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Android für Blinde – die ersten Wochen mit dem Moto G 2

Apple ist mit seinem Platzhirschen iPhone und iPad der Renner unter den Blinden, während Android und Windows Phone weit abgeschlagen sind. Leider zurecht, wie ich in den ersten Wochen mit meinem Motorola Moto G 2 feststellen musste.
Man merkt an allen Ecken und Enden, dass die Bedienungshilfen von Android eine Baustelle sind, an der ständig gearbeitet wird. Während Apples System wie aus einem Guss wirkt, schleichen sich bei Android immer wieder einmal Fehler ein oder man merkt, dass die Entwickler nicht mitgedacht haben. Mein Motorola war bei Lieferung auf Englisch eingestellt und Talkback startete auf Englisch. Ich habe dann die erste Einrichtung vorgenommen und Android auf Deutsch umgestellt, auch Taalkback sprach brav Deutsch mit mir. Ich führte anschließend das Update auf Android 5 durch. Beim Neustart war die Oberfläche weiterhin Deutsch, aber die Oberfläche wurde mit englischer Betonung vorgelesen. Ohne sehende Hilfe konnte ich es nicht mehr umstellen. Die entsprechende Einstellung findet man übrigens in den Bedienungshilfen unter Google Text in Sprache.
Ein ähnlich dämlicher Fehler schlich sich bei der Eingabe des PINs ein. Statt die Zahlen vorzulesen, sagte Talkback nur „Punkt“, womit es für Blinde natürlich nicht möglich ist, den PIN alleine einzugeben. Auch die Erkennung der Gesten funktioniert nicht so sauber, wie man es seit dem iPhone 3 Gs gewohnt ist. Die Infos aus der Statusleiste wie Ladezustand, neue Nachrichten etc. lassen sich nicht sauber auslesen. Man kann sich nicht einzelne Informationen vorlesen lassen, sondern muss sich die ganze Statusleiste vorlesen lassen, wenn man etwa wissen will, wie voll der Akku ist. Die Kamera-App von Motorola funktioniert nicht mit Talkback.
Ein weiterer Knackpunkt ist, dass das Einschalten von Talkback nicht einheitlich gelöst wurde. Bei neueren Androids reicht es, beim Start des Gerätes zwei Finger auf das Display zu legen und zu warten, bis Talkback startet. Zuvor musste man ein Rechteck auf das Display zeichnen, etwas, was nicht nur Touch-Unerfahrenen selten auf Anhieb gelingt. Wirklich ärgerlich ist es aber, dass es anscheinend nicht möglich ist, Talkback bei einem laufenden Android-System einzuschalten, dafür benötigt man die Hilfe Sehender, die in die Untiefen des Menüs eintauchen. Sogar Microsoft hat das bei Windows besser gelöst.
Ich muss allerdings einschränkend sagen, dass ich gerade neu eingestiegen bin und mehr durch Ausprobieren als systematische Einarbeitung unterwegs bin.
Einige Sachen hat Google allerdings besser gelöst als Apple. Ich kann mit der Standard-Tastatur deutlich schneller tippen als beim iPhone. Das iPhone verlangt, dass man zunächst das korrekte Zeichen findet und dann doppelklickt. Bei Android wird das Zeichen automatisch getippt, nachdem man den Finger vom Display hebt. Aber auch hier ist die Bedienphilosophie von Android nicht einheitlich. Bei Buchstaben reicht Berühren und Finger aufheben für einen Tipp, Symbole müssen aber immer noch doppelt getippt werden, um sie zu aktivieren. Schön ist, dass es Feedback in Form von Sound und Vibration gibt. Wenn man über ein anklickbares Element streicht, gibt es einen Sound und eine Vibration, man kann eines von beidem oder beides abstellen. Mir persönlich gefällt die Vibration besser.
Auch der Standard-Browser Chrome ist nicht ganz barrierefrei. So werden Elemente wie Überschriften nicht angesagt, der Firefox-Browser kann das.
Meiner Erfahrung nach werden Objekte leichter gefunden, wenn man den Finger auf dem Display belässt und damit herum wischt. Ich habe beim iPhone typischerweise mit der Wischgeste gearbeitet, um mich von Element zu Element zu bewegen, was dort auch gut funktioniert hat. Beim Motorola scheint es besser zu funktionieren, wenn man den Finger nicht vom Display nimmt, sondern quasi darauf herummalt, bis das Feedback in Form von Sound oder Vibration erfolgt und man also ein anklickbares Element gefunden hat.
Als erstes Zwischenfazit: Ich kann beim jetzigen Status keine Empfehlung für Android aussprechen. Für Blinde, insbesondere für solche, die neu in die Welt der Touch-Bedienung einsteigen sind die Gesten zu kompliziert und. Das System funktioniert an vielen Ecken und Enden nicht, wie es sollte. Da leistet jedes iPhone 3 Gs bessere Dienste.
Auch für das Motorola kann ich leider keine Empfehlung abgeben. Besonders ärgerlich ist das Fehlen von Hardware-Tasten. Das Patschen auf den Zurück-Button und die anderen Symbole, die ständig im unteren Teil des Bildschirms eingeblendet werden funktioniert leider nicht immer sauber. Für Blinde sind die Hardware-Tasten eindeutig besser. Wenn schon das relativ nackte Android des Moto G 2 sich so verhält, kann ich für die Geräte anderer Firmen noch weniger eine Empfehlung aussprechen. Leider sind die Nexus-Geräte noch so teuer, dass sich die Investition kaum lohnt.
An dieser Stelle muss ich auch einen ausdrücklichen Tadel an die Firma Google aussprechen. Sie haben das Geld, sie haben das Know-How und sie haben genügend Einfluss, um Android barrierefrei zu machen. Mir scheint aber, dass sie seit Android 2.2 nicht viel dazu gelernt haben und dass sie das Thema nicht wirklich ernsthaft angegangen sind. Vieles ist besser geworden, aber von gut kann man absolut nicht sprechen. Im Gegenteil, einerseits weiß Google, wie wichtig das Thema ist, sonst wären sie es nicht angegangen. Andererseits wirkt Vieles wie Flickschusterei.

Google stolpert über die Barrierefreiheit von Android

In einem Kommentar schrieb ich zu einem anderen Thema, dass einem Google fast leid tun könnte. Auf der einen Seite arbeiten sie beständig an der Weiterentwicklung von Android. Auf der anderen Seite profitieren die meisten Android-Nutzer nicht davon, weil die Updates durch die Hersteller nicht an die Nutzer weitergegeben werden. Google hat hier aus jeder Sicht versagt: die Nutzer profitieren nicht von Verbesserungen des Betriebssystems und Android-Handys werden ein Sicherheitsrisiko. Die Hersteller ihrerseits müssen – oder sollten zumindest – eigene Ressourcen aufwenden, um die Geräte auf die neueste Version zu bringen. Falls Microsoft bei Windows Phone eine andere Strategie verfolgt – ich weiß es leider nicht – könnte Android seine Vormachtstellung auf dem Mobilgeräte-Markt tatsächlich wieder einbüßen. Das Problem war eigentlich voraussehbar, weshalb es schlicht unverständlich ist, warum Google diesen Fehler gemacht hat. Andere Frage: Wie viele Leute werden noch ein Android-Gerät kaufen, wenn diese massenhaft von Hackern gekapert werden?

Googles Fehler in der Barrierefreiheit von Android

Ebenso groß ist Googles Versagen, was die Barrierefreiheit des Systems angeht. Dass sie relativ spät auf Barrierefreiheit gesetzt haben, könnte man ihnen noch verzeihen. Erst Apple hat überhaupt gewagt, ein touch-basiertes Gerät für Blinde zugänglich zu machen.

Was man Google nicht verzeihen kann ist die Fragmentierung der Zugänglichkeitshilfen. Zunächst müssen die Eingabehilfen im System eingeschaltet werden, danach darf man die passenden Apps aus dem Netz herunterladen. Es gibt nicht eine, sondern sehr viele Apps, die installiert werden müssen, um das Gerät überhaupt bedienbar zu machen.
Was mich wirklich geärgert hat ist, dass man das Gerät als Blinder oder Sehbehinderter nicht selbst einrichten kann. Man kann das Gerät nicht einfach an den Computer anschließen und dort konfigurieren. Die Apps müssen über den Appstore oder eine andere Quelle heruntergeladen und installiert werden. Sogar den Spaß, einen Google-Account samt CAPCHA übers Handy zu erstellen mutet Google einem zu.

Auf der Suche nach der verlorenen App

Für viele Aufgaben gibt es eine, zwei oder mehr Apps. Als Behinderter darf man sich die passende App aus dem Store aussuchen. Man kann sich auch die x Seiten durchlesen, die Google dankenswerterWeise zum Thema bereit gestellt hat. Schön und gut – aber wer will das schon? Selbst wenn man Zeit hat, gibt es angenehmere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann als Anleitungen zu lesen und Apps zu studieren.
Wirklich dämlich ist die mangelnde Anpassbarkeit der Android-Oberfläche für Sehbehinderte. Es wäre recht einfach gewesen, die Oberflächen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar zu machen, indem man Schriftgrößen, Farben und Kontrast selbst einstellt. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es gibt eine App dafür! Es tut mir echt leid, aber für jeden Furz eine App zu installieren und wenn es auch so schnell geht ist absolut nicht die Lösung. Ich erwarte von jedem aktuellen Betriebssystem – ob Smartphone oder Desktop – ein Mindestmaß an Konfigurierbarkeit der Oberfläche.
Generell bin ich für den Open-Source-Ansatz. Es ist eine schöne Sache, dass es unzählige Hacks für Android gibt. Und dort, wo Hilfssoftware schon halbwegs gut funktioniert – auf dem Desktop – ist das schön. Nichts davon kommt aber Blinden auf einem Smartphone zugute, weil sie schlicht keinen kognitiven Zugang zum Gerät haben. Schade Google – schade Android.

Access News vom 12. August 2010 – sprechende Telefone und die Schwäche der Marktführer

Viele Betriebssysteme für Smartpohnes und Tablets kommen mit eingebauten Funktionen für Sehbehinderte und Blinde. Apples VoiceOver ist bereits sehr bekannt, aber auch Googles Android verfügt über Sprachausgabe und Bildvergrößerung. Das ist vor allem peinlich für die Marktführer Nokia und Microsoft, bei denen die Hilfssoftware teuer dazu gekauft werden muss.
Microsoft plant meines Wissens nach weder für den Desktop noch für das geplante mobile Windows 7 solche Funktionen. Nokia-Geräte waren dank teurer Zusatzsoftware lange Zeit beliebt bei Blinden, doch die Finnen haben es trotz jahrelanger Marktführerschaft nicht für nötig gehalten, ihre Geräte von Haus aus für Blinde und Sehbehinderte zugänglich zu machen.

Dies und das

Eine neue Erweiterung erlaubt das Formatieren und Drucken von Braille auf geeigneten Druckern.

Microsofts Spielekonsole Kinect soll Gebärdensprache verstehen. Genauer gesagt, die American Sign Language, womit die Konsole auch für Gehörlose oder Schwerhörige interessant werden könnte. Ein entsprechendes Patent wurde angemeldet, ob die Funktion in der ersten Generation des Gerätes verfügbar sein wird, ist noch nicht bekannt.

Update um 14:48 Uhr: WinFuture meldet, Microsoft verzichtet aus Kostengründen auf die Gebärdensteuerung. Die eingebaute Kamera und Hardware ist nicht leistungsfähig genug, um die Bewegungen verarbeiten zu können. Bravo MS, mal wieder mögliche Sympathie-Punkte verschenkt.