Schlagwort-Archive: Behinderung

Behinderte für das freiwillige Engagement gewinnen

Ich beschäftige mich seit gut zweieinhalb Jahren mit dem freiwilligen Engagement, nicht als Freiwilligenmanager, eher als neutraler Beobachter, der ein wenig auf der Metaebene festhängt, wie es Politikwissenschaftler gerne haben.

Mein besonderes Interesse gilt dem Engagement Behinderter. Dabei scheint es zwei Konstanten zu geben:

  1. Behinderte engagieren sich für andere Behinderte – Selbsthilfe
  2. Nicht-Behinderte engagieren sich für Behinderte – caritativ

Der Gedanke, dass sich Behinderte für Nicht-Behinderte engagieren erscheint Vielen noch nicht als selbstverständlich. Woran das liegt werde ich in diesem Beitrag zur Blogparade Engagement untersuchen.

Digitale Barrieren

Viele Websites vor allem kleinerer Organisationen sind nicht gerade barrierefrei. Aber auch die großen Anbieter bekleckern sich nicht unbedingt mit Ruhm. Das die meisten Websites nach Omis Strickkurs aussehen steht auf einem anderen Blatt.

Auch wenn Barrierefreiheit an dieser Stelle nicht unwichtig ist, spielt sie für die Gewinnung Freiwilliger eine eher untergeordnete Rolle. Vor allem kleinere lokale Vereine gewinnen ihre Freiwilligen eher durch direkte Ansprache oder persönliche Kontakte sowie lokale Events.

Die soziale Barrieren

Es gibt einen fließenden Übergang von der digitalen zur sozialen Barriere. Auch wenn die Türen eigentlich offen stehen ist die Bereitschaft, sich auf Behinderte einzulassen oft nicht vorhanden.

So ist klar, dass die Kommunikation mit einem blinden Mitarbeiter anders gestaltet werden muss. Irgendwo einen hastig gekritzelten Zettel hinzulegen geht nicht mehr. Sich mit einem Gehörlosen zu verständigen, wenn man keine Gebärdensprache beherrscht ist nicht ganz einfach.

Das zweite und gravierendere Problem ist, dass Behinderte immer noch eher als Gegenstand der Hilfe anstatt als Helfer angesehen werden. In der Freiwilligenarbeit fällt das noch stärker ins Gewicht, die meisten Ehrenamtlichen haben qua Definition ein Helfersyndrom, ansonsten würden sie ihre Freizeit anders verbringen.

Im Ergebnis kann das heißen, dass man als behinderter Freiwilliger nicht für voll genommen wird. Entweder bekommt man keine oder nur einfache Aufgaben zugeordnet und wird nicht in die organisatorischen Abläufe eingebunden. Natürlich gibt es noch subtilere Formen der Benachteiligung, aber die Behinderten sind nicht doof und lassen sich das nicht auf Dauer bieten.

Behinderte in der Selbsthilfe

Zwar gibt es in fast jeder Stadt spezielle Behinderten-Selbsthilfegruppen, die fast ausschließlich ehrenamtlich arbeiten. Aber diese Gruppen sind vor allem jenseits der Metropolen total überaltert. Entsprechend unattraktiv sind sie für junge Behinderte.

Nichts gegen die Selbsthilfe, sie hat in der Vergangenheit großartige und wichtige Arbeit geleistet und tut das bis heute. Aber sie ist zugleich oft auch das Gegenteil von inklusiv. Ob absichtlich oder unabsichtlich befördert sie die Trennung von Behinderten und Nicht-Behinderten.

Was tun

„Frauen und Behinderte werden bei der Stellenbesetzung besonders bevorzugt“. Wenn es dann doch ein Nicht-Behinderter Mann wird haben wir eben keine qualifizierte Frau oder Behinderten gefunden. Das ist natürlich die beste Möglichkeit, die Leute zu verscheuchen. Gesunde Männer fühlen sich unwillkommen, Frauen und Behinderte sind Quotenfutter.

Ich denke, es geht eher darum, eine Kultur der Openness zu schaffen, wie ich das nennen möchte. Es geht um eine Kultur der Bereitschaft, alle aufzunehmen und nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten einzusetzen, nicht auf Mitleid, sondern weil sie etwas beitragen können und wollen. Die Frage ist, wie man eine Umgebung schaffen kann, in der sich Behinderte und Nicht-Behinderte gleichermaßen wohlfühlen. Die Idee ist nicht neu, es gibt schon lange Überlegungen, wie man z.B. Städte so gestalten kann, dass sie Frauen attraktiv sind.

Dazu gehört natürlich eine barrierefreie Website, das ist heute keine Kunst mehr. Dazu gehören Infos zur Barrierefreiheit der Räumlichkeiten. Dazu gehören Bilder, auf denen Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich nebeneinander zu sehen sind, ohne dass das besonders hervorgehoben werden müsste. Beim Segeln funktioniert das zum Beispiel, der Segelsport war schon inklusiv, als es das Wort noch gar nicht gab.

Die Freiwilligenagenturen als große Engagement-Kuppler müssen natürlich ebenfalls so auftreten und barrierefrei sein. Sie müssen Menschen mit Behinderung vermitteln können und benötigen daher Know How in diesen Bereichen. Am besten ist es natürlich, wenn sie selbst behinderte Vermittler haben.

Ich denke, dass hier auch die Kommunen ein Stück weit eine Bringschuld haben. Wenn sie es mit der Inklusion ernst meinen könnten sie die Freiwilligenmanager schulen, wie sie mit Behinderten umgehen. Die Ängste, irgendwas falsch zu machen scheinen doch recht groß zu sein, insofern können solche Schulungen die Bereitschaft erhöhen, Behinderte Freiwillige zu akzeptieren oder gleich aktiv anzuwerben. Das firmiert unter dem Begriff Sensibilisierung.

Ebenso wichtig ist, dass die Vereine der Behindertenhilfe sich für Menschen ohne Behinderung öffnen und sich die Vereine gegenseitig unterstützen. Bei den reinen Selbsthilfegruppen ist das etwas anderes, dabei steht der Austausch in der Community im Vordergrund und Unbeteiligte würden da nur stören. Wenn aber unbehinderte und behinderte Organisationen aufeinander zu gehen dürfte das dem gegenseitigen Austausch dienlich sein. Damit hat sich auch ein großer Teil der oben genannten Probleme von selbst erledigt. Sensibilisierung, Transfer von Know How und die Gewinnung behinderter Freiwilliger wird ganz unbürokratisch auf dem kurzen Weg ermöglicht.

Fazit

Das Problem wird sich zumindest ein Stück weit von selbst lösen: Die Generation der unter 40 jährigen Behinderten ist weniger geneigt, sich in den Behindertencommunities abzukapseln. Die Nicht-Behinderten ihrerseits sind eher bereit, auf Behinderte zuzugehen. Allerdings kann man das nicht pauschalisieren, es ist noch ein langer Weg und es kann nicht schaden, einen Zahn zuzulegen.

Und natürlich müssen die Behinderten auch bereit sein, auf die Anbieter von Engagement-Möglichkeiten zuzugehen. Bei Vielen scheint noch nicht durchgedrungen zu sein, dass der Prozess der Inklusion auch von ihnen Aktivität verlangt. Aber auch was das angeht bin ich bei der jüngeren Generation optimistisch.

Zum Weiterlesen

Behinderung spielend vermitteln

Spielkarten
Ein spannendes Thema zur Vermittlung von Behinderung und Barrieren sind Computerspiele bzw. Mechanismen aus Spielen. Sie haben mittlerweile fast überall Einzug gehalten, z.B. bekommt man bei einigen eLearning-Programmen Punkte für jede Lektion, so bei der CodeAcademy oder bei TechChange. Bei FourSquare kann man Bürgermeister von irgendwas werden, wenn man sich oft genug dort einloggt. Dass ich heute ganz passabel Englisch lesen kann verdanke ich weniger der Schule und meinen Irland-Urlauben als dem Lexikon aus Sid Meiers Civilisation I, dass ich damals auf Englisch gespielt habe.

Das Problem mit den heutigen Methoden der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit besteht darin, dass sie weitgehend ausgeschöpft sind. Plakatkampagnen, Internet-Kampagnen und Aufforderungen, dieses und jenes zu liken oder zu retweeten sind heute so penetrant wie klassische Werbung. Es gibt nicht nur eine Ad Avoidance, sondern auch eine Kampagnen-Avoidance. Man muss neue Methoden finden, um andere Menschen zu überzeugen. Und Spiele könnten ein solcher neuer Ansatz sein. Weiterlesen: Behinderung spielerisch vermitteln

Es gibt ein Spiel, in dem ein acht-jähriges Mädchen mit Autismus die Protagonistin ist. Ich habe das nicht in den Artikel aufgenommen, weil das wohl zu makaber wäre, hier gibt es einen englischen Artikel dazu. Auf Kickstarter gibt es ein Spiel mit einem blinden Helden.

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, um Behinderung und Barrierefreiheit spielerisch zu vermitteln, ohne Computer versteht sich. Solche Initiativen werden oft kritisch gesehen, aber es geht eher um Sensibilisierung als um eine Transformation. Zehn Minuten Augenbinde können nicht vermitteln, was Blindheit bedeutet, aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass sich die Menschen überhaupt damit beschäftigen, wodurch schon ein kleiner Bewusstseinswandel entstehen kann. Ich habe einige spielerische Ansätze gesammelt.

Behinderung und Technik – Windows kann barrierefrei und Vodafone kann nachhaltig

Warum jetzt und nicht vor zehn Jahren könnte man fragen. Windows 8 kriegt einen Screenreader. Nach Linux und Mac ist Windows damit reichlich spät dran. Immerhin rückt das Betriebssystem damit einen Schritt näher an die Barrierefreiheit. Anscheinend plant Microsoft, ähnlich wie Apple die Integration des Betriebsystems auf unterschiedliche Plattformen. Das heißt, Windows 8 könnte auch auf Tablets zum Einsatz kommen. Ob da auch eine Touchunterstützung für den Screenreader zum Einsatz kommt? Auch bei Windows Phone ist die Unterstützung von Screenreadern noch nicht absehbar.

Vodafone hat angekündigt, Nachhaltigkeit tief in die Unternehmensstrategie verwurzeln zu wollen. Barrierefreiheit könnte ebenfalls ein Thema in dieser Strategie sein:

Als Erstes ist das „Access to Communication“, also Zugang und Teilhabe aller Geselschaftsmitglieder an moderner Telekommunikation. Als Zweites „Connected Living“, also die Vernetzung von Privat- und Berufsleben“ sowie als Drittes das Thema „Smart Energy“, das den effizienten Einsatz von Energie sowohl im Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden abdeckt. Als zusätzliches, übergreifendes Querschnittsthema wurde „Simplicity“ ausgewählt, also die Vereinfachung
des Lebens durch nutzerfreundliche Prozesse und Dienste.“ Quelle: Interview in The European vom 28.2.2011

Das ist natürlich erst einmal PR. Allerdings hat Vodafone im letzten Jahr den Smart Accessibility Award verliehen, einen Preis für Apps, welche die Barrierefreiheit verbessern sollen. Wir dürfen also gespannt sein. Siehe dazu auch meinen Beitrag zu CSR und Barrierefreiheit.

Eine sehr coole Sache ist der günstige Mini-Rechner Raspberry Pi . Er kostet rund 30 Euro und kann mittlerweile erworben werden. Der Rechner ist so groß wie ein USB-Stick, darauf läuft Ubuntu. Ich gehe mal davon aus, dass damit auch der Screenreader Orca im Lieferumfang ist.
Noch lesenswert:

Fundsachen – Behinderung und Technik

Es gibt immer wieder mal neue Projekte und technische Entwicklungen, die für Behinderte interessant sein können. Ich werde hier in unregelmäßigen Abständen lesenswerte Links dazu veröffentlichen.

Die Bewegungssteuerung von Microsoft Kinect hilft Rollstuhlfahrern beim Einkaufen. Kinect war ursprünglich für die Spielkonsole XBOX gedacht, mittlerweile hat sich ein umfangreiches Umfeld an Anwendungen entwickelt, von dem Erfolg ist Microsoft selbst überrascht worden. Immerhin bietet MS jetzt das Kinect SDK zur nicht-kommerziellen freien Nutzung an.

Ein Erlanger Studentenprojekt beschäftigt sich damit, wie man Kinect zur Indoor-Navigation für Blinde einsetzen kann. Ich muss hier einschränken: kaum ein Blinder wird freiwillig seinen Blindenhund durch ein wie auch immer geartetes Gerät ersetzen, elektronische Hilfen können immer nur eine Ergänzung zum Blindenstock oder Führhund sein.

Ein internationales Gebärdenwörterbuch gibt es nun als mobile App, wie man vom Taubenschlag-Blog erfährt.

Kobinet berichtet über ein sprechendes Fernrohr. Das Fernrohr gibt per Stimme Informationen zum anvisierten Gegenstand.

Heise Online berichtet über eine Initiative, urheberrechtliche geschützte Werke für Blinde und Sehbehinderte besser zugänglich zu machen. Das wäre im Grunde begrüßenswert, wenn nicht alle Behindertengruppen – ganz zu schweigen von armen Menschen – Probleme in diesem Bereich hätten. Es ist sehr bedauerlich, dass sich die Behindertenverbände nicht zusammengetan haben, um gemeinsam Erleichterungen für Gehörlose, Menschen mit Leseschwäche und andere Gruppen durchzusetzen.

Die Sendung Kontraste berichtet darüber, wie Hörgeschädigten überteuerte, zuzahlungspflichtige Geräte aufgeschwatzt werden. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass dieses Verhalten ziemlich typisch ist für die Anbieter von Hilfsmitteln und die Krankenkassen.

Sollten Webseiten mit Screenreadern getestet werden?

Diese Frage wird in einem englischsprachigen Weblog gestellt. Darauf gibt es eine recht eindeutige Antwort. Nein, es sei denn, die Website wird primär von Blinden und Screenreader-Nutzern aufgesucht.

Bis heute verwechseln viele Webdesigner und Frontend-Entwickler Barrierefreiheit mit blindenfreundlich. Das ist teilweise berechtigt: Menschen mit motorischen Einschränkungen verwenden oft die Tastatur statt der Maus, so dass sie ähnlich wie Blinde durch eine Website tabben. Andererseits: wenn jemand aus motorischen Gründen keine Maus benutzen kann, wird er wohl auch Schwierigkeiten haben, eine Tastatur zu bedienen.

Das wird vor allem dann relevant, wenn man wie bei Access-Keys üblich zwei oder drei Tasten gleichzeitig drücken muss, um eine Aktion auszulösen oder einen seiteninternen Bereich anzuspringen. Übrigens käme wohl kein webdesigner auf die Idee, einem sehenden Nutzer so eine Akrobatik aufs Auge zu drücken.

Bei dem Thema Barrierefreiheit bleiben vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten und geringen Internet-Erfahrungen komplett außen vor. Sie werden von der Vielzahl an Elementen gestört, sie wissen oft nicht, was anklickbar ist und was nicht und häufig genug ist die Navigation von Marketing- statt von Usability-Aspekten geprägt.

An dieser Stelle laufen Usability- und Accessibility eindeutig zusammen. Allerdings haben sich Usability-Tests – mehr oder weniger – fest etabliert, während man Zugänglichkeitstests mit Nutzern bisher kaum findet.

Ich frage mich allerdings auch, was einen Webdesigner oder Frontend-Entwickler zum Zugänglichkeits-Guru qualifiziert. Die Lektüre der BIT-V und der WCAG ist zwar langatmig, aber sicher nicht ausreichend. Und hier kommen wir zum Ausgangspunkt zurück: Nicht jede Website sollte mit einem Screenreader getestet werden, aber der Webworker sollte zumindest einmal intensiver mit einem Screenreader (und anderen Zugänglichkeitstechniken) gearbeitet haben.

Wir müssen es zugeben: die WCAG ist schön und gut, aber für den arglosen Leser total unverständlich. Er versteht nicht, warum Überschriften als HTML-Headline umgesetzt werden sollen, warum Formularlemente Labels brauchen und warum jeder Winkel der Seite mit der Tastatur erreichbar sein soll. Und wenn der Webworker nicht praktische Erfahrungen mit Hilfstechniken sammelt (und frisch hält), wird er vermutlich sein Pflichtprogramm abspulen, aber ohne Phantasie und Interesse. Denn er weiß, dass er etwas Bestimmtes tun muss, er kann aber nicht nachvollziehen, warum er es tun soll. So kommen Webseiten mit einem Dutzend Sprungankern am Anfang der Seite zustande, deshalb werden unsinnige Access-Keys generiert und deshalb sehen viele – vorgeblich – barrierefreie Websites so aus, als ob sie auf einem 14-Zoll-Schwarzweiß-Monitor kreiert wurden.