigenen Fehler gerne übersieht. Das gilt wohl für Texte, aber auch für das normale Leben.

Dabei muss sich bewusst sein, dass es sich bei den Leuten, deren Texte hier redigiert werden, bereits um professionelle Schreiber handelt, bei den eigentlich nicht so viel Nachbearbeitung nötig sein sollte.Das Web hat allerdings dazu beigetragen, dass Texte kaum noch Korrektur gelesen werden, so dass Rechtschreib- und Grammatikfehler die Regel und nicht mehr die Ausnahme sind.

Da die meisten Blogs ebenfalls nicht von einem Profi schluss-korrigiert werden, sollte man daher über Tipp- und Stilfehler großzügig hinweg sehen. Unverzeihlich sind aber Ungenauigkeiten im Ausdruck, denn letzten Endes verfehlt man damit die Absicht, sich klar und verständlich auszudrücken. Missverständnisse müssen auf jeden Fall vermieden werden.

Grün Suchen – die Umwelt retten ohne Google

Eine nette Idee, bei jeder Suche kann man die Umelt retten.

Die Suchergebnisse werden über Yahoo vermittelt. Die Umweltschutzmaßnahmen werden über Textanzeigen neben den Suchergebnissen finanziert.
Die Suchmaschine Ecosia gibt es auf Englisch und Deutsch. Sie basiert auf den Suchmaschinen von Yahoo und Bing und liefert gute Ergebnisse. Sie schützt ebenfalls den Regenwald, eine Firefox-Erweiterung zeigt in der Fußleiste an, wie viel Regenwald man selbst und alle Suchenden insgesamt geschützt haben, muss man nicht unbedingt haben. Der Server von Ecosia soll über grünen Strom betrieben werden.
Wie Afroo scheinen die meisten Projekte dieser Art nicht mit Google zusammen zu arbeiten. Offenbar möchte Google seine Gewinne nicht teilen.

Die Kunst des Lesen lernens

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt. Im Grunde suchen wir unser Leben lang nach einer Geschichte unseres Ursprungs, die uns sagt, warum wir geboren sind und warum wir leben. … Manchmal hoffen wir, unsere persönliche Geschichte mit der des Universums ineins zu bringen.“ Umberto Eco. Im Wald der Fiktionen. Carl-Hanser Verlag 1994, Seite 182

Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser. Es finden sich manchmal Aussprüche in ihnen, die genau auf unsere Verhältnisse zutreffen, die, wenn wir sie richtig lesen und verstehen, für unser Leben heilsamer sein können als der Morgen oder der Frühling und vielleicht allen unseren Angelegenheiten ein neue Wendung geben. Wie viele hatten nicht einem Buch eine neue Ära ihres Lebens zu verdanken! Irgendwo ist das Buch vielleicht vorhanden, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart. Was uns selbst noch unaussprechlich erscheint, findet sich vielleicht bereits irgendwo ausgesprochen. Die gleichen Fragen, die uns beschäftigen, beunruhigen und verwirren, haben von jeher alle Menschen beschäftigt. Nicht eine einzige von ihnen ist übergangen worden. Und jeder hat sie seiner Veranlagung nach mit seinen Worten und seinem Leben beantwortet.“ Henry David Thoreau. Walden

Lesen ist an sich eine besondere Fähigkeit. Hirnforscher meinen, eigentlich sei das Gehirn für das Lesen ungeeignet. Die Autorin Maryanne Wolf geht in ihrem Buch „Das lesende Gehirn“ noch genauer auf dieses Thema ein. Eine Kuriosität am Rande: Sokrates hatte die praktisch die gleichen Einwände gegen die Schrift wie sie die heutigen Kritiker gegen das Internet vorbringen.
Andererseits gehört das Deuten von Spuren, also etwa Symbolen, auch zu einer ureigenen Fähigkeit des Menschen. Für Ernst Pöppel ist daher nicht erstaunlich, dass im Web die für das Gehirn leichter verabeitarbaren Symbole, Graphiken und Bilder dominieren. Pöppel weist auch darauf hin, dass es für einen Erwachsenen und bereits für ein älteres Kind wesentlich schwieriger ist, das Lesen zu erlernen. Die Lesefähigkeit muss schon in jungen Jahren erlernt werden, damit sie einem später leicht fällt.

Ein Grundschüler liest seine Wörter, zumindest am Anfang seiner Leserlaufbahn, immer buchstabenweise und
setzt die Buchstaben zu einzelnen Wörtern zusammen. Ein Zusammenhang zwischen einzelnen Wörtern zu einem
ganzen Satz wird im Anfangsunterricht zuerst nicht möglich sein.
Wenn ein Schüler in den höheren Klassen liest, hat sich das Leseverhalten im Vergleich zu einem Grundschulkind völlig verändert. Der geübte Leser erfasst ganze Wortgruppen und Zeilenteile. Er erkennt bekannte Wortmuster und baut aus diesen einen Sinnzusammenhang auf. aus Kompendium der Mediengestaltung für Digital- und Printmedien. hrsg. Joachim Böhringer. Springer 2005

Als Erwachsener lesen zu lernen, ist unheimlich mühsam. Während man als Kind noch spielerisch an die Aufgabe herangeführt wird, wird von Erwachsenen erwartet, daß sie in höherem Tempo lernen, obwohl die Fähigkeit des Lernens schon im frühen Erwachsenenalter nachläßt.
Braillezeile
Das Problem beim Lesen besteht nicht im Auswendiglernen der Buchstaben. Es besteht darin, ganze Worte und Sätze, Absätze und zusammenhängende Texte zu erkennen. Wir kennen das, wir müssen nur einzelne Worte erkennen, um einen Text überfliegen zu können. Durch jahrelange Übung sind wir in der Lage, ganze komplexe von häufig zusammen stehenden Wörtern auf einen Blick zu erfassen. Experten, die viele Texte lesen müssen, werden zu richtigen Schnell-Lesern, wobei sie natürlich trotzdem den Inhalt erfassen müssen.
Lesen und Verstehen sind zwei unterschiedliche Aspekte. Ihr kennt das, wenn ihr totmüde seid und trotzdem einen komplizierten Text lesen müsst oder abgelenkt werdet. Ihr lest und versteht zwar die einzelnen Worte, aber der Sinn erschließt sich euch nicht oder ihr vergesst sofort, was ihr gerade gelesen habt. Entscheidend ist daher das Lese-Verstehen.
Stellen wir uns vor, wir würden all die Zeit, die wir mit Lesen verbracht haben mit dem Erlernen des Violine-Spielens verbringen: Wir wären perfekte Violinisten.
Dabei ist uns gar nicht mehr bewußt, wie viel Zeit wir mit Lesen und üben verbracht haben. Wer aber in einer beliebigen Sprache in einem beliebigen Zeichensystem lesen und schreiben kann, ist in dieser Hinsicht kognitiv weiter als jener, der gar kein Zeichensystem beherrscht, siehe auch Die chinesische Schrift formt ein überlegenes Denken – sehr interessantes Interview auf dem Eurasischen Magazin.
Wer etwa im reifen Alter die Blindenschrift lernen muss, stößt genau auf dieses Problem. Es ist kein Problem, einzelne Buchstaben zu lesen, bei Worten wird es schwierig und bei Sätzen hängt man ordentlich in der Luft. Zum Vergleich stelle man sich vor, jemand würde so langsam wie er kann einen Satz vorlesen. Man hätte die ersten Worte vergessen, bevor der Satz zu Ende ist.

Bei Braille kommt noch ein interessantes Problem hinzu: Liest man die ganze Zeit mit einem bestimmten Finger – meistens ist es ein Zeigefinger, dann entwickelt man in diesem Finger eine besondere Sensibilität für die Punkte. Verwendet man nur den Zeigefinger der linken Hand zum Lesen, hat man mit keinem anderen Finger, auch nicht im Zeigefinger der Rechten, eine ähnliche Sensibilität. So fällt es einem schwer, Brailleschrift mit anderen als den Lesefingern zu lesen, ein Problem, das Sehende nicht haben.
Braille läßt sich in wenigen Stunden erlernen, aber es gibt nur wenige Blinde, die tatsächlich flüssig lesen können. Für viele Blinde ist die Sprachausgabe am Computer komfortabler, deren Geschwindigkeit läßt sich problemlos beschleunigen. Hat man sich einmal an die Computer-sprachausgabe gewöhnt, kann man sie auf über 50 Prozent und mehr gegenüber normalem Sprachtempo beschleunigen. Ein Tempo, dass selbst von Schnelllesern selten erreicht wird. Ich sage deswegen auch gerne, dass Blinde häufig die einzigen Menschen sind, die im Internet einen Text von Anfang bis zum Ende durchlesen, sofern er nicht todlangweilig ist.

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Hacking als soziales Engagement?

Einst war der Hacker eine Art Held des Cyberspace, heute gilt ein Hacker als ein Krimineller, der Schaden anrichtet, um sich selbst zu bereichern. Heute muss ein Hacker nicht einmal besonders technisch befähigt sein. Die nötigen Tools kann er sich oft kostenlos und immer gegen Geld erwerben.

Dabei sollte man den Begriff Hacker rehabilitieren. So feiert die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh ein Loblied auf die Nerds . Hacker und Nerds sind vielleicht gelegentlich weltfremde Sonderlinge, aber oft sind sie die treibende Kraft hinter OpenSource-Softwareprojekten wie Linux, OpenOffice, Firefox, WordPress, Gimp und vielen anderen Projekten.

Das digitale Engagement wird dabei selten gesellschaftlich so geschätzt. Dabei setzt OpenSource heute ganze gesellschaftliche Gruppen in Lohn und Brot. Wie etwa die Autoren und Trainer für OpenSource-Software.

Unternehmen sparen bares Geld in Service und Support, weil Hunderte von Foren den Kunden und Nutzern kostenlos und kompetent helfen, egal, ob es um Software, Computer, Autos, Unterhaltungselektronik oder was auch immer geht.

Digitales Engagement stößt aber bestenfalls im eigenen Kreis auf Anerkennung. Tatsächlich braucht man mehr Menschen, die ihre Energie in nützliche Projekte investieren. Und wir brauchen wesentlich mehr Menschen, die diese Leistungen auch anerkennen.

Netzpolitik berichtet über Formen des Online-Protests.

Konzepte statt Programme – wie man mit vielen Programmen umgehen lernt

Es kommt mittlerweile sehr häufig vor, dass sich Programme als Quasi-Standard etablieren. Es ist aber sinnvoller, Konzepte von Programmen zu lernen, anstatt sich auf ein bestimmtes Programm festzulegen. Das Ziel muss sein, die Grundlagen zu lernen, so dass man mit wenig Einarbeitungszeit jedes Programm verwenden kann, welches die gleiche Aufgabe erledigt.

Warum das? Weil es immer passieren kann, dass ein neues Programm das alte ablöst. So passiert mit Quake Express, einer Desktop-Publishing-Software, die offenbar von Adobes InDesign auf dem PC verdrängt wird. Ähnlich passiert das schon seit längerem mit Photoshop, das etwa gegen Paintshop antritt.

Man muss sich dabei bewußt machen, dass es sich dabei um Programme handelt, die im professionellen Bereich verwendet werden. Dass diese Programme dennoch von Laien verwendet bedeutet aber nicht, dass sie professionell damit arbeiten können.

Außerdem sind sie unheimlich teuer. Es lohnt also eher nicht für den Privatanwender, diese Software zu kaufen, um sie zu erlernen. Stattdessen gibt es eine Handvoll Aufgaben, die er damit erledigen möchte und deren Konzepte er verstehen muss.

In Photoshop etwa ist dies der Umgang mit Pixel- und Vektorgraphiken, mit verschiedenen Dateiformaten, verlustfreier und verlustbehafteter Komprimierung, Farbmanagement und verschiedenes mehr. Hinzu kommen Dinge wie Gradationskurven, Filter und vieles mehr.

Hat man all diese Dinge einmal an einem beliebigen Programm gelernt, kann man mit ein wenig Einarbeitung in die jeweilige Oberfläche und ein wenig Recherche mit jedem vergleichbaren Programm umgehen. Der Umstieg auf ein besseres Programm ist dann kein großes Problem mehr.

Das gleiche gilt natürlich auch für Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation. Oder für das ganze Betriebssystem. Das Kernproblem vieler Unternehmen beim Umstieg von einer Software auf eine andere besteht darin, dass die Mitarbeiter sich allzusehr mit der etablierten Software angefreundet haben.

Andersherum kann man tatsächlich mit Photoshop arbeiten, wenn man keine Ahnung von Graphikbearbeitung hat. Dabei kann auch brauchbares herauskommen. Nach Art eines Rezeptes etwa wird haargenau beschrieben, wie Farbe, Helligkeit und Tonwert korrigiert werden. Man spielt ein wenig mit den Reglern herum, speichert in JPEG – das kennt schließlich jeder – und fertig ist das Foto.

Doch die Zeit, die man für die Einarbeitung in Grafikbearbeitung gespart hat, investiert man doppelt und mehrfach in die Einarbeitung in andere Programme, in die Recherche nach Arbeitsschritten, die hier aus dem Rahmen fallen. Zudem ist man unfähig, ein Problem oder eine Aufgabe, die man durchführen möchte, klar zu formulieren und treibt somit jeden, der Einem helfen könnte in den Wahnsinn.

Google kennt dein Gesicht

Die Google-Bildersuche kann mittlerweile Gesichter erkennen.Unter „beliebiger Content“ kann man sich nur Gesichter anzeigen lassen. Googles kostenlose Fotoorganisationssoftware Picasa kann die eigene Fotosammlung auf Gesichter hin durchsuchen.

Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man nicht nur allgemein Gesichter, sondern bestimmte Gesichter im Sinne der Personensuche finden kann. Noch müssen die Fotos einen Mindeststandard erfüllen.

Glaubt man Klaus Eck, spielt das Web für die Personalsuche eine immer größere Rolle. Das Management der eigenen Reputation wird somit immer wichtiger.

Bisher sind unsere Freunde nämlich zu faul, bei peinlichen Fotos, die sie ins Web stellen, die Namen der Abgebildeten einzutragen. Die Wahrscheinlichkeit, auf solchen Fotos zufällig zu landen, ist mit Handycams, Digicams und Camcordern in Verbindung mit fortgeschrittenem Alkoholkonsum doch recht hoch.

Nun, auch ein Bewerber hat ein Recht auf Privatsphäre, selbst im Web. Im Gegensatz zu Herrn Eck bin ich allerdings der Ansicht, dass man sich nach Möglichkeit weitgehend heraushalten sollte aus dem Web. Wer aber schon im Web ist, sollte tunlichst jede Peinlichkeit vermeiden. Der Job, den man eventuell nicht bekommt ist da vielleicht noch nicht die schlimmste Konsequenz.