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Warum das Schreiben auf dem iPad für Kreative schwierig ist

Jahrzehntelang haben Stift, Block und Tastatur den Schreibprozess bestimmt. Mit IPad, Smartphone und Handy haben sich neue Probleme für Vielschreiber ergeben, die ich im Folgenden betrachten möchte.

Kreativ versus logisch-rational

Auf der guten alten Schreibmaschine hatte man nicht allzuviele Formatierungsmöglichkeiten. Das hat sich mit dem Personalcomputer geändert. Heute würde man gewaltigen Ärger bekommen, wenn man unformatierten Text abgeben würde.
Dabei fällt auf, dass das Schreiben von Text und das Formatieren kognitiv zwei völlig unterschiedliche Aufgaben sind. Logisch wäre es, einen Satz zu schreiben, ihn wenn nötig zu formatieren, den nächsten Abschnitt zu schreiben, ihn zu formatieren und so fort. Der Vorteil liegt darin, dass man kaum eine Formatierung vergisst, die man für nötig hält. Hinterher müsste man den gesamten Text noch einmal durchgehen und gucken, wo eine Formatierung nötig ist.
In der Praxis verfährt meiner Erfahrung nach keiner so. Wir kennen alle die Geschichte über die zwei Hirnhemisphären, die eine kreativ, die andere rational. Aus der Sicht des Schreibprozesses könnte da was dran sein. Niemand unterbricht gerne seinen Schreibprozess, wenn er gerade in Fahrt ist. Da stünde die Formatierung einfach im Wege. Für mich ist das wie das Umschalten zwischen zwei Arbeitsmodi, der eine kreativ, der andere rational. Die Umschaltung würde so lange dauern, dass man am Ende keinen kreativen Gedanken zustande bekommt. Mir ist das sowohl beim Formatieren von Text mit der Textverarbeitung als auch mit HTML-Tags aufgefallen. Das Gleiche gilt übrigens auch für die Rechtschreibkorrektur oder für die logische Gliederung mit Überschriften.
Deswegen darf sich jeder glücklich schätzen, der sehr schnell schreiben kann. Denn das Aneinanderreihen von Worten ist beim Schreiben der eigentlich kreative Prozess, während das Aufschreiben als körperlicher Vorgang vollkommen rational ist. Wer schon mal einen Schnellschreiber in seiner kreativen Phase erlebt hat, weiß, was ich meine. Schneller Schreiben als Denken könnte die Devise lauten. Oder besser: Schneller schreiben als Sprechen.
Das Sprechen wäre der einzige wirklich kreative Prozessbestandteil beim Schreiben. Heute ist absehbar, dass wir in einigen Jahren nicht mehr mit der Tastatur schreiben werden – sofern wir irgendwo alleine sind – sondern Text unserem Lieblingsgadget diktieren werden. Das Gesprochene wird dann unmittelbar in Text umgewandelt und wir können zumindest diesen Teil des Prozesses vom Tippen ungebremst ablaufen lassen.
Denn die Tastatur ist nur ein Notbehelf. Wenn man nicht gerade Steno beherrscht, wird man nie schneller denken als Schreiben können. Der physische Prozess des Schreibens bremst immer das Denken aus.
Mir ist das aufgefallen, als ich auf meinem iPad zu tippen begonnen habe. Man mag über Tablets sagen, was man will, aber zum Schreiben von texten sind sie ungeeignet. Das Gerät reagiert auf Eingaben von Buchstaben sehr träge. Das Zehn-Finger-System funktioniert hier nicht.
Aber das schlimmste ist, dass man nachdenken muss, bevor man einen Buchstaben tippt. Jeder Tastaturschreiber wird bestätigen, dass man besser fährt, wenn man nicht mehr auf die Tastatur guckt. Nach einiger Zeit geht einem das Tippen auf einer Tastatur so flüssig von der Hand, dass man gar nicht mehr darüber nachdenken muss. Das bilt übrigens auch für das Schreiben von SMS auf den alten Handys mit einfachen haptischen Nummernblock. Selbst hier kann man halbwegs flott schreiben und muss nicht auf die Tastatur gucken. Beim iPad muss man hingegen immer darauf achten, ob man den richtigen Buchstaben gedrückt hat. Hier kollidiert die Rationalität mit der Kreativität und würgt sie rücksichtslos ab.
Ich sehe hier auch die Ursache dafür, dass überwigend noch auf Notizblöcke geschrieben wird, Papier hat eben doch einige Vorteile. Das man flüssig auf dem iPad schreiben kann, halte ich bisher für Zukunftsmusik. Das Schreiben als physischer Prozess muss immer intuitiv erfolgen. Sobald man Aufmerksamkeit auf den physischen Prozess lenken muss, fehlt die Aufmerksamkeit an anderer Stelle.
Letzten Endes ist es aber eine Frage der Gewönung. Die meisten Maschinenschreiber tun sich zunächst schwer, wenn sie von einer Schreibmaschine auf eine Tastatur oder von einer Desktop-tastatur auf eine Notebook-Tastatur umsteigen müssen. Es ist im Wesentlichen eine Frage der Gewöhnung. Deswegen kann es durchaus sein, dass man mit anderen Eingabegeräten bald ebensogut schreiben kann wie auf der klassischen Tastatur.

Der Yahoo! Style Guide – Handbuch für Online-Redakteure

Es gibt viele Bücher für Online-Redakteure, aber keines von ihnen stellt die Informationen in geraffter Form zusammen. Diese Lücke wird vom Yahoo! Style Guide gefüllt.

Der Aufbau

Der Guide ist stolze 500 Seiten dick. Das Inhaltsverzeichnis verrät im Grunde schon die gesamte Basis des Schreibens für das Web:

  • Schreibe für das Web
  • Finde heraus, wer deine Leser sind
  • Lege deinen Tonfall fest
  • Schreibe inklusiv
  • Drück dich klar und verständlich aus


Der Inhalt

Selbst für einen Blogger mit kleiner Leserschaft ist es sinnvoll, eine eigene Sprache zu entwickeln. Das heißt zum Beispiel, dass man bestimmte Wörter verwendet und andere nicht. Der regelmäßige Leser mag nach der Verbreitung von Twitter und Facebook seltener geworden sein, es gibt ihn aber noch. Und der wird sich schön wundern, wenn der Blogger an einem Tag einen locker-flockigen Ton anschlägt und im nächsten Beitrag plötzlich Juristen-Jargon verwendet.
Der Blogger ist in diesem Sinne eine Marke und kann ähnliche Strategien anwenden wie Unternehmen dies tun würden: ein einheitliches Design, eine einheitliche Sprache und Konsistenz. Das gilt dann umso mehr, wenn man mehr als einen Kanal bedient. Das ist übrigens das ganze Geheimnis um diese Kaugummi-Begriffe Corporate Design, corporate Wording, Corporate Language. Nebenbei gesagt: wer solche Begriffe verwendet möchte sagt etwas über sich selbst aus, er positioniert sich selbst und vermittelt diese Position oder Einstellung dem Leser. An diesem Beispiel sieht man recht gut, wie man mit Worten arbeiten kann und warum es wichtig ist, die eigene Stimme konsistent einzusetzen.
Wichtig ist auch eine klare Ausdrucksweise. Wir Redakteure verwenden viel Zeit mit der Suche nach schönen Formulierungen, anstatt mehr Wert auf Klarheit zu legen. In meinem Job arbeite ich gerne mit Beispielen, wenn ich die Aussage eines Wortes nicht klar genug finde. Diese Beispiele sind immer recht nah an der Lebenswelt meiner vorgestellten Leser.

Inklusivität

Ein Thema, um das sich Blogger und viele Firmen drücken ist die Gender-Frage. Schreibt man nun Schülerinnen und Schüler, SchülerInnnen, nur Schüler, weil weibliche da immer dabei sind oder was? Anatol Stefanowitsch hat sich damit beschäftigt und ich finde seine Aussagen überzeugend. Das Gleiche gilt dann auch für Behinderte oder Ausländer. Wer sich über Political Correctness beschwert oder sich keine Gedanken darüber machen möchte, wie man über Minderheiten oder benachteiligte Gruppen spricht, ohne sie zu beleidigen oder zu stigmatisieren, der sollte mit Verlaub einfach die Klappe halten.

Notwendige Einschränkungen

Das Buch stammt aus den USA. Wenn man aber nicht gerade amerikanisches Englisch schreibt, muss man Teile des Buchs mit Vorsicht genießen. Im letzten Teil stellt es sehr schön veraltete Regeln von Grammatik und Rechtschreibung dar, die man nicht mehr verwenden sollte. Ich würde mir so etwas für das Deutsche wünschen, denn ich bin auch dauernd am Überlegen, ob man bestimmte Wörter mit Bindestrich, getrennt oder groß schreibt. Der Duden ist mir da leider zu unübersichtlich.

Kaufempfehlung

Wenn man nur ein Buch zum Thema Online-Redaktion lesen möchte, empfehele ich den Yahoo! Style Guide. Er fasst alles Wissenswerte in kompakter Form zusammen. Und er kostet weniger als 20 Euro, die sehr gut angelegt sind. Er ist auch recht gut als Nachschlagewerk geeignet. Vor allem für Redakteure ist er auch nützlich, weil wir manchmal auch Dinge vergessen, die selbstverständlich sein sollten.

Weiterführendes

Chris Barr. The Yahoo! Style Guide: The Ultimate Sourcebook for Writing, Editing, and Creating Content for the Digital World. Griffin 2010
korolewski: Schreiben fürs Web
Texte fürs Web – Tutorial – stefanbucher.net
Barrierefreies Print – hier geht es auch um die Strukturierung von Text
Gibt es einen allgemeinen Wortschatz?

Werkstattbericht – wie entsteht ein Blogbeitrag?

Da ich arbeitsmäßig recht eingespannt bin, möchte ich heute einmal beschreiben, wie ein Blogeintrag entsteht. Der Leser soll einen Eindruck davon bekommen, wie viel Zeit und Arbeit in einem 300 – 400 Worte langen Beitrag steckt, den er in vielleicht einer Minute überfliegt.

Ein Königreich für eine Idee

Am Anfang ist der Gedanke. Irgendwie habe ich keine Lust zu schreiben, was alle Anderen schon endlos durchgekaut haben. Die 33 besten Suchmaschinentricks, die fünf besten Conversions-Ratschläge oder eine Runde Selbstbeweihräucherung, das muß nicht sein.
Hat man erst einmal eine Idee, muß man überlegen, ob sich daraus genug für einen Blogbeitrag gewinnen lässt: Gibt es einen neuen Zusammenhang, einen unbeachteten Aspekt, etwas, auf das im Idealfall noch keiner gekommen ist? Und ist das dann auch spannend für eine größere Leserschaft? Und wenn ja, passt das zu meinem Blog? Und habe ich genug Ahnung von dem Thema, um darüber schreiben zu können?
Dann schreibe ich die ersten Notizen zu dem Beitrag oder schon den ersten Entwurf. Die besten Ideen kommen, wenn man gerade etwas Ganz anderes macht. Im Idealfall sollte man immer etwas zu schreiben bei sich haben, es reicht aber auch das eigene Handy. Hier kann man sich kurze Notizen machen, die man für diesen Beitrag oder auch einen ganz anderen verwenden kann.
Schließlich kommt der Zeitpunkt, an dem ein Text finalisiert wird. Ich habe meistens drei oder vier Texte gleichzeitig in der Pipeline und warte auf den entscheidenden Kick, um sie zu finalisieren. Ich schreibe so gut wie nie spontane Beiträge. Und manche Beitragsentwürfe gehen den Weg alles Irdischen und landen im Altpapier. Gibt es eigentlich eine Wiedergeburt bei Papier, Recycling und so?

Auf der Suche nach der verlorenen Formulierung

500 Wörter runterschreiben, das geht unheimlich schnell. Würde ich das Geschriebene unmittelbar veröffentlichen, dann würde keiner meiner Leser das verstehen. Zum Einen fehlt häufig die Struktur, zum Anderen haben viele Formulierungen Ecken und Kanten.
Ohne den Feinschliff, die Strukturierung und das gnadenlose Kürzen wäre der Blog-Beitrag bestenfalls ein dadaistisches Gedicht, schlimmer als eine automatische Übersetzung durch den Google-Translator.
Stimmen alle Formulierungen halbwegs, kommt die finale orthographische Korrektur. Da gehen trotzdem einige Rechtschreibfehler durch. Dennoch sollte man die schlimmsten Schnitzer rausbekommen.

Ihr Besucherlein kommet!

Von der Idee über den Beitragsentwurf zur finalen Publikation vergehen einige Stunden. An manchen Beiträgen habe ich viele Stunden gearbeitet. Wer nicht selber schreibt, ahnt kaum, wie viel Zeit auch in kurzen Beiträgen stecken kann. Wenn ich für einen Auftraggeber arbeite, kann ich am Ende des Tages eine Rechnung schreiben. Für meinen Blog bekomme ich keinen müden Euro, obwohl er mir manchmal mehr Arbeit macht als mein Job.
Deswegen ist für den Blogschreiber, der einigermaßen regelmäßig schreibt auch wichtig, Leser für sich zu gewinnen. Ja, ich schaue regelmäßig auf die Besucherstatistik und ich freue mich, wenn die Zahl der Besucher in die Höhe steigt. Denn bis auf die spärlichen Kommentare und Links, die hier einfließen ist das die einzige Form von Anerkennung für die Arbeit, die Blogger leisten.
Im Gegensatz zu anderen Webmastern schalte ich hier keine Werbung, nicht einmal, um die Serverkosten zu refinanzieren. Ich verwende keine Schleichwerbung oder gesponserte Posts. Ich bitte auch nicht um Spenden, weil es ungefähr 5 Milliarden Menschen gibt, denen ein Euro mehr helfen würde als mir.
Die zweite Motivation hier zu schreiben besteht schlicht darin, den eigenen Namen unter einen öffentlich zugänglichen Beitrag setzen zu können. Ich freue mich über eine gelungene Formulierung, einen gut geschriebenen Beitrag und eine runde Argumentation. Wer keinen Spaß an einer guten Aufbereitung hat, sollte weder Blogs schreiben noch sie lesen.
Eine weitere Motivation zum Publizieren hat Christian Heilmann so ausgedrückt:

I
love to share my research and information, because when you set them free they can inspire and help others to get their own voices heard.

Creating And Distributing Presentations On The Web

Texten für Alle

Gutes Schreiben ist eine Kunst für sich. Viele Leute bieten interessante Inhalte an, verpacken sie aber so, dass sie unlesbar werden. Manchen Weblogs und anderen Textquellen merkt man nach fünf Wörtern an, dass sie von Juristen, Soziologen, Pädagogen, Informatikern oder anderen Experten geschrieben wurden. Der Fachjargon einiger Disziplinen treibt dem gutwilligen Leser den Schweiß auf die Stirn und lässt auch so manchen Viel-Leser ratlos zurück.
Wer nicht nur für sich selber schreibt, sollte einige elementare Regeln beherzigen. Nebenbei sollte man im Hinterkopf behalten, dass die meisten Autoren professionelle Lektoren haben, die nicht nur für Verständlichkeit sorgen sollen, sondern auch logische Widersprüche, Gedankensprünge und sinnfreie Ausflüge ihrer Schützlinge ausbügeln.
Wie lauten also diese Regeln?
– Verbal statt nominal: Kaum etwas ist schlimmer als eine Reihe von Substantiven
– aktiv statt passiv: „man…“, „jeder…“
– keine komplexen Konstrukte: „Dies würde dazu führen, dass…“
– Fremdwörter vermeiden
– Fachjargon vermeiden, besonders Juristen- oder Pädagogen-Sprech
– sparsam mit Metaphern
– sparsam mit Webjargons, starken Satzzeichen wie Frage- oder Ausrufezeichen, sparsam mit Emoticons, insbesondere dem Smiley. Häufiger Einsatz von Emoticons wirkt außerhalb von Foren oder Chats unprofessionell. Inflationär eingesetzt erzeugen sie den Eindruck, der Schreiber würde entweder sich selbst nicht ernst nehmen oder sich über sein Gegenüber lustig machen. Das Ausrufezeichen verliert seine stilistische Wirkung, schließlich betonen wir auch beim Reden nicht jeden einzelnen Satz.
– konkret und anschaulich statt abstrakt und metaphysisch: lebensphilosophische Banalitäten sollten dem Dalai Lama und Paolo Coelho überlassen bleiben
– Tipp- und Rechtschreibfehler vermeiden: Ich ärgere mich auch über jeden meiner Tippfehler. Fakt ist, dass der Leser über Rechtschreibfehler stolpert. Kommata und andere Satzzeichen sind dort wichtig, wo sie die Lesbarkeit fördern. Zudem ist es echt peinlich, wenn der Name eines bekannten Regisseurs gleich mehrfach flasch geschrieben wird, so wie beim Deutschlandfunk.
Der Rest ist Übung und Geschmackssache: ein Ratgeber erfordert einen anderen Stil als ein Blog-Eintrag. Wer sich selber einen Gefallen tun möchte, sollte seine Texte von jemand anderem gegen lesen und kritisieren lassen.

Typographie

Unter Typographie verstehe ich die Gesamtgestaltung eines Textes, das betrifft das Kerning – der Abstand der Buchstaben zueinander – Zeilenabstand, Absatzausrichtung und vieles mehr. In mehreren Jahrhunderten Textgestaltung haben sich Regeln ausgebildet, die auch für das Web gelten. Und das um so mehr, weil Texte am Bildschirm nach wie vor nicht gut zu lesen sind.
– kein Blocksatz, die Abstände zwischen den Worten sehen einfach dumm aus (schade um das WordPress-Standard-Theme)
– Absätze geben dem Text und den Gedanken Struktur und dem Auge eine Orientierungsmöglichkeit.
– Zwischenüberschriften bieten eine Art kurzer Zusammenfassung und Erlauben das Überfliegen des Textes.
– Gut lesbare Schriftarten fördern das Weiterlesen. Nur weil ein Monitor 22 Zoll Diagonale besitzt, sind 10 Pixel nicht lesbarer.
– Buchstaben- und Zeilenabstand sollten so gewählt werden, dass der Text angenehm zu lesen ist, ohne dass man die anderen Zeilen aus dem Blick verliert. Ich erinnere mich mit Grauen an die Reclam-Hefte, die nicht nur wegen ihres zumeist schweren Inhalts schlecht zu lesen waren.
– Elemente wie Zitate oder Aufzählungen sollten entweder textlich oder via HTML als solche zu erkennen sein. Eine Aufzählung von fünf Gründen für dieses oder jenes in einen Satz mit zahlreichen Kommata, Gedankenstrichen, exotischen Klammern und Anführungszeichen zu packen zeugt von der Faulheit des Schreibers. Ein Zitat ist eine Einfügung fremden Materials und sollte entsprechend auch gekennzeichnet sein.

Und weiter?

Stilfragen sind Geschmacksfragen. Dennoch gibt es Regeln, an die sich jeder Schreiber halten sollte.
– Die Gedanken sollten klar formuliert werden. Literarische Ambitionen sind oft nett zu lesen, aber meist auch unverständlich.
– Der Kern der Sache sollte immer im Blick behalten werden. Philosophische und gedankliche Ausflüge, Lebensfindung und Selbstverortung haben in Texten nichts zu suchen, die eigentlich etwas anderes zum Thema haben.
– Kurz und knapp ist zumeist besser als lang und blumig. Der Leser ist nicht immer bereit, dem Schreiber endlos auf seinen gedanklichen Pfaden zu folgen.
Gute Schreiber fallen nicht vom Himmel, Schreiben erfordert Übung und Geduld. Viel Erfolg.

Generation Text – wie das Web 2.0 uns zu Lesern und Schreibern macht

Es wird oft behauptet, die junge Generation würde immer weniger lesen. Angesichts des Harry-Potter-Wahns ist das nicht so ganz zu glauben. Doch tatsächlich gibt es jenseits von englischen Zauberbuben einen regen Umgang mit Text. Die SMS hat einen Siegeszug angetreten, den hier keiner vorausgesagt hätte. Sie sollte ursprünglich kostenlos sein. In Wirklichkeit dürften diese 140 Zeichen mehr zur Verbreitung der Handys beigetragen haben als ihre Telefonfunktion. Ebenso unwahrscheinlich war der Siegeszug von Twitter, das heute als Instrument der Meinungsfreiheit in Ländern wie dem Iran gilt.
Und nur wenige machen sich bewusst, aus wie viel Text das Web 2.0 besteht. Jenseits von Flickr und YouTube bestehen die sozialen Netzwerke vor allem aus Textmeldungen. Blogs, Podcasts (also gesprochene Texte), Foren, Chats, sie alle bestehen aus Text.
Über Twitter, Social Bookmarks und Netzwerke werden zudem massenhaft Links zu – was wohl – Netzartikeln ausgetauscht.
Hier wird oft eingewendet, da werde nur banales in schlechtem Deutsch ausgetauscht. Dazu kann man nur sagen, 90 Prozent des Gedruckten besteht aus Banalem und Nicht-Information, wie die meisten Boulevard-Magazine. Schlechtes Deutsch ist ebenfalls kein Einwand. Zum einen hat jede Jugend-Generation ihren eigenen Slang entwickelt. Zum anderen ist diese Sprache stets Absicht, sie ist ein Code, der entschlüsselt werden kann. Die SMS zwingt zur Kürze, die Texte im netz fordern eine Anreichung mit Emoticons, weil Dinge wie Ironie, Trauer, Glück oder Ärger anders kaum ausgedrückt werden können.
Eine Studie hat gezeigt, dass die Schreiber von SMS durchaus ein gutes Textverständnis haben müssen. Die häufige Verwendung von Kürzeln und Symbolen verlangt offenbar ein höheres Abstraktionsvermögen. Der Irrtum besteht vielleicht darin zu glauben, wenn man viel Platz zum Schreiben hat, würde man auch viel zu sagen haben. Doch jeder Journalist weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Je mehr Platz man hat, desto mehr neigt man zum Schwafeln. Die 140 Zeichen einer SMS oder bei Twitter sind rein zufällig die Länge, die eine Überschrift eines Artikels oder Berichts in der Zeitung nicht überschreiten sollte. Nach dieser Logik steckt in manchen 12-versigen Gedichten mehr Arbeitsaufwand als auf 500 Seiten Roman.

Die Aufhebung der Anonymität – schützen Pseudonyme und Nicknamen die Privatsphäre?

Wer sich längere Zeit an einem bestimmten Forum beteiligt, stellt sehr bald fest, dass wenige Nutzer sehr oft aktiv sind, während viele Nutzer nur ab und an dabei sind. Die bekannten Nutzer erkennt man oft am Schreibstil wieder, wenn sie etwa ihre Nicknamen verändern. Ähnlich ist das auch bei „Trollen“, Diskussionsstörern, die früher oder später igonriert werden und deshalb häufiger ihre Nicknamen wechseln. Auch sie werden am „Trollstil“ wiedererkannt. Das nennt sich Stilometrie. Das Forenbeispiel zeigt, dass man diese Stilerkennung auch sehr intuitiv verwenden kann.
Schon seit langem gibt es Versuche, die Schreiber bestimmter Texte zu identifizieren: ob es um Erpresser-Schreiben, Bekennerschreiben oder illegale Publikationen geht, stets kann es wichtig sein zu wissen, ob die Texte von einem bestimmten Autoren stammen. Dazu benötigt man eine längere Schreibprobe dieser Person. Inzwischen scheint es Software mit recht guter Erkennung zu geben.
Die Idee der Stilometrie ist nicht neu. Gelegentlich erkennen Experten, dass Kunstwerke nicht von den berühmten Künstlern stammen, denen sie zugerechnet werden. Oder umgekehrt, das Kunstwerk eines Unbekannten wird einem bekannten Künstler zugeordnet – alles mit drastischen Folgen für den monetären Wert des Kunstwerks. Statt Farbwahl, Pinselführung oder sonstiger Eigenart lassen sich bei der Stilerkennung ähnlich typische Eigenschaften identifizieren: hartnäckige Fehler in der Orthographie, ein Faible für bestimmte oder seltene Worte und Phrasen, die Verwendung bestimmter Metaphern, bevorzugte Satzkonstruktionen, die Verwendung bestimmter Adjektive und Verben sowie unzählige statistische Methoden.
Interessant wird es dann, wenn Texte aus der Vergangenheit den Schreiber einholen. Für Historiker wie für die Staatsanwaltschaft kann es etwa höchst interessant sein herauszufinden, wer bestimmte Schreiben der RAF verfasst hat. Andererseits ließe sich auch herausfinden, dass Leute ihre Bücher nicht selber geschrieben oder plagiert haben. Uralte vergessene Forenbeiträge ließen sich ihren Schreibern zuordnen, wodurch sie identifzierbar werden.
Voraussetzung für das alles ist natürlich, dass eine Original-Schreibprobe in ausreichender Länge vorliegt, wobei natürlich die Zahl der Proben recht groß sein müsste, um für eine Untersuchung interessant zu werden.

Insofern muss man die Frage in der Überschrift eindeutig bejahen. Vor allem in Staaten mit mangelnder Meinungs- und Pressefreiheit kann die Anonymität lebenswichtig sein. Das Web spielt eine große Rolle, wenn es um die Verbreitung ungenehmer Informationen geht. Daher ist es für Menschen, die diesen undankbaren Job übernehmen wichtig, nicht nur Werkzeuge zur Anonymisierung, sondern auch zur Pseudonymisierung ihrer Texte zu haben, damit sie unerkannt bleiben können.

Jeder Mensch ein Schriftsteller – das E-Book und die Zukunft des Lesens und Schreibens

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt. Im Grunde suchen wir unser Leben lang nach einer Geschichte unseres Ursprungs, die uns sagt, warum wir geboren sind und warum wir leben. … Manchmal hoffen wir, unsere persönliche Geschichte mit der des Universums ineins zu bringen.“ Umberto Eco. Im Wald der Fiktionen. Carl-Hanser Verlag 1994, Seite 182

Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser. Es finden sich manchmal Aussprüche in ihnen, die genau auf unsere Verhältnisse zutreffen, die, wenn wir sie richtig lesen und verstehen, für unser Leben heilsamer sein können als der Morgen oder der Frühling und vielleicht allen unseren Angelegenheiten ein neue Wendung geben. Wie viele hatten nicht einem Buch eine neue Ära ihres Lebens zu verdanken! Irgendwo ist das Buch vielleicht vorhanden, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart. Was uns selbst noch unaussprechlich erscheint, findet sich vielleicht bereits irgendwo ausgesprochen. Die gleichen Fragen, die uns beschäftigen, beunruhigen und verwirren, haben von jeher alle Menschen beschäftigt. Nicht eine einzige von ihnen ist übergangen worden. Und jeder hat sie seiner Veranlagung nach mit seinen Worten und seinem Leben beantwortet.“ Henry David Thoreau. Walden

Die Jahre 2009/2010 dürften entscheidend für den Durchbruch des E-Books werden: Neben Sony werden eine ganze Reihe weiterer Anbieter wie Amazon, TXTR und andere Geräte anbieten, die via E-Ink-Technik das elektronische Lesen erleichtern wollen.
Gedruckte Bücher bald Geschichte?
Mit den Geräten sollte auch die Zahl deutschsprachiger Angebote steigen, die Augenblick noch gering ist.
Derzeit bleibt noch zu befürchten, dass die Buchindustrie die gleichen Fehler machen wird wie die Film- und Musikindustrie zuvor: Inkompatible Formate, restriktive Schutzmechanismen und unangemessene Preispolitik.
Im Gegensatz zu früher wird das Lesen flüchtiger: ein Buch war bisher ein physischer Gegenstand, den man besitzen, ins Regal stellen, verkaufen oder ausleihen konnte. Vorstellbar sind mehrere Eigentumsmodelle. Für einen niedrigen Preis wird ein Buch angeboten, welches nur auf einem bestimmten Gerät lesbar ist, das aber weder weiter verkauft noch anders weiter gegeben kann.
Für einen höheren Preis oder gar den Ladenpreis müssen allerdings die gleichen Bedingungen gelten wie für gedruckte Bücher: Weitergabe, Übertragung von einem Gerät auf ein anderes, Ausdrucken.
Das digitale Buch hat das Potential, das Veröffentlichen und Lesen von Texten nachhaltig zu verändern. Vor allem im Web 2.0 dominiert derzeit noch das Schreiben von Häppchen-Texten. Auch mit guten Bildschirmen ist das Lesen am Bildschirm weder angenehm noch energetisch effizient. Einen kompletten PC laufen zu lassen, um darauf Texte zu lesen oder Musik zu hören, ist sicherlich nicht zielführend.
Vor allem unbekannte Schriftsteller haben via Eigenverlag die Möglichkeit, ihre Texte kostengünstig an den Leser zu bringen. Auch bekannte Autoren erhalten nur einen Bruchteil des Kaufpreises, der Rest geht an Verlage und Buchhandel. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch ganze Magazine mit Kurzgeschichten, die zwischenzeitlich ausgestorben sind, aber eine ideale Lektüre für die Heimfahrt von der Arbeit darstellen.
Auch Weblogs und andere benutzergenerierte Inhalte in Textform lassen sich wegen ihrer Kürze ideal auf solchen Geräten lesen. Das selbe gilt für längere Zeitungs- und Magazintexte wie Features und Reportagen, die kaum jemand gerne am PC lesen möchte. Dazu müsste sich allerdings die Qualität der Bilddarstellung verbessern, die auf E-Book-Readern eher mau ist.
Joseph Beuys meinte, jeder Mensch sei ein Künstler. Man kann weiter gehen und sagen, jeder Mensch ist ein Schriftsteller. Zumindest ist jeder Mensch ein Experte für ein bestimmtes Thema und in der Regel kann er auch interessant über ein Thema schreiben, welches ihn persönlich begeistert.
So mancher Weblog hat bereits eine größere Reichweite als manche Lokalzeitung. Spezialblogs zu eher abseitigen Themen können eine kleine, dafür aber um so interessiertere Leserschaft erreichen.
Letzten Endes kann sich das Ganze auch finanziell lohnen: Eine interessierte Leserschaft ist eher bereit, kleine Beträge zu bezahlen. Dabei macht „Kleinvieh auch Mist“.
So mancher etablierter Schriftsteller erhält nur einen Bruchteil des Buchpreises und muss sich mit Übersetzungen oder anderen Arbeiten seinen Lebensunterhalt verdienen. Nur ein Bruchteil der Schriftsteller kann nur vom Schreiben leben.

Lesenswertes