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Der Schuldkomplex – eine Spurensuche

Eine ganze Reihe sozialer Systeme bezieht ihre Legitimation aus dem, was ich den Schuldkomplex nennen möchte. Der Schuldkomplex unterstellt einer bestimmten Gruppe von Personen eine Art kollektiver Schuld an einer prekären Situation. Daraus wird die Verpflichtung dieser Gruppe abgeleitet, Abbitte im praktischen Sinne zu leisten, damit die prekäre Situation abgestellt wird. Problematisch wird es aber dann, wenn die Schuld dieses Kollektivs infrage gestellt wird. Die Behauptung, der Zweck heilige die Mittel, wird als zweite Legitimation herangezogen, wenn die erste Legitimation in Frage gestellt wird. Das bedeutet, auch wenn die Behauptung der Schuld sich als falsch erweist, so ist der Zweck, der damit verfolgt wurde, dennoch legitim. Das Ziel müsse trotzdem erreicht werden, schon deshalb, weil der Mensch stets verpflichtet sei, Gutes zu tun.
Dieser Schuldkomplexs keine Erfindung neuer etwa linker Bewegungen. Er lässt sich bis zur Bibel zurückverfolgen. Bekanntermaßen wurde der Mensch – Adamund Eva – aus dem Paradies geworfen, weil sie die Früchte vom Baum der Erkenntnis aßen und sich von der Schlange verführen ließen. Sie luden Schuld auf sich, weil sie gegen Gottes direkten Befehl verstießen. Die Christen sprechen hier von der Ursünde, mit dem wir alle, die Nachkommen von Adam und Eva, beladen wurden. Unter anderem sitzen viele der Christen sonntags in der Kirche, um für diese und viele andere Sünden um Vergebung zu bitten. Man bedenke, dass das ein wichtiger Teil des „Vater unser“, also des wichtigsten Gebets ist. Die Beichte gehört zu den wichtigsten christlichen Pflichten.
Rousseau ist in vieler Hinsicht der Urvater sozialer Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Ob es um Erziehung, um die Umweltbewegung oder umWissenschaftskritik geht, Rousseau hat schriftstellerisch brillant die geistigen Grundlagen dieser Bewegungen gelegt, auch wenn die meisten dieser Leute keine Ahnung davon haben. Für Rousseau war der Mensch von Natur aus gut und wurde durch die Zivilisation korrumpiert.
Auch Sigmund Freud hat einen unglücklichen Beitrag zum Schuldkomplex geleistet. Der Ödipus-Komplex und die Traumdeutung deuteten finstere Hintergedanken an. Unter einer Schicht aus Vernunft schien sich ein bösartiges Über-Ich zu verbergen, welches von Geschlechtsverkehr mit einem Elternteil und dem Umbringen des anderen Elternteils träumte. Psychische Erkrankungen der Kinder wurden auf eine falsche Erziehung durch die Eltern zurückgeführt und werden das teilweise noch heute. Damit hat Freud den Eltern mehr Kummer bereitet, als sie bei einem psychisch problematischen Kind ohnehin haben.
Buße können wir heute in vielfältiger Weise tun: Die Entwicklungshilfe suggeriert uns, die Entwicklungsprobleme seien im Wesentlichen auf die Kolonisation zurückzuführen und als Kompensation sollten wir ihnen als Ausgleich spenden, damit sie das boshafte Verhalten unserer Vorfahren korrigieren können. Die meisten Umweltorganisationen arbeiten mit dem Schuldkomplex, indem sie Phänomene wie den Klimawandel, die Abholzung der Regenwälder oder das Aussterben von Tierarten auf das Verhalten des westlichen Menschen zurückführen.
Ob das im Einzelnen richtig ist oder nicht, diese Frage muss jeweils einzeln geklärt werden. Fakt ist aber, dass dieser Schuldkomplex mehr Schaden anrichtet als Gutes tut. Vorausgesetzt, eine Aussage des Aussagenkomplexes erweist sich als falsch, dann bricht die gesamte Argumentation zusammen. Es ist die Monokausalität, die hier stört. Wenn auch nach fünfzig Jahren Entwicklungshilfe keine Verbesserungen zu erkennen sind, kann es dann nicht sein, dass die korrupten Machthaber in Afrika doch eine größere Rolle spielen? Wenn der Westen weniger Palmöl verbraucht, dafür aber Chinesen, Russen und Japaner damit anfingen, ist dann etwas Substantielles für den Erhalt des Regenwaldes getan worden?
Der Schuldkomplex hat im Wesentlichen zwei negative Folgen:
1. Der Mensch schämt sich seiner Existenz
2. Dem Menschen wird alles egal
Im ersten Fall hat der Mensch kein Interesse mehr daran, sich im positiven sinne für etwas zu engagieren. Im zweiten Fall wird er sich um die Aussagen der Kritiker nicht mehr kümmern und – da es nicht mehr darauf ankommt – wird sein Verhalten schlimmer als zuvor.
Es ist einer der größten Fehler sozialer Bewegungen, mit dem Schuldkomplex zu arbeiten. Der Mensch verliert die Orientierung. Es fehlt an positiven Utopien, an einem Bild, wie es sein könnte, wenn man sich an die Vorschläge der Weltverbesserer hält. Die Weltverbesserer beschränken sich darauf, den Menschen hilfs- und orientierungslos schwimmend in seiner Schuld zurückzulassen und ihrerseits nur an Symptomen herumzudoktern. Sie stellen sich nie die Frage, ob ihre Ausgangsanalyse richtig war und wenn ihre Analyse der Ursachen falsch war, dann haben sie am Ende niemandem geholfen, sondern selber Schaden angerichtet.