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Mein Platz gehört mir – eine kleine Anthropologie des U-Bahn-Fahrer

Der Münchner hats immer eilig, vor allem, wenn er mit der U-Bahn fährt. Dennoch hat er Zeit, unsinnige und kuriose Verhaltensweisen an den Tag zu legen.

– Er stellt sich grundsätzlich als erster vor eine Türe, wenn die U-Bahn einfährt, obwhol er wohl schon in seinem sechsten Lebensjahr gelernt haben sollte, dass man zuerst die Anderen aussteigen lässt.
– Er eilt durch den halben Zug, um einen ihm genehmen Sitzplatz zu finden, um
– an der nächsten Station wieder auszusteigen.
– Er ist nicht nur schlecht immer schlecht gelaunt,
– sondern möchte das auch allen anderen mitteilen, in dem er grimmig drein schaut.
– Er liest eine Zeitung im DIN-A-2-Format in einem engen Waggon und pöbelt herum, wenn jemand an ihm vorbeigehen muss und seine Zeitung streitft.
– Er steht grundsätzlich im Weg und blockiert die Türe, auch wenn er erst in fünf Stationen aussteigen muss
– erwartet aber von allen Anderen, dass sie ihm sofort Platz machen, auch wenn keine Ausweichfläche vorhanden ist.
– Er kann nicht reden, kennt keine Höflichkeit, sondern nur ein böses Grummeln, mit dem er aussagen möchte, man möge ihm doch gefälligst Platz machen, ob man keine Augen im Kopf habe und nicht über die Gabe des Rundumblicks verfüge.
– Es wundert daher nicht, dass dieses archaische Wesen mit rudimentären Sprachkenntnissen ausgestattet die Worte „Entschuldigung“, „Danke“ oder auch nur Gesten, in diese Richtung gehen nicht kennt.

Das Phänomen des Homo Mobilicus wurde bisher noch unzureichend untersucht, von demher können wir keine Aussagen darüber machen, was dieses Wesen im Innersten antreibt, außer dem sehnlichen Wunsch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, um am Ende wieder nach Hause zu fahren.

Einen etwas anderen Blickwinkel nimmt ein Text des Deutschlandfunk ein: Hier wird aus einem an sich unspektakulären Thema – der U-Bahn – eine interessante Reportage gebastelt. Ich habe die U-Bahn stets als eine Art Gedärm einer Stadt betrachtet, voller Würmer, die umherkriechen und Parasiten aufsaugen und auspucken. Das Bild passt immer noch. Zugleich kann man jedem U-Bahn-Tunnel und jeder U-Bahn eine Geschichte entlcoken, die vielleicht niemals geschrieben und erzählt, aber dennoch real und einmalig ist.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/langenacht/805440/