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Amok – Sebastian Sick und die Qual der Sprachwächter

Das Wort „Amok“, so wird man regelmäßig belehrt, bedeutet spontaner Wutausbruch und dessen Folgen. Der „Amoklauf“ darf somit nicht geplant sein. Demnach darf ich das Wort „Amok“ auf bestimmte aktuelle Ereignisse in Baden-Würtenberg und Alabama nicht anwenden.

Man fühlt sich unweigerlich an den Obersprachlehrer der Nation Sebastian Sick erinnert, der sich der Rettung des Genitivs verschrieben hat. Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg stellt dazu fest:

Na ja, das ist schon ein interessanter Fall, ob wir sagen „ein Schade“ oder „ein Schaden“, „der Friede“ oder „der Frieden“. Aber darüber wollen wir uns jetzt nicht unterhalten. Das würde ein bisschen zu lange dauern. Der Schaden könnte dadurch entstehen, dass Herr Sick den Leuten einfach sagt, wie es richtig ist und wie es falsch ist. Das was er ihnen sagt, das stimmt in vielen Fällen nicht mit ihrem Sprachgefühl und auch nicht mit dem Zustand des gegenwärtigen Deutschen überein, sondern das sind Meinungen, die irgendwo herkommen. Niemand weiß genau, woher sie kommen, Herr Sick schon gar nicht. Die werden so unter die Leute gebracht nach dem Motto: Das ist richtig, das ist falsch – richte dich danach, etwas anderes gibt es nicht. So funktioniert eine natürliche Sprache wie das Deutsche nicht. (in einem Interview mit dem DeutschlandRadio)

Das Wort Amoklauf sagt also aus, was damit gemeint ist und nicht das, was der Duden damit vor zwanzig Jahren gemeint hat. Killerspiele sind Spiele, in denen mit abenteuerlichen Waffen auf menschlichenähnliche Wesen geschossen wird, was immer auch deren Spieler dazu sagen müssen.

Das heißt im übrigen nicht, dass die Leute damit immer recht haben. Immerhin wissen die meisten Leute tatsächlich nicht, worum es in Counter Strike und ähnlichen Spielen geht.

Wer den letzten deutschen Amoklauf medial begleitet hat, mag sich wie in einem Deja Vu fühlen. Die üblichen Verdächtigen diskutieren die üblichen Themen. Es scheint seit Columbine keinen Erkenntnisgewinn gegeben zu haben. Kein Wunder, denn hier wird versucht, das Unerklärbare zu erklären. Die Medien und die Experten mögen sich nicht an Wittgenstein halten, worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen.

Psycho – die Ästhetisierung des perversen Mordes

Der Psycho-Mord erfreut sich zumindest in der Literatur zunehmender Beliebtheit. Las man früher Patricia Highsmith oder Stephen King, dominieren heute James Patterson, Jean-Christophe Grange und Patricia Cormwell. Vor allem Cormwell und Grange beschreiben mit Vorliebe perverse Mörder, die selten aus Gier und oft aus Freude am Quellen töten. Minutiös werden Einzelheiten beschrieben, die den Mageninhalt in Bewegung versetzen können.
Der König des Horros Stephen King hat so etwas nie gemacht. Bei Patricia Highsmith spielte vor allem das Spiel aus Mörder, Opfer und Ermittler die Hauptrolle, die Morde wurden meistens sauber und leidenschaftslos ausgeführt. Bei Agatha Christie spielten die Morde so gut wie keine Rolle, es standen immer der Täter und der Ermittler im Vordergrund.
Dabei entsteht der durchaus falsche Eindruck, solche bestialischen Morde seien an der Tagesordnung. Dabei sind sie insgesamt wohl relativ selten. Jack the Ripper, der Kannibale von Rothenburg und viele andere existieren zwar als reale Figuren, aber die meisten Morde werden aus Gier begangen oder um Spuren zu verwischen.
Dann gibt es natürlich die Massaker, die von Soldaten oder Söldnern etwa in Ruanda verübt wurden. Bestialisch sicherlich, aber nicht geplant, sondern im Blutrausch ausgeführt.
Da wären auch die eben so seltenen Amokläufe zu nennen. Sie sind ebenfalls brutal, werden aber meistens mit Schusswaffen ausgeführt. Die Täter sind zu feige, sich ihren Opfern zu nähern.
Dabei kann man Leuten wie Patricia Cormwell durchaus eigennützige Motive unterstellen. In „Das Kreuz des Südens“ lässt sie ganz unverblümt ihre Protagonisten härtere Straftaten für Straffällige fordern. Dass sie in den USA lebt und vor allem im Süden, wo die Strafen ohnehin hoch sind, es zudem die Todesstrafe gibt, macht die Sache um so erstaunlicher.
Bildet man sich das ein oder genießen die Schreiber es zumindest ein wenig, sich in die Psyche von Perversen zu versetzen, um genüßlich die ferngelegensten Verletzungen ihren Opfern zuzufügen?
Die Gefahr besteht darin, dass man glaubt, solche Dinge kämen wesentlich häufiger vor, als sie das in der Realität tun. Studien haben gezeigt, dass vor allem ältere Menschen und Personen, die viel fernsehen, große Angst haben, Opfer von Gewaltstraftaten zu werden und die Zahl der tatsächlichen Gewaltstraftaten überschätzen. Das liegt daran, dass diese Leute den Kontakt zur Außenwelt nicht haben, weil sie einfach nicht vor die Tür gehen. Und da sie nicht vor die Tür gehen und die Türe nachts wahrscheinlich gar nicht öffnen, ist es um so unwahrscheinlicher, dass sie tatsächlich Opfer einer Straftat werden. Als Kind habe ich freitag abends gerne Aktenzeichen XY gesehen und mich immer gegruselt.
Die durchaus realen Folgen von Krimiserien wie CSI und der Berichterstattung über Amokläufe, Kindesentführungen, Kindesmißbrauch und anderen Gewaltstraftaten bestehen darin, dass auch Juristen aus der TV-Generation höhere und härtere Strafen fordern. Viele von ihnen werden später an Gesetzen basteln, die eben das herbeiführen.
Solche drakonischen Maßnahmen halten natürlich keinen Psycho davon ab, seinem bösartigen Tun nachzugehen. Womit wir den Kreis geschlossen haben, die Freude an gewalthaltigen Medien zeitigt früher oder später Wirkungen in der Realität.