Die Anziehungskraft des Bösen und Kriminellen

Wer hat sich nicht gewünscht, dass Tom seinen Erzfeind Jerry erwischt, der Koyote den Road Runner frisst oder Sauron ein paar nervige Elben vernichtet? Mit diesem Wunsch bin ich sicher nicht alleine. Mit diesem Buch möchte ich Dich einladen auf eine Reise in die Welt der Bösewichte. Ich möchte Dir zeigen, warum Bösewichte so wichtig sind. Außerdem geht es um die Frage, warum viele Bösewichte sympathischer sind als die Helden.
Ich bin Jahrgang 1978 und war in meine Kindheit ein Fernseh-Junkie. Ich bin mit den Krimiserien der 70er und 80er groß geworden. Später habe ich lieber Bücher gelesen. Bei vielen dieser Krimis fand ich den Kriminellen oder Täter interessanter als den Helden oder Ermittler. Das hat sich bis heute nicht geändert.
In diesem Text möchte ich darstellen, warum der Antagonist häufig die interessantere Figur in vielen Geschichten ist.
Mein Text bezieht sich vor allem auf Literatur. Das hat mehrere Gründe:
Wir können über fiktive Figuren freier sprechen als über reale Personen. Das giltt vor allem, wenn sie Verbrechen begangen haben. Kaum jemand kann ohne Abscheu über Hitler, Stalin oder Pol Pot sprechen. Wer herausfinden möchte, warum sich Menschen zu Massenmördern oder Diktatoren entwickeln, wird im besten Falle als skurril, im schlimmsten Fall als verkappter Sympatisant betrachtet. Wer das Böse erklären möchte, steht häufig im Verdacht, das Böse zu entschuldigen.
Ein weiterer Grund, warum ich fiktive Stoffe für diese Untersuchung bevorzugt habe ist, dass die Erzählung die einzige Kunstform ist, bei der wir alle für die Geschichte relevanten Charakterzüge einer Person kennnen. Ich sage gerne, Jede Geschichte ist Phantasy. In jedem Roman gibt es eine in sich geschlossene Welt. Es existiert nur, was beschrieben wurde. Was nicht beschrieben wird, existiert auch nicht. So ist der Schriftsteller gezwungen, alle wichtigen Figuren soweit auszugestalten, dass der Leser sie sich vorstellen kann. Hörspiel, Theater und Filmemacher tun das zwar auch, doch nie so im Detail wie die Literatur. Das erlaubt es uns als Leser, einen Charakter vollständig zu durchdringen. Bei einer prominenten Person würden wir das selbst dann nicht schaffen, wenn wir alles kennen würden, was sie über sich erzählt hat oder über sie erzählt wurde. Selbst, wenn wir ihre ihr Bruder, ihre Mutter oder ihr Ehemann wären, könnten wir ihr nie so nahe kommen wie ein Autor seinen Figuren. Am wenigsten objektiv kann eine Person sich selbst betrachten.
dennoch werde ich an der einen oder anderen Stelle Bezug auf reale Personen nehmen. Die Literatur schaut nicht nur viel von der Wirklichkeit ab. Es gibt eine subtile Wechselwirkung. Wir mögen “Romeo und Julia” heute als abgeschmackt betrachten. Doch hatte das Stück einen großen Einfluss darauf, was heute als romantisch wahrgenommen wird. Unser Bild der Indianer, des Wilden Westens, der Mafia und vieler anderer Dinge ist maßgeblich von Büchern und Filmen geprägt worden. Und Vieles davon hat wiederum Wirkung auf die Wirklichkeit. Viele Mafiosi haben sich ihr Gebahren von Mario Puzos “Der Pate” und Goodfellas abgeschaut.
Man kann mir sicherlich vorwerfen, dass ich mich hier im Wesentlichen auf Unterhaltungsliteratur und Fernsehen beschränke. Das hat den einfachen Grund, dass ich mich in der anspruchsvollen Literatur nicht auskenne. Zudem gibt es in der hohen Literatur auch selten Antagonisten in meinem Sinne.
Warum schreibst du diesen Text? Nun, zuallerst, weil ich das Thema spannend finde und hoffe, dass es euch auch so geht. Ich glaube aber auch, dass es sinnvoll ist, über solche Dinge zu sprechen. Es geht darum, zu verstehen, warum es in Osteuropa oder Russland Anhänger von Hitler gibt. Oder warum Mehrfachmörder oftmals Fan-Briefe bekommen, während Menschen, die sich tagtäglich aufopfern, um Gutes zu tun vielleicht noch eins reingewürgt bekommen.
Noch ein letztes Wort zu den verwendeten Begriffen: Ich bin kein Germanist und kenne daher die fachspezifischen Begriffe nicht. Ich verwende einige Begriffe synonym. Der Protagonist oder Held ist die eigentliche Hauptfigur, wie sie vom Autor intendiert ist. Der Antagonist ist der Gegner des eigentlichen Protagonisten. Auch hier verwende ich die Begriffe Antagonist, Feind, Gegner und Bösewicht synonym. Die Begriffe Verbrecher und Bösewicht sind stark negativ gefärbt. Sie sind in diesem Buch nicht wertend gemeint, sie dienen nur der Veranschaulichung.
Ich glaube auch nicht, dass es das Böse an sich gibt. Es gibt Menschen, die böse handeln, doch es gibt weder das absolut Gute noch das absolut Böse.
Ursprünglich wollte ich diesen Text als kleines Buch veröffentlichen. Da mir jedoch die Zeit fehlt, die Ideen weiter auszuarbeiten, wird dieser Text ein Fragment bleiben. Wer sich an Fehlern bei der Orthographie stört, sollte lieber nicht weiterlesen.

Die verzerrte Realität

Ich lese recht häufig über Filme und Bücher, sie würden die Realität nicht richtig widerspiegeln. Artur Doyle ist etwa vorgeworfen worden, er würde das London seiner Zeit nicht realistisch darstellen. Vor allem die Armut im damaligen England käme kaum vor. Das stimmt nicht ganz, schon im ersten Roman um Sherlock Holmes werden die etwas heruntergekommeneren Viertel der Stadt dargestellt. Zudem arbeitet Holmes mit Straßenjungen zusammen. Andererseits sind Watson und Holmes klar als Mitglied der gehobenen Klasse zu erkennen. Immerhin können sie sich Dienstboten leisten, Watson kann sogar eine eigene Arztpraxis erwerben. Wenn es also nicht direkt mit der Geschichte zu tun hat, macht es keinen Sinn, auf die Situation in London einzugehenn.
Doch verkennen viele Kritiker, dass fiktive Stoffe nun einmal fiktive Stoffe sind. Kein Autor ist in der Lage, die Realität auch nur einer Minute in unserer Welt vollständig darzustellen, zumal das keinen Leser in diesem Detail interessieren würde. Ich sage immer plakativ: Jeder fiktive Stoff ist Phantasy, dazu müssen keine Feen oder außerirdische Wesen vorkommen.
Dabei spielt es auch keine Rolle, wie realitätsnah ein Autor sein möchte. Er kann immer nur einen Ausschnitt aus einer komplexen Wirklichkeit darstellen. Zudem ist er an die Struktur der Erzählung gebunden. Eine Geschichte muss zwangsläufig nach bestimmten Mustern erzählt werden, weil wir ansonsten nichts mit ihr anfangen können. Das verhindert andererseits, dass eine Geschichte realistisch ist, weil die Realität in vielen Punkten den Strickmustern von Geschichten entgegensteht.
Fiktion ist also kein Spiegel der Realität. Aber es ist noch komplizierter: Fiktive Stoffe spielen eine Schlüsselrolle dafür, wie wir bestimmte Realitäten wahrnehmen. Die Meisten von uns wissen etwa nicht, wie der Wilde Westen wirklich wahr. Wir wissen auch nicht, wie die Mafia funktioniert. Den größten Teil unseres Wissens haben wir aus Romanen, Filmen und Dokumentationen entnommen. Das, was dort geschildert wird, muss aber nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun haben. Das gilt auch für Romane, die den Anspruch haben, die Wirklichkeit darzustellen wie Gomorrha.
Um die Situation endgültig zu verkomplizieren: Die Fiktion verändert die Realität. Junge Soldaten imitieren ihre Helden aus Kriegsfilmen und halten etwa ihre Waffe falsch. Zeugen glauben, Straftaten würden im Gerichtssaal aufgeklärt. Viele Mafiosi orientieren sich in ihrem Gehabe an Don Corleone und Toni Soprano. Nicht zuletzt haben Geschichten wie Romeo und Julia ganz erheblich beeinflusst, was als romantisch wahrgenommen wird. Es stimmt also doch irgendwie, dass die Fiktion etwas mit der Realität zu tun hat. Es ist eine komplexe Wechselwirkung, wobei Ursache und Wirkung häufig nicht zu unterscheiden sind.

Die Ästhetisierung des Kriminellen

In bestimmten Rap-Genres werden Kriminalität und Gewalttätigkeit verherrlicht. Der Gebrauch von “explicit lyrics” gilt hier oftmals als Gütesiegel. In Deutschland haben wir den Vorteil, dass wir einen Großteil der Lyrik ohnehin nicht verstehen, da der verwendete Slang recht weit weg von unserem Schul-Englisch ist. Dennoch gilt der Aufdruck “Explicit Lyrics” quasi als Gütesiegel unter den Gangster-Rappern. Man glaub, etwas falsch gemacht zu haben, wenn es fehlt.
In den Videos wird der Life Style weiter propagiert. Es geht darum, möglichst schnell reich zu werden, oft mit Gewalttaten, Raub, Drogenhandel oder Zuhälterei. Zum guten Ton gehört zur Schau gestellte Promiskuität. Fraue kommen nur als Sexobjekte oder Mütter vor. Und der Gang ins Gefängnis sowie ein Tod in jungen Jahren gehören quasi dazu nach dem Motto: No Risk, no fun. Nicht umsonst nannte der Rapper “50 Cent” ein Album “Get rich or die trying”. Unzählige Rapper sind tatsächlich in jungen Jahren eines gewaltsamen Todes gestorben.
Erstaunlich ist der Erfolg dieser Musik unter weißen Jugendlichen aus der Mittelschicht. Gruppen wie Public Enemy oder NWA propagieren teils rassistische Stereotype.
Unter vielen Afroamerikanern gilt nicht Martin Luther King, sondern Malcolm X als die wahre Ikone der Emanzipationsbewegung der Schwarzen. Malcom X wurde in eine arme Familie geboren. Nach ersten Erfolgen in der Schule und im beruf versank er nach und nach in kriminelle Aktivitäten. er betätigte sich als Einbrecher, Zuhälter, Drogendealer und Dieb.
Eines Tageswurde er wegen Diebstahls zu einer Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis kam er mit der Nation of Islam zusammen. Die NoI war eine unter vielen Sekten in den USA. Sie propagierte eine sehr eigenwillige Version des Islam und richtete sich vor allem an Afroamerikaner. Die NoI vertrat einen gegen Weiße gerichteten Rassismus. Malcom X schloß sich der NoI an und wurde nach seiner Haftentlassung schnell ein wichtiges Mitglied der Sekte. Er baute die Kommunikation der Organisation aus. Im Gefängnis hatte er sein rhetorisches Talent erweitert und wurde schnell zu einem gefragten Redner und Interviewpartner. Anders als die Bürgerrechtsbewegung unter King vertrat Malcom X die Ansicht, dass die Afroamerikaner und die weißen Amerikaner von einer getrennt werden sollten.
Entscheidend für die Popularität von Malcom X war sicherlich seine posthum von Alex Haley herausgegebene Autobiographie. Während King in einer gutbürgerlichen Familie aufwuchs und eine gute Bildung genoß, lernte Malcolm X die Unterschicht kennen. Er war näher am Leben der Merheit der Afroamerikaner. Er wusste, wie sie leben, denken und sprachen. Er war einer von ihnen, während Martin Luther King eher weiße Studenten und wohlhabendere Schwarze erreichte. Viele afroamerikanische Männer haben einen ähnlichen Werdegang wie Malcolm X hinter sich, haben Erfahrung mit Diskriminierung, Polizeigewalt, Gefängnis und Drogensucht gemacht.
King und X haben sich gegen Ende ihres Lebens stark aneinander angenähert. Martin Luther King stellt in “Why we cant wait” klar, warum mehr gegen die Armut der Afroamerikaner getan werden musste. Malcolm X wurde aus der NoI ausgeschlossen und distanzierte sich nach einem Besuch in Mekka von seinen rassistischen und segregationistischen Thesen.
Zur Popularität der beiden so unterschiedlichen Menschen hat ihr gewaltsamer Tod in jungen Jahren beigetragen. Beide wurden erschossen. Im Falle von Malcom X wurden die Täter nie verhaftet. Interessant ist, dass obwohl sich beide einander angenähert haben am Ende doch das alte Bild von ihnen bestehen blieb.
Vor allem für junge afroamerikanische Männer bleibt der Lebenslauf von Malcolm X typisch.

Der Charme des Renegaten

68er-Bewegung, Punks, Skinheads – das 20. Jahrhundert hatte vor allem in der zweiten Hälfte vielen Eltern einiges abverlangt. Und doch scheinen nur wenige verstanden zu haben, worin der Reiz dieser doch so unterschiedlichen Bewegungen bestand.
Jugendliche scheinen den Widerstand geradezu im Blut zu haben. Möglicherweise ist das schlicht eine Konstante in unseren Genen. Es ist ja häufig so, dass Jugendliche exakt das Gegenteil von dem vertreten, was ihre Eltern richtig finden. Papa wählt die Linke, dann gehe ich zur CDU. Mama mag keine Türken, dann bringe ich einen türkischen Freund nach Hause. Die Eltern sind überzeugte Veganer? Dann esse ich erst recht Fleisch.
Manchmal sind die Mechanismen tatsächlich so einfach. Die DDR zum Beispiel hat zumindest nach außen hin Offenheit und Toleranz zur Schau gestellt. Möglicherweise haben sich viele Bürger aus den neuen Bundesländern gerade deshalb zu Konservativen oder Rechten entwickelt. Die DDR war demnach Vaterstaat im schlechtesten Sinne und die Bürger haben sich dem zugewandt, was sie als das genaue Gegenteil des Kommunismus empfinden mussten. Noch stärker sehen wir das in den osteurorpäischen Staaten, deren kommunistische Regime ja eine ähnliche Ideologie vertraten. Obwohl in Ostdeutschland sowie in den osteuropäischen Staaten so gut wie keine Einwanderer aus Asien oder Afrika leben, gibt es dort die größte Ablehnung einer legalen Zuwanderung und große Ressentiments gegen Flüchtlinge aus diesen Regionen. Oder vielleicht gibt es sie, weil diese Länder gar keine Erfahrung mit größeren Gruppen von Einwanderern haben. Zudem weigern sich diese Länder, Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist vielleicht die größte Ironie, denn Polen zum Beispiel hat lange Zeit davon profitiert, dass seine Bürger in die EU oder in andere westliche Staaten eingewandert sind.
Ein großer Teil des Charmes von antagonistischen Bewegungen geht schlicht davon aus, dass sie provozieren. Skinheads wie Punks provozieren durch ihr Verhalten, ihre Haltung und ihre Aufmachung. Ihr ganzes Gebahren scheint zu sagen: Ich lehne die konventionelle Gesellschaft – und damit auch Dich persönlich – ab.
Heute mag man kaum noch glauben, dass seinerzeit Elvis Presley, die Beatles, die Rolling Stones oder der gesamte Jazz als Provokation und Herausforderung des Establishments galten. Sie sind heute ebenso Mainstream wie Ozzy Osborne oder die Sex Pistols. Das zeigt, wie schnell sich diese Strömungen ökonomisch vereinnahmen lassen. Und dass jede Generation ihre eigenen Antagonismen entwickelt. Wenn die Teenies erwachsen werden, nehmen sie einen Teil ihrer Geschmäcker natürlich mit. Aber es liegt in der Natur der Sache: Egal, wie sehr die Sex Pistols heute noch provozieren, wenn die Eltern das gut finden, müssen die Kinder das blöd finden. Derzeit scheint vor allem der Gangster-Rap die Provokationsquelle Nr. 1 zu sein. Die nächste Generation wird wieder ihre eigenen Antagonismen finden.
Es liegt auch in der Natur der Sache, dass sich die Provokationen immer steigern müssen. Bei Elvis Presley reichte noch ei lasziver Hüftschwung. Die Punks und Rocker gaben sich als Teufelsanbeter. Im Metal und Rap dominieren drastische Vorstellungen von Gewalt oder Kriminalität. Marilyn Manson ist sozusagen die natürliche Steigerung von Alice Cooper oder KISS. Es ist schwierig, sich vorzustellen, was danach kommt.
Die antagonistische Gruppe ist natürlich in sich geschlossen. Sie grenzt sich durch Sprache, Stil und Verhalten von außen ab. Und weil die Gruppenmitglieder sich vor allem miteinander beschäftigen, wird das Gruppengefühl nach innnen und die Abgrenzung nach außen verstärkt.
Schaut man sich die Struktur solcher antagonistischen Bewegungen an, stellt man fest, dass sie einander sehr ähnlich sind. Kurioserweise sind häufig die größten Feinde der Gruppe nicht die jeweils abgelehnten, sondern eine konkurrierende Gruppe. Skinheads hassen nicht nur Ausländer. Noch mehr hassen sie Linke. Punks hassen die angepassten Rocker. Die antideutsche Linke verabscheut die antiisraelische Linke vielleicht mehr als die Skinheads. Die Grünen verabscheuen am meisten die FDP und umgekehrt. Möglicherweise liegt das daran, dass die Gruppen Probleme haben, sich von einer anderen Gruppe zu differenzieren, die ihr strukturell und inhaltlich sehr ähnlich ist. Hinzu kommt, dass Stilelemente voneinander abgeschaut werden. Die Skinhead-Kultur stammt ursprünglich aus dem eher links oder anarchistisch geprägtem Punk. Das geht so weit, dass ein Rechter heute im Prinzip exakt aussehen kann wie ein Linker. Er kann lange Haare haben, ein Metallica-Shirt tragen, für Umweltschutz und fairen Handel sein und, er kann homosexuell sein. dennoch kann er davon träumen, alle Ausländer aus dem Land zu werfen. Auf den Demos macht es gar keinen Sinn mehr, zwischen linken gewaltbereiten autonomen und rechten gewaltbereiten Autonomen zu unterscheiden. Aus unterschiedlichen Gründen wollen sie das Gleiche: Möglichst viel möglichst schnell kurz und klein schlagen. In allen Gruppen findet man einen charismatischen Führer. Er sorgt dafür, dass die Gruppe sich sicher und im Recht fühlt. Gerade Jugendliche wünschen sich häufig jemanden, der ihnen zeigt, was richtig und falsch ist. Es sollten halt nicht die Eltern sein, aber jeder Andere mit der nötigen Autorität und Ausstrahlung ist genehm. Deswegen sind bewegungen mit Sektencharakter vor allem unter Jugendlichen beliebt, dazu zählt auch die Bewegung IS.

Tom Ripley

Patricia Cormwell schuf mit “Der talentierte Mr. Ripley”eine der bekanntesten Verbrecher-Portraits der Literatur.
Ripley ist zu Anfang des Buches ein abgehalfteter Kleinkrimineller. Doch er hat ein besonderes Talent. Er vermag sich so zu verstellen, dass er auch in den höheren Kreisen der Gesellschaft akzeptiert wird.
der reiche Industrielle Greenleave schickt Tom nach Italien. Er soll dafür sorgen, dass sein boheme-hafter Sohn Dickie in die USA zurückkehrt. Dickie lebt mit den Zuwendungen des Vaters als Maler in einer kleinen italienischen Stadt.
Ripley, weit davon entfernt, seinen Auftrag zu erfüllenfindet schnell Gefallen an Dickies Lebensstil und beginnt eine Freundschaft mit ihm. Er überzeugt Dickie, der ihn zunächst ablehnt damit, dass sie sich ein schönes Leben mit dem Geld machen können, dass Ripley von Dickies Vater erhält. Dickies Vater teil er mit, dass er Dickie noch immer zur Rückkehr überzeugen möchte. Er brauche lediglich mehr Zeit.
Zunächst verstehen sich Tom und Dickie gut, doch nach einiger Zeit ist Dickie die Anhänglichkeit von Tom überdrüssig. Es wird angedeutet, dass Tom in Dickie verliebt sein könnte, doch geht Highsmith nicht ins Detail. Dickie fordert Tom schließlich auf, sich andere Freunde zu suchen. Bei einem Bootsausflug tötet Tom Dickie und versenkt dessen Leiche im See.
Danach schlüpft Tom in die Rolle dickies. Er zieht sich wie Dickie an, färbt sich die Haare und kopiert Dickies Verhalten. Tom beginnt in Rom ein boheme-haftes Leben. Er schreibt einen Abschiedsbrief an Dickies freundin, um zu verhindern, dass sie Nachforschungen anstellt.
Die Sache geht eine Zeitlang gut, bis einer von Dickies Freunden in Rom auftaucht. Tom droht die Gefahr, dass seine Doppelrolle auffliegt. Er tötet Dickies Freund und versteckt die Leiche auf einem Friedhof. Die Polizei befragt Tom, der sich ihr gegenüber als Dickie ausgibt zu dem Tod von Dickies Freund und dem Aufenthalt von Tom Ripley. Das Netz um Tom zieht sich immer enger.
Auch die Betrügereien mit dem Scheck fliegen auf. Schließlich taucht auch noch Dickies Freundin auf. Tom ist gezwungen, die Doppelrolle aufzugeben.
Die Geschichte wird zwar aus der Perspektive von Tom erzählt. Doch wirklich sympathisch wird Tom dem Leser nicht. Doch schafft man es, sich mit ihm zu identifizieren. Er flieht aus einem engen Korsett und erlebt das Leben als Boheme.
Es sind noch eine Reihe weiterer Bücher um Tom Ripley erschienen. In diesen Büchern tritt Tom als selbstbewusster Bohemian auf. Das ist auch die zentrale Schwäche dieser Romane. Da er nur noch tötet, um seine Betrügereien und seinen Lebensstil aufrecht zu erhalten, entwickelt man keine Sympathie für sein Verhalten. Zudem tötet er Kriminelle oder andere unsympathisch gezeichnete Personen. Seine Verbrechen erscheinen also als gerechtfertigt. Highsmith hat es sich damit sehr einfach gemacht. Alle Taten in diesen Büchern scheinen objektiv gerechtfertigt. Die Ambivalenz aus “Der talentierte Mr. Ripley” ist weg. Schließlich haben Dickie und sein Freund kein Verbrechen begangen. Somit erscheint der Mord an ihnen nicht gerechhtfertigt. Daraus erwächst die Ambivalenz gegenüber Tom Ripley.

Professor Moriati

Sherlock Holmes ist sicherlich die Figur, die in der Geschichte der Literatur das größte Eigenleben entwickelt hat. Hunderte von Geschichten sind von dritten Autoren veröffentlicht worden und es kommen jedes Jahr neue hinzu. Es gibt zahlreiche Verfilmungen und Fernsehserien.
Dabei haben auch viele der Figuren, die Doyle nur stichwortartig beschrieben hat ein Eigenleben gewonnen. Zu nennen wäre da als Erstes Professor Moriati, der kongeniale kriminelle Gegenpart von Sherlock Holmes. Leibhaftig tritt er nur in der Geschichte “Das letzte Problem” auf, ausführlicher erwähnt wird er nur noch im Roman “Das Tal der Furcht”.
Moriati ist ein Mathematikprofessor, der wegen ererbter Neigungen, wie Doyle schreibt, auf die schiefe Bahn gerät. Er ist ein krinelles Genie, welches für fast alle größeren Straftaten in Großbritannien verantwortlich ist.
Holmes ist ihm auf den Fersen, bekommt ihn aber nicht zu fassen. Doch dann macht Moriati einen winzigen Fehler. Dieser Fehler liefert Holmes die Basis, um Moriati und seine Verbrecherbande dingfest zu machen. Leider hat Doyle weder die Verbrechen Moriatis noch das Katz-und-Mausspiel zwischen den beiden Genies näher ausgeführt. Das alles wird nur angedeutet.
Auffällig sind die Gemeinsamkeiten von Holmes und Moriati. Beide sind sich äußerlich wie in ihren Eigenschahften ähnlich.
Beide verfügen über einen überragenden Intellekt. Beide sind tatkräftig, wenn es um eine aus ihrer Sicht sinnvolle Aufgabe geht.
Wir sehen Tatkraft gerne als Tugend an. Doch kann Tatkraft ebenso gut für das Gute wie für das Schlechte eingesetzt werden, wenn wir auf solch profane Begriffe zurückgreifen wollen. Vieles von dem, was die moderne Mafia tut unterscheidet sich gar nicht so groß von dem, was ein Unternehmen tut. Sie führen Buch, sie stellen Mitarbeiter an und entlassen sie. Sie erschließen neue Geschäftsfelder und lassen alte nicht mehr lukrative fallen. Sie entwickeln neue Ideen und setzen Projekte in die Praxis um. Damit soll das Tun keineswegs moralisch gerechtfertigt oder moralisch gleichgesetzt werden. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Methodik doch recht ähnlich ist. So versuchen die diversen Mafia-Gruppen heute vor allem, in legale Geschäfte einzusteigen.
Die Figur des Holmes bleibt in allen Geschichten Doyles eher ambivalent. Ja, er klärt die Verbrechen auf. Und doch bleibt er im Großen und Ganzen unnahbar. An keiner Stelle kann man sich mit ihm identifizieren. In einigen Geschichten wie “Charles Augustus Milverton” wird er zwar emotional. Doch wirkt er da eher selbstgerech
Die wenigen Stellen, an denen er sympathisch wird sind jene, an denen er einen tödlichen Fehler macht. Beispiel sind die Orangenenkerne oder die tanzenden Mänchen. In beiden Fällen unterschätzt er die Verbrecher und seine Klienten werden von den Kriminellen umgebracht.
Auch seine Sucht nach Kokain und seine manische Depression machen ihn menschlicher und sind wahrscheinlich nur deshalb eingeführt worden, um ihm ein wenig Menschlichkeit zu geben. Ansonsten würde er nur als perfekte Denkmaschine da stehen – und wäre so interessant wie ein Stück Toast.
Ich sehe Moriati gerne als Teil von Holmes Persönlichkeit, quasi das böse Unbewusste. Es ist sicher kein Zufall, dass Freuds These über das Unbewusste auch in dieser Zeit populär wurde. Aus der gleichen Zeit stammt auch die Geschichte um Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Das hässliche Böse

Noch im 19. Jahrhundert scheinen viele Personen die Schädelvermessung als ernsthafte Forschung betrachtet zu haben. Bei Doyle sind die Klienten meistens gut aussehende Gentlemen, während die Verbrecher schon an ihrem abstoßenden Äußeren zu erkennen sind. Die Entwicklung glaubwürdiger Charaktäre war generell keine Stärke von Doyle.
In modernen Krimis wird in der Regel Abstand davon genommen. Es wäre ja auch viel von der Spannung weg, wenn man den Verbrecher bereits bei seinem ersten Auftritt an seinem Aussehen erkennt. Außerdem ist es heute üblich, die Figur des Täters frühzeitig einzuführen. Ein wildfremder Täter ist dramaturgisch ungeschickt und befriedigt die Erwartung des Lesers nicht. Agatha Christie hatte ein Faible für gutaussehende und nach außen hin charmante Verbrecher. In gewisser Weise hat sie das Gegenteil von Doyle gemacht.

Die Noire-Story

In der Noire-Story löst sich die klassische Rollenverteilung teilweise auf: Die Protagonisten unterscheiden sich nur dadurch von den Antagonisten, dass sie nicht erwischt werden. Die Protagonisten nutzen ihr Vermögen oder ihre gesellschaftliche Stellung aus, um sich Vorteile zu Lasten Anderer zu verschaffen. Doch die Gesellschaft an sich ist durch und durch korrumpiert.
Ein klassisches Beispiel dafür sind die Romane um die Hardboiled Detektive. Deren bekannteste Autoren sind sicherlich Raymond Chandler und Dashiell Hammett.
Same Spade ist mit einer korrupten, unwilligen oder unfähigen Polizei konfrontiert. Deshalb muss auch er die Regeln manchmal brechen, aber nur, um die Gerechtigkeit wieder herzustellen. Für den Guten darf das Böse niemals Selbstzweck sein. Andererseits heiligt der Zweck die Mittel. Leider sind auch hier die Autoren selten konsequent gewesen. Ein gerechtes Verbrechen ist im Grunde kein Verbrechen, wenn es gerechtfertigt ist. Was aber, wenn das Verbrechen schlimmer ist als die eigentliche Tat? Was passiert, wenn der Gerechte sich dazu versteigt, selbst Richter und Henker zu werden? Solche Situationen werden erst mit Serien wie “Breaking Bad” tatsächlich durchgespielt.
Eine moderne Variante des Noire finden wir in den Thrillern von Jean-Christophe Grange. Bei Grange sind die Kriminellen häufig hohe Würdenträger. Die Polizisten, welche die Verbrechen aufklären bedienen sich ihrerseits zweifelhafter Methoden.

Das gerechte Verbrechen

Nun gibt es Straftaten, die uns als gerecht erscheinen. Anders gesagt würde es gegen das Gerechtigkeitsempfinden des Lesers verstoßen, wenn der Verbrecher entsprechend der Gesetze bestraft werden würde. Andererseits ist es schwierig, wenn das eine Verbrechen gesühnt werden soll und die gleiche Tat einer anderen Person icht. Autoren greifen hier zu einem einfachen Kunstgriff.
In den Sherlock-Holmes-Geschichten haben wir es recht häufig mit solchen Taten zu tun. Die Verbrecher sind ohnehin sterbenskrank, bereuen aufrichtig und werden von ihrer Tat nicht profitieren oder sie gehen nach Afrika und entziehen sich damit der Rechtsprechung.
Bei Agatha Christie ist es häufig der Selbstmord, der die Täter vor ihrer Strafe schützt. Oft genug werden aber auch die Täter einfach laufen gelassen. Nicht nur der Detektiv ist dann privat, sondern auch seine Auffassung von Gerechtigkeit.
Ein etwas anderes Kaliber sind die Geschichten um Father Brown von G. K. Chesterton. Brown klärt die Verbrechen auf, indem er sich in die Rolle des Täters versetzt. Er sagt, dass er bei einer bestimmten psychischen Einstellung und unter bestimmten Umständen das Verbrechen vielleicht selbst begangen hätte. Als Priester sieht er seine Aufgabe vor allem darin, dass der Täter bereut. Es bleibt Gott überlassen, über die Menschen zu richten. Bis auf wenige Ausnahmen richtet in seinen Fällen keine irdische Justiz über die Täter.

Der Mafia-Film

Eine Nische innerhalb des Verbrecherfilms ist die Mafia-Story. Bekanntestes Beispiel ist sicherlich “Der Pate” und die nachfolgenden Bücher von Mario Puzo.
Puzo stellt das idealisierte Leben mehrerer Generationen einer Mafiafamilie dar.
Inwieweit Puzos Darstellung der italo-amerikanischen Mafia der damaligen Realität entsprach, wissen wir nicht. Doch sicherlich hat er die Wahrnehmung der Mafia beeinflusst. Ich wäre auch nicht überrascht, wenn er die Ästhetik derMafia und ihre Selbstwahrnehmung beeinflusst hätte.
Eine etwas realitätsnahere Darstellung finden wir in der Serie “Die Sopranos”. Tony Soprano ist ein Familienvater. Zu Anfang der Serie hat er mit Angstörungen zu kämpfen, weshalb er eine Psychologin aufsucht. Gleichzeitig geht er seinen Straftaten nach. Er hintergeht seine Frau und hat Probleme mit seinen Kindern. Er bringt mehrere Personen aus anderen Mafia-Clans um. Er tötet auch Verräter oder Personen, die ihm gefährlich werden könnten. Die Serie endet damit, dass er einen der Hauptprotagonisten, seinen Cousin umbringt. Der Cousin ist ein Choleriker und durch seine Drogensucht besteht die Gefahr, dass er die Organisation riskiert. Gleichzeitig ist er ein guter Freund von ihm.
Soprano ist ein klassisches Beispiel einer ambivalenten und gebrochenen Figur: Auf der einen Seite ist er ein mehr oder weniger fürsorglicher Familienvater. Seine Probleme mit seiner Gattin, den Kindern sowie die psychischen Probleme werden uns wohl allen bekannt vorkommen. Auf der anderen Seite zögert er nicht, andere Menschen zu töten, wenn sie ihm im Weg stehen.
Es ist nicht überraschend, dass Serien wie “Breaking Bad” oder “Die Sopranos” es nie zu einem Massenpublikum gebracht haben. Zwar haben sie die Fernseh-Ästhetik wesentlich verändert und aufgewertet. In den 70ern und bis in die 90er hinein war das Fernsehen eher eine Sackgasse für talentierte Schauspieler Und das Storytelling war eher unterentwickelt. Serien wie “Matlock”, “Magnum”, “Simon & Simon” waren, wie der Name schon sagt ganz auf die Protagonisten zugeschnitten. Das Storytelling war unterentwickelt und vor allem die Interaktion der Hauptfiguren stand im Mittelpunkt.
Heute ist es eher umgekehrt: Hollywoods Blog-Buster sind alle nach dem gleichen Schema aufgebaut. Bis auf prominente Schauspieler, bombastische Effekte und große Marketing-Budgets haben sie kaum etwas zu bieten. Hollywood traut sich mit einigen Ausnahmen auch nicht mehn zu experimentieren.

Die Reise des Anti-Helden

Wer sich mit den Erzähltraditionen beschäftigt hat, hat sicher schon einmal von der Heldenreise gehört. Die Heldenreise ist nach Forschungen des Mythenforschers Joseph Campbell ein klassisches Muster, nach dem viele, wenn nicht alle mythischen Erzählungen aufgebaut sind. Viele Geschichten aus Buch und Film basieren auf diesem Schema. Die meisten Phantasie-Epen der High Phantasy wie Tolkiens Herr der Ringe oder Tad Williams Osten-ARD-Saga basieren auf diesem Schema.
Der Held wird eingeführt, sein Leben wird dargestellt. Häufig ist er ein Jugendlicher, dessen Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist.
Der Protagonist erhält einen Ruf, er soll sein Leben ändern oder seine gewohnte Welt verlassen. Er weigert sich jedoch.
Doch wird seine Welt zerstört oder gerät in große Gefahr. Widerwillig begibt er sich auf die Suche nach der Ursache.
Auf seiner oft buchstäblichen, manchmal nur metaphorischen Reise begegnet er unterschiedlichen Personen und Herausforderungen. Er hat oft Erfolg, manchmal scheitert er. Doch er erlangt neue Fähigkeiten und reift allmählich heran.
Er erlangt einen entscheidenden Vorteil. Nun ist er soweit, dem Feind entgegenzutreten. Alternativ kann es auch passieren, dass nach dem er eine wichtige Schlacht gewonnen hat er in eine aussichtslose Situation gerät. Er und mit ihm alle, die ihm nahe stehen, oft die ganze Welt droht in den Bann des Feindes zu geraten.
Der Feind wird wider Erwarten geschlagen. Zumeist ist hier eine der Tugenden entscheidend, die der Held im Laufe seiner Reise erworben hat.
Der Held kehrt gereift in sein altes Leben zurück oder er beginnt gereift ein neues Leben.
Es gibt interessante Abweichungen von diesem Schema: Im Herrn der Ringe zögert Frodo zuletzt, als er den Ring ins Feuer werfen soll, um Saurons Macht zu brechen. Tatsächlich ist es Gollum, der den Ring am Ende vernichtet, wenn auch unabsichtlich. Frodo wäre am Ende beinahe der Macht des Ringes verfallen. Gollum griff ihn an und biss Frodo einen Finger samt dem Ring ab. Im Freudentaumel, seinen Schatz wieder zu haben stürzte gollum in das Feuer und vernichtete so den Ring. Damit ist Gollum, was viele Herr-der-Ringe-Fans sich nicht bewusst machen, der Retter von Mittelerde.
Gollum ist auch sehr ambivalent gezeichnet worden. Während alle anderen Figuren dem Gut-Böse-Schema eindeutig eingeordnet werden können, ist Gollum immer ambivalaent. Zum Beispiel hilft er Frodo und Sam auf ihrem Weg nach Mordor. Er scheint auch eine positive Beziehung zu Frodo aufzubauen. Heute würde man von einem Fall von Schizophrenie sprechen. Er schwankte zwischen dem alten Smeagol, seinem alten Leben, seiner Abhängigkeit vom Ring und seiner Anhängerschaft des Bösen.
Das Schema der Heldenreise ist nicht statisch. Es kann Abweichungen geben. Doch da es auch dazu dient, Spannung aufzubauen, wird es häufig so angewendet.
Die Reise des Anti-Heldenverläuft ähnlich. Klassisches Beispiel dafür ist “Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas.
Der Hauptprotagonist ist der Seemann Edmund Dantes. Er ist ein junger, sympathischer Mann auf dem Weg,ein erfolgreiches Leben mit einer schönen Frau zu beginnen. Doch er wird mehrfach verraten und landet im Gefängnis.
Dontess gelingt es, an ein großes Vermögen zu gelangen. Er kehrt als Graf von Monte Christo zurück und beginnt, sich an den Personen zu rächen, die ihn verraten haben. Er ruiniert sie systematisch.
Eines Tages jedoch passiert ein Unglück. Ein Junge, der mit dem Verrat an Dontess nichts zu tun hat, wird durch einer seiner List vergifttet.
Dontess nimmt schließlich Abstand von seinen Racheplänen und beginnt ein neues Leben. Ein ähnliches Schema finden wir in Star Wars bei Annekin Skywalker.
Das ist also die Reise des Anti-Helden.
Der Anti-Held wird eingeführt.
Sein Leben wird durch seine Feinde zerstört. Er muss fliehen, kommt ins Gefängnis oder verfällt in Depressionen.
Er erlangt neue Fähigkeiten, die ihn in die Lage versetzen, sich an seinen Häschern zu rächen. Seine Feinde geraten selbst in Gefangenschaft, werden ruiniert. Manchmal sehen sie auch ihr Mißverhalten ein und entschuldigen sich bei ihm. Sie ändern ihr Leben.
Der Held vernichtet seine Häscher oder er vergibt ihnen. Er baut sich ein neues Leben auf. Alternativ kann der Antiheld auch sterben. Seltener finden wir den Fall, dass der Antiheld sein verbrecherisches Leben so weiterführt wie gewohnt. Das würde dem moralischen Gefühl des Lesers widersprechen.

Sauron

“Der Herr der Ringe” hat sich zweifllos zu einem der Kultbücher entwickelt. Aus heutiger Sicht betrachtet ist er jedoch ein schwaches Stück Literatur. Der Hauptgegner Sauron bleibt buchstäblich im Schatten. Man erfährt so gut wie nichts über ihn. Bis auf die Hobbits bleiben die Helden eher unnahbar. Niemand würde mit Gandalf oder Aragorn ein Bier trinken wollen. Die Hobbits sind sympathischer als die Menschen. Die meisten Menschen sind zu tugendhaft, um sympathisch zu werden. Schlimmer sind nur die Elben.
Gleichzeitig bleiben die Hobbits aber hilflos und kindlich. Sie akzeptieren die Geschichte, ergreifen aber nie selbst Initiative. Erst am Schluss, als sie das Auenland zurückerobern, entwickeln sie eigene Initiative.
Doch die interessanteste Figur taucht nur als Schatten auf. Es ist bemerkenswert, dass Sauron in den Büchern kein einziges Mal selbst zu Wort kommt. Tolkien hat sich wenig Mühe gegeben, die Feinde im Detail zu zeichnen.
Sowohl Sauron als auch Saruman sind Gefallene. Sarumman war usprünglich ähnlich wie Gandalf ein Zauberer. Die Aufgabe des Rates war es, Mittelerde vor den Bösewichten zu schützen. Doch Sauron wird verführt und Saruman glaubt, Sauron austricksen zu können, indem er sich selbst den mächtigen Ring verschafft.
Es bleibt ein Rätsel, warum Tolkien Sauron nicht zu Wort kommen lässt, während Saruman ausführlich in mehreren Dialogen dargestellt wird.

Die Faszination des Bösen

Auch jenseits der Fantasiewelten erfreuen sich namhafte Schurken besonderer Beliebtheit. Über Serienkillerwird häufig berichtet, dass sie Liebesbriefe und Heiratsangebote erhalten. Viele Frauen – und nicht nur sie – finden den verwegenen Draufgänger interessanter als den soliden Buchhalter.
Spannung, Sympathie, Identifikation
Ich habe drei zentrale Aspekte ausgemacht. Sie können auch alle gemeinsam auftreten, müssen es aber nicht.

Spannung

Wir können einen Charakter spannend finden. Wir mögen es nicht akzeptieren, dass ein Verbrecher seine Taten aus reiner Boshaftigkeit begeht. Das ist heutzutage zu platt. Stattdessen wollen wir mehr über seine Motive wissen. Und wir erwarten, dass seine Motive schlüssig für uns sind. Das heißt nicht, dass wir sie richtig finden müssen. Das wird leider häufig vermischt. Ein Motiv nachvollziehbar zu finden heißt nicht, dem Motiv oder der Handlung zuzustimmen.

Sympathie

Symppathie können wir sowohl für den Protagonisten wie auch für den Antagonisten empfinde. Bei den meisten Krimis wissen wir ja nicht, wer der Täter ist. Das von Anfang an klar zu stellen würde dem Krimi viel von seiner Attraktivität rauben.
Eine Figur kann uns sympathisch sein, ohne dass wir sie spannend finden. Ein Beispiel ist die Serie Raumschiff Enterprise – das nächste Jahrhundert. Die Macher haben die Haupt-Charaktäre eher flach und langweilig angelegt. Viele sind sympathisch, aber zugleich stinklangweilig. Sie sind ausentwickelt und moralisch aufgeladen. Dadurch wird die Handlung vor allem in den ersten Staffeln voraussehbar.

Identifikation

Last not least können wir uns mit Figuren identifizieren, ohne dass wir sie spannend oder sympathisch finden. Das gilt etwa für Kurt Wallander, der Hauptfigur von Henning Mankell Wallander ist ein kauziger, in sich gekehrter, altender Polizist. Wir können uns mit ihm identifizieren, weil wir viele seiner Probleme kennen: Einsamkeit, Beziehungs- und Gesundheitsprobleme, Pessimismus und so weiter. Zugleich ist er uns zumindest ein wenig unsympathisch. Vielleicht mögen wir seine ewige Melancholie nicht leiden. Oder vielleicht erinnert er uns an unsere eigenen Schwächen.
Spannend ist er in dem Sinne nicht, weil wir wissen, dass er den Fall aufklären, nicht sterben und auch nicht sich dem Bösen zuneigen wird. Wallander entwickelt sich ebenfalls im Laufe der Romane nicht weiter.
Ähnlich ergeht es uns mit anderen, ähnlich gelagerten Figuren: Donna Leons Commissario Brunetti ist kein echter Sympathieträger. bei ihm findet man keine Weiterentwicklung. Das gilt auch für Roy von Peter James oder David Hunter von Simon Beckett. Es ist wohl kein Zufall, dass alle Drei – Peter James, Simon Beckett und Donna Leon – eher als schlechte Autoren gelten. Sie greifen auf ein sehr beschränktes Repertoire von Erzähltechniken zurück. Ihre Charaktäre sind alle flach und einseitig und daher berechenbar. Ihre Bücher scheinen sie nach einem Baukasten-Prinzip zu konstruieren, so dass man sich am Ende nicht mehr erinnert, welchen Roman man schon gelesen hat.
Angeblich soll Christie bei einigen ihrer Krimis selbst nicht gewusst haben, wer am Ende der Täter sein würde. Wenn das stimmt, konnte sie dadurch die Figuren so entwickeln, wie sie es haben wollte. Als Autor hat man ja den Vorteil, dass man die Erzählung immer so anpassen kann, dass sie zu einem beliebigen Schluss passt.

Das Motiv

Wenige Krimiswidmen dem Motiv des Täters viel Aufmerksamkeit. Geld, Macht oder Sex – oder alles Drei – reichen als Motive aus. Psychische Hintergründe spielen keine Rolle. Der Leser soll den Täter aufgrund seiner niedrigen Bewweggründe möglichst verachten.
Eine Ausnahme bilden hier die Geschichten um Father Brown von Gilbert K. Chesterton. Brown ist ein katholischer Priester. Er löst Kriminalfälle weniger durch akribische Spurensuche, sondern indem er sich in die Täter hineinversetzt. Sein Ziel ist nicht, den Täter einer weltlichen Strafe zuzuführen. Vielmehr möchte er, dass der Täter aufrichtig bereut.

Der Gentleman-Verbrecher

Der Gentleman-Verbrecher begeht seine Verbrechen zwar, um sich zu bereichern. Doch vielmehr als der Gewinn reizt ihn die Herausforderung.
Der Gentleman tötet und verletzt niemanden von den Guten. Er beschädigt Sachen nur, wo das nötig ist, um sein Ziel zu erreichen. Seine Ziele erreicht er nicht durch Gewalt, sondern durch Geschick, Redetalent und Charme.
Beispiele dafür gibt es zahllose: Hercule Flambeua bei Chesterton, Harry aus Mord ist ihr Hobby, Victor Hugeney aus den Drei Fragezeichen. Remington Steele, die Hauptfigur der gleichnamigen US-Amerikanischen Serie, wollte ursprünglich die Diamanten stehlen, die seine spätere Partnerin Laura Hold beschützen sollte. Steeles dubiose Vergangenheit ist ständiges Thema der Serie.
Hier finden wir ebenfalls eine typischen Erzähl-Topos.: Die Wandlung des Kriminellen zum Helden. Flambeau wird durch Pater Brown nicht kriminell. Sie beginnen, Verbrechen aufzuklären, statt sie zu begehen. Dabei helfen ihnen ihre Fähigkeiten aus ihren kriminellen Tagen.

Verbrechen als Kunst

Die Gentleman-Verbrecher betrachten ihre Straftaten weniger moralisch. Ihre komplexen Pläne sind eher Kunstwerke.

Robin Hood

Robin Hood ist sicherlich der sympathiste Kriminelle der westlichen Geschichte. Ob er tatsächlich existiert hat ist ebenso fraglich wie sein wahres Verhalten. Hat er nicht doch Reiche bestohlen und den Gewinn für sich behalten? Oder noch einfacher: Die Armen bestohlen, an die muss er wesentlich einfacher herangekommen sein. Wir werden es vermutlich nie erfahren.
Durch die zahlreichen Geschichten und Verfilmungen hat Hood ein Eigenleben entwickelt.
Eine ähnliche Figur finden wir in den Werken des türkischen Schriftstellers Yasar Kemal. Sein bekanntestes Werk “Memet, mein Falke” dreht sich um einen armen Bauernsohn. Der Großgrundbesitzer beutet die Bauern aus. Memet flieht in die Berge und beginnt einen Feldzug gegen den Großgrundbesitzer.
Zwar lehnen sie sich gegen die bestehende Ordnung auf. Doch ist diese Ordnung zumindest aus unserer Sicht zutiefst ungerecht.

Das kriminelle Genie

Es gibt nicht wenige Filme, in welchen der Täter intelligenter ist als sein Häscher. In praktisch allen James-Bond-Filmen entwickelt der Antagonist einen ausgefeilten Plan, um die Weltherrschaft, ein großes Vermögen oder etwas Ähnliches zu erlangen. Um diesen Plan umzusetzen, muss er ausgezeichnet planen können. Er muss Geld investieren, Ressourcen steuern und geeignete Mitarbeiter gewinnen und kontrollieren. Er macht mit anderen Worten Projektmanagement.
Der Protagonist hat die vegleichsweise einfache Aufgabe, diese Pläne zu durchkreuzen und den Täter dingfest zu machen. Bond stehen die Ressourcen des Geheimdienstes sowie die Entwicklungen des Tüftlers Q zur Verfügung. Bond muss lediglich den Plan entschlüsseln, das ist wesentlich einfacher als den Plan zu entwickeln.
In manchen Geschichten sind die Fähigkeiten des Genies noch augenfälliger. In “Othello” geht es weniger um Othello, der sich spielend leicht manipulieren lässt. Othello ist eine tragische Figur: Statt seiner Frau zu vertrauen ließ er sich manipulieren. Er erscheint als Getriebener. Die eigentliche Hauptfigur in dem Stück ist Jago. Jago ist sicher kein sympathischer Zeigtgenosse. Dennoch ist er der eigentliche Treiber der Geschichte.

Der Reiz des Renegaten

Mao Tse Tung, Che Guevara und selbst Lenin und Stalin sind nicht nur unter Linken sehr beliebt. Mao ist der vermutlich blutrünstigste Diktator der Weltgeschichte. Er hat den Staat Tibet erobert. Die Kulturrevolution und der große Sprung nach vorn sollen für den Tod von mehreren zehn Millionen Menschen verantwortlich sein. Castro hat ein umfassendes Gesundheitsystem eingeführt und unter den lateinamerikanischen Staaten gibt es kaum ein Volk mit einer besseren Bildung. Zugleich hat er Tausende seiner Kritiker eingesperrt, die Meinungsfreiheit unterdrückt und das Land von einer sinnvollen Modernisierung abgehalten. Lenin und Stalin haben die Blüten der Demokratie in ihrem Land beseitigt. Stalin ist sprichwörtlich für den Begriff des Totalitarismus geworden.
Dennoch werden wir vor allem unter linken Intelektuellen viele positive Stimmen zu diesen Personen finden. Es ist Zeit, ein wenig Ursachenforschung zu betreiben.
Ein wichtiger Grund ist tatsächlich die Rhetorik der Diktatoren. Er mag ein Schweinehund sein, aber er ist unser Schweinehund. In der Praxis gibt es keinen Unterschied zwischen einer rechten und einer linken autoritären Herrschaft. Doch während des Ost-West-Konfliktes haben sich viele Staaten auf der Seite des Westblocks oder Ostblocks positioniert. Dafür erhielten sie von der jeweiligen Seite nicht nur verbalen Beifall. Sie bekamen auch wirtschaftliche Hilfe und entwickelten Handelssbeziehungen.
Der größte Teil der lateinamerikanischen Staaten wurde in den 60er bis in di 80er Jahre von Militär-Diktaturen beherrscht. Die Namen sind vielfach wenig bekannt: Pinochet, Stroessner. Besser kennen wir dagegen Alliende, Peron, Daniel Ortega. Es ist wohl kein Zufall, dass dies alles Ikonen der Linken sind.
Ein ähnliches Bild finden wir in Afrika: Lumumba, Nkrumah. Einige Potentaten wie Robert Mugabe, Hugo Chavez und sein Nachfolger Maduro pflegen bis heute eine anti-imperealistische Rhetorik. Und erhalten Beifall von Linken, während sie ihr Land zugrunde richten. Ich behaupte einmal: Außer Experten würde kaum jemanden den Namen der Staatsoberhäupter eher unbedeutender Länder wie Bolivien, Equador oder Kanada kennen, wenn es sich nicht um linksgerichtete und Regierungen mit einer anti-kolonialistischen Rhetorik handeln würde.
Auch in Literatur und Film sind die Renegaten beliebt: Hier geht es darum, aktiv oder passiv Widerstand gegen die Gesellschaft zu leisten, indem man gegen die Konventionen verstößt. Bud Spencer und Terrence Hill zum Beispiel tun in ihren gemeinsamen Filmen nichts Anderes.
Der Charme des Renegaten beruht vor allem darauf, dass er unbekümmert alle Konventionen ignoriert. Er kümmert sich nicht darum, was von ihm erwartet wird. Er ist das Kind, dass wir alle gelegentlich gerne wären.
Der Mächtige hat keinen Respekt vor dem Machtlosen. Doch wenn der Machtlose keinen Respekt vor dem Mächtigen hat, bewundern wir das.

Der Macher und der Denker

Ein Philosophieprofessor ist kein Philosoph. Das sagte einer meiner Philosophieprofessoren in einem launigen Moment. Ebenso wenig ist ein Revolutionstheoritiker ein Revolutionär. Eine politische Revolution wird nicht dadurch herbeigeführt, dass man über sie nachdenkt. Sie wird nicht herbeigeführt, indem man über sie schreibt. Und sie wird auch nicht herbei geführt, indem man über sie redet. Eine politische Revolution erfordert Handeln.
der zweite Grund, warum Renegaten häufig bewundert werden ist, dass sie handeln statt nur zu reden. Für uns Schreibtisch-Menschen ist es immer faszinierend zu sehen, dass Andere es nicht beim Lesen und schreiben belassen. Wie viele von uns würden tatsächlich ihr eigenes Leben aufgeben, um eine noch so soziale Idee umzusetzen? Reden und ansonsten nichts tun ist doch wesentlich bequemer.
Sicherlich habt ihr Leute in eurem Bekanntenkreis, die starrsinnig an einer Idee festhalten, die ihr selbst für blöd haltet. Fleisch ist gesund, Flüchtlinge sind kriminell, die Mondlandung gab es nicht. Doch die Sturheit, die bei unseren Freunden nervt, finden wir bei anderen gut. “Hier stehe ich, ich kann nicht anders”. Das erfordert einen hohen Grad an Idealismus, Selbstbewusstsein und Unbeugsamkeit. Das ist der dritte Grund, warum wir die Renegaten bewundern.
Diese Eigenschaft wird besonders dann bewundert, wenn die große Mehrheit eine andere Einstellung vertritt. Der Mainstream ist schon länger in Verruf geraten. Doch zweifellos gibt es eine Mehrheitsmeinung. Und gerade dort sind die Antis bewunderswert. Übrigens können wir natürlich auch den Widerstandswillen von Personen bewundern, die anderer Meinung sind als wir.
Möglicherweise finden wir das spiegelbildlich auf der rechten Seite des politischen Spektrums. Leider kenne ich mich in diesem Spektrum aber nicht aus.

Der Tu-Nicht-Gut

Eine bewundernswerte Figur ist der Tu-Nicht-Gut, der mit Vorliebe gegen geltende Konventionen verstößt. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist q aus dem Star-Trek-Universum.
Q ist ein Wesen, dass mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestattet ist. Er kann eigene Realitäten erzeugen und Menschen dort hin versetzen.
Während er zu Beginn der Serie noch eine gottähnliche Rolle einnimmt und über die Menschheit richten will, wird er später zum Antagonisten der Hauptfigur Jean Luc Picard. Wo Picard asketisch, streng und rational ist, ist Q hedonistisch, spontan und unberechenbar.
Q ist in unserem Sinne kein Verbrecher oder Bösewicht. Er ähnelt eher einem Teenager, der aus Langeweile mit Ameisen oder andere kleine Tiere experimentiert.

Der Verbrecher ohne Eigenschaften

Autoren geben sich viel Mühe, damit keine Verbindung zwischen Leser und Täter aufkommt. Gerade in Thrillern wie etwa in der “Lincoln-Rhyme”-Reihe von Jeffery Deaver entwickeln die Täter nur so viel Profil, dass ihre Tat aus ihrer Sicht gerechtfertigt wird. Das ist auch ein Stück weit dem Genre geschuldet. Zwar wird die Tat oder ihre Vorbereitung auch aus der Sicht des Täters geschildert. Doch wird gerade so viel verraten, dass die Spannung gesteigert wird. Zu viele Informationen über den Täter oder den Hintergrund zu verraten würde den Thrill zerstören.
Doch finden wir auch bei Deaver die Figur des faszinierenden Täters. Der Uhrmacher kommt Rhyme einem komplexen Verbrechen auf die Spur. Rhyme kann zwar das Verbrechen verhindern, doch der Täter entkommt. Rhyme bewundert heimlich den Täter, den Auftragsmörder Gerald Duncan. Duncan ist seinerseits von Rhyme fasziniert. Duncan spielt auch in mehreren späteren Büchern um Rhyme noch eine Schlüssel- oder Nebenrolle.

Die Faszination des Bösen

Es gibt wohl wenige Personen in der Weltgeschichte, über die mer publiziert wurde als über Adolf Hitler. Bücher über die Nationalsozialisten könnten eine ganze Bibliothek füllen.
Doch woher kommt die Faszination an Hitler? Über Mao und Stalin ist im deutsch- und englischsprachigen Bereich wesentlich weniger Litteratur erschienen.
Der bekannteste Aspekt von Hitler ist sicherlich der Hass auf die Juden. Der Antisemitismus war damals in allen Staaten fest verwurzelt. Doch obwohl Hitlers Pläne mehr oder weniger bekannt waren, haben selbst die deutschen Juden nicht geglaubt, dass er sie umsetzen würde.
Ein weiterer Aspekt ist Hitlers fast mühelose Machtergreifung. Sie basiert natürlich teilweise auf der Schwäche der jungen Weimarer Demokratie. Dennoch: Deutschland war damals bereits ein gefestigtes Staatswesen. Anders als im pro-revolutionren China oder Russland hättte wohl der größte Pessimist nicht geglaubt, dass sich demokratische Institutionen so mühelos aushebeln ließen.
Der dritte Aspekt ist Hitlers Fähigkeit, nahezu mühelos die Massen für sich zu gewinnen. Die Reden, die Massenaufmärsche, die Propaganda waren ausgefeilt. Stalin und Mao herrschten vor allem durch Angst und Gewalt. Natürlich haben beide auch auf Massen-Propaganda und Personenkult gesetzt. Doch hat niemand die charismatische Herrschaftsform geformt wie Hitler, vielleicht mit Ausnahme von Mussolini. Hitler hat die damals neuen Medien Radio und film perfekt für sich nutzen können.
Es bleibt die Frage, wie ein Mensch mit eher geringer Bildung und überschaubaren Talenten diese Fähigkeiten entwickeln konnte. Natürlich konnte Hitler auf Personen zugreifen, die seine Vorhaben ideal unterstützen konnten. . Doch ist auch die Wahl von Mitarbeitern auf so entscheidende Posten eine wichtige Fähigkeit. Man muss wissen, ob die Person zuverlässig ist, ob sie gleichzeitig sich an Anweisungen hält und selbständig handeln kann und so weiter. Ohne Führungserfahrung ist das sicher keine triviale Aufgabe.
Es liegt aber die Vermutung nahe, dass selbst das fast unvorstellbare Böse eine gewisse Faszination erweckt. Hitler hat den sicherlich größten Organisationsapparat der Welt aufgebaut, dessen einzige Aufgabe die Internierung und Ermordung von Menschen war. Er hat die Verwaltung, eines der ältesten Instrumente des Staates, genommen und deren Logik dazu verwendet, Menschen einzusammeln, zu transportieren und sie in Arbeitslager zu sperren und zu vernichten. Es ist die Perfektion des Bösen, es lässt sich wohl nicht anders beschreiben.
Gerade Hitlers Propaganda ist bis heute mehr oder weniger unbewusst Vorbild. Die Terrororganisation Islamischer Staat verfügt über eine Public-Relations-Abteilung, auf deren Professionalität manches Unternehmen neidisch sein könnte. Ihre Videos und andere Botschaften werden nicht nebenbei produziert. Vielmehr gibt es eine ausgefeilte Strategie. Es ist genau festgelegt, was, wann und für wen publiziert wird. Die Inhalte werden von Profis erstellt. Auch die Rekrutierung neuer Anhänger ist professionalisiert und auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten. Auch finanzielle Mittel werden professionell eingeworben. Der IS arbeitet in dieser Hinsicht nicht wesentlich anders als ein belibiges Unternehmen oder eine andere Organisation.

Die Attraktivität des Fundamentalismus

In vielen Religionen lassen sich zwei exakt gegenläufige Trends beobachten: So wird das Christentum in Westeuropa immer liberaler. Die katholische Kirche hätte Homosexualität vor 30 Jahren kaum akzeptiert. Heute wird sie zumindest geduldet.
Doch gibt es auch eine Gegenbewegung: So haben die strengeren evangelikalen Kirchen in Deutschland Fuß gefasst. Sie stammen häufig aus den USA und für sie ist Deutschland ein attraktives Betätigungsfeld. Sie können Christen einsammeln, die von der Liberalität der Kirchen abgestoßen sind.
Eine zweite wichtige Gruppe sind für sie Menschen auf Sinnsuche. Gerade für Menschen, die kein gfestigtes Weltbild haben sind radikale Bewegungen anziehend. Dabei scheint es oft vom Zufall abzuhängen, ob man sich eher den Autonomen, den Antideutschen, den Anarchisten, den Skinheads oder einer anderen Gruppe anschließt. Häufig sind es Gruppen, die von den eigenen Eltern abgelehnt werden. Sind die Eltern eher konservativ, neigen rebellische Jugendliche häufig eher der Linken zu und umgekehrt. Doch ist das keine Konstante. Doch was macht die Fundamentalisten so attraktiv?
Zunächst einmal ist da die Attraktivität einer Gruppe für einsame Personen. Die Dorfgemeinschaft gibt es nicht mehr. Die Großstadt ist anonym und kalt. Es ist für viele Personen schwierig, Freunde zu finden. In der Gruppe finden sie das, was sie sonst nirgendwo finden: Wärme, Zusammenhalt, Selbstbestätigung und Akzeptanz. Solange sie sich an die Regeln halten.
Die Sinnsucher suchen nach Antworten auf ihre Fragen. Die Fundamentalisten bieten ihnen ein vielleicht komplexes, aber überschaubares Regelwerk und ein geschlossenes Weltbild. Auf alle Fragen haben sie eine Antwort. Und diese Antwort ist immer richtig und eindeutig. Natürlich nur im Rahmen dieses Regelwerks.
Die Gruppe nimmt dem Mitglied die Verantwortung ab, selbst Entscheidungen zu treffen. Früher haben die Eltern gesagt, was du arbeiten, wen du heiraten und wo du wohnen sollst. Heute stehen uns so viele MÖglichkeiten offen, dass wir uns nicht entscheiden können. wer entscheidet, muss Verantwortung übernehmen. Und viele von uns möchten das nicht. Niemand möchte für eine falsche Entscheidung verantwortlich sein. Trifft die Gruppe die Entscheidung, ist sie verantwortlich. Das ist dann so ähnlich wie das Schicksal. Dumm gelaufen, aber ich habe keinen Einfluss darauf.
In den meisten, nicht allen, Gruppierungen steht ein charismatischer Anführer an der Spitze. Er übt auf seine Anhänger eine hohe Attraktivität aus. Nicht selten zerfällt eine Gruppe, nachdem ihr Anführer gestorben oder verschwunden ist. Seine Nachfolger mögen die gleichen Herrschafts-Instrumente wie er haben. Doch fehlt ihnen die Anziehungskraft, so dass sie die Anhänger nicht überzeugen können.
Auch scheint es einen bestimmten Menschentypen zu geben, für den strenge Regeln sehr attraktiv sind. Sie fühlen sich in einer liberalen Gesellschaft schlecht aufgehoben. Je strenger die Regeln und je stärker die Überwachung, desto wohler fühlen sie sich. Solche Menschen fühlen sich häufig von den Streitkräften angezogen. Nicht umsonst sind alle Armeen ein Musterbeispiel für Disziplin und Ordnung. Es wird alles geregelt: Die Rangfolge, die Kleidung, die Frisur, sogar die Art, wie ein Bett gemacht wird. Der Tag ist straff durchorganisiert. Es ist zu tun, was der Vorgesetzte sagt, Fragen sind keine zu stellen.
Ähnliches finden wir bei vielen religiösen Sekten, Guerilla-Bewegungen oder terroristischen Organisationen.

Die Attraktivität der Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien hat es schon immer gegeben. Doch haben sie durch das Internet und vor allem durch Netzwerke wie Facebook enorm an Verbreitung gewonnen. Früher saßen die Theoretiker allein zuhause und haben vielleicht Bücher gelesen. Heute tauschen sie sich millionenfach übers Internet aus. Dabei tritt ein für geschlossene Gruppen typischer Effekt auf: Die Vtlogen steigern sich immer stärker in ihre eigene Welt hinein. Sie bestätigen sich gegenseitig in ihrer Weltsicht. Dadurch wird das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe gestärkt. Gleichzeitig verengt sich der Blick. Alternative Sichten werden nicht mehr wahrgenommen oder einfach negiert.
Die Attraktivität von Verschwörungstheorien beruht vor allem darauf, dass sie eine komplexe Welt stark vereinfachen und in ein simples Erklärungsmuster fassen. Es ist leichter zu glauben, dass die Freimaurer die Weltherrschaft an sich reißen wollen statt sich die Welt so anzusehen, wie sie ist. Dem widerspricht auch nicht, dass Verschwörungsthorien selbst sehr komplex sein können.

Die Langeweile des Guten

Manchmal sind die Guten so gut, dass man sich wünscht, die Bösen würden gewinnen. Das trifft zum Beispiel auf die Jugendbücher der 80er Jahre zu. Wer hätte sich nicht gewünscht, dass Tarzan aus TKKG endlich einmal ordentlich durchgeprügelt wird? Oder dasss der Koyote den Roadrunner erwischt? Oder das Tomm Jerry auffrisst?
Wenn Charaktäre zu perfekt sind, gehen sie uns bald auf die Nerven. Perfekte Menschen sind etwas für die Coverbilder von Illustrierten. Doch gerade eine zur Schau gestellte Rechtschaffenheit wirkt schnell aufgesetzt und unglaubwürdig. Sie liefert keinen Ansatzpunkt für Neugier, Interesse Sympathie oder Identifikation. Was soll man mit jemandem anfangen, der immer recht hat, der nie einen Fehler macht und der nie einen Grund bietet, ihn zu kritisieren?
Es ist eine gediegene Langeweile, die wir auch in den Thrillern von Tom Clancy oder bei Chuck Norris in Walker Texas Ranger finden.

Das A-Team

Eine etwas verwirrende Konstellation finden wir in der Serie “Das A-Team”. Die Protagonisten sind ehemaligen Vietnamveteranen. Sie werden eines Verbrechens beschuldigt dass sie nicht begangen haben. Deswegen werden sie von der Militärpolizei, aber auch von der lokalen Polizei verfolgt. Sie betätigen sich als Robin Hoods, helfen Menschen, die von skruupellosen Verbrechern bedroht werden.
Gerade durch ihr Renegatentum gewinnen die Vier die Sympathie der Zuschauer. Zwar brechen sie fortwährend die Regeln des Staates. Doch tun sie das nur, um das Böse zu bekämpfen und die Gerechtigkeit wieder herzustellen.
Wir finden diese Art von Auflehnung tausendfach in der Gesellschaft. Jesus selbst hat sich gegen die Priesterschaft aufgelehnt – eine Priesterschaft, die fatale Ähnlichkeit mit der heutigen Kirche hat. Martin Luther hat seine Gefolgschaft nicht zuletzt seinem Rebellentum gegen etabliert Strukturen zu verdanken: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders.” Unter vielen ärmeren Afroamerikanern gilt der rhetorisch gewandte und renitente Malcolm X viel mehr als Ikone als seiner bekanterer und kooperativerer Konterpart Martin Luther King.
Und wir finden dieses Rebellentum bis heute auch bei Personen, die etablierter kaum sein könnten: Alle Protestparteien jeglicher politischer Richtungen inszenieren sich als Rebellen gegen die Eliten oder gegen einen angeblichen Mainstream. Nach ihrer Meinung müssen sie etwas falsch gemacht haben, wenn sie nicht vom Staat bekämpft und von den Mainstream-Medien abgelehnt werden.

Vom Schneewitchen zur Prinzessin und zurück

Sehr häufig ist eine persönliche Entwicklung mit der Entwicklung einer Geschichte verwoben. Deshalb finden wir oft Teenager oder junge Erwachsene als Helden. Sie sind zu Beginn der Geschichte eher naiv und unreif. Am Ende haben sie sich nicht nur selbst gerettet, sondern sind zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft gereift.
Seltener, aber ebenfalls beliebt ist die Geschichte um einen Sünder, der bekehrt wird. Wir finden das zum Beispiel im Film Sister Act. Whoopi Gooldberg spielt eine abgehalfterte Sängerin. Durch ihr Leben im Kloster wandelt sie sich allmählich zu einer zuverlässigen Person.
der umgekehrte Fall ist aber eher selten. Doch finden wir auch ihn, aber eher in der Nebenrolle.
Sauron und Saruman, die beiden Bösewichte aus dem Herrn der Ringe, sind ebenfalls gefallene Engel.
Breaking Bad zeigt den Fall eines Chemielehrers.
The Wire gilt unter Kritikern als eine der besten Serien der Welt. Dort wird das Leben der unterschiedlichen Protagonisten realistisch dargestellt. Dazu gehören die Polizisten, die Kriminellen, Drogensüchtigen. Es wird ein realistisches Bild der Stadt Baltimore und damit auch der amerikanischen Gesellschaft gezeichnet. Es ist vielleicht die einzige Serie, in der jede Perspektive dargestellt wird. Andere Serien begnügen sich damit, die eine oder andere Seite darzustellen. The Wire lässt alle Seiten zu Wort kommen.
Ähnlich funktioniert auch “Das Lied von Eis und Feuer”, bekannter als “Game of Thrones”. GOT lebt vor allem von zwei Aspekten: George Martin hat ein unverkennbares Vergnügen daran, seine Hauptfiguren sterben zu lassen. Der Leser kann nie wissen, ob die jeweilige Figur überleben wird. Zum Anderen sind viele Charaktäre sehr ambivalent gezeichnet. In den Büchern wird jede Episode aus der Perspektive einer anderen Figur beschrieben. Dadurch verändert sich im Laufe der Geschichte die Sicht der Leser auf unterschiedliche Figuren. Vor allem die Lannisters erscheinen zu Beginn als skrupellose Machtmenschen. Sie sind bereit, alles zu tun, um die Macht zu übernehmen. Erst später wird die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt, so dass viele Ereignisse im Nachhinein betrachtet in einem anderen Licht erscheinen.
Eine böse Tat kann als legitim erscheinen, wenn sie aus den Augen des Täters erzählt wird. Vor allem die schlechteren Autoren scheuen deshalb davor zurück, die Motive aus dem Blickwinkel des täters genauer zu betrachten.

Berechenbarkeit macht unattraktiv

Wenn etwas zu gut ist, um wahr zu sein, ist es wahrscheinlich nicht wahr. Die Meisten von uns verspüren ein gewisses Unbehagen, wenn wir mit Personen zu tun haben, die zu perfekt sind. Sie sind entweder Heilige. Dann sind sie uns überlegen. Oder Betrüger, dann müssen wir uns vor ihnen in Acht nehmen.
Und tatsächlich stellt man bei nährerer Betrachtung fest, dass an dem Mythos nicht so viel dran ist. Gandhi zum Beispiel war ein charismatischer Führer. Zugleich waren viele seiner Ideen nicht praktikabel.
Nun gut, sie sind also keine Heiligen. Das macht sie aber auch menschlicher.
In diesem Motiv finden wir aber auch den Grund, warum viele Protagonisten nicht sympathisch sind. Sie sind zu berechenbar. Es ist klar, dass sie kein Bestechungsgeld annehmen, keinen Betrug begehen und dass sie sich i Supermarkt nicht vordrängeln werden.
Und wer möchte nicht Aragorn verprügeln, wenn er wieder Mal einen hochtrabenden Blödsinn von sich gibt? Schon die Sprache ist so verquarzt, dass es ihm offenbar an Humor fehlt.
Dem Bösen stehen jederzeit alle Handlungsoptionen offen: Er kann böse handeln, weil das seinen Absichten dient oder seiner Natur entspricht. Er kann Gutes tun, weil das seinen Absichten dient oder weil er vielleicht doch ein Gewissen hat. Der Böse ist zwangsläufig immer ambivalenter als der Gute. Deshalb ist er auch stets spannender.

Die Ursachen des Bösen

Niemand interessiert sich für das Motiv des Guten. Wir gehen einfach davon aus, dass sich ein Mensch tugendhaft verhält, weil es seiner Natur entspricht. Beim Bösen sieht es jedoch anders aus. Hier wollen wir wissen, was die Ursache ist. Selbst der schlechteste Krimiautor bemüht sich, seinem Täter ein schlüssiges Motiv zu geben.
Ein wenig anders sieht das bei den blutigen Thrillern aus, die vor allem aus den USA oder Skandinavien zu uns schwappen. Jo Nesbo, James Patterson und Co. sind die Täter von Natur aus böse. Das Böse braucht keine Erklärung, es ist einfach Teil dieser Geschichten.
Doch lassen uns diese Bücher ohne Erklärung von Ursachen eher unbefriedigt zurück. In den Horror-Romanen von Stephen King ist das Böse zumeist übernatürlich. Es bedarf deshalb keiner Erklärung. Doch in den meisten Blut-Thrillern sind die Täter Menschen. Und Menschen sind selten von Natur aus schlecht. Deshalb wollen wir wissen, was ihr Handeln lenkt.

Das Gute braucht das Böse

Damit das Gute sich selbst definieren kann, braucht es das Böse. Was wären Gandalf und Aragorn ohne Sauron? Ein paar langweilige Spießer ohne ein Zuhause. Auffällig ist schließlich auch, dass Tolkien seinen Epos “Der Herr der Ringe” bzw. “The Lord of the rings” genannt hat. Dieser Herr ist Sauron. Er hat den einen Ring geschaffen und damit alle anderen Ringträger bis auf die drei Elbenringe unter sich gebracht. Tolkien hat die Geschichte also nach dem Erz-Bösewicht benannt und nicht nach einer der Protagonisten oder nach etwas Ähnlichem. Obwohl Tolkien wenig Sympathie für Sauron gehabt haben mag, wusste er, dass Sauron die Geschichte vorantreibt, ja erst möglich macht.
Ohne George W. Bush würde hierzulande Michael Moore niemand kennen. James Bond wäre ohne seine Feinde ein langweiliger Dandy. Sherlock Holmes würde ohne seine klugen Contraparts in einer koksumnebelten Depression versinken.
Auch in der Wirklichkeit spricht vieles für solche Konstellationen: Niemand würde hiezulande Michael Moore kennen, wenn George W. Bush 2001 nicht Präsident geworden wäre. Viele Potentaten jeglicher politischer Coleur ziehen ihre Legitimation aus einem Feindbild. Oft ist das ein Staat, lieber sind ihnen aber personifizierte Feinde. Dabei ist ihnen wenig unangenehmer als ein global beliebter Präsident wie Obama oder Bill Clinton. Sie lassen sich wesentlich schlechter als Feindbilder aufbauen als George W. Bush oder Donald Trump, die selbst im eigenen Land viele Proteste ausgelöst haben.

Die Ästhetik der Gewalt

In den letzten 20 Jahren gab es eine Schwemme an Büchern und Filmen mit hohem Blutfaktor. Zu nennen wären etwa James Patterson, Jo Nesbo, Patricia Cormwell und viele mehr. Es lassen sich im Wesentlichen zwei Grundirchtungen unterscheiden:
In der Mordserie geht es zumeist um eine einzelne Person, die mehrere blutgie und brutale Morde begeht. Der oder die Ermittler versuchen, den Killer mit ihren eigenen Methoden zu fangen. Ein Klassiker dieser Literatur ist “Das Schweigen der Lämmer” von Thomas Harris. Mordserien gehören spätestens seit Agatha Christie zum festen Repretoire der Kriminalliteratur. Doch bei Christie stand die eigentliche Tat, das qualvolle Sterben und das Vergnügen am Tod des Opfers nie im Vordergrund. Das hat sich in den aktuellen Thrillern geändert. Zu nennen wären etwa Jo Nesbo, Cody McFayden, James Patterson, Patricia Cormwell und viele mehr.
Die zweite Art von blutigen Spektakeln finden wir vor allem in Thrillern und Actionfilmen. Es werden eine große Zahl von Menschen umgebracht, das Blut fließt hektorliterweise. Diese Massaker dienen hier als Stilelement, um die brutale Wirklichkeit darzustellen. Auch hier finden wir viele Beispiele: Die Bücher des Autoren-Duos Preston/ChildJames Rollins,
Erstaunlich hierbei ist, dass die Bücher durchaus ein Massenpublikum finden. Vor 30 Jahren hätten sie vielleicht eine FSK-Freigabe ab 18 bekommen oder wären wegen ihrer Brutalität gar nicht auf dem Markt gekommen. Heute liegen sie in jedem Buchladen auf dem Bestseller-Stapel.
Das mag auch daran liegen, dass die Gewalt zwar beschrieben, aber nicht wirklich explizit gemacht wird. Es kommen zwar viele Personen gewaltsam zu Tode. Doch werden diese vielen Tode weniger drastisch dargestellt als die Morde in vielen Romanen um Serienmörder. Bei Jo Nesbo oder James Patterson werden in der Regel weniger Menschen ermordet. Doch wird deren Ermordung und die Brutalität des Täters wesentlich plastischer dargestellt. Bei Preston/Child oder James Rollins wirkt die Gewalt eher wie die Gewalt aus einem Comic.
Zudem mag es auch eine Zeit gegeben haben, in welcher der Mord an sich ähnlich angesehen wurde. Erst mit der Einführung der Kriminalromane gehört der Mord zum festen Repertoire der Literatur. Während bei Sherlock Holmes häufig gar keine Morde passieren, gehören sie bei Agatha Christie und den anderen Autoren des goldenen Krimizeitalters zum festen Standard. Auffällig ist dabei, dass der Prozess des Sterbens selten dargestellt oder beschrieben wird. Heutzutage scheinen mehr Morde im Fernsehen als in der Wirklichkeit stattzufinden. Kein Fernsehkrimi kommt ohne Leiche aus.
Der Reiz liegt zum Einen in der Tat selbst. Ein Banküberfall, eine Erpressung, selbst eine Vergewaltigung lassen sich ausgleichen bzw. das Opfer kann lernen, damit zu leben. Ein Mord ist irreversibel. Er lässt sich durch nichts ausgleichen oder rückgängig machen.
Hinzu kommt natürlich die Frage, ob es bei dem einen Mord bleibt. Wer schon einmal gemordet hat, könnte es jederzeit wieder tun. In Wirklichkeit werden die meisten Morde im Affekt begangen und die meisten Mörder bleiben bei dieser einen Tat. Doch in diesem wie in vielen Punkten hat der Krimi wenig mit der Wirklichkeit gemein.
Wichtig ist auch, dass die hochkompetenten Ermittler nicht mit lapidaren Verbrechen beschäftigt werden sollen. Hercule Poirot sucht nach einem Bankräumber? Das vermag sich kaum jemand vorzustellen. Unter Mord geht da nichts. Und natürlich darf der Mord nicht profan sein. Es muss ein rätselhaftes oder burtales Verbrechen sein. Während in den Whodonit-Krimis noch die Rätselstruktur dominiert, ist es heute eher die Brutalität.
Der schwere der tat entspricht der Druck, der auf den Ermittlern lastet. Der Täter könnte jederzeit wieder zuschlagen. Zum Einen muss natürlich die Tat an sich bestraft werden, um zumindest teilweise die Gerechtigkeit wieder herzustellen. Zum Anderen muss der Mörder aber auch daran gehindert werden, weitere Taten zu begehen.
Doch warum faszinieren uns diese Gewaltorgien?
Es gibt mehrere Erklärungsmöglichkeiten. Gewalt hat eine eigene Ästhetik. Das wird jeder bestätigen, der sich gerne Actionfilme ansieht. Es passiert ja nichts anderes, als das Häuser, Autos oder andere Dinge explodieren. Zwischen den Explosionen und Stunts lässt sich mit viel Mühe etwas wie eine plausible Geschichte erkennen.
Zudem steckt in allen Actionfilmen ein Stück des Selfmade-Man: Eine relativ normale Person wie du und ich stellen sich allein der Armeee oder dem Unrecht entgegen. Es ist das alte Spiel David gegen Goliath.
Je brutaler, desto bewunderswerter größer ist der Mut, den die Gegner zeigen müssen, um trotzdem in die Schlacht zu ziehen.
Auch die reine Brutalität eines reinen Serienmörders scheint eine gewisse Faszination auszulösen. Manche Taten sind so stark durchcoreografiert wie die Kampfszenen aus den chinesischen Kampfkunstfilmen. Wer sich das freiwillig durchliest braucht vor allem gute Nerven. Oder er muss das extrem spannend finden.
Natürlich befinden sich auch die Autoren in einer Eskalationsspirrale. Die Serienkiller müssen immer brutaler, die Morde und Verstümmelungen immer bizarrer und die Motive immer exotischer werden. Wie jedes Genre ist irgendwann die Grenze des guten Geschmacks soweit überschritten, dass es entweder nicht mehr akzeptabel ist oder es einfach nur unrealistisch ist.
Der legale Voyeurismus
Hast du dir schon mal gewünscht, einem Serienkiller über die Schulter zu schauen? Eher nicht. Solche Leute mögen in gewisser Weise faszinierend sein. Doch sind sie wahrscheinlich keine sympathischen Zeitgenossen und Zeugen laden sie normalerweise auch nicht ein.
Doch bei der Literatur dürfen wir unserem Voyeurismus freien Lauf lassen. Wir sitzen mit den Figuren am Eßtisch, vor dem Fernseher oder liegen mit ihnen im Bett.
Gerade weil wir in der bequemen Sicherheit unseres Zuhauses sitzen und wissen, dass Serienmorde selten vorkommen, können wir uns bei der Lektüre dieser Romane entspannt zurücklehnen.
Ein klassisches Element des Spannungsaufbaus ist Suspense, das heißt, Verzögerung. Wir wissen zwar, was der Täter getan hat. Und wir sind gespannt darauf, was der Täter als nächstes tun wird. Und jede brutale Tat bedarf einer Steigerung.
Last not least bleibt die Frage, wie die Angehörigen und die Ermittler auf die Brutalität des Täters reagieren werden. Bei einer Serie entwickelt der Leser häufig nach einer gewissen Zeit eine Beziehung zu den Figuren. Natürlich ist es dann spannend zu sehen, wie sie auf solche Entwicklungen reagieren und was sie tun werden.

Der geniale Verbrecher

Die Faszination eines Jack the Ripper hat bis heute nicht nachgelassen. Unzählige Geschichten haben seine Geschichte aufgenommen. Zahlreiche Sachbücher spekulieren bis heute über die Identität. Dank gentechnischer Untersuchungen ist es durchaus möglich, dass wir seine Identität doch noch eines tages erfahren.
Ein echtes Medienphänomen war seinerzeit Dagobert. Dagobert erpresste den Kaufhauskonzern Karstadt. Ich erinnere mich heute noch daran, wie wir gespannt vor dem Fernseher saßen und uns fragten, welchen Coup er als Nächstes aushecken würde.
Wessen Geschichte
Als Leser und Zuschauer bin ich immer davon ausgegangen, dass eine Geschichte von dem Protagonisten voran getrieben wird. In Romanen ist das oft so. Tatsächlich handeln viele Geschichten nur zu einem geringen Teil von dem Helden. Der Held wird durch einen Antaggonisten oder ein Ereignis aus seiner gewohnten Bahn geworfen. Ohne diesen Auslöser hätte er sein Leben vielleicht für immer so weiter gelebt wie bisher.
Deshalb muss die Geschichte zwangsläufig auch diesen Auslöser ausführlich behandeln. Bei vielen Geschichten steht deshalb nicht der Held, sondern der Ausslöser oder der Antagonist im Vordergrund. Erst gegen Ende – wenn überhaupt – übernimmt der Held einen aktiven Anteil. Er handelt und hört auf, sich behandeln zu lassen. Der Gejagte wird zum Jänger, das Opfer wird zum Helden.
Ganz augenfällig ist das bei Krimis und Phantasy-Geschichten. Der Spannungsaufbau erfordert es, dass der Gegner bis zuletzt als übermächtig erscheint. Ist das Verbrechen schon im ersten Kapitel geklärt, der Bösewicht besiegt oder die Alkoholkrankheit kuriert, was sollte auf den nächsten 967 Seiten noch Interessantes passieren?

Der Charme des Ohnmächtigen

Vor allem in Phantasy-Epen neigen die Autoren dazu, eine David-gegen-Goliath-Situation zu schaffen. Auf der einen Seite steht der kleine, fast machtlose Protagonist. Er ist zwar moralisch zweifellos überlegen, doch ist er arm, hat nur sehr unterlegene Truppen oder seltener verfügt er nicht über den Verstand seines Gegners. Der Feind seinerseits verfügt über praktisch unbegrenzte Ressourcen. Obwohl oder weil er moralisch unterlegen ist, verfügt er über überlegene finanzielle Mittel, Streitkräfte oder einen schärferen Intellekt. Das sehen wir beim “Herrn der Ringe”, bei “Star Wars” und tausend anderen Geschichten.
Es scheint bei uns ein tiefes Bedürfnis nach solchen Situationen zu geben. Wir mögen den Jungen, der sich von ganz unten nach oben geboxt hat wie Rocky in der gleichnamigen Filmreihe. Oder das Prügelopfer, dass sich eines Tages gegen seine Häscher auflehnt. Oder die Fußball-Mannschaft aus der Regionalliga, die den Bundesligisten besiegt.
Das Spannende daran ist, dass es im Grunde keine eindeutige Tendenz gibt. Zwar sind die Stories über die Tellerwäscher, die zu Millionären werden vor allem in den USA beliebt. Bei einem genaueren Blick stellt sich jedoch häufig heraus, dass Vieles an der Story nicht stimmt. Steve Jobs, Bill Gates, Sergei Brien haben an den besten Unis der USA studiert. Wo Jobs und Gates als strahlelnde Vorbilder gefeiert werden, stehen tausende ähnlich talentierte Personen, die auf weniger günstige Umstände getroffen sind oder die vielleicht einfach weniger Glück hatten oder weniger skrupellos waren. Deren Namen kennt niemand, denn die Geschichtsschreibung interessiert sich nur für die Erfolgreichen.
Je tifer man gesunken ist, desto strahlelnder wirkt der Aufstieg. Einige Leser erinnern sich vielleicht an das Fernseh-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Da gab es eine Stelle, an der beide darüber wetteiferten, wer von ihnen einen schwerere Kindheit gehabt hatte. Das sollte vor allem Personen aus der untereen Schichten zweierlei zeigen: Wir wissen, wie es euch geht und Ihr könnt es schaffen, wenn ihr euch anstrengt (und so großartig seid wie wir es sind, das war der Subtext). Auch dieses Motiv finden wir im kollektiven Gedächtnis des Abendlandes. Da wäre vor allem der Sünder und Christenverfolger Saulus zu nennen. Er wandelte sich zum Kirchenvater Paulus. Auch Jesus selbst hat den Gefallenen oder tief Gesunkenen besondere Aufmerksamkeit geschenkt: etwa Dieben oder Prostituierten.

Das Böse als schöne Kunst

Der englische Essayist Thomas De Quincy ist vor allem als Autor der “Bekenntnisse eines englischen Opium-Essers” bekannt geworden. Ein weniger bekannter Essay befasst sich mit dem “Mort als schöne Kunst”. In einem umfangreichen Anhang beschrieb er den Mord an einer englische Familie.
Ein weiterer Versuch, das Unbegreifliche begreifbar zu machen war Truman Capotes “Kaltblütig”. Capote beschreibt in dieser Reportage in Buchform den Mord an einer ganzen Familie. Dabei beschreibt er nicht nur wie üblich die Familie und ihr Umfeld. Er hat sich auch viel Mühe gegeben, sich in die Situation der Mörder zu versetzen. Er beschreibt ihre Situation, ihre Träume und auch ihre Empfindungen, als sie im Gefängnis sitzen. Capote wird bis heute von Kritikern vorgeworfen, dass er mit den Mördern sympathisiert habe. Das mag auch daran liegen, dass “Kaltblütig” nur wenige Jahre nach dem Mord erschien. Es gab also keinen echten zeitlichen Abstand zwischen der Tat und Capotes Buch. Dabei mag aber auch eine Rolle gespielt haben, dass Capote einen exzentrischen Lebensstil pflegte. Zudem soll er homosexuell gewesen sein, was in den 60er nicht akzeptiert wurde. Vielleicht – das ist meine Vermutung – wollte Capote vor allem verstehen, wie Menschen dazu kommen, solch eine Tat zu begehen.
Das Problem gibt es allerdings bis heute. Wer sich im Detail mit den Amokläufern junger Männer und vor alem mit deren Biographie beschäftigt, gerät automatisch in die Rolle des Apologeten oder Killer-Verstehers. Dabei liegt auf der Hand, dass wir verstehen müssen, was in diesen Leuten vorgeht, um solche Taten künftig zu verhindern.
Es ist aber auch klar, dass solche Biographien für bestimmte Personengruppen attraktiv sind. Man könnte von einem Werther-Effekt sprechen. Goethes “Werther” soll seinerzeit eine Reihe von Selbstmorden ausgelöst haben. Bis heute gilt, dass die Berichterstattung sowie die Ästhetisierung von Selbstmorden in Buch und Film dazu führen kann, dass die Zahl der Selbstmorde signifikant steigt. Heiß diskutiert wird das aktuell wegen der Verfilmung des Buches “Tote Mädchen lügen nicht”. Die Autorin Jay Asher stellt in diesem Buch den Selbstmord einer Jugendlichen dar. Sie wurde gemobbt und vergewaltigt und rächt sich mit ihren Selbstmord und auf Band gesprochenen Anklagen an den Personen, die sie für ihren Selbstmord verantwortlich macht. Dem Buch und vor allem der Serie wird vorgeworfen, den Selbstmord zu ästhetisieieren. Gerade die drastische Darrstellung des Selbstmordes könne Nachahmungstaten begünstigen. Ähnliches wird auch von Büchern über Terroranschläge oder Amokläufe vermutet. Das gilt vor allem dann, wenn sie aus der Perspektive der Täter dargestellt werden.

Der Charme des Unterlegenen

Das Grund-Thema “David gegen Goliath” kehrt immer wieder. Auf der einen Seite steht ein gesichtsloser, übermächtiger Feind. Auf der anderen Seite steht ein sympathischer, irgendwie unbeholfener und dennoch strahlelnder Held. Visuell nehmen wir Größe vor allem als Verhältnis war. Stehe ich neben meinem kleinen Neffen, sehe ich wie ein Riese aus. Stehe ich neben einem Basketballspieler sehe ich wie ein Zwerg aus. Der Kleinere wirkt häufig automatisch verletzlicher und hilfsbedürftiger. Unterlegenheit in diesem Sinne führt häufig dazu, dass mit dem Unterlegenen sympathisiert wird.
Dieses Motiv finden wir häufig in Phantasy-Geschichten. Als Beispiel seien hier nur Star Wars, Der Herr der Ringe oder auch Star Trek genannt.
Auch in der Realität finden wir solche Erzählungen immer wieder. Die alte Frau, der ihr Haus von der großen Bank abgenommen wird. Der kleine Staat, der vom großen Staat okkupiert wird oder die Behörde, die dem Antragssteller einen wichtiges Sache verweigert. Wir finden dieses Schema tausendfach in jeder Zeitung. Während “Opfer” auf einigen Schulhöfen als Schimpwort gilt, versuchen viele Menschen, Organisationen, ja sogar Parteien sich als ebensolche zu inszenieren. Es gibt immer jemanden, der das genau so sieht.

Zum Schluss: Der Hunger nach Lösungen

Unser Hunger auf Geschichten basiert darauf, dass wir Lösungen für komplexe Probleme finden. Jeder Roman, jede Kurzgeschichte und jede Episode ist eine kleine Phantasiewelt. Sie ist in sich geschlossen und logisch. Auch wenn sich am Ende nicht alle in die Arme fallen, ist doch am Ende jede wichtige Frage beantwortet. Der Kreis ist geschlossen. Unser Hunger nach Lösungen ist befriedigt.
Wie schwierig ist da doch die Realität? Während ich dies schreibe, wird der ehemalige Pfleger Niels H. beschuldigt, für den Tod von mehr als 80 Menschen verantwortlich zu sein. Es waren Menschen, die ihm nichts getan hatten. Es waren Menschen, um die er sich kümmern sollte. Warum hat er diese Menschen umgebracht? Hält er sich für ein Werkzeug Gottes? Ist er ein pathologischer Mörder? Hat er den Beruf des Pflegers ergriffen, um Morde zu begehen?
Diese und Dutzende weitere Fragen schwirren mir durch den Kopf. Und ich werde wahrscheinlich nie eine Antwort erhalten.
In diesem Buch habe ich recht frei zwischen fiktiven und echten Ereignissen und Figuren hin- und hergeschaltet. Ich wollte damit zeigen, dass es da viele Querverbindungen gibt. Doch gibt es natürlich auch Grenzen. Die Grenze beginnt dort, wo wir die Rätsel nicht mehr lösen können. Die Autoren sind so freundlich, alles plausibel zu erklären. Aber für die Wirklichkeit kann uns niemand eine plausible Erklärung für Gewalt, Hass und Aggressivität geben.
Vielleicht sind wir Menschen so angelegt, dasss wir immer eine plausible Antwort auf unsere Fragen haben wollen. Vielleicht lieben wir deshalb Geschichten, die häufig brutaler sind als die Wirklichkeit. Denn egal, wie brutal etwas ist, am ende der Geschichte ist die Gerechtigkeit in der einen oder anderen Form wiederhergestellt. In der Realität trifft leider häufig das Gegenteil zu. Vielleicht mögen wir fiktive Geschichten eben deshalb, weil Geschichten häufig ein Versuch sind, die Welt zu ordnen und unser Gefühl für Gerechtigkeit zu erfüllen.

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