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Wer ist klüger – der Einzelne oder die Vielen?

Die Masse hat noch nie einen guten Ruf gehabt: leicht zu verführen, bar jedes Verstandes, bereit, alles zu tun, was ein Demagoge ihnen befiehlt. Der Ruf hat sich im Web nicht gebessert: die User gelten als geizige, raubkopierende und wenig kreative Zeitgenossen. Der Computer-Enthusiast Jaron Lanier hält der Internet-Gemeinde ihre eigenen Mythen vor. Ihm zufolge habe die Masse keine Intelligenz oder Kreativität. Die Versprechen, dass auch unbekanntere Kreative im Netz ihre Kunst finanzieren könnten, hat sich nicht erfüllt.
Da passt es gerade, dass sich Deutschlands literarisches Wunderkind Helene Hegemann mit ihrem Buch „Axolotl-Roadkill“ offenbar gehörig bei einem Anderen bedient hat, ohne dessen Beitrag zu nennen und das offenbar legitim findet.
Ist es aber nicht: urheberrechtlich geschützte Werke dürfen natürlich nicht ohne Weiteres kopiert werden und im Zweifel untersteht jedes Werk dem Urheberrecht. Doch auch die Spielarten der CC-Lizenzen erlauben in der Regel nicht das Kopieren ohne Namensnennung des Urhebers. Doch selbst wenn das Kopieren ohne Namensnennung erlaubt ist, es entspricht der Ehrlichkeit, die Werke oder Teile der Werke Anderer nicht als die Eigenen auszugeben. Hegemann und die Verlag wären sicher nicht einverstanden, wenn ich hingehen und „ihr“ Werk mit leichten Veränderungen als mein Werk darstellen würde. Hegemann selbst hat ihr Buch vermutlich nicht unter CC-Lizenz gestellt, ergo scheint es so, als ob sie Wert auf ihr Urheberrecht legt.
Das Kind der Web-Generation klaut bei Anderen, gibt es als ihr eigenes Werk aus und beruft sich nebenbei auf eine halbverstandene Web-Ideologie, wenn das keine Schlagzeile für den Boulevard und für den Kulturteil ist.
Allerdings glaubt niemand, dass das Kollektiv an die Stelle des Individuums treten soll. Gruppen interessierter Leute sind in der Lage, gemeinsam Software zu schreiben, die von jedem benutzt wird. Sie schreiben an Texten, die von jedem gelesen werden. Sie drehen Filme, die von jedem gesehen werden. Sie finden sich am ehesten noch übers Web, tauschen sich über das Netz aus, korrigieren sich gegenseitig. Ideen werden von Einzelnen eingebracht, sind aber oft nicht ausgereift. Die Gruppe kann dafür sorgen, dass gute Ideen verbessert und schlechte verworfen werden.
Der Einzelne hat hier immer noch mehr Möglichkeiten, seine Kreativität auszuleben und interessierte Menschen zu erreichen als wenn er Bilder in seinem Wohnzimmer, Skulpturen in seinem Vorgarten oder Graffiti an einer Wand ausstellt. Niemand muss sich wünschen, dass ein Kollektiv von Menschen an die Stelle des einzelnen Schreibers, Regisseurs oder Programmierers tritt. Schließlich setzt sich ein Kollektiv aus den kreativen Ideen und Lösungen Einzelner zusammen. Die Gruppe ist nichts ohne den Einzelnen, der Einzelne ist nichts ohne die Gruppe. Es ist also kein Widerspruch, wenn James Surowiecki von der „Weisheit der Vielen“ spricht, während Lanier glaubt, die Vielen brächten keine kreative Leistung. Lanier scheint ein typischer Fall von Über-Enthusiasmus geworden zu sein, der sich in Frustration verwandelt, weil sich die eiegenen überzogenen Erwartungen nicht erfüllt haben.
Kreativität kann sich nicht darin erschöpfen, anderer Leute Werke zu mixen und zu behaupten, das sei nun ein eigenes Werk. Andererseits kann man sich nicht zwingen, innovativ zu sein, denn man kann nie wissen, ob die eigenen Ideen nicht schon von jemand Anderem erdacht worden sind. Ein Werk zu erschaffen erfordert ein gewisses Maß an Zeit und Geist und wer beides nicht investiert hat, hat auch kein eigenes Werk erschaffen.
edit: sehe gerade, dass ich den halben Text in einen Link verwandelt habe, sorry, wurde korrigiert