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Du wirst inkludiert – die Inklusion und die Schwäche der Behindertenverbände

Gandhi soll einmal auf die Frage geantwortet haben, was er von der westlichen Demokratie hielte, er fände, es wäre eine gute Idee. Von der Inklusion kann man im Grunde das selbe sagen.

Behindertenverbände behindern Inklusion

Die Behindertenverbände haben im Grunde kein Interesse an der Inklusion. Es gibt im wesentlichen zwei Gründe, warum Menschen bei diesen Verbänden Mitglied werden:

  1. Die Betroffenen brauchen spezielle Beratung oder Unterstützung durch Behindertenverbände
  2. Die betroffenen kompensieren die mangelnde gesellschaftliche Integration, indem sie die Gesellschaft anderer Behinderter suchen

Würden die Verbände ernnsthaft Inklusion umsetzen, würden sie früher oder später ihre Existenzberechtigung verlieren. Ihr Geschäftsmodell ist hart gesagt die Seperation. Das Gleiche gilt noch stärker für Behinderten-Bildungseinrichtungen wie die BFWs, die BBWs und so weiter. Ihr Geschäftsmodell ist die Seperation von Behinderten.

Wir werden inkludiert

Viele der Slogans zur Inklusion sind intelektuell nicht durchdacht. Nach meinem Verständnis verstoßen sie gegen den Inklusionsgedanken, weil sie den Behinderten jede Verantwortlichkeit absprechen. Mit “Ich bin nicht behindert, die Gesellschaft behindert mich” sagt man nichts anderes als dass meine Behinderung nicht mehr da ist, wenn alle Barrieren beseitigt sind.

Das stimmt bestenfalls metaphorisch. Denn wenn die Gesellschaft offen ist, müssen die Behinderten immer noch bereit sein, die Angebote anzunehmen. Ja, es gibt inklusive Sportangebote und es gibt spezielle Sportvereine für Behinderte. Die reine Existenz inklusiver Vereine schafft aber keine inklusive Gesellschaft, wenn keiner der Behinderten dort mitmachen möchte.
Nehmen wir die Kurse an der Volkshochschule. Sie werden in der Regel für Blinde nicht zugänglich sein. Dennoch können Blinde daran teilnehmen. Sie können mit dem Kursleiter darüber sprechen, ob er die Kurse für sie ein wenig anpassen kann. Es mag Kursleiter geben, die sich nicht darauf einlassen wollen. Meiner Erfahrung nach sind aber die meisten offen für solche Anliegen, sofern man sie freundlich darum bittet und ihnen erklärt, wie sie vorgehen müssen.
Aber dazu sind viele Blinde nicht bereit. Sie erwarten, dass alles für sie vorbereitet wird, ohne Energie investieren zu müssen. Und sie ziehen spezielle Kurse für Blinde vor.

Machen statt reden

Nirgendwo lässt sich echte Inklusion leichter umsetzen als im Internet. Natürlich gibt es viele Angebote, die teilweise oder gar nicht für Behinderte zu bedienen sind. Aber selbst dort können Behinderte anfragen, ob sie dabei helfen können, diese Plattformen für Behinderte zu öffnen.
Die Inklusion wird nicht automatisch dafür sorgen, dass Behinderte nicht-behinderte Freunde bekommen und umgekehrt. Vielmehr muss man sich aktiv bemühn, Freundschaften dieser Art zu schließen.

Inklusion muss von den Behinderten umgesetzt werden

Mir scheint es teilweise auch ein Generationenkonflikt zu sein. Ich habe den Eindruck, dass jüngere Behinderte durchaus besser verstanden haben, dass sie auch etwas tun müssen, um Inklusion zu ermöglichen. Die ältere Generation ist hingegen daran gewöhnt, ein Rund-um-sorglos-Paket zu erhalten.
Ich denke, dass wir heute keine andere Wahl haben als die Inklusion aktiv selber umzusetzen. Wer einen Job haben möchte, muss bereit sein, Angebote anzunehmen, die nicht speziell für Behinderte gedacht sind.
Behinderte sind gefragt, wenn es darum geht, sich in die Gesellschaft zu begeben. Geht man durch die Stadt, sind Behinderte praktisch kaum sichtbar. Kein Blinder ist zu sehen, der mit der Bahn fährt, kein Rollifahrer im Restaurant, kein Gehörloser an der Uni. Dennoch erwarten wir, dass Nicht-Behinderte wissen, vor welchen Problemen wir stehen und wie sie mit uns umgehen müssen. Die Verbände reden uns ein, dass sei okay so, die Gesellschaft muss sich an uns anpassen. Das ist eine nette Idee und ich habe nichts dagegen, wenn sie funktioniert. Das Problem ist, es wird nicht funktionieren.
Dieses Problem wird deutlich erkennbar, wenn man einen Streifzug durch die Betroffenen-Blogs macht. Hier existiert eine Erwartungshaltung, die besagt, ich möchte alles haben und nichts dafür tun. Die Blogs selbst vermitteln keine positive Haltung zu Behinderten, weil sich die Schreiber selbst als Opfer darstellen. Mit einem Opfer kann man Mitleid haben, das ist aber nichts anderes als eine Herabwürdigung. Irgendwann glaubt man selber, dass man nichts tun kann und tut dem entsprechend nichts.
Mit anderen Worten: man erwartet, dass sich die Gesellschaft an die Behinderten anpasst. Das war aber eben nicht mit Inklusion gemeint. Gemeint ist, dass man die Gesellschaft gemeinsam gestaltet, dass man die schwächen schwächt und die Stärken stärkt.

Interview zur inklusiven Beschulung

In der taz ist ein Interview mit Eva Thoms erschienen, die sich für eine Schule für Alle engagiert, daraus:

Das ist substanzlose Rhetorik. Da wird die Fahne der Inklusion gehisst, um gute Schlagzeilen zu haben. Tatsächlich wird alles getan, um möglichst gar nichts
ändern zu müssen. Den Eltern in Baden-Württemberg werden – für jedes einzelne Kind mit Behinderung – sogenannte Bildungswegekonferenzen vor die Nase gesetzt, in denen Experten und Verwaltungsleute beraten, wo das Kind zur Schule gehen soll. Unter deren Vorschlägen dürfen die Eltern dann wählen – wenn keine Regelschule dabei ist, dann haben sie eben Pech gehabt. Da wird Inklusion mit einem unglaublichen bürokratischen Aufwand verhindert.

Ebenfalls in der taz erschien ein Interview mit dem Kultusminister Baden-Württembergs Helmut Rau. Es zeigt recht anschaulich, wie die Schulministerien um die Frage der inklusiven Beschulung herum lavieren.
Die Eltern und Interessensverbände werden wohl nicht darum herum kommen, für ihre Kinder das Recht auf inklusive Beschulung über den Klageweg durchzusetzen. Ein Rechtsexperte hat bereits in einem Gutachten festgestellt, dass den Kindern dieses Recht nicht verweigert werden darf. Das ist natürlich ärgerlich, weil sich solche Prozesse durch verschiedene Instanzen über Jahre hinziehen können.

Ein Recht auf integrative Beschulung

Der Verein “Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen” hat ein ihm beauftragtes Gutachten vorgestellt, wonach Deutschland dazu verpflichtet ist, behinderten Kindern eine integrative Beschulung zu ermöglichen:

Das Recht auf inklusive Beschulung fordert die Schaffung eines Rechtsanspruchs auf
Zugang zum Regelschulsystem – inklusive angemessener Vorkehrungen (auch
“sonderpädagogische Förderung”, zieldifferenter Unterricht etc.) – der nur unter
Nachweis unzumutbarer Belastung (für den Schulträger bzw. Mitschüler/innen)
eingeschränkt werden kann. Entgegen häufiger Praxis ist der Regelschule ein
grundsätzlicher Vorrang einzuräumen.
Die staatliche Befugnis, das Kind gegen dessen bzw. gegen den Willen seiner
Sorgeberechtigten der Sonderschule zuzuweisen ist abzuschaffen. Es ist daran zu denken,
partizipatorische Verfahren zu entwickeln, ohne deren Einschaltung automatisch die
Zuweisung an eine Regelschule erfolgt. Die Entwicklung eines solchen Verfahrens ist
progressiv, d.h. schrittweise, zu verwirklichen.

Das Gutachten stammt von Professor Dr. Eibe Riedel, das Zitat stammt aus einer Zusammenfassung im PDF-Format
Die Basis ist die von Deutschland ratifizierte UN-Konvention zu den Rechten Behinderter.
Kleines Update: Die jüngsten Berichte über sexuelle Belästigung von Schutzbefohlenen werfen ein neues Licht auf geschlossene Einrichtungen. In diesem Beitrag berichtet ein Schüler über sexuelle Übergriffe in einer Blindeneinrichtung.

Pädagogisch wertlos – vom Nutzen der Kritik

Schon in der Schule haben wir uns damals darüber geärgert, wie das Benotungsverfahren abläuft. Da spricht man gerne von pädagogischer Benotung. Frei nach dem Motto, gibt man jemandem, der eigentlich schlecht ist, eine gute Note, dann wird er sich schon von selbst verbessern.

Das hat aber nichts mit dem Gedanken zu tun, dass alle gleich behandelt und vor dem Gesetz gleich sein sollen. Das ist blanke Heuchelei, ein “sich vor den Problemen drücken”, ein Ausweichen vor notwendiger Kritik und der Konfrontation.

Und in Wirklichkeit – das schrieb ich schon öfter, aber es stimmt immer – schadet man den Leuten mit dieser Unkritik mehr, als man ihnen nützt. Das Notensystem an sich verliert jede Bedeutung. Das Schlimmste ist, dass eben jene Leute, die an sich arbeiten müssten, keinen Anlaß dazu sehen, an sich selbst zu arbeiten. Es sind immer die Anderen, die an sich arbeiten müssen, man selbst ist perfekt.

In puncto Integration gilt dasselbe. Gibt man Leuten gute Noten, die nicht der Leistung entsprechen, so ist das nicht nur ungerecht den Anderen gegenüber, es wird auch den Behinderten nicht gerecht.

Nur durch Kritik erlangt man die Chance, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Wer nicht kritisiert wird, sieht auch keinen Anlaß dazu, an sich selbst zu arbeiten.