Auf dem Weg zur barrierefreien Mobilität

Am 27.9.2011 war ich auf dem Forum Barrierefrei des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen NRW. Thema war der Aufbau eines Navigations- und Orientierungsmoduls für Behinderte.
Spannend war zu sehen, wie viel Arbeit schon erledigt wird. In Bonn selbst arbeitet die Behindertengemeinschaft Bonnan einer barrierefreien App.
Ausschnitt aus Wheelmap
Die Idee dahinter ist, eine Grundregel des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes umzusetzen: Um von Barrierefreiheit sprechen zu können, müssen Behinderte eine Aufgabe in der allgemein üblichen Weise, ohne fremde Hilfe und ohne besondere Erschwernis erledigen können.
Wer als Behinderter in eine fremde Stadt fährt, weiß, wie unmöglich das ist. Am schwierigsten ist es für Rollstuhlfahrer, sie müssen sich darauf verlassen können, dass Fahrstühle, barrierefreie Toiletten und ausreichend breite Zugänge vorhanden sind.
Eine zweite Schwierigkeit besteht darin, die Qualität der Daten zu beurteilen. Grundsätzlich müssen recht umfangreiche Checklisten abgehackt werden, um unterschiedlichen Behinderungen gerecht zu werden. Die Leute, die die Daten erheben, müssen entsprechend geschult werden, wer schon mal ein nettes Testverfahren wie den BITV-Test durchgeführt hat wird verstehen, warum. Für diese Aufgabe müssen Freiwillige gefunden werden, da sie ansonsten nicht bezahlbar wäre.
Eigentlich sehe ich hier die Regierung in der Pflicht. Wir haben offenbar genügend Ressourcen, um einen Zensus durchzuführen, wobei mehrere Millionen Leute befragt werden. Es kann also niemand behaupten, wir hätten nicht genügend Ressourcen dafür, Gebäude auf Barrierefreiheit zu prüfen.
Auf der anderen Seite stellt sich mir die Frage, ob die Daten tatsächlich qualitativ so gut sein müssen. Natürlich müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, damit ein Elektrorollstuhl sich angemessen bewegen kann. Abgesehen davon würde ich eher dahin tendieren, so wenige Daten wie möglich zu erheben. Schließlich kann es jederzeit zu einer baulichen Veränderung kommen. Das Rundumsorglos-Paket für Behinderte wird es nie geben. Und da ist eine vernünftige Balance zwischen Qualität und Quantität zu finden. Wenn die Daten zu schlecht sind, kann letzten Endes niemand etwas damit anfangen, weil unzuverlässige Anwendungen nicht eingesetzt werden. Sind die Daten anderseits valide, liegen aber für zu wenige Örtlichkeiten vor, werden sie ebenfalls von niemandem eingesetzt, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit die Orte, die einen interessieren gerade nicht dabei sind.
Ich glaube im übrigen, dass die Behinderten es sich selbst zu schwer machen. Es ist zwar schön, dass Rollstuhlfahrer Wheelmap haben und Blinde DaTABuS, aber im Grunde tun wir uns keinen Gefallen damit. Nur wenige Organisationen, Privatunternehmen oder sonst wer wird hingehen und sich in vier verschiedene Datenbanken eintragen, vier Datensätze aktuell halten und vier Checklisten durchgehen, die alle das Gleiche, aber auf unterschiedliche Weise abfragen. Was macht übrigens der sehbehinderte Rollifahrer oder der Taubblinde? Sollen die vielleicht zwei Datenbanken durchgehen und versuchen, aus dem Querschnitt zu errechnen, ob sie da eine Chance haben? Das ist durchaus ernst gemeint: die Organisationen sollen ihre Daten einfach offen ins Netz stellen und interessierten Personen die Möglichkeit geben, daraus spannende und vielleicht nützliche Anwendungen zu bauen.

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Behinderung und Technik – Sprachsynthese und Assistenz-Roboter

DRadio Wissen hat einen hörenswerten Audiobeitrag zur Sprachsynthese gemacht. Sprachsynthese spielt nicht nur für automatische Durchsagen oder Navis, sondern vor allem für blinde Menschen eine wichtige Rolle. Auch Menschen, die ihre eigene Stimme nicht mehr einsetzen können, würden von einem besseren System zur Sprachsynthese profitieren. Ich würde allerdings sagen, dass eine korrekte Aussprache und Betonung wichtiger ist als eine möglichst natürlich klingende Stimme. Die heute gängigen Sprachausgaben sind recht gut, was das angeht und man gewöhnt sich auch recht schnell an deren Künstlichkeit.

Bei Technlogoy Review gibt es eine Reportage zu Assistenz-Robotern. Die Forschung in diesem Bereich wird vor allem von den Japanern betrieben, weil sie die volle Wucht des demographischen Wandels erwarten. Die Technik kann aber auch Menschen mit starken motorischen Einschränkungen helfen, wie man sieht.

Forscher von Microsoft arbeiten daran, Gesichter mit natürlicher Mimik am Computer zu realisieren. Die Technik könnte auch interessant sein, um Avatare für die automatische Übersetzung von Texten in Gebärdensprache zu realisieren.

Bei Einfach für alle ging es in den letzten Wochen um den barrierefreien Einsatz von Grafiken.

Off Topic

“Stirbt die Gebärdensprache aus?” fragt der deutsche Ableger von Gizmodo. Leider muss man sich für den Artikel von der New York Times einloggen, den verlinke ich deshalb nicht. Hintergrund ist die Sparwut des Staates und das Cochlea-Implantat, was vielen Gehörlosen helfen soll – und vielen anderen nicht. Die Gebärdensprache ist umstrittener als man denken sollte: einige Gehörlosenlehrer beherrschen die Gebärdensprache selber nicht oder weigern sich, sie im Unterricht einzusetzen. Ich hatte mir auch schon mal Gedanken über die Zukunft der Blindenschrift gemacht. Das ist natürlich nicht zu vergleichen, die Gebärdensprache ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel überhaupt für Gehörlose, während Blinde ganz gut durchs Leben kommen können, ohne die Blindenschrift zu beherrschen.

Um den Studiengang Gebärdensprache bzw. Gebärdendolmetscher ging es letzte Woche bei DRadio Wissen. Gut radiogerecht umgesetzt, wenn man bedenkt, dass die Gebärdensprache ein rein visuelles Kommunikationsmittel ist.

Zum Abschluß: ein hoffentlich nicht ganz ernst gemeinter Knigge für den Umgang mit Behinderten.

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Barrierefreiheit beim Impressum

Müssen impressen eigentlich barrierefrei sein? Aus ethischer Sicht würde man sofort ja sagen, denn warum sollten diese Daten nicht allen zugänglich sein? Vor allem kleinere Seitenbetreiber verstecken Kontaktdaten wie Mailadressen in Rastergrafiken, so dass sie von Bots nicht ausgelesen werden können. Die Strukturen von Adressen sind sehr leicht automatisiert zu erkennen, so dass Adressensammler im Internet sehr schnell ihre Speicher füllen können. Ein weiteres Problem ist natürlich Stalking, was sehr viel einfacher wird, wenn man Telefonnummer und Adresse einer Person hat.

Ein ordentliches Impressum schafft Vertrauen

Privatpersonen sind nicht impressumspflichtig, wenn sie auch keine Werbung auf ihrer Seite schalten. Jede Textanzeige und jeder Affiliate Link und verkaufte Link gilt als Werbung und macht die Seite damit impressumspflichtig.
Während es bei einer privaten Seite oder einem Blog relativ egal ist, wer da was schreibt, wird es schon bei Soloselbstständigen anders. Wer hier eine Dienstleistung beauftragen möchte, wird zuerst auf das Impressum schauen, zumal hier zumeist auch die Kontaktdaten stehen. Enthält das Impressum nicht die obligatorischen Angaben wie die Umsatz-Steuer-ID oder sind die Kontaktdaten nicht lesbar, scheidet dieser Anbieter aus. Das gilt natürlich erst recht für Agenturen, Shops oder Unternehmen.

Die rechtliche Seite

Die Rechtsprechung scheint noch nicht so eindeutig zu sein. Über diesen Post bin ich darauf gestoßen, dass es relativ neue Urteile dazu gibt. In einem anderen Beitrag wird das näher ausgeführt:

Grundlage für das Bereithalten einer Anbieterkennzeichnung ist § 5 TMG. Darin festgehalten ist, dass die Anbieterkennzeichnung “leicht erkennbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar” zu halten ist.Abmahngefahr: Impressum als Grafik » shopbetreiber-blog.de

Ich denke, das ist sehr eindeutig. Leicht erkennbar heißt für alle erkennbar. Theoretisch also auch für die Nutzer von Textbrowsern, Smartphones mit Winz-Displays oder Screenreader-Nutzer. Übrigens würde ich nie im Leben in einem Shop kaufen, dessen E-Mail nicht lesbar ist.
Ob man – wie der oben zitierte Artikel – auf das Gleichstellungsgebot aus dem Grundgesetz Bezug nehmen möchte, lasse ich mal dahin gestellt sein. Die Grundrechte beziehen sich auf die Rechte des Bürgers gegen den Staat, man müsste hier also eher das Bürgerliche Besetzbuch heranziehen. Leider habe ich auch keine Urteile gefunden, die ein barrierefreies Impressum als verpflichtend ansehen, falls einer meiner Leser eines kennt, freue ich mich über einen Hinweis.
Auch wenn es noch keine eindeutigen Urteile geben sollte, kann ich nicht dem Eiertanz in diesem Forumnicht anschließen. Das Telemediengesetz scheint mir sehr eindeutig zu sein und zumindest genug Masse für die allseits geliebten wettbewerbsrechtlichen Abmahnungen zu lifern. Die Anbieter sollten von sich aus auf barrierefreie impressen setzen und nicht auf Abmahnungen, Gerichte oder den Gesetzgeber warten.

Das übertriebene Spamproblem

Noch ein Wort zu Spam. Ja, es gibt massig davon, aber tatsächlich ist er recht gut in den Griff zu bekommen. Die großen amerikanischen Anbieter von Mailadressen wie Google, Yahoo oder Microsoft haben Spam sehr gut im Griff. Ich habe mir einfach eine Googlemail-Adresse nur für die Website hier zugelegt. Die Zahl der Spammails ist überschaubar im Gegensatz zu meinem GMX-Account, wo der Spamfilter auch nach zehn Jahren Training unbrauchbar ist und diese GMX-Adresse hat noch nie im Internet gestanden.

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Fundsachen Behinderung und Technik – digitale Bücher bald barrierefrei?

Adobe Digital Editions ist ein Programm zum Lesen elektronischer Bücher. Es ist aber vor allem ein Programm für das Digital Rights Management – ein Euphemismus für die Gängelung von Kunden. Bei den meisten Shops für eBooks muss ADE installiert sein, um auf das Angebot zugreifen und die Bücher nutzen zu können oder sie auf einen eBook-Reader zu überspielen. ADE soll jetzt einen Schritt Richtung Barrierefreiheit gemacht haben. Blinde haben viel Spaß mit Adobe-Programmen wie dem Acrobat Reader, so dass Zweifel durchaus angebracht sind.

Im DRadio gibt es eine Reportage dazu, wie Blinde im Web surfen. Irgendwie scheint das gerade im Mode zu sein. Die gehörlose Bloggerkollegin Julia Probst hat auf Zeit-Online ein ein Interview zu Barrieren für Gehörlose im Netz gegeben.

Über Kinect berichte ich ja öfter. Bei Winfuture gibt es einen Artikel zu Kindern mit Behinderung, die mit der Kinect Spielen können. Vor allem bei Kinderlähmung oder Autismus bewirkt die Kinect demnach positives.

Off Topic

Germany is so barrierefrei – Spiegelbericht zum Auslandsstudium mit Behinderung

Betroffenheit ist kein Handicap – der blinde Journalist Kaiman Dahesch kritisiert die Ernennung eines Behindertenbeauftragten in BaWü ohne Einbeziehung Betroffener

Behindertenverbände blockieren Inklusion zu ihrem eigenen Vorteil – kritischer Kommentar in der taz

MyHandicap über eine Initiative zur Aufbereitung alter PCs für Menschen mit Behinderung.

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Fundsachen Behinderung und Technik – eBooks für Blinde und künstliche Muskeln

Blinde und Sehbehinderte sollen besseren Zugang zu barrierefreien eBooks bekommen. Das BKB berichtet darüber, dass die Blindenbibliothek in Leipzig mit dem amerikanischen Projekt Bookshare kooperiert und damit den Zugang zu 29.000 eBooks ermöglicht. Ich sehe das nach wie vor kritisch, weil wie im BKB-Artikel auch gesagt Lernbehinderten und Leseschwachen der Zugang zu eBooks verwehrt bleiben soll.

Bei MyHandicap gibt es einen Bericht zur MS Wissenschaft. Dabei handelt es sich um eine Forschungsausstellung auf einem Schiff. In dieser Ausstellung werden Technologien gezeigt, die für Behinderte interessant sein können wie zum Beispiel Gedankensteuerung. Interessierte können das vor Ort ausprobieren.

Im DeutschlandRadio gibt es ein Feature zur Tiefenhirnstimulation, leider nur als PDF und im “barrierefreien Textformat”, Audio wäre hier interessanter gewesen.

Golem berichtet über eine Technik, taktiles Feedback über einen Touchscreen zu erhalten. Die technik heißt Vivitouch von Artificial Muscle. Das könnte auch für Blinde interessant sein. iPhone und iPad bieten ja bereits Audio-Feedback, so dass für Blinde auch der Aufbau einer Website erschließbar ist. Wenn ich mir das richtig vorstelle, könnte so ein Gerät ein billiger Ersatz für Großflächen-Braille-Displays sein, die sich ohnehin kein normaler Mensch leisten kann.

Off Topic

Der EU-Abgeordnete Adam Kosa hat einen Bericht zur Situation Behinderter in Europa geschrieben, dazu gibt es ein Interview.

Und noch mal das DeutschlandRadio: sie haben einen lesenswerten Beitrag zu Assistenzen für Behinderte veröffentlicht. Zu diesem Beitrag gibts auch ein Audio-File.

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