Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Digitale BraillezeileAls Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

Barrierefrei bloggen

barrierefrei bloggen Blogs sind nicht mehr der letzte Schrei, haben sich aber als Medium etabliert. In diesem Beitrag bekommt ihr einige Tipps, wenn ihr barrierefrei bloggen möchtet.
Barrierefrei bloggen lässt sich in einem doppelten Sinne verstehen: Es gibt zum einen behinderte, die bloggen möchten, zum anderen kann man Content für Behinderte optimieren. Um dem plakativen Titel gerecht zu werden, gehe ich auf beide Themen ein.
Als Behinderter bloggen
Wer sich nicht mit der Technik herumschlagen möchte, findet generell zwei große frei gehostete Lösungen im Internet: Blogger.com im Eigentum von Google sowie wordpress.com betrieben von den Entwicklern von WordPress. Generell scheinen beide Lösungen für Behinderte zu funktionieren, wobei WordPress vor allem für Blinde besser geeignet zu sein scheint.
Wordpress kann außerdem selbst gehostet werden, bei der Funktionalität unterscheiden sich beide Versionen nicht großartig.
Wordpress ist in den Grundzügen für Blinde und Tastaturnutzer gut bedienbar: Das heißt schreiben, editieren und verwalten von Beiträgen. Dabei ist es von Vorteil, wenn man HTML oder eine andere Auszeichnungssprache beherrscht, damit man die Beiträge korrekt formatieren kann. Der Texteditor TinyMCE ist zwar prinzipiell bedienbar und per Shortcuts verwendbar, aber doch ein wenig hakelig. Außerdem bietet er nicht von Haus aus alle Editier-Funktionen, die man braucht, es fehlt zum Beispiel ein Befehl für Zwischenüberschriften.
Größere Schwierigkeiten kann es beim Thema Design sowie der Mediathek geben. Die Organisation der Menüstruktur sowie das Ziehen der Widgets ist im Wesentlichen für Mausnutzer optimiert. Bei der Mediathek kann es ähnliche Probleme geben. Hier ist zu überlegen, ob man sich als Blinder die Hilfe von Sehenden holt.

Content für Behinderte optimieren

WordPress bietet von Haus aus einige nützliche Funktionen, um Inhalte für Behinderte zu optimieren.
Zunächst solltet ihr die Erweiterung TinyMCE Advanced installieren, sie bietet wesentlich mehr Editierfunktionen als der Standardeditor. Verzichtet bitte auf das Fetten oder Kursivstellen von hervorgehobenen Text. Mit TinyMCE Advanced könnt ihr Zwischenüberschriften erstellen, Abkürzungen und Akronyme auszeichnen sowie Listen korrekt formatieren. Zu vermeiden sind unterschiedliche Schriftgrößen und Schriftfarben im Fließtext, das ist nicht nur nicht barrierefrei, sondern sieht auch unprofessionell aus.
Wenn ihr Bilder in die Mediathek hochladet, könnt ihr bereits an dieser Stelle einen Alternativtext einfügen und speichern. Der Alt-Text ist dann hinterlegt und wird bei der nächsten Verwendung des Bildes automatisch eingefügt.

Nützliche Plugins

Mit der Erweiterung WP Accessibility könnt ihr ein paar kleine Funktionen für WordPress nachrüsten. So gibt es eine Funktion zur Schriftvergrößerung sowie eine einschaltbare Kontrastansicht. Eigentlich gelten solche Erweiterungen als unerwünscht, weil weil sie nicht immer einwandfrei funktionieren. Aber großen Schaden richten sie auch nicht an.
Der WordPress Access Monitor hilft dabei, den WordPress-Blog auf Barrierefreiheit zu überprüfen.
Mit Hurraki View werden Begriffe aus den eigenen Texten mit dem Wörterbuch von Hurraki verlinkt. Hurraki ist ein Wörterbuch, das schwierige Begriffe in einfacher Sprache erläutert.
Weitere Tipps werde ich bei Bedarf ergänzen.

Webseiten und Apps mit VoiceOver testen – eine Anleitung für Sehende


Für Sehende ist das Testing von Webseiten und Apps auf Screenreader-Tauglichkeit nicht immer ganz einfach. Im Folgenden biete ich euch eine kleine Anleitung dafür. Es können natürlich nur iOS-Apps getestet werden, ansonsten kann VoiceOver aber natürlich auch für Webanwendungen oder im redaktionellen Bereich verwendet werden.
VoiceOver ist ein Screenreader, der in allen iPads und allen iPhones ab der Version 3 Gs fest integriert ist. Er bringt eine für Sehende ausreichend gute Sprachausgabe mit. Dei Features qualifizieren ihn aber als ideale Testumgebung für Sehende:

  1. Er ist – wie schon erwähnt – auf allen Geräten vorhanden und erfordert keine zusätzliche Installation.
  2. Er ist vergleichsweise intuitiv benutzbar. Desktop-Screenreader erfordern vor allem von Sehenden einen erheblichen Lernaufwand, da man sich zahllose Tastenkombinationen präsent halten muss.
  3. Ein besonderer Vorteil von VoiceOver ist das Rechteck, mit dem ein fokussiertes Objekt hervorgehoben wird. Dadurch kann der Sehende erkennen, welches Objekt fokussiert wird und weiß, ob das, was ausgesprochen wird mit dem übereinstimmt, was er sieht und was da sein sollte. Diese Hervorhebung habe ich noch bei keinem anderen Screenreader gesehen, es ist aber eine erhebliche Erleichterung vor allem auf kleinen Displays.

Von dem her lässt sich VoiceOver sowohl für redaktionelle als auch für entwicklungstechnische Zwecke nutzen.
Ein weiteres Feature, das ich lustigerweise gerade erst endeckt habe macht die Anwendung noch mal interessanter: VoiceOver lässt sich auch größtenteils mit einer Tastatur steuern, zum Beispiel mit einem externen Bluetooth-Keyboard. Man kann also auch klassiche Features eines Desktop-Screenreaders verwenden.

Was ändertz sich durch VoiceOver?

Wenn VoiceOver aktiviert ist, ändert sich die Nutzung des iPhones. Zum Einen wird jedes fokussierte Objekt ausgesprochen. Zum Anderen ist ein Doppeltipp statt einem Einfach-Tipp erforderlich, um eine Anwendung zu starten oder eine Aktion auszulösen. Ein Tipp spricht das Objekt oder die Funktion, ein Doppeltipp startet es. Gescrollt wird mit drei statt mit zwei Fingern. Um einen Slider zu bedienen, muss selbiger zunächst fokussiert werden, dann wird er für einen Moment gehalten, bis ein Audio-Feedback ertönt, dann wird der Slider verschoben. Um sich von einem Objekt zum nächsten zu bewegen, wischt man mit dem Finger von links nach rechts bzw. von rechts nach links.
Ein wichtiges Feature ist der Rotor, damit kann man steuern, was die Wischbewegung von oben nach unten bzw. von unten nach oben auslöst. Der Rotor wird bedient, indem man zwei Finger auf das Display legt und die Finger im oder entgegen des Uhrzeigersinnes dreht. Dadurch kann man etwa steuern, ob die Wischbewegung das Sprechtempo erhöht oder ob man von Überschrift zu überschrift springen kann und so weiter.
So viel erst mal zur grundsätzlichen Bedienung. VO findet ihr in den Bedienungshilfen unter Einstellungen -> Allgemein.

Testing von Apps

Ich gehe mal davon aus, dass eure Progammierer sich an die Apple Guidelines zur Gestaltung von Apps gehalten haben, ansonsten kann man sich auch das Testen gleich sparen. Das Testen von Apps ist relativ simpel. Grundsätzlich muss geprüft werden

  • ob alle Elemente mit der Wischgeste erreichbar sind und zwar bitte in der richtigen Reihenfolge, das heißt, von links nach rechts und von oben nach unten
  • ob alle Elemente korrekt als Eingabefeld, Schalter, Schieberegeler, Text, Grafik mit Beschreibung für Blinde etc. angesagt werden
  • – ob alle Elemente mit aktiviertem VO bedienbar und ausfüllbar sind.

Testen in der Redaktion

Hierfür ist es natürlich notwendig, dass eure Inhalte übers Web erreichbar sind bzw. im Redaktionssystem quasi fertig gerendert angezeigt werden.
Hier könnt ihr überprüfen, ob alle Grafiken einen Alternativtext haben, indem ihr die Grafik mit dem Finger berührt, mit der Wischgeste könnt ihr überprüfen, ob alle Überschriften ausgezeichnet wurden und so weiter. Hier kann es sein, dass ihr mit dem oben erwähnten Rotor arbeiten müsst. Oder ihr arbeitet mit einer externen Tastatur, eine Liste der Tastaturkürzel gibt es bei iFun. Ich wünsche euch viel Spaß.

Online-Banking für Blinde

Bankingportal der Sparkasse KölnBonnInternet-Banking ist für Blinde optimal, da mittlerweile Vieles, was mit Bankgeschäften zu tun hat, digital abgewickelt werden kann. Leider darf man die Banking-Lösungen nicht vorher ausprobieren, so dass man oft ins kalte Wasser springen muss. Für Diejenigen, die ihre Bank wechseln oder ein neues Konto eröffnen möchten, habe ich hier einige Erfahrungen zusammengefasst.
Ich persönlich werde bis auf Weiteres meine Bankgeschäfte auf dem Rechner und nicht per Smartphone machen. Daher habe ich die Banking-Apps der Anbieter im Einzelnen nicht angeschaut.

Sparkasse KölnBonn

Mein erstes Girokonto habe ich vor gut 20 Jahren bei der Sparkasse Marburg eröffnet. Damals wussten wir noch nichts von online und die ständige Verfügbarkeit von Geld war nicht so wichtig. Später wechselte ich zur Sparkasse KölnBonn.
Der erste Versuch mit Online-Banking bei der Sparkasse KölnBonn war ein Reinfall. Es handelte sich um eine Textversion mit ein paar Formularelementen. Alles, was man tun konnte war Umsatzabfrage und Überweisungen. Noch dazu hatte die Lösung ständig mit Ausfällen zu kämpfen.
Ich wechselte also rüber zur klassischen Ansicht. Sie lässt sich bis heute gut bedienen, auch wenn die Strukturierung zu wünschen lässt. So gibt es keine Überschrift für den eigentlichen Inhaltsbereich. Ansonsten lassen sich aber alle wesentlichen Aufgaben wie Überweisungen, Daueraufträge oder Rückbuchungen blind erledigen.
Die Sparkasse hat vor einiger Zeit auf mTan oder ChipTAN umgestellt, womit die Tan-Listen obsolet wurden. Das mTan-Verfahren sollte für Blinde kein Problem sein. Dabei kriegt man eine Tan sowie die Transaktionsdaten aufs Handy geschickt und kann sie dort überprüfen, bevor man den Vorgang abschließt.
Das chipTAN-Verfahren ist auch für Blinde prinzipiell zugänglich, sofern sie keinen Flicker-Code vom Bildschirm abscannen müssen. Leider scheint es derzeit sage und schreibe ein einziges sprechendes chipTAN-Lesegerät zu geben, das schlappe 50 Euro kostet. Konventionelle Lesegeräte kosten zehn Euro. Der Preisunterschied erscheint mir in Zeiten von iPhone und Co. nicht mehr gerechtfertigt.
Ich habe mich trotzdem entschlossen, mein Konto bei der Sparkasse aufzulösen. Statt mir meine Kontoauszüge auf Dauer digital zur Verfügung zu stellen, besteht die Sparkasse darauf, mir selbige nach einer gewissen Zeit auf Papier zuzusenden – natürlich auf meine Kosten. Die elektronischen Kontoauszüge werden nach einigen Wochen gelöscht. Bei der Sparkasse hat man nicht verstanden, dass man solche Dinge heutzutage digital erledigen und nicht alle paar Wochen zum Auszugsautomaten rennen möchte. Dafür, dass sie mir die Kontoauszüge gegen meinen Willen ausgedruckt zusenden war ich allerdings nicht bereit, gut 50 Euro Gebühren pro Jahr zu zahlen. Bei der Sparkasse hat man offenbar nicht verstanden, was Kundenfreundlichkeit bedeutet.
Leider weiß ich nicht, ob es eine Standardlösung für alle Sparkassen gibt oder ob jede Sparkasse ihre eigene Lösung bastelt, von dem her lassen sich diese Erfahrungen nicht unbedingt auf andere Sparkassen übertragen.

Ing DiBa

Auch die Lösung der Ing DiBa funktioniert gut. Da es sich hier um eine Direktbank handelt, können fast alle Geschäfte übers Internet erledigt werden. Die Anmeldung läuft über Benutzername und Passwort, gefolgt von der Eingabe des DiBa-Keys, der über einen auf dem Bildschirm eingeblendeten Nummernblock eingegeben wird. Da es sich um HTML-Buttons handelt, die korrekt beschriftet sind, ist das blind kein Problem. Auch bei Banking selbst ergaben sich bisher keine Probleme. Die DiBa blendet im Internet-Banking den Rest der Website aus, was die Sparkasse nicht tut. Dadurch reduziert sich der Umfang der Bedienelemente, was nicht nur für Blinde eine große Erleichterung ist.
Leider verwendet die DiBa allerdings noch das Verfahren der indizierten Tans zur Autorisierung von Transaktionen. Das ist nicht wirklich barrierefrei. Zwar kann man sich die Tans natürlich digitalisieren, aber dann muss man sie an einem sicheren Platz aufheben, also nicht auf dem Computer, auf dem man das Banking betreibt. Ich hoffe allerdings, dass die DiBa irgendwann auf mTAN oder ein anderes Verfahren umstellt.
Zudem gibt es bei der DiBa eine Reihe unbeschrifteter Elemente. Deren Funktion kenne ich leider nicht, da ich sie natürlich nicht anklicke.

DKB

Die DKB bietet wie die DiBa ein kostenloses Girokonto. Auch hier lockt im Banking ein relativ schlichtes Interface. Im Banking konnte ich bisher keine Probleme feststellen.
Die DKB setzt für die Autorisierung auf eine eigene App, die im Prinzip nix anderes tut als eine TAN zu generieren. Man braucht also entweder einen chip-TAN-Generator oder ein halbwegs aktuelles Smart Device, um Bankgeschäfte über die DKB abzuwickeln.

commdirect

Die commdirect ist der dritte große Anbieter von Girokonten. Auch hier ist das Banking für Blinde problemlos möglich. Zusätzlich bietet sie Tools zur Vermögensverwaltung, die ich mangels vermögen nicht ausprobiert habe. commdirect setzt wie die DiBa auf das indizierte TAN-Verfahren, das scheint doch nicht so out zu sein, wie ich dachte.

Fazit

Trotz sehr unterschiedlicher Lösungen sind die hier genannten Anwendungen gut nutzbar. Insgesamt scheinen die Direktbanken mehr Energie in ein sauberes Interface zu stecken, das würde der Sparkasse KölnBonn auch gut anstehen. Wer das indizierte TAN-Verfahren für zu unsicher hält, sollte die DKB vorziehen. Ansonsten kann ich aber keine klare Empfehlung für die eine oder andere Bank abgeben.

Die Zukunft der Bildbeschreibung Teil II – komplexe Bilder beschreiben

Ein mit bunten Buchstaben dekorierter ZaunIm ersten Teil habe ich dargestellt, dass der Alternativtext heute nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Für dekorative Bilder ist er in der Regel ausreichend. Allerdings ließe sich der Prozess der Bildbeschreibung für solche Bilder weitgehend automatisieren.
Anders sieht es bei komplexen Grafiken aus. Für ein Diagramm kann mit einem Alternativtext bestenfalls seine grobe Tendenz beschrieben werden. Im Folgenden möchte ich ein paar Ansätze vorstellen, wie sich das Problem lösen lässt.

Navigierbare Beschreibungen

Für komplexe Grafiken erscheint es am sinnvollsten, wenn man sie mit einem Teil des HTML-Standards beschreiben könnte. Das heißt, wir haben Überschriften, Paragraphen, Tabellen und die weitere Elemente. Für Sehende wären diese Beschreibungen natürlich nicht oder nu auf Anforderung sichtbar.
Der Vorteil besteht darin, dass wesentlich mehr strukturierte Informationen untergebracht werden können als in einem simplen Alternativtext oder einer Long Description. Ich fände es auch nicht schlecht, wenn diese Beschreibung optional auch von hochgradig Sehbehinderten oder visuellen Analphabeten gelesen werden könnte. Zumindest für Blinde könnte man das heute schon umsetzen, in dem man Techniken einsetzt, die Inhalte aus dem für Sehende wahrnehmbaren Bereich der Seite verschieben. In der Regel ist es aber besser, sich an die Standards von HTML zu halten.
Eine Möglichkeit für quantitative Diagramme, die aus einer Tabelle erzeugt wurden besteht darin, die Tabelle in der Grafik zu hinterlegen. In PDFs werden oft aus Platzgründen Tabellen weggelassen, doch sie bieten sowohl für Sehbehinderte als auch für Blinde die beste Alternative zu einer solchen Grafik. Auch hier sollte es möglich sein zu tricksen, in dem man zum Beispiel der Tabelle eine Ausdehnung von 0 Pixel gibt, aber korrektes HTML zur Auszeichnung einsetzt oder indem man sie einfach aus dem sichtbaren Bereich schiebt.

Beschreibung von Einzel-Elementen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die relevanten Segmente von Vektorgrafiken einzeln zu beschriften und für Screenreader zugänglich zu machen. Ich stelle mir vor, dass man dann mit den Cursortasten des Computers zum Beispiel ein Organigramm systematisch durchgehen kann. Oben steht die Geschäftsführung, mit einem Druck auf Pfeil runter landet man in der zweiten Führungsebene, mit links und rechts kann man sich in dieser Ebene bewegen, mit Pfeil runter geht man in die zweite Führungsebene und so fort. So ließen sich auch Logistikketten und andere komplexe Grafiken erschließen. Für das Verständnis nicht relevante Elemente wie Verbindungslinien sollten für den Screenreader ausgeblendet werden. Formate wie SVG sind ohnehin textbasiert, so dass sich solche Informationen problemlos unterbringen ließen.

Alternativen sind unabdingbar

Wie auch immer die Lösung aussehen wird, klar ist, dass wir Alternativen zum Alternativtext brauchen. Komplexe Grafiken spielen für fast alle Arbeitnehmer sowie Studierende eine große rolle. Die Anforderungen können vom Alternativtext nicht abgedeckt werden.

Technik-Konservatismus unter Blinden

Immer wieder fällt mir auf, wie konservativ viele Blinde gegenüber Neuerungen im Technikbereich sind. Dieser Technik-Konservatismus, wie ich das Problem nennen möchte, behindert die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit.

Beispiel Windows

Ein Gutteil der hartnäckigen User von Windows XP dürften Blinde sein, die nicht updaten wollten oder konnten. Neulich klagte jemand auf unserer englischen NVDA-Liste darüber, dass man keine Rechner mit Windows XP mehr bekommen würde. In der deutschen Liste wurde mit haarsträubender Begründung empfohlen, Windows 7 zu nutzen, als ob es dafür noch halbwegs brauchbare Hardware gäbe. Windows 8 sei nur mit Classic Shell zu gebrauchen. Diese Anmerkung kam wohlgemerkt von jemandem, der im IT-Bereich arbeitet.
Zur Erinnerung, der Mainstream-Support für Win 7 ist Anfang 2015 eingestellt worden. Es ist äußerst zweifelhaft, dass MS jenseits des Unternehmensbereiches noch nennenswert Ressourcen für Win 7 aufwenden wird, zumal in der Zwischenzeit zwei aktuellere Systeme veröffentlicht wurden, die MS mit aller Gewalt in den Markt drücken möchte. Man mag von Win 8 und höher halten, was man möchte, sicher ist aber, dass die Sicherheitsarchitektur neurer Betriebssysteme deutlich besser ist, ein Punkt, der bei der Empfehlung von Win 7 außer Acht gelassen wird.
Noch geringer ist die Bereitschaft, neue Betriebssysteme wie Linux oder den Mac auszuprobieren. Zugegebenermaßen gibt es hierfür auch zu wenig Support in der Blinden-Community, in den Bildungs-Einrichtungen oder durch kommerzielle Hilfsmittelfirmen wird gleich gar keine Unterstützung angeboten.

Beispiel 2: Mailinglisten

Das Trauerspiel geht weiter bei Mailinglisten. Es gibt gefühlt 2000 Mailinglisten von Blinden zu allen möglichen Themen, aber kein einziges deutschsprachiges Forum oder Newsboard mit nennenswertem Zulauf.
Das ist okay, solange sich Blinde untereinander austauschen, das ist blöd, wenn man Sehende einbeziehen möchte. Für Sehende sind Mailinglisten chronisch unattraktiv. Viele Jüngere sind komplett auf WhatsApp, Tumblr oder andere Plattformen umgestiegen, deren Namen ich nicht mehr kenne – bin halt auch schon ein Oldie. Mailinglisten befördern ein wenig diese Einigelungs-Mentalität, die es vor allem unter älteren Blinden gibt.
Wo wir ohne Apple heute ständen, kann ich mir kaum vorstellen. Kein Facebook, kein WhatsApp, nur uralte Software und überteuerte Spezial-Handys mit eingeschränkter Funktionalität.

Screenreader

Ein echtes Hindernis sind veraltete Betriebssysteme, wenn auch noch veraltete Software wie alte Screenreader zum Einsatz kommen. Jaws 9 etwa läuft noch auf Windows XP, unterstützt aber kaum moderne Standards, das Programm ist halt schon zig Jahre alt. Dann muss man sich aber auch nicht darüber wundern, dass viele „modernere“ Anwendungen nicht mehr funktionieren. HTML5, ARIA und so weiter waren in Jaws 9 halt nicht vorgesehen.
Mein Angebot an einige Blinde, ihnen natürlich kostenlos beim Umstieg auf NVDA zu helfen ist undankend abgelehnt worden. Begründung war natürlich die Stimme von NVDA – die eSpeak. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Blinde keine Lust haben, umzulernen. Aus den gleichen Gründen wird auch der Umstieg auf das günstigere Window Eyes abgelehnt, das eine wesentlich humanere Update-Politik hat als Jaws.

Fazit

Ein veralteter Screenreader veraltete Betriebssysteme und Benutzeroberflächen verhindern natürlich auch, dass man an Neuerungen der Barrierefreiheit teilhaben kann. Ich bin mir sicher, dass die Letzten, die sich von Windows XP und 7 verabschieden Blinde sein werden, die nicht in der Lage waren upzudaten oder es nicht wollten. In diesem Fall müssen sie sich aber auch nicht darüber wundern, dass einige Anwendungen und neue Hardware nicht mehr bei ihnen funktionieren. Mein neues Epson Multifunktionsgerät zum Beispiel wurde von Win 10 problemlos erkannt und installiert, während ich auf meinem Win-7-Desktop-Rechner die Treiber manuell nachinstallieren musste. Ich bezweifle aber ehrlich gesagt, dass die iPhone-Generation solche Probleme erkennen geschweige denn beheben könnte.
Wir sind ein wenig an einem toten Punkt angekommen, was die Weiterentwicklung der Desktop-Betriebssysteme angeht. Ich habe ja den direkten Vergleich mit Office 2003 und 2013 und muss sagen, dass sich da bezüglich Barrierefreiheit nicht mehr viel getan hat. Es ist immer noch schwierig, Word oder PowerPoint daran zu hindern, seltsame Schrift-Formatierungen oder Einrückungen in den Text zu machen. Für Blinde ist das unsichtbar, für Sehende sieht das schlicht unprofessionell aus. Schlimmer ist in meinen Augen, dass die Bedienung mit den Ribbons noch ein wenig hakeliger geworden ist und einige Bereiche immer noch nicht vernünftig zugänglich sind. Hat es jemand von euch hinbekommen, vernünftig mit Revisionen eines Dokumentes, also Änderungen nachzuverfolgen, die jemand anderes gemacht hat? Wenn ja, freue ich mich über Tipps. Für mich ist das sowohl mit Jaws als auch mit NVDA ein echter Krampf.
Im Ergebnis heißt das, dass wir nach Alternativen zu den heute gängigen Systemen suchen müssen. Das erfordert aber auch die Bereitschaft, umzulernen.

Windows 10 für Blinde – ein erstes Fazit

Nachdem mein Notebook mich mit einem Update auf Windows 10 zwangsbeglückt hat, möchte ich ein erstes Fazit ziehen.
Vorneweg sei gesagt, dass Win 10 mit der aktuellen Version von NVDA 15.3 gut zu bedienen ist. Ich konnte bislang nur wenige Probleme feststellen. Der Browser Edge ist nur rudimentär zugänglich, aber das Problem ist bekannt. Das Startmenü bedient sich ein wenig holprig, aber das sind die typischen Macken von Windows. Als Blinder sollte man das Update nicht alleine durchführen, da NVDA während der Installation nicht spricht. Da das Update einige Zeit in Anspruch nimmt, kann man nicht wissen, wann das Update fertiggestellt ist. Bei der Einrichtung und Erst-Anmeldung steht NVDA nicht zur Verfügung. Hier sollte man mit Windows + Return den Narrator starten und die nötigen Schritte so durchlaufen.

Barrierefreiheit

Was immer Microsoft mit seinem neuen OS im Sinne hatte, Barrierefreiheit hatte keine hohe Priorität. Viele Blinde hatten darauf gehofft, dass der Narrator weiterentwickelt werden würde, doch Microsoft scheint nach dem Deal mit Window Eyes kein Interesse daran zu haben, das Thema weiter zu verfolgen. Im Center für erleichterte Bedienung ist nichts zu entdecken, dass es in Windows 8 nicht schon gegeben hätte.
So gab es ab Windows 8 den rudimentären Screenreader Narrator sowie eine deutsche Sprachausgabe. Die Spracheingabe war recht brauchbar, die Bildschirm-Lupe war recht gut und lief auch, wenn man nicht das Windows-Standardlayout verwendet hat. Cortana mag für Menschen mit Bewegungseinschränkung Vorteile haben, ist aber laut CT bislang auf Deutsch nicht brauchbar.
An einigen Stellen macht MS Rückschritte. Der Browser Edge ist mit NVDA nur rudimentär zugänglich, in Office 2013 gibt es einige Bereiche, die mit NVDA nicht erreichbar sind, zum Beispiel das Menü zur Hinterlegung von Alternativtexten für Bilder in Word.
Was nervt sind auch die vielen Kleinigkeiten, die nicht mehr wie gewohnt funktionieren. So habe ich in Win 8 immer per Alt-Tab in den Desktop gewechselt, um Informationen aus der Taskleiste wie den Energiestand oder W-Lan auszulesen und zu ändern, geht nicht mehr, der Desktop ist per Alt Tab nicht mehr erreichbar. Die Liste der verfügbaren W-Lans ist nicht mehr per Cursor-Tasten durchgehbar, sondern nur noch per Tab. Verschiedene Schalter oder Links im System lassen sich nur noch per Return und nicht per Leertaste aktivieren. So zwingt MS den Nutzer immer wieder, tradierte Arbeitsabläufe umzustellen, das hält jung und frisch.

Die Oberfläche

Für Blinde hat sich an der Bedienoberfläche nicht so viel getan. Das Startmenü aus Win 7 ist zurückgekehrt und bildet jetzt einen Zwitter mit der Kacheloberfläche von Win 8. Da ich die Live-Kacheln nie genutzt habe und das auch nicht plane, habe ich Beides ignoriert. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, einfach den Namen des Programmes einzutippen, das ist für mich die schnellste Arbeitsweise.

Einstellung – wo bist du?

So lobenswert ich den Versuch finde, ein Betriebssystem für alle Einsatzzwecke zu etablieren, so sehr mißlingt es Microsoft, dies adequat umzusetzen. Es gibt zum Beispiel mindestens zwei Stellen für Einstellungen: die altbekannte Systemsteuerung und die für Mobilgeräte optimierten System-Einstellungen. Das gibt es Win 8 und man muss daran zweifeln, dass Microsoft Usability-Experten beschäftigt, wenn sie das nicht nach so langer Zeit in den Griff bekommen.
Anderes Beispiel: Es ist mir nur einmal gelungen, mein Bluetooth-Headset mit dem Notebook zu koppeln. Als ich es später koppeln wollte, gelang es mir nicht mehr. Das ist bei anderen mobilen Betriebssystemen eine Standard-Einstellung. Ich habe es dann einfach gelöscht und neu erkennen lassen. Ein ähnliches Problem tritt mit Bluetooth-Braillezeilen auf, Geräte, die weder unter iOS noch unter Android Probleme machen.
Ein stetiges Ärgernis bei wirklich allen Microsoft-Betriebssystemen ist der ständige Ressourcenhunger. Wenn Windows 8 auf einen brandneuen Mitteklasse-Laptop zu langsam ist, gibt es dafür keine Entschuldigung. Zwar hat Microsoft Tools wie die Ressourcen-Übersicht entwickelt, die einem sagen sollen, was besonders viel Rechenleistung kostet. Das war es aber auch. Mit ein paar Ausnahmen wie der Defragmentierung im Hintergrund muss man das System immer noch mit externen Tools wie CCleaner aufräummen, wenn man halbwegs ungestört arbeiten möchte. Wie man so ein System auf Geräten mit geringen Ressourcen betreiben möchte, muss Microsoft noch zeigen.

Fazit: Muss man nicht haben

Was die Barrierefreiheit angeht, bietet Win 10 im Augenblick keinerlei Mehrwert gegenüber Win 8. Man scheint dieses Feld kampflos Apple überlassen zu wollen. Die mangelnde Zugänglichkeit von Edge ist – um das mal klar zu sagen – ein Schlag ins Gesicht der Blinden-Community. Das Thema Barrierefreiheit steht ja nicht erst seit gestern auf der Agenda und es ist nicht nachvollziehbar, warum Microsoft das nicht berücksichtigt hat, die einzige Erklärung ist, dass es ihnen nicht wichtig genug war.
Was mich angeht, gebe ich Microsoft auf. Früher habe ich mich in der Diskussion Windows vs. Mac immer auf die Seite von MS geschlagen, das ist jetzt vorbei. Ein Betriebssystem ist wie ein Haus, wenn man keinen Blödsinn anstellt, sollte es seinen Dienst tun und dadurch auffallen, dass es nicht auffällt. Bei MS hat man das nie begriffen. Es nimmt einem Dinge aus der Hand, die man selbst bestimmen möchte: Wenn es etwa mitten in der Arbeit für Updates neu startet. Ein nicht einfach abstellbares Update auf ein neues Betriebssystem würde nicht einmal Apple seinen Nutzern zumuten.
Es überlässt einem Dinge wie das Aufräumen der Festplatte, die man sicher nicht tun möchte. Über das Thema Datenschutz haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sehe das aus vielen Gründen lockerer als viele Andere, die Gründe möchte ich hier nicht ausführen. Klar ist aber, dass man eine zentrale Stelle benötigt, an der man solche Einstellungen treffen kann.
Für mich ist Win 10 das, was für viele Win 8 war, ein großer Wurf, der leider daneben ging. Man kann es nutzen, man kann es aber auch lassen.

Nutzung von Screenreadern2015

Der neueste Screenreader-Survey von WebAIM zeigt, dass es viel Bewegung auf dem Markt für Screenreader gibt. Die Befragung ist natürlich nicht repräsentativ, zeigt aber im Großen und Ganzen doch Entwicklungen auf.
Der Platzhirsch Jaws hat dramatisch an Marktanteilen verloren: Zwischen dem letzten Survey von Januar 2014 und Juli 2015 verlor Jaws 20 Prozentpunkte und hat nur noch 30 Prozent Marktanteil. Beim ersten Survey 2009 hatte Jaws noch einen Marktanteil von rund 75 Prozent.
Klarer Aufsteiger ist Window Eyes, dessen Marktanteil stieg von 6 auf 20 Prozent. Überraschenderweise konnten der Mac und NVDA von der Schwäche von Jaws kaum profitieren.
Für Tester interessant ist die Bevorzugung des Internet Explorer unter Blinden. Mehr als 50 Prozent nutzen den IE, während er in der Durchschnittsbevölkerung eine untergeordnete Rolle spielt.
Es scheint auch so zu sein, dass einige Blinde vom Mac auf Windows zurückgewechselt haben. So stieg der Anteil der Windows-User von 82 auf 85 Prozent, während Mac von 8 auf 6 Prozent sank. Ein Grund könnte sein, dass es im letzten Jahr verstärkt Beschwerden von Blinden zur stockenden Weiterentwicklung von VoiceOver gab, unter anderem von Marco Zehe.
Interessanterweise wünschen sich die meisten Blinden, dass komplexe Bilder auf der gleichen Seite beschrieben werden, auf der sie dargestellt werden. Die Lösung einer seperaten Seite – der heute gängige Standard – wird hingegen abgelehnt.

Wo liegt die Ursache für den Abstieg von Jaws?

Freedom Scientific war in den letzten Jahren durchaus nicht untätig. So bietet es die kostenlose Nutzung der Vocalizer-Stimmen, die auch im iPhone Verwendung finden, es gibt außerdem eine Erweiterung zur Texterkennung, die recht ordentliche Ergebnisse abliefern soll.
Auf der anderen Seite steht die – man kann es nicht anders sagen – miserable Update-Politik des Unternehmens. Viele der Umsteiger dürften eine Kombi aus Win XP und Jaws verwendet haben. Nachdem der Support von Windows XP im April 2014 eingestellt wurde bzw. viele der Geräte mit dieser Ausstattung allmählich ihr Lebensende erreichen, waren viele Leute gezwungen, auf ein neues System umzusteigen. FS bietet aber keine großen kostenlosen Updates an.
Auch seit letztem Jahr bietet Window Eyes einen kompletten kostenlosen Screenreader an, wenn man Office 2010 oder höher einsetzt. Da Window Eyes in vielen Punkten mit Jaws gleich gezogen hat, gibt es heute keinen Grund mehr, auf Jaws zu setzen.
Der vielleicht wichtigste Punkt dürfte in einem anderen Teil des Survey zu finden sein. Demnach kaufen rund 39 Prozent der Nutzer ihren Screenreader selbst. Jaws kostet in den USA rund 1000 Dollar, im Ausland ist es noch mal deutlich teurer. Für diesen Preis kann man sich ein Macbook oder einen guten Windows-Rechner mit Office-Paket zulegen. Heute ist für jeden offensichtlich, dass FS nicht vorhat, seine Preis- oder Produktpolitik anzupassen, es ist daher für Privatpersonen kaum empfehlenswert, auf Jaws zu setzen.
Ein Hemmschuh für die Verbreitung von NVDA dürfte vor allem die eSpeak sein. In gewisser Weise ist das ein Luxus-Problem, denn die eSpeak ist durchaus auch bei höheren Geschwindigkeiten gut verständlich, sie ist performant und es gibt abgesehen davon kostenlose und kostenpflichtige Alternativen.
Ein zweites Problem dürfte aber auch der Mangel an kommerziellem Support sein. Jaws und Window Eyes verfügen über umfangreiche Schnittstellen für Skripte, mit deren Hilfe Programme nachträglich barrierefreier gemacht werden können. NVDA hat das derzeit nicht. Der Mac meines Wissens auch nicht. NVDA ist damit als primärer Screenreader in Unternehmen ungeeignet.
Hinzu kommt, dass keine deutsche Hilfsmittelfirma derzeit NVDA oder den Mac anbietet. Es gibt natürlich Blinde, die Support für den Mac anbieten, aber vor allem ältere Blinde dürften sich eher direkt an Hilfsmittelfirmen wenden.

Fazit

Die Herrschaft von IE 6 und Jaws scheint endgültig gebrochen zu sein. Es gibt mindestens vier Screenreader mit nennenswerter Nutzerzahl: Jaws, Window Eyes, NVDA und VoiceOver auf Mac und iOS. Hinzu kommt in Deutschland noch Cobra, das von einigen Blinden verwendet wird. Hinzu kommen die zahlreichen Windows-Versionen, verschiedene Browser, Endgeräte und Handlings. Mit Windows 10 dürften auch günstigere Tablets bei Blinden in Nutzung kommen.
In Puncto Barrierefreiheit bedeutet das eine neue Unübersichtlichkeit. Früher reichte es aus, mit Jaws und IE zu testen. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Webstandards zu halten und die Screenreader- und Browser-Entwickler zu zwingen, das ebenfalls zu tun, vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung.

DRM und Barrierefreiheit

Die beste Nachricht seit langem, finde nicht nur ich. Der große Publikumsverlag Random House sagt Adieu zu hartem DRM bei eBooks. Der Druck auf die restlichen Verlage, sich vom hartem DRM zu verabschieden dürfte damit steigen.
Kurz zur Erklärung: Als hartes DRM werden Schutzmechanismen bezeichnet, die einen Inhalt verschlüsseln. Um den Inhalt zu entschlüsseln, ist ein spezielles Gerät bzw. eine spezielle Komponente oder Software erforderlich. Beim weichen DRM ist die Datei generell unverschlüsselt, aber etwa durch ein eingebettetes digitales Wasserzeichen gekennzeichnet. Über das Wasserzeichen soll es möglich sein, den Käufer zu identifizieren, so dass er kein Interesse daran hat, die Datei unbefugt an Dritte weiterzugeben.

Der erste Versuch: Adobe Digital Editions

Adobes DRM ist aktuell das am weitesten verbreitete DRM im Bereich digitaler Bücher. Zum Lesen solchermaßen geschützter Dokumente benötigt man das Programm Adobe Digital Editions und muss den eigenen Rechner dort registrieren.
Da ich mal die On-Leihe meiner Bibliothek ausprobieren wollte, habe ich also mal versucht, meinen Computer mittels ADE zu registrieren.
Was soll ich sagen, es hat nicht geklappt. Der Fortschritttsbalken rollte von links nach rechts, aber ansonsten passierte nichts. Wo lag das Problem? Keine Ahnung. Gab es Hilfsstellung zur Lösung des Problems durch Adobe? Nein. Das wars also mit ADE.

Der zweite Versuch – Audible

Audible hat sich nebenbei zum größten Online-Anbieter im Bereich digitaler Hörbücher gemausert. Dabei setzt Audible sein eigenes Format ein, das von wenigen MP3-Playern unterstützt wird und von vielen Smartphones.
Auch hierfür muss ein spezielles Programm von Audible geladen werden, auch hier muss der Rechner autorisiert werden, den man fürs Herunterladen der Hörbücher verwenden möchte. Warum? Keine Ahnung.
Auch hier scheiterte ich gnadenlos. Keine Autorisierung meines PCs, keine Autorisierung meines Android-Smartphones möglich.
Der Ehrlichkeit halber sollte ich dazu sagen, dass diesmal Amazon schuld war, der Login bei Audible erfolgt über das Amazon-Konto. Ist mir aber egal, verschwendete Lebenszeit ist verschwendete Lebenszeit.

Fazit

Ich gehöre nicht zu den Hardlinern, die jede Form von Kopierschutz ablehnen. Ich möchte mich aber auch nicht in den goldenen Käfig von Amazon, Apple oder Google sperren und denen die totale Herrschaft über gekaufte Inhalte einräumen. Ich finde es durchaus legitim, die Interessen der Verkäufer zu schützen, aber DRM in der jetzigen Form ist ein Holzweg.
Die beiden Beispiele zeigen , wie hartes DRM zur Barriere werden kann. Ein technisch unaffiner Mensch wird schon von der Komplexität der Programme und dem Aufwand zur Registrierung überfordert sein. Hinzu kommt, dass die Software zur Nutzung der Titel oft nicht barrierefrei ist. Adobe hat sich erst relativ spät um die Barrierefreiheit von ADE gekümmert, bei Amazon muss man tatsächlich eine bestimmte App für den PC herunterladen, die angeblich zugänglich ist, aber doch einige Bugs für Screenreader enthält. Hörbücher in MP3 könnte ich für meinen Opa auf den Stick ziehen, bei Audible müsste ich ihm erst beibringen, wie er ein Smartphone bedient, denn sprechende Audible-Player sind Mangelware.
Ärgerlich wird es, wenn bestimmte Titel nur noch bei bestimmten Anbietern erhätlich sind. Apple und Co. versuchen über Exklusiv-Verträge und Eigenproduktionen, ein Alleinstellungsmerkmal zu bekommen. Audible-Titel gibt es außerhalb oft nur in gekürzter Fassung oder auch gar nicht.
Deswegen hoffe ich und viele andere Blinde mit mir, dass die Publisher sich endlich von hartem DRM verabschieden.

Die perfekte Shopping-App für Blinde

Ich liebe es, mich durch den Supermarkt zu wühlen, um Produkte zu finden, die ich noch nicht kenne. Mit meinem geringen Sehrest ist das leider schwierig und zeitaufwändig. Ich muss jedes Produkt in die Hand nehmen und wenn ich nicht an der Verpackung erkenne, was es ist, muss ich nach der Beschriftung suchen, die oft zu klein oder zu kontrastarm ist, um sie vernünftig zu lesen. Das führt mich zu meinen Überlegungen zur perfekten Shopping-App für Blinde.
Die bisherigen Lösungen basieren darauf, den Barcode zu scannen. Das kann man mit speziellen Geräten oder dem Smartphone machen. Das mag okay sein, wenn man nur wissen möchte, ob das Kamillentee oder Pfefferminztee ist, aber niemand wird ernsthaft eine große Shopping-Tour damit machen. Schließlich muss jedes Produkt in die Hand genommen und der Strichcode gefunden werden, der sich bekanntermaßen nicht erfühlen lässt.
Untechnisch kann man eine Einkaufshilfe oder die beste Freundin mitschleppen, aber selbst der geduldigsten Person dürfte bald die Geduld ausgehen, wenn man sich im supermarkt herumtreibt. Die Ausnahme sind vielleicht noch Frauen, die tatsächlich Kleider shoppen gehen.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Echtzeit-Erkennung von Objekten. Das halte ich trotz der Fortschritte in diesem Bereich aktuell nicht für realistisch. Die Latenz, also die Wartezeit zwischen Fokussierung des Objektes und deren Erkennung ist zu hoch. Es gibt außerdem zu viele ähnliche Produkte mit zu vielen unterschiedlichen Informationen.
Die Lösung ist recht simpel. Das Smartphone muss die Produkte bereits erkennen, wenn sie mit der Kamera fokussiert werden. Klingt kompliziert, ist aber keine große Geschichte.
Via MFC oder RFID müssten entweder die Produkte selbst oder zumindest die Beschilderungen an den Regalen mit einem Sender ausgestattet werden. Das Smartphone empfängt die Signale und ruft die passenden Infos ab: Produktname, Preis, Zutaten und das ganze Pipapo. Aufgrund der engen Platzierung der Produkte muss natürlich sichergestellt sein, dass dir richtigen Informationen zum fokussierten Produkt ausgegeben werden.
Am einfachsten wäre es, wenn der Supermarkt die Infos direkt per W-Lan bereit stellt, dann muss keine komplette Datenbank auf dem Smartphone landen und die Latenz durch Internet-Zugriffe wird minimiert. Um halbwegs komfortabel zu sein muss das Ganze in Echtzeit ablaufen, das heißt, es darf keine nennenswerte Zeit zwischen dem Fokussieren des Objektes und der Ausgabe der Informationen geben.
Das klingt zunächst aufwendig, ist aber durchaus realistisch. Die Metro hat heute schon Barcodes und digitale Preisanzeigen an den Regalen. Die Supermärkte könnten so zum Beispiel in Echtzeit feststellen, dass bestimmte Produkte knapp werden und diese auffüllen. RFID-Chips sind bereits so billig, dass es verwunderlich ist, warum noch nicht in jedem Produkt einer steckt.
Das Einzig Blöde an der Sache ist, dass es den Leuten nicht hilft, die keinen Zugang zur Technologie haben. Leider fällt mir für diese Gruppe keine nichttechnische Lösung ein.