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Die ägyptische Revolution – Versuch einer Einordnung

Für Politikwissenschaftler ist jetzt eine der spannendsten Zeiten, wann bekommt man schon die Gelegenheit, den Umbruch einer ganzen Region live mitzuerleben? Ich war bei der Revolution in Osteuropa zehn Jahre alt und habe selbst vom Ende der DDR wenig mitbekommen. Leider ist unsere Disziplin ziemlich schlafmützig, was die Analyse aktueller Ereignisse, der Rolle des Internets und der Entwicklung von Gesellschaften im Allgemeinen angeht. Da die meisten Politikwissenschaftler außerdem nicht schreiben können, werden wieder reichlich intelligente Essays in universitären Archiven verstauben. Es gibt leider auch keinen brauchbaren allgemein politischen Blog in Deutschland.
Ich möchte hier eine zugegeben sehr oberflächliche Analyse und Einordnung versuchen, obwohl dieses Blog explizit unpolitisch ist, ist sein Autor das noch lange nicht.

Die Diktatur frisst ihre Kinder

Der französische Politikwissenschaftler Emmanuel Todd hat die Revolten im Nahen Osten und anderen Teilen der Welt tatsächlich vorausgesagt. Ob seine Analyse so stimmt, lasse ich mal dahin gestellt sein. Fakt ist aber, dass während wir ein Problem mit einer alternden Bevölkerung haben, im Rest der Welt genau das Gegenteil vorherrscht. In Afrika und großen Teilen Asiens wächst eine Jugend heran, die teilweise gut gebildet ist und wegen einer korrupten politischen Klasse keine Perspektive hat. Mubarak war nicht nur ein Diktator, er hat sich auf Kosten seines Volkes zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht.
Todd meint nun, dass diese Jugend sich zur Wehr setzt. Es gibt für sie nur zwei Optionen: Kampf oder Flucht. Diese Reaktionen entstehen vor alem, weil die Jugendlichen und vor allem die jungen Frauen gut gebildet sind. Es sind vor allem Menschen, die lesen und schreiben können, die sich gegen ihre Situation wehren. Ich bin mir nicht so sicher, ob seine Analyse nicht zu kurz greift, aber eine bessere Erklärung habe ich bisher nicht gefunden.

Die Öffentlichkeit als Wächter

Eine wesentliche Komponente aller Proteste ist die Öffentlichkeit. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass Diktaturen auch zu äußersten Formen der Gewalt greifen, wenn keine Kamera in der Nähe ist. Insofern haben Al Jazeera und Twitter wirklich wesentlich zum Umbruch in Ägypten beigetragen.
Um einmal ein anderes Beispiel zu nehmen: Martin Luther King hat bei seinen Protesten gegen die Rassengesetze in den USA auf friedlichen Widerstand gesetzt. Der krasse Gegensatz von jungen Leuten, die friedlich eine Straße besetzen und den weißen Polizisten, die gnadenlos mit Knüppeln auf sie einprügelten war wie gemacht für die Fernsehkameras. Man will gar nicht wissen, was diese Polizisten gemacht hätten, wenn keine Kameras auf sie gerichtet gewesen wären.
Deshalb wird so etwas auch in abgeschotteten Ländern wie Nordkorea oder Burma nicht funktionieren. Die Grenzen der Öffentlichkeit hat man auch im Iran, in Weißrussland oder im China der 90er Jahre gesehen. Das sind Länder, denen ihr Ruf in der Welt relativ egal ist. Ägypten hat hingegen auf gute Beziehungen und Geld aus dem Westen gesetzt und beides wäre gefährdet gewesen, wenn die Demonstranten angegriffen worden wären. Man sollte auch nicht vergessen, dass tatsächlich mehr als 300 Menschen während der Proteste in Ägypten gestorben sein sollen.
Es stimmt deshalb umso trauriger, wie lahm unsere öffentlich-rechtlich subventionierten Medien auf Ägypten, Tunesien und derzeit Algerien reagieren. Gottschalk und Dschungelcamp sind offenbar wichtiger als Mubarak.
Möglicherweise haben sie vergessen, einen Informationsauftrag zu haben.
Die internet-affine Gruppe vergisst gerne, dass viele Menschen auch in Deutschland immer noch das Fernsehen als erste Informationsquelle Nutzen. Für uns mag gelten: Was nicht im Internet steht, passiert auch nicht. Für sie gilt, was nicht im Fernsehen passiert, passiert nicht. Die Zeitungsverlage haben den Informationsauftrag wesentlich besser gemacht als die ÖR, was die Frage aufwirft, wofür brauchen wir ARD und ZDF noch?

Die Rolle des Militärs

Interessant ist die Rolle des Militärs in Ägypten. Bisher kennen wir das Militär als Bewahrer des Status Quo in der Türkei oder Pakistan oder als brutale Diktatoren in Lateinamerika und Afrika. Eine eher neutrale Rolle versuchen sie in Thailand einzunehmen. Dass sie sich ernsthaft auf die Seite des Volkes stellen und die Menschen vor der brutalen Staatsmacht schützen ist neu. Mir ist kein Fall aus der Geschichte bekannt, wo so etwas schon einmal vorkam.

Gefangen in falschen Denkmodellen

Für die westliche Politik ist vor allem Stabilität wichtig. Tatsächlich gibt es aber keine Stabilität in der Politik. Mubarak ist ein alter Mann, die Sauds sind alt, ja, alle Diktatoren sind uralt. Wenn sie sterben, wird es so oder so zu Umbrüchen kommen. Anstatt zu versuchen, die Staaten dahin gehend zu beeinflussen, dass sich langsam Veränderungen zum Guten hin entwickeln, scheint man zu glauben, mit Familiendynastien die faule Stabilität retten zu können. Das klappt manchmal und manchmal nicht. Tatsächlich hat der Westen keine Ahnung, was er tun soll. Die eine Diktatur lebt trotz Embargos weiter, die Embargos schaden der Bevölkerung und sind den Diktatoren egal.
An die andere Diktatur wird sich angebiedert und das Volk hat noch immer nichts davon. Ich befürchte, dass unsere Regierungen ihr Handeln vor allem auf fehlerhaften Denkmodellen basieren. In der Politikwissenschaft sprechen wir von Paradigmen. Die Politikwissenschaftler selbst stecken in solchen Denkmodellen fest.
Sie mögen vielleicht sogar erkennen, dass ihre Denkmodelle falsch sind, das die Realität zu komplex ist, um auf hohlen Ideen wie Stabilität und Gleichgewicht zu basieren, aber sie sind nicht in der Lage, diese Modelle abzuschütteln. Hier liegt die zentrale Schwäche politischer und politikwissenschaftlicher Analysen.

Fazit: Der Wind dreht sich und wir haben keinen Einfluss darauf

Viele unserer Wahrheiten haben sich in Luft aufgelöst. Die USA haben einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt, und arabische Jugendliche entdecken die Demokratie. Im Laufe der Zeit werden wir noch viele dieser Irrtümer über Bord werfen müssen, und ich freue mich darauf.
Auffällig ist vor allem das Schweigen der Intellektuellen. Sie haben wenig zu sagen zum Internet und gar nichts zu den Umbrüchen in Asien. Die Linken fühlen sich ganz toll, weil sie ihr Weltsozialforum vom Rest der Welt unbemerkt im Senegal abgehalten haben. Ach ja, das Weltsozialforum gibt es noch, wer hätte das gedacht?
Gandhi hat einmal gesagt, dass man die Veränderung sein müsse, die man erreichen müsse. Ich denke es ist das, was wir aus Ägypten und Tunesien lernen können. Beide haben nicht nur uralte Diktaturen zerschlagen – ich war nicht mal geboren, als diese Leute an die Macht kamen – sie haben vor allem die eigenen Lethargie besiegt Daraus sollten wir auch etwas lernen, was das ist, überlasse ich dem Leser.

Weiterführendes

Emmanuel Todd. Weltmacht USA – ein Nachruf. Piper 2003
Emmanuel Todd. Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Piper 2008
Das Weblog Mädchenmannschaft befasst sich mit der Rolle der Frauen bei den Protesten
Auch die Zeit beschäftigt sich mit der Rolle der Frauen bei den Protesten in der arabischen Welt
Die aktuelle Le Monde Diplomatique beschäftigt sich mit der tunesischen Revolution und den Folgen eines Umbruchs in Ägypten für den Nahen Osten
Die FAZ beschreibt das Verhalten von ARD und ZDF während der Proteste
Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in den USA – und ihre Kritiker aus der schwarzen Community