Schlagwort-Archive: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Dezente Hinweise

Wer hat das nocht nicht erlebt: da schreibt jemand eine nette und freundliche Mail, um auf ein Problem hinzuweisen und erhält eine aus Textbausteinen zusammengesetzte Nicht-Antwort. Das statistische Bundesamt zum Beispiel hat nicht auf meinen Hinweis reagiert, dass das statistische Jahrbuch in PDF für Blinde NULL zugänglich ist. Die ARD ihrerseits hat Probleme, eine App barrierefrei zu bekommen.
Nun bin ich jemand, der eher positiv an eine solche Sache rangeht. Zum Einen wird die Barrierefreiheit – BITV hin, BITV her – in deutschen Behörden stiefmütterlich behandelt. Für mich sieht es von außen so aus, als ob da ein paar Agenturen ein paar automatische Testtools über die Portale laufen lassen und ein paar Checklisten abhaken und schon ist die Website per definitionem barrierefrei. Zum Anderen werden Aspekte der Barrierefreiheit vergessen, weil auch kein Betroffener in der Nähe ist, der die Nicht-Behinderten daran erinnert, dass in Deutschland neun Millionen Menschen mit Behinderung leben.
Deswegen macht es mir auch nichts aus, die Leute auf solche Probleme hinzuweisen. Ich bin dabei immer ausnehmend freundlich und höflich, für meinen Geschmack sogar ein wenig zu freundlich. Umso mehr ärgere ich mich darüber, mit einer Textbaustein-Nachricht mit Nonsens abgespeist zu werden.

Zaudern macht keine Barrierefreiheit

Deswegen plädiere ich dafür, solche Vorgänge im zweiten Schritt öffentlich zu machen. Wir haben als Behinderte einen Anspruch darauf, dass Angebote von öffentlichen Stellen barrierefrei zugänglich sind und es gibt keinen Grund, warum wir uns deswegen genieren müssen. Wenn die Behörden oder Unternehmen unseren freundlichen Bitten nicht nachkommen, gibt es ebenso wenig Grund, diesen Vorgang nicht öffentlich zu machen.

Warum im zweiten schritt?

Ich denke, es ist ein Zeichen von Fairneß, die Betreffenden im ersten Schritt im persönlichen Kontakt auf die mangelnde Barrierefreiheit ihrer Angebote aufmerksam zu machen. Wie ich schon sagte, ist mangelnde Barrierefreiheit meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen der Unachtsamkeit und Unbedarftheit der Macher geschuldet. Daher ist eine betont freundliche Mitteilung angebracht, in der man dalegt, aufgrund welcher körperlichen Einschränkung man welche Funktionen oder Anwendungen der Website nicht benutzen kann.
Dann hört man natürlich so einen Blödsinn wie “Blinde benutzen unsere Website nicht”. Ich antworte dann: “Das stimmt nicht, ich bin blind und würde Ihre Website nutzen, wenn Sie barrierefrei wäre”.
Bevor man sich hier in einen endlosen fruchtlosen Dialog wirft, sollte man dem Ansprechpartner mitteilen, dass man vorhat, die Barriereunfreiheit der Website öffentlich zu machen. An dieser Stelle ist es oft hilfreich, die PR-Abteilung des Unternehmens oder der Behörde miteinzubeziehen, die mögen meistens keine negative PR, aus gutem Grund.
Im Endeffekt würde ich auch nicht davor zurückschrecken, tatsächlich die Öffentlichkeit zu suchen. Wichtig ist auch hier, dass man nüchtern und wahrheitsgemäß die Kritik an der Website darlegt und keine Beleidigungen oder falsche Aussagen unterbringt. Es dient zum einen nicht dem eigenen Anliegen, weil solche Aussagen zu sehr den Beißreflex der Gegenseite bedienen. Zum anderen wissen wir ja, wie klagefreudig unsere Lieblingsfirmen sind, wenn es um ihren Ruf geht.
Da die meisten Einrichtungen inzwischen Monitoring betreiben, kriegen sie das so oder so auch mit, man kann sie aber auch dezent darauf hinweisen, dass man da was geschrieben hat, was sie interessieren könnte…
Menschen mit Behinderungen in Deutschland sind für meinen Geschmack zu zahm, wenn es um konkrete Verbesserungen geht. Sie verlassen sich sehr stark auf mitgliederstarke Interessensverbände und politische Vertreter. Das mag funktionieren, wenn es um politisches Lobbying und um die Makroebene geht, auf der mittleren und unteren Ebene funktioniert es nicht ansatzweise. In Marburg gibt es überall akkustische Ampeln, weil die Blindenstudienanstalt und der Blindenverband dort sitzen, im Rest des Landes gibt es wahrscheinlich weniger akkustische Ampeln als in dem 80.000-Seelen-Dorf Marburg.

Access-News vom 24. Juni 2010 – Fraunhofer testet und Google bringt was Neues

Das Fraunhofer-Institut für Informationstechnik hat herausgefunden, dass die meisten Dax-Websites nicht validieren und nicht barrierefrei sind. Wer hätte das gedacht, nachdem Opera mit seiner MAMA-Studie das schon lange festgestellt hat? Wer es ausprobieren mag, es gibt ein Testtool auf der Website von Fraunhofer. Ich befürchte fast, das diese automatischen Tests mehr Schaden als Nutzen anrichten. Der Website-Bastler braucht sich mit dem Thema Barrierefreiheit gar nicht mehr zu beschäftigen, sondern arbeitet säuberlich eine Reihe von Fehlern ab und wird durch eine Fehlerfrei-Meldung des Systems geadelt. Zudem werden Leute belohnt, die statische Websites oder Alternativ-Versionen für Behinderte anbieten, denn hier wird das Prüfprogramm nicht durch so überflüssige Dinge wie JavaScript oder Flash in seiner Arbeit gestört.

Google mit OCR und Spracherkennung

GoogleDocs hat jetzt Texterkennung. Mit OCR lassen sich Texte aus Graphiken und PDFs extrahieren. Laut Golem soll die Qualität der Erkennung bisher noch nicht berauschend sein. Das ist etwa nützlich für PDF-Dateien, die aus gescannten Dokumenten generiert wurden. Nebenbei ist die HTML-Anzeige von PDF-Dateien eine der nützlichsten Werkzeuge Googles.
Mit seinem Know How im Rahmen der Bücherscan-Aktion dürfte Google bei der Scan-Qualität deutliche Verbesserungen ermöglichen.

GoogleVoice ist eine Technik, mit der sich Sprachmitteilungen in Text umwandeln lassen, zum Beispiel zum Versenden von SMS. Voice ist jetzt öffentlich verfügbar, allerdings bisher nur auf Englisch.

Vermischtes

Marco berichtet, dass das neue IOS 4 Teile von WAI ARIA unterstützt.
Die Entwickler von Chrome arbeiten jetzt an der Unterstützung von Chrome durch Screenreader. Sie haben recht flott auf die Petition reagiert, die von Steve Faulkner letzte Woche beworben wurde.
WebAIM setzt seine HTML5-Reihe mit einem Beitrag über Canvas fort.

Access-News der Woche – Media-Player, HTML5 und die Faulheit der Monopolisten

Access-News der Woche

Die Webgestalterin Sylvia Egger hat ihre Folien zur Frage “Was ist Barrierefreiheit” auf Slideshare bereit gestellt.. In einem Blog-Beitrag befasst sie sich mit barrierefreien Media-Playern: Die Themen sind hier Tastatursteuerung, Unterstützung für Untertitel und Audiodeskription.

Der blinde Software-Entwickler Chris Hofstader ist neuer Direktor für barrierefreie Software bei der Free Software Foundation (FSF). Die FSF möchte ihr Engagement für barrierefreie Software verstärken und hat in Hofstader die passende Person gefunden. Er war auch eine Weile bei dem Jaws-Entwickler Freedom Scientific beschäftigt und meint dazu in einem Interview:

Ich habe kein Problem damit, Profit zu machen. Ich habe allerdings Schwierigkeiten mit Firmen, die trotz enormer Ressourcen nichts auch nur annähernd Innovatives
ausprobieren, um ihren Anwendern stärker unter die Arme zu greifen. Freedom Scientific, der kommerzielle Führer, ignoriert praktisch alle neuen Ideen aus der Forschungs-Community mit der Folge, das JAWS stagniert. Wir hätten uns eine Menge leisten können, zahlten aber lieber höhere Dividenden. Eine solche
Situation tritt nur ein, wenn eine Firma das Monopol in einer Nische ausübt. Hofstader in einem Interview mit dem Linux-Magazin

Dem kann ich aus vollem Herzen zustimmen. Wer sich über die hohen Preise von Profi-Software ärgert, sollte einmal einen kommerziellen Screenreader kaufen.

Wer des Englischen mächtig ist und sich für die Möglichkeiten der Barrierefreiheit von HTML 5 interessiert, wird bei WebAIM fündig:
HTML5 Video
Semantische Elemente in HTML5
Neue “Input”-Typen in Formularen

Google hat mit seinem neu gestalteten Webauftritt auch Elemente von WAI ARIA eingeführt. Die Orientierungspunkte benennen wichtige Regionen der Website eindeutig, so dass sie direkt ansteuerbar werden. Yahoo hat es übrigens schon länger eingeführt.

BIENE gestartet – auf der Suche nach kreativen Web-Lösungen

Aktion Mensch und die Stiftung digitale Chancen suchen dieses Jahr wieder nach den besten deutschsprachigen barrierefreien Webseiten. Konsequenterweise werden die Ansprüche an die Wettbewerber erhöht.
Einerseits ist es recht einfach, eines der vielen Open Source Content
Management Systeme barrierefrei ins Netz zu stellen – die sind das
häufig schon von Haus aus. Andererseits sind bereits die WCAG 2.0 2008 verabschiedet worden und sollten nun auch in das Bewusstsein jener
Webdesigner Einzug halten, die Barrierefreiheit nicht kennen. Last not
least sollte es im Jahr 2010 möglich sein, Design und Struktur zu
trennen, auf Tabellendesigns zu verzichten und Überschriften
ordentlich auszuzeichnen.
Man darf vor allem darauf gespannt sein, wie die Jury mit den neuen
Elementen aus HTML5, CSS3 und WAI-ARIA umgeht, die teilweise schon
Eingang ins Webdesign gefunden haben. ARIA steht für Accessible Rich
Internet Applications und steht derzeit als Arbeitsentwurf des W3C
bereit. Damit sollen auch dynamische Elemente des Webs zugänglich
werden. Einige Elemente daraus haben bereits Einzug ins Web gehalten: In
Wordpress, sowie bei Yahoo und Google werden “Orientierungspunkte” –
also wichtige Stationen auf einer Webseite – kenntlich gemacht.
Außerdem sind Pflichtfelder in Formularen eindeutig gekennzeichnet.
Es ist also ein gewagter, aber enorm wichtiger Schritt, Innovationen
in diesem Bereich vorzustellen und zu belohnen. Ich bin gespannt.

Werkzeuge zur Barrierefreiheit von Web- und anderen Inhalten

Hier eine kleine Sammlung von Werkzeugen, die Inhalte zugänglich machen können. Wer etwas ergänzen möchte, kann das gerne über die  Kommentarfunktion tun. Diese Tools sind vor allem für Sehbehinderte und Blinde interessant. Leider kann ich mangels eigener Erfahrung keine Werkzeuge für andere Behinderte empfehlen.
Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass Urheberrechte und Copyrights zu beachten sind, wenn etwa Videos oder PDFs heruntergeladen oder umgewandelt werden.

Screenreader für Windows
Es gibt zwei freie Screenreader für Windows, die auch Deutsch “sprechen”

Thunder
http://www.screenreader.net/

NVDA Non-visual Desktop Access
http://www.nvda-project.org/

Die Betriebssysteme Ubuntu und Knoppix offerieren mit Orca und ADRIANE eine eingebaute Screenreaderlösung. Apples aktuelles Betriebssystem Mac OS X 10.6 und höher hat ebenfalls einen Screenreader namens VoiceOver an Bord.

YouTube per Tastatur steuern

Accessible Interface to YouTube
http://tube.majestyc.net/

EasyYoutube
http://icant.co.uk/easy-youtube/

Video2mp3 – Videos verschiedener Plattformen in mp3 umwandeln und  herunterladen
http://www.video2mp3.net/

Accessible Twitter
http://www.accessibletwitter.com/

Videos in MP3 herunterladen kann man auch mit dem Programm Free Youtube to mp3 converter von der Firma DVD Videosoft
http://www.dvdvideosoft.com/products/dvd/Free-YouTube-to-MP3-Converter.htm
Vorsicht bei der Installation, das Programm bringt eine unsinnige Toolbar huckepack mit, die sich in den Browser einklinkt und sich schwer wieder entfernen lässt. Bei der Installation sollte man den entsprechenden Haken entfernen.

PDFs lesen
Wer einen einfacheren Zugang zu PDF-Dateien haben möchte, kann die
HTML-Ansicht von Google verwenden, die sich früher unterhalb des PDF-Dokuments befand. Mittlerweile ist sie hinter dem Punkt “Schnellansicht” verborgen, wo man eine reine HTML-Ansicht auswählen kann.

PDFill – PDF Tools
http://www.pdfill.com/
Eine sehr schöne mit Tastatur bedienbare Sammlung von PDF-Werkzeugen. Sehr schön ist die Möglichkeit, unnötigen Nutzersperren zu entfernen und damit PDFs für den Screenreader zugänglich zu machen.

WebVisum – Erweiterung für den Firefox
http://www.webvisum.com/
Der Firefox ist mit aktuellen Screenreadern zugänglich. Mit der Erweiterung WebVisum kann man ein paar Features nachrüsten wie das Lesen von CAPTCHAS.

Eine Sammlung nützlicher und blindengerechter Programme gibt es hier
http://www.iscb.de/downloads/winindex.htm

Wer weitere Tipps hat, immer her damit.

Kleine Anmerkung: Ich muss mich dafür entschuldigen, dass die Links nicht anklickbar sind. Ich dachte eigentlich, WordPress würde automatisch anklickbare Links generieren. Ich werde das so bald wie möglich in Angriff nehmen.

Zugänglichkeit – warum handgemacht heute nicht mehr der beste Weg ist

Ich bastele seit ungefähr sieben Jahren an Webseiten herum. Meine ersten Gehversuche machte ich mit dem WYSIWYG-Editor NVU. Ich habe tatsächlich bekommen, was ich gesehen habe: eine nicht gerade hübsche Website mit grausigem Code. Besonders gut hat mir gefallen, dass mitten im Text sinniges Zeug wie <if support empty paras><endif> auftauchte. Jahre später fand ich zufällig heraus, dass das Word-eigenes Markup ist, welches beim Rüberkopieren in den Quellcode gelangte und natürlich nur im Internet Explorer sichtbar war.
Macromedias Dreamweaver bot schon einige Möglichkeiten mehr. Parallel dazu lernte ich HTML und CSS, so dass ich das geteilte Fenster des Dreamweaver zu schätzen lernte. Oben sah man die Website, unten den Quellcode, so dass man gezielt den Quellcode anpassen und die Änderungen oben sehen konnte. Die beiden Mankos des WYSIWYG kann aber vermutlich kein visueller Editor aufheben: Zum einen die Produktion schlechten Codes und zum anderen die fricklige Unterstützung von CSS, die für die Trennung von Struktur und Layout aber notwendig ist. Die Zeit, die man mit WYSIWYG sparen mag, verbringt man anschließend für die Verbesserung, Reparatur und Säuberung des Codes.
Ich habe also meine nächsten Websites mit Texteditoren gebastelt. Für Blinde sicher die angenehmste Art des Arbeitens. Leider sehr fehleranfällig, wenn man irgendwelche Klammern vergisst, muss man oft ewig nach der Ursache eines Problems suchen. Andererseits kennt man seinen eigenen Code so genau, dass Anpassungen problemlos und schnell möglich sind.
Nun ist aber auch dieser Zug abgefahren. Zum einen kommt heute keine anständige Site ohne PHP und JavaScript aus – was beides echte Programmierkenntnisse erfordert, zum anderen gibt es ganze Content Management Systeme, die wesentlich flexibler sind als die handgestrickte Website.
Heute gibt es mächtige Frameworks für Website-Entwickler, die wichtige Funktionen zusammenstellen, die vielfach getestet und frei verwendbar sind. Und ganz nebenbei sind sie barrierefrei. Ob YAML oder JQUERY, wer solche Frameworks einsetzt, spart viel zeit und Nerven. Da selbstgestrickte Skripte in JavaScript und PHP zudem häufig ein Sicherheitsrisiko darstellen, sollte man auf deren Einsatz verzichten. Es sei denn, man weiß, was man tut. Dass die Skripte dafür sorgen, dass alle Browser abgedekct sind, ist ein netter Haupteffekt.
Das Gleiche gilt für CMS wie Drupal oder WordPress. Sie sind von Haus aus barrierearm und bieten einen weiten Spielraum für Gestaltung und Erweiterung. Ein weiterer unschlagbarer Vorteil besteht darin, dass Inhalte, die einmal in Datenbanken gespeichert wurden sich wesentlich einfacher überführen lassen als unstrukturierte Inhalte. Ich will allerdings nicht verheimlichen, dass die Einarbeitungszeit in ein CMS oder ein Framework recht lang sein kann.
Andererseits bringen viele Open-source-CMS Webstandards und Standards der Barrierefreiheit in die Welt, ohne dass die Website-Bauer dies überhaupt in Betracht gezogen haben. Bis heute sehe ich täglich Websites, die auf korrekte Strukturierung in HTML verzichten. Irgend etwas läuft schief, wenn WordPress oder Yahoo schon WAI-ARIA implementieren, während andere Websites nicht einmal Überschriften und Listen korrekt auszeichnen. Doch auch des Blinden Liebling erfreut sich noch immer großer Beliebtheit: Tabellenlayouts mit Spacer-GIFs.
Für Lerneffekte ist es sicher sinnvoll, sich ein eigenes CMS mit Suchfunktionen und allem Luxus selbst zusammenzubauen. Auch wer seine Seite statisch halten möchte – das könnte es noch geben – braucht weder Dynamik noch CMS. Dem ganzen Rest möchte ich die Verwendung von Frameworks und JQUERY ans Herz legen.

Update: Ich muss ein wenig zurückrudern, Joomla zeichnet auch keine Überschriften korrekt aus.

WCAG 2.0 verstehen

Der aktuelle Podcast der Technikwürze beschäftigt sich in aller Ausführlichkeit mit den neuen Richtlinien zur Barrierefreiheit der Web Accessibility Initiative (WAI) des W3C. Der Podcast ist sehr ausführlich und geht sehr ins Detail und ist deshalb als erster Einstieg sehr gut geeignet, ich darf leider nicht auf die Datei direkt verlinken, siehe unten.
Einer der Sprecher war an der Übersetzung der Guidelines ins Deutsche durch die Aktion Mensch beteiligt.
Die vier Säulen der WCAG und die ein Dutzend ihr zu Grunde liegenden Prinzipien sind gut zu verstehen. Der Rest des Dokuments ist für Technik-Spezialisten gedacht. Das Ding ist weder auf Deutsch noch auf Englisch zum Runterlesen geeignet oder gedacht, die vier Säulen und Prinzipien sollte aber jeder kennen, der auch nur entfernt mit Webinhalten zu tun hat.
Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung BITV ist die deutsche Grundlage für Entwicklungen, die im Wesentlichen auf den Guidelines des W3C basiert. Obwohl die WCAG 2.0 nun schon einige Jahre alt ist, wurde die BITV noch nicht auf den neuesten Stand gebracht. Bindend ist die Verordnung von 1999, was man den Seiten des Bundes auch ansieht. Die BITV wird in einer Blackbox ausgehandelt, keiner weiß, ob oder wann sie kommen wird.

Keep it simple – Verständlichkeit und Barrierefreiheit

Eine Faktor, der bei der Barrierefreiheit praktisch immer vernachlässigt wird ist die Verständlichkeit. Um Verständlichkeit für eine möglichst große Gruppe von Menschen zu erreichen, ist durchaus auch der Einsatz von Bildern sinnvoll. Bilder illustrieren eine Aussage und können, wenn sie sorgfältig ausgewählt wurden, den Beitrag gut ergänzen. Natürlich spielen Bilder auch in der Navigation einer Website eine große Rolle: Pfeile, stilisierte Drucker oder Briefe werden sehr viel schneller aufgenommen als die Zeichenketten “zurück”, “Drucken” oder “Versenden”.
Daneben zählen natürlich auch die Klassiker des guten Schreibens: Das Erklären von Fremdworten, das Vermeiden von Fachjargon, der Verzicht auf literarische Ausschmückungen, auf komplexe Satzkonstrukte und auf überflüssigen Ballast. Jeder Beitrag muss stets die W-Fragen “Was”, “Wer”, “Wie”, “Warum” beantworten. Oder anders: der Artikel muss zeigen, was war, was ist und was sein sollte.
Zu einem guten Beitrag gehört eine saubere Gliederung, eine optische Aufteilung mit Absätzen und Zwischenüberschriften und bei entsprechender Länge auch eine Zusammenfassung.
Wer soll damit erreicht werden? Im Grunde jeder, Akademiker vergessen gerne, daß die Mehrheit der Bevölkerung nicht studiert hat und dies auch nicht deshalb tun wird, um einen Text verstehen zu können.
Um es kurz zu machen: öffentliche Behörden schneiden hier am schlechtesten ab. Doch auch andere Seitenbetreiber tun sich schwer damit, sobald man etwa auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen stößt. Dabei sind es gerade die AGB, die jeder lesen und verstehen sollte.
Es ist eher so, daß die bekannten Boulevard-Zeitungen hier am besten abschneiden. Der Erfolg dieser Zeitungen basiert darauf, daß sie die Dinge in einer kurzen Überschrift auf den Punkt bringen können – was immer man von den Zeitungen ansonsten halten mag.
Auch das World Wide Web Consortium hat hier keinen Vorbildcharakter. Die Veröffentlichungen des W3C sind im Techniker-Englisch abgefasste Spezifikationen, die nur für Erfahrene zugänglich sind.
Abschließend muß man feststellen, daß es mehr und nicht weniger Arbeit ist, einen Text allgemeinverständlich zu machen. Es sieht aber nicht so aus, als ob die öffentlichen Einrichtungendie Absicht haben, ihre Webauftritte darauf hin zu überprüfen.
Im Gegenteil, in aller Welt, ob in Deutschland, in Indien oder in England, überall ist die Bürokratie verliebt in ihren Fachjargon: eine Mischung aus Bürokraten-Sprech, Juristen-Jargon und neuerdings auch halbübersetzten angloamerikanischen Modeworten.
Wie man es anders macht, zeigt die englischsprachige Wikipedia, die viele Artikel in simplified English anbietet.

Die Sünden des Webdesign

Bei einer Website kann man viel falsch machen. Es gibt die mittlerweile ein wenig angestaubten schlechten Regeln des Webdesign. Angestaubt, weil heute hoffentlich niemand mehr HTML für das Design verwendet, aber auch, weil moderne Multimediaelemente kaum behandelt werden.

Wer tiefer einsteigen will, kann sich Thomas Wirths “Missing Links” oder Jacob Nielsens Werke anschauen.

Das Problem heute ist Unübersichtlichkeit, zu kleine Schriften, übergroße Banner, die einen Besucher zum Scrollen zwingen und relevanten Content verbergen.

Ein weiteres Problem sind Flash-Animationen und JavaScript-Banner, die sich vor Text schieben und weggeklickt werden wollen.

Dass etwa Freemailer oder andere kostenlose Dienstleister Werbung schalten müssen, liegt auf der Hand. Dass sie sich dabei penetrant in der Vordergrund schieben, teilweise mit unerwünschtem Sound untermalt sind, dass sie niemals zu blinken aufhören ist nicht unbedingt notwendig.

Schließlich lenkt Bewegung im Gesichtsfeld ab. Würde die Werbung irgendwann zu flackern aufhören, hätte sie auch eine Chance, nicht nur als Ärgernis wahrgenommen zu werden. Im Sinne der Werbepsychologie kann dies im Grunde auch nicht sein. Das beworbene Produkt wird hier schließlich mit negativen Emotionen assoziiert.

Der Grund, warum viele Webuser das Flash-Plugin blockieren besteht darin, dass es nicht vernünftig konfiguriert werden kann. Es ist standardmäßig so eingestellt, dass eine Animation in der höchsten Auflösung endlos wiederholt wird. Da Flash und JavaScript clientseitig – also vom Userrechner – ausgeführt werden, fressen sie Prozessor-Leistung. Bei Notebooks fängt oft die Lüfter an zu laufen, was kein gutes Zeichen ist.

Problematisch und störend sind auch Pop-Ups, seien sie gedacht zur Begrüßung des Besuchers – vollkommen unnötig – oder um Umfragen anzukünden – die besser auf der Website selbst aufgehoben wären.

Viele Webprogrammierer bedenken nicht, dass clientseitiges Scripting via Ajax, Java, JavaScript oder Flash dem Nutzer Ärger verursacht, weil die Seite zu langsam lädt oder der Lüfter des Notebooks anspringt. Ob man hier nicht mit einer spartanischeren Site mehr Pluspunkte erhält?

Vollends zum Wahnsinn kann eine Seite treiben, die komplett in Flash geschrieben ist oder Einem keinerlei Hinweis darauf offenbart, wo man eigentlich hinklicken soll, damit es mal weiter geht. Einen Vorgeschmack auf den Horror der Picture Show liefert die aktuelle Toursite der Show. Sicherlich asthetisch gut gemacht, aber Usability wurde hier außen vor gelassen. Und auch Google scheint die Site nicht zu mögen, denn sie landet im deutschsprachigen Raum nicht auf den ersten zehn Plätzen.

Endgültig überflüssig sind Begrüßungsstartseiten und Begrüßungsanimationen. Ein “Klicken Sie hier, um die Animation zu überspringen” dürfte den genervten User eher dazu verleiten, das Fenster zu schließen, als tatsächlich irgendwo drauf zu klicken.

Es ist das alte leidige Thema: Usability = Suchmaschinenoptimierung = Barrierefreiheit.

Google dürfte eine der meistbesuchten Sites des Web sein. Es könnte sich sicher die besten Designer im Business leisten. Dabei kommt Googles Webauftritt betont schlicht daher: wenige Grafiken, wenige Links auf der Startseite, keine Flash-Animationen.