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Behinderung und Technik – Windows kann barrierefrei und Vodafone kann nachhaltig

Warum jetzt und nicht vor zehn Jahren könnte man fragen. Windows 8 kriegt einen Screenreader. Nach Linux und Mac ist Windows damit reichlich spät dran. Immerhin rückt das Betriebssystem damit einen Schritt näher an die Barrierefreiheit. Anscheinend plant Microsoft, ähnlich wie Apple die Integration des Betriebsystems auf unterschiedliche Plattformen. Das heißt, Windows 8 könnte auch auf Tablets zum Einsatz kommen. Ob da auch eine Touchunterstützung für den Screenreader zum Einsatz kommt? Auch bei Windows Phone ist die Unterstützung von Screenreadern noch nicht absehbar.

Vodafone hat angekündigt, Nachhaltigkeit tief in die Unternehmensstrategie verwurzeln zu wollen. Barrierefreiheit könnte ebenfalls ein Thema in dieser Strategie sein:

Als Erstes ist das „Access to Communication“, also Zugang und Teilhabe aller Geselschaftsmitglieder an moderner Telekommunikation. Als Zweites „Connected Living“, also die Vernetzung von Privat- und Berufsleben“ sowie als Drittes das Thema „Smart Energy“, das den effizienten Einsatz von Energie sowohl im Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden abdeckt. Als zusätzliches, übergreifendes Querschnittsthema wurde „Simplicity“ ausgewählt, also die Vereinfachung
des Lebens durch nutzerfreundliche Prozesse und Dienste.” Quelle: Interview in The European vom 28.2.2011

Das ist natürlich erst einmal PR. Allerdings hat Vodafone im letzten Jahr den Smart Accessibility Award verliehen, einen Preis für Apps, welche die Barrierefreiheit verbessern sollen. Wir dürfen also gespannt sein. Siehe dazu auch meinen Beitrag zu CSR und Barrierefreiheit.

Eine sehr coole Sache ist der günstige Mini-Rechner Raspberry Pi . Er kostet rund 30 Euro und kann mittlerweile erworben werden. Der Rechner ist so groß wie ein USB-Stick, darauf läuft Ubuntu. Ich gehe mal davon aus, dass damit auch der Screenreader Orca im Lieferumfang ist.
Noch lesenswert:

Fundsachen – Behinderung und Technik

Es gibt immer wieder mal neue Projekte und technische Entwicklungen, die für Behinderte interessant sein können. Ich werde hier in unregelmäßigen Abständen lesenswerte Links dazu veröffentlichen.

Die Bewegungssteuerung von Microsoft Kinect hilft Rollstuhlfahrern beim Einkaufen. Kinect war ursprünglich für die Spielkonsole XBOX gedacht, mittlerweile hat sich ein umfangreiches Umfeld an Anwendungen entwickelt, von dem Erfolg ist Microsoft selbst überrascht worden. Immerhin bietet MS jetzt das Kinect SDK zur nicht-kommerziellen freien Nutzung an.

Ein Erlanger Studentenprojekt beschäftigt sich damit, wie man Kinect zur Indoor-Navigation für Blinde einsetzen kann. Ich muss hier einschränken: kaum ein Blinder wird freiwillig seinen Blindenhund durch ein wie auch immer geartetes Gerät ersetzen, elektronische Hilfen können immer nur eine Ergänzung zum Blindenstock oder Führhund sein.

Ein internationales Gebärdenwörterbuch gibt es nun als mobile App, wie man vom Taubenschlag-Blog erfährt.

Kobinet berichtet über ein sprechendes Fernrohr. Das Fernrohr gibt per Stimme Informationen zum anvisierten Gegenstand.

Heise Online berichtet über eine Initiative, urheberrechtliche geschützte Werke für Blinde und Sehbehinderte besser zugänglich zu machen. Das wäre im Grunde begrüßenswert, wenn nicht alle Behindertengruppen – ganz zu schweigen von armen Menschen – Probleme in diesem Bereich hätten. Es ist sehr bedauerlich, dass sich die Behindertenverbände nicht zusammengetan haben, um gemeinsam Erleichterungen für Gehörlose, Menschen mit Leseschwäche und andere Gruppen durchzusetzen.

Die Sendung Kontraste berichtet darüber, wie Hörgeschädigten überteuerte, zuzahlungspflichtige Geräte aufgeschwatzt werden. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass dieses Verhalten ziemlich typisch ist für die Anbieter von Hilfsmitteln und die Krankenkassen.

Sollten Webseiten mit Screenreadern getestet werden?

Diese Frage wird in einem englischsprachigen Weblog gestellt. Darauf gibt es eine recht eindeutige Antwort. Nein, es sei denn, die Website wird primär von Blinden und Screenreader-Nutzern aufgesucht.

Bis heute verwechseln viele Webdesigner und Frontend-Entwickler Barrierefreiheit mit blindenfreundlich. Das ist teilweise berechtigt: Menschen mit motorischen Einschränkungen verwenden oft die Tastatur statt der Maus, so dass sie ähnlich wie Blinde durch eine Website tabben. Andererseits: wenn jemand aus motorischen Gründen keine Maus benutzen kann, wird er wohl auch Schwierigkeiten haben, eine Tastatur zu bedienen.

Das wird vor allem dann relevant, wenn man wie bei Access-Keys üblich zwei oder drei Tasten gleichzeitig drücken muss, um eine Aktion auszulösen oder einen seiteninternen Bereich anzuspringen. Übrigens käme wohl kein webdesigner auf die Idee, einem sehenden Nutzer so eine Akrobatik aufs Auge zu drücken.

Bei dem Thema Barrierefreiheit bleiben vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten und geringen Internet-Erfahrungen komplett außen vor. Sie werden von der Vielzahl an Elementen gestört, sie wissen oft nicht, was anklickbar ist und was nicht und häufig genug ist die Navigation von Marketing- statt von Usability-Aspekten geprägt.

An dieser Stelle laufen Usability- und Accessibility eindeutig zusammen. Allerdings haben sich Usability-Tests – mehr oder weniger – fest etabliert, während man Zugänglichkeitstests mit Nutzern bisher kaum findet.

Ich frage mich allerdings auch, was einen Webdesigner oder Frontend-Entwickler zum Zugänglichkeits-Guru qualifiziert. Die Lektüre der BIT-V und der WCAG ist zwar langatmig, aber sicher nicht ausreichend. Und hier kommen wir zum Ausgangspunkt zurück: Nicht jede Website sollte mit einem Screenreader getestet werden, aber der Webworker sollte zumindest einmal intensiver mit einem Screenreader (und anderen Zugänglichkeitstechniken) gearbeitet haben.

Wir müssen es zugeben: die WCAG ist schön und gut, aber für den arglosen Leser total unverständlich. Er versteht nicht, warum Überschriften als HTML-Headline umgesetzt werden sollen, warum Formularlemente Labels brauchen und warum jeder Winkel der Seite mit der Tastatur erreichbar sein soll. Und wenn der Webworker nicht praktische Erfahrungen mit Hilfstechniken sammelt (und frisch hält), wird er vermutlich sein Pflichtprogramm abspulen, aber ohne Phantasie und Interesse. Denn er weiß, dass er etwas Bestimmtes tun muss, er kann aber nicht nachvollziehen, warum er es tun soll. So kommen Webseiten mit einem Dutzend Sprungankern am Anfang der Seite zustande, deshalb werden unsinnige Access-Keys generiert und deshalb sehen viele – vorgeblich – barrierefreie Websites so aus, als ob sie auf einem 14-Zoll-Schwarzweiß-Monitor kreiert wurden.