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Der Niedergang Roms – wieso, weshalb, warum?

Guido Westerwelle hat wohl die Oppositionsrolle noch nicht so ganz abgelegt. Wie auch immer, im Augenblick schlägt er sich mit römischer Geschichte herum. Die spätrömische Dekadenz habe den Niedergang Roms herbeigeführt, und Deutschland sei mit seinen Sozialausgaben diesem Stadium Roms vergleichbar.
Als Jurist kennt Westerwelle vermutlich das römische Recht, welches prägend ist für die Gesetzgebung vieler westlicher Staaten und Vorbild für viele andere Rechtssysteme. Die Hochzeit juristischer Fernsehserien scheint seit den Richtershows vorbei zu sein: Barbara Salesch hat Matlock gekillt. Wer jenseits von John Grisham sich für die Wurzeln modernen Rechts interessiert, kann sich auch die Cicero-Biographien “Titan” und “Imperium” von Robert Harris zu Gemüte führen.
Der Niedergang von Weltreichen ist einer der spannsten Gebiete der Geschichtsforschung. Mit den Büchern zum Niedergang Roms kann man eine ganze Bibliothek füllen. Die Niedergangsliteratur an sich füllt ganze Bibliotheken und hat Historiker aller Epochen beschäftigt: Edward Gibbon, Jakob Burkhardt, Oswald Spengler, Arnold J. Toynbee und viele mehr. Man kann von einem eigenen Genre der Niedergangsliteratur sprechen.
Ich selbst habe meine Diplomarbeit über das Thema “Niedergang der USA” geschrieben, den sperrigen Titel erspare ich den Lesern. Wenn ich die Arbeit mal wieder finde, stelle ich sie online.
Das Fazit ist, dass eine ganze Reihe von Faktoren zum Niedergang eines Imperiums führen. Dabei spielen wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und militärische Faktoren eine Rolle. Die meisten Autoren neigen dazu, bestimmte Faktoren in den Vordergrund zu stellen. Dabei ist nicht überraschend, dass sie immer den Faktor betonen, der zufällig ihr Fachgebiet ist und wo sie sich besonders gut auskennen. Moderne Hobby-Historiker wie Westerwelle hingegen betonen vor allem den Faktor, der ihnen selbst wichtig ist, da reichen auch oberflächliche Geschichtskenntnisse.
Dabei ist es praktisch undmöglich, Ursache und Wirkung getrennt zu analysieren. So kann Dekadenz ebenso eine Wirkung von zu großer Macht wie eine Ursache für militärische Abenteuer sein. Experten und Laien pflegen immer noch das klassiche Schema, wonach eine Ursache genau eine Wirkung hat. Die Ermordung des Thronfolgers hat zum Ersten Weltkrieg geführt, mehr muss man nicht wissen, mehr kann man sich ohnehin nicht merken.
Jedenfalls ist es nie ein einzelner Faktor, der einen Niedergang herbeiführt. Vor allem Wirtschaftsliberale sollten vorsichtig mit ihren Aussagen sein, denn das Wirtschaftssystem, das seit 20 Jahren konkurrenzlos dasteht, ist gerade zerplatzt wie eine Seifenblase. Sicher gibt es genügend Theorien über das liberale Wirtschaftssystem, dass zum Niedergang Roms geführt hat.
Wer sich dafür interessiert, sollte das Standardwerk des deutschen Historikers Alexander Demandt lesen: “Der Fall Roms” fasst auf fast 700 Seiten die Theorien zum Niedergang des Imperiums zusammen. Wem das zuviel ist, der lese das Inhaltsverzeichnis, das gibt schon einigen Aufschluss über die Uneinigkeit der Historiker über den Fall Rom und die Vielschichtigkeit des Themas. Peter Bender vergleicht das amerikanische Weltreich mit dem römischen Imperium in seinem Buch “Weltmacht Amerika – das neue Rom?”.