Schlagwort-Archive: Indien

Mit Elektronik gegen Bürokratie

Die indische Bürokratie ist vor allem berühmt für ihre Langsamkeit. Das ist übrigens ein Überbleibsel aus der Zeit aufgeblasener Staatssektoren, wie sie alle Länder früher hatten und viele Länder in Lateinamerika, Afrika und Asien bis heute haben. Viele Angestellte wollen schließlich beschäftigt werden.
Man kommt selten dazu, Indien und Estland in einem Atemzug zu nennen, aber die Inder setzen zunehmend auf Elektronik. Ein Netz aus lokalen Computer- und Internet-Knoten soll dafür sorgen, das Anträge schneller bearbeitet werden und bekämpft nebenbei gesagt auch die Korruption. Darüber berichtet ein aktueller Artikel in der Technology Review.

Tata präsentiert erstes überdachtes Moped

Der indische Megakonzern Tata startet heute den Verkauf seines 100.000-Rupien-Autos Tata Nano. Je nach Wechselkurs entspricht das etwa 2000 Euro. Wie ich im WDR 5 gehört habe, wurde das Ding als überdachter Motorroller kritisiert. Tata hat vor, das überdachte Moped in zwei Jahren auch nach Europa zu verkaufen. Bis dahin werden sie hoffentlich eine Windschutzscheibe einbauen.

Der Kritiker sollte einmal nach Indien fahren und sich den dortigen Verkehr anschauen. Hier fährt die gnanze Familie auf einem Moped. Auf diesem Motorroller würden normalerweise ein bis zwei Europäer drauf passen.

Wo wir gerade bei Autokritik sind: der Smart ist schließlich auch weder eine optische noch eine sicherheitstechnische Innovation. Er sieht eher aus wie eine angequetsche Getränkedose und verfügt praktisch über keine Knautschzone.

Indien und der Film Slumdog Millionär

Jenseits der Indienromantik und der modernen Indien-Märchen a la Bollywood gibt es nur wenige, die einen klaren Blick auf das Land vermitteln. Der Film “Slumdog Millionär”, der soeben eine große Auszeichnung bekommen hat, macht das Ganze recht deutlich.

Indien ist im Grunde eine Klassengesellschaft. Ob Superreiche, Akademiker, Mittelschicht oder Unterschicht, man bleibt unter sich. Wie in anderen Ländern auch, stehen hier weniger formale Schranken im Wege als informelle Mechanismen. Allerdings kann man in Indien wesentlich offener seine Abneigung gegenüber Untergebenen und Unterschichtangehörigen ausdrücken, als man dies in westlichen Ländern tun würde.

Zu Touristen sind die Inder generell freundlich. Leute, die sich den Flug nach Indien leisten können, gehören ja in der Regel der gleichen Schicht an, wie sie selbst. Oder zumindest gibt es bei ihnen die Chance, ein Geschäft zu machen.

Indien hat eine unglaubliche kulturelle Kraft. Indien hat zugleich ein Potential an Aggressivität und Gewalttätigkeit, die aus der Ferne kaum zu fassen ist. Trotz allem Verkehrstrubel in den Metropolen wirkt das Land immer so, als ob es sich ruhen würde, als ob es mit sich im Reinen wäre. Gleichzeitig kann man täglich in den Zeitungen oder im Fernsehen über Ausbrüche kollektiver Gewalt, über Witwenverbrennungen, Gewaltexzessen lokaler Behörden, über Kindstötungen und ähnlichen Unfassbarkeiten lesen. Dabei muss man natürlich sehen, daß das Land mehr als 1 Mrd. Einwohner hat und mehr ein Kontinent als ein Staat ist.

In gewisser Weise spiegelt die Stadt Bombay oder Mumbai auf seinen weniger als 500 Quadratkilometern die gesamten Widersprüche der Globalisierung wider: Unermesslicher Reichtum und Konsumglitzerwelt stehen unermesslicher Armut und Bergen von Abfall gegenüber, Big Business trifft auf Plastikflaschensammler, Harvard-Absolventen treffen hier auf archaische Fanatiker. Bombay ist der Mikrokosmos und damit mehr eine Weltstadt als London oder New York es sein könnten – oder wollten.

Den Indern ist die Armut vor ihrer Haustür durchaus bewußt, auch wenn sie Weltmeister im Ausblenden sind. Ihnen ist der Anschein wichtiger, weshalb sich die meisten Inder den Film Slumdog Millionär nicht angucken werden und vielleicht auch gar nicht erfahren werden, dass ein solcher Film existiert.

Der Roman “Das Gleichgewicht der Welt” von Rohinton Mistry, Fischer 2002, fängt diese für Indien typische Mischung aus Euphorie und Depression ein. Shashi Tharoor – der gute Chancen hatte, UN-Generalsekretär geworden wäre – hat “Eine kleine Geschichte Indiens”, Suhrkamp 2005, geschrieben, die das ganze indische Dilemma einfängt.

Auszeit

Möchte man die Dinge einmal mit anderen Augen betrachten, muss man eine Zeit lang in ein entwickelndes Land fahren. Indien beispielsweise. Verbringt man eine Zeitlang mit Einheimischen, wird man ganz schnell auf den Boden zurückgeholt. Man ist dankbar für eine halbwegs gute Gesundheitsversorgung, für sauberes Wasser, das man aus dem Wasserhahn trinken kann. Für stabile Energieversorgung. Man lernt, sich weniger über unfreundliche Mitbürger zu ärgern, über Staus, ausfallende U-Bahnen…
Zugleich lernt man gewisse Dinge vermissen. Man bemerkt die Verbissenheit, mit der Manche sich durchs Leben schlängeln, bemerkt, dass manche ihre Freizeit ebenso akribisch durchplanen wie die Arbeit – und macht sich über solche Schrullitäten lustig.
Die Kur hält leider nur einige Wochen. Der Mensch ist ein Herdentier und passt sich unbewusst der Mehrheit an.