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Die Aufhebung der Anonymität – schützen Pseudonyme und Nicknamen die Privatsphäre?

Wer sich längere Zeit an einem bestimmten Forum beteiligt, stellt sehr bald fest, dass wenige Nutzer sehr oft aktiv sind, während viele Nutzer nur ab und an dabei sind. Die bekannten Nutzer erkennt man oft am Schreibstil wieder, wenn sie etwa ihre Nicknamen verändern. Ähnlich ist das auch bei “Trollen”, Diskussionsstörern, die früher oder später igonriert werden und deshalb häufiger ihre Nicknamen wechseln. Auch sie werden am “Trollstil” wiedererkannt. Das nennt sich Stilometrie. Das Forenbeispiel zeigt, dass man diese Stilerkennung auch sehr intuitiv verwenden kann.
Schon seit langem gibt es Versuche, die Schreiber bestimmter Texte zu identifizieren: ob es um Erpresser-Schreiben, Bekennerschreiben oder illegale Publikationen geht, stets kann es wichtig sein zu wissen, ob die Texte von einem bestimmten Autoren stammen. Dazu benötigt man eine längere Schreibprobe dieser Person. Inzwischen scheint es Software mit recht guter Erkennung zu geben.
Die Idee der Stilometrie ist nicht neu. Gelegentlich erkennen Experten, dass Kunstwerke nicht von den berühmten Künstlern stammen, denen sie zugerechnet werden. Oder umgekehrt, das Kunstwerk eines Unbekannten wird einem bekannten Künstler zugeordnet – alles mit drastischen Folgen für den monetären Wert des Kunstwerks. Statt Farbwahl, Pinselführung oder sonstiger Eigenart lassen sich bei der Stilerkennung ähnlich typische Eigenschaften identifizieren: hartnäckige Fehler in der Orthographie, ein Faible für bestimmte oder seltene Worte und Phrasen, die Verwendung bestimmter Metaphern, bevorzugte Satzkonstruktionen, die Verwendung bestimmter Adjektive und Verben sowie unzählige statistische Methoden.
Interessant wird es dann, wenn Texte aus der Vergangenheit den Schreiber einholen. Für Historiker wie für die Staatsanwaltschaft kann es etwa höchst interessant sein herauszufinden, wer bestimmte Schreiben der RAF verfasst hat. Andererseits ließe sich auch herausfinden, dass Leute ihre Bücher nicht selber geschrieben oder plagiert haben. Uralte vergessene Forenbeiträge ließen sich ihren Schreibern zuordnen, wodurch sie identifzierbar werden.
Voraussetzung für das alles ist natürlich, dass eine Original-Schreibprobe in ausreichender Länge vorliegt, wobei natürlich die Zahl der Proben recht groß sein müsste, um für eine Untersuchung interessant zu werden.

Insofern muss man die Frage in der Überschrift eindeutig bejahen. Vor allem in Staaten mit mangelnder Meinungs- und Pressefreiheit kann die Anonymität lebenswichtig sein. Das Web spielt eine große Rolle, wenn es um die Verbreitung ungenehmer Informationen geht. Daher ist es für Menschen, die diesen undankbaren Job übernehmen wichtig, nicht nur Werkzeuge zur Anonymisierung, sondern auch zur Pseudonymisierung ihrer Texte zu haben, damit sie unerkannt bleiben können.