Mein Rückblick auf die Konferenz „Mit allen Sinnen“ im Historischen Museum Frankfurt

Am 12. und 13.12.2016 durfte ich als Referent an der Konferenz „Mit allen Sinnen“ des Historischen Museums Frankfurt teilnehmen. Hier lest ihr einen kleinen persönlichen Rückblick.
Viele Menschen wissen nicht, dass die Museen in gewisser Weise Vorreiter sind, was Inklusion und Barrierefreiheit angeht. Viele Einrichtungen kümmern sich schon seit Jahren um das Thema und haben so einen Vorsprung vor anderen Einrichtungen.
Auf der anderen Seite kämpfen Museen wie alle Institutionen mit knappen Mitteln.
Aus dieser Perspektive ist es spannend zu beobachten, wie viel die Museen heute schon leisten. Aus allen Beiträgen war der Wille und das Engagement spürbar, Museen inklusiver und zugänglicher zu machen.
Wie meine Leser wissen, bin ich ja eigentlich kein kultivierter Mensch. Zwar habe ich mich als Vorbereitung mit den zahlreichen Leitfäden zu barrierefreien Museen beschäftigt. Aber wie wir wissen ist alle Theorie grau.
Ich bin eher Generalist als Spezialist. Da ich mit dem Thema Kulturvermittlung nicht wirklich vertraut war, war ich in gewisser Weise ein Exot auf der Konferenz. Aber es schadet sicher nicht, auch mal den Blick von außen auf bestimmte Themen zu bekommen.
Meine Herangehensweise an Barrierefreiheit besteht immer in der Aussage, dass von Barrierefreiheit jeder Mensch profitieren kann. Es geht primär um behinderte Menschen. Aber zum Beispiel kann eine Online-Ausstellung nicht nur von Menschen mit Einschränkungen besucht werden. Auch Personen, die ansonsten kein Museum besuchen würden, haben online eine niedrige Einstiegshürde.

Persönliche Einsichten

Ich selber durfte am zweiten Tag den Einführungsvortrag halten sowie am Nachmittag zwei Mal einen Workshop zum Thema digitale Barrierefreiheit durchführen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich selbst in den Workshops am meisten lerne. Heute saßen zum Beispiel zwei Gehörlose in meinem Workshop Da die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Blinden nicht immer ganz einfach ist, habe ich bisher wenig Bezugspunkte zu Gehörlosen gehabt. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es nicht so sehr um das 1:1-Übersetzen geht, sondern die Informationen auch an die Struktur der Gebärdensprache angepasst werden müssen.

Mein Fazit

Alles in allem war es eine sehr gelungene Veranstaltung. Solche Events sind nicht nur wegen der Inhalte interessant. Es geht auch darum, alte Bekannte wieder zu treffen und neue Menschen kennen zu lernen. Als Blinder ist es vor allem spannend, Leute wieder zu treffen, an die man sich selbst nicht mehr erinnert. „Wir kennen uns doch von…“ war einer der häufigsten Sätze, die ich gehört habe.
Den reichhaltigen Input muss ich erst einmal verarbeiten. Auf jeden Fall habe ich viele neue Ideen mitgenommen, die ich im nächsten Jahr ausrollen werde.
Meinen herzlichen Dank an das Historische Museum Frankfurt dafür, dass ich dabei sein durfte.

So war er für mich – der Hakathon neue Nähe

Hacker, sind das nicht schlecht frisierte Typen, die in kryptischen Begriffen über Dinge reden, die kein Außenstehender versteht? Und überhaupt, was soll ein Typ wie ich, der gerade mal HTML kann auf einem Hackathon? Würde ich überhaupt irgend etwas verstehen oder die ganze Zeit nutzlos in der Ecke hocken? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich gefragt wurde, ob ich am Hackathon neue Nähe von Aktion Mensch und Microsoft teilnehmen möchte. Er fand am wochenende 25.11.-27.11. in der Berliner Zentrale von Microsoft statt.
Nun, ich wurde überrascht und doch wurden meine Erwartungen enttäuscht. Technisch waren vor allem die Lightning Talks. Bei denen bin ich nach ca. zehn Sekunden geistig abgehängt worden. Enttäuscht wurde meine Erwartung, dass Hacker vor allem Hackanesisch sprechen würde. Ein paar Worte habe ich sogaar verstanden.

Zeigt her eure Probleme

Es gab viele interessante Gespräche. Behinderte Menschen haben viele Probleme. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Und Hacker sind die geborenen Problemlöser. Du erzählst ihnen etwas und du siehst ihnen zu, wie sie schon während des Gesprächs nach Möglichkeiten suchen, wie sich das Problem lösen lässt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele interessierte Fragen zum Thema Blindheit beantwortet zu haben. Auch wenn das manchmal anstrengend ist, hat es aber auch Spaß gemacht.
Besonders beeindruckt hat mich Gregor Bisswanger. Sein Bruder Werner hat nach einer Hirnhautentzündung im jungen Alter starke motorische und kommunikative Einschränkungen. Gregor hat eine Möglichkeit entwickelt, dank der Werner selbständig kommunizieren kann. Und diese Lösung steht allen Menschen zur Verfügung, die ähnliche Probleme wie Werner haben.

Ich persönlich habe eine Anwendung zur Indoor-Navigation für Blinde unterstützt. Es ging darum, dass Blinde Menschen zum Beispiel ein bestimmtes Café finden, über dieses Café spezifische Informationen abrufen und sich dort autonom orientieren können.
Eine weitere geniale Idee besteht darin, akustische Informationen für Gehörlose in bestimmte Vibrationsmuster umzusetzen. Wenn es zum Beispiel an der Tür klingelt, soll das Armband, dass der Gehörlose trägt ihn durch ein bestimmtes Vibrieren darauf aufmerksam machen.
Nun will ich nicht alle Ideen vorstellen, die dort bearbeitet wurden. Ich möchte nur sagen: Liebe Hacker, Hut ab vor eurem Engagement. Nächtelang unentgeltlich an Lösungen zu arbeiten – das ist gelebtes Engagement. Es war mir eine Ehre, dabei gewesen zu sein und zumindest ein kleines Mosaiksteinchen auf dem Weg zu guten Lösungen gewesen zu sein.

Mangelware Behinderte

Wie immer bei mir gehts nicht ohne Seitenhieb auf die Behinderten-Szene: Ein wenig schade fand ich, dass sich kaum behinderte Programmierer haben blicken lassen. Berlin dürfte voller solcher Personen sein. Sie hatten aber anscheinend Besseres zu tun als dabei zu helfen, ihre eigenen Probleme zu lösen. Ich habe es kräftig in meinem Netzwerk gestreut und lauter Ausreden bekommen, warum es nicht geht.
Das muss natürlich jeder selbst entscheiden. Aber auch beim Thema digitale Barrierefreiheit habe ich den Eindruck, dass behinderte Menschen vor allem gut darin sind, Forderungen an Andere zu stellen. Wenn es darum geht, die Probleme im Detail zu beschreiben – wir sprechen gar nicht von Lösungsstrategien – dann hört man auf einmal nichts mehr. Das entspricht leider nicht meinem Verständnis von Inklusion. Inklusion heißt auch Geben und nicht nur Nehmen. Offenbar hat man sich zu sehr daran gewöhnt, dass Andere die eigenen Probleme lösen.

Wie schnell können Blinde Braille lesen?

Aus verschiedenen Gründen beschäftige ich mich gerade mit Fragen zum Thema lesen. Dabei geht es besonders um das Lesen von Braille. Leider muss ich ein wenig weiter ausholen und hoffe, dass ihr mir bis zum Ende folgt.

150 Wörter pro Minute

Forscher gehen davon aus, dass man mindestens 150 Wörter pro Minute lesen können muss, um von einer ausreichenden Lesegeschwindigkeit zum Lese-Verstehen sprechen zu können. Das klingt viel, aber tatsächlich dürften die meisten von euch deutlich schneller lesen. 150 Wörter pro Minute sollten Schüler bereits nach der vierten Klasse lesen können.
Diese 150 Wörter scheinen der durchschnittlichen Sprechgeschwindigkeit zu entsprechen. 150 Wörter entspricht also der Geschwindigkeit, in der unser Gehirn gesprochene Sprache gut verarbeiten kann.

Lesen ist nicht gleich Verstehen

Dabei muss man zwei Vorgänge unterscheiden:

  • Das Lesen ist an sich ein rein physischer Vorgang. Ich könnte auch einen italienischen Text problemlos lesen – eine Sprache, die ich nicht einmal im Ansatz beherrsche. Ebenso würde es mir aber auch mit einem Fachbeitrag aus der Mathematik ergehen. Ich kann zwar die Worte entziffern, grammatikalische Strukturen erkennen und vielleicht sogar erraten, worum es geht. Aber verstehen ist das nicht.
  • Der zweite Vorgang ist das eigentliche Verstehen des Gelesenen. Ich spreche deshalb von Lese-Verstehen.

Interessant daran ist, dass sowohl zu schnelles als auch zu langsames Lesen das Verstehen verhindern kann. Nehmen wir das oben genannte Beispiel eines Mathe-Textes. Klar kann ich die Zeichen schnell entziffern. Doch ob etwas hängen bleibt, ist fraglich.
Lese ich andererseits zu langsam – zum Beispiel Zeichen für Zeichen – werde ich den Text auf Wortebene erfassen, aber schon bei etwas komplexeren Sätzen werde ich schon den einzelnen Satz nicht mehr verstehen. Und das gilt im Prinzip für jeden Text, der über dem Niveau der zweiten Klasse liegt.
Um Vergnügen am Lesen zu haben, muss der physiologische Vorgang des Erfassens von Zeichen vollständig in den Hintergrund treten. Das heißt, ich muss mühelos lesen können, um mich komplett mit der Verarbeitung des Gelesenen beschäftigen zu können. Ist das nicht der Fall, werde ich nie etwas freiwillig lesen. Das heißt aber umgekehrt: Je weniger ich lese, desto weniger Routine kann ich entwickeln.

Das Scheitern am Verstehen

Ein Großteil der funktionalen Analphabeten kann tatsächlich auf Wortebene lesen, scheitert aber an komplexeren Strukturen wie Sätzen, Absätzen und Abschnitten. Versteht man diese nicht, versteht man den ganzen Text nicht. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die Betroffenen die gleichen Inhalte verstehen würden, wenn sie ihnen vorgelesen werden. Dazu habe ich leider keine Infos.
Wie ich schon mal erzählt habe, habe ich fast 20 Jahre lang kein Braille mehr gelesen. Vor ein paar Jahren habe ich wieder damit angefangen. Obwohl ich sowohl Braille als auch die Schwarzschrift im Grundsatz beherrsche, bin ich am Anfang meines Braille-Abenteuers zuerst auf Wort- und dann auf Satzebene gescheitert. Ich konnte die einzelnen Wörter lesen, aber ich hatte Probleme, den Satz zu einem Ganzen zusammen zu setzen. Ich kenne also das Problem aus eigener Erfahrung.
Für uns relevant ist, dass Sehbehinderte und Blinde aus ähnlichen Gründen vor dem gleichen Problem stehen. Fangen wir mit den Blinden an.

Lesen auf Zeichenebene

Blinde lesen bekanntlich mit dem Finger. Sehende erfassen Zeichengruppen, Worte und ganze Phrasen mit einer einzigen Augenbewegung. Nur deshalb sind hohe Lesegeschwindigkeiten möglich. Blinde hingegen sind nicht in der Lage, über den aktuellen Fokus ihres Fingers hinauszusehen. Die einzige Möglichkeit, die mir einfallen würde wäre, mit mehreren Lesefingern zu arbeiten. Bei mir zumindest hat das nicht funktioniert.
Vor allem für Braille-Lese-Anfänger ist die Schwelle sehr hoch. Sie müssen zum einen die Zeichen lernen. Parallel müssen sie die nötige Sensibilität in den Fingern ausbilden. Und sie müssen möglichst früh erste Erfolgserlebnisse haben, da sie sonst schnell frustriert sind.
Sind erst einmal alle Zeichen gelernt, müssen sie regelmäßig lesen, um eine halbwegs annehmbare Lesegeschwindigkeit zu erreichen.
Dennoch schaffen Blinde nur rund 60 bis 80 Wörter pro Minute. Geübte Braille-Leser schaffen zwischen 100 und 150 Wörter pro Minute. Sie erreichen also gerade einmal die Mindestschwelle dessen, was in der 4. Klasse als wünschenswert gilt. Die Studie entstand zu einer Zeit, wo Braille an den Schulen noch eine wesentlich größere Rolle gespielt hat als heute. Das heißt, die getesteten Personen dürften wesentlich mehr Leseerfahrung haben als heutige Schüler oder erwachsene Blinde.
Das Fatale an der Sache ist, dass Blinde wiederum mehr Zeit brauchen als Sehende. Ich habe als Schüler noch mit meinem kläglichen Sehrest und Schwarzschrift gearbeitet. Meine Lesegeschwindigkeit war nie besonders gut. Doch musste ich mich zumindest nicht mit meterhohen Papierstapeln abschleppen wie meine blinden Mitschüler. Unser Geschichtslehrer hatte ein großes Vergnügen daran, enorme Textmengen zu verteilen.
Die blinden Mitschüler mussten also viel mehr Zeit für das Lesen dieser Dokumente aufwenden als ihre sehbehinderten oder gar die sehenden Mitschüler. Im Studium oder Arbeitsleben schaut es nicht besser aus.
Sehbehinderte stehen aus anderen Gründen vor ähnlichen Problemen. Bei starker Vergrößerung oder bei einem kleinen Gesichtsfeld können sie oft nur kurze Worte oder Wortbestandteile auf einen Blick erfassen. Mit ein wenig Leseerfahrung können sie Wörter erraten oder andere Tricks anwenden. Aber schnelles oder angenehmes Lesen ist so kaum möglich.

Das Problem ist mit Braille nicht lösbar

Nun wissen wir, dass Lesen heute essentieller Teil fast jeder Jobbeschreibung ist. Jenseits von Höchstleistungen besonders effizienter Leser ist es aber schon physiologisch nicht möglich, als normaler Blinder Geschwindigkeiten wie ein Sehender zu erreichen.
Eine Möglichkeit ist theoretisch, die Brailleschrift weiter zu komprimieren. Wir haben ja schon die Kurzschrift, bei der geläufige Wörter und Texteile in einzelnen Zeichen zusammengefasst werden. Dadurch können bis zu 30 Prozent an Platz eingespart werden. Für geübte Leser erhöht das auch die Lesegeschwindigkeit. Daneben gibt es ein Braille-Steno, das wohl früher von blinden Schreibkräften verwendet wurde.
Das Problem dabei ist, dass natürlich der Lernaufwand noch einmal steigt. Im Prinzip muss eine neue Schrift gelernt und eingeprägt werden. Da es kaum Texte in Braille-Steno gibt, könnten die Leser auch nur auf elektronische Texte zurückgreifen, die von einem Programm automatisch in Braille-Steno übersetzt werden. Ob uns das die Lesegeschwindigkeit eines Sehenden bringt, weiß ich leider nicht.
Es bleibt uns also kaum etwas übrig, als die Sprachausgabe zu bevorzugen. Sie hat ihre eigenen Nachteile, die ich vielleicht ein anderes Mal behandeln werde. Sie ist aber tatsächlich die beste Möglichkeit, eine adäquate und alltagstaugliche Lesegeschwindigkeit zu erreichen. 300 Wörter pro Minute sind mit der Sprachausgabe mühelos erreichbar.

Die psychische Belastung blinder Menschen

Jeder kennt es, kaum jemand spricht darüber: die psychische Belastung, die eine Behinderung mit sich bringt. Heute möchte ich über diese Belastungen schreiben. Dabei geht es mir nicht direkt um die Behinderung. Es geht um die Frage, welche Belastungen indirekt durch die Blindheit oder Sehbehinderung entstehen.
Es ist klar, dass heute fast jeder Mensch solchen Belastungen ausgesetzt ist. Das hat nicht nur mit der individuellen Situation zu tun. Es hängt natürlich auch viel von der Persönlichkeit ab. Der Eine mag sich wunderbar mit einem vollgestopften Alltag arrangieren, während für jemand Anderes das Nichtstun eine Belastung ist. Deswegen gehe ich hier nur auf behindertenspezifische Fragen ein.
Die von mir genannten Faktoren können eine psychische Erkrankung begünstigen, müssen aber nicht. Solche Erkrankungen sind von vielen weiteren Faktoren wie dem Umfeld und der individuellen Situation abhängig.

Der Alltag frisst die Zeit auf

Schon die kleinen Dinge des Alltags kosten viel Zeit. Ob Körperpflege, Einkaufen oder der Gang zum Arzt: für viele Dinge des Alltags müssen wir mehr Zeit einplanen als Sehende. Wir reden hier nicht von Minuten. Ihr könnt die Zeit nehmen, die ihr normalerweise braucht und mit dem Faktor drei oder vier multiplizieren, das sollte ungefähr hinkommen. Es kann aber auch noch wesentlich mehr sein. Der Blick in den Spiegel reicht uns nicht, um zu wissen, dass wir gut gepflegt sind. Dann kippt irgendwas um und muss aufgewischt werden. Oder die frisch angezogenen Klamotten werden mit Kaffee vollgekleckert. Für Blinde ist das Alltag.
Eine der allgemeinen Ungerechtigkeiten: Je mehr Hilfe wir brauchen, desto mehr Papierkram haben wir. Egal ob Grundsicherung, Wertmarke, Assistenz. Alle Leistungen erfordern Papierkram. Überweisungen wollen getätigt, Unterlagen eingescannt und abgeheftet, Anträge gestellt und Anfragen beantwortet werden. Mein Leben steht in Form von 7 gefüllten Leitz-Ordnern auf meinem Regal und jedes Jahr kommt einer dazu. Ich sehe das nicht wie viele andere Behinderte als Schikane der Ämter. Es gibt halt nichts umsonst. Und dennoch kann ich keine Liebe zu Papierkram entwickeln. Auch dafür gilt, nehmt die Zeit, die ihr braucht mal 4, dann wisst ihr, wie viel Zeit das kostet.

Familien-Idylle

Wenn ein blindes Paar eine Familie gründet, steigt der Stresspegel noch weiter. Schon Sehende sind gezwungen, ihr Leben um das Kind herum zu organisieren. Für blinde Menschen sind die Herausforderungen ungleich größer. Wickeln und füttern geht auch, wenn man blind ist. Aber spätestens, wenn das Kind zu krabbeln anfängt, geht es los. Wir müssen aufpassen, wo wir hintreten, schließlich könnte es gerade vor uns sein. Wir müssen alles Gefährliche aus dem Weg räumen, an dem es sich verletzen oder das es runterschlucken könnte. Nur zur Erinnerung: Ein Sehender erfasst einen Raum auf einen Blick. Ein Blinder Fuß praktisch jeden Zentimeter abtasten und wird trotzdem Vieles übersehen.
Wenn das Baby weint, müssen wir herausfinden, ob es sich weh getan hat. Und wenn es krank ist – nun, ihr wisst, worauf ich hinaus möchte.
Wenn es dann schließlich anfängt zu laufen müssen wir natürlich mit ihm raus. Wir müssen dann nicht nur uns selbst orientieren. Wir müssen aufpassen, dass uns das Kind nicht davon oder auf die Straße läuft. Außerdem sind diese Kinder verdammt schlau. Sie finden schnell heraus, wie man Türen öffnet. Und sie haben ein tierisches Vergnügen daran, an den Reglern des Herds zu drehen oder Handys, Schlüssel und Fernbedienungen zu verstecken.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Häufig steht man als Blinder unter verstärkter Beobachtung. Kümmert er sich richtig um das Kind? Das betrifft nicht nur Fremde, sondern auch die eigene Familie. Hat sich das Kind also verletzt, ist das Gesicht verschmutzt, sind die Klamotten vollgekleckert – kein Wunder, der ist ja blind und kann sich nicht richtig um das Kind kümmern.

Nichts als Arbeit

Der berufliche Alltag ist Stress pur. Es ist wirklich frustrierend, wenn man für eine Aufgabe mehrere Minuten braucht, die ein Sehender in 5 Sekunden erledigt hätte. Egal, wie viel Training und Routine wir haben, das Problem ist nicht lösbar.
Dabei geht es mir nicht um die Zeit, die ich mehr brauche. Es ärgert mich, dass ein Sehender das wesentlich schneller machen könnte. Ein Blinder kann sich nicht entscheiden, heute mal das Auto oder Fahrrad zu nehmen. Die Bahn streikt, der Bus hält einfach mal 10 Meter weiter hinten, die Straße ist total vereist? Pech gehabt, dann dauert der Arbeitsweg halt drei Mal so lang wie der eines Sehenden.
Es gibt Tage, an denen die Technik Streiche spielt. Da ist der Internetzugang so langsam, dass man nicht produktiv arbeiten kann. Da ist irgend ein Tool oder eine Web-Anwendung, die partout nicht mit dem Screenreader zusammenarbeiten will. Da ist schon wieder eine Software angeschafft worden, die offensichtlich nicht barrierefrei war.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Ich empfinde es schon als Belastung, die Arbeitskollegen weder in der Firma noch auf der Straße zu erkennen. Die Leute sind oft beleidigt, auch wenn sie es nicht zugeben. Der Transfer von „der sieht nicht gut“ bis „der kann mich nicht erkennen und ist nicht unfreundlich“ scheint nicht stattzufinden. Irgendwann ist es mir zu blöd, es den Leuten zu erklären.
Natürlich ist es eine gute Sache, Arbeitsassistenz zu haben. Doch auch hier gilt, sie nimmt einem nicht die Arbeit ab, sie macht zusätzliche Arbeit. Aufgaben müssen abgestimmt, die Pflichten eines Arbeitgebers erfüllt und – wie kann es anders sein – jede Menge Papierkram muss erledigt werden.
Ich habe oft gedacht, wie viel einfacher das Leben wäre, wenn man sich auf Arbeitslosengeld oder Erwerbsminderungsrente und Blindengeld zurückzieht. Da hat man immerhin 1000 Euro pro Monat zur Verfügung und keine anderen Verpflichtungen. Aber ich glaube, das Leben kann auch zu bequem sein.

Wie mit der Belastung umgehen?

Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, wie man mit dieser Belastung umgehen kann. Wir können uns nicht entscheiden, diese Dinge nicht zu tun. Sie müssen getan werden und es gibt niemanden, der sie uns abnehmen könnte.
Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit diesen Belastungen umzugehen. Dazu gehört vielleicht eine bewusste Entschleunigung. Soziale Kontakte sind ebenfalls wichtig.
Manchen Leuten hilft es, Entspannungstrainings zu machen. Es ist egal, ob Yoga, Meditation oder MBSR, es läuft alles aufs Gleiche hinaus: Phasen suchen, in denen man nichts tut außer sich zu entspannen.
Der einzige Rat, den ich euch geben kann: Hört auf euren Geist und Körper. Warnsignale wie Schlaflosigkeit, Herzrasen oder Abhängigkeit von Suchtmitteln sollte rechtzeitig erkannt werden. Holt euch professionelle Hilfe, bevor es zu spät ist. Ich kenne genügend Leute, die wegen eines Burnouts monatelang ausgefallen sind. Das wollt ihr nicht erleben.

Warum wir Braille brauchen

Vor kurzem las ich folgende Info in einer Blinden-Mailingliste: Eine Blindeneinrichtung beschloss vor einigen Wochen, dass sie ihre Blindenbücherei nicht mehr benötigte. Die Schüler hatten zwei Wochen Zeit, sich noch Bücher zu sichern. Der Rest ist auf den Müll gewandert. Insgesamt ist dem Vernehmen nach das Braille-Wesen auf dem absteigenden Ast. Es werden immer weniger Braillebücher ausgeliehen. Das lässt zwei Interpretationen zu:

  • Blinde sind gut mit Braillezeilen ausgestattet und ziehen das elektronische Lesen vor. Immerhin ist die Zahl der eBooks sprunghaft gestiegen.
  • Blinde lesen gar kein Braille mehr, sondern ziehen Hörbücher und vom Screenreader vorgelesene Bücher vor.

Ich fürchte leider, dass Letzteres zutrifft.

Erinnerungen in sechs Punkten

Ich selbst habe Braille in der Kindheit gelernt – kurioserweise an einer Sehbehindertenschule. Ich habe es dann fast 20 Jahre nicht mehr eingesetzt. Vor ein paar Jahren habe ich dann beschlossen, mich wieder intensiv damit zu beschäftigen. Vieles ist am Computer mit Braille einfacher zu erledigen: Korrektur lesen, Code lesen und die Schreibweise unbekannter Wörter erkennen zum Beispiel. Ich kaufte mir also eine gebrauchte Braillezeile und fing an zu lesen. Es war ziemlich mühsam. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr anfangt, Texte in einer fremden Sprache zu lesen. Ich war so langsam, dass ich nur mechanisch gelesen und kaum kognitiv verarbeitet habe. Die Kurzschrift-Zeichen waren mir großteils entfallen. Außerdem habe ich mir nicht die nötige Zeit genommen. Zwei-drei Stunden am Wochenende waren nicht genug.
Dann entdeckte ich auf der Pinwand jemanden, der alte Braillebücher verschenkt hat. Kurzerhand ließ ich mir die Bücher liefern: 9 Bände in drei großen Kartons.
Mein Vorhaben war, die Bücher unterwegs zu lesen. Ich bin ja viel mit Bus und Bahn unterwegs und habe da reichlich Zeit, was Sinnvolleres als Handygepatsche zu machen. Heute kann ich sagen – nach gut drei Jahren – dass ich relativ flüssig lesen kann. Das heißt, ich kann den Sinn erfassen und nicht nur die Zeichen. Im Vergleich mit einem geübten Leser könnte ich nicht ansatzweise mithalten, aber darum geht es mir nicht. Was ich begriffen habe: Man braucht reichlich Routine, um flüssig lesen zu können.

Braille wird wichtiger

Ich hatte auf Facebook eine kleine Diskussion darüber angezettelt, ob man als Vollblinder ohne Braille überhaupt vernünftig schreiben kann. Ich weiß zum Beispiel bei vielen neumodischen Wörtern nicht, wie sie geschrieben werden. Sie werden ja von der Sprachausgabe vorgelesen. Die Kommasetzung in der neuen Rechtschreibung ist mir ein Rätsel, weil ich seit der Reform kaum noch Schwarzschrift-Texte gelesen habe.
In der besagten Diskussion erhielt ich überwiegend Zustimmung, aber auch ein paar ablehnende Stimmen. Viele meinen, dass sie auch ohne Braille gut schreiben könnten. Ich bleibe aber bei meiner Aussage. Trotz der Digitalisierung – oder gerade deswegen – ist Braille wichtig. Es reicht nicht aus, die Zeichen zu kennen, man muss flüssig lesen können. Und das funktioniert nur, wenn man regelmäßig liest. Außerdem denke ich nach wie vor, dass man zu selbst gelesenen Texten ein anderes Verhältnis hat als zu Hörbüchern oder vom Screenreader gelesenen Büchern. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass jemand, der mit 50 erblindet ist kein guter Braille-Leser werden wird und es gar nicht lernen möchte. Für die jung Erblindeten gilt das aber nicht. Es gibt kaum noch einen Beruf, in dem man nicht gut lesen und schreiben können muss. Es mag sein, dass man 90 Prozent seiner Aufgaben mit der Sprachausgabe erledigen kann. Aber manchmal kommt es genau auf die restlichen 10 Prozent an.

Die zehn Regeln für einfache Sprache

Nach meinem letzten Artikel zur einfachen Sprache wurde ich gebeten, dass Ganze mal auf meine Top-Ten-Regeln einzudampfen. Was ich hiermit gerne tue.
1. Orientieren Sie sich immer an der Sprache Ihrer Leser.
Überlegen Sie, welche Sprache Ihre Leser verstehen. Das ist Ihr Maßstab. Sie müssen nicht die Sprache Ihrer Leser sprechen oder schreiben. Sie müssen so schreiben, dass Ihre Leser Sie verstehen. Das ist ein großer Unterschied.
2. Vermeiden Sie wenig bekannte Wörter oder erklären Sie diese.
Manchmal können Sie es nicht vermeiden, ein unbekanntes Wort zu verwenden. Erklären Sie es in diesem Fall, wenn Sie es das erste Mal verwenden. Auf einer Website oder in einer Broschüre können Sie ein Glossar mit solchen Worten und den passenden Erklärungen anbieten.
3. Strukturieren Sie den Text logisch und nachvollziehbar.
Sie müssen dabei bedenken, dass sich die Logik immer aus der Sicht des Lesers ergibt.
4. Strukturieren Sie den Text visuell.
Verwenden Sie Zwischenüberschriften als kleine Zusammenfassungen. Verwenden Sie Auflistungen oder Tabellen, um den Text visuell aufzulockern und die Infos zugänglicher zu machen.
5. Ziehen Sie Verben vor. Vermeiden Sie Substantivierungen und Adjektive
Wenn ein Satz viele substantivierte Verben und Adjektive enthält, ist das ein schlechtes Zeichen.
6. Verwenden Sie höchstens zwei Satzzeichen pro Satz.
Wenn Sie mehr als zwei Zeichen verwenden müssen, ist der Satz zu kompliziert. Teilen Sie längere Sätze auf mehrere Sätze auf.
7. Machen Sie nur eine Aussage pro Satz und einen Gedankengang pro Absatz.
8. Schreiben Sie aktiv.
Sprechen Sie den Leser konkret an und teilen Sie ihm mit, was von ihm erwartet wird. Wenn Sie den Leser konkret anspechen, vermeiden Sie damit komplexe Umschreibungen.
9. Halten Sie die Sätze einfach.
Vermeiden Sie Zwischensätze, Nebensätze, Konjunktive und Verneinungen.
10. Bleiben Sie konsistent.
Verwenden Sie den gleichen Begriff für die gleiche Sache und vermeiden Sie Synonyme und Metaphern. Versuchen Sie, auch in anderen Texten eine ähnliche Struktur und die gleichen Begriffe zu verwenden. Es fällt dem Leser dadurch leichter, andere Texte von Ihnen zu verstehen.
11. Setzen Sie kein Wissen voraus, dass der Leser nicht hat.
12. Schreiben Sie nicht zehn, wenn Sie zwölf meinen.

Einfache Sprache für alle

Kennt ihr diese Situation? Ihr lest einen Text oder hört einen Bericht und versteht nur Bahnhof? Dann willkommen im Club. Mir passiert das fast jeden Tag. Die Lösung für dieses Problem heißt einfache Sprache.

Einfache vs. Leichte Sprache

Viele werden innerlich aufstöhnen. Kommt da schon wieder was Neues, nachdem wir die Leichte Sprache durchgesetzt haben?
Die Leichte Sprache ist zweifellos ein gutes und sinnvolles Konzept. Allerdings hat sie zwei entscheidende Probleme

  • Man darf sie nicht selbst schreiben. Das gilt zumindest, wenn man sich an das offizielle Regelwerk des Netzwerk Leichte Sprache hält. Demnach ist eine Überprüfung durch Menschen mit Lernbehinderung notwendig. Das Geld dafür haben die meisten kleinen Organisationen nicht.
  • Man ist gezwungen, Informationen wegzulassen.

Selbst die Lebenshilfe setzt in ihren lokalen und Landeseinrichtungen keine Leichte Sprache ein.
Beim Erlernen von Sprachen werden drei Fähigkeitsstufen unterschieden: A, B und C, wobei C die höchste Stufe ist. Diese Stufen werden wiederum in 1 und 2 aufgeteilt. Es gibt also insgesamt sechs Stufen: A 1 ist die niedrigste, C 2 die Höchste. Dabei entspricht die Leichte Sprache A 1 und die einfache Sprache A 2 bzw. B 1. Als grobe Orientierung: Die BILD-Zeitung entspricht B 1, der Focus b 2 und die Frankfurter Allgemeine C 1.

Vorteile der einfachen Sprache

Die einfache Sprache hat zahlreiche Vorteile. Sie ist für erfahrene Texter leicht zu erlernen. Sie erfordert keine Prüfung durch Experten, wie es die Leichte Sprache verlangt. Entscheidend ist aber aus meiner Sicht, dass man alles in ihr ausdrücken kann. Wir müssen keine Informationen weglassen, wie es in der Leichten Sprache der Fall ist. Ein Gerichtsurteil in der Leichten Sprache zu beschreiben ist nur rudimentär möglich. In der einfachen Sprache ist das kein Problem.

Wir sind die 66 Prozent

Die Level-One-Studie hat gezeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung Probleme hat, die Alltagssprache zu verstehen. Rund zwei Drittel der Menschen benötigen Texte auf dem Niveau B 1. 95 Prozent verstehen Texte auf dem Niveau B 1.
Auch Blinde profitieren von einfacher Sprache. Sehende haben den Vorteil, dass sie ein großes Stück des Textes auf einen Blick erfassen können. Sie sehen zum Beispiel, wie lang ein Absatz ist oder dass da eine Aufzählung im Fließtext kommt. Blinde sehen im Prinzip nur die Stelle, die sie gerade lesen. Gerade bei höheren Lesegeschwindigkeiten ist es häufig schwierig, längere Sätze zu verstehen. Ein Sehender kann sich kognitiv darauf einstellen, dass ein längerer Satz kommt, ein Blinder kann das nicht. Last not least lesen vor allem frisch Erblindete relativ langsam. Wenn man bei dem Tempo einen langen Satz liest, hat man den Anfang vergessen, wenn man das Ende erreicht hat.

Wer ist die Zielgruppe

Eine weitere Idee hinter der einfachen Sprache ist, dass sie nur dort angewendet wird, wo sie notwendig ist. Wissenschaftliche Texte, die sich ohnehin nur an andere Wissenschaftler richten, müssen also nicht in einfacher Sprache abgefasst werden.
Hat man einen Kreis von Fachleuten als Zielgruppe, ist die Fachsprache tatsächlich die verständlichste Sprache. Einschränkend würde ich sagen, dass auch diese Gruppe sich manchmal verständlichere Texte wünscht, aber das ist ein anderes Thema.
Ein gutes oder vielmehr schlechtes Beispiel liefert die Bundeszentrale für politische Bildung mit ihrem Dossier über Leichte und einfache Sprache. Anatol Stefanowitsch hat einen weitgehend unverständlichen Text über Leichte Sprache geschrieben. Der Text über funktionalen Analphabetismus dürfte für funktionale Analphabeten Kauderwelsch sein. Dieses Dossier ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei den Dossiers in der Reihe Aus Politik und Zeitgeschichte. Die BPB hat offensichtlich Fachleute als Zielgruppe.

Verständliche Sprache

Die verständliche Sprache hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Vor allem im den USA hat das Konzept der plain language eine längere Tradition. Dort ist es durchaus auch üblich, dass Wissenschaftler allgemeinverständliche Bücher schreiben. So kommt es, dass es heute kein deutsches Regelwerk zur einfachen Sprache gibt. Stattdessen müssen wir auf Regeln aus dem englischen Raum zurückgreifen.
PS: Und bevor jemand fragt: Dieser Beitrag ist keine einfache Sprache.

Blindengerecht ist nicht gleich barrierefrei

Ein Fehler, den wir leider all zu häufig machen besteht darin, Barrierefreiheit im Internet mit Zugänglichkeit für Blinde gleich zu setzen. Der neueste Schwank aus diesem Bereich stammt von Google/Udacity, die gerade einen kostenlosen Kurs zur Webentwicklung veranstalten.

In this course you’ll get hands-on experience making web applications accessible. You’ll understand when and why users need accessibility. Then you’ll dive into the “how”: making a page work properly with screen readers, and managing input focus (e.g. the highlight you see when tabbing through a form.) You’ll understand what “semantics” and “semantic markup” mean for web pages and add ARIA markup to enable navigating the interface with a range of assistive devices. Finally, you’ll learn styling techniques that help users with partial vision navigate your pages easily and reliably.

Überschrieben ist der Kurs mit Web Accessibility, in der Beschreibung steht aber nur etwas für Blinde und Sehbehinderte. Es geht also nicht um Web-Barrierefreiheit, sondern um Blinden- und Sehbehindertengerechte Gestaltung. Nach dieser Diktion brauchen Gehörlose, motorisch Behinderte und Lernbehinderte keine Barrierefreiheit.
Ich gebe zu, dass ich auch früher oftmals diesen Fehler gemacht habe. Wenn ich ein Programm nicht nutzen konnte, habe ich von mangelnder Barrierefreiheit gesprochen. Aber das ich ein Programm nicht nutzen kann heißt erst einmal nichts anderes als: Ich kann dieses Programm nicht nutzen.
Wenn XY ein Programm nicht bedienen kann und XY blind ist, heißt das nicht unbedingt, dass dieses Programm tatsächlich nicht barrierefrei ist. Es kann auch durchaus sein, dass er schlicht keine Ahnung hat, wie er das Programm bedienen kann. Oder er versteht nicht, was der Screenreader ihm an Informationen ausgibt und kann deshalb das Programm nicht steuern.
Natürlich gibt es das Problem der Usability. Sie sieht für Blinde ganz anders aus, wie ich an anderer Stelle ausführe. Aber auch die Usability hat Grenzen. Je komplexer ein Programm oder seine Aufgaben, desto schwieriger ist es, es für eine allgemeine Zielgruppe usable zu machen. Im Modernen Banking kann man dem User nicht abnehmen, die ellenlange IBAN einzutragen und ein gewisses Maß an Sicherheitsmaßnahmen ist ebenfalls notwendig, was zu Lasten der Usability geht. Daran lässt sich nur in Grenzen etwas machen.
Es ist natürlich auch herrlich einfach, die Anforderungen für Blinde und Sehbehinderte zu erfüllen. Dass viele Webanwendungen das nicht tun, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch ist es eine weitere Benachteiligung anderer Gruppen, wenn sie immer wieder bei der Barrierefreiheit außen vor gelassen werden. Dass ist so, als ob man bei räumlicher Barrierefreiheit nur über Rollstuhlfahrer spricht, während Blinde sich den Gaderobenständer ins Gesicht rammen und Sehbehinderte sich den Kopf an der Schräge stoßen. Ich sehe leider immer wieder, dass über die Barrierefreiheit für Blinde im Straßenverkehr diskutiert wird, dabei sind alte Menschen mit motorischen Problemen eine wesentlich größere Gruppe.
Leider ist die Lobbygruppe der Blinden wesentlich stärker als die der anderen Behinderten. Die BITV 2.0 wurde maßgeblich vom DBSV und DVBS beeinflusst. Auch die WCAG 2.0 basiert zu sehr auf technischen Anforderungen und wird schwammig, wenn es um einfache oder leichte Sprache oder Inhalte in Gebärdensprache geht. Insofern muss ich noch einiges an Aufklärungsarbeit leisten, um einen breiteren Begriff von Barrierefreiheit zu etablieren.

Barrierefreiheit mit WordPress

Screenshot von meinem BlogWordPress ist sicherlich das beliebteste Blogging-System überhaupt. Ganz nebenbei hat es sich auch für viele Website-Anbieter zum bevorzugten Redaktionssystem entwickelt. In diesem Artikel erkläre ich, wie man mit WordPress barrierefreier werden kann.

Die Wahl des Themes

WordPress lässt sich als Framework betrachten, das sich an unterschiedliche Ansprüche anpassen lässt. Das gilt insbesondere für das Layout. Die Wenigsten werden sich mit den Standard-Themes von WordPress begnügen. Sie sind allerdings relativ barrierefrei. Bei Pressengers findet ihr eine Auswahl barrierefreier Themes.
Bei Themes von Dritt-Anbietern müsst ihr selbst prüfen, ob sie barrierefrei sind. Ist euch eine Website bekannt, die das Theme bereits einsetzt, könnt ihr diese automatisch mit einem Tool wie WAVE oder manuell mit einem Prüfverfahren wie dem BITV-Test prüfen. Fragt ruhig auch bei dem Entwickler nach, ob das Theme barrierefrei ist. Vor allem, wenn das Theme kostenpflichtig ist, sollte der Entwickler solche Anforderungen berücksichtigen. Außerdem schafft ihr so ein Bewusstsein dafür, dass eine Nachfrage nach barrierefreien Themes besteht.
Entwickelt ihr selber ein Theme, bietet WordPress selbst Infos zur Barrierefreiheit. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

Texte

Der WordPress-Texteditor TinyMCE bringt leider nicht alle nötigen Funktionen zur barrierefreien Texterstellung mit. Es fehlen zum Beispiel Befehle für Zwischenüberschriften oder Abkürzungen. Die Auszeichnung von Zwischenüberschriften, Listen und weiteren Elementen erleichtert es Blinden zu erkennen, welche Aufgabe das Element hat. Ihr seht einen fett gedruckten und abgesetzten Text und wisst, dass das eine Zwischenüberschrift ist. Blinde nehmen das nicht wahr. Für ihre Hilfssoftware wird die Information, welche Aufgabe ein Stück Text hat, über HTML-Auszeichnungen vermittelt. Außer Zwischenüberschriften können auch Listen, Zitate sowie Abkürzungen ausgezeichnet werden.
Um diese Auszeichnungen mit einem grafischen Editor zu erstellen, benötigt ihr das Plugin TinyMCE Advanced.
Wenn ihr ein wenig HTML beherrscht, benötigt ihr keinen weiteren Editor. Schaltet den Texteditor auf HTML um und gebt die entsprechenden Auszeichnungen händisch ein. Die wenigen Auszeichnungsbefehle sind schnell erlernt.

Bilder

WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.
Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.
Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plugins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.
Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Plugins

Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Plugins hinweisen, die eventuell hilfreich sind. Wer diese Plugins installiert, ist sicher nicht barrierefrei, umgekehrt muss man diese Plugins nicht installieren, um barrierefrei zu werden. Ich zeige lediglich, welche Möglichkeiten es gibt.Von allen genannten Plugins gibt es kostenlose Varianten.
ReadSpeaker integriert eine Vorlesefunktion für eure Webseite. Die Sprachmelodie ist eher gewöhnungsbedürftig, es mag aber für manch Lese- oder Sehbehinderten hilfreich sein. Es gibt eine kostenlose und eine kostenpflichtige Variante. Die kostenlose Variante ist beschränkt, was die Zahl der vorgelesenen Artikel angeht. Außerdem stehen weniger Optionen zur Verfügung. Der IT-Nachrichtendienst Heise Online bietet eine ähnliche Vorlesefunktion, ihr könnt sie dort ausprobieren.
Hurraki ist ein Wörterbuch, das Alltagsbegriffe in einfacher Sprache erläutert. Das Plugin hurrakify ermöglicht es, sich zu einzelnen Begriffen aus einem Text Erläuterungen aus Hurraki anzeigen zu lassen. ,
Der Access Monitor prüft eure WordPress-Inhalte auf Barrierefreiheit. Wie alle automatischen Testtools benötigt man Erfahrung mit digitaler Barrierefreiheit oder viel Zeit, um die einzelnen Fehlermeldungen nachvollziehen zu können. Das Tool kann euch auch nicht sagen, ob Bilder einen sinnvollen Alternativtext haben, das müsst ihr selbst entscheiden. Auch hier handelt es sich um ein Freemium-Modell. Es gibt eine kostenlose sowie eine kostenpflichtige Variante.
WP Accessibility rüstet eine Textvergrößerungsfunktion sowie eine Kontrastansicht für WordPress nach. Solche Funktionen waren früher der letzte Schrei in Barrierefreiheits-Kreisen, gelten aber seit einigen Jahren als unerwünscht. Es wird argumentiert, dass die Betriebssysteme, die Browser und die Hilfstechnik diese Aufgaben besser lösen als die fehleranfälligen Webseiten-Funktionen. Das ist sicherlich korrekt, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die nicht wissen, wie sie Text vergrößern oder eine kontrastreiche Ansicht aktivieren und sie sind dankbar für diese kleinen Hilfen. Und die Anderen nehmen auch keinen Schaden, solange die Regeln der Barrierefreiheit bei der Themegestaltung berücksichtigt wurden.

Zum Weiterlesen

Tipp für Screenreader-Nutzer: Ungestört am Arbeitsplatz

Die Blinden kennen das sicherlich, da versucht man, im Büro oder im Zug zu arbeiten und pausenlos quatscht jemand im Hintergrund herum. Ich kann relativ gut Alltagsgeräusche wie normalen Verkehrslärm oder das undifferenzierte Grundrauschen eines Mittagstisches ausblenden, solange ich nicht direkt daneben sitze. Aber sobald jemand etwas sagt, was ich verstehen kann, bin ich automatisch abgelenkt.
Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert: Schallisolierende Ohrhörer waren nicht ausreichend. Schallisolierende Übers-Ohr-Kopfhörer waren mir zu teuer. Ohropax sind ungeeignet, da sie den Screenreader zu stark dämpfen. Dann gibt es noch die Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung. Die scheinen aber eher für gleichmäßige Geräusche geeignet. Allerdings war mir der Preis zu hoch, um sie einfach mal auszuprobieren. Um nur mit der Braillezeile zu arbeiten, bin ich zu langsam.
Letztlich bin ich bei einem einfachen Gehörschutz gelandet. Er kostet im Baumarkt etwa 20 Euro.
Der Gehörschutz sieht aus wie ein großer Kopfhörer ohne Kabel. Der Bügel bewirkt, dass die Muscheln sehr stark auf das Ohr gedrückt werden. Wenn man ihn richtig aufsetzt, ist das kein Problem. Wenn man es falsch macht, tut es tierisch weh.
Die Hauptfunktion besteht darin, dass er das Ohr isoliert, so dass der Schall das Ohr nicht erreicht. Es ist nicht so, dass man nichts mehr hört, es sei denn, man befindet sich ohnehin in einer sehr leisen Umgebung. Man hört lautere Geräusche gedämpft. Man hört zum Beispiel, dass jemand redet, versteht aber nicht, was er sagt. Professioneller Ohrenschutz dämpft wahrscheinlich stärker, da ich mein Büro aber nicht neben dem Preßlufthammer betreibe, reicht mir der günstige Gehörschutz.
Ganz unproblematisch ist das aber auch nicht. Man kriegt eventuell nicht mit, wenn man angesprochen wird. Man hat zwar Ruhe vor dem üblichen Lärm einer Zugfahrt im Regionalzug am Wochenende, kriegt aber auch die Durchsagen im Zug nicht mit.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass man keine Kopfhörer mit dem Gehörschutz verwenden kann. Liegt der Gehörschutz nicht direkt auf dem Ohr, ist er relativ wirkungslos. Man muss also Ohrhörer verwenden.
Ansonsten ist das aber eine gute Lösung. Man muss den Gehörschutz auch nicht immer tragen, sondern nur dann, wenn es tatsächlich laut ist.