Schlagwort-Archive: Blindheit

gibt schlimmeres

An dieser Stelle möchte ich zwei Zitate von zwei verschiedenen namenlosen Menschen bringen, die wiederum von dem amerikanischen Soziologen Erving goffman nieder geschrieben wurden. Ich werde das hier nicht weiter kommentieren, den Goffmantext findet man in seinem Standardwerk „Stigma“ erschienen im Suhrkamp-Verlag.

Gesunder Geist wie auch gesunder Körper können beide verkrüppelt sein. Die Tatsache, daß „normale“ Menschen herumkommen, sehen, hören können, bedeutet nicht, daß sie wirklich sehen oder hören. Sie können gegenüber den Dingen, die ihr Glück verderben, ganz blind sein, gegenüber dem dringenden Verlangen anderer nach Freundlichkeit vollkommen taub; wenn ich an sie denke, fühle ich mich um nichts mehr verkrüppelt oder invalide als sie. Vielleicht kann ich auf irgendeine kleine Art und Weise das Mittel sein, das ihnen die Augen für die Schönheiten rings um uns öffnet; Dinge wie ein warmer Händedruck, eine Stimme, die es zu ubeln drängt, ein Frühlingshacuh, Musik zum Lauschen, ein freundliches Nicken. Diese Menschen sind wichtig für mich und ich fühle gerne, daß ich ihnen helfen kann.

In diesem Licht können wir zum Beispiel wahrnehmen, daß einige Unzulänglichkeiten wie die Unfähigkeit, menschliche Liebe zu akzeptieren, was effektiv das Lebensglück fast zum Verschwinden vermindern kann, eine fast schlimmere Tragödie ist als Blindheit. Aber es ist ungewöhnlich für den Menschen, der unter einer solchen Krankheit leidet, auch nur zu wissen, daß er sie hat und daher vermag er nicht einmal Mitleid mit sich selbst zu empfinden.

Die etwas andere Wahrnehmung

Ich betone immer wieder, dass die Art der Wahrnehmung sich nicht nur von Kultur zu Kultur oder zwischen den Geschlechtern unterscheidet, sondern das jeder einzelne Mensch eine andere Art der Wahrnehmung hat. Der in Ehren ergraute große Herr der deutschen Gegenwartsliteratur Siegfried Lenz drückte dies besonders schön in einem Interview aus:

Entweder man ist Schriftsteller – oder man ist es nicht. Wenn man einer ist, schreibt man unaufhörlich. Selbst dann, wenn man nicht den Kugelschreiber in der Hand hat. Allein die Qualität der Wahrnehmung ist anders. Wir Schriftsteller sind unendlich viel mehr der passiven Wahrnehmung ausgesetzt. …[Zwischenfrage]… Nein, so ökonomisiert habe ich mein Dasein noch nicht, dass ich alles daraufhin abmustere, welche mögliche Eignung es haben könnte für das, was ich am Schreibtisch tue. Aber man hat eine Art der konservierenden Beteiligung. Anderes recherchiert man bewusst.(Interview in Die Zeit)

Im Grunde ist es exakt das, was ich mit dem anderen Sehen meine. Blinde verfügen oft – nicht alle und nicht immer – über eine Empathie und eine Beobachtungsgabe, die über die Fähigkeiten der Sehenden hinausgeht. Das müssen sie auch, denn anders ist ein Zusammenleben mit Sehenden nicht möglich. Wir können nicht auf die Mimik schauen, um die Laune der Anderen zu erkennen.

Manchmal kommt man sich aber auch wie ein Autist vor, jemand, der die Gefühle der Anderen nicht lesen oder verstehen kann.

Das Auge als Kamera

Viele Leute glauben immer noch, Sehen funktioniere wie eine Art Kamera, das Bild, welches auf unsere Netzhaut fällt, werde 1 : 1 ins Gehrin übertragen. Die Wirklichkeit ist faszinierender.

Fest steht bereits seit langem, dass das Gehirn Informationen des Sehens an verschiedenen Stellen verarbeitt. Ein rollender, roter Ball wird in drei Informationen verlegt, für deren Verareitung unterschiedliche Teile des Hirns veantwortlich sind: Bewegung, Farbe, Form.

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Spektrum der Wissenschaft (Mai 2008, der genannte Artikel ist kostenpflichtig!) beschreiben zwei Forscher ein noch komplexeres System. Demnach werden nicht nur die oben genannten Faktoren voneinander getrennt, es laufen zwölf oder mehr verschiedene Filme ab. Sol heißen, die Nethaut vermag viele Informationen paralell, aber getrennt voneinander aufzunehmen: Schatten, Helligkeit, Umrisse, Bewegungsrichtungen.

Sinn des ganzen könnte sein, dass das Auge sich somit auf verschiedenste Stufen der Helligkeit und der Bewegung adaptieren kann. Vor allem die Billigkameras taugen oft nur – und auch nur bedingt – für verschiedene Lichtzustände. Oftmals können sie kaum adäquat eingestellt werden. Keine Kamera kann ohne Scheinwerfer oder Restlichtverstärker im Dunkeln brauchbar arbeiten.

I am Watching You

Im Grunde genommen ist es nicht uninteresant, als Blinder durch die Welt zu laufen, nicht immer angenehm, aber oft interessant. Man lernt viel über die Menschen. Als jemand, der viel zu Fuß geht und in einer belebten Gegend wohntist man gezwungen, belebte Straßen entlang zu gehen und andere Straßen zu überqueren. Als erstes lernt man, daß Menschen grundsätzlich nicht ausweichen und Autofahrer grundsätzlich nicht gucken. Zudem helfen die menschen nicht beonders gerne, wenn sie gerade etwas Interessanteres zu tun haben. Sie würden einen Blinden in eine Baustelle rennen lassen, gegen einen Tisch oder hinter ein Atuo, das rückwärts fährt und dessen Fahrer – natürlich – nicht nach hinten guckt.

Man lernt aber auch die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Ein Mech, der einem sagt, daß die Ampel grün ist, der einen fragt, ob man Hilfe braucht oder der einfach nett ist, ohne eine Gegenleistung zu verlangen oder erwarten zu können. So etwas kann Einem den Tag rette. Manches Gepöbel kann Einem aber auch den Tag vermiesen. Es ist nicht die Handlung an sich, die den positiven oder negativen Effekt hat, sondern die pure Existenz von Nettigkeit und Bösartigkeit, die hier ihren ganzen Ausdruck findet.