Schlagwort-Archive: Kreativität

Der Charme kleiner Organisationen – arm, kreativ, innovativ

Arm, aber sexy wurde einmal als Leitmotiv für Berlin vorgeschlagen. Der Spruch mag zynisch sein, hat aber seine Berechtigung. Je größer eine Organisation oder ein Unternehmen ist, desto stärker ist sie mit sich selber beschäftigt und desto weniger ist sie in der Lage, ihren Zweck effizient zu erfüllen.

Ich kann nicht sagen, wie es früher war, aber heute sind viele Organisationen stetig damit beschäftigt, ihre Mission zu erklären, Strategien festzulegen und interne Prozesse zu verbessern. Hochbezahlte Manager kämpfen sich durch unendliche Meetings, Workshops und Selbstfindungsseminare, während das operative Geschäft stetig in den Hintergrund rückt. Das alles mag in gewissem Maße seine Berechtigung haben, aber der Effekt ist verheerend.
Die operative Arbeit wird von den Mitarbeitern der unteren Ränge erledigt. Aber auch sie werden stetig in eine Kultur der Selbstoptimierung hineingepresst. Sie sollen Feedbacks abgeben, sich in Prozesse einbringen, die sie nicht interessieren oder an der Selbstfindungsaktivität teilnehmen. Und natürlich ihre Arbeit machen, die ja nicht weniger wird.

Ein ganzer Wirtschaftszweig hat sich um den Bereich der Selbstoptimierung, Marken- und Strategie-Definition gebildet. Berater, Coaches und Mediatoren verdienen aber nicht nur an diesem Trend, sie rühren auch kräftig die Werbetrommel und erzeugen dadurch erst den Bedarf, den vorher niemand gesehen hat. Sie sind es schließlich, die die Beiträge in Business-Magazinen schreiben. Nebenbei gesagt sind die größten Puscher von negativen Schlagzeilen über Social Media Social-Media-Berater, die sich mit Shitstorm- oder Reputationsmanagement ein schön hohes Gehalt sichern.

Es wäre doch nett, wenn Führungskräfte mehr managen und führen würden statt Management- und Führungskurse zu besuchen.
Kleine Organisationen mit wenigen Mitarbeitern können sich diesen Prozess gar nicht leisten. Da wird die Strategie eben im laufenden Prozess entworfen und wenn nötig angepasst. Es funktioniert doch.

Es ist ein populärer Irrtum, wenn man glaubt, mehr Geld steigere die Qualität zum Beispiel des Marketing oder der Öffentlichkeitsarbeit. Das Gegenteil wäre auch falsch: Fakt ist aber, dass je mehr Geld man zur Verfügung hat, desto eher neigt man dazu, das Geld unnötig auszugeben. Wir kennen alle diesen urbanen Mythos von den Baustellen, die nur aufgemacht werden, damit der entsprechende Haushaltsposten im nächsten Jahr nicht gekürzt wird. Da ist was dran. Aus buchhalterischer Sicht muss man nicht nur begründen, warum man mehr Geld ausgegeben hat als im Budget vorgesehen war. Man muss auch begründen, warum man weniger ausgegeben hat und warum man dann dennoch im nächsten Jahr das gleiche oder sogar mehr Budget haben möchte. Auch das würde in kleinen Organisationen sofort auffallen. Hier würde niemand bei knappen Budgets auf die Idee kommen, Geld aus buchhalterischen Gründen auszugeben, wenn es keine Notwendigkeit dazu gibt.

Der NGO-Bereich hat sich BWLisiert, wenn man so sagen möchte. Marketing, Controlling und andere Bereiche laufen heute nicht anders als in der Privatwirtschaft, was im übrigen zu begrüßen ist. NPOs, was immer man sonst über sie sagen mag sind verpflichtet, mit ihren Geldern effizient umzugehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Geld gespendet wurde oder über Merchandising reinkam. Es ist das Geld anderer Leute und damit muss effizient umgegangen werden.

Das Problem ist, dass das viele Geld und vermutlich auch der Bekanntheitsgrad die Fantasie nicht beflügelt. Wenn man 10.000 Euro pro Jahr für Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung hat, macht man sich Gedanken darüber, wie man am effizientesten arbeiten kann. Wenig Geld beflügelt die Phantasie. Wenn man hingegen 1.000.000 Euro zur Verfügung hat und sie sowieso ausgeben muss, verpulvert man einen Großteil des Geldes für sinnfreie Hochglanzbroschüren, teure Anzeigen und vermutlich auch hochbezahlte PR-Agenturen. Die Kreativität kommt aus diesen Agenturen, die locker 1000 Euro und mehr pro Tag kosten können. Ich sah einmal einen Menschen, der aus einem kleinen in eine große Organisation wechselte. In den erste Monaten wollte er noch das Budget seines Bereiches auf den Prüfstand stellen. Ich fiel fast vom Stuhl, als er eines Tages einen Workshop mit den Führungskräften und dem Chef einer PR-Agentur auf die Beine stellen wollte, um die Haltung der Organisation in bestimmten Fragen abzuklären. Kostenpunkt, für einen halbtägigen Workshop mehrere tausend Euro.

Mittlerweile hat sich vor allem bei spendenorientierten Organisationen der Trend durchgesetzt, die Kosten für Marketing und PR zu kaschieren, weil sie von den Spendern nicht mehr ohne weiteres akzeptiert werden. Deswegen sind die ausgewiesenen Kosten im Geschäftsbericht nicht so ernst zu nehmen, Transparrenz sieht anders aus.

Außenhirn

Die Auslagerung der Intelligenz wird für die Mitarbeiter zur Regel. Wenn sie etwas nicht können, fragen sie die Profis. Niemand käme auf die Idee, sich das nötige Wissen selber anzueignen, es sei denn, das Unternehmen bezahlt die Fortbildung. In kleinen Organisationen müssen einzelne Personen oft verschiedene Bereiche beherrschen. Sie lernen, mangelnde finanzielle Mittel in mehr unternehmerische Ideen umzusetzen. Kreativität aus Geldmangel könnte man das nennen.

Zudem fällt es in kleinen Organisationen sofort auf, wenn ein Mitarbeiter nur noch Dienst nach Vorschrift macht. Solche Leute kann man gar nicht gebrauchen. das Engagement scheint antiproportional zur Größe der Mitarbeiterschaft zu sein: je größer die Organisation, desto geringer das Engagement des Einzelnen.

Rente auf Lebenszeit

Last not least scheinen größere Organisationen eine sehr geringe Mitarbeiterfluktuation zu haben. Das wird immer positiv hervorgehoben: natürlich haben Mitarbeiter oftmals einen hohen Expertengrad, wenn sie eine Position jahrelang besetzt haben. Auf der anderen Seite gerät man schnell in einen Trott, bei dem das gemacht wird, was man schon immer gemacht hat. Frisches Blut kommt selten herein, so dass der Alltagstrott nicht gestört wird. Neue Ideen gibt es nicht von altgedienten Mitarbeitern, weil ihnen nach fünf Jahren schlicht der Gedanke absurd erscheint, man könnte etwas anders machen. Ich plädiere nicht für eine Entlassung älterer Mitarbeiter, sondern für eine gesunde Mischung aus Jungen und Alten. Faktisch besetzen die Babyboomer noch für die nächsten 10 bis 25 Jahre alle Führungspositionen. In einigen Organisationen werden praktisch 100 Prozent der festen Stellen von Menschen besetzt, die zwischen 40 und 60 Jahren alt sind.

Wir wissen aber, dass ältere Menschen zwangsläufig konservativer sind und handeln als jüngere. Das mag in vielen Fällen sinnvoll sein, wird aber faktisch zur Bremse, wenn es um Innovationen geht. Das ist im übrigen der Grund, warum sich Neuentwicklungen so langsam durchsetzen, es braucht eine neue Generation, die bereit ist, etwas neues umzusetzen.

Die Kleinen sind innovativ

Langer Text – kurzer Sinn. Die Innovationen im NGO-Bereich kommen vor allem von kleinen und relativ neuen NGOs. Da wäre 2aid.org, die mit relativ wenig Geld einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Oder arbeiterkind.de. Natürlich tun auch die großen viel, aber genau darum geht es ja, sie erreichen viel mit reiner Ressourcenpower, ohne echte Ideen, Innovationen oder Kreativität. Oder die neuen Ideen werden nicht umgesetzt, weil keiner den Mut dazu aufbringt, das Dillemma des Innovators.

Kleiner Nachtrag: Peter Metzinger hat mit seinem Business Campaigning-Ansatz das beschrieben, was ich hier konstatiere. Peter Metzinger. Business Campaigning. Springer-Verlag 2004, ein sehr lesenswertes Buch für Campaigner.

Ein kleiner Leitfaden zur Konzeption von Kampagnen – auch mi wenig Geld

Wer ist klüger – der Einzelne oder die Vielen?

Die Masse hat noch nie einen guten Ruf gehabt: leicht zu verführen, bar jedes Verstandes, bereit, alles zu tun, was ein Demagoge ihnen befiehlt. Der Ruf hat sich im Web nicht gebessert: die User gelten als geizige, raubkopierende und wenig kreative Zeitgenossen. Der Computer-Enthusiast Jaron Lanier hält der Internet-Gemeinde ihre eigenen Mythen vor. Ihm zufolge habe die Masse keine Intelligenz oder Kreativität. Die Versprechen, dass auch unbekanntere Kreative im Netz ihre Kunst finanzieren könnten, hat sich nicht erfüllt.
Da passt es gerade, dass sich Deutschlands literarisches Wunderkind Helene Hegemann mit ihrem Buch „Axolotl-Roadkill“ offenbar gehörig bei einem Anderen bedient hat, ohne dessen Beitrag zu nennen und das offenbar legitim findet.
Ist es aber nicht: urheberrechtlich geschützte Werke dürfen natürlich nicht ohne Weiteres kopiert werden und im Zweifel untersteht jedes Werk dem Urheberrecht. Doch auch die Spielarten der CC-Lizenzen erlauben in der Regel nicht das Kopieren ohne Namensnennung des Urhebers. Doch selbst wenn das Kopieren ohne Namensnennung erlaubt ist, es entspricht der Ehrlichkeit, die Werke oder Teile der Werke Anderer nicht als die Eigenen auszugeben. Hegemann und die Verlag wären sicher nicht einverstanden, wenn ich hingehen und „ihr“ Werk mit leichten Veränderungen als mein Werk darstellen würde. Hegemann selbst hat ihr Buch vermutlich nicht unter CC-Lizenz gestellt, ergo scheint es so, als ob sie Wert auf ihr Urheberrecht legt.
Das Kind der Web-Generation klaut bei Anderen, gibt es als ihr eigenes Werk aus und beruft sich nebenbei auf eine halbverstandene Web-Ideologie, wenn das keine Schlagzeile für den Boulevard und für den Kulturteil ist.
Allerdings glaubt niemand, dass das Kollektiv an die Stelle des Individuums treten soll. Gruppen interessierter Leute sind in der Lage, gemeinsam Software zu schreiben, die von jedem benutzt wird. Sie schreiben an Texten, die von jedem gelesen werden. Sie drehen Filme, die von jedem gesehen werden. Sie finden sich am ehesten noch übers Web, tauschen sich über das Netz aus, korrigieren sich gegenseitig. Ideen werden von Einzelnen eingebracht, sind aber oft nicht ausgereift. Die Gruppe kann dafür sorgen, dass gute Ideen verbessert und schlechte verworfen werden.
Der Einzelne hat hier immer noch mehr Möglichkeiten, seine Kreativität auszuleben und interessierte Menschen zu erreichen als wenn er Bilder in seinem Wohnzimmer, Skulpturen in seinem Vorgarten oder Graffiti an einer Wand ausstellt. Niemand muss sich wünschen, dass ein Kollektiv von Menschen an die Stelle des einzelnen Schreibers, Regisseurs oder Programmierers tritt. Schließlich setzt sich ein Kollektiv aus den kreativen Ideen und Lösungen Einzelner zusammen. Die Gruppe ist nichts ohne den Einzelnen, der Einzelne ist nichts ohne die Gruppe. Es ist also kein Widerspruch, wenn James Surowiecki von der „Weisheit der Vielen“ spricht, während Lanier glaubt, die Vielen brächten keine kreative Leistung. Lanier scheint ein typischer Fall von Über-Enthusiasmus geworden zu sein, der sich in Frustration verwandelt, weil sich die eiegenen überzogenen Erwartungen nicht erfüllt haben.
Kreativität kann sich nicht darin erschöpfen, anderer Leute Werke zu mixen und zu behaupten, das sei nun ein eigenes Werk. Andererseits kann man sich nicht zwingen, innovativ zu sein, denn man kann nie wissen, ob die eigenen Ideen nicht schon von jemand Anderem erdacht worden sind. Ein Werk zu erschaffen erfordert ein gewisses Maß an Zeit und Geist und wer beides nicht investiert hat, hat auch kein eigenes Werk erschaffen.
edit: sehe gerade, dass ich den halben Text in einen Link verwandelt habe, sorry, wurde korrigiert