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Neue Begriffe braucht das Land

Wer in der Internet-Szene in sein will, sollte mit kryptischen Wortkombinationen und deren Abkürzungen um sich werfen. Es schadet nicht, ab und zu neue Wortungetüme zu basteln. Die müssen natürlich englisch sein, schließlich leben wir in Deutschland.
Hier habe ich eine kleine Hilfe gebastelt, das Wortkarussell. Nimm dir ein Wort der ersten Spalte, kombiniere es mit einem Wort der zweiten und dritten Spalte und schon haben wir einen neuen Begriff geschaffen.

Beängstigend genug, dass man aus vielen dieser Kunstbegriffe mit ein wenig Phantasie auch noch einen Sinn ziehen kann.

Social Media Analyse
Key Performance Indicators
Search Engine Marketing
Cloud Computing Optimization
User Centered Strategy
Latent Semantic Monitoring

Leichte Sprache ganz schwer – Behinderung und die Political Correctness

Ich verfolge mit echtem Befremden, wie sich Behinderte und Nicht-Behinderte über angebliche Verstöße gegen die Political Correctness (PI) beschweren. Manche Dinge mögen berechtigt sein. So sind Rollstuhlfahrer natürlich nicht „an den Rollstuhl gefesselt“, Gehörlose sind nicht unbedingt taubstumm und Autismus geht nicht unbedingt mit einer Inselbegabung einher. Wobei nicht alle mit
diesen Sprachregelungen einverstanden sind. Nun möchte ich Rollifahrern, Autisten oder Gehörlosen nicht sagen, was sie gut finden müssen und worüber sie sich beschweren möchten.
Ich habe aber selbst erlebt, was es bedeutet, wenn man nicht weiß, was aktuell politisch korrekt ist. Eine blödsinnige Erfindung – ich würde wetten, sie kam von einem Nicht-Behinderten – ist die Schöpfung „Menschen mit …“. Wir wissen, was Blinde, Gehörlose und Taub-Stumme sind. Weiß aber irgendjemand, was Menschen mit kognitiver, geistiger, mentaler oder Lernbehinderung sein sollen? Haben sie nun etwas oder fehlt ihnen etwas? Mein persönlicher Liebling ist „Menschen mit Benachteiligung“, endlich haben sie Benachteiligung.
Ein ganzer Blumenstrauß aus Begriffen hat sich um diese körperliche oder geistige Einschränkung gebildet. Wir sollen also Menschen mit Lernschwierigkeiten sagen. Heißt das also, dass diese Personen ansonsten keine Probleme haben?
Ich darf also nicht mehr „Behindertensport“ oder „Behindertentestament“ sagen, weil irgend jemand sich eventuell diskriminiert fühlen könnte? Manchmal frage ich mich, ob die Leute keine handfesten Probleme mehr haben.

Verständlichkeit ade

Was auch immer die Protagonisten dieser Begriffe Gutes tun wollen, meistens verschlechtern sie die Verständlichkeit. Wenn die Sonderschule jetzt Förderschule heißt, wissen die betroffenen Eltern, wonach sie suchen müssen? Wenn wir jetzt Behindertentestament durch Sozialtestament ersetzen, weiß niemand, was damit gemeint ist.
Die Sätze werden durch neue Substantive aufgebläht, was die Verständlichkeit wiederum verschlechtert. Wir sagen jetzt statt Familie mit einem behinderten Kind: Familie mit einem Kind mit Behinderung.
Ich habe kein Problem damit, mich als Behinderten zu bezeichnen. Meine Behinderung ist nicht mein Eigentum, sondern eine Eigenschaft, ein Substantiv dient lediglich dazu, Sachverhalte zu verschleiern, statt sie deutlich zu machen. Wenn irgendwer glaubt, behindert zu sein seine meine Kerneigenschaft, dann ist mir das schnuppe. Diese Art von Sprachdiskurs baut meiner Meinung nach mehr Barrieren auf als sie abbaut. Anstelle eines Nicht-Behinderten würde ich den Kontakt mit einem Behinderten vermeiden, weil ich stets Angst hätte, er könnte sich durch eine Bemerkung beleidigt fühlen.
Und um damit wieder an den Ausgangspunkt des Artikels zurück zu kehren: durch die teilweise sehr aggressiven Reaktionen auf sprachliche Fehltritte bringt man die Leute zum Nachdenken. Sie denken darüber nach, ob sie überhaupt noch Artikel über Behinderte schreiben sollen, wenn sie solche Reaktionen vermeiden wollen. In meinem Fall wollte ich einen Artikel über eine Webseite schreiben, die sich mit Asperger beschäftigt. Ich wollte aber nicht das Risiko eingehen, das irgendjemand sich über eine Formulierung beschwert. So habe ich nach reichlich hin und her auf den Artikel ganz verzichtet. Als Journalist hat man es schwer genug und geht daher Ärger dort aus dem Weg, wo man ihn vermeiden kann.
Diese Diskussion über PI hat uns kein Stück weiter gebracht. Sie verschleiert das wirkliche Problem: dass Behinderte immer nur als Opfer dargestellt werden. Aber niemand mag Opfer, man hat Mitleid mit ihnen. Ein ägyptisch-stämmiger Deutscher schrieb über den Islam, er pflege das Beleidigtsein. Das gilt leider für viele Minderheiten, auch für die Behinderten. Aber dieses andauerende Beleidigtsein und Beharren auf den Opferstatus hält uns in der aktuellen Situation gefangen. Ein Opfer handelt nicht und ich zumindest habe keine Lust, ein Opfer zu sein.

Amok – Sebastian Sick und die Qual der Sprachwächter

Das Wort „Amok“, so wird man regelmäßig belehrt, bedeutet spontaner Wutausbruch und dessen Folgen. Der „Amoklauf“ darf somit nicht geplant sein. Demnach darf ich das Wort „Amok“ auf bestimmte aktuelle Ereignisse in Baden-Würtenberg und Alabama nicht anwenden.

Man fühlt sich unweigerlich an den Obersprachlehrer der Nation Sebastian Sick erinnert, der sich der Rettung des Genitivs verschrieben hat. Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg stellt dazu fest:

Na ja, das ist schon ein interessanter Fall, ob wir sagen „ein Schade“ oder „ein Schaden“, „der Friede“ oder „der Frieden“. Aber darüber wollen wir uns jetzt nicht unterhalten. Das würde ein bisschen zu lange dauern. Der Schaden könnte dadurch entstehen, dass Herr Sick den Leuten einfach sagt, wie es richtig ist und wie es falsch ist. Das was er ihnen sagt, das stimmt in vielen Fällen nicht mit ihrem Sprachgefühl und auch nicht mit dem Zustand des gegenwärtigen Deutschen überein, sondern das sind Meinungen, die irgendwo herkommen. Niemand weiß genau, woher sie kommen, Herr Sick schon gar nicht. Die werden so unter die Leute gebracht nach dem Motto: Das ist richtig, das ist falsch – richte dich danach, etwas anderes gibt es nicht. So funktioniert eine natürliche Sprache wie das Deutsche nicht. (in einem Interview mit dem DeutschlandRadio)

Das Wort Amoklauf sagt also aus, was damit gemeint ist und nicht das, was der Duden damit vor zwanzig Jahren gemeint hat. Killerspiele sind Spiele, in denen mit abenteuerlichen Waffen auf menschlichenähnliche Wesen geschossen wird, was immer auch deren Spieler dazu sagen müssen.

Das heißt im übrigen nicht, dass die Leute damit immer recht haben. Immerhin wissen die meisten Leute tatsächlich nicht, worum es in Counter Strike und ähnlichen Spielen geht.

Wer den letzten deutschen Amoklauf medial begleitet hat, mag sich wie in einem Deja Vu fühlen. Die üblichen Verdächtigen diskutieren die üblichen Themen. Es scheint seit Columbine keinen Erkenntnisgewinn gegeben zu haben. Kein Wunder, denn hier wird versucht, das Unerklärbare zu erklären. Die Medien und die Experten mögen sich nicht an Wittgenstein halten, worüber man nicht reden kann, sollte man schweigen.

Rettet die deutsche Sprache – lernt Fremdsprachen!

Die selbsterklärten Sprachpfleger beklagen allenthalben den Verfall der deutschen Sprache. Unter starker Kritik stehen die Marketingleute, die für den pseudo-englisch-deutschen Mischmasch verantwortlich gemacht werden. In Frankreich gibt es – etwas kurios anmutenden – Versuch, englische Begriffe wie Internet oder Computer einzufranzösischen. Davon wurden wir bisher verschont.

Sicherlich ist so manches ziemlicher Unsinn, was die Marketingleute so hervorzaubern. Schlimmer ist aber das Bürokratendeutsch und der Fachjargon, die sich in den normalen Sprache breit machen. „In Kenntnis setzen“ ist Bürokratendeutsch für sagen.

Wer sich die Sprachpfleger anguckt oder anliest, stellt auch fest, daß kein normaler Mensch so spricht wie diese Intellektuellen es tun. Sie treffen es auch selten. es ergibt kaum Sinn, Worte eins zu eins aus dem Englischen zu übersetzen. Mit dem englischen Wort „Community“ ist ein wenig mehr gemeint als „Gemeinschaft“, der „Computer“ ist etwas mehr als eine Rechenmaschine und fast schon ein deutscher Begriff. Das englische Wort „manipulation“ bedeutet übrigens etwas anderes als das deutsche Manipulation. Manipulation meint im Englischen lediglich Veränderung im positiven wie im negativen Sinne, während die Manipulation im Deutschen immer negativ konotiert ist, im Sinne von Fälschung.

Das Problem heute ist die mangelnde Bereitschaft, Fremdsprachen gut zu lernen. Je größer ein Land, desto weniger Fremdsprachen werden gesprochen. Das schränkt aber drastisch die Möglichkeiten ein, die Strukturen der eigenen Sprache kennen zu lernen. Die hyperkomplexen Regeln der deutschen Orthographie, Syntax und Grammatik kennt kaum ein Deutscher.

Wer aber ein Gefühl für die eigene Sprache entwickeln will, muss deshalb Fremdsprachen lernen.

Erstaunlich im übrigen, dass einige der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller Ausländer sind: Da wären etwa Feridun Zaimoglu oder Ilja Trojanow zu nennen. Die besten Bücher sind in Deutschland Übersetzungen, die überwiegend sehr gut gemacht sind. Die Übersetzer, die hinter dem Originalautoren zurückbleiben, sind dadurch die wichtigsten Sprachpfleger.

Iconic Turn

Die ikonische Wende in der Philosophie ist der Versuch, eine Theorie des Bildes zu entwickeln. Zuvor gab es den Linguistic Turn. Die Sprachliche Wende war notwendig, um die Probleme der Definition von Begriffen zu beherrschen.
Man kann das an enem einfachen Beispiel erklären: Nehmen wir an, wir haben einen Computer. Dieser Computer wird nach und nach umgerüstet, Einzelteile werden entnommen und neue hinzugefügt. Am Ende wird das ganze in ein neues Gehäuse eingebaut und von dem ursprünlichen computer bleibt keine Komponente mehr. Entspricht dieser Computer jetzt dem alten Comuter, ist es ein vollkommen neuer Computer. Und wenn er neu ist, wann genau hat er den Zustand erreicht, dass er nicht mehr der alte computer ist?
Der im philosophischen Denken Geschulte erkennt sofort, dass wir ein Definitionsproblem vorliegen haben. Was ist alt, was ist neu und welches Kriterium ist ausschlaggebend?
Die meisten Diskussionen laufen nicht nach strengen Regeln ab, so dass die Redner aneinander vorbei reden, weil ihre Begrifflihckeiten schlicht ungenau sind.
Der Iconic Turn muss etwas ähnliches für die Bilderwelt darstellen. Mittlerweile muss auch darüber diskutiert werden, wie lange ein bild „wahr“ ist, wie viel Manipulation zulässig ist und wie viel Interpretationsqualität neue Verfahren wie die Magnetresonanztomographie zulassen, die unter anderem dazu eingesetzt werden, das Denken, Fühlen und Handeln direkt im Hirn zu betrachten.
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