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Die Enttabuisierung von Hilfsmitteln

Die Wenigsten von euch wissen, dass ich eine massive Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr habe, eine Behinderung kommt selten allein. Deshalb war ich jetzt gezwungen, mich mit dem Thema Hörgeräte zu beschäftigen.
Diese unscheinbaren Geräte kosten eine Stange Geld. Die Hörgeräte-Akkustiker verdienen aber nicht nur ordentlich Geld mit den Standard-Geräten. Sie verdienen vor allem Geld mit den eitelkeiten und Ängsten der Leute.
Schaut einmal in einen beliebigen Hörgeräte-Katalog. Dort wird weniger mit der Langlebigkeit oder den Hör-Eigenschaften der Geräte geworben als damit, dass die Geräte fast unsichtbar sind. Natürlich kostet so ein fast unsichtbares Gerät gleich mal das Dreifache, die Preisaufschläge beginnen so bei 600 Euro und sind nach oben hin offen. Es muss wohl nicht betont werden, dass die Krankenkassen diese Aufschläge nicht übernehmen.
Nun ist meine Behinderung ohnehin nicht zu übersehen und es schert mich nicht, noch ein paar Prothesen mehr zu tragen. Mich interessiert eher, was das über die Gesellschaft sagt. Wir sind noch lange nicht so weit, Behinderung zu akzeptieren, wenn sich die Leute davor scheuen, eine Prothese oder ein Hörgerät zu benutzen.
Die Eitelkeiten und Ängste der Leute schaden den Betroffenen selbst am meisten. Eine unbehandelte Körperschädigung kann dazu führen, dass sich der Schaden verschlimmert, dass ist sogar eher die Regel als die Ausnahme. Wer schlechter sieht, strengt seine Augen mehr an und erhöht dadurch die Schädigung. Wer schlechter hört, vermeidet soziale Anlässe, durch die mangelnde Stimulation des Ohrs verlernt es allmählich das korrekte hören. Bei körperlichen Behinderungen dürfte es ähnlich aussehen.

Es geht auch anders

Das muss aber nicht sein. Nehmen wir das Beispiel Brille. Die Brille hat sich von einer Streber-Symbol zu einem Mainstream-Objekt gewandelt. Früher waren eher unauffällige Brillen angesagt, heute sind sie eine modisches Assesvoire. Da kann sicher noch mehr passieren, es sollte zum Beispiel mehr Models mit Brille geben. Aber das ist ein anderes Thema, Werbung und Film leben nach wie vor vom Perfektionswahn und entfernen sich eher von der Alltags-Wirklichkeit, als dass sie sich ihr annähern.
Auch Rollatoren und Rollstühle sind heute stärker in der Öffentlichkeit zu sehen als es früher der Fall war. Auch hier kann sicher noch mehr passieren, aber wir sind auf einem guten Weg.

Zeigt her eure Prothesen

Nun ist es Zeit, den Umgang mit Prothesen zu verändern. Die modische Gestaltung von Hilfsmitteln wäre ein wichtiger Aspekt. Aus dem Brillen-Beispiel lernen wir, dass ein ansprechendes Design von Prothesen vielen Betroffenen die Akzeptanz erleichtert.
Die Sensibilität in der Gesellschaft muss erhöht werden. Ich persönlich glaube, dass das weniger eine Aufgabe der Gesellschaft ist, sondern dass die Behinderten stärker in der Pflicht sind. Wer freundlich darauf hinweist, dass er schwerhörig/blind/gehbehindert ist und dem Gegenüber klar, aber freundlich mitteilt, was er von ihm erwartet, wird er meistens auch diese Hilfe bekommen. Ich bin ja recht viel unterwegs und meine, dass sich Vieles schon gewandelt hat. Auch, wenn noch viel zu tun ist. Wir werden diese Probleme aber nicht lösen, indem wir uns zurückziehen oder menschliche Interaktion durch Technik ersetzen.
Ich sehe vor allem die Geburts-Behinderten in der Pflicht, dabei mit positivem Beispiel voranzugehen. Es ist verständlich, dass frisch Behinderte größere Schwierigkeiten damit haben und wir können ihnen das erleichtern, in dem wir mit gutem Beispiel vorangehen.
Zu wünschen wäre auch ein Outing. Wahrscheinlich tragen viele unserer geliebten Stars und Lieblingssportler ein Hörgerät und es wäre zu wünschen, dass sie sich dazu bekennen. Der Homosexuellen-Bewegung hat es sicher geholfen, dass viele Politiker öffentlich erklärt haben, homosexuell zu sein. Bei Behinderung hat das bisher nicht stattgefunden. Manche würden wahrscheinlich sogar eine Behinderung verschweigen, die für jeden sichtbar ist.
Ich möchte niemanden zwingen, sich zu seiner Behinderung zu bekennen, wenn er das nicht möchte. Ich möchte nur zeigen, dass wir uns zumeist selbst am meisten schaden, wenn wir die Behinderung verstecken.

Braillezeile mit Tastatur

Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln

Wie ich im Artikel über NVDA schon angedeutet habe, kann die Community heute mehr Einfluss denn je auf die Entwicklung von hilfsmitteln nehmen. Früher musste man das nehmen, was eben da war, ob es den eigenen Bedürfnissen entsprach oder nicht. Engagierte Leute können heute leichter denn je eigene Projekte starten, um Menschen aus der Community zu helfen.
Geldscheine
enn man aber nicht gerade Programmierer ist oder eine Organisation hinter sich hat, benötigt man neben Engagement auch Geld.
Es gibt die klassische Finanzierung über Kredite, Risikokapital oder Preisgelder, aber wenn nicht gerade Facebook draufsteht oder der Sinn des Projekts in drei Wörtern zusammengefasst werden kann, wird es schwierig, an solche Gelder ranzukommen.
Spenden und Crowdfunding können Alternativen zur klassischen Finanzierung sein bzw. sind es teilweise bereits. Hier geht es weiter Spenden und Crowdfunding: Auf dem Weg zu community-finanzierten Hilfsmitteln.
Beim PDF Accessibility Checker wurde die Unterstützung für den UA-Standard über Crowdfunding finanziert. Das ist leider schwierig in so einem Artikel zu vermitteln, deshalb schreibe ich es einfach hier. Außerdem ist PAC ja auch kein Hilfsmittel für Behinderte.

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Neues von NVDA

Nonvisual Desktop Access (NVDA) wandelt sich schnell vom Nischenprodukt zur echten Konkurrenz zu Jaws und Co, eine ausführliche Einführung gibt es hier. Der nächste Sprung von Windows XP zu einer höheren Version dürfte den kommerziellen Konkurrenten das Leben schwer machen. Mit Windows 8 wird es zumindest eine einfache Sprachausgabe geben, außerdem werden viele Blinde auf den Mac umsteigen, weil sie keinen neuen kommerziellen Screenreader finanziert bekommen. Und vielen Windows-Usern wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich einen neuen Screenreader anzuschaffen, dessen Finanzierung durch die Krankenkassen immer schwieriger wird.
Zumindest im privaten Bereich dürften Jaws und Co. früher oder später die Puste ausgehen. Einfache Texte schreiben ist mit NVDA kein Problem. Im Internet ist er zudem fast überall besser.
Der einfache Grund dafür ist, dass NVDA sich dynamisch weiter entwickelt und – da er kostenlos ist – den Anwendern auch sämtliche Aktualisierungen nach Veröffentlichung unmittelbar zur Verfügung stehen. Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass kommerzielle Screenreader nach durchschnittlich fünf Jahren neu angeschafft werden – das ist heute eine Ewigkeit.
Tortendiagramm Anteil der Screenreader
Screenreader-Anteile laut dem WebAIM-Screenreader-Survey 2012

Laut dem Screenreader-Survey von WebAIM verwenden mehr als ein Drittel der Blinden kostenlose bzw. günstige oder systemeigene Screenreader wie NVDA, VoiceOver und System Access.
Währenddessen scheint Freedom Scientific die gleiche Krankheit befallen zu haben, die bei Adobe grassiert: die Featuritis. Die Programme werden mit zweifelhaften Features immer weiter aufgeblasen, während Stabilität, Geschwindigkeit und Fehlerfreiheit auf der Strecke bleiben. Auf meinem Notebook braucht Jaws 11 glatte fünf Minuten, um zu starten, Jaws 9 braucht ca. 30 Sekunden, NVDA weniger als zehn Sekunden.
Die andere Bedrohung kommt von Windows 8, dass eine zumindest rudimentäre Sprachausgabe integriert haben wird.

Alternativen zu eSpeak

Einige Blinde mögen eSpeak nicht besonders, vor allem im Vergleich zu den Stimmen von VoiceOver klingt eSpeak recht blechern. Allerdings braucht man auch eine ganze Weile, um sich überhaupt an Sprachausgaben zu gewöhnen und eSpeak ist immer noch besser als
Microsofts Sam. Viele Blinde wissen aber nicht, dass es Varianten von eSpeak gibt, die sich ein wenig besser anhören als die Standardstimme. Dazu gehen wir folgendermaßen vor: Wir starten NVDA, wählen mit Einfg + N das Kontextmenü, unter Einstellungen Stimmeneinstellungen. Unter „Variante“ können wir eine Stimme auswählen. Wenn man das Feld ausklappt, hört man den Klang der Stimme erst, wenn die Stimme ausgewählt und die Auswahlliste zugeklappt wurde. Lässt man die Liste geschlossen und geht mit der Cursor-Taste rauf bzw. runter, hört man sofort, wie die Stimme klingt. Die Varianten „Test“ oder „Max“ zum Beispiel klingen für meine Ohren besser, einige Stimmen klingen wie das vokalisierte Äquivalent von Wing Dings oder würde jemand ernsthaft mit „Ani“ arbeiten?
Mittlerweile werden auch kommerzielle Stimmen speziell für NVDA angeboten. Für rund 95 US-Dollar kann man sich die Stimmen kaufen, die für viele Blinde zum Alltag gehören, einige dieser Stimmen werden auch in iOS verwendet. Die Stimmen können auch in die portable Version von NVDA integriert werden.

Mit der kostenpflichtigen Erweiterung VTURBO können einige Funktionen nachgerüstet werden, zum Beispiel Stimmenprofile für unterschiedliche Situationen oder bessere Vorlesefunktionen.

Weitere Vorteile

Seit der Version 12 gibt es in NVDA einen Erweiterungsmanager, der unter anderem für die oben erwähnten Stimmen benötigt wird.
Was noch fehlt ist ein Modus, mit dem eigene Skripte geschrieben werden können, um Programme nachträglich screenreader-gerecht zu machen. Jaws z.B. hat eine eigene Skriptsprache für solche Zwecke. Eventuell bieten die Plugins eine äquivalente Möglichkeit, das habe ich bisher nicht geprüft.
Eine wirklich feine Sache sind die automatischen Updates. Bisher mussten die neuen Versionen immer auch neu installiert werden.
Mit dem Browser Chrome wird ein weiterer Browser unterstützt. Chrome ist ein wenig flotter als Firefox und wesentlich besser als der Internet Explorer.
Eine nützliche Erweiterung ist MouseGuide. Sie ermöglicht es, nicht mit der Tastatur erreichbare Schaltflächen zu markieren, um den Mauscursor dorthin zu steuern und so diese Schaltflächen anzuklicken.
Mittlerweile kann aus der installierten Version von NVDA heraus eine portable version erzeugt werden. Der Vorteil liegt darin, dass die eigenen Einstellungen direkt übernommen und die portable Version nicht neu konfiguriert werden muss.
Inzwischen werden auch die Zugänglichkeitsfeatures vom Acrobat Reader unterstützt. Bei der letzten Version von NVDA, wo ich das getestet hatte lief das noch nicht, das ist aber auch schon lange her. So viele barrierefreie PDFs gibt es leider noch nicht.
NVDA ist sehr genügsam. Auf meinem Uralt-Laptop habe ich selbst eine uralte Jaws-Version nicht zum Laufen bekommen, NVDA war nach wenigen Minuten betriebsbereit. Der Jaws-eigene Grafiktreiber hat schon manche Notebooks zum totalen Crash gebracht.
In der aktuellen Version gibt es eine Unterstützung für die Metro-Oberfläche von Windows 8. Das Rennen zwischen den Screenreadern wird wirklich spannend, wenn es darum geht, wie Win 8 zugänglich gemacht wird. Es ist der Bruch von einem maus- und tastaturbasierten hin zu einer touchoptimierten Oberfläche. Die klassischen Screenreader sind darauf nicht eingestellt. Am ehesten lässt sich die Touch– mit der Mausbedienung vergleichen.
Auch für Sehbehinderte kann NVDA interessant sein. Schon seit längerem liest NVDA Elemente vor, wenn sie mit dem Mauscursor überfahren werden, zum Beispiel Links oder Formularelemente.
Das sind nur einige der vielen Features von NVDA, ich will nur zeigen, wie vielseitig dieser Screenreader ist und das es sich durchaus lohnt, ihn auszuprobieren.

Spendenfaulheit

Wie wir an der kurzen Krise von WebVisum gesehen haben, wird es immer wichtiger, für Projekte wie NVDA oder WebVisum zu spenden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie jemand 500 Euro für ein iPhone ausgeben kann und sich zugleich über Apps aufregt, die einen Euro kosten. Als ob die Entwickler von Luft und Liebe leben könnten, wobei sie statt Liebe Ärger bekommen, weil Button Nummer 12 falsch beschriftet wurde.
Die Bereitschaft, für ein nichtmaterielles Produkt zu bezahlen scheint auch unter Blinden sehr gering zu sein. Das gilt insbesondere dann, wenn man keine direkte Gegenleistung erhält, schließlich hat man das Programm ja schon, also warum noch bezahlen? Sollten NVDA oder WebVisum eines Tages tatsächlich wegen mangelnder finanzieller Unterstützung eingestellt werden, dann wissen die Blinden zumindest in diesem Fall, wer daran schuld ist: Sie selbst.

Hilfsmittel für Sehbehinderte im Eigenbau

Die meisten Nicht-Behinderten kriegen selten mit, wie teuer Hilfsmittel wie Hörgeräte, Vorlesesoftware und andere unentbehrliche Technik sein kann. Das Kartell der Brillenhersteller hätte ein heilsamer Schock sein können, wird aber wirkungslos verpuffen.

Für die Preise der Hilfsmittel sind die drei Gruppen allesamt mitverantwortlich: Die Hersteller setzen ihre Preise hoch, die Kostenträger bezahlen diese Preise und die Empfänger kümmern sich nicht weiter darum.

Ein Lamento anzustimmen wird unsere Probleme aber nicht lösen. Stattdessen ist Erfindergeist und Innovationsmut gefragt. Zumindest Blinde und Sehbehinderte können sich ihre Hilfsmittel teilweise selbst zusammenschrauben.

Ein Monokular ist ein kleines Fernglas, mit dem Sehbehinderte weit entfernte Objekte lesen können. Da sind zum Beispiel die Anzeigen am Bahnhof, die Nummern von Bussen oder die Namen von Haltestellen. Die Dinger sind gar nicht billig und physikalisch in der Vergrößerung beschränkt. Jede Digitalkamera mit TFT erreicht eine bessere Vergrößerung. Die Screens und Zoomfähigkeiten selbst von Handys sind recht ordentlich, entsprechendes kann man im Laden ausprobieren. Zu achten wäre noch auf die Akkulaufzeit.

Ein Bildschirm-Lesegerät besteht aus einem Bildschirm und einer Kamera. Die Videokamera für ein Lesegerät sollte ohne Zeitverzögerung arbeiten und einen guten optischen Zoom haben. Außerdem benötigt man eine Lichtquelle, wofür sich eine Tischlampe einsetzen ließe. Mit beidem sollte man reichlich experimentieren, in diesem Falle dürfte das ganze Paket bestehend aus Bildschirm – den hat man meistens eh schon – einer GUTEN Kamera und ein starken Tischlampe immer noch leistungsfähiger und mehrseitig einsetzbarer sein als ein Bildschirmlesegerät.

Im Computer-Bereich gibt es mittlerweile reichlich Alternativen zu kommerziellen Screenreadern. NVDA für Windows, diverse Systeme für Linux und Apples voiceover für Macs. Handys kommen mit VoiceOver oder Screenreadern für Android. Kleine Netbooks lassen sich ebenfalls problemlos mit einer Linuxvariante oder NVDA ausstatten. Leider gibt es noch keinen Ersatz für Braillezeilen. Wer noch mehr Anregungen hat, wir freuen uns immer auf Hinweise.