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Dezente Hinweise

Wer hat das nocht nicht erlebt: da schreibt jemand eine nette und freundliche Mail, um auf ein Problem hinzuweisen und erhält eine aus Textbausteinen zusammengesetzte Nicht-Antwort. Das statistische Bundesamt zum Beispiel hat nicht auf meinen Hinweis reagiert, dass das statistische Jahrbuch in PDF für Blinde NULL zugänglich ist. Die ARD ihrerseits hat Probleme, eine App barrierefrei zu bekommen.
Nun bin ich jemand, der eher positiv an eine solche Sache rangeht. Zum Einen wird die Barrierefreiheit – BITV hin, BITV her – in deutschen Behörden stiefmütterlich behandelt. Für mich sieht es von außen so aus, als ob da ein paar Agenturen ein paar automatische Testtools über die Portale laufen lassen und ein paar Checklisten abhaken und schon ist die Website per definitionem barrierefrei. Zum Anderen werden Aspekte der Barrierefreiheit vergessen, weil auch kein Betroffener in der Nähe ist, der die Nicht-Behinderten daran erinnert, dass in Deutschland neun Millionen Menschen mit Behinderung leben.
Deswegen macht es mir auch nichts aus, die Leute auf solche Probleme hinzuweisen. Ich bin dabei immer ausnehmend freundlich und höflich, für meinen Geschmack sogar ein wenig zu freundlich. Umso mehr ärgere ich mich darüber, mit einer Textbaustein-Nachricht mit Nonsens abgespeist zu werden.

Zaudern macht keine Barrierefreiheit

Deswegen plädiere ich dafür, solche Vorgänge im zweiten Schritt öffentlich zu machen. Wir haben als Behinderte einen Anspruch darauf, dass Angebote von öffentlichen Stellen barrierefrei zugänglich sind und es gibt keinen Grund, warum wir uns deswegen genieren müssen. Wenn die Behörden oder Unternehmen unseren freundlichen Bitten nicht nachkommen, gibt es ebenso wenig Grund, diesen Vorgang nicht öffentlich zu machen.

Warum im zweiten schritt?

Ich denke, es ist ein Zeichen von Fairneß, die Betreffenden im ersten Schritt im persönlichen Kontakt auf die mangelnde Barrierefreiheit ihrer Angebote aufmerksam zu machen. Wie ich schon sagte, ist mangelnde Barrierefreiheit meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen der Unachtsamkeit und Unbedarftheit der Macher geschuldet. Daher ist eine betont freundliche Mitteilung angebracht, in der man dalegt, aufgrund welcher körperlichen Einschränkung man welche Funktionen oder Anwendungen der Website nicht benutzen kann.
Dann hört man natürlich so einen Blödsinn wie „Blinde benutzen unsere Website nicht“. Ich antworte dann: „Das stimmt nicht, ich bin blind und würde Ihre Website nutzen, wenn Sie barrierefrei wäre“.
Bevor man sich hier in einen endlosen fruchtlosen Dialog wirft, sollte man dem Ansprechpartner mitteilen, dass man vorhat, die Barriereunfreiheit der Website öffentlich zu machen. An dieser Stelle ist es oft hilfreich, die PR-Abteilung des Unternehmens oder der Behörde miteinzubeziehen, die mögen meistens keine negative PR, aus gutem Grund.
Im Endeffekt würde ich auch nicht davor zurückschrecken, tatsächlich die Öffentlichkeit zu suchen. Wichtig ist auch hier, dass man nüchtern und wahrheitsgemäß die Kritik an der Website darlegt und keine Beleidigungen oder falsche Aussagen unterbringt. Es dient zum einen nicht dem eigenen Anliegen, weil solche Aussagen zu sehr den Beißreflex der Gegenseite bedienen. Zum anderen wissen wir ja, wie klagefreudig unsere Lieblingsfirmen sind, wenn es um ihren Ruf geht.
Da die meisten Einrichtungen inzwischen Monitoring betreiben, kriegen sie das so oder so auch mit, man kann sie aber auch dezent darauf hinweisen, dass man da was geschrieben hat, was sie interessieren könnte…
Menschen mit Behinderungen in Deutschland sind für meinen Geschmack zu zahm, wenn es um konkrete Verbesserungen geht. Sie verlassen sich sehr stark auf mitgliederstarke Interessensverbände und politische Vertreter. Das mag funktionieren, wenn es um politisches Lobbying und um die Makroebene geht, auf der mittleren und unteren Ebene funktioniert es nicht ansatzweise. In Marburg gibt es überall akkustische Ampeln, weil die Blindenstudienanstalt und der Blindenverband dort sitzen, im Rest des Landes gibt es wahrscheinlich weniger akkustische Ampeln als in dem 80.000-Seelen-Dorf Marburg.