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Neues von NVDA

Nonvisual Desktop Access (NVDA) wandelt sich schnell vom Nischenprodukt zur echten Konkurrenz zu Jaws und Co, eine ausführliche Einführung gibt es hier. Der nächste Sprung von Windows XP zu einer höheren Version dürfte den kommerziellen Konkurrenten das Leben schwer machen. Mit Windows 8 wird es zumindest eine einfache Sprachausgabe geben, außerdem werden viele Blinde auf den Mac umsteigen, weil sie keinen neuen kommerziellen Screenreader finanziert bekommen. Und vielen Windows-Usern wird kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich einen neuen Screenreader anzuschaffen, dessen Finanzierung durch die Krankenkassen immer schwieriger wird.
Zumindest im privaten Bereich dürften Jaws und Co. früher oder später die Puste ausgehen. Einfache Texte schreiben ist mit NVDA kein Problem. Im Internet ist er zudem fast überall besser.
Der einfache Grund dafür ist, dass NVDA sich dynamisch weiter entwickelt und – da er kostenlos ist – den Anwendern auch sämtliche Aktualisierungen nach Veröffentlichung unmittelbar zur Verfügung stehen. Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass kommerzielle Screenreader nach durchschnittlich fünf Jahren neu angeschafft werden – das ist heute eine Ewigkeit.
Tortendiagramm Anteil der Screenreader
Screenreader-Anteile laut dem WebAIM-Screenreader-Survey 2012

Laut dem Screenreader-Survey von WebAIM verwenden mehr als ein Drittel der Blinden kostenlose bzw. günstige oder systemeigene Screenreader wie NVDA, VoiceOver und System Access.
Währenddessen scheint Freedom Scientific die gleiche Krankheit befallen zu haben, die bei Adobe grassiert: die Featuritis. Die Programme werden mit zweifelhaften Features immer weiter aufgeblasen, während Stabilität, Geschwindigkeit und Fehlerfreiheit auf der Strecke bleiben. Auf meinem Notebook braucht Jaws 11 glatte fünf Minuten, um zu starten, Jaws 9 braucht ca. 30 Sekunden, NVDA weniger als zehn Sekunden.
Die andere Bedrohung kommt von Windows 8, dass eine zumindest rudimentäre Sprachausgabe integriert haben wird.

Alternativen zu eSpeak

Einige Blinde mögen eSpeak nicht besonders, vor allem im Vergleich zu den Stimmen von VoiceOver klingt eSpeak recht blechern. Allerdings braucht man auch eine ganze Weile, um sich überhaupt an Sprachausgaben zu gewöhnen und eSpeak ist immer noch besser als
Microsofts Sam. Viele Blinde wissen aber nicht, dass es Varianten von eSpeak gibt, die sich ein wenig besser anhören als die Standardstimme. Dazu gehen wir folgendermaßen vor: Wir starten NVDA, wählen mit Einfg + N das Kontextmenü, unter Einstellungen Stimmeneinstellungen. Unter „Variante“ können wir eine Stimme auswählen. Wenn man das Feld ausklappt, hört man den Klang der Stimme erst, wenn die Stimme ausgewählt und die Auswahlliste zugeklappt wurde. Lässt man die Liste geschlossen und geht mit der Cursor-Taste rauf bzw. runter, hört man sofort, wie die Stimme klingt. Die Varianten „Test“ oder „Max“ zum Beispiel klingen für meine Ohren besser, einige Stimmen klingen wie das vokalisierte Äquivalent von Wing Dings oder würde jemand ernsthaft mit „Ani“ arbeiten?
Mittlerweile werden auch kommerzielle Stimmen speziell für NVDA angeboten. Für rund 95 US-Dollar kann man sich die Stimmen kaufen, die für viele Blinde zum Alltag gehören, einige dieser Stimmen werden auch in iOS verwendet. Die Stimmen können auch in die portable Version von NVDA integriert werden.

Mit der kostenpflichtigen Erweiterung VTURBO können einige Funktionen nachgerüstet werden, zum Beispiel Stimmenprofile für unterschiedliche Situationen oder bessere Vorlesefunktionen.

Weitere Vorteile

Seit der Version 12 gibt es in NVDA einen Erweiterungsmanager, der unter anderem für die oben erwähnten Stimmen benötigt wird.
Was noch fehlt ist ein Modus, mit dem eigene Skripte geschrieben werden können, um Programme nachträglich screenreader-gerecht zu machen. Jaws z.B. hat eine eigene Skriptsprache für solche Zwecke. Eventuell bieten die Plugins eine äquivalente Möglichkeit, das habe ich bisher nicht geprüft.
Eine wirklich feine Sache sind die automatischen Updates. Bisher mussten die neuen Versionen immer auch neu installiert werden.
Mit dem Browser Chrome wird ein weiterer Browser unterstützt. Chrome ist ein wenig flotter als Firefox und wesentlich besser als der Internet Explorer.
Eine nützliche Erweiterung ist MouseGuide. Sie ermöglicht es, nicht mit der Tastatur erreichbare Schaltflächen zu markieren, um den Mauscursor dorthin zu steuern und so diese Schaltflächen anzuklicken.
Mittlerweile kann aus der installierten Version von NVDA heraus eine portable version erzeugt werden. Der Vorteil liegt darin, dass die eigenen Einstellungen direkt übernommen und die portable Version nicht neu konfiguriert werden muss.
Inzwischen werden auch die Zugänglichkeitsfeatures vom Acrobat Reader unterstützt. Bei der letzten Version von NVDA, wo ich das getestet hatte lief das noch nicht, das ist aber auch schon lange her. So viele barrierefreie PDFs gibt es leider noch nicht.
NVDA ist sehr genügsam. Auf meinem Uralt-Laptop habe ich selbst eine uralte Jaws-Version nicht zum Laufen bekommen, NVDA war nach wenigen Minuten betriebsbereit. Der Jaws-eigene Grafiktreiber hat schon manche Notebooks zum totalen Crash gebracht.
In der aktuellen Version gibt es eine Unterstützung für die Metro-Oberfläche von Windows 8. Das Rennen zwischen den Screenreadern wird wirklich spannend, wenn es darum geht, wie Win 8 zugänglich gemacht wird. Es ist der Bruch von einem maus- und tastaturbasierten hin zu einer touchoptimierten Oberfläche. Die klassischen Screenreader sind darauf nicht eingestellt. Am ehesten lässt sich die Touch– mit der Mausbedienung vergleichen.
Auch für Sehbehinderte kann NVDA interessant sein. Schon seit längerem liest NVDA Elemente vor, wenn sie mit dem Mauscursor überfahren werden, zum Beispiel Links oder Formularelemente.
Das sind nur einige der vielen Features von NVDA, ich will nur zeigen, wie vielseitig dieser Screenreader ist und das es sich durchaus lohnt, ihn auszuprobieren.

Spendenfaulheit

Wie wir an der kurzen Krise von WebVisum gesehen haben, wird es immer wichtiger, für Projekte wie NVDA oder WebVisum zu spenden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie jemand 500 Euro für ein iPhone ausgeben kann und sich zugleich über Apps aufregt, die einen Euro kosten. Als ob die Entwickler von Luft und Liebe leben könnten, wobei sie statt Liebe Ärger bekommen, weil Button Nummer 12 falsch beschriftet wurde.
Die Bereitschaft, für ein nichtmaterielles Produkt zu bezahlen scheint auch unter Blinden sehr gering zu sein. Das gilt insbesondere dann, wenn man keine direkte Gegenleistung erhält, schließlich hat man das Programm ja schon, also warum noch bezahlen? Sollten NVDA oder WebVisum eines Tages tatsächlich wegen mangelnder finanzieller Unterstützung eingestellt werden, dann wissen die Blinden zumindest in diesem Fall, wer daran schuld ist: Sie selbst.

OpenOffice für Menschen mit Behinderungenzugänglich machen

OpenOffice ist eine interessante Alternative zu Microsoft Office. Viele Kritikpunkte an OOo haben weder Hand noch Fuß. Es mag sein, dass es einige Funktionen aus MSO in OOo nicht gibt, aber die wenigen Hardcore-Nutzer, die mehr als 5 Prozent der Funktionalität eines durchschnittlichen Office-Pakets verwenden, sollen auch den dreistelligen Betrag für Microsoft Office ausgeben.

Das hier beschriebene gilt analog auch für LibreOffice. Eine gute auf OOo basierende Alternative ist IBM Lotus Symphony. Sie läuft wesentlich flotter als OOo und wird von den Entwicklern von NVDA empfohlen.

Dass Word-Dokumente sich nicht ohne Weiteres öffnen und speichern lassen ist eher Microsoft anzulasten. Dass Microsofts Office-Paket oft genug Probleme hat, ältere Dokumente der eigenen Produktreihe zu öffnen, hat inzwischen auch jeder mitbekommen.

OpenOffice ist in der Standardkonfiguration für Screenreader nicht zugänglich. Die Zugänglichkeitsoptionen müssen aktiviert werden und das erfordert an einigen Stellen Hilfe von Sehenden.

Zunächst einmal muss die Java Access Bridge installiert werden. Außerdem muss eine Java-Laufzeitumgebung installiert sein.

Dann startet man OOo und wählt unter Extras -> Optionen den Bereich Zugänglichkeit. Hier klickt man das erste Feld „Unterstützung behindertengerechter Zugangsprogramme“ an.

Gegebenenfalls muss noch unter Optionen unter Java „Eine Java-Laufzeitumgebung verwenden“ aktiviert werden, was aber in der Standardkonfiguration schon aktiviert sein dürfte.

Ich habe die Zugänglichkeit von OOo für Blinde und Sehbehinderte nur oberflächlich und natürlich mit vollkommen veralteter Software getesttet. Deshalb will ich generell keine Aussagen zur Zugänglichkeit der einzelnen Anwendungen machen. Ich werde es mal intensiver ausprobieren und einen Bericht zur Bedienbarkeit abgeben.
Nach meinen Tests denke ich, dass OpenOffice insbesondere durch die Java-Laufzeitumgebung so stark ausgebremst wird, dass es praktisch unbenutzbar ist. Das gilt für die aktuellen Versionen 3.x. Es hängt weniger mit dem hohen Bedarf an Arbeitsspeicher zusammen. Ohne Java braucht OpenOffice recht lang für den Start, läuft dann aber recht gut. Mit Laufzeitumgebung können einige Aktionen mehrere Minuten dauern, so viel Geduld bringt wohl kein Nutzer wirklich auf. Daher rate ich zur Nutzung des Ablegers IBM Lotus Symphony, dass die Accessibility-Schnittstellen anders implementiert hat und daher nicht von der Java Access Bridge abhängig ist. Auch Symphony ist speicherhungrig, sollte aber auf halbwegs aktuellen Computern gut laufen.

Weiterführendes

Zugängliches PDF mit OpenOffice

Sollten Webseiten mit Screenreadern getestet werden?

Diese Frage wird in einem englischsprachigen Weblog gestellt. Darauf gibt es eine recht eindeutige Antwort. Nein, es sei denn, die Website wird primär von Blinden und Screenreader-Nutzern aufgesucht.

Bis heute verwechseln viele Webdesigner und Frontend-Entwickler Barrierefreiheit mit blindenfreundlich. Das ist teilweise berechtigt: Menschen mit motorischen Einschränkungen verwenden oft die Tastatur statt der Maus, so dass sie ähnlich wie Blinde durch eine Website tabben. Andererseits: wenn jemand aus motorischen Gründen keine Maus benutzen kann, wird er wohl auch Schwierigkeiten haben, eine Tastatur zu bedienen.

Das wird vor allem dann relevant, wenn man wie bei Access-Keys üblich zwei oder drei Tasten gleichzeitig drücken muss, um eine Aktion auszulösen oder einen seiteninternen Bereich anzuspringen. Übrigens käme wohl kein webdesigner auf die Idee, einem sehenden Nutzer so eine Akrobatik aufs Auge zu drücken.

Bei dem Thema Barrierefreiheit bleiben vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten und geringen Internet-Erfahrungen komplett außen vor. Sie werden von der Vielzahl an Elementen gestört, sie wissen oft nicht, was anklickbar ist und was nicht und häufig genug ist die Navigation von Marketing- statt von Usability-Aspekten geprägt.

An dieser Stelle laufen Usability- und Accessibility eindeutig zusammen. Allerdings haben sich Usability-Tests – mehr oder weniger – fest etabliert, während man Zugänglichkeitstests mit Nutzern bisher kaum findet.

Ich frage mich allerdings auch, was einen Webdesigner oder Frontend-Entwickler zum Zugänglichkeits-Guru qualifiziert. Die Lektüre der BIT-V und der WCAG ist zwar langatmig, aber sicher nicht ausreichend. Und hier kommen wir zum Ausgangspunkt zurück: Nicht jede Website sollte mit einem Screenreader getestet werden, aber der Webworker sollte zumindest einmal intensiver mit einem Screenreader (und anderen Zugänglichkeitstechniken) gearbeitet haben.

Wir müssen es zugeben: die WCAG ist schön und gut, aber für den arglosen Leser total unverständlich. Er versteht nicht, warum Überschriften als HTML-Headline umgesetzt werden sollen, warum Formularlemente Labels brauchen und warum jeder Winkel der Seite mit der Tastatur erreichbar sein soll. Und wenn der Webworker nicht praktische Erfahrungen mit Hilfstechniken sammelt (und frisch hält), wird er vermutlich sein Pflichtprogramm abspulen, aber ohne Phantasie und Interesse. Denn er weiß, dass er etwas Bestimmtes tun muss, er kann aber nicht nachvollziehen, warum er es tun soll. So kommen Webseiten mit einem Dutzend Sprungankern am Anfang der Seite zustande, deshalb werden unsinnige Access-Keys generiert und deshalb sehen viele – vorgeblich – barrierefreie Websites so aus, als ob sie auf einem 14-Zoll-Schwarzweiß-Monitor kreiert wurden.

Querlesen für Blinde

Blinde können oftmals schneller im Web unterwegs sein als Sehende. Das mag zum Einen daran liegen, dass sie sich kaum von optischen „Eye-Catchern“ ablenken lassen. Zum Anderen liegt es aber daran, dass sie einige Vorteile des Screenreaders in Kombination mit der Tastatur nutzen können.
Mit einiger Übung kann man mit der Tastatur wesentlich schneller arbeiten als mit der Maus. Der Touchscreen mag einiges für sich haben, man darf aber gespannt sein, ob man mit ihm wirklich komplexe Aufgaben wie das Formatieren eines Textes, das Beschneiden oder gar Manipulieren eines Fotos oder andere Bearbeitungsaufgaben besser, schneller und komfortabler als mit einer Tastatur lösen kann.

Der Marktführer bei Screenreadern Jaws bietet ein paar interessante Funktionen an. Ich bin mir gar nicht sicher, ob viele Menschen diese Funktionen tatsächlich kennen, manchmal stößt man durch Zufall – etwa durch das versehentliche Drücken mehrerer Tasten – auf neue Funktionen, die man vorher noch nicht entdeckt hatte.

Mit der Tastenkombination Einfg+F7 kann man sich alle Links einer Website anzeigen lassen. Bei einigen Medien kann man so die Überschriften von Artikeln lesen, in Shops die Namen der Produkte erfahren usw.

Mit Einfg+F6 kann man sämtliche Überschriften einer Seite lesen, hilfreich zum Beispiel wiederum bei Medien oder auch dort, wo Teilbereiche der Seite mit Überschriften bedacht sind wie die Navigation.

Mit Einfg+F5 kann man sich sämtliche Formularfelder einer Website anzeigen lassen, hilfreich etwa bei langen und unübersichtlichen Formularen. Schade eigentlich, dass Jaws nicht direkt eine Eingabemaske generiert, zum Eingeben von Daten muss man zur Website zurückkehren.
Die Killerapplikation erreicht man mit Einfg+F3, da kann man sich viele Elemente der Website wie Anker, Listen oder Tabellen auflisten lassen.

So erklärt sich der Hintergrund vieler Regeln der barrierefreien Webgestaltung. Auch wenn viele Dinge sich aus em Kontext erschließen lassen, liegt dieser Kontext eben nicht immer vor. Auch, aber nicht nur deswegen, sollte man ordentliche Linktitel, Überschriften und Formularbenennungen vornehmen.

Werkzeuge zur Barrierefreiheit von Web- und anderen Inhalten

Hier eine kleine Sammlung von Werkzeugen, die Inhalte zugänglich machen können. Wer etwas ergänzen möchte, kann das gerne über die  Kommentarfunktion tun. Diese Tools sind vor allem für Sehbehinderte und Blinde interessant. Leider kann ich mangels eigener Erfahrung keine Werkzeuge für andere Behinderte empfehlen.
Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass Urheberrechte und Copyrights zu beachten sind, wenn etwa Videos oder PDFs heruntergeladen oder umgewandelt werden.

Screenreader für Windows
Es gibt zwei freie Screenreader für Windows, die auch Deutsch „sprechen“

Thunder
http://www.screenreader.net/

NVDA Non-visual Desktop Access
http://www.nvda-project.org/

Die Betriebssysteme Ubuntu und Knoppix offerieren mit Orca und ADRIANE eine eingebaute Screenreaderlösung. Apples aktuelles Betriebssystem Mac OS X 10.6 und höher hat ebenfalls einen Screenreader namens VoiceOver an Bord.

YouTube per Tastatur steuern

Accessible Interface to YouTube
http://tube.majestyc.net/

EasyYoutube
http://icant.co.uk/easy-youtube/

Video2mp3 – Videos verschiedener Plattformen in mp3 umwandeln und  herunterladen
http://www.video2mp3.net/

Accessible Twitter
http://www.accessibletwitter.com/

Videos in MP3 herunterladen kann man auch mit dem Programm Free Youtube to mp3 converter von der Firma DVD Videosoft
http://www.dvdvideosoft.com/products/dvd/Free-YouTube-to-MP3-Converter.htm
Vorsicht bei der Installation, das Programm bringt eine unsinnige Toolbar huckepack mit, die sich in den Browser einklinkt und sich schwer wieder entfernen lässt. Bei der Installation sollte man den entsprechenden Haken entfernen.

PDFs lesen
Wer einen einfacheren Zugang zu PDF-Dateien haben möchte, kann die
HTML-Ansicht von Google verwenden, die sich früher unterhalb des PDF-Dokuments befand. Mittlerweile ist sie hinter dem Punkt „Schnellansicht“ verborgen, wo man eine reine HTML-Ansicht auswählen kann.

PDFill – PDF Tools
http://www.pdfill.com/
Eine sehr schöne mit Tastatur bedienbare Sammlung von PDF-Werkzeugen. Sehr schön ist die Möglichkeit, unnötigen Nutzersperren zu entfernen und damit PDFs für den Screenreader zugänglich zu machen.

WebVisum – Erweiterung für den Firefox
http://www.webvisum.com/
Der Firefox ist mit aktuellen Screenreadern zugänglich. Mit der Erweiterung WebVisum kann man ein paar Features nachrüsten wie das Lesen von CAPTCHAS.

Eine Sammlung nützlicher und blindengerechter Programme gibt es hier
http://www.iscb.de/downloads/winindex.htm

Wer weitere Tipps hat, immer her damit.

Kleine Anmerkung: Ich muss mich dafür entschuldigen, dass die Links nicht anklickbar sind. Ich dachte eigentlich, WordPress würde automatisch anklickbare Links generieren. Ich werde das so bald wie möglich in Angriff nehmen.

Zugänglichkeit – über Shells, GUIs und Audio

Das Leben des blinden Computernutzers bleibt immer spannend. Er darf sich jedes Mal aufs Neue überraschen lassen, ob er ein bestimmtes Programm bedienen kann oder nicht. Viele Programme lassen sich zumindest teilweise über Tastatur bedienen, viele andere aber nicht. Spaßig wird es, wenn sich Teile des Programms per Tastatur erreichen lassen, andere Funktionen aber hinter Icons auf der Programmoberfläche versteckt sind. Im zweifelsfall wird der Blinde nie erfahren, dass es solche Funktionen gibt. Blinde sind nämlich ebenso wenig geneigt, Dokumentationen zu lesen wie Sehende.

Dabei könnte alles so einfach sein, wenn die Programmierer und Entwickler die Tastatur nur als einen Zugangsweg betrachten würden, der mit der Maus gleich berechtigt ist. Spannend wird es jetzt, weil sich zwischen Maus und Tastatur nun der Dritte Weg über Touchpads etabliert. Alle komplexen mobilen Betriebssysteme werden ohne Anpassung für Touchscreens scheitern.

Es ist ein offenes Geheimnis: Benutzer von Tastatur und der Kommandozeile kommen nach einer gewissen Einarbeitung schneller zum Ziel als die Benutzer graphischer Oberflächen. Eine große Ausnahme ist die Fotobearbeitung. Die Textverarbeitung hingegen ist ein gutes Beispiel: Ein Darstellungsproblem ließe sich in HTML wesentlich schneller lösen als etwa in einem Word-Dokument.
Die Kommando-Zeile ist die Alternative zur GUI, die Tastatur ist die Alternative zur Maus, der audivitive Zugang ist die Alternative zum optischen Zugang.
Wenn man heutzutage mehrere Hundert Euro für ein Betriebssystem ausgibt, dann sollte man auch den Zugang bekommen, den man benötigt. Microsoft aber hat bis heute im Gegensatz zu anderen keinen auditiven Zugang zu seinen Betriebssystemen. Im Gegenteil, viele grundlegende Funktionen sind nur per GUI und Maus zugänglich. Das Unternehmen hat viel Geld in eine graphische Benutzeroberfläche gesteckt, die kein Mensch wirklich braucht, aber keinen Euro in einen Zugang, der auch Blinden zugute kommt.
Nebenbei bemerkt nutzen solche Zugänge auch Menschen mit Lern- oder Leseschwäche, die sich damit auch die Oberfläche erschließen oder sich lange Texte vorlesen lassen können.

Windows kommt ohne eigenen Screenreader aus

Update: Da dieser Beitrag noch recht häufig aufgerufen wird, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass für Windows 8 ein Screenreader und verbesserte Zoommöglichkeiten für Sehbehinderte angekündigt sind. Da Win8 auch auf den Windows-Tablets eingesetzt wird, kann man von einer grundsätzlichen Nutzbarkeit ausgehen. Erfahrungsgemäß wird es noch einiges an Zeit dauern, bis Windows komplett mit Screenreader nutzbar ist, aber im Augenblick kann niemand außer Microsoft selbst sagen, wie gut Win8 von Haus aus für Blinde bedienbar sein wird. Bis dahin sollte man auf NVDA setzen.

Ein Screenreader ermöglicht blinden Nutzern die Verwendung eines Computers. Mittlerweile haben Apple und Linux-Distributionen von Haus aus eingebaute Screenreader. Nur der Platzhirsch Microsoft verzichtet konsequent darauf.
Die wenigsten Leute sind sich bewusst, wie teuer so ein Screenreader ist. Für den Preis eines Screenreaders kann man sich mehrere Computer mit Vollausstattung auf den Tisch stellen, die bringen nur nichts, wenn man blind ist und keinen Screenreader hat.
Die horrenden Preise von Hilfsmitteln sind ein Dauerthema. Faktisch führt das dazu, dass Blinde fünf bis zehn Jahre hinter der aktuellen Technik zurückbleiben. Bei Windows XP hat das sicherheitsrelevante Folgen. Viele der Nutzer des Internet Explorer 6 oder anderer unsicherer Software dürften Blinde sein, die nicht updaten können oder wollen, weil ihre veraltete Hilfsmittelsoftware die jeweils aktuellen Programme nicht unterstützt. Jede Änderung des Systems kann zur Folge haben, dass der Screenreader stumm bleibt. Es gibt einen freien Screenreader für Windows, den NVDA, der allerdings noch nicht reibungslos einsetzbar ist.
Für Blinde ist es zudem ein großer Schritt, wenn sie von einem Betriebssystem auf ein anderes wechseln. Graphische Benutzeroberflächen erleichtern für den Normaluser den Umstieg, der Blinde muss aber nicht nur ein neues Betriebssystem, sondern auch die neue Bedienungsphilosophie seines Screenreaders kennenlernen.
Auch für das neue OS von Microsoft für mobile Geräte scheint keine blindengerechte Bedienung vorgesehen zu sein. Hier könnte MS ordentlich Federn lassen, denn Apples iPhone und Googles Android haben bereits oder sollen eine von Blinden bedienbare Oberfläche bekommen.

Hilfsmittel für Sehbehinderte im Eigenbau

Die meisten Nicht-Behinderten kriegen selten mit, wie teuer Hilfsmittel wie Hörgeräte, Vorlesesoftware und andere unentbehrliche Technik sein kann. Das Kartell der Brillenhersteller hätte ein heilsamer Schock sein können, wird aber wirkungslos verpuffen.

Für die Preise der Hilfsmittel sind die drei Gruppen allesamt mitverantwortlich: Die Hersteller setzen ihre Preise hoch, die Kostenträger bezahlen diese Preise und die Empfänger kümmern sich nicht weiter darum.

Ein Lamento anzustimmen wird unsere Probleme aber nicht lösen. Stattdessen ist Erfindergeist und Innovationsmut gefragt. Zumindest Blinde und Sehbehinderte können sich ihre Hilfsmittel teilweise selbst zusammenschrauben.

Ein Monokular ist ein kleines Fernglas, mit dem Sehbehinderte weit entfernte Objekte lesen können. Da sind zum Beispiel die Anzeigen am Bahnhof, die Nummern von Bussen oder die Namen von Haltestellen. Die Dinger sind gar nicht billig und physikalisch in der Vergrößerung beschränkt. Jede Digitalkamera mit TFT erreicht eine bessere Vergrößerung. Die Screens und Zoomfähigkeiten selbst von Handys sind recht ordentlich, entsprechendes kann man im Laden ausprobieren. Zu achten wäre noch auf die Akkulaufzeit.

Ein Bildschirm-Lesegerät besteht aus einem Bildschirm und einer Kamera. Die Videokamera für ein Lesegerät sollte ohne Zeitverzögerung arbeiten und einen guten optischen Zoom haben. Außerdem benötigt man eine Lichtquelle, wofür sich eine Tischlampe einsetzen ließe. Mit beidem sollte man reichlich experimentieren, in diesem Falle dürfte das ganze Paket bestehend aus Bildschirm – den hat man meistens eh schon – einer GUTEN Kamera und ein starken Tischlampe immer noch leistungsfähiger und mehrseitig einsetzbarer sein als ein Bildschirmlesegerät.

Im Computer-Bereich gibt es mittlerweile reichlich Alternativen zu kommerziellen Screenreadern. NVDA für Windows, diverse Systeme für Linux und Apples voiceover für Macs. Handys kommen mit VoiceOver oder Screenreadern für Android. Kleine Netbooks lassen sich ebenfalls problemlos mit einer Linuxvariante oder NVDA ausstatten. Leider gibt es noch keinen Ersatz für Braillezeilen. Wer noch mehr Anregungen hat, wir freuen uns immer auf Hinweise.

Screen-Reader-Fun oder wie ich lernte, Reed zu lieben

Reed ist ein Plappermaul. Stundenlang kann er reden in einem Tempo, das andere Leute zum Wahnsinn treiben würde. Gut, dass Reed kein Mensch ist;-)

Reed ist die Stimme meiner Sprachausgabe. Eine Sprachausgabe gibt den Inhalt des Bildschirms als Sprache aus. Man kann deutlich erkennen, dass hier kein Mensch redet, obwohl die Qualität der Sprache unglaublich gut ist. Dazu muss man die alten Sprachausgaben kennen, die oft Worte schlecht ausgesprochen und Betonungen falsch gesetzt hatten.

Einige Bahnhofe setzen ja ähnliche Systeme ein, der Bahnhof Siegburg etwa sagt Züge auf diese Weise an. Da hört man deutlich, dass es sich dabei nicht um einen Menschen handelt, weil Sprachpausen falsch gesetzt, Worte falsch ausgesprochen oder betont werden. Sie ist allerdings deutlicher als manch menschlicher Ansager. Am Kölner Hauptbahnhof hört man recht oft undeutliche Durchsagen, was allerdings auch an der Qualität der Anlage liegen kann.

Doch auch Reed hat seine Schwächen: Ähnlich wie bei der Rechtschreibkorrektur hat man den Eindruck, er würde neue Wörter erfinden. Wenn er Google wie Google und nicht wie Gugel ausspricht, kann man sich noch daran gewöhnen. Was aber soll Kanzenungleichheit bedeuten?

Ich bekam einen Lachanfall, als ich nach Jahren herausfand, dass Kanzenungleichheit eigentlich „Chancenungleichheit“ bedeuten sollte! Das ist deshalb seltsam, weil Reed das Wort Chance korrekt wie Schonze aussprechen kann.

Ein anderes Rätsel konnte ich bisher nicht lösen, in Webseiten liest er gerne etwas, was wie Grafik Cedak klingt. Irgendwas osteuropäisches? Falls die Sprachausgabe sich auch bei E-Book-Readern durchsetzt, werden sich vermutlich sehr viel mehr Leute sich an die Nutzung dieser künstlichen Systeme gewöhnen.