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Access-News vom 21. Juli 2010 – Internet-Pamphlete ignorieren Menschen mit Behinderung

Amazon verkauft in den USA mittlerweile mehr eBooks als gedruckte Hardcover. Im Preiskampf mit den Konkurrenten auf dem Markt für eBook-Reader und dem iPad wurden die Preise für die Geräte teils drastisch gesenkt. Außerhalb der USA hingegen schlummert der Markt für Lesegeräte und eBooks vor sich hin. Es fehlt das Angebot an aktuellen Büchern, was die noch recht teuren und unflexiblen Lesegeräte unattraktiv macht. Das ist bedauerlich, weil durch die Digitalisierung Menschen mit Behinderung wesentlich mehr Bücher in einer nutzbaren Form vorliegen könnten. Wahrscheinlich geht es dem deutschen Buchhandel noch zu gut. Andererseits ist das vielleicht nicht so schlimm, solange sich das Chaos um Formate und unterschiedliche Digital Rights Management-Ansätze noch nicht gelichtet hat. Vor allem Sehbehinderte könnten auch mit dem geringen Kontrast der aktuellen E-Book-Reader Probleme haben.

Der Chaos Computer Club veröffentlicht elf Thesen zum lebenswerten Web. Das Thema Zugänglichkeit haben sie aber vergessen. Websites und Dienstleistungen sollen so gestaltet sein, dass sie von möglichst vielen Menschen genutzt werden können, unabhängig von ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung oder ihrer technischen Ausstattung. Das betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Personen, denen eine geringe Bandbreite oder veraltete Hardware zur Verfügung steht. Offenbar kann sich der CCC auch nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die nicht mit dem Internet ohne Weiteres zurecht kommen und denen das barrierefreie Web ebenfalls zugute kommt. Das sind vor allem ältere Menschen.

Update: Auch die Thesen der Piratenpartei liegen nun vor. Hier eine brillante Formulierung daraus:

Wer sich aus finanziellen Gründen keinen Netzzugang leisten kann, ist in der Informationsgesellschaft ein Obdachloser. Wem die Fähigkeiten
fehlen, sich im Netz zu bewegen, ist in der neuen Welt ein Behinderter, dem Hilfe zuteil werden muss.

Ich bin mal so frei, das auf die sprachliche Inkompetenz der Formulierenden zurückzuführen, andernfalls wäre das eine Beleidigung für Menschen mit Behinderung, von denen viele sich besser im Netz bewegen können und für die sich das Web nicht auf Facebook und YouTube beschränkt wie für viele andere Netzbewohner. Und nein, das Thema Barrierefreiheit oder Zugänglichkeit kommt in den zehn Geboten der Piraten nicht vor.