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Back to the roots – setzen wir zu sehr auf Technik bei der Barrierefreiheit?

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Das ausgerechnet ich das frage wird einige meiner Leser erstaunen. Abgesehen davon, dass ich nach wie vor begeistert von den Möglichkeiten bin, die mir der Computer und andere Hilfsmittel bieten, stehe ich dem Ganzen nach wie vor kritisch gegenüber. Und zwar dort, wo Probleme eher sozial als technisch gelöst werden sollte.
Verschneite Straßenbahnschienen
Wir verwenden viel Zeit darauf zu überlegen, wie die Technologie mehr Barrierefreiheit schaffen kann. Eine Nebenfolge davon ist aber, dass wir sozialen Kontakten aus dem Weg gehen. Wir fragen nicht mehr nach dem Weg, weil GPS uns führt. Wir fragen nicht mehr nach einem Produkt, sondern scannen den Barcode und holen uns die Infos dazu aus dem Netz.

Die Definition für Barrierefreiheit besagt, dass wir eine Aktion oder Information grundsätzlich ohne fremde Hilfe durchführen bzw. bekommen sollen. Ich lese da nicht raus, dass wir alles ohne fremde Hilfe schaffen sollen, aber das scheint für viele das Ziel zu sein.

Ich kam auf das Thema, weil ich in einer Blinden-Mailingliste die Frage las, ob eine Navisoftware auch Bürgersteige anzeigen könne. Jemand anderes beschwerte sich über die Ungenauigkeit der Navigations-Apps. Das zeigte mir, dass einige Blinde ganz falsche Erwartungen an die Technik haben. Einige Leute scheinen zu glauben, man könne mit GPS und ähnlichem praktisch zentimetergenau an den Bestimmungsort gelangen und auch noch gefahrfrei durch die Gegend geführt werden. Am Ende braucht man kein Training mehr am Stock, weil das iPhone oder sonst ein Gadget das alles für Einen übernimmt.

Das ist reine Utopie, mir ist keine Technik bekannt, mit der das machbar wäre. Vorstellbar wäre eine Kombination verschiedener Technologien wie Abstandssensoren, Augmented Reality und so weiter, ich will hier nicht ins Detail gehen. Das ist schön und gut, bis der Akku leer ist. Und was dann?

Genau, man fragt den nächsten Passanten. Der weiß natürlich nicht, wie er mit Blinden umgehen soll, weil er dank neuer Technologie noch weniger mit ihnen in Berührung kommt als vorher. Der Blinde ist also auf die gleichen Fähigkeiten angewiesen wie vor 100 Jahren: eine saubere Stocktechnik, ein gutes Orientierungsvermögen und vor allem die Fähigkeit, andere Leute um Hilfe zu bitten. Ja, ich glaube, dass man das verlernen kann. Jeder Blinde kennt die Erfahrung, dass man Menschen um Hilfe bittet und sie einfach weiter gehen. Das ist total beschissen, aber so ist das Leben. Wenn man damit nicht zurecht kommt, hat man ein Riesenproblem, denn dann kann man nur noch zuhause rumhocken. Aber je weniger man fragt, desto weniger Lust hat man darauf, es zu versuchen. Das mag blöd klingen, aber um Hilfe zu bitten ist der einfachste Weg, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Der andere Weg führt über die Raucherecke, aber da will auch nicht jeder hin.

Die Technik wird nie völlige Barrierefreiheit ermöglichen. Es geht also nicht darum, die menschliche Hilfe überflüssig zu machen, sondern einen vernünftigen Mix aus Technik und menschlicher Hilfe zu finden.

Die Technik kann viele Aufgaben lösen und kaum jemand möchte auf diese Vorteile verzichten, auch ich nicht. Auf der anderen Seite führt die Technik aber auch zu weniger Kontakten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Blinde lassen sich eher von ihrem Smartphone zu ihrem gesuchten Ort navigieren statt die Passanten zu befragen. Manche Behinderte erledigen ihre Verwaltungsangelegenheiten komplett über das Internet, damit sie nicht aufs Amt gehen müssen. Das macht viele Dinge einfacher, die Frage ist, ob es ihre Inklusion in die Gesellschaft verbessert, wenn sie irgendwann keinen Kontakt mehr mit Nicht-Behinderten haben.

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Eine Strömung, die die Bedeutung der Community betont ist der Kommunitarismus. Eloquentester Vertreter dieser Strömung ist Amitai Etzioni.

Bei Computer-Hackern dominiert das Klischee des blaßen Eigenbrödlers, dabei ist der Gemeinschaftssinn hier stark verbreitet. Sichtbar wird das an den zahllosen Do it Yourself-Bewegungen in Berlin oder Köln.

Dabei sein oder nicht dabei sein – die Notwendigkeit aktueller Hilfstechnik

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Die Diskussion um die Barrierefreiheit konzentriert sich stark auf das barrierefreie Webdesign, lässt aber zwei ebenfalls sehr wichtige Faktoren außer acht: den Client und natürlich die eingesetzte Hilfstechnik.
Diagramm veranschaulicht das Verhältnis der drei Elemente

Client

Der Client ist die Schicht, die zwischen dem Benutzer und den Inhalten liegt. Im weiteren Sinne ist das also der Computer oder ein anderes Endgerät wie ein Smartphone, ein Tablet oder ein Terminal. Im engeren Sinne ist die Plattform weniger wichtig als die darauf betriebene Software, in der Regel spielt der eingesetzte Browser, das Programm oder die App die Schlüsselrolle.

Die Hilfstechnik

Wenn der Client die nötigen Accessibility-APIs unterstütztund der Inhalt die nötigen Informationen liefert, bekommt die Hilfstechnik die Schlüsselrolle bei der Benutzbarkeit von Inhalten. Wenn die Hilfstechnik die von der API bereit gestellten Informationen nicht verarbeiten kann, ist es Essig mit der Barrierefreiheit. Deswegen meine Frage:
Muss man zum Beispiel Screenreader-Nutzer dazu bringen, einen aktuelleren Browser und einen aktuelleren Screenreader einzusetzen? Die Antwort auf beide Fragen lautet ja. Der einfache Grund ist, wenn man sie nicht zwingt, machen sie es nicht. Solange alles, was ich tun möchte mit meiner Uralt-Konfiguration funktioniert sehe ich keinen Grund, warum ich irgendetwas anfassen sollte.
In einem älteren Artikel schrieb ich schon, dass die Barrierefreiheit oft nicht an den Webseiten, sondern an der eingesetzten Hilfstechnik scheitert. Ich hatte so 2009 herum noch ein Notebook in Gebrauch, auf dem Jaws 6.4 und der Internet explorer 6 liefen. Für die Nicht-Experten, das war schon damals total veraltet, entscheidend war für mich aber, dass die Software lief. Der Laptop selbst war schon uralt und wäre mit einem Update nur schwer zurecht gekommen. Auf meinem aktuellen Laptop läuft Jaws 9, was auch nicht mehr taufrisch ist. Parallel läuft NVDA, die jeweils aktuelle Version. Auf einem anderen, wirklich uralten Laptop läuft nur NVDA.
Da sich kein Blinder neue Versionen kommerzieller Windows-Screenreader leisten kann, haben viele Blinde veraltete Technik zuhause herumstehen. Das liegt natürlich auch daran, dass Windows XP schon so lange auf dem Markt ist, dass ein Generalupdate des Screenreaders bisher auch nicht unbedingt nötig war. Win XP ist 2002 auf den Markt gekommen, alle seit dem auf den Markt gekommenen Screenreader unterstützen XP. Im schlimmsten Fall kann der Screenreader also zehn Jahre alt sein. Und es gibt durchaus noch einige Leute, die ältere Windows-Versionen einsetzen. Was das in puncto Sicherheit bedeutet, brauche ich wohl nicht auszuführen.
Es mag vor fünf oder zehn Jahren noch okay gewesen sein, sein System vielleicht einmal upzudaten oder einfach so lange zu benutzen, bis es kaputt war und man ohnehin ein neues kaufen musste. Den meisten Blinden scheint aber nicht klar zu sein, dass sie nicht an den Neuerungen des Webs teilhaben können – egal wie barrierefrei oder unfrei – wenn sie nicht aktuelle Browser und Screenreader einsetzen.
Der wichtigste Grund, nicht upzudaten, hat sich mit günstigen oder kostenlosen Screenreadern wie VoiceOver, Orca oder NVDA erledigt. Wenn mir jemand ernsthaft erzählt, jemand könnte ein Formular nicht bedienen, weil sein Screenreader älter sei, dann würde ich ihm gerne sagen, dass niemand, der zumindest Windows XP nutzt heute noch einen älteren Screenreader nutzen muss. Die Alternative lautet: Friss oder stirb, date up oder verzichte auf Neuerungen und Verbesserungen. Es gibt für Jaws 6.4 und den Internet Explorer 6 kein ARIA und kein HTML5basiertes Youtube, da kann man sich ärgern, solange man möchte, das ändert nichts daran. Natürlich können die Betroffenen so lange ihren alten Screenreader verwenden, wie sie möchten. Es ist dann aber auch nicht mehr legitim, sich über nicht funktionierende Webseiten zu beschweren. Die Richtlinien und Verordnungen verweisen darauf, dass auch ältere Hilfstechnik unterstützt werden sollte, das kann aber nicht bedeuten, zehn Jahre alte Hilfstechnik auf einer topaktuellen Seite zu unterstützen. Schließlich artet das ganze in eine Sysiphus-Arbeit aus, wie viele Versionen von jaws, Window Eyes, cobra und so weiter sollen unterstützt werden und wer möchte sich schon merken, welche Version welche Funktionen unterstütz? Erwartet man ernsthaft von einem Entwickler, dass er sich nicht nur mit Screenreadern auskennt, sondern auch die diversen Bugs der unterschiedlichen Produkte und ihrer einzelnen Versionen der letzten fünf Jahre kennt?
Der Aufwand zur Umstellung scheint mir auch kein gutes Gegenargument zu sein. Ich arbeite seit ungefähr 15 Jahren mit Word und seit ungefähr 10 Jahren mit verschiedenen Jaws-Versionen und darf behaupten, ich kenne die meisten Funktionen oder Tastenkürzel nicht auswendig, viele Funktionen kenne ich überhaupt nicht. Für die übliche Bedienung eines Computers reichen eine Handvoll Tastenkürzel und die Dokumentation des Programms.
Wer Spaß daran hat, kann NVDA so anpassen, dass es ungefähr auf die gleichen Tastenkürzel wie Jaws reagiert. Außerdem musste man sich ja ohnehin einmal in den Screenreader einarbeiten und man muss auch nicht sofort vollständig umsteigen, sondern kann das schrittweise tun und zunächst beide Programme parallel einsetzen.
Ich glaube im übrigen nicht, dass die Umstellungsmüdigkeit etwas mit Behinderung zu tun hat. In der Regel ist es Bequemlichkeit, schließlich gibt es genügend Nicht-Behinderte, die ebenfalls mit Uralt-Konfigurationen unterwegs sind.
Carl Growes hat ganz richtig angemerkt, dass die Hilfstechnik die Webseite nicht barrierefrei macht. Aber eine veraltete Hilfstechnik kann sehr wohl verhindern, dass eine an sich barrierefreie Webseite komfortabel genutzt werden kann.

Auch Windows 8 könnte für Blinde sehr interessant werden, obwohl die Metro-Oberfläche sehr visuell orientiert ist.
Wenn eine vernünftige Touch-Unterstützung ähnlich wie bei iOS umgesetzt wurde bzw. wird, werden ganz neue Anwendungsszenarien für Blinde denkbar. Apps in iOS sind ganz nett, aber ein echtes Desktop-Programm ist manchmal unausweichlich. Drag und Drop zum Beispiel würde Blinden die Nutzung von Web 2.0-Anwendungen wesentlich erleichtern, Tabellen in Excel würden leichter erschließbar, es ließen sich leichter Präsentationen erstellen und so weiter. Ein großes Display erlaubt das Erkunden und Steuern mit beiden Händen, darin steckt großes Innovationspotential, nicht nur für Blinde.
Wer also an den neuen technischen oder digitalen Möglichkeiten teilhaben möchte, hat gar keine Alternative als seine Programme upzudaten. Es wird sicher nicht einfacher, wenn man länger wartet.

Braillezeile mit Tastatur

Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln

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Wie ich im Artikel über NVDA schon angedeutet habe, kann die Community heute mehr Einfluss denn je auf die Entwicklung von hilfsmitteln nehmen. Früher musste man das nehmen, was eben da war, ob es den eigenen Bedürfnissen entsprach oder nicht. Engagierte Leute können heute leichter denn je eigene Projekte starten, um Menschen aus der Community zu helfen.
Geldscheine
enn man aber nicht gerade Programmierer ist oder eine Organisation hinter sich hat, benötigt man neben Engagement auch Geld.
Es gibt die klassische Finanzierung über Kredite, Risikokapital oder Preisgelder, aber wenn nicht gerade Facebook draufsteht oder der Sinn des Projekts in drei Wörtern zusammengefasst werden kann, wird es schwierig, an solche Gelder ranzukommen.
Spenden und Crowdfunding können Alternativen zur klassischen Finanzierung sein bzw. sind es teilweise bereits. Hier geht es weiter Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln.
Beim PDF Accessibility Checker wurde die Unterstützung für den UA-Standard über Crowdfunding finanziert. Das ist leider schwierig in so einem Artikel zu vermitteln, deshalb schreibe ich es einfach hier. Außerdem ist PAC ja auch kein Hilfsmittel für Behinderte.

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Neues von NVDA

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Nonvisual Desktop Access (NVDA) wandelt sich schnell vom Nischenprodukt zur echten Konkurrenz zu Jaws und Co, eine ausführliche Einführung gibt es hier. Der nächste Sprung von Windows XP zu einer höheren Version dürfte den kommerziellen Konkurrenten das Leben schwer machen. Mit Windows 8 wird es zumindest eine einfache Sprachausgabe geben, außerdem werden viele Blinde auf den Mac umsteigen, weil sie keinen neuen kommerziellen Screenreader finanziert bekommen. Und vielen Windows-Usern wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich einen neuen Screenreader anzuschaffen, dessen Finanzierung durch die Krankenkassen immer schwieriger wird.
Zumindest im privaten Bereich dürften Jaws und Co. früher oder später die Puste ausgehen. Einfache Texte schreiben ist mit NVDA kein Problem. Im Internet ist er zudem fast überall besser.
Der einfache Grund dafür ist, dass NVDA sich dynamisch weiter entwickelt und – da er kostenlos ist – den Anwendern auch sämtliche Aktualisierungen nach Veröffentlichung unmittelbar zur Verfügung stehen. Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass kommerzielle Screenreader nach durchschnittlich fünf Jahren neu angeschafft werden – das ist heute eine Ewigkeit.
Tortendiagramm Anteil der Screenreader
Screenreader-Anteile laut dem WebAIM-Screenreader-Survey 2012

Laut dem Screenreader-Survey von WebAIM verwenden mehr als ein Drittel der Blinden kostenlose bzw. günstige oder systemeigene Screenreader wie NVDA, VoiceOver und System Access.
Währenddessen scheint Freedom Scientific die gleiche Krankheit befallen zu haben, die bei Adobe grassiert: die Featuritis. Die Programme werden mit zweifelhaften Features immer weiter aufgeblasen, während Stabilität, Geschwindigkeit und Fehlerfreiheit auf der Strecke bleiben. Auf meinem Notebook braucht Jaws 11 glatte fünf Minuten, um zu starten, Jaws 9 braucht ca. 30 Sekunden, NVDA weniger als zehn Sekunden.
Die andere Bedrohung kommt von Windows 8, dass eine zumindest rudimentäre Sprachausgabe integriert haben wird.

Alternativen zu eSpeak

Einige Blinde mögen eSpeak nicht besonders, vor allem im Vergleich zu den Stimmen von VoiceOver klingt eSpeak recht blechern. Allerdings braucht man auch eine ganze Weile, um sich überhaupt an Sprachausgaben zu gewöhnen und eSpeak ist immer noch besser als
Microsofts Sam. Viele Blinde wissen aber nicht, dass es Varianten von eSpeak gibt, die sich ein wenig besser anhören als die Standardstimme. Dazu gehen wir folgendermaßen vor: Wir starten NVDA, wählen mit Einfg + N das Kontextmenü, unter Einstellungen Stimmeneinstellungen. Unter “Variante” können wir eine Stimme auswählen. Wenn man das Feld ausklappt, hört man den Klang der Stimme erst, wenn die Stimme ausgewählt und die Auswahlliste zugeklappt wurde. Lässt man die Liste geschlossen und geht mit der Cursor-Taste rauf bzw. runter, hört man sofort, wie die Stimme klingt. Die Varianten “Test” oder “Max” zum Beispiel klingen für meine Ohren besser, einige Stimmen klingen wie das vokalisierte Äquivalent von Wing Dings oder würde jemand ernsthaft mit “Ani” arbeiten?
Mittlerweile werden auch kommerzielle Stimmen speziell für NVDA angeboten. Für rund 95 US-Dollar kann man sich die Stimmen kaufen, die für viele Blinde zum Alltag gehören, einige dieser Stimmen werden auch in iOS verwendet. Die Stimmen können auch in die portable Version von NVDA integriert werden.

Mit der kostenpflichtigen Erweiterung VTURBO können einige Funktionen nachgerüstet werden, zum Beispiel Stimmenprofile für unterschiedliche Situationen oder bessere Vorlesefunktionen.

Weitere Vorteile

Seit der Version 12 gibt es in NVDA einen Erweiterungsmanager, der unter anderem für die oben erwähnten Stimmen benötigt wird.
Was noch fehlt ist ein Modus, mit dem eigene Skripte geschrieben werden können, um Programme nachträglich screenreader-gerecht zu machen. Jaws z.B. hat eine eigene Skriptsprache für solche Zwecke. Eventuell bieten die Plugins eine äquivalente Möglichkeit, das habe ich bisher nicht geprüft.
Eine wirklich feine Sache sind die automatischen Updates. Bisher mussten die neuen Versionen immer auch neu installiert werden.
Mit dem Browser Chrome wird ein weiterer Browser unterstützt. Chrome ist ein wenig flotter als Firefox und wesentlich besser als der Internet Explorer.
Eine nützliche Erweiterung ist MouseGuide. Sie ermöglicht es, nicht mit der Tastatur erreichbare Schaltflächen zu markieren, um den Mauscursor dorthin zu steuern und so diese Schaltflächen anzuklicken.
Mittlerweile kann aus der installierten Version von NVDA heraus eine portable version erzeugt werden. Der Vorteil liegt darin, dass die eigenen Einstellungen direkt übernommen und die portable Version nicht neu konfiguriert werden muss.
Inzwischen werden auch die Zugänglichkeitsfeatures vom Acrobat Reader unterstützt. Bei der letzten Version von NVDA, wo ich das getestet hatte lief das noch nicht, das ist aber auch schon lange her. So viele barrierefreie PDFs gibt es leider noch nicht.
NVDA ist sehr genügsam. Auf meinem Uralt-Laptop habe ich selbst eine uralte Jaws-Version nicht zum Laufen bekommen, NVDA war nach wenigen Minuten betriebsbereit. Der Jaws-eigene Grafiktreiber hat schon manche Notebooks zum totalen Crash gebracht.
In der aktuellen Version gibt es eine Unterstützung für die Metro-Oberfläche von Windows 8. Das Rennen zwischen den Screenreadern wird wirklich spannend, wenn es darum geht, wie Win 8 zugänglich gemacht wird. Es ist der Bruch von einem maus- und tastaturbasierten hin zu einer touchoptimierten Oberfläche. Die klassischen Screenreader sind darauf nicht eingestellt. Am ehesten lässt sich die Touch– mit der Mausbedienung vergleichen.
Auch für Sehbehinderte kann NVDA interessant sein. Schon seit längerem liest NVDA Elemente vor, wenn sie mit dem Mauscursor überfahren werden, zum Beispiel Links oder Formularelemente.
Das sind nur einige der vielen Features von NVDA, ich will nur zeigen, wie vielseitig dieser Screenreader ist und das es sich durchaus lohnt, ihn auszuprobieren.

Spendenfaulheit

Wie wir an der kurzen Krise von WebVisum gesehen haben, wird es immer wichtiger, für Projekte wie NVDA oder WebVisum zu spenden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie jemand 500 Euro für ein iPhone ausgeben kann und sich zugleich über Apps aufregt, die einen Euro kosten. Als ob die Entwickler von Luft und Liebe leben könnten, wobei sie statt Liebe Ärger bekommen, weil Button Nummer 12 falsch beschriftet wurde.
Die Bereitschaft, für ein nichtmaterielles Produkt zu bezahlen scheint auch unter Blinden sehr gering zu sein. Das gilt insbesondere dann, wenn man keine direkte Gegenleistung erhält, schließlich hat man das Programm ja schon, also warum noch bezahlen? Sollten NVDA oder WebVisum eines Tages tatsächlich wegen mangelnder finanzieller Unterstützung eingestellt werden, dann wissen die Blinden zumindest in diesem Fall, wer daran schuld ist: Sie selbst.

Wir brauchen eine Revolution in der Hilfstechnik

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    “Eine Minderheit ist machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt.” henry David Thoreau.

Wir reden zwar gerne und viel über die Barrierefreiheit, aber selten über die verfügbaren Hilfsmittel. Auf der einen Seite hat sich dank mobiler Computer/Smartphones und der ständigen Verfügbarkeit des Internets viel getan. Andererseits müssen wir heute noch für die einfachsten Sachen viel Geld ausgeben, weil die Krankenkassen sich mehr oder weniger aus der Hilfsmittelversorgung verabschiedet haben. Es gibt nicht nur die Barrieren in der Umwelt, auch die Hilfstechnik ist oftmals eine Barriere. Christian Heilmann zeigt in dieser etwas älteren Präsentation, was alles möglich ist.

Es war schon vor zehn Jahren nicht ganz einfach, mit veralteten Programmen und Uralt-Screenreadern unterwegs zu sein. Heute ist es nicht nur unbequem, es behindert uns. Oft genug ist nicht die Internettechnik das blockierende Element, sondern die Hilfstechnik, die dies nicht kann und jenes nicht kann und damit eine an sich barrierefreie Lösung barriereunfrei macht.

Die Innovationen finden woanders statt

Viele Innovationen in der Hilfstechnik kommen nicht von klassischen Hilfsmittelherstellern. Die Marktführer für Screenreader und Screen Magnifier zum Beispiel halten es schon für innovativ, eine Version für ein neues Betriebssystem auf den Markt zu bringen. Bei den Hörhilfen sieht es ähnlich aus.
Apples Eingabehilfen haben für viele Blinde – und andere Behindertengruppen – den Umgang mit dem Internet und der Umwelt entscheidend vereinfacht. Auch Microsoft hat mit Kinect, ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, einen Beitrag zur Barrierefreiheit geleistet. Falls ich mich nicht irre, gab es zuvor keine echten elektronischen Hilfsmittel für Menschen mit Lernbehinderung – korrigiert mich gerne.
Barrierefreiheit und Hilfstechnik wird in Zukunft immer wichtiger. Einerseits werden Menschen immer älter und Behinderungen nehmen im Alter zwangsläufig zu. Andererseits wird es immer schwieriger, Hilfstechnik finanziert zu bekommen. Zudem sind nur wenige Menschen bereit oder in der Lage, sich in komplexe Technik einzuarbeiten.

Innovationskultur fördern

Viele Innovationen kommen heute nicht von großen Unternehmen, sondern von jungen Startups. Startups im Internet-Bereich bekommen große Aufmerksamkeit.
Ein relativ neuer Trend sind Startups im sozialen Bereich. Sie beruhen auf dem Social Business-Gedanken.
Unternehmen im Social-Business-Bereich arbeiten nach den üblichen Regeln wie andere Unternehmen, widmen sich jedoch der Lösung sozialer Probleme. Das klassische Beispiel dafür ist das Mikrokredit-System der Grameen-Bank in Bangladesh. Mittlerweile widmen sich auch eine Reihe von Startups sozialen Problemen. Sie entwickeln zum Beispiel Lösungen für soziale oder ökologische Probleme.
Viele Startups gehen aus universitärer Forschung hervor. Es wird oft kritisiert, dass aus staatlich finanzierter Forschung kommerzielle Produkte werden. Das ist aber immer noch besser als brauchbare Lösungen, die mangels Interesse in den Uni-Schubladen verstauben, weil keiner was davon mitbekommt.
Der maarkt für Hilfstechnik ist größer, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Spracheingabe zum Beispiel zielt gerade nicht darauf ab, Menschen mit motorischen Einschränkungen zu helfen – ansonsten würde sie schätzungsweise 20 Mal mehr kosten. Das sie ihnen trotzdem helfen kann ist ein netter Nebeneffekt. Eine schwedische Firma arbeitet an Eye-Tracking-Systemen für alle, ebenfalls eine Technologie, die für Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit interessant und wahrscheinlich auch erschwinglich sein wird.
Wichtig ist vor allem, dass die Communities anfangen, ihre Interessen laut zu artikulieren. Niemand entwickelt eine Lösung für ein Problem, dass er nicht kennt.

Ist Open die Zukunft

Damit will ich keinesfalls die Arbeit der OpenSource-Bewegung schmälern. Der Screenreader NVDA zum Beispiel gehört neben Apples VoiceOver zu dem besten, was Blinden in letzter Zeit zugute kam. Wir vergessen gerne, wie gut wir es im Vergleich zu Menschen aus armen Ländern haben, die sich nicht einmal einen eigenen Computer leisten können. Für sie gibt es kaum etwas anderes als OpenSource-Lösungen, weil die kommerziellen Lösungen des Westens für sie unerschwinglich sind.
Aber OpenSource hat stets mit zwei Problemen zu kämpfen: zu wenig Geld und zu wenige Ressourcen. Auf jeden Fall brauchen wir OpenSource, aber wir brauchen auch kommerzielle Lösungen, wenn sich kein OpenSource-Produkt etabliert. Und Dienstleistungen, die wir ebenso brauchen, können auch schlecht Opensource umgesetzt werden.
Als Beispiel kann man VerbaVoice nehmen, ein Dienstleister, der sich um die Umwandlung gesprochener Sprache in Schrift für gehörlose und schwerhörige Menschen kümmert. Die Firma Serotek bietet ihren Screenreader System Access für 400 Dollar an, statt 1000 Dollar wie der Marktführer Freedom Scientific zu nehmen. Die deutsche Version von Jaws kostet übrigens 2600 Euro, niemand weiß, warum.
Ein anderes Projekt möchte ein Braille-Display für 300 Pfund bauen. Spottbillig, wenn man bedenkt, dass kaum eine Braillezeile weniger als 5000 Euro kostet.

Hilfsmittel müssen für alle erschwinglich sein

In Indien wurde vor 40 Jahren der Jaipur-Fuß entwickelt, eine Prothese für schlappe 40 Dollar für Menschen, die ein Teil ihres Beines eingebüßt haben. Was die Hightech-Prothesen kosten, die etwa von Sportlern mit Behinderung eingesetzt werden, kann ich leider nicht sagen, aber wirklich günstig werden sie nicht sein.
Im Blindenbereich haben sich die Hilfsmittelhersteller darauf eingerichtet, ihre Produkte teuer zu verkaufen. Entweder haben die Blinden das Geld oder die Krankenkasse hat die Produkte bezahlt. Mit der Entwicklung von Smartphones sind sie ein wenig in Bedrängnis geraten. Ein Smartphone oder Tablet lässt sich z.B. als mobiles Vergrößerungssystem für Sehbehinderte benutzen, als blindengerechtes Navigationssystem, als mobiler Scanner oder als Gerät zum Lesen von Preisen. Irgendwann wird kein Blinder mehr einsehen, warum er tausende Euro für Hilfsmittel ausgeben soll, wenn ein Smartphone für ein paar Hundert Euro den selben Dienst leistet.

Hilfsmittel für Sehbehinderte im Eigenbau

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Die meisten Nicht-Behinderten kriegen selten mit, wie teuer Hilfsmittel wie Hörgeräte, Vorlesesoftware und andere unentbehrliche Technik sein kann. Das Kartell der Brillenhersteller hätte ein heilsamer Schock sein können, wird aber wirkungslos verpuffen.

Für die Preise der Hilfsmittel sind die drei Gruppen allesamt mitverantwortlich: Die Hersteller setzen ihre Preise hoch, die Kostenträger bezahlen diese Preise und die Empfänger kümmern sich nicht weiter darum.

Ein Lamento anzustimmen wird unsere Probleme aber nicht lösen. Stattdessen ist Erfindergeist und Innovationsmut gefragt. Zumindest Blinde und Sehbehinderte können sich ihre Hilfsmittel teilweise selbst zusammenschrauben.

Ein Monokular ist ein kleines Fernglas, mit dem Sehbehinderte weit entfernte Objekte lesen können. Da sind zum Beispiel die Anzeigen am Bahnhof, die Nummern von Bussen oder die Namen von Haltestellen. Die Dinger sind gar nicht billig und physikalisch in der Vergrößerung beschränkt. Jede Digitalkamera mit TFT erreicht eine bessere Vergrößerung. Die Screens und Zoomfähigkeiten selbst von Handys sind recht ordentlich, entsprechendes kann man im Laden ausprobieren. Zu achten wäre noch auf die Akkulaufzeit.

Ein Bildschirm-Lesegerät besteht aus einem Bildschirm und einer Kamera. Die Videokamera für ein Lesegerät sollte ohne Zeitverzögerung arbeiten und einen guten optischen Zoom haben. Außerdem benötigt man eine Lichtquelle, wofür sich eine Tischlampe einsetzen ließe. Mit beidem sollte man reichlich experimentieren, in diesem Falle dürfte das ganze Paket bestehend aus Bildschirm – den hat man meistens eh schon – einer GUTEN Kamera und ein starken Tischlampe immer noch leistungsfähiger und mehrseitig einsetzbarer sein als ein Bildschirmlesegerät.

Im Computer-Bereich gibt es mittlerweile reichlich Alternativen zu kommerziellen Screenreadern. NVDA für Windows, diverse Systeme für Linux und Apples voiceover für Macs. Handys kommen mit VoiceOver oder Screenreadern für Android. Kleine Netbooks lassen sich ebenfalls problemlos mit einer Linuxvariante oder NVDA ausstatten. Leider gibt es noch keinen Ersatz für Braillezeilen. Wer noch mehr Anregungen hat, wir freuen uns immer auf Hinweise.

Blindes Sehen – wie sich Blinde orientieren

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Blinde benutzen alle Sinne, um sich orientieren zu können. Das Ohr kann bzw. der ganze Körper werden verwendet, um Geräusche zu identifizieren, die von Einem selbst oder von Anderen kommen. Die Erschütterungen eines Fahrzeuges kann man durch den Boden spüren. Die Bäckerei kann errochen werden.
Der Psyychologe Dr. Arne Harder hat in einem Beitrag für den Horus sehr genau beschrieben, wie das Ganze funktioniert.

Blindenstock

Blindenstock

Diese Art der Orientierung führt allerdings dazu, dass schon kleine Effekte zur Orintierungslosigkeit führen können. Wenn man an einer Baustelle vorbeigeht, verliert man zunächst die akkustische Rückmeldung, man hört weder Autos noch Fußgänger. Schlimmer ist, dass man auch den eigenen Stock kaum noch hören kann. Für geübte Blinde ist reine Orientierung über den Blindenstock vollkommen ausreichend, schließlich gibt es auch nicht wenige Blinde, die auch schwerhörig oder taub sind. Für ungeübte Blinde oder Menschen mit Sehrest ist diese Situation ohne fremde Hilfe schwierig zu bewältigen. Hier mögen auch psychische Momente einwirken: der Lärm und die Bodenerschütterung durch Preßlufthammer empfindet kaum jemand als beruhigend.

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