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Poor Content – die Schwäche des Online-Journalismus

Viele Leute wissen nicht, dass die großen Online-Angebote von Zeitungen und Magazinen von eigenständigen Redaktionen betreut werden. Wozu sollte diese Info auch gut sein? Es ist allerdings so, generell pflegt jedes große Medium seine eigene Online-Redaktion, die zumindest organisatorisch von der Print-Redaktion unabhängig ist. Das heißt natürlich nicht, dass Artikel nicht mehrfach verwertet werden oder das ein Offliner nicht für Online schreibt oder umgekehrt.

Zehn Jahre und keinen Schritt weiter

Man kennt das: da ist ein interessanter Artikel und man hätte gerne die Zahlen und Fakten auf einen Blick, weil sie im Artikel zu kurz gekommen sind. Gut, dass unsere service-orientierten Medienseiten genau das anbieten.
Besonders gut gefällt mir, dass in Online-Artikeln die Quelle nicht nur passiv genannt, sondern aktiv verlinkt wird. Die kryptischen und eher nichts sagenden Abkürzungen dpa und ddp müssen echten Quellennachweisen und Verweisen auf Pressemitteilungen, anderen Webpublikationen und sogar user-generierten Inhalten wie Weblogs, Podcasts und YouTube-Videos weichen. So weiß der Leser nicht nur, woher der clevere Journalist seine Infos hat, sondern kann sich selber ein Bild machen.

Aber mal im Ernst, das alles ist nicht nur Zukunftsmusik, es wird in renommierten Publikationen bis auf weiteres nicht auftauchen. Die Mutlosigkeit der Printer, wie ich sie nennen möchte, ist mit Händen greifbar. Im Grunde haben sie das Print-Modell ohne großartige Modifikationen auf Online übertragen. Das Höchste der Gefühle sind “verwandte Artikel” und Schlagworte, die vermutlich automatisch erstellt wurden. Denkt man sich diese beiden Erfindungen weg – die im übrigen auch schon fünf Jahre alt sind – könnte man ohne Weiteres glauben, im Jahr 2000 zu sein. Die Einbindung verwackelter YouTube-Videos oder das Betreiben von Journalisten-Weblogs kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Medien-Branche eine Innovationsschlafmütze ist.

Jeder echte Onliner bekommt Zahnschmerzen, wenn er einmal mehr nach der Quelle einer Information suchen muss, anstatt sie – wie es im übrigen jeder vernünftige Blogger tut – ordentlich im Artikel verlinkt zu finden. Jede Online-Publikation scheint davon zu träumen, sie könne den Leser auf ewig in ihrer Site gefangen halten, weil er nicht weiß, wie man mit der Adressleiste umgeht.

Was tun?

Nun bin ich kein Mensch, der nur meckern möchte. Hier also ein paar Vorschläge, wie die Online-Publikationen zu echten Service-Dienstleistern für den Leser werden können, sich aus der Papier-Steinzeit befreien und vielleicht endlich auch vernünftig Geld einnehmen können:

  • Quellen: Der heutige Leser möchte wissen, woher eine Information kommt. Er erwartet einen Link auf die Quelle, sei es nun ein Weblog, eine Pressemitteilung, ein Tweet oder etwas anderes.
  • Factbox: Jeder Journalist weiß, wie schwierig es ist, Zahlen in großen Mengen in Artikeln unterzubringen. Diese Zahlen können in einer Factbox untergebracht werden, wo sie übersichtlicher sind: Wie viele Studierende gibt es, wie viele werden in den nächsten Jahren erwartet, wer will was studieren? Ein weicher Bericht über Einzelschicksale ist schön und gut, aber wir wollen den Gesamtkontext erfahren und der drückt sich in harten Zahlen aus. Die zahlen lassen sich auch mit Diagrammen oder Schaubildern veranschaulichen.
  • Hintergründe: Die Redakteure verweisen mit Vorliebe auf eigene Artikel, aktuelle Artikel oder Artikel, wo ein Stichwort des gelesenen Artikels prominent vorkommt. Dass im aktuellen Artikel und den drei Artikeln unfein gesagt vier Mal das selbe steht, stört ihn weniger. Ich stelle mir stattdessen eine Art Storyline vor: Dabei werden die Beiträge, die zum aktuellen Artikel im Bezug stehen, auf einer Art Zeitachse angeordnet, Hintergrund-Berichte und vertiefende Informationen werden hervorgehoben und die Artikel werden in einen Gesamtbezug zueinander gestellt. So findet der Leser, was er sucht: Hintergründe, Details, verwandte Themenfelder… Im übrigen könnten diese Verweise – oh Schock – auch auf externe Quellen verweisen! Sei es nun ein gelungener Wikipedia-Artikel, eine Publikation des eigenen Hauses, aber auf einer anderen Website oder eben tatsächlich eine private Website, die aber qualitativ gute Informationen liefert.

Das sind nur einige Vorschläge, die weiter gedacht, ausprobiert oder verworfen werden müssen. Es ist sicher nicht meine Aufgabe, die Verlagshäuser vor ihrer Denkfaulheit zu retten. Im Augenblick sind die einzelnen Publikationen austauschbar und bis zur Unkenntlichkeit identisch. Was aber für die Generation Print gereicht hat, wird für die gerade anwachsende Generation Online noch lange nicht genug sein. Deshalb muss Online weiterentwickelt werden. Und dazu müssen sowohl die technischen als auch die inhaltichen Möglichkeiten wesentlich besser genutzt werden, als das heute in Deutschland passiert.

Crossmedia – neuer Trend und Modewort

Crossmedia bedeutet schlicht, das mehrere Medien bedient werden sollen. Ein Beitrag, der im Fernsehen lief, kann auch ins Netz gestellt werden, ein Audiobeitrag als Text im Netz stehen und so weiter.

Die Möglichkeiten sind natürlich groß: Ein Radioreporter wird kein großes Problem damit haben, einen Interviewpartner oder ein Gebäude gleich selbst zu fotografieren statt teure Fotos von Agenturen zu kaufen oder veraltete Firmenfotos zu nehmen.

Und auch ambitionierte Vielseher und Hörer verpassen ab und an einen interessanten Beitrag. Zumal sich die Seh- und Hörgewohnheiten heute von den klassischen Medien immer weiter entfernen. Für die Informationssender könnte hier neues Leben zu finden sein. Gute Beiträge werden kostenlos via Empfehlung promotet, verlinkt, besprochen. Da sie viel von Radio und wenig von Suchmaschinenoptimierung verstehen, ist dies der beste Weg, um jüngere Zielgruppen zu ereichen.

Die Schattenseiten sind ebenso klar: Wenn ein Online-Journalist heute nun wirklich alles selber machen muss, verlieren einige Leute ihre Jobs: Fotographen, Tontechniker, Designer. Einige davon werden sicherlich andere Jobs finden, einige bleiben auf der Strecke.

Aber auf der gleichen Strecke bleibt die Qualität der Beiträge. Der Online-Journalist soll schließlich nicht nur alles selber machen, sondern er bekommt auch nicht mehr Zeit, um dies tun zu können.

Und natürlich leistet sich der Herausgeber keine Hochtechnik: Warum 200 Euro für ein rauschfreies Mikro ausgeben, wenn man für 30 € ein Headset bekommt? Warum 150 € für eine professionelle Audio-Schnittsoftware ausgeben, wenn es Audacity umsonst gibt? Warum 200 € für eine Dicam mit gutem Chip ausgeben, wenn es für 60 € 10 Millionen Pixel gibt? Und verwackelte Videos sind alle mal besser als gar keine.

Wir haben also schlechte Ausrüstung, die von semiprofessionellen, gestressten und zeitlosen Gesellen bearbeitet werden sollen. Das Ergebnis kann nur suboptimal sein.

In diesem Sinne ist Crossmedia zu verstehen als “ich mag kein Geld ausgeben”.