In letzter Zeit könnte man meinen, einige Blogs und Nachrichtenportale hätten sich zu Totenanzeigen-Blättchen verwandelt, fehlt nur noch das schwarze Kreuz und “Rest in Peace”. Ich lese also über tote Barrierefreiheit und tote Insekten und wer das noch gelesen hat, wird bestimmt Lust bekommen, sich mit Barrierefreiheit zu beschäftigen, auf jeden Fall.

Der Grund, warum ich die meisten Behindertenblogs und -Portale aus meinem RSS-Reader geschmissen habe ist der Pessimismus, den sie verbreiten. Man könnte meinen, wir hätten 1949 und alles läge in Trümmern. Zwar läuft vieles schlecht, aber es hat sich auch vieles gebessert. Mit der Schwarz-Weiß-Malerei wird lediglich erreicht, dass auch der Rest der Hoffnungsvollen sich fatalistisch abwendet.
Menschen mit Behinderung sind laut der Studie von Einfach für Alle durchschnittlich häufiger im Internet als Menschen ohne Behinderung.
Es hat sich schon vieles gebessert einfach dadurch, dass Barrierefreiheit Bestandteil vieler Standard-Redaktionssysteme geworden ist. Immer mehr Seiten setzen Aria ein, wenn man die Captchas noch eindämmen würde, hätte sich ein Großteil der Probleme erledigt. Durch das mobile Internet und neue Endgeräte hat sich für viele Menschen der Zugang zum Internet erleichtert, für die ein Computer zu schwer zu bedienen ist.
Für Blinde kann man sagen, dass VoiceOver und NVDA die größte Barriere durchbrochen haben: überteurte und veraltete Screenreader. Der Touchscreen des iPhones und des iPads ist für Blinde die beste Entwicklung seit der Screenreader überhaupt.
Ausdiskutiert?
Der einzige Grund, warum man ständig über Alternativtexte für Bilder spricht ist, dass das jeder ohne große Erklärung versteht. Blinde sehen nichts, also müssen Bilder für sie beschrieben werden. Abgesehen davon möchte in 2012 kein Mensch mehr über die Auszeichnung von Abkürzungen, Sprachwechseln, über den richtigen Kontrast oder WCAG vs BITV diskutieren. Außerhalb der Barrierefreiheitsszene findet man das so spannend wie die Tagesschau von vorletzter Woche und selbst in der Barrierefreiheitsszene will das kaum noch jemand wissen.
Es gibt in der Ökonomie diese schöne 80:20-Regel, auch bekannt als das Pareto-Prinzip. Es besagt – auf die Barrierefreiheit bezogen in etwa, dass 80 Prozent Probleme mit 20 Prozent der Maßnahmen gelöst werden. Wenn aber die großen Probleme gelöst oder beseitigt sind – Frames, Flash, Überschriftenhierarchien, Platzhalter-Grafiken – oder von der Hilfstechnik kompensiert werden können, wird die Debatte immer kleinteiliger und spezieller.
Das dürfte auch der Grund sein, warum es seit zig Jahren keine große Barrierefreiheitskonferenz mehr in Deutschland gegeben hat. Wenn man schon im Internet keine Lust hat, über die Vor- und Nachteile des HTML5-Tags “nav” gegenüber dem ARIA-Attribut “navigation” zu diskutieren, wird man das auf einer Konferenz erst recht nicht wollen.
Gleichzeitig sind die Ansprüche von Behinderten gestiegen. Den meisten Leuten ist es relativ egal, ob die Seite des Bundestages barrierefrei ist oder nicht, weil sie so gut wie nie mit dieser Seite zu tun haben. Mich würde hingegen interessieren, warum es immer noch dermaßen schlechte Learning Management Systeme gibt, dass man mit der Tastatur nicht einen Schritt darin tun kann. Das muss wirklich nicht mehr sein. Das Thema HTML und CSS ist bis auf weiteres ausdiskutiert, falls ARIA und HTML5 mal offiziell empfohlen werden, kann die Diskussion weitergehen.
Die Community ist gefordert
Ich frage mich immer, wo eigentlich die 8 Millionen Behinderten in Deutschland stecken und was die über Barrierefreiheit sagen. Relativ wenig oder ich kriege es nicht mit. Man sollte meinen, sie würden sich stärker einmischen.
Ich sehe die Behinderten-Community noch stärker in der Pflicht. Auch wenn andere Gerüchte kursieren mögen, sie kommunizieren durchaus im Internet und werden nicht durch schlechte Barrierefreiheit daran gehindert, siehe dazu auch die erwähnte Studie von Einfach für Alle.
Außerdem muss der Diskurs raus aus der Minderheitenecke.
Ich sehe einen Generationenwechsel anbahnen, zumindest in der Blinden- und Sehbehindertencommunity. Viele Menschen sind heute mutiger und selbstbewusster und treten z.B. an die App-Entwickler heran, um sie auf schlechte Barrierefreiheit der Anwendungen aufmerksam zu machen. Mir wäre es auch lieber, sie würden das auch bei Webseiten machen, aber man kann nicht alles haben.
Wir sind an einem Punkt, wo sich Verbesserungen nur noch einstellen werden, wenn die Behindertencommunity proaktiv auf Entwickler und Designer zugeht und sich mit ihnen über ihre Bedürfnisse austauscht. Wer ständig mit der WCAG oder der Behindertenrechtskonvention winkt, wird nur verwirrte Blicke ernten. Ich will die Bedeutung dieser Dokumente nicht schmälern, aber kein Mensch außerhalb der überschaubaren Community weiß, was das ist. Wenn ich nicht zufällig damit zu tun hätte, wüste ich das ganz sicher nicht und ich kenne genug Blinde, die das nicht wissen. Was sie wissen ist, dass sie eine Webseite oder App nicht bedienen können. Die Argumentation, etwas müsse barrierefrei sein, weil das in der Behindertenrechtskonvention steht, vermag wirklich niemanden vom Hocker zu reißen. Und sie wird auch niemanden dazu animieren, sich mit Barrierefreiheit zu beschäftigen, es sei denn, echte Gesetze und Richtlinien oder sein Vorgesetzer zwingt ihn dazu. Was dabei heraus kommt sind z.B. die Seiten unserer Bundesministerien, die vielleicht barrierefrei, aber ganz sicher benutzerunfreundlich sind.
Um echtes Interesse für das Thema zu wecken, muss in dem Menschen die Neugier dafür geweckt werden, wie Barrierefreiheit funktioniert und umgesetzt werden kann. Wer an dieser Stelle auf die WCAG verweist, wird die meisten Zuhörer verlieren. Wenn jemand wissen will, wie es in Bonn ist verweise ich ihn auch nicht auf das Bonner Telefonbuch, da steht ja alles drin. Ich sage dem Entwickler: “Ich bin blind und kann nur mit der Tastatur arbeiten. Leider ist das Ausklappmenü auf Ihrer Webseite nur mit der Maus zu bedienen.”. Der zuständige Mensch wird zumindest verstehen, worum es mir geht, auch wenn er den Fehler nicht unmittelbar oder vielleicht auch gar nicht korrigieren wird.
Die Behinderten-Szene in Deutschland macht auf mich einen sehr passiven Eindruck. Ich hoffe, dass sich das mit der jungen Generation ändern wird. Aktuell sieht es so aus, als ob vor allem der Selbsthilfe die Mitglieder davon laufen bzw. jüngere Menschen erst gar nicht eintreten. Man kann zwar viel an der Selbsthilfe kritisieren, aber wirklich verzichten kann man auf sie nicht. Mir fehlen nach wie vor die Graswurzelinitiativen, die versuchen, aktiv etwas von unten zu ändern. Was wir brauchen sind engagierte Einzelpersonen und Gruppen, die selbst etwas aufbauen. Es gibt kein besseres Gefühl als sagen zu können: “Ich habe ein Stück dazu beigetragen, dass die Welt ein wenig barrierefreier geworden ist!”. Und es gibt nichts langweiligeres als zu sagen: “Ich warte, bis der Staat, die Gesellschaft und die Interessensgruppen den Weg für mich frei gemacht haben!”. Deswegen finde ich die Initiativen von Raul Krauthausen so lobenswert. Raul gehört zu den wenigen Leuten, die tatsächlich Öffentlichkeit für das Thema erzeugen, indem sie etwas tun und nicht nur erzählen, wie schlecht die Gesellschaft ist, weil sie keine Barrierefreiheit herstellt.
Irgendwo war zu lesen, Behinderte sollten mehr bloggen. Natürlich können sie tun, was sie wollen, aber mittlerweile sind Blogs out. Wer nicht zufällig über Google reinstolpert und regelmäßig mitliest interessiert sich sowieso für das Thema. Es geht aber gerade um die, die noch keine Ahnung haben und die werden mit einem Blog nicht erreicht.
Auch wenn ich selber sehbehindert bin glaube ich nach wie vor, dass bei Barrierefreiheit zu sehr an Sehbehinderte und Blinde gedacht wird. Es wird Zeit, die bisher vernachlässigten Gruppen wie Gehörlose und Lernbehinderte stärker zu erreichen. Dazu sind die aktuellen Webtechnologien nicht ausreichend. Aber egal, welches Ziel wir erreichen wollen, wir werden es sicher nicht schaffen, wenn wir uns in der Community verstecken und warten, bis jemand anderes unsere Probleme löst.
