Schlagwort-Archive: Auszeichnung

Indien und der Film Slumdog Millionär

Jenseits der Indienromantik und der modernen Indien-Märchen a la Bollywood gibt es nur wenige, die einen klaren Blick auf das Land vermitteln. Der Film “Slumdog Millionär”, der soeben eine große Auszeichnung bekommen hat, macht das Ganze recht deutlich.

Indien ist im Grunde eine Klassengesellschaft. Ob Superreiche, Akademiker, Mittelschicht oder Unterschicht, man bleibt unter sich. Wie in anderen Ländern auch, stehen hier weniger formale Schranken im Wege als informelle Mechanismen. Allerdings kann man in Indien wesentlich offener seine Abneigung gegenüber Untergebenen und Unterschichtangehörigen ausdrücken, als man dies in westlichen Ländern tun würde.

Zu Touristen sind die Inder generell freundlich. Leute, die sich den Flug nach Indien leisten können, gehören ja in der Regel der gleichen Schicht an, wie sie selbst. Oder zumindest gibt es bei ihnen die Chance, ein Geschäft zu machen.

Indien hat eine unglaubliche kulturelle Kraft. Indien hat zugleich ein Potential an Aggressivität und Gewalttätigkeit, die aus der Ferne kaum zu fassen ist. Trotz allem Verkehrstrubel in den Metropolen wirkt das Land immer so, als ob es sich ruhen würde, als ob es mit sich im Reinen wäre. Gleichzeitig kann man täglich in den Zeitungen oder im Fernsehen über Ausbrüche kollektiver Gewalt, über Witwenverbrennungen, Gewaltexzessen lokaler Behörden, über Kindstötungen und ähnlichen Unfassbarkeiten lesen. Dabei muss man natürlich sehen, daß das Land mehr als 1 Mrd. Einwohner hat und mehr ein Kontinent als ein Staat ist.

In gewisser Weise spiegelt die Stadt Bombay oder Mumbai auf seinen weniger als 500 Quadratkilometern die gesamten Widersprüche der Globalisierung wider: Unermesslicher Reichtum und Konsumglitzerwelt stehen unermesslicher Armut und Bergen von Abfall gegenüber, Big Business trifft auf Plastikflaschensammler, Harvard-Absolventen treffen hier auf archaische Fanatiker. Bombay ist der Mikrokosmos und damit mehr eine Weltstadt als London oder New York es sein könnten – oder wollten.

Den Indern ist die Armut vor ihrer Haustür durchaus bewußt, auch wenn sie Weltmeister im Ausblenden sind. Ihnen ist der Anschein wichtiger, weshalb sich die meisten Inder den Film Slumdog Millionär nicht angucken werden und vielleicht auch gar nicht erfahren werden, dass ein solcher Film existiert.

Der Roman “Das Gleichgewicht der Welt” von Rohinton Mistry, Fischer 2002, fängt diese für Indien typische Mischung aus Euphorie und Depression ein. Shashi Tharoor – der gute Chancen hatte, UN-Generalsekretär geworden wäre – hat “Eine kleine Geschichte Indiens”, Suhrkamp 2005, geschrieben, die das ganze indische Dilemma einfängt.