Studien mit behinderten Menschen

Studien mit behinderten Menschen sind stets mit Problemen verbunden. Ein Kernproblem ist dabei die Repräsentativität bei quantitativ angelegten Studien.
Bei leichten Behinderungen mögen die Unterschiede relativ gering sein. Sobald man aber in den Bereich schwerer Behinderungen kommt ist die Bandbreite der Fähigkeiten so unterschiedlich, dass man durch die Vergrößerung der Testgruppe kaum an Aussagekraft gewinnt. Jeder Schwerbehinderte ist auf seine Weise behindert, jeder Blinde hat eine ganz individuelle Systemkonfiguration und Erschließungsstrategie für Inhalte, so dass sich nur schwer aussagekräftige Durchschnittswerte ermitteln lassen. Für jemanden, der seine Arme nicht bewegen kann sieht die Situation gleich ganz anders aus als für jemanden, der eine Spastik im Arm hat.
In der Forschung zu diesem Bereich gibt es grundsätzlich zwei Denkweisen: die Induktion und die Deduktion. Bei der Induktion sage ich, einer ist so, also sind alle anderen aus der gleichen Gruppe so. Bei der Deduktion behaupte ich, das statistische Mittel ist so, daher ist diese Einzelperson auch so. Wie ich versucht habe oben zu zeigen sind diese Vorgehensweisen bei Schwerbehinderten nur schwer zu rechtfertigen. Dennoch müssen wir zumindest teilweise darauf zurückgreifen, da wir keine andere Möglichkeit haben, nur raten wäre schlimmer. Ich weise nur darauf hin, dass wir mit unseren Schlussfolgerungen vorsichtig sein sollten.
Zudem ist es tatsächlich schwierig, außerhalb von speziellen Behinderteneinrichtungen wie Schulen oder Bildungswerken eine größere Zahl von Behinderten zusammen zu bekommen, die eine repräsentative Gruppe sein könnten.
Man kann die Zahl der Studien im Bereich barrierefreie Informationstechnik an zwei Händen abzählen. Und naturgemäß sind sie meistens so speziell, das sie außerhalb eines engen Bereiches kaum praktischen Nutzen entfalten.
Am ärgerlichsten ist es dort, wo diese Daten gar nicht erst veröffentlicht werden. Mir flattert gefühlt jeden Tag eine Umfrage oder andere Untersuchungsanfrage auf den Schreibtisch, von deren Ergebnissen hört man aber nie wieder was. Nicht einmal die Teilnehmer erhalten diese Informationen. Mit großem Aufwand geschriebene Doktor- und Diplomarbeiten verschwinden praktisch ungelesen in den Archiven der Bibliotheken oder werden für Traumpreise verkauft. Für meinen Geschmack ist das eine Form der Entmündigung, „ihr dürft zwar an unseren Studien teilnehmen, aber die Ergebnisse gehören uns“. Übrigens ein Grund, warum ich an solchen Studien nie teilnehme.