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Ja, ich will! Der freie Wille, nur ein gutes Gefühl?

Der freie Wille ist eine Illusion, meinen namhafte Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer. Untersuchungen hätten erwiesen, dass unser Gehirn eine Entscheidung trifft, bevor uns diese Entscheidung bewußt wird. Es ist also unser Gehirn, welches die Entscheidungen vor uns trifft.

Das will uns nicht ganz einleuchten, allerdings ist es schwierig, gegen gestandene Professoren zu argumentieren, zumal wir das Unwohlsein bei solchen Thesen kaum in Worte fassen können.

Mir erscheint das Problem als Scheinproblem. Das Problem besteht in der sprachlichen Einfassung im Sinne des linguistic turn. Hier im Westen unterscheiden wir spätestens seit Rene Descartes zwischen Leib und Seele oder moderner, zwischen Körper und Geist. Dieser Dualismus ist als Leib-Seele-Problem in der Philosophie bekannt.

Diese Unterscheidung hat zu einer ganzen Reihe von Scheindebatten geführt. Meiner Ansicht nach bilden Körper und Geist eine Einheit. Mein “Ich” und mein Gehirn sind nicht sinnvoll voneinander zu trennen. “Ich” bin mein Gehirn, “ich” bin mein Körper. Die Strukturen meines Gehirns bilden mein Ich. Elektrische Impulse, Neuronenfeuer, Hormonausschüttung, Blutkreislauf, es macht keinen Sinn, diese natürlichen Vorgänge von meinem Ich zu trennen, zumal diese Vorgänge zumindest teilweise bewußt gesteuert werden können.

Es gibt tatsächlich eine Handvoll Entscheidungen, die nicht bewußt gefällt werden. Das “Reptilienhirn” löst einen Impuls bei Gefahren aus: Kämpfen oder Fliehen. Wenn ein Raubtier zum Sprung auf uns ansetzt, sollten wir nicht lange über unsere Reaktion nachdenken.

Aber der freie Wille betrifft komplexer angelegte Entscheidungen, vor denen kein Tier steht. Wir müssen uns zum Beispiel für eine Partnerin oder einen Partner entscheiden.

Nun mag man behaupten, unsere Hormone oder unser Fortpflanzungstrieb träfen diese Entscheidungen für uns. Aber es muß schließlich einen Grund geben, warum wir uns für einen Partner und gegen einen anderen entscheiden.

Die Strukturen unseres Gehirns werden in der Tat nicht bewußt herausgebildet. Sie sind ein Ergebnis von genetischer Vererbung, elterlicher Erziehung und sozialem Umfeld. Doch diese Strukturen bilden unser Ich ab, daher lassen sich Ich und Strukturen nicht trennen.

Die ganze Debatte löst sich in Wohlgefallen auf, wenn man nach den Definitionen fragt: Was ist das Ich? Was ist Instinkt? Was ist der freie Wille? Am Ende kommt man zu der Einsicht, dass das ganze Problem sich in semantischen Spielereien verliert.

Iconic Turn

Die ikonische Wende in der Philosophie ist der Versuch, eine Theorie des Bildes zu entwickeln. Zuvor gab es den Linguistic Turn. Die Sprachliche Wende war notwendig, um die Probleme der Definition von Begriffen zu beherrschen.
Man kann das an enem einfachen Beispiel erklären: Nehmen wir an, wir haben einen Computer. Dieser Computer wird nach und nach umgerüstet, Einzelteile werden entnommen und neue hinzugefügt. Am Ende wird das ganze in ein neues Gehäuse eingebaut und von dem ursprünlichen computer bleibt keine Komponente mehr. Entspricht dieser Computer jetzt dem alten Comuter, ist es ein vollkommen neuer Computer. Und wenn er neu ist, wann genau hat er den Zustand erreicht, dass er nicht mehr der alte computer ist?
Der im philosophischen Denken Geschulte erkennt sofort, dass wir ein Definitionsproblem vorliegen haben. Was ist alt, was ist neu und welches Kriterium ist ausschlaggebend?
Die meisten Diskussionen laufen nicht nach strengen Regeln ab, so dass die Redner aneinander vorbei reden, weil ihre Begrifflihckeiten schlicht ungenau sind.
Der Iconic Turn muss etwas ähnliches für die Bilderwelt darstellen. Mittlerweile muss auch darüber diskutiert werden, wie lange ein bild “wahr” ist, wie viel Manipulation zulässig ist und wie viel Interpretationsqualität neue Verfahren wie die Magnetresonanztomographie zulassen, die unter anderem dazu eingesetzt werden, das Denken, Fühlen und Handeln direkt im Hirn zu betrachten.
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