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Generation Text – wie das Web 2.0 uns zu Lesern und Schreibern macht

Es wird oft behauptet, die junge Generation würde immer weniger lesen. Angesichts des Harry-Potter-Wahns ist das nicht so ganz zu glauben. Doch tatsächlich gibt es jenseits von englischen Zauberbuben einen regen Umgang mit Text. Die SMS hat einen Siegeszug angetreten, den hier keiner vorausgesagt hätte. Sie sollte ursprünglich kostenlos sein. In Wirklichkeit dürften diese 140 Zeichen mehr zur Verbreitung der Handys beigetragen haben als ihre Telefonfunktion. Ebenso unwahrscheinlich war der Siegeszug von Twitter, das heute als Instrument der Meinungsfreiheit in Ländern wie dem Iran gilt.
Und nur wenige machen sich bewusst, aus wie viel Text das Web 2.0 besteht. Jenseits von Flickr und YouTube bestehen die sozialen Netzwerke vor allem aus Textmeldungen. Blogs, Podcasts (also gesprochene Texte), Foren, Chats, sie alle bestehen aus Text.
Über Twitter, Social Bookmarks und Netzwerke werden zudem massenhaft Links zu – was wohl – Netzartikeln ausgetauscht.
Hier wird oft eingewendet, da werde nur banales in schlechtem Deutsch ausgetauscht. Dazu kann man nur sagen, 90 Prozent des Gedruckten besteht aus Banalem und Nicht-Information, wie die meisten Boulevard-Magazine. Schlechtes Deutsch ist ebenfalls kein Einwand. Zum einen hat jede Jugend-Generation ihren eigenen Slang entwickelt. Zum anderen ist diese Sprache stets Absicht, sie ist ein Code, der entschlüsselt werden kann. Die SMS zwingt zur Kürze, die Texte im netz fordern eine Anreichung mit Emoticons, weil Dinge wie Ironie, Trauer, Glück oder Ärger anders kaum ausgedrückt werden können.
Eine Studie hat gezeigt, dass die Schreiber von SMS durchaus ein gutes Textverständnis haben müssen. Die häufige Verwendung von Kürzeln und Symbolen verlangt offenbar ein höheres Abstraktionsvermögen. Der Irrtum besteht vielleicht darin zu glauben, wenn man viel Platz zum Schreiben hat, würde man auch viel zu sagen haben. Doch jeder Journalist weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Je mehr Platz man hat, desto mehr neigt man zum Schwafeln. Die 140 Zeichen einer SMS oder bei Twitter sind rein zufällig die Länge, die eine Überschrift eines Artikels oder Berichts in der Zeitung nicht überschreiten sollte. Nach dieser Logik steckt in manchen 12-versigen Gedichten mehr Arbeitsaufwand als auf 500 Seiten Roman.

Der Autor möchte gelesen werden

In der Regel verdienen Autoren kaum Geld mit ihren Texten. Die großen Ausnahmen wie Joanne K. Rowling oder Stephen King bestätigen die Regel. Viele Autoren sind hauptberuflich Übersetzer, Lektoren oder gehen einer Betätigung nach, die ihrem Schreiben vielleicht ferner liegt, aber ihnen ein Einkommen sichert.
Die meisten Autoren legen vor allem Wert darauf, gelesen zu werden. Das löst wahrscheinlich auch das Rätsel, warum es so viele kostenlose und oft hochqualitative Musikstücke, Videos und Texte im Netz gibt. Wenn man damit etwas verdienen kann, ist das nicht schlecht, wichtiger ist aber, überhaupt von einem interessierten Publikum zur Kenntnis genommen zu werden. Etwas anders ist das im übrigen bei Berufsprominenten, wo gesehen zu werden der eigentliche Beruf ist und das Einkommen sichert.
Dazu gibt es einen interessanten Text bei irights.info von der iranisch-stämmigen Schriftstellerin Sudabeh Mohafez, die von einer unerwarteten E-Mail berichtet. Eine Frau aus dem Iran teilte ihr mit, dass sie ein Buch von Mohafez ins Persische übersetzt habe – freilich, ohne sich vorher um die Erlaubnis bei der Rechtsinhaberin zu bemühen. Offenbar ist der Iran den internationalen Abkommen zum Schutz der Urheberrechte nicht beigetreten. Das Erstaunliche für Mohafez war etwas Anderes:

„Das Verrückte an der Situation war aber, dass ich mich freute – freute, obwohl ich keinen Cent an diesen speziellen Büchern aus meiner Feder verdienen würde, die nun also bald in den Teheraner Buchhandlungen ausliegen sollten, immer vorausgesetzt, die iranische Zensurbehörde gäbe grünes Licht für die Veröffentlichung; freute auch, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie fachkundig die Übersetzung durchgeführt worden war, geschweige denn, ob die Dame, die mir geschrieben hatte, überhaupt irgendeine Art von Lizenz oder wenigstens Kompetenz fürs Übersetzen besaß.“

Die Autorin erfuhr später, dass die Übersetzung gelungen war und das sie indirekt von der Aufmerksamkeit profitierte, die ihr Buch im Iran erfuhr, sie konnte weitere Honorare für Lesereisen in Deutschland bekommen.
Natürlich geht die Geschichte nicht immer so positiv aus. Das ist auch nicht als Plädoyer für das Übergehen der Urheber zu verstehen. Es erinnert uns aber daran, dass wir vielleicht ein wenig zu viel Zeit damit verbringen, unser Geld zu zählen und dabei unsere eigentlichen Intentionen aus dem Auge verlieren.

Jeder Mensch ein Schriftsteller – das E-Book und die Zukunft des Lesens und Schreibens

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt. Im Grunde suchen wir unser Leben lang nach einer Geschichte unseres Ursprungs, die uns sagt, warum wir geboren sind und warum wir leben. … Manchmal hoffen wir, unsere persönliche Geschichte mit der des Universums ineins zu bringen.“ Umberto Eco. Im Wald der Fiktionen. Carl-Hanser Verlag 1994, Seite 182

Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser. Es finden sich manchmal Aussprüche in ihnen, die genau auf unsere Verhältnisse zutreffen, die, wenn wir sie richtig lesen und verstehen, für unser Leben heilsamer sein können als der Morgen oder der Frühling und vielleicht allen unseren Angelegenheiten ein neue Wendung geben. Wie viele hatten nicht einem Buch eine neue Ära ihres Lebens zu verdanken! Irgendwo ist das Buch vielleicht vorhanden, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart. Was uns selbst noch unaussprechlich erscheint, findet sich vielleicht bereits irgendwo ausgesprochen. Die gleichen Fragen, die uns beschäftigen, beunruhigen und verwirren, haben von jeher alle Menschen beschäftigt. Nicht eine einzige von ihnen ist übergangen worden. Und jeder hat sie seiner Veranlagung nach mit seinen Worten und seinem Leben beantwortet.“ Henry David Thoreau. Walden

Die Jahre 2009/2010 dürften entscheidend für den Durchbruch des E-Books werden: Neben Sony werden eine ganze Reihe weiterer Anbieter wie Amazon, TXTR und andere Geräte anbieten, die via E-Ink-Technik das elektronische Lesen erleichtern wollen.
Gedruckte Bücher bald Geschichte?
Mit den Geräten sollte auch die Zahl deutschsprachiger Angebote steigen, die Augenblick noch gering ist.
Derzeit bleibt noch zu befürchten, dass die Buchindustrie die gleichen Fehler machen wird wie die Film- und Musikindustrie zuvor: Inkompatible Formate, restriktive Schutzmechanismen und unangemessene Preispolitik.
Im Gegensatz zu früher wird das Lesen flüchtiger: ein Buch war bisher ein physischer Gegenstand, den man besitzen, ins Regal stellen, verkaufen oder ausleihen konnte. Vorstellbar sind mehrere Eigentumsmodelle. Für einen niedrigen Preis wird ein Buch angeboten, welches nur auf einem bestimmten Gerät lesbar ist, das aber weder weiter verkauft noch anders weiter gegeben kann.
Für einen höheren Preis oder gar den Ladenpreis müssen allerdings die gleichen Bedingungen gelten wie für gedruckte Bücher: Weitergabe, Übertragung von einem Gerät auf ein anderes, Ausdrucken.
Das digitale Buch hat das Potential, das Veröffentlichen und Lesen von Texten nachhaltig zu verändern. Vor allem im Web 2.0 dominiert derzeit noch das Schreiben von Häppchen-Texten. Auch mit guten Bildschirmen ist das Lesen am Bildschirm weder angenehm noch energetisch effizient. Einen kompletten PC laufen zu lassen, um darauf Texte zu lesen oder Musik zu hören, ist sicherlich nicht zielführend.
Vor allem unbekannte Schriftsteller haben via Eigenverlag die Möglichkeit, ihre Texte kostengünstig an den Leser zu bringen. Auch bekannte Autoren erhalten nur einen Bruchteil des Kaufpreises, der Rest geht an Verlage und Buchhandel. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch ganze Magazine mit Kurzgeschichten, die zwischenzeitlich ausgestorben sind, aber eine ideale Lektüre für die Heimfahrt von der Arbeit darstellen.
Auch Weblogs und andere benutzergenerierte Inhalte in Textform lassen sich wegen ihrer Kürze ideal auf solchen Geräten lesen. Das selbe gilt für längere Zeitungs- und Magazintexte wie Features und Reportagen, die kaum jemand gerne am PC lesen möchte. Dazu müsste sich allerdings die Qualität der Bilddarstellung verbessern, die auf E-Book-Readern eher mau ist.
Joseph Beuys meinte, jeder Mensch sei ein Künstler. Man kann weiter gehen und sagen, jeder Mensch ist ein Schriftsteller. Zumindest ist jeder Mensch ein Experte für ein bestimmtes Thema und in der Regel kann er auch interessant über ein Thema schreiben, welches ihn persönlich begeistert.
So mancher Weblog hat bereits eine größere Reichweite als manche Lokalzeitung. Spezialblogs zu eher abseitigen Themen können eine kleine, dafür aber um so interessiertere Leserschaft erreichen.
Letzten Endes kann sich das Ganze auch finanziell lohnen: Eine interessierte Leserschaft ist eher bereit, kleine Beträge zu bezahlen. Dabei macht „Kleinvieh auch Mist“.
So mancher etablierter Schriftsteller erhält nur einen Bruchteil des Buchpreises und muss sich mit Übersetzungen oder anderen Arbeiten seinen Lebensunterhalt verdienen. Nur ein Bruchteil der Schriftsteller kann nur vom Schreiben leben.

Lesenswertes

Die Kunst des Lesen lernens

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt. Im Grunde suchen wir unser Leben lang nach einer Geschichte unseres Ursprungs, die uns sagt, warum wir geboren sind und warum wir leben. … Manchmal hoffen wir, unsere persönliche Geschichte mit der des Universums ineins zu bringen.“ Umberto Eco. Im Wald der Fiktionen. Carl-Hanser Verlag 1994, Seite 182

Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser. Es finden sich manchmal Aussprüche in ihnen, die genau auf unsere Verhältnisse zutreffen, die, wenn wir sie richtig lesen und verstehen, für unser Leben heilsamer sein können als der Morgen oder der Frühling und vielleicht allen unseren Angelegenheiten ein neue Wendung geben. Wie viele hatten nicht einem Buch eine neue Ära ihres Lebens zu verdanken! Irgendwo ist das Buch vielleicht vorhanden, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart. Was uns selbst noch unaussprechlich erscheint, findet sich vielleicht bereits irgendwo ausgesprochen. Die gleichen Fragen, die uns beschäftigen, beunruhigen und verwirren, haben von jeher alle Menschen beschäftigt. Nicht eine einzige von ihnen ist übergangen worden. Und jeder hat sie seiner Veranlagung nach mit seinen Worten und seinem Leben beantwortet.“ Henry David Thoreau. Walden

Lesen ist an sich eine besondere Fähigkeit. Hirnforscher meinen, eigentlich sei das Gehirn für das Lesen ungeeignet. Die Autorin Maryanne Wolf geht in ihrem Buch „Das lesende Gehirn“ noch genauer auf dieses Thema ein. Eine Kuriosität am Rande: Sokrates hatte die praktisch die gleichen Einwände gegen die Schrift wie sie die heutigen Kritiker gegen das Internet vorbringen.
Andererseits gehört das Deuten von Spuren, also etwa Symbolen, auch zu einer ureigenen Fähigkeit des Menschen. Für Ernst Pöppel ist daher nicht erstaunlich, dass im Web die für das Gehirn leichter verabeitarbaren Symbole, Graphiken und Bilder dominieren. Pöppel weist auch darauf hin, dass es für einen Erwachsenen und bereits für ein älteres Kind wesentlich schwieriger ist, das Lesen zu erlernen. Die Lesefähigkeit muss schon in jungen Jahren erlernt werden, damit sie einem später leicht fällt.

Ein Grundschüler liest seine Wörter, zumindest am Anfang seiner Leserlaufbahn, immer buchstabenweise und
setzt die Buchstaben zu einzelnen Wörtern zusammen. Ein Zusammenhang zwischen einzelnen Wörtern zu einem
ganzen Satz wird im Anfangsunterricht zuerst nicht möglich sein.
Wenn ein Schüler in den höheren Klassen liest, hat sich das Leseverhalten im Vergleich zu einem Grundschulkind völlig verändert. Der geübte Leser erfasst ganze Wortgruppen und Zeilenteile. Er erkennt bekannte Wortmuster und baut aus diesen einen Sinnzusammenhang auf. aus Kompendium der Mediengestaltung für Digital- und Printmedien. hrsg. Joachim Böhringer. Springer 2005

Als Erwachsener lesen zu lernen, ist unheimlich mühsam. Während man als Kind noch spielerisch an die Aufgabe herangeführt wird, wird von Erwachsenen erwartet, daß sie in höherem Tempo lernen, obwohl die Fähigkeit des Lernens schon im frühen Erwachsenenalter nachläßt.
Braillezeile
Das Problem beim Lesen besteht nicht im Auswendiglernen der Buchstaben. Es besteht darin, ganze Worte und Sätze, Absätze und zusammenhängende Texte zu erkennen. Wir kennen das, wir müssen nur einzelne Worte erkennen, um einen Text überfliegen zu können. Durch jahrelange Übung sind wir in der Lage, ganze komplexe von häufig zusammen stehenden Wörtern auf einen Blick zu erfassen. Experten, die viele Texte lesen müssen, werden zu richtigen Schnell-Lesern, wobei sie natürlich trotzdem den Inhalt erfassen müssen.
Lesen und Verstehen sind zwei unterschiedliche Aspekte. Ihr kennt das, wenn ihr totmüde seid und trotzdem einen komplizierten Text lesen müsst oder abgelenkt werdet. Ihr lest und versteht zwar die einzelnen Worte, aber der Sinn erschließt sich euch nicht oder ihr vergesst sofort, was ihr gerade gelesen habt. Entscheidend ist daher das Lese-Verstehen.
Stellen wir uns vor, wir würden all die Zeit, die wir mit Lesen verbracht haben mit dem Erlernen des Violine-Spielens verbringen: Wir wären perfekte Violinisten.
Dabei ist uns gar nicht mehr bewußt, wie viel Zeit wir mit Lesen und üben verbracht haben. Wer aber in einer beliebigen Sprache in einem beliebigen Zeichensystem lesen und schreiben kann, ist in dieser Hinsicht kognitiv weiter als jener, der gar kein Zeichensystem beherrscht, siehe auch Die chinesische Schrift formt ein überlegenes Denken – sehr interessantes Interview auf dem Eurasischen Magazin.
Wer etwa im reifen Alter die Blindenschrift lernen muss, stößt genau auf dieses Problem. Es ist kein Problem, einzelne Buchstaben zu lesen, bei Worten wird es schwierig und bei Sätzen hängt man ordentlich in der Luft. Zum Vergleich stelle man sich vor, jemand würde so langsam wie er kann einen Satz vorlesen. Man hätte die ersten Worte vergessen, bevor der Satz zu Ende ist.

Bei Braille kommt noch ein interessantes Problem hinzu: Liest man die ganze Zeit mit einem bestimmten Finger – meistens ist es ein Zeigefinger, dann entwickelt man in diesem Finger eine besondere Sensibilität für die Punkte. Verwendet man nur den Zeigefinger der linken Hand zum Lesen, hat man mit keinem anderen Finger, auch nicht im Zeigefinger der Rechten, eine ähnliche Sensibilität. So fällt es einem schwer, Brailleschrift mit anderen als den Lesefingern zu lesen, ein Problem, das Sehende nicht haben.
Braille läßt sich in wenigen Stunden erlernen, aber es gibt nur wenige Blinde, die tatsächlich flüssig lesen können. Für viele Blinde ist die Sprachausgabe am Computer komfortabler, deren Geschwindigkeit läßt sich problemlos beschleunigen. Hat man sich einmal an die Computer-sprachausgabe gewöhnt, kann man sie auf über 50 Prozent und mehr gegenüber normalem Sprachtempo beschleunigen. Ein Tempo, dass selbst von Schnelllesern selten erreicht wird. Ich sage deswegen auch gerne, dass Blinde häufig die einzigen Menschen sind, die im Internet einen Text von Anfang bis zum Ende durchlesen, sofern er nicht todlangweilig ist.

Weiterlesen

Mit den Händen Sprachen lernen

Französische Forscher haben herausgefunden, dass man Sprachen besser lernen kann, wenn nicht nur Augen und Ohren angesprochen werden, sondern auch die Hände. Die Blinden werden sich freuen, durch die Blindenschrift und natürlich durch das Fehlen des Augenlichts sind sie ohnehin dazu gezwungen, ihre haptischen Fähigkeiten zu schulen.

Einige Lernexperten glauben schon seit längerem, dass Menschen umso besser lernen, je mehr Sinne angesprochen werden. Es ist ein spannende Frage, ob blinde Menschen durchschnittlich bessere sprachliche Fähigkeiten haben als Normalsehende.