Smartphones in der Schule – wie sie den Unterricht für Blinde und Sehbehinderte erleichtern

Smartphones und Tablets im Unterricht sind ein kritisches Thema. Doch gerade für den inklusiven Unterricht für Blinde und Sehbehinderte bieten sie viele Vorteile.

Texte schnell erfassen

Probleme gibt es, wenn der Lehrer spontan einen Text verteilen möchte. Er kann dem Kind den Text vorher zuschicken, im Netzwerk bereit stellen oder das Kind digitalisiert ihn einfach mit der Kamera des Smartphone selber. Die Qualität der Texterkennung ist mit den aktuellen Geräten und einer App wie SeeingAI von Microsoft mittlerweile recht gut. Eine Einscannhilfe zur Positionierung der Kamera ist sinnvoll und immer noch wesentlich flexibler als ein Flachbettscanner.

Texte und Bücher immer dabei

Ab und zu sehe ich Kinder und fühle ich an meine Schulzeit erinnert. Ich sehe vor allem viel zu große, volle und wahrcheinlich auch schwere Schultaschen mit weiß Gott wie vielen Schulbüchern. Das Faible Sehender für bedrucktes Papier konnte ich noch nie nachvollziehen, aber muss das heutzutage noch sein?
Digital ist vieles einfacher. Ganze Bibiliotheken finden bequem auf einem Smartphone Platz. Ein Tablet macht es wesentlich einfacher, Texte zu vergrößern, sie strukturiert durchzugehen, sich Lesezeichen und Notizen zu machen und so weiter. Im Übrigen ist die Bildschirmqualität der aktuelleren iPads wesentlich besser als die Bildschirme der meisten Computer und Notebooks. Die Schlepperei von Büchern ist wirklich nicht mehr zeitgemäß.

Das Smart Device als Fernglas

Für Sehbehinderte ist die Situation häufig noch komplizierter. Sie brauchen vielleicht eine Lupe oder ein Bildschirm-Lesegerät. Wenn sie in unterschiedliche Klassenräume müssen, ist das natürlich schwierig, denn das Gerät müssten sie ja mitnehmen. Auch das könnte durch ein mobiles Gerät erleichtert werden. Sie können die Tafel einfach abfotografieren oder sich Texte digital zuschicken lassen.

Schreiben

Das Schreiben längerer Texte auf diesen Geräten ist aber auch mit der besten Bildschirm-Tastatur schwierig. Da zudem die Autokorrektur und automatische Vorschläge integriert sind, wird die Rechtschreibung nicht vernünftig überprüfbar. Das ist vor allem für Shulen wichtig. Diktieren geht in der Klasse eher nicht.
Das Problem lässt sich aber recht einfach mit einer externen Tastatur lösen.

Lesen

Da die blinden Kinder nicht alles per Sprachausgabe machen sollen, benötigen sie noch eine externe Braillezeile. Das ist wesentlich flexibler als einen eigenen Brailledrucker zu betreiben oder gar die Dokumente extern aufbereiten und ausdrucken zu lassen.
Ich kann schlecht einschätzen, wie viele Zeichen so eine Braillezeile darstellen sollte. Eine kleine Braillezeile mit 40 Zeichen sollte aber für die meisten Fälle reichen. Die 80er-Zeilen sind zu sperrig. Normalerweise ist es aber besser, je mehr Zeichen dargestellt werden können.
Für die Sehbehinderten ist das Lesen auf einem Gerät ohne Hintergrundbeleuchtung deutlich einfacher. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie anstrengend die Arbeit mit einem Bildschirmlesegerät ist. Ein eBook-Reader auf der Basis elektronischer Tinte mit eingebauter Beleuchtung ist deutlich angehmer. Die Displays sind mittlerweile von der Lesequalität her dem Papier überlegen – meiner Einschätzung nach. Die eBook-Reader erlauben eine fast beliebige Anpassung der Schriftgröße, Schriftart, der Textformatierung und so weiter.

Fazit

Das ganze Paket, also ein Tablet, eine große Brailletastatur, für die Blinden noch eine Braillezeile und für die Sehbehinderten noch eine Art Stütze, um das Tablet bequem positionieren zu können passt problemlos in einen Kinderrucksack, kann gut transportiert werden und ist insgesamt gesehen wesentlich billiger als das meiste, was heute von Hilfsmittelfirmen angeboten wird. Nur die Braillezeile geht wirklich ins Geld, aber mit dem Orbit-Reader scheint sich auch hier eine günstige Alternative zu entwickeln.
Das Schöne daran ist auch, dass es natürlich nicht auf die Schulbildung begrenzt bleibt. Auch die Erwachsenenbildung, die sich mit der Inklusion noch ein wenig schwer tut, kann natürlich mit den gleichen Mitteln funktionieren. Es sind natürlich erst einmal die Teilnehmer selbst gefordert, sich mit der Technik zu beschäftigen.

Was bringen eigentlich Bildbeschreibungen für Blinde?

In meinen Workshops zum barrierefreien Internet habe ich einen Extra-Abschnitt zum Thema Bildbeschreibungen für blinde und sehbehinderte Menschen. Fast immer werde ich gefragt, ob für Blinde die Inhalte von Bildern überhaupt interessant sind. Die Frage ist berechtigt. Wie soll ein Blinder zum Beispiel wissen, wie ein Vulkan, eine Herde Elefanten oder der Sternenhimmel aussehen? Hier kommt die Antwort.

Arten von blindheit

Generell können wir für unsere Zwecke drei Gruppen von Blinden unterscheiden:

  • die Blinden mit Sehrest
  • die Vollblinden, die noch visuelle Erinnerungen haben
  • die Vollblinden, die keine visuellen Erinnerungen haben

Bei den Sehrestlern ist der Sehrest sehr unterschiedlich ausgeprägt. Ich setze einmal voraus, dass noch einzelne Objekte unterschieden werden können. In diesem Fall haben sie zumindest von lebensnahen Objekten wie etwa Autos, Bäumen oder Elefanten eine klare visuelle Vorstellung. Das sind alles Objekte, die man nicht ohne Weiteres durch Abtasten in ihrer Gesamtheit erfassen kann. Schwierig kann es bei nicht-lebensnahen Objekten oder Verhältnissen kommen, da diese visuell komplexer sind: Vulkanausbrüche, eine elefantenherde oder die Mondlandung zum Beispiel.
Ähnliches gilt für die Vollblinden, die sich ihre visuellen Erinnerungen erhalten haben. Die Zahl der visuellen Eindrücke hängt ein wenig vom Alter ab. Doch im Allgemeinen kann man sagen, dass ein Jugendlicher in Natura, über Bücher, Illustrierte oder über das Fernsehen das Meiste gesehen hat, was es für einen Menschen aus seinem Kulturkreis zu sehen gibt. Auch wenn es Blinde wie John Hull gibt, die ihre visuellen Eindrücke komplett vergessen haben, ist das eher die Ausnahme. Es gibt auch Blinde, die sich ihr visuelles Vorstellungsvermögen vollständig erhalten haben wie etwa Zoltan Torey. Der Neurologe Oliver Sacks hat das in einem Essay sehr schön zusammengefasst.
Kommen wir also zur dritten Gruppe, den Vollblinden, die nie visuelle Eindrücke sammeln konnten.

Die Welt zum Anfassen

Die Sache ist wiederum recht einfach, wenn es um lebensnahe Objekte geht. Zum einen gibt es natürlich von fast allem eine Spielzeug-Version, die im Prinzip wie das Original aussieht: Es gibt Mini-Bäume, Mini-Hubschrauber, Mini-Autos und Mini-Häuser. Das ist also einfach.
Weiterhin gibt es Tastbücher. Sie enthalten fühlbare Modelle von Tieren oder Landschaften. Die gibt es meines Wissens auch für sehende Kinder.
Mittlerweile haben sich auch Tastmodelle etabliert. Sie sind wesentlich günstiger geworden, etwa durch die Möglichkeiten des 3D-Drucks. Im Unterricht für blinde Kinder sind sie fest etabliert. Das erinnert mich an meinen alten Chemielehrer von der Blindenschule in Marburg. Er hat sich unglaublich viel Mühe gegeben, tastbare Modelle von Atomen und deren Bestandteilen herzustellen, zu einer Zeit, wo diese Modelle noch wesentlich schwieriger in der Anfertigung waren.

Die erlesene Welt

Nun gibt es aber Dinge, die sich wesentlich schwieriger tastbar machen lassen. Kommen wir zum Vulkanausbruch zurück. Der lässt sich sicher irgendwie nachstellen. Aber ein entsprechendes Modell wäre dann doch wesentlich aufwendiger in der Herstellung.
Doch wofür gibt es die Literatur? Ich nenne Geschichten gerne das inklusivste Medium. Sie müssen in der Regel ohne Bilder auskommen. deshalb muss alles, was in einer Geschichte vorkommt mit Worten beschrieben werden. “Der Vulkan brach aus” wird dabei niemandes Phantasie anstacheln. Die glühende Lava, die sich über die Berghänge ergießt hingegen schon.
Da wir alle mehr oder weniger mit Geschichten aufwachsen, gehören solche Ereignisse, auch wenn wir sie nie selbst erlebt haben also zu unserem kollektiven Erfahrungsschatz. Die meisten Vollblinden dürften deshalb eine recht lebendige Vorstellung davon haben, wie ein Vulkanausbruch aussieht. Wir können uns sogar Sachen vorstellen, die es nicht gibt wie Drachen, Trolle und den Weltfrieden.
Gleiches gilt für eher abstrakte Sachverhalte: Niemand wird literarisch die Form eines Ferraris beschreiben, der Autor kann davon ausgehen, dass die meisten Leser wissen, wie so ein Sportwagen aussieht. Doch steht der Ferrari nicht nur für eine teure Automarke. Er ist ein Symbol für Reichtum, Sportlichkeit, Schnelligkeit und was auch immer man noch damit assoziiert. Und diese Assoziationen sind den Blinden natürlich auch aus Geschichten bekannt. Ich könnte eine Harley Davidson nicht vom nächstbesten Elektroroller unterscheiden. Ich weiß aber, welchen Kult manche Leute um die Harley machen. Und woher? Natürlich aus unzähligen Filem, Büchern und Geschichten. Und deshalb macht es natürlich einen Unterschied, ob auf dem Bild einfach nur ein Motorad oder eine Harley zu sehen ist.

Der Charme der Gleichmäßigkeit

Ein häufiges Missverständnis in der Barrierefreiheit besteht darin, dass man Text möglichst groß und Ton möglichst laut anbieten sollte, damit Hör- und Sehbehinderte glücklich sind.
Bei diesen Behinderungen lässt sich wenig verallgemeinern, da die konkreten Auswirkungen von Seh- und Hörbehinderungen sehr unterschiedlich sind. Ein wichtiger Faktor ist aber, dass die Adaptionsfähigkeit häufig eingeschränkt ist. Auge und Ohr können sich normalerweise recht schnell an Wechsel der Helligkeit oder Lautstärke anpassen. Bei Behinderten ist diese Fähigkeit oft eingeschränkt. Sie brauchen wesentlich länger für die Anpassung. Das ist dann ärgerlich, wenn diese Anpassung häufig notwendig ist.
Extrem wird das Ganze, wenn man mit Verstärkung arbeitet. In der klassischen Musik etwa gibt es häufig Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen. Ein Hörbehinderter müsste bei jedem Wechsel den Lautstärkeregler anpassen. Das ist dann schwierig, wenn er die Lautstärke ohnehin schon stärker aufgedreht hat, als ein Hörender das machen würde. Wer mit einer starken Textvergrößerung am Bildschirm arbeitet, müsste bei jeder Änderung der Schriftgröße die Darstellungsgröße anpassen.

Was heißt das konkret?

Für Designer bedeutet das, dass wir mit möglichst geringen Größenänderungen schriftlicher Inhalte arbeiten sollten, insbesondere bei Fließtext. Die Größenänderungen sollten möglichst graduell sein, natürlich noch erkennbar, aber mit geringer Varianz.
Für die Toningenieure heißt das, sie sollten möglichst wenig Dynamik bei der Lautstärke einsetzen. Leise Stimmen können natürlich hochgepegelt und laute runtergepegelt werden, insgesamt sollte aber ein gleichmäßiges Niveau angestrebt werden. Schlimmer als verrauschte Aufnahmen sind Aufnahmen, bei denen sich die Tonqualität ständig ändert, weil etwa unterschiedlich gute Mikrofone verwendet wurden.

An Hilfsmitteln führt leider kein Weg vorbei

Nun ist es bei der Bandbreite an Sinneseinschränkungen schlicht nicht möglich, eine Lösung zu schaffen, die allen gerecht wird. Ich wiederhole das noch mal: Es ist nicht möglich, eine Lösung zu schaffen, mit der alle zurechtkommen. Zwei Aspekte helfen uns aus dieser Klemme.
Das ist zum Einen die Anpassbarkeit zumindest auf digitalen Interfaces. Die Schrift muss nicht riesig sein, aber es muss einfach möglich sein, sie zu vergrößern oder zu verkleinern oder vielleicht auch Kontraste einzustellen. Mit einfach meine ich, das solche Möglichkeiten zu jederzeit aktivierbar sein sollen.
Zum Zweiten sind das die Hilfsmittel. Da es schlicht nicht möglich ist, alle möglichen Größen bzw. Lautstärken anzubieten, führt kein Weg an passenden Hör- bzw. Vergrößerungshilfen vorbei. Dabei ist es wünschenswert, dass diese Geräte besser in der Lage sind, sich automatisch an die Gegebenheiten anzupassen.

Gemeinsam oder einsam – gegen mangelnde Barrierefreiheit vorgehen

Unter anderem in der Liste der Interessengemeinschaft sehgeschädigter Computerbenutzer gab es eine teils heftige Debatte darüber, was bei mangelnder Barrierefreiheit speziell von Webangeboten zu tun ist. Unter anderem wurde viel Kritik an den Vereinen geübt, weil deren Einsatz für Barrierefreiheit zu gering bzw. wirkungslos sei. In diesem Beitrag möchte ich die Frage diskutieren, ob man sich lieber allein für Barrierefreiheit einsetzen sollte oder sich am besten an einen interessensvertretenden Verein wendet.

Der Einzelkämpfer

Ich kenne beide Seiten: Ich beschwere mich gern und häufig, wie meine Mitleser wissen. Andererseits landen bei mir häufig Beschwerden, sowohl über meine Website als auch über Kunden-Websites.
Der Erfolg solcher Beschwerden ist recht unterschiedlich. Bei öffentlichen und öffentlich-rechtlichen Einrichtungen wird häufig vergleichsweise schnell und kompetent reagiert. Das heißt, man kriegt eine Antwort. Ob der Umstand, der die Beschwerde ausgelöst hat abgestellt wird, ist eine andere Frage.
Insgesamt konnte ich bei Smartphone-Apps den größten Erfolg beobachten. Vor allem unter iOS scheinen die Entwickler gern bereit zu sein, die Apps nachzubessern. Das mag daran liegen, dass Apple das Nachbessern besonders leicht macht, das kann ich aber nicht beurteilen.
Außerdem sind Beschwerden besonders erfolgreich, wenn sie von mehreren Personen vorgebracht werden. Wenn eine Person sich beschwert, kann das Problem speziell bei ihr liegen. Wenn ein Dutzend Personen sich beschweren, ist das schon mal sehr viel substantieller.
Zudem helfen exakte Problembeschreibungen. “Es funktioniert nicht” bringt mir also nichts. “Button XY” ist nicht beschriftet, das hilft mir schon mal weiter.

Der Verein hat mehr Autorität

Insgesamt gesehen hat ein Verein immer mehr Autorität als eine beliebige Zahl von Einzelpersonen. Natürlich hat ein Dachverband wie der DBSV mehr Einfluß als ein lokaler Verein. Dennoch hat eine Organisation insgesamt eine höhere Überzeugungskraft als eine einzelne Person.
Und doch hat alles Grenzen. Bei einer öffentlichen oder öffentlich-rechtlichen Organisation findet ein Verband sehr schnell Gehör. Eine privatwirtschaftliche oder nicht-profitorientierte Organisation hingegen interessiert sich eher für private Konsumenten bzw. Interessenten oder Spender. Da es hier auch in der Regel keine Verbindungen bzw. regelmäßigen Kontakte gibt, ist es deutlich schwerer, bei solchen Organisationen Gehör zu finden. Es gibt ja auch keine rechtliche Verpflichtung für solche Organisationen, sich um Barrierefreiheit zu kümmern.
All in all ist es aber auch so, dass viele vor allem lokale Vereine gar nicht die Ressourcen haben, sich noch stärker um Barrierefreiheit zu kümmern. Es fehlt häufig das Wissen, um Probleme so verständlich zu machen, dass sie auch von den Verantwortlichen auf der anderen Seite verstanden werden. Zudem dürfte allein schon die Anzahl solcher Anfragen die Vereine überfordern. Schon jetzt wird vielerorts nicht einmal das Notwendige gemacht.

Fazit

Bei öffentlichen oder öffentlich-rechtlichen Organisationen erreicht man insgesamt gesehen mehr, wenn man über den Verein geht. Dabei geht es eher um große Probleme, etwa wenn eine komplette App schwer oder gar nicht bedienbar ist. Bei kleineren Problemen etwa mit einzelnen Webseiten oder Dokumenten wendet euch direkt an die betreffende Einrichtung.
Bei privaten Anbietern wendet euch direkt mit einer präzisen Fehlerbeschreibung an die Organisation. Überredet so viele Leute wie möglich, sich zu beteiligen, also ebenfalls die Organisation anzuschreiben. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht, aber ihr solltet in jedem Fall auf eine Antwort bestehen.

Das Ende der Selbstgespräche – Engagement jenseits ausgetretener Wege

Inklusions-Konferenz ist, wenn immer die gleichen Leute über immer die gleichen Dinge reden und die immer gleichen Appelle an Leute richten, die davon aber nichts mitbekommen, weil sie nicht da sind. Doch es geht auch anders. Hier meine Ideen, wie wir andere Leute erreichen und aufhören, Selbstgespräche zu führen.

Raus aus dem eigenen Dunstkreis

Fach-Veranstaltungen zum Thema digitale Barrierefreiheit gibt es immer weniger. Schade für die Community, für die der Austausch natürlich wichtig ist. Andererseits verschafft uns das Zeit, auch aus dem eigenen Dunstkreis zu treten. Es gibt zahllose Veranstaltungen zum Thema Internet, auf denen wir Präsenz zeigen können.
Nach dem Motto, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, sollten wir auf diese Veranstaltungen gehen und für unsere jeweiligen Themen werben. Wichtig ist dabei, auf Augenhöhe und nicht mit erhobenem Zeigefinger mit den Menschen zu sprechen.
Nicht zu vernachlässigen ist dabei, dass man natürlich kompetent über das jeweilige Thema sprechen können muss. Wenn ich keine Ahnung etwa von eCommerce und deren Fragestellungen habe, kann ich mit den verantwortlichen Personen auch nicht kompetent sprechen. Last not least ist das persönliche Auftreten wichtig. Wir sind keine Bitt-Steller und wenn sich jemand nicht für unser Thema interessiert, müssen wir damit leben. Und auch was das Äußere angeht, sollten wir uns anpassen. Wer in Schlabber-Jeans auf den Anzugträger trifft, wird vom Letzteren leider nicht ernst genommen.
Daneben diskutiere ich recht viel in Facebook-Gruppen zu anderen Themen mit. Gelegentlich kommen dort auch Fragen zum Thema Inklusion oder Barrierefreiheit auf. Ich gebe dann auch meinen Senf dazu. Ich äußere mich aber auch zu anderen Themen, wenn ich etwas zu sagen habe.

Mal andere Leute ranlassen

Wie in den Polit-Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen sieht man auch in den üblichen Diskussionsrunden immer die gleichen Personen. Vielleicht ein Dutzend Nasen dürfen die gesamte Behinderten-Szene vertreten. Und das auch bei fachspezifischen Themen, zu denen sie sich eigentlich nicht im Detail kompetent äußern können. Ich nenne sie gerne die Alphas. Es gibt aber für jeden Bereich kompetente behinderte Menschen, die sich fachspezifisch äußern können und auch sprechfähig sind. Es liegt in der Verantwortung der Alphas, auf diese Personen zu verweisen statt jedes Podium für sich selbst zu beanspruchen.
Nicht zuletzt werden Fach-Kollegen in Fachkreisen ernster genommen als Universalisten. Also Leute, die über alles ein wenig wissen, aber eigentlich keinen vertieften Einblick haben. Ich selbst habe ein wenig im Kulturbereich gearbeitet, kann aber nur theoretisch über die Erwartungen im Kulturbereich an Barrierefreiheit sprechen. Eine entsprechende Einladung würde ich nicht annehmen, sondern auf meine kompetenten kulturschaffenden Kollegen verweisen.

Mit anderen Themen verknüpfen

Die Themen Barrierefreiheit und Inklusion sind vielfältig mit anderen Themenbereichen verknüpft: Sei es Alter, Gebrauchstauglichkeit, Mobilität und vieles andere.
Indem wir diese Verknüpfungen herstellen, können wir die Leute, die sich für diese Themen interessieren auch für das Thema Behinderung anspitzen. Ein Koch interessiert sich etwa wahrscheinlich dafür, wie ein Blinder kocht. Ein Mobilitätsexperte sucht vielleicht gerade nach Leuten, denen er spezifische Fragen stellen kann, ohne ihnen 100 Euro die Stunde zu zahlen.
Auch hierfür verweise ich auf spezielle Veranstaltungen, Diskussionsgruppen im Internet und Ähnliches.
Entscheidend ist, dass man nicht in der eigenen Komfortzone verbleibt, sondern einmal nach links und rechts schaut.

Bildschirm-Lesegerät im Eigenbau

Ich bin ja ein Freund einfacher und alltagstauglicher Lösungen. Hilfsmittel sind in der Regel teuer und unpraktisch. Heute erzähle ich euch, wie ihr das iPhone oder ein anderes Smartphone in ein einfaches Bildschirm-Lesegerät umwandeln könnt.
Ein Bildschirm-Lesegerät ist ein Gerät, mit dem Sehbehinderte sich Texte elektronisch vergrößert anzeigen lassen können. In der Regel besteht es aus einer Kamera-Einheit, einem Wagen, auf dem die Texte unter der Kamera bewegt werden sowie einem Bildschirm, auf dem die vergrößerten Inhalte ausgegeben werden. Zudem gibt es neben der Vergrößerungsfunktion die Möglichkeit, die Farbkontraste einzustellen.
Wir brauchen – Überraschung ein iPhone. Es geht auch jedes andere Gerät, das über eine gute Kamera und integrierte Beleuchtung verfügt. Web-Cams scheiden aus, da sie keine eigene Beleuchtung mitbringen. Gebraucht wird außerdem ein möglichst schwenkbarer Halter für das Lesegerät, etwa eine Handy- oder Tablethalterung mit Schwanenhals. Wichtig ist, dass die Halterung die Kamera und den Blitz nicht verdeckt.
Das Gerät wird also wie gehabt in die Halterung eingespannt und über dem Lesestück positioniert. Da sich das Gerät mit der Halterung verschieben lässt, brauchen wir keinen beweglichen Wagen für das Lesegut, wie es bei Bildschirm-Lesegeräten üblich ist.
Als Lese-App wird die integrierte Kamera genutzt. Für die Beleuchtung schalten wir die Taschenlampe des iPhones ein. Mit den Filtern der Kamera-App können wir auch beeinflussen, wie das Bild dargestellt wird. Es gibt etwa einen Schwarz-Weiß-Filter, der die Farben reduziert und so Fließtext besser erkennbar macht.
Mit entsprechenden Komponenten lässt sich das Bild natürlich auch auf einen größeren Monitor übertragen. Da die iPhones in der Regel die bessere Kamera haben, lässt sich das Lesegut auch auf ein iPad übertragen, das hat ein größeres Display.
Cool wären Filter oder eigene Apps, mit denen sich der Schrift-Kontrast noch besser anpassen lässt. Die App könnte zum Beispiel auch automatisch Text erkennen und ihn noch schärfer stellen. Wenn man ohnehin schlecht lesbaren Text hat, hilft die Vergrößerung oft nicht weiter, weil sie auch die Unschärfe vergrößert.
Doppelt cool wäre eine Anwendung, die Text auch von nicht-flachen Elementen wie Dosen so erscheinen lassen könnte, als ob es sich um eine normale Papierseite handeln würde, also quasi die Krümmung entfernen. Das ist nämlich eines der Haupt-Ärgernisse, zu kleiner Text auf einer ungeraden Oberfläche mit schlechtem Kontrast.

Android für Blinde – der Einstieg

Android ist eine gute Alternative zu iOS. In diesem Beitrag möchte ich wechselwilligen Blinden eine kleine Hilfe geben.
Zwar ist VoiceOver sauberer implementiert und es gibt mehr barrierefreie Apps für Blinde im Apple-Universum. Doch es bleibt der hohe Anschaffungspreis, die Probleme eines geschlossenen Systems und die ziemlich unverschämten Preise für simpelstes Zubehör.
Nebenbei bemerkt hat VoiceOver auch seine Macken, die es seit Jahren mitschleppt. Dazu gehört, dass der Cursor häufig auf das erste Element zurückspringt, obwohl man bereits ein anderes Element fokussiert hat.

Empfehlenswerte Geräte

Wer mit einem Android-Gerät liebäugelt, sollte nicht das billigste nehmen. Die Performance des Geräts sowie die Qualität des Touchscreens – sprich die Berührungsempfindlichkeit – macht relativ viel aus, für Blinde sowieso. Es macht keinen Sinn, ein 100-Euro-Handy mit einem 600-Euro-Iphone zu vergleichen.
Ein Vorteil von Android ist, dass der Screenreader Talkback unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert werden kann. Das heißt, selbst bei einem veralteten Android kann Talkback noch eine Zeitlang upgedatet werden. Bei iOS sind VoiceOver-Updates an das Betriebssystem gebunden. Mein iPhone 5 c erhält keine Updates für iOS mehr, ebenso ergeht es VoiceOver.
Dennoch empfehle ich dringend ein Gerät, welches mindestens zwei Jahre Updates erhält. Derzeit versprechen das vor allem die Geräte, die von Google selbst angeboten werden. Daneben verspricht Motorola für die Moto-Reihe Updates. HDM hat die Markenrechte an Nokias Smartphone-Sparte und bietet mit den Geräten Nokia 3, 5, 6 7 und 8 teils sehr preiswerte Geräte und verspricht zeitnahe Updates. Die letztgenannten scheinen mir deshalb am empfehlenswertesten. Wie gesagt sind hier die teureren Geräte mit besseren Displays zu empfehlen. Alternativ könnt ihr nach Geräten mit Android One Ausschau halten. Es handelt sich dabei um Android, wie es von Google selbst angeboten wird ohne teils sinnfreie und vor allem nicht-barrierefreie Erweiterungen. Zudem verspricht Android One schnelle Updates für zwei Jahre sowie Sicherheits-Updates für drei Jahre.
Bezüglich der Samsung-Geräte wird unterschiedliches berichtet. Samsungs eigener Screenreader scheint einige Vorzüge zu haben, wird aber alles in allem nicht so dynamisch weiterentwickelt wie TalkBack.
Dringend abraten möchte ich vom Amazon Fire-Tablet. Ich hatte hier den 7-Zöller aus 2016 in Gebrauch mit einem veralteten Android 5.1.1, einem miserablen Screenreader und einer schlechten Performanz. Das Gerät taugt bestenfalls dazu, die Amazon-Dienste zu nutzen. das geht aber auch mit jedem anderen Tablet.

Talkback Einschalten

Leider gibt es bei Android keine einheitliche Möglichkeit, um Talkback beim ersten Gerätestart zu aktivieren. Am häufigsten ist, zwei Finger auf den Screen zu legen und zu warten, bis Talkback gestartet ist.
Es kann passieren, dass Talkback auf Englisch redet, aber die Oberfläche Deutsch ist. Das war bei meinem Motorola G2 der Fall. Wegen solcher Probleme empfehle ich, Talkback mithilfe eines sehenden einzurichten, bis alles eingerichtet ist und das Gerät auf Deutsch quatscht. Ist das Gerät einmal eingerichtet, sollte TalkBack automatisch Deutsch sprechen, ansonsten geht einmal in die Stimm-Einstellungen.
Bei TalkBack gibt es ein Lernprogramm für die Gesten. Dies kann man am Anfang durchlaufen, kann es aber auch später durchführen.
Die Erkundung des Bildschirms erfolgt ebenso wie beim iPhone durch einfaches Streichen über den Bildschirm. Der Aufbau entspricht dem iPhone: Oben die Statuszeile, darunter die Apps, unten das Dock mit den Apps, die auf jeder Site angezeigt werden, darunter die Schaltflächen für zurück, Startseite und der App-Switcher.
Mit einem Wisch von links nach rechts wechselt ihr zwischen einzelnen Apps, Buttons und anderen Elementen.
Mit einem Wisch von oben nach unten oder von unten nach oben wechselt man die Lese-Einheit, ähnlich wie beim iPhone der Rotor.
Die Talkback-Einstellungen erreicht man am schnellsten über das globale Kontextmenü mit der L-Geste, den Finger von oben nach unten und nach rechts ziehen. Dort findet man auch wichtige Befehle wie von oben an lesen oder vom nächsten Element an lesen. Nebenbei gesagt finde ich das einsteigerfreundlicher als bei iOS, wo es solche visuellen Menüs kaum gibt. Geübte Nutzer werden aber eine Geste für solche häufig gebrauchten Aktionen vorziehen. Das lässt sich in TalkBack in den Einstellungen selbst konfigurieren.
Die Mainstream-Apps wie Google Maps, WhatsApp und Facebook sind ähnlich nutzbar wie bei iOS. Generell findet man auch bei Apps, die eigentlich barrierefrei sein sollten bei Android häufiger unbenannte Elemente. Ob das an Android oder an der Unachtsamkeit der Entwickler liegt, kann ich nicht sagen. Auch blindenspezifische Apps wie Blindsquare oder Ariadne sind eher bei iOS zu finden. Dennoch ist die Auswahl an Hilfs-Apps auch bei Android nicht schlecht: Es gibt Via opta NAV, Farberkennungs-Apps oder die DZB-App der Hörbücherei zur Ausleihe von Hörbüchern. Sicherlich wird Microsoft seine App Seeing AI auch für Android bereit stellen. Wer auf solche Apps angewiesen ist, sollte prüfen, ob es bei Android brauchbare Alternativen gibt.
Mit der kostenlosen App Audex lassen sich Buttons beschriften. Diese Beschriftungen können online zur Verfügung gestellt werden, so dass sie auch anderen blinden Android-Nutzern zur Verfügung stehen. Vielleicht ist das auch eine schnelle Möglichkeit für Entwickler, ihre App kurzfristig barrierefrei zu machen. TalkBack selbst bietet die Möglichkeit, unbeschriftetete Elemente zu beschriften.
Mit der App BrailleBack kann eine Bluetooth-Braillezeile gekoppelt werden. Meine Braillezeile wurde auf Anhieb erkannt.

Informationsquellen zu Android für Blinde

Google stellt mittlerweile ausführliche Informationen zu TalkBack auf Deutsch bereit.
Es gibt eine deutschsprachige Android-Mailingliste sowie diverse WhatsApp-Gruppen. Wer Englisch kann, sollte sich die Mailingliste “EyesFree” anschauen, sie dreht sich um TalkBack. Zu beachten ist allerdings, dass diese Mailingliste sehr aktiv ist, manche mögen das ja nicht.

Mein Rückblick auf das Camp Nimm

Am 14.9. hat das erste Barcamp zum Thema Inklusive Medienarbeit stattgefunden. Hier kommt mein kleiner Rückblick.
Die Lokation war die Jugendherberge in Düsselldorf. Für eine Jugendherberge wirkte das Gebäude recht modern. Vielleicht sind aber auch meine Vorstellungen von Jugendherbergen veraltet. Bleibt nur noch der Rückblick auf die von mir besuchten Sessions.
Ich selbst habe eine kleine Session zum Thema barrierefreies Internet abgehalten. In meinen eigenen Sessions finde ich es immer interessant zu erfahren, warum die Teilnehmer kommen und welche Fragen sie mitbringen. In der Regel kommen sie tatsächlich dann, wenn sie das Thema Barrierefreiheit aktuell und konkret betrifft. Was ich nicht so kritisch finde. Es gibt vieles, mit dem man sich beschäftigen muss und das auf Vorrat zu tun bringt meistens nichts. Als Fazit meiner Session kann man sagen, dass Barrierefreiheit im Internet sich mit relativ geringen Ressourcen umsetzen lässt. Dazu werdet ihr in nächster Zeit noch von mir hören.
Session Nr. 2 von Cinderella Glücklich drehte sich um die Arbeit von Leidmedien. Als Erkenntnis nehme ich mit, dass es da noch viel zu tun gibt und dass es wichtig ist, als Behinderter mehr mit den Medien in Kontakt zu treten, um sie auf Diskriminierungen aufmerksam zu machen. Das Ganze sollte respektvoll erfolgen und nicht in Shitstorm-Manier.
Die dritte Session vom Projekt barrierefrei kommunizieren drehte sich um die Arbeit mit jungen Geflüchteten. Wenn ich Notizen gemacht hätte, könnte ich jetzt auch ein Fazit ziehen.
Barcamps zum Thema Inklusion sind ja fast ein Klassentreffen. Es ist immer schön, alte Bekannte wieder zu treffen und da ist ein Barcamp einfach die perfekte Gelegenheit.
Gut gefallen hat mir, dass das Thema Inklusion nicht nur in Bezug zu Behinderung gefasst wurde. Auch Flüchtlingsarbeit wurde explizit genannt, doch geht es bei Inklusion generell um den einbezug benachteiligter Gruppen in die Gesellschaft. Und die Methoden unterscheiden sich in der konkreten Arbeit nicht so stark.
Leider wurde nur wenig getwitter. Bei meinem Notebook war der Saft alle und auf dem Smartphone kann ich nicht gut tippen, ansonsten hätte ich auch mehr getwittert. Aber durch die Etherpads ist ja quasi eine alternative Dokumentation entstanden.
Insgesamt hat mir das Barcamp gut gefallen und ich freue mich, wenn es eine zweite Auflage gibt.

Warum es Großstädte eigentlich nicht geben dürfte

Die Großstadt hat zu allen Zeiten eine große Anziehungskraft. Heute ist die Urbanisierung vor allem in Dritte-Welt-Staaten ein Megatrend.
Doch ist die reine Existenz der Großstadt unwahrscheinlich. Dazu muss man sich nur ihre vielen Nachteile anschauen.

Die Nachteile der Siedlung

In den Frühzeiten der Menschheit schlossen sich unsere Vorfahren zu kleinen Gruppen zusammen. Sie lebten im Wesentlichen nomadisch, grasten eine Landschaft ab, müllten sie voll und zogen weiter. Die Gemeinschaft bestand wahrscheinlich aus bis zu 150 Individuen, eine Gruppe, die sich nach allgemeiner Meinung gut überschauen lässt und in der jeder jeden kennt. Wurden die Gruppen zu groß, teilten sie sich auf.
Aus einem Grund, über den Wissenschaftler viel spekulieren, fingen die Menschen an, Landwirtschaft zu betreiben. Das erfordert Seßhaftigkeit: Die Felder müssen bewacht, gepflegt und von Insekten befreit werden. Die Menschen hörten auf, umherzuziehen und bauten sich feste Behausungen.
Durch das erhöhte Nahrungsangebot stieg die Bevölkerung schnell an. Jäger und Sammler wurden durch den demografischen Wandel und die bessere Organisation der Siedler allmählich verdrängt. Kleine Dörfer wurden immer größer. Die erste Arbeitsteilung entstand.
Die Siedlungen wurden immer komplexer. Es gab Handwerker, welche die Gerätschaften herstellten. Es gab Leute, die sich um die Bewässerung kümmerten. Und je komplexer die Siedlung wurde, desto wichtiger war eine Verwaltung. Es ergab sich eine Arbeitsteilung.
Doch bot die Siedlung auch Nachteile. Je größer die Zahl der Menschen, desto größer ist auch die Zahl an Krankheitserregern. Diese konnten sich rasend schnell in der Siedlung verbreiten. Durch den Handel mit anderen Siedlungen breiteten sich die Krankheiten auch über andere Orte aus.
Der Abfall der Siedlung lockte auch Ungeziefer wie Ratten und Mäuse an, die ihrerseits Krankheitserreger mitbrachten.
Nebenbei brachte die Landwirtschaft ein weiteres Problem, dessen Tragweite wir erst heute richtig zu spüren bekommen: Das Getreide. Getreide liefert reichlich Kalorien auf Basis von Kohlenhydraten. In der Natur gibt es solche Produkte nicht. Mehl und Zucker sind die Hauptursachen für Karies, Diabetes und Übergewicht.

Der Stress der Stadt

Wie oben erwähnt kennen wir in einer kleinen Gruppe fast jeden Menschen zumindest vom Sehen. In einer größeren Siedlung ist es jedoch wahrscheinlich, dass wir nicht jeden Menschen kennen.
Während es auf einem Dorf wahrscheinlich ist, dass man jemanden vom Sehen kennt, ist das in der Großstadt extrem unwahrscheinlich. Gleichzeitig kommt man sich näher, ohne dies zu wollen: Im Supermarkt, im Bus, in der Kantine. Hier zeigt sich, dass wir auf das Leben in der Großstadt im Grunde nicht eingerichtet sind. Wir schauen weg, lesen ein Buch, spielen mit dem Handy oder schließen die Augen. Wir gehen einander und Konflikten mit Fremden möglichst aus dem Weg. Doch bleibt das Leben in der Großstadt eine psychische und physische Herausforderung. Man merkt das vor allem im Straßenverkehr. Hat jemand schon einmal ein aggressiveres Völkchen als die Autofahrer kennengelernt?

Der große Gestank

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Großstadt vor allem eines: Eine Ansammlung von unangenehmen Gerüchen. Wer dies live erleben will, sollte sich Bombay oder Kairo anschauen. Der große Gestank von London hat es sogar in die Geschichtsbücher geschafft.

Anonymität als Fluch und Segen

Die Großstadt bedeutet für viele Menschen Freiheit. Jemand ist schwul, gehört einer niedrigen Kaste an, der falschen Religion oder ist das Falsche? In der Großstadt ist das nicht egal, aber man hält sich weitgehend aus dem Leben der Anderen raus. Auf dem Dorf, wo jeder alles über jeden weiß, sieht das anders aus.
Doch hat die Anonymität auch ihre Nachteile: Assoziales Verhalten gehört in der Stadt eigentlich zum Standard. Einen Platz im Bus für einen Behinderten frei räumen? Jemandem helfen, der verlezt ist? Jemandem den Weg erklären? Ein Großstädte lernt schnell, sich rauszuhalten. Irgendwer anderes wird sich schon kümmern.

Die Masse isoliert

In der Masse kann man wunderbar untertauchen. Doch ist es ebenso wahrschenlich, dass man in der Masse vereinsamt. Die Zahl der Singles, der allein wohnenden Senioren und der insgesamt Vereinsamten nimmt stetig zu. Obwohl man jeden Tag hunderten von Menschen begegnet, können echte Kontakte nur schwer zustande kommen. Auf dem Dorf gibt es zumindest noch den Schützenverein oder die Kirche. Natürlich kann man auch dort isoliert werden. Doch ist die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich geringer.

Blinde und Emojis

In letzter Zeit wurde ich öfter gefragt, wie Blinde mit Emojis umgehen. Kriegen sie das überhaupt mit, wenn jemand diese bunten Symbole verwendet? Und verwenden sie sie selbst? Die Antwort ist ein klares Jein.

Das Smartphone

Emojis hätten sich wohl ohne Smartphone nicht wirklich durchgesetzt. Niemand würde sich eine zweite Tastatur mit lustigen Bildchen auf den Schreibtisch stellen. Auf dem Handy kann man im Prinzip beliebig viele unterschiedliche Tastaturen bereit stellen.
Zudem bringen die Emojis einen Gefühlszustand sehr schnell auf den Punkt. Für Sehende sind sie intuitiver als Emoticons oder Kürzel wie LOL und ROFL. Da das Tippen von Text auf dem Handy kein Spaß ist, haben sich Emojis hier schnell durchgesetzt.
Sie dominieren vor allem in sozialen Netzwerken und in Chat-Apps wie WhatsApp. Dort werden sie auch von Blinden eingesetzt. Das ginge natürlich nicht, wenn sie nicht auch vorgelesen würden.
Die Emojis werden teils exzessiv beschrieben:
„Klatschende Hand mit heller Hautfarbe“
„Gesicht mit Brille und Hasenzähnen“
„Lächelndes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen“
Bei den in iOS und Android integrierten Emoji-Tastaturen werden zu den einzelnen Emojis vorgelesen. Bei Emojis, die mit anderen Tastaturen stammen, kann es sein, dass sie nicht vorgelesen werden.

Desktop

Auf dem Desktop sieht die Sache ein wenig anders aus. Der Screenreader NVDA ignoriert Emojis standardmäßig. Es gibt aber ein kostenloses Addon, welches die Beschreibungen vorlesen kann.
Jaws 18 – also die aktuelle Version – liest ebenfalls die Beschreibungen vor.
Bei VoiceOver auf dem Mac ist mir die Situation nicht bekannt. Ich gehe aber davon aus, dass Mac-VoiceOver die Beschreibungen ebenso vorliest wie iOS-VoiceOver, alles Andere würde mich doch sehr wundern.

Wo kommen die Beschreibungen her?

Wichtig zu wissen ist, dass die Beschreibungen vom Unicode-Konsortium stammen und damit quasi allgemeinen Charakter haben. Weder Apple noch Google denken sich die Beschreibungen selbst aus. Das ist für uns Blinde insofern wichtig, dass wir system-übergreifend die gleichen Beschreibungen bekommen.
Das heißt aber auch, dass Emojis, die nicht Teil des Unicode-Standards sind auch nicht beschrieben werden. Man kann zwar in den Tastaturen Beschreibungen hinterlegen. Diese werden aber nicht vorgelesen, wenn die Emojis ins Textfeld eingefügt werden. Der Empfänger kriegt sie schon gar nicht vorgelesen, selbst wenn er die gleiche Tastatur wie der Absender installiert hat. So etwas wie einen Alternativtext für Emojis gibt es nicht.
Wenn ihr mit Blinden kommuniziert, solltet ihr vor allem die Häufung von Emojis vermeiden. Ihr habt die Beschreibungen oben gesehen. Stellt euch vor, ihr kriegt so etwas zehn oder 20 Mal innerhalb einer Nachricht vorgelesen. Die Nachricht wird künstlich aufgebläht und für uns ist es schwierig, solche Texte zu überspringen. Generell spricht aber nichts gegen deren Einsatz in der privaten Kommunikation.

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