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Jeder Mensch ein Schriftsteller – das E-Book und die Zukunft des Lesens und Schreibens

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt. Im Grunde suchen wir unser Leben lang nach einer Geschichte unseres Ursprungs, die uns sagt, warum wir geboren sind und warum wir leben. … Manchmal hoffen wir, unsere persönliche Geschichte mit der des Universums ineins zu bringen.“ Umberto Eco. Im Wald der Fiktionen. Carl-Hanser Verlag 1994, Seite 182

Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser. Es finden sich manchmal Aussprüche in ihnen, die genau auf unsere Verhältnisse zutreffen, die, wenn wir sie richtig lesen und verstehen, für unser Leben heilsamer sein können als der Morgen oder der Frühling und vielleicht allen unseren Angelegenheiten ein neue Wendung geben. Wie viele hatten nicht einem Buch eine neue Ära ihres Lebens zu verdanken! Irgendwo ist das Buch vielleicht vorhanden, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart. Was uns selbst noch unaussprechlich erscheint, findet sich vielleicht bereits irgendwo ausgesprochen. Die gleichen Fragen, die uns beschäftigen, beunruhigen und verwirren, haben von jeher alle Menschen beschäftigt. Nicht eine einzige von ihnen ist übergangen worden. Und jeder hat sie seiner Veranlagung nach mit seinen Worten und seinem Leben beantwortet.“ Henry David Thoreau. Walden

Die Jahre 2009/2010 dürften entscheidend für den Durchbruch des E-Books werden: Neben Sony werden eine ganze Reihe weiterer Anbieter wie Amazon, TXTR und andere Geräte anbieten, die via E-Ink-Technik das elektronische Lesen erleichtern wollen.
Gedruckte Bücher bald Geschichte?
Mit den Geräten sollte auch die Zahl deutschsprachiger Angebote steigen, die Augenblick noch gering ist.
Derzeit bleibt noch zu befürchten, dass die Buchindustrie die gleichen Fehler machen wird wie die Film- und Musikindustrie zuvor: Inkompatible Formate, restriktive Schutzmechanismen und unangemessene Preispolitik.
Im Gegensatz zu früher wird das Lesen flüchtiger: ein Buch war bisher ein physischer Gegenstand, den man besitzen, ins Regal stellen, verkaufen oder ausleihen konnte. Vorstellbar sind mehrere Eigentumsmodelle. Für einen niedrigen Preis wird ein Buch angeboten, welches nur auf einem bestimmten Gerät lesbar ist, das aber weder weiter verkauft noch anders weiter gegeben kann.
Für einen höheren Preis oder gar den Ladenpreis müssen allerdings die gleichen Bedingungen gelten wie für gedruckte Bücher: Weitergabe, Übertragung von einem Gerät auf ein anderes, Ausdrucken.
Das digitale Buch hat das Potential, das Veröffentlichen und Lesen von Texten nachhaltig zu verändern. Vor allem im Web 2.0 dominiert derzeit noch das Schreiben von Häppchen-Texten. Auch mit guten Bildschirmen ist das Lesen am Bildschirm weder angenehm noch energetisch effizient. Einen kompletten PC laufen zu lassen, um darauf Texte zu lesen oder Musik zu hören, ist sicherlich nicht zielführend.
Vor allem unbekannte Schriftsteller haben via Eigenverlag die Möglichkeit, ihre Texte kostengünstig an den Leser zu bringen. Auch bekannte Autoren erhalten nur einen Bruchteil des Kaufpreises, der Rest geht an Verlage und Buchhandel. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch ganze Magazine mit Kurzgeschichten, die zwischenzeitlich ausgestorben sind, aber eine ideale Lektüre für die Heimfahrt von der Arbeit darstellen.
Auch Weblogs und andere benutzergenerierte Inhalte in Textform lassen sich wegen ihrer Kürze ideal auf solchen Geräten lesen. Das selbe gilt für längere Zeitungs- und Magazintexte wie Features und Reportagen, die kaum jemand gerne am PC lesen möchte. Dazu müsste sich allerdings die Qualität der Bilddarstellung verbessern, die auf E-Book-Readern eher mau ist.
Joseph Beuys meinte, jeder Mensch sei ein Künstler. Man kann weiter gehen und sagen, jeder Mensch ist ein Schriftsteller. Zumindest ist jeder Mensch ein Experte für ein bestimmtes Thema und in der Regel kann er auch interessant über ein Thema schreiben, welches ihn persönlich begeistert.
So mancher Weblog hat bereits eine größere Reichweite als manche Lokalzeitung. Spezialblogs zu eher abseitigen Themen können eine kleine, dafür aber um so interessiertere Leserschaft erreichen.
Letzten Endes kann sich das Ganze auch finanziell lohnen: Eine interessierte Leserschaft ist eher bereit, kleine Beträge zu bezahlen. Dabei macht „Kleinvieh auch Mist“.
So mancher etablierter Schriftsteller erhält nur einen Bruchteil des Buchpreises und muss sich mit Übersetzungen oder anderen Arbeiten seinen Lebensunterhalt verdienen. Nur ein Bruchteil der Schriftsteller kann nur vom Schreiben leben.

Lesenswertes

Monopole schaden

Man stelle sich vor, man hätte eine DVD gekauft. Der nette Herr aus dem Supermarkt kommt zu Ihnen nach Hause, erklärt kurzerhand, diese DVD sei eine Raubkopie und vernichtet sie vor ihren Augen.
Einen echten Vorgeschmack auf das rigide Digital Rights Management lieferte Amazon mit seinem Kindle. Amazon kontrolliert sowohl das physische Gerät als auch die Vertriebswege und die Daten. Andere träumen davon, für die meisten Konsumenten ist das aber ein reiner Albtraum.

Gerade Amazon, welches stets um seine Reputation besorgt ist, muss sich hier Kritik gefallen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass Amazon ähnlich wie Apple beim I-Pod in Zukunft davon absehen wird, ein Monopol und die totale Kontrolle über die Inhalte zu behalten. Im anderen Falle gibt es genügend Alternativen auf dem Markt der E-Book-Reader.

Das E-Book als neues Geschäftsmodell

Das E-Book könnte die Katastrophe der Printindustrie bedeuten – oder auch nicht. Auf jeden Fall ist sein Potential größer, als mancher denken mag. Bezahlinhalte könnten endlcih wieder intereesant werden. Warum?

Wer sich den Spaß gönnt, morgens in die Münchner U-Bahn zu steigen, sieht sie sofort. Leute, die ihre din-a-2 große Zeitung im Stehen zu lesen belieben und über jeden meckern, der in der vollen U-Bahn mit ihnen zusammenstößt.

Das E-Book bietet nun die Möglichkeit, die interessanten Teile von Zeitungen jederzeit automatisch herunterzuladen und in Echtzeit anzuzeigen. Print und Online würden wieder verschmelzen.

Zudem fällt der Unsinn weg, dass kaum ein Mensch sich für mehr als zwanzig Prozent seiner Zeitung interessiert und selbst bei bestem Willen sie nicht von vorn bis hinten durchlesen kann.

Man abonniert etwa den Kanal „Lokales“, „Bundespolitik“ und „Sport“ und bezahlt genau für diese Kanäle. Man verzichtet auf „Vermischtes“, „Kultur“ und anderes. das ungelesen im Papierkorb landen würde. Natürlich lassen sich im Artikel problemlos Werbebanner einblenden. Bei höherer Qualität der Endgeräte wären auch kleine Flash-Animationen oder Bilder möglich.

Eine weitere Möglichkeit sind Kurzgeschichten oder Fortsetzungserzählungen. Vor nicht allzu langer Zeit fester Bestandteile in gedruckten Publikationen gibt es diese Elaborate kaum noch. „Der Graf von Monte Christo“ ist als Fortsetzungsroman erschienen.

Das Problem in Deutschland besteht darin, das man problem- und nicht lösungsorientiert denkt. Jene werden das E-Book wirtschaftlich für sich nutzen können, die gute und durchaus bessere Ideen entwickeln als jene, die hier skizziert wurden.

Appell gegen Google Buchsuche veröffentlicht

Eine Reihe deutschsprachiger Wissenschaftler und Publizisten veröffentlichen einen Appell an die Regierungen, gegen die Google-Buchsuche vorzugehen. Unterstützt wird der Appell unter anderem vom Zeitherausgeber Michael Naumann oder von dem Schriftsteller Daniel Kehlmann. Ich bin auf die Kritik hier bereits eingegangen.

Ich bin gestern bei einer Recherche ganz zufällig auf die Google-Buchsuche gestoßen und muß sagen, dass sie verdammt praktisch ist, um wissenschaftliche Literatur zu finden.

Google ist hier in eine Lücke gestoßen, die offensichtlich bestanden hat und welche von europäischen Kulturschaffenden bisher gar nicht gefüllt wurde – oder wird. Auf Europa zu warten ist wie warten auf den Messias.

Man muss nochmals darauf hinweisen, dass Google die Bücher eben nicht kostenlos anbietet, im Gegenteil, neben dem Buch werden Links angeboten, über die man von Dritten die Bücher erwerben kann.

Die Kritik basiert auf dem deutschen Urheberrecht, welches oft mit dem angloamerikanischen Copyright verwechselt wird. Das ist im übrigen kein Wunder, im deutschen Buch steht schließlich auch Copyright und eben nicht Urheberrecht.

Nach deutschem Urheberrecht bleibt das geistige Eigentum am eigenen Werk immer beim Autor. Er kann nur einzelne Rechte wie die Veröffentlichung oder weitere Verwendung an Dritte abgeben.

Im angloamerikanischen Raum hingegen kann man das Recht zur Veröffentlichung und weiteren Verwendung vollständig an Dritte abgeben.

Die Kritik zielt also darauf ab, dass man Google ausdrücklich das Recht einräumen müsste, die entsprechenden Titel einzuscannen und Versionen davon online zur Verfügung zu stellen.

Allerdings fällt die Kritik auf die Kritiker zurück. Warum melden sie sich jetzt und haben nicht vor fünf Jahren bereits auf ihre Rechte gepocht? Warum bieten sie keine brauchbare Alternative zur Google-Buchsuche an? Warum lebt Deutschland in der digitalen Steinzeit, warum muss man die aufwendige Fernleihe in der Bibliothek anzapfen und wochenlang auf wissenschaftliche Titel warten? Warum glaubt man, Bücher müssten als dicke Schwarten in dunklen Bücherregalen verstauben, der Zugang müsse möglichst aufwendig sein und digitale Bücher seien der Tod der deutschen Buch- und Wissensskultur?

Für blinde und sehbehinderte Menschen sind viele Bücher praktisch gar nicht zugänglich. Es gibt rund 50 000 nicht-kommerzielle Hörbücher, die von den Hörbüchereien zur Verfügung gestellt werden. Daneben gibt es eine kurze Zahl kommerzieller Hörbücher, die sich jeder kaufen kann. Dennoch ist das nur ein Bruchteil der tatsächlich verfügbaren Bücher. Hochproblematisch wird es, wenn man wissenschaftliche Literatur haben möchte.

Wenn man die Bücher dann doch irgendwie bekommt, ist es sehr aufwendig, sie zu lesen. Entweder muss sie eingescannt oder aufgelesen werden. Beides ist zeit- und kostenaufwendig.

Edit: Auf netzpolitik.org wird berichtet, der Heidelberger Literaturprofessor Roland Reuß sei wohl der Initiator der Google-Buchsuche-Kritik. Vermutlich hat er Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ gelesen.

Der Vorleser bleibt stumm

Zumindest wird Amazons „Kindle“ künftig bei einigen Büchern schweigen. Die amerikanische Authors Guild sieht diese Vorlesefunktion als eine Form der Aufführung an und übte auf den Entwickler Amazon Druck aus, die Funktion abzustellen. Nun hat die Authors Guild laut Golem.de die Möglichkeit, diese Funktion bei ihren Büchern abstellen zu lassen. Der andere große Anbieter Sony wird hier sicher nachziehen, falls eine solche Funktion bei seinen Geräten jemals Einzug halten wird.

Blinde, Sehbehinderte und andere Menschen mit Sehschwäche werden sich bei der Autorengilde herzlich bedanken. Wer die Qualität von Sprachsyntesizern kennt, findet allein den Gedanken absonderlich, diese seien mit öffentlichen Vorlesungen zu vergleichen.

Es zeigt aber auch einmal mehr, wie viel die Unternehmen von Nutzerfreundlichkeit verstehen. Ob Apples IPod, der nur das firmeneigene Format abspielte. Oder Sonys MD, die nicht zuletzt deshalb tot ist, weil man per USB zwar Stücke auf die Minidisc spielen kann, aber diese Stücke nicht auf den PC zurückspielen kann. Natürlich deshalb, weil Sony sich selbst in der Musikindustrie engagiert. Der Buchhändler Amazon mochte sich wohl eben so wenig mit den Produzenten seines wichtigsten Produkts anlegen. Man mag nur hoffen, jemand anderes wird ein besseres, günstigeres und vor allem nutzerfreundlicheres Produkt dieser Art auf den Markt bringen.